Leseprobe Bad Millionaire

Kapitel 1

Everglades City, Florida, 2 Monate später

Laney

»Verfluchter Mist!«, zische ich und stemme mich mit beiden Armen fest gegen die Rohrzange.

Doch das blöde Ding bewegt sich keinen Millimeter und der Wasserhahn tropft ungeniert weiter. Natürlich. Um ihn reparieren zu können, muss ich ja auch erst mal diese blöde Düse lösen. Aber dafür bräuchte man, wie es aussieht, einen Bodybuilder mit Superkräften oder zumindest eines von beidem. Da leider weder ein Bodybuilder in Sicht ist noch das Schicksal Lust zu haben scheint, mir Superkräfte zu schenken, gebe ich schließlich auf und lasse die Rohrzange schnaufend sinken. Feindselig starre ich dabei den Wasserhahn an, aber vor Angst aufgeben will er leider auch nicht. Er tropft und tropft und tropft.

»Süße, ich sag es dir nicht gerne, aber das wird heute nichts mehr.«

Ich blicke auf, wische mir den Schweiß von der Stirn und sehe mich nach Hannah um, die an der Wand neben der Toilette lehnt und mir amüsiert zusieht. Hannah ist meine große Schwester und beste Freundin in einem. Sie ist nur ein Jahr älter und hat genau wie ich Moms große Augen geerbt, dazu aber Dads schmale Lippen. Einer ihrer Ex-Freunde hat mal zu ihr gesagt, sie würde aussehen wie ein kleiner Gecko. Das war von ihm als Kompliment gemeint. Verlassen hat sie ihn trotzdem.

»Tu dir doch den Gefallen und ruf einen Klempner an«, fährt Han fort, wobei sie sich eine blonde Strähne hinter die Ohren streicht.

»Das schaffe ich nicht mehr, ich wollte schon lange losgefahren sein«, erwidere ich, auch wenn das nur die halbe Wahrheit ist. Denn im Endeffekt habe ich auch einfach kein Geld für einen Klempner.

»Ist doch kein Problem«, widerspricht Hannah. »Dad gibt mir sicher heute Nachmittag frei, dann warte ich einfach hier.«

»Ach was. Die paar Tropfen. Ich lasse das einfach reparieren, sobald ich wiederkomme.« Ich ignoriere den verständnislosen Blick meiner Schwester und schleudere die Zange zurück in den Werkzeugkoffer. Dann schiebe ich ihn mit dem Fuß unters Waschbecken und verlasse das winzige Badezimmer, in dem noch nicht mal eine Dusche Platz hat. Eine richtige Dusche gibt es nirgends in der Wohnung, nur eine Badewanne, die sich allerdings in der Küche befindet. Keine Ahnung, was der Architekt für ein Scherzkeks war, aber der ungewöhnliche Standort der Wanne ist der einzige Grund, aus dem ich mir die Wohnung leisten kann. Und ich kann gleichzeitig baden und mir das Abendessen zubereiten, was ja wohl ein unschlagbarer Vorteil ist.

Ein Schlafzimmer gibt es in meinem Apartment auch nicht. Aber auf der linken Seite des Wohnzimmers befindet sich ein Wandschrank, in dem sich ein Klappbett versteckt. Ungefähr einmal die Woche dreht es plötzlich durch und klappt sich von alleine aus, als sei es ein übermütiges Kind, das aus dem Schrank gesprungen kommt, um mich zu erschrecken. Einmal ging ich genau in diesem Moment vorbei und bekam es mit voller Wucht gegen die Schulter. Meine Mom meinte daraufhin, ich solle den Vermieter auf Schadenersatz verklagen. Das sei meine Chance, endlich mal etwas Geld aus eigener Kraft zu verdienen. Meine Mutter ist Engländerin und hat einen ganz eigenen Humor. Leider.

»Süße.« Hannah folgt mir aus dem Bad und sieht mir zu, während ich das Telefon ausstöpsle und kontrolliere, ob der Herd aus ist. »Vielleicht ist dein tropfender Wasserhahn ja auch ein Zeichen. Möglicherweise solltest du dir noch mal überlegen, ob du wirklich fahren willst – oder ob du nicht besser erst mal hier alles in Ordnung bringst.«

Alles in Ordnung bringen. Das ist die diplomatische Ausdrucksweise für alles wegwerfen, was ich mir bisher erarbeitet habe. Ich weiß, dass Hannah es nur gut meint. Trotzdem bringen mich ihre Worte erst recht dazu, diese Reise antreten zu wollen.

»Ich weiß, was ihr alle denkt. Aber ich muss jetzt einfach mal raus. Den Kopf freikriegen. Und dann werde ich eine Entscheidung treffen.« Ich mache die Badezimmertür zu und schnappe mir meine Reisetasche, bei der es sich genau genommen um den ausgefransten Navy-Seesack meines Großvaters handelt. Ich habe ein Faible für alte Dinge und Kleider im Vintage-Style. Für alte Männer jedoch nicht, weswegen ich an der Wohnungstür innehalte, das Ohr an das Holz lege und genau lausche. Keine Schritte. Kein Schniefen. Kein unangenehmes Räuspern. Ein Glück.

»Okay, die Luft ist rein. Wir können.«

Hannah runzelt die Stirn. »Stellt dir dieser Opa etwa immer noch nach?«

Ich nicke und verziehe das Gesicht. »So ungefähr jedes zweite Mal, wenn ich die Wohnung verlasse, steht er irgendwo im Hausflur rum und macht mir ein nett gemeintes Kompliment.« Nur dass seine nett gemeinten Komplimente stets wie eine Mischung aus Shakespeare-Zitat und Pornoheft klingen. Und da beschwert sich Hannah, dass sie „kleiner Gecko“ genannt wurde.

Hannah macht ein angewidertes Geräusch. »Ein Grund mehr, dir einen vernünftigen Job zu suchen und dieses Wohnklo ein für alle Mal hinter dir zu lassen.«

Wohnklo. Diesen netten Spitznamen für mein Zuhause habe ich Mom zu verdanken. Ich sage nichts dazu, sondern werfe wortlos einen letzten Blick in den gesplitterten Tiffany-Spiegel an der Wand. Ich ordne den Pony meines pechschwarzen Bob-Haarschnitts, dann öffne ich die Tür und lasse Hannah raus, ehe ich alle drei Schlösser hinter uns verriegle.

»Dir ist schon klar, dass in dieser Gegend vermutlich trotzdem eingebrochen wird?«, kommentiert meine Schwester, während sie den Blazer ihres schicken Kostüms mit den Händen glättet.

»Egal, bei mir ist eh nichts zu holen.« Alles Wertvolle, das ich besitze, befindet sich in meinem Laden. Sollen sich die Einbrecher mit meinem tropfenden Wasserhahn und dem mordlüsternen Klappbett herumschlagen.

Hannah seufzt. »Wie du meinst.« Sie wendet sich ab und nimmt die Treppen in Angriff.

Ich folge ihr und wir haben gerade die ersten zwei Absätze hinter uns gelassen, als uns doch noch der greise Stalker von gegenüber entgegenkommt.

Während Hannah ihn einfach ignoriert, sage ich schnell »Guten Morgen, Mister Whitcomb« und will mich an ihm vorbeiquetschen. Aber er stellt sich mir in den Weg und wenn ich ihn nicht umrennen will, womit ich ihn vermutlich ins Grab befördern würde, muss ich notgedrungen stehen bleiben.

»Guten Morgen? Mit Verlaub, es ist längst Mittag. Was hat Sie denn so lange im Bett gehalten, Miss? Oder sollte ich besser fragen: Wer?«

»Das war ich«, sagt meine Schwester trocken und ich werfe ihr einen vernichtenden Blick zu. Muss sie die schmutzigen Fantasien dieses alten Widerlings noch anheizen?

Hannahs Mundwinkel zucken und ich zeige ihr versteckt einen Mittelfinger, ehe ich mich wieder meinem unangenehmen Nachbarn zuwende.

Von oben bis unten mustert er mich. Erst meine Original-Vintage-Bluse mit dem Spitzenkragen, dann den schwarzen Tellerrock, meine Beine und schließlich, leicht missbilligend, meine Chucks.

Ich zwinge mich, cool zu bleiben und zucke gleichmütig mit den Schultern. »Nein, das stimmt schon. Eine ganz hartnäckige Sommergrippe ist schuld. Kennen Sie diesen dickflüssigen grünen Schleim, der bei den Kids Choice Awards immer über den Promis ausgeschüttet wird?« Ich bemühe mich, meine Stimme verschnupft klingen zu lassen, dann ziehe ich geräuschvoll die Nase hoch und huste so qualvoll ich kann.

Whitcomb weicht zurück, als hätte ich gerade mit einem Messer nach ihm gestochen. »Oh je, dann kurieren Sie sich mal …«

»Ja, danke, Mister Whitcomb«, unterbreche ich ihn und schiebe mich ganz dicht an ihm vorbei.

Rache muss sein.

Während Hannah das Lachen kaum unterdrücken kann, huste ich noch mal schön gequält, dann erreichen wir die Haustür und treten raus in die heiße, feuchte Luft von Everglades City. Es fühlt sich an, als würde man in Badewannenwasser tauchen. Obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin, werde ich mich an die extreme Luftfeuchtigkeit, an der die nahen Sumpfgebiete schuld sind, wohl nie gewöhnen.

»Puh«, sagt Hannah und bindet ihr langes Haar zu einem Zopf. »Willst du meinen Wagen nehmen?«, fragt sie dann. »Du hast immerhin anderthalb Stunden Fahrt vor dir. Ohne Klimaanlage wird das die Hölle.«

»Ach, weißt du, mein Auto hat diese praktischen …« Ich runzle die Stirn und lege mir den Finger an die Lippen, als würde ich nicht auf das Wort kommen.

Meine Schwester sieht mich fragend an.

»Ach ja, ich hab's.« Ich deute auf sie. »Mein Wagen hat diese praktischen Dinger namens Fenster. Ich werd's also überleben.«

Hannah lacht, dann mustert sie mich tadelnd und schüttelt den Kopf. »Du bist unverbesserlich.«

»Und du verwöhnt.«

»Ja, ja.« Sie breitet die Arme aus und drückt mich an sich. »Pass auf dich auf, Schwesterchen.«

Ich erwidere ihre Umarmung und muss schmunzeln, weil sie tut, als hätte ich eine Dschungelexpedition vor mir. »Grüß Mom und Dad.«

»Sicher. Und du denk bitte über Dads Angebot nach.«

Ich verspreche es ihr, lasse sie los und sehe zu, wie sie in ihren glänzend schwarzen Mercedes steigt. Erst als sie weg ist, wende ich mich meinem eigenen Wagen zu.

Ich bin gespannt, wie es in Miami ist. Ich war ewig nicht dort – zuletzt vor sieben oder acht Jahren, wenn ich mich nicht vertue. Aber ich freue mich auf die kleine Auszeit, für die ich von Amanda zu allem auch noch bezahlt werde. Haus hüten für reiche Tanten, das sollte ich mir für den Fall, dass ich mit meinem Geschäft ein für alle Mal scheitere, dringend merken.

Schade allerdings, dass ich nur eine einzige reiche Tante habe. Mein Vater ist Architekt, meine Eltern sind demnach auch ziemlich wohlhabend. Aber sie verreisen nie, weil Dad ein echter Workaholic ist. Auch ich habe die letzten Jahre kaum etwas getan als zu arbeiten, nur dass es mir dabei nie um die große Karriere ging, sondern um etwas, das mir wirklich am Herzen lag. Wahrscheinlich fühlt sich mein Herz deshalb auch so gebrochen an und vermutlich liegt es auch daran, dass es mir so schwerfällt, Dads Angebot ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Als wir uns zu seinem Geburtstag alle im Haus meiner Eltern zum Essen getroffen haben, hat er mir mal wieder einen Arbeitsvertrag für sein Architektenbüro vorgelegt. Vermutlich denselben, den Hannah schon vor vier Jahren unterschrieben hat und der dafür gesorgt hat, dass sie heute einen Mercedes fährt und sich ein eigenes Haus am Stadtrand mit Blick aufs Wasser kaufen konnte. Ich weiß, dass es absolut vernünftig von mir gewesen wäre, diesen Vertrag zu unterschreiben. Aber das, was der Verstand für richtig hält, ist nun mal meistens nicht das, was das Herz will – und ich mache leider immer wieder den Fehler, auf mein Herz zu hören.

Vielleicht werde ich diese Angewohnheit ja in Miami los.

Ich schließe meinen alten Fiat auf, werfe den Seesack in den Kofferraum, schließe die Klappe und steige ein. Das Navi muss ich nicht anmachen, den Weg zu finden ist einfach: die nächsten vier Meilen durch die Sümpfe, dann auf den Highway und wenn ich erst da bin, werde ich Tante Amandas Haus schon finden.

Ich starte den Motor, mache das Fenster auf, drehe das Radio lauter und fahre los.

Dashiel

Es ist einer dieser Abende. Zu Hause kann ich nicht bleiben, weil mir Tyron schon die halbe Woche mit irgendwelchen Abrechnungen auf den Sack geht. Tyron ist mein Bruder, scheint sich aber für meinen Vater zu halten. Zumindest führt er sich die meiste Zeit über so auf, und an Tagen wie heute kann ich das gar nicht gebrauchen.

In einen Club oder auf eine Party bringen mich heute keine zehn Pferde. Was ich an solchen Abenden brauche, hat mit lauter Musik, teurem Alkohol und leicht zu habenden Mädchen nichts zu tun. Nächte wie diese gehören nur mir. Und, falls ich's versaue, der Polizei.

Aber dass ich es versaue, ist ziemlich unwahrscheinlich. Ist mir bisher noch nie passiert. Der eine Grund dafür ist, dass ich einfach Glück habe. Das geht schon mein ganzes Leben so. Dinge, für die andere sich verdammt anstrengen müssen, fallen mir einfach zu. Während meine Brüder sich den Hintern abarbeiten, regnet das Geld auf mich nur so herunter.

Der andere Grund ist, dass ich zum Glück nicht blöd bin. Wo sich andere erwischen lassen, lasse ich mich einfach nicht erwischen.

Darum habe ich meinen Audi R8 zwei Blocks entfernt abgestellt und trage pechschwarze Kleidung. Und ich habe letztes Jahr in Baton Rouge bei einem ehemaligen Einbrecher gelernt, wie man Schlösser knackt.

Der einzige heikle Moment, bei dem mir auch alles Können und alle Vorsicht nicht weiterhilft, ist der, in dem ich über die Hecke, die Mauer oder den Zaun klettern muss.

Die Häuser, die ich mir aussuche, sind unglücklicherweise immer von einer dieser drei Barrieren umgeben. Diesmal ist es eine Hecke, circa zwei Meter hoch und einen halben Meter breit, akkurat geschnitten und mit Dornen versehen, was extrem lästig ist. Aber zum Glück grenzt das Grundstück direkt an einen kleinen Wald an, in dem es neben Palmen auch vernünftige Laubbäume gibt, und so klettere ich an einem davon hoch bis auf etwa drei Meter.

Dann werfe ich einen Blick über die Hecke. Das Haus dahinter ist im Südstaatenstil gehalten, aber nicht komplett. Anstelle einer Veranda mit hölzernen Stufen und Schaukel hat es auf der Rückseite eine marmorne, leicht erhöhte Terrasse, auf der ein paar Liegestühle stehen. Diese wiederum sind dem Pool zugewandt.

Der Pool. Ich freue mich ziemlich, dass es einen gibt. Ob ich es wagen kann, ein paar Runden zu schwimmen? Angesichts der Tatsache, dass die Villen in diesem Viertel ziemlich dicht beieinanderstehen, wäre das schon riskant. Aber andererseits: Was soll's?

Ich werfe einen Blick auf die Nachbarhäuser. In beiden brennt noch Licht, was klar ist, denn wir haben es gerade kurz nach zehn. Aber ich gehe einfach mal davon aus, dass die Bewohner andere Dinge zu tun haben, als am Fenster zu stehen und auf das Grundstück ihrer verreisten Nachbarin zu starren. Also schön. Dann wäre jetzt der Moment, Dash.

Ich versichere mich, dass mein Rucksack richtig sitzt, stoße mich mit einer beherzten Bewegung vom Baum ab, überspringe die Hecke und rolle mich auf dem dahinterliegenden Rasen ab.

Wer sagt's denn? Das war einfach.

Geduckt laufe ich los, am Pool vorbei und dann auf die Terrasse, wo ich in die Knie gehe und eilig meinen Rucksack öffne. Erst mal muss ich rein. Wie auffällig oder unauffällig ich mich den Rest des Abends verhalte, kann ich mir dann immer noch überlegen.

Ich hole mein Werkzeug raus, mache mich daran, die Tricks von Harry Housebreaker – ja, so hat sich der Typ tatsächlich genannt – in die Tat umzusetzen und höre kaum zwanzig Sekunden später das vertraute Knacken im Mechanismus, als das Schloss der Terrassentür nachgibt.

Langsam richte ich mich auf und verstaue den Türdraht sowie das restliche Werkzeug in meiner Tasche. Dann schiebe ich die Tür auf und atme ein letztes Mal durch, denn jetzt kommt der zweitbeste Moment:

Ich betrete ihr Haus. Keine Ahnung, wer sie ist. Ich weiß nur, dass sie Amanda Stone heißt, dass sie allein lebt und dass sie gestern mit einer Menge Koffer weggefahren ist. Sie zu entdecken war ein Glücksfall auf einer meiner Erkundungstouren. Normalerweise dauert es ewig, bis ich zweifelsfrei weiß, dass ein Hausbesitzer verreist ist. Man erkennt es an übervollen Briefkästen, an Spinnweben in den Einfahrtstoren, an Paketboten, die klingeln und unverrichteter Dinge wieder gehen. Man muss sich Zeit nehmen und genau beobachten, jedes Objekt über mehrere Tage, bis man sich wirklich sicher sein kann. Und dann sind da meistens noch Hindernisse wie Alarmanlagen.

Aber die gute Amanda hat keine, wie viele alleinlebende Frauen. Weiß der Teufel, warum nicht. Soll mir auch egal sein. Denn Amanda als Mensch interessiert mich nicht mal ansatzweise. Mich interessiert nur ihr Haus.

Ich trete über die Schwelle, mache die Terrassentür hinter mir zu und stehe in einem Wohnzimmer, das zwar groß, aber nicht so riesig ist, dass es ungemütlich wäre. Der Boden ist hell, die Wände sind mit einer kitschigen Tapete versehen, es gibt eine bequem aussehende Sofaecke und einen großen Kamin. Kein Fernseher, was ein bisschen stört, aber vielleicht hat sie den woanders im Haus. Schon will ich meine Erkundungstour starten, als mir der dicke weiße Teppich mitten im Zimmer auffällt. Ich zögere, aber dann streife ich meine schwarzen Boots ab. Fußabdrücke zu hinterlassen wäre auf einer Intelligenzskala von Albert Einstein bis Paris Hilton schon ziemlich nah an, na ja, Kim Kardashian.

Also lasse ich meine Schuhe an der Tür stehen und durchquere in aller Ruhe den großen Raum. Auf dem Kaminsims stehen ein paar Familienfotos, die ich mir nicht näher ansehe. Stattdessen gehe ich weiter in die Diele und von dort in die Küche, wo ich mir erst mal ein Bier aus dem Kühlschrank holen will – aber die gute Amanda hat keins. Was mir auffällt, ist, dass der Kühlschrank für eine Frau, die verreist ist, ziemlich gut gefüllt ist. In den unteren Fächern stapelt sich Gemüse, es gibt Milch und Eier, und im Seitenfach ein paar Flaschen Champagner. Nichts für mich, aber als ich den Gefrierschrank öffne, der sich gleich darunter befindet, stoße ich auf tiefgefrorene Pizza und wenn mich nicht alles täuscht, habe ich im Wohnzimmer auf einem Servierwagen einen ziemlich guten Whiskey gesehen.

Pizza und Whiskey. Na bitte. Das klingt doch nach einem entspannten Abend. Wenn ich jetzt noch den Fernseher finde, bin ich für heute restlos zufrieden.

Laney

Ich stelle den Motor ab, werfe einen Blick auf die Uhr und lege dann stöhnend meinen Kopf aufs Lenkrad, während sich das Tor hinter mir langsam schließt.

Halb eins!

Halb eins!

Ich dumme Kuh habe es tatsächlich geschafft, für eine Strecke von 2 Stunden beinahe 10 zu brauchen!

Gut, für die erste längere Verzögerung konnte ich nichts: Ein Alligator hatte sich aus der Wildnis der Everglades auf die Straße verirrt, fand den Weg zurück aber nicht. Darum musste er eingefangen und zurück in seinen natürlichen Lebensraum befördert werden, was einen Riesenstau an der Auffahrt zum Highway verursacht hat.

Trotzdem war ich allerdings schon am späten Nachmittag in Miami, wo ich etwas Entscheidendes feststellte: Ich hatte keine Ahnung mehr, wo genau Tante Amandas Haus liegt. Kein Wunder, was hab ich mir auch gedacht? Als ich das letzte Mal herkam, war ich 19!

Ich beschloss also, doch noch das Navi einzustellen, aber ein Griff ins Handschuhfach verriet mir, dass es nicht dort war. Ach ja, richtig – das Navi habe ich ja vorletzten Monat für 10 Dollar bei eBay verkauft.

Zusammen mit meinem Gedächtnis offenbar.

Also musste ich mich durchfragen. Doch in den Reichenvierteln war kaum jemand auf der Straße und in den normalen Vierteln kennt sich niemand mit den Adressen in den Reichengegenden aus, und …

Wie auch immer. Ich habe eine Menge Zeit verschwendet, der Tank ist leer, ich verhungere und Tante Amanda sitzt auf Barbados vermutlich schon auf glühenden Kohlen, weil sie darauf wartet, dass ich ihr eine Nachricht schreibe und ihr mitteile, dass ihr Haus von jetzt an wieder bewohnt und somit sicher ist. Hannah hingegen lacht mich schon den ganzen Nachmittag über per WhatsApp aus und es wird höchste Zeit, dass ich sie zum Schweigen bringe, indem ich ihr schreibe, dass ich endlich da bin.

Also sollte ich jetzt schnellstens aussteigen.

Ich nehme den Kopf vom Lenkrad, wuschle mit den Fingern durch meinen verschwitzten Pony, dann steige ich aus, befreie meinen Seesack aus dem Kofferraum und eile zum Haus. Es ist groß für eine alleinstehende Frau und ich halte kurz inne. Nirgends brennt Licht, alle Fenster sind schwarz, und ich genieße eine Sekunde lang einfach nur den Anblick. All das gehört für die nächsten zwei Wochen nur mir allein. Ein Haus, in das meine Wohnung ungefähr 54-mal hineinpassen würde. Ein Haus mit einer Dusche, einer Badewanne und einem Pool, und nichts davon befindet sich in der Küche. Das ist der Wahnsinn.

»Danke, Tante Amanda«, seufze ich, zerre den Schlüssel aus der Seitentasche des Seesacks und schließe auf.

Dann trete ich ein, mache die Tür hinter mir zu, lasse meinen übergroßen Seesack fallen und atme tief den Zedernduft ein, den Amanda schon früher, bei meinem letzten Besuch, hier überall verteilt hatte. Es riecht sauber, nach einem geordneten Leben, und genau das brauche ich jetzt. Denn über eine Sache muss ich mir im Klaren sein: Wenn ich ehrlich bin, dann ist das hier nichts anderes als eine Flucht. Eine Flucht vor meiner größten persönlichen Niederlage und vor einer Entscheidung, die ich einfach nicht treffen will.

Aber jetzt im Moment kann mir das alles egal sein.

Ich mache das Licht an, eile als Erstes in die Küche – und halte inne, dann atme ich tief ein.

Okay, hier riecht es nicht nach Zedern, sondern nach Pizza. Eigenartiges Raumparfum.

Langsam mache ich ein paar Schritte und begutachte den Ofen. Ich mache ihn sogar auf, aber Amanda hat nichts Essbares darin vergessen. Wäre auch seltsam, denn Tiefkühlpizza ist sicher nicht ihr Ding. Doch den Geruch nehme ich klar und deutlich wahr. Hm, vielleicht hat sie sich kurz vor ihrer Abreise doch was vom Lieferservice gegönnt und danach einfach nicht mehr gelüftet. Irgendwie so muss es sein.

Ich schiebe das Küchenfenster ein Stück hoch und entdecke einen kleinen Zettel auf der Anrichte, auf dem Amanda ihre Handynummer und die von ihrem Hotel notiert hat, dazu die von der örtlichen Polizei und die vom Notruf. Schmunzelnd nehme ich mir eine Coke aus dem Kühlschrank und stelle fest, dass sie für mich eingekauft zu haben scheint – und zwar eine ganze Menge Gemüse. Das ist lieb von ihr, aber ich kann ungefähr so gut kochen, wie ein Tyrannosaurus Rex in die Hände klatschen kann. Doch ich habe ja Zeit.

Morgen werde ich mir vielleicht mal ein paar Rezepte raussuchen. Fürs Erste nehme ich mir eine Möhre aus dem Kühlschrank, beiße hinein, spüle mit einem großen Schluck Cola nach und dann setze ich meinen Rundgang fort. Ich gehe zurück in die Diele und dann nach oben, denn nach der langen Fahrt muss ich ziemlich dringend pinkeln.

Am oberen Treppenabsatz halte ich inne. Von der kleinen Galerie, die sich hier befindet, gehen insgesamt drei Türen ab. Links ist das Gästezimmer, aber wo ist noch mal das Bad? Ich glaube, es war die mittlere Tür. Über Amandas dicken Kamelhaarteppich eile ich darauf zu, stoße sie auf …

Und dann pralle ich zurück, knalle mit dem Rücken gegen das Geländer und kann mich gerade noch abfangen, um nicht hintenüber zu fallen und runter ins Erdgeschoss zu stürzen.

Ungläubig starre ich in den Raum vor mir.

Erstens: Ich habe nicht das Bad, sondern das Schlafzimmer erwischt.

Zweitens: Der Fernseher läuft. Ohne Ton, aber er läuft.

Drittens: Es laufen die Sexy Sports Clips, was bedeutet, dass auf keinen Fall Tante Amanda den Fernseher versehentlich angelassen hat, denn sie sieht sich mit Sicherheit weder Sportsender noch Softpornos an.

Und viertens: Die Person, die da im Bett liegt und schläft, ist mit tausendprozentiger Sicherheit auch nicht Tante Amanda, die einfach vergessen hat, dass sie verreisen wollte. Es ist ein Kerl.

Oh Gott. Durchatmen, Laney. Aber das ist leichter gesagt als getan, denn in meinem Kopf wirbeln sämtliche Gedanken nur so durcheinander. Eine Waffe. Ich brauche eine Waffe, denn es ist ein Einbrecher im Haus. Aber andererseits würde sich ein Einbrecher doch nicht ins Bett legen und seelenruhig schlafen!

Vielleicht Tante Amandas Liebhaber? Nein, wenn sie einen hätte und der in ihrer Abwesenheit auf das Haus aufpassen würde, hätte sie mich ja nicht darum gebeten.

Ein Sohn, von dem ich nichts weiß? Irgendein anderer Verwandter? Falls es so ist, kann ich ihn doch nicht mit der nächstbesten Vase niederknüppeln! Aber wenn ich jetzt zu gutmütig bin, entpuppt er sich doch eh als Irrer, der es sich nur schon mal bequem gemacht hat, um auf mich zu warten, mich in Amandas Bett zu zerren und … nun ja. Er wird sich nicht die Sexy Sports Clips mit mir anschauen wollen.

Also gut. Das heißt, ich muss handeln, solange er noch schläft.

Schnell sehe ich mich um, aber hier oben im Flur gibt es keine Möbel, nur Bilder an den Wänden, und ich kann den Kerl schlecht mit einem Monet-Kunstdruck außer Gefecht setzen. Zurück ins Erdgeschoss? Und wenn er hört, wie die Treppenstufen unter meinen Füßen knatschen? Wie kommt es eigentlich, dass er nicht wach geworden ist, als ich die Tür aufgemacht habe?

Im nächsten Moment entdecke ich den Grund selbst: Auf dem Nachttisch neben dem Bett steht eine halb leere Whiskeyflasche samt Glas! Ach du meine Güte, der Kerl muss also sturzbetrunken sein. Das ist gut. Dann ist er für mich leichter zu überwältigen. Und diese Flasche ist das perfekte Werkzeug!

Jetzt brauche ich nur noch ein wenig Mut.

Ich halte die Luft an und mache dann vorsichtig einen Schritt nach vorn. Der dicke Teppich dämpft sämtliche Geräusche, und da das Schlafzimmer ebenfalls mit Teppich ausgelegt ist, wage ich mich über die Schwelle.

Im bläulichen Licht des Fernsehers, der an der Wand gegenüber dem Bett hängt, kann ich den schlafenden Kerl jetzt genauer ausmachen. Er hat verstrubbeltes dunkles Haar und ist vielleicht etwas älter als ich. Er trägt einen leichten Dreitagebart und ich mag den Schwung seiner Brauen, die seinem Gesicht irgendwie etwas Störrisches …

Öhm, was?

Irgendein Teil meines Gehirns hat offenbar gerade beschlossen, den Typen in Amandas Bett nicht als Gefahr, sondern als Date-Kandidaten zu betrachten, und ich dränge diesen Teil augenblicklich wieder zurück. Solche Gedanken haben hier ja wohl gar nichts zu suchen!

Trotzdem nehme ich mir eine Sekunde, um ihn mir genauer anzusehen. Ich muss ja einschätzen können, wie gefährlich er ist und so.

Bis zur Hüfte ist er mit einem dünnen Laken zugedeckt, und darüber ist er vollkommen nackt. Sein Oberkörper ist muskulös. Seine Brust ist perfekt definiert und seine Oberarme sehen aus, als könnte er mich mühelos zu sich ins Bett zerren, wenn er wollte, und mich dort festhalten, solange es ihm passt. Und das erinnert mich wieder an meinen eigentlichen Plan: mir die Flasche schnappen und ihn außer Gefecht setzen. Also greife ich danach, aber gleichzeitig komme ich nicht umhin, zumindest einen kurzen Blick auf seine Tattoos zu werfen.

Seine linke Brust, die Schulter und der Oberarm sind praktisch voll davon. Ich erkenne mehrere ineinander verschlungene Motive: ein Pin-up-Girl, das eine Art Horrormaske trägt, einen stilisierten Raubvogel und etwas, das stark nach einer Patronenhülse aussieht. Auf der rechten Seite geht es weiter mit – ehe ich dazu komme, auch die Tätowierungen dort zu begutachten, geht auf einmal alles ganz schnell.

Der Kerl öffnet die Augen.

Ich greife nach der Flasche und reiße sie in die Höhe.

Seine Augen weiten sich und er richtet sich auf.

Mein Arm saust hinab.

Doch er packt ihn, zerrt mich zu sich herunter, wirft sich mit mir herum, und dann liege ich plötzlich mit dem Rücken auf dem Bett und er ist über mir und nagelt meine Arme fest. In der rechten Hand halte ich immer noch die Whiskeyflasche. Aber jetzt ist sie nutzlos.

»Loslassen«, zischt er.

Verdammt. Ich blöde Kuh! Wie konnte ich nur so lange zögern? Vielleicht, weil es mir tief in meinem Inneren doch irgendwie zuwider war, jemandem eine Flasche ins Gesicht zu schlagen? Weil ich Angst hatte, ihn damit im schlimmsten Fall vielleicht sogar tödlich verletzen zu können? Ja, so muss es gewesen sein. Auf keinen Fall war ich einfach nur abgelenkt von seinem Äußeren!

»Loslassen«, wiederholt er langsamer und eindringlicher, als hätte er gerade festgestellt, dass ich ziemlich beschränkt bin.

»Sicher nicht«, keuche ich, nachdem ich den ersten Schock überwunden habe, packe die Flasche fester und versuche, meinen Arm loszumachen, aber das kann ich mir gleich sparen. Sein Griff ist so hart, als hätte man mich mit einer Ledermanschette an dieses Bett gefesselt.

»Ich sage es dir jetzt noch ganz genau einmal«, sagt der fremde Kerl, von dem ich mir jetzt sicher bin, dass er ein Einbrecher und ganz bestimmt kein Verwandter von Tante Amanda ist. »Du wirst diese Flasche loslassen und schön brav sein. Dann können wir das hier über die Bühne bringen, ohne dass es für einen von uns, und damit meine ich dich, unangenehm wird. Solltest du dich aber weiter so anstellen, werde ich dafür sorgen, dass du loslässt. Und glaub mir: Das willst du nicht.«

Erst jetzt, als er diese Drohung ausspricht, kapiere ich so richtig, was hier los ist und erst jetzt bekomme ich es wirklich und wahrhaftig mit der Angst zu tun. Denn ich habe mich nicht getäuscht – dieser Kerl ist verdammt muskulös und ich habe nicht die geringste Chance gegen ihn. Mein Puls beschleunigt sich und mein Körper verlangt nach mehr Sauerstoff, aber sein Gewicht lastet auf mir und ich kann nur ganz flach atmen. An meinen Beinen spüre ich seine bloße Haut. Hat er etwa ganz nackt in Amandas Bett gelegen? Wieso sollte ein Einbrecher sowas tun? Weshalb hat er sich nicht die Wertsachen geschnappt und ist wieder verschwunden?

»Ich kann nicht …«, flüstere ich, und zwischen seinen Brauen bildet sich eine steile Falte.

»Du kannst was nicht?«, fragt er ziemlich verständnislos. Seine Stimme ist tief und angenehm, aber er klingt zugleich absolut kalt, und das bringt mich noch mehr aus dem Konzept.

»Ich kann nicht …« Keine Ahnung, wieso ich diese drei Worte gesagt habe. Aber sie treffen ehrlich gesagt auf ziemlich vieles zu, das gerade in mir abläuft. Ich kann die Flasche nicht loslassen, ich kann mir keinen Reim auf das machen, was hier gerade passiert, ich kann nicht klar denken und kaum atmen. Aber ihm das zu erklären, würde an meiner Lage wenig ändern. Also tue ich das Einzige, das mir in diesem Moment halbwegs sinnvoll erscheint: Ich seufze, verdrehe die Augen und täusche dann eine Ohnmacht vor, indem ich die Lider schließe und meinen Kopf kraftlos zur Seite fallen lasse.

Ich weiß, das ist nicht die Idee des Jahrtausends. Aber wenn ich Glück habe, wird der tätowierte Kerl den Moment nutzen, um einfach zu verschwinden. Das würde doch auch für ihn das geringste Maß an Schwierigkeiten bedeuten.

Aber wer sagt, dass er überhaupt auf ein geringes Maß an Schwierigkeiten aus ist? Vielleicht ist er verrückt. Irre. Möglicherweise ist eine wehrlose Frau ja genau das, was ihm heute Nacht noch gefehlt hat.

Als wäre dieser Gedanke sein Stichwort, verlagert er plötzlich sein Gewicht und sagt dann: »Hey! Mädchen!«

Ich zwinge mich, nicht zu reagieren und hoffe, dass er nicht spürt, wie heftig mein Herz schlägt. Ganz automatisch halte ich die Luft an und höre als Nächstes, wie er leise und ungläubig lacht. Dann tätschelt er meine Wange, und zwar ein bisschen zu fest, was bei seinen kräftigen Armen kein Wunder ist, mich aber trotzdem sauer macht.

»Unglaublich«, sagt er leise, und dann nimmt er mir leider die Flasche aus der Hand. Sie festzuhalten würde auffallen, also lasse ich es geschehen und hoffe umso mehr, dass er jetzt gleich nicht gewalttätig wird.

Gott, wo habe ich mich da nur reingeritten? Ich wollte zwei entspannte Wochen in Tante Amandas Villa verbringen und stattdessen liege ich jetzt unter einem unberechenbaren Verrückten.

Fast hätte ich erleichtert aufgeatmet, als er auf einmal sein Gewicht von mir nimmt und, wie ich zu hören glaube, aufsteht.

Gut. Wenigstens. Aber was mache ich jetzt? Ich habe keine Waffe mehr und leider auch keine Kampfausbildung oder sowas. Also atme ich einfach wieder ganz flach, hoffe, dass ich für ihn uninteressant bin und dass er einfach geht.

Doch stattdessen spüre ich ihn auf einmal neben mir, als würde er sich einen Moment lang zu mir legen. Dann verschwindet er von dort und ich höre es gluckern, als er, wie ich glaube, einen Schluck Whiskey nimmt. Und dann spüre ich auf einmal sowohl seine Körperwärme als auch seinen Atem auf meiner Haut, als er sich über mich beugt. Obwohl ich so gut wie gar nicht mehr atme, strömt der Duft seines sportlich-herben Aftershaves in meine Nase, vermischt mit dem Aroma des teuren Bourbon, und mein Herz beginnt sogar noch schneller zu schlagen.

Und dann passiert es. Ich nehme eine Berührung dicht unter meinem Schlüsselbein wahr, und im nächsten Moment wird der oberste Knopf meiner Bluse geöffnet.

Meine Reaktion erfolgt blitzschnell und automatisch. Ich reiße die Augen auf, schlage ihm auf die Finger und rufe: »Aufhören, verdammt!«

Und schon wieder reagiert der fremde Kerl anders, als ich gedacht hätte. Er mustert mein wütendes Gesicht aus sehr blauen Augen, dann verziehen sich seine Lippen zu einem selbstgefälligen Grinsen und er lacht mich aus. »Wusste ich doch, dass du nur so tust. Du bist eine verdammt schlechte Schauspielerin, hat dir das schon mal jemand gesagt?«

Er richtet sich auf und betrachtet mich, als wüsste er nicht, was er jetzt mit mir anfangen soll.

Ich setze mich auf und mache den Knopf schnell wieder zu. Dabei stelle ich fest, dass der Einbrecher nicht komplett nackt ist, sondern zumindest enge schwarze Retro-Shorts trägt.

»Also«, sagt er, kaum dass ich meine Bluse zurechtgezogen habe. »Ich würde vorschlagen, wir beenden diese Nummer jetzt, auch wenn ich zugeben muss, dass sie mir durchaus Spaß macht. Am besten schnappst du dir, was du gebrauchen kannst, und dann zischst du ab. Du hast mich nicht gesehen, ich hab dich nicht gesehen und wir haben beide kein Problem.«

Ungläubig starre ich ihn an. »Moment. Wirfst du mich gerade raus?!«

Er zuckt mit den Schultern. »Ich war zuerst hier, also …«

»Ja, na und?« Ich stehe auf, stelle mich ihm entgegen und merke gleich, dass ich einen guten Kopf kleiner bin als er. »Keine Ahnung, was in deinem Hirn vorgeht, aber wir sind keine Straßenkater und das hier ist kein Revierkampf auf irgendeinem Hinterhof! Das ist das Haus meiner Tante, und wenn hier jemand verschwindet, dann du! Sonst rufe ich die –«

Abermals geht alles ganz schnell. Seine Hand presst sich auf meinen Mund, er wirbelt mich herum und drückt mich gegen die Wand neben der Tür. Sein amüsierter Ausdruck ist verschwunden und hat einem Blick Platz gemacht, den ich ganz klar als bedrohlich bezeichnen würde.

»Du hörst mir jetzt gut zu, Mädchen. Wenn ich auch nur die Andeutung eines Handys in deinen Fingern sehe, dann geht das Ganze hier für dich böse aus.«

Ich runzle die Stirn und er nimmt angenervt die Hand von meinem Mund. »Was?! Willst du das jetzt mit mir diskutieren?«

»Ich war nur irritiert, weil ich …« Ich schnappe nach Luft. »… keine Ahnung hab, was die Andeutung eines Handys sein soll.«

Der fremde Kerl blinzelt. Dann betrachtet er mich, als wüsste er nicht, ob er mich auslachen oder mir eine klatschen soll, damit ich zu mir komme. »Ich frag mich ernsthaft, ob du auffallend furchtlos oder einfach nur blöd bist«, sagt er dann.

Das frage ich mich irgendwie auch. Doch so seltsam die ganze Situation ist, so richtig ernstnehmen kann ich sie nicht, denn dieser Typ wirkt, auch wenn er sich alle Mühe gibt, nicht sonderlich gewalttätig auf mich. Einschüchternd schon, das muss ich zugeben. Er hat eine Ausstrahlung an sich, als würde er glauben, dass ihm die ganze Welt gehört – und als würde er sich das, was ihm noch nicht gehört, bei Bedarf einfach nehmen. Aber brutal kommt er mir nicht vor.

»Ich hab einen Abschluss in Architektur, also kann ich so blöd nicht sein, aber mein Nachbar ist ein Perverser, also bin ich es gewöhnt, dass …«

Der tätowierte Typ hebt die Brauen. »Du hältst mich für einen Perversen?«

»Na ja, was sollst du bitte sonst sein? Du liegst so gut wie nackt im Bett meiner sechzigjährigen Tante und …«

»Ich hab geschlafen«, erwidert er, ohne dass er sich große Mühe gibt, es wie eine Rechtfertigung klingen zu lassen.

»Dann würde ich vermuten, dass du obdachlos bist, aber …«

»Aber?«

Ich hebe die Schultern. »Du hast einen Haarschnitt, dein Bart ist höchstens drei Tage alt, du riechst gut und …«

»Danke.« Wieder dieses selbstgefällige Grinsen. »Und du bist eine Frau, die frei von Klischees denkt, ich sehe schon. Du wirst blöd gucken, falls ich mich doch als Penner entpuppe und sich schon die ersten Filzläuse unter deinen Kleidern breitmachen, da wir ja schließlich im gleichen Bett gelegen haben.«

Damit lässt er mich los und wendet sich ab. Irritiert sehe ich ihm nach. Will er mich gar nicht mehr bedrohen? Hat er plötzlich keine Angst mehr, dass ich die Andeutung eines Handys heraushole und ihn an die Polizei verpfeife?

»Okay, raus mit der Sprache«, sage ich und mache einen Schritt zur Seite, wodurch ich die Tür versperre. Ich verschränke die Arme vor der Brust und schaue zu, wie er in schwarze Jeans steigt. »Was hast du hier zu suchen?«

»Nichts mehr«, sagt er. »Jetzt, wo du aufgetaucht bist.«

Wow. Große Sympathie auf den ersten Blick scheint das von beiden Seiten nicht zu sein. »Gut, dann eben anders: Was hattest du hier zu suchen, bevor ich dich aus deinen Träumen gerissen habe?«

»Tut mir leid, Mädchen, aber ich wüsste echt nicht, was dich das angeht.«

»Ich habe einen Namen«, erwidere ich. »Du auch?«

Er blickt zu mir herüber. »Netter Versuch«, sagt er und streift sich dann ein ebenfalls schwarzes Shirt über. »Aber ich fürchte, damit wirst du den Bullen nicht dienen können.«

»Ich hab gar nicht vor, die Bullen zu rufen. Ich hatte eine stressige Zeit und will einfach nur ein bisschen Ruhe, und darum wüsste ich gerne …«

Der Fremde rundet sein Outfit mit einer Bikerjacke ab, die überraschenderweise ebenfalls schwarz ist, dann wendet er sich mir zu. »Ich verstehe schon«, sagt er. »Du willst ein bisschen Wellness in Tante Amandas Jacuzzi machen, in Ruhe deinen Champagner trinken und kannst dabei keine Aufregung gebrauchen. Ich kenne Frauen wie dich.«

»Das bezweifle ich.«

»Schon klar, weil du zu allem auch noch eine auffallend nervtötende kleine Klugscheißerin bist. Aber wir wissen beide, dass ich Recht habe und du sagst selbst, dass du deine Ruhe willst. Also beantworte mir eine Frage: Was würde Tante Amanda sagen, wenn sie erfährt, dass du gleich in der ersten Nacht hier einen fremden Kerl in ihrem Bett hast schlafen lassen? Hm? Schätzt sie ihre …«

»Nichte«, sage ich tonlos.

»Ihre Nichte so ein? Als eine kleine Schlampe, die ihre Gastfreundschaft direkt ausnutzt?«

»Worauf willst du hinaus?«, frage ich lauernd.

Der Fremde mustert mich siegessicher, dann zieht er sein Handy hervor und hält es mir hin – und ich erkenne auf dem Display ein Foto, das mich mit geschlossenen Augen zeigt und ihn neben mir, oben ohne, mit dem Kopf auf Amandas roséfarbenem Kissen.

Das hat er also gemacht, als er sich neben mich gelegt hat!

»Das ist …«, stammle ich. »Ich bin angezogen!«

»Zumindest obenrum«, sagt er voller Unschuld. »Aber wenn du denkst, dass es sie nicht stört, dann schicke ich das Bild Amanda. Kein Problem.«

Er tippt auf seinem Telefon herum.

»Du bluffst«, sage ich, denn ich bin mir mittlerweile sicher, dass dieser Typ meine Tante nicht kennt. Keine Ahnung, aus welcher Welt er kommt, aber es ist ganz offensichtlich eine vollkommen andere als ihre.

»Schön, wenn du dir da so sicher bist …«

Mist. Auf einmal fällt mir der Zettel in der Küche ein.

Ich lasse meine Hand vorschnellen und versuche dem Fremden das Handy abzunehmen, aber er ist schneller und zieht es weg.

»Was willst du?«, fahre ich ihn an. »Kannst du nicht einfach verschwinden und mich in Ruhe lassen?«

Für einen Moment wirkt der fremde Kerl unentschlossen. Er mustert mich aus zusammengekniffenen Augen und scheint fieberhaft nachzudenken. »Nein«, sagt er dann und schüttelt langsam den Kopf. »Dafür ist es jetzt zu spät. Ich fürchte, wenn du nicht willst, dass dieses Foto an deine Tante geht und sie morgen hier auf der Matte steht, um dich rauszuwerfen, dann wirst du mir einen Gefallen tun müssen.«

»Einen Gefallen?! Du kannst froh sein, wenn ich nicht doch noch die Polizei rufe und ihr sage –«

»Was? Dass du meinem Sexappeal nicht widerstehen konntest und mich direkt zu dir eingeladen hast? Denk an das Foto …« Er grinst mich an, bevor er unvermittelt wieder ernst wird. »Einen Gefallen. Mehr verlange ich nicht.«

»Und welcher soll das sein?« Ich deute auf das zerwühlte Bett und den Nachttisch, wo neben der Whiskeyflasche auch ein benutzter Teller steht. Jetzt weiß ich wenigstens, woher der Pizzaduft in der Küche kam! »Soll ich deine Unordnung beseitigen?«

»Das auch, ja. Aber vor allem sollst du morgen Abend mit mir ausgehen.«

Was?

Habe ich gerade richtig verstanden?

Will dieser … Einbrecher jetzt tatsächlich ein Date mit mir?

Ich mustere ihn ungläubig und erkenne in seinem Gesicht kein einziges Anzeichen dafür, dass er scherzt.

»Du hast mein Interesse geweckt«, sagt er und zuckt mit den Schultern. »Das gelingt nicht vielen. Also will ich mit dir ausgehen.«

»Ja, aber ich nicht mit dir«, sage ich perplex.

»Doch, das tust du.« Er nimmt eine Armbanduhr vom Nachttisch, die gar nicht mal so billig aussieht, und legt sie um. »Also. Ich hole dich um sieben hier ab. Zieh dir vielleicht was an, das ein bisschen schärfer ist als dieses Betschwestern-Outfit. Deine große Klappe …« Er kommt auf mich zu, packt mich bei den Schultern und mustert mich von oben bis unten. »… kannst du dafür mitbringen«, sagt er dann und schiebt mich mühelos zur Seite.

Und noch ehe mir eine passende Antwort oder Reaktion einfällt, ist er auch schon die Treppe hinunter und seine Schritte verklingen im Wohnzimmer.

Kapitel 2

Laney

Obwohl ich nach dem langen Tag erschöpft sein sollte, laufe ich ruhelos im Schlafzimmer auf und ab. Immer wieder sehe ich dabei zum Bett. Ich habe es neu bezogen, das Geschirr in die Spülmaschine geräumt und den Whiskey nach unten gebracht. Es erinnert nichts mehr daran, dass hier vor kurzem noch ein fremder Mann in den Kissen gelegen hat.

Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht hätte ich darauf pfeifen sollen, ob dieses missverständliche Bild bei meiner Tante landet. Ja, es wäre wahrscheinlich klüger gewesen, tatsächlich die Polizei zu rufen. Da gibt es nur ein Problem: Der Einbrecher hat mit seiner Drohung einen wunden Punkt erwischt. Denn so nett Amanda ist – sie ist auch eine ausgemachte Männerhasserin und hätte auf jeden Fall ein Riesenproblem damit, wenn ich einen Kerl in ihrem Bett schlafen ließe.

Und das wiederum bedeutet, dass ich meine zweiwöchige Auszeit dann vergessen könnte und mich direkt mit meiner verpfuschten Zukunft beschäftigen müsste. Und das kann ich jetzt gerade einfach nicht.

Darum sehe ich im Moment keine andere Lösung, als das Spiel mitzuspielen. Aber ich kann doch nicht ernsthaft mit diesem Typen ausgehen! Wie geht man denn mit jemandem aus, der nachts in fremde Häuser einsteigt?! Wird er mich in einem weißen Van abholen, ziehen wir uns dann Sturmmasken über und brechen in ein Restaurant ein, um uns dort selbst zu bedienen?

Oh Mann. Ein offenbar übergeschnappter Krimineller mit Profilneurose, der mich um ein Date erpresst, hat mir echt gerade noch gefehlt!

Aber was dann? Ich kann mich ja schlecht vor ihm verstecken, schließlich weiß er, wo ich wohne. Und nicht nur das. Er weiß anscheinend auch, wie man Schlösser knackt. Sollte ich so jemanden verärgern, indem ich ihm ein Date verweigere?

Aber anders gefragt: Wie kann ich so jemandem nicht das Date verweigern?

Offenbar hat dieser Typ sie nicht alle …

Vielleicht sollte ich Hannah anrufen und sie fragen, was sie in meiner Situation tun würde. Doch vermutlich wäre das sinnlos, denn meine große Schwester würde niemals in eine solche Situation geraten. Außerdem kann ich jetzt keine Moralpredigt von ihr gebrauchen.

Auf einmal fühle ich mich doch ziemlich erschöpft und beschließe, dass er zumindest mit einer Sache gar nicht so Unrecht hatte: Ja, ich bin hergekommen, um ein bisschen Wellness zu machen und die Tatsache auszunutzen, dass es in Amandas Haus vernünftige sanitäre Anlagen gibt.

Und das will ich mir nicht vermiesen lassen.

Also verlasse ich das Schlafzimmer und prüfe sowohl das Schloss an der Haustür als auch das an der Terrassentür. Zwar habe ich das gerade schon gemacht, aber sicher ist sicher. Zur Sicherheit habe ich noch unter beide Türgriffe je einen Stuhl aus dem Essbereich geschoben. Falls er beschließt zurückzukommen, muss er jetzt zumindest eine Menge Kraft aufwenden und ich werde es poltern hören, wenn einer der Stühle fällt. Gut.

Ich gehe in die Küche und hole mir zusätzlich das größte Messer, das ich im Messerblock finden kann. Dann gehe ich nach oben, betrete das Bad und schließe die Tür hinter mir ab.

Einen Moment lang stehe ich einfach nur da und betrachte mich in dem großen Spiegel über dem Waschtisch. Mein Haar ist wirr, meine Bluse ist zerknittert, mein Kajal ist verschmiert und mit dem großen Messer in der Hand sehe ich aus wie das Covergirl eines Horror-B-Movies aus den späten Neunzigern.

Warum um alles in der Welt will dieser komische, aber gut aussehende Typ mit mir ausgehen, nachdem er unerlaubt in das Haus meiner Tante eingedrungen ist? Hat er denn gar keine Angst, dass ich ihn doch noch verpfeifen könnte? Schließlich hat er hier überall seine Fingerabdrücke verteilt.

Dann fällt mir wieder das Foto ein. Ob das der Polizei als Beweis für seine Unschuld reichen würde?

Wahrscheinlich würde ich mich mit einem Anruf bei ihnen nur vollkommen zum Affen machen, denn erstens hat er nichts zerstört, zweitens nichts gestohlen und drittens hat er mir auch nichts getan. Und zu allem gibt es nicht einmal sichtbare Einbruchsspuren.

Was sollte ich also sagen?

Guten Tag, Officer, bei mir ist jemand eingebrochen, aber ich habe ihn laufen lassen, nachdem wir ein Selfie von uns im Bett gemacht haben. Und dann habe ich alle Spuren für ihn beseitigt, also werden Sie hier nichts Hilfreiches finden. Können Sie bitte vorbeikommen?

Wahrscheinlich ist sich dieser Typ dessen bewusst und er gibt sich deswegen so selbstsicher.

Also um den Anruf bei den Cops brauche ich mir vorerst keine weiteren Gedanken machen – der fällt schon mal weg. Stattdessen werde ich die Nacht und den kommenden Tag nutzen, um mir zu überlegen, wie ich um dieses Date aus der Hölle herumkommen kann.

Und wo denkt es sich besser als in einem heißen Bad?

Also trete ich an die Rundwanne, die sich in der Mitte des Badezimmers befindet, lege das Messer auf dem Rand ab, lasse Wasser ein und stelle die Sprudeldüsen an.

Dann greife ich an den obersten Knopf meiner Bluse, ziehe mein Betschwestern-Outfit aus und lasse mich ins warme Wasser gleiten.

Sofort fühle ich mich ein bisschen entspannter, und vielleicht ist dieser mysteriöse Typ ja bei Verstand genug, um morgen gar nicht aufzutauchen und der Spuk hat ein Ende, bevor er richtig angefangen hat.

Ich schließe die Augen und wünsche mir, dass es genauso kommen wird. Und wer weiß, vielleicht habe ich ja Glück.

Dashiel

Keine Ahnung, womit ich das verdiene, aber das Universum scheint beschlossen zu haben, dass es mir dringend auf den Sack gehen will. Zuerst stört dieses vorlaute kleine Miststück meinen Schlaf und dann muss ich auch noch im Auto übernachten, denn zu Hause im Hotel kann ich um die Zeit nicht auftauchen. Mein Bruder Tyron rastet schon jedes Mal vollkommen aus, wenn das einer der Gäste tut, weil er Angst hat, dass die anderen Gäste dadurch geweckt werden, und ich weiß genau, dass er augenblicklich vor mir stehen würde – wie immer in Anzug und Krawatte –, wenn ich mich jetzt reinschleichen würde. Und er wäre nicht nur in voller Montur, sondern dazu auch noch hellwach, denn mein Bruder arbeitet immer und scheint wie durch ein Wunder nie zu schlafen.

Also fahre ich meinen Audi an den Straßenrand in der Nähe unseres Grundstücks und werfe einen Blick hinter mich. Schlafen kommt nicht infrage, denn man kann es sich auf der Rückbank eines R8 unmöglich bequem machen, wenn man größer als einen Meter zwanzig ist. Es handelt sich dabei um eine bessere Hutablage, mehr nicht. Vielleicht sollte ich zurück zu Amanda Stones Haus fahren und ihrer feinen Nichte vorschlagen, mit mir zu tauschen. Die wäre zierlich genug für die Rückbank und ich könnte das Bett haben. Aber das mache ich nicht.

Stattdessen öffne ich das Handschuhfach und ziehe zähneknirschend einen Stapel Belege hervor. Tyron hat ihn mir gestern im Vorbeigehen in die Hand gedrückt und wollte ihn eigentlich bis zwanzig Uhr wiederhaben. Da ich in unserem Familienunternehmen für die Abrechnungen zuständig bin, werde ich mich irgendwann sowieso damit befassen müssen. Warum dann nicht jetzt?

Ich breite die Papiere vor mir aus, doch darauf konzentrieren kann ich mich kaum. Die Zahlen verschwimmen vor meinen Augen und ich stelle mir vor, wie der morgige Abend ablaufen wird.

Diese Frau um ein Date zu bitten, war eine spontane und nicht sehr durchdachte Idee, die mir aber immer noch gefällt. Zum einen finde ich die Kleine wirklich ganz amüsant, und wer weiß, vielleicht entpuppt sie sich unter ihren Nonnenklamotten ja als scharf. Das Stück vom BH, den ich unter ihrer Bluse erkennen konnte, ließ das zwar nicht vermuten, denn er war hautfarben und dicker gepolstert als die Wände einer Gummizelle. Aber möglich ist alles, und ich habe nicht wirklich was zu verlieren. Außerdem hat sie mir den Gefallen getan, sich mir nicht gleich an den Hals zu werfen. Das ist mir ewig nicht passiert und hat sich überraschend gut angefühlt. Natürlich kann es sein, dass sich das auf der Stelle ändert, wenn sie mein wahres Ich kennenlernt. Nicht den namenlosen Einbrecher, sondern Dashiel Pine, den Mann, der alles hat. Aber wer weiß. Vielleicht überrascht sie mich ja noch mal.

Also beschließe ich, die Sache morgen durchzuziehen und blinzle, damit sich die Zahlen wieder scharfstellen, als plötzlich jemand an meine Scheibe klopft.

Ich bin mir sicher, dass es Tyron ist, dieser verdammte Bluthund.

Doch als ich wütend nach draußen blicke, steht da nicht mein Bruder, um mir zu erklären, dass ich hier nicht übernachten kann, sondern ein deutlich kleinerer, übergewichtiger Kerl mit buschigen Augenbrauen und einer Nase, die in der Mitte von einer wulstigen Narbe geteilt wird. Mit anderen Worten: eine echte Naturschönheit.

Ich packe die Belege zurück ins Handschuhfach, dann klappe ich den Fahrersitz vor und steige aus.

»Was willst du, Barry?«, frage ich.

»Na, was wohl! Ich steh mir hier schon seit Stunden die Beine in den Bauch und warte auf dich!«

»Ach, du hast Beine?«, frage ich unbeeindruckt mit einem Blick auf seine Wampe, die weit über den Bund seiner Anzughose hängt und erst kurz vor dem Boden zu enden scheint.

»Spar dir das und verrate mir, was der Scheiß hier soll. Warum sitzt du mitten in der Nacht in deinem Auto rum? Versteckst du dich vor jemandem? Denn wenn du Ärger hast, dann kann ich dich nicht gebrauchen!«

Schnell sehe ich ihn an. »Kein Ärger, also mach dir nicht in die Hose, alles klar?! Da war diese Kleine, die ist ziemlich ausgerastet und hat mich … na ja rausgeworfen.« Ich habe weder Lust, ihm zu erzählen, was vorgefallen ist, noch will ich, dass er spitzkriegt, wem das Hotel gehört, vor dessen Zufahrt ich stehe. Es war blöd genug, ihm die Adresse als unseren Treffpunkt zu nennen, aber ich bin, sagen wir, ziemlich überstürzt in dieses ganze Unternehmen gestartet. Es war einfach die erste und einzige Adresse, die mir eingefallen ist.

»Wieso fährst du dann nicht nach Hause?«

Mein Gott, der Kerl kann Fragen stellen. »Sie hat mich aus meinen eigenen vier Wänden geschmissen, alles klar? Und da ich keine Lust auf Diskussionen mit der Kratzbürste hatte, habe ich das Feld geräumt. Genug blöde Fragen gestellt?«

»Glaub schon.« Barry mustert mich einen Moment prüfend, dann hellt sich sein Gesicht auf. »So 'ne Kleine klingt übrigens gut«, sagt er dann. »Die wirst du nämlich brauchen. Der Boss ist bereit, mit dir zu sprechen. Er hat dich und deine Frau zum Dinner eingeladen.«

»Mich und meine …« Erst nach einem Moment kapiere ich, worauf er hinauswill, wende mich stöhnend ab und mache ein paar Schritte. Dann drehe ich mich zu meinem Besucher um. »Verdammt, Barry! Ich hatte gesagt, regle das für mich! Wofür bezahl ich dich eigentlich, he?!«

Barry zuckt mit den fleischigen Schultern. »Ich hab's doch geregelt.«

»Von wegen, du hast mir einfach nur zusätzliche Probleme bereitet!« Ich ziehe mein Handy aus der Tasche und schüttle den Kopf. »Wann und wo?«

»Am Freitag. Er wird dich nicht in seine private Unterkunft lassen, aber in sein Ferienhaus auf den Keys. Die Adresse schicke ich dir per SMS kurz vorher, sodass die Gefahr geringer ist, dass du ihm eine SWAT-Einheit auf den Hals hetzt.«

Eine SWAT-Einheit, als hätte ich sowas nötig. Der Boss kann froh sein, wenn ich ihm bei unserer ersten Begegnung nicht eigenhändig den Hals umdrehe.

»Schön, erzähl mir mehr. Wie ist der Kerl so drauf? Soll ich mir ein Holzfällerhemd anziehen und eine Flasche Whiskey mitbringen oder komme ich lieber im Anzug und hab eine Hummerzange in der Tasche?«

»Alter, sehe ich etwa so aus, als wäre ich schon mal bei ihm zum Dinner eingeladen gewesen?«

»Du siehst zumindest aus, als würdest du dir kein Dinner entgehen lassen«, knurre ich.

»Ha, ha«, macht Barry und zündet sich eine Zigarette an. »Ich sag dir, was das Wichtigste ist: Bring eine gute Frau mit.«

»Was soll das heißen, eine gute Frau? Ein Model? Ich kann mit Models dienen, so ist das nicht, aber ich würde ungern jemanden mit ins Haifischbecken nehmen, der nicht mal seinen eigenen Vornamen buchstabieren kann, und die meisten von denen sind nicht sonderlich hell.«

Barry verdreht die Augen. »Was soll das, Pine? Muss ich dir jetzt ernsthaft erklären, was 'ne gute Frau ist? Der Boss steht nicht auf hohle Kleiderständer, aber aussehen wie Quasimodo sollte sie auch nicht. Seine eigene Frau ist 'ne klare 10. Sie sieht top aus und ist Harvard-Absolventin. Hat sich auf die dunkle Seite geschlagen und arbeitet heute als seine private Anwältin. Muss ich noch mehr sagen?«

Nein, muss er nicht, denn mir raucht schon jetzt der Kopf. Scheiße. Ich kenne ja wirklich eine Menge Frauen, und die meisten davon würde kein Kerl, der halbwegs bei Verstand ist, von der Bettkante stoßen.

Lange Beine, große Brüste, volle Lippen – ich hab für jede Vorliebe eine Nummer im Handy. Aber es ist, wie ich gesagt habe: Die Frauen aus Miamis Partyszene, wo sich meine gewohnten Jagdgründe befinden, sind für gewöhnlich nicht die hellsten. Manche von ihnen sind angehende Schauspielerinnen, andere verdienen ihr Geld damit, dass sie Klamotten auf Instagram präsentieren, und andere geben einfach nur Papis Kohle aus. Aber eine mit Hirn? Verflucht, warum muss der Boss ausgerechnet auf solche Frauen stehen?

»Was immer du tust, Pine. Bring keine mit, die ihm den Nerv raubt, indem sie zu doof ist, sich an die eigene Nase zu fassen. Mehr kann ich dir auch nicht raten.«

Ich schüttle den Kopf. »Ich werd schon eine finden«, sage ich dann, beuge mich in den Wagen und hole mein Portemonnaie aus dem Rucksack. Normalerweise habe ich nie viel Bargeld dabei, aber seit Barry in meinen Diensten steht, hat sich das geändert. Ich ziehe 200 Dollar hervor und halte sie ihm hin. »Hier, dein Honorar. Jetzt zisch ab, ich hab noch zu tun.«

»Nichts für ungut, Pine«, erwidert Barry mit einem Blick auf meine Rückbank, »aber du stehst direkt vor einem Hotel. Warum leistest du dir nicht einfach ein Zimmer? Wenn dir der Schuppen da zu runtergekommen ist, ich kann dir eine gute Adresse geben.«

Ich sehe ihn an, als hätte er mir gerade weiszumachen versucht, dass er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein würde.

Hat der Typ eine Ahnung, wie sehr ich Hotelzimmer hasse?

»Nichts für ungut, Barry. Aber ich sagte, zisch ab.«

Damit klettere ich in den Wagen und ziehe die Tür hinter mir zu.

Barry steht noch einen Moment ratlos da, was ich am Glimmen seiner Zigarette sehe, dann haut er glücklicherweise ab.

Gut. Ich werde jetzt zusehen, dass ich mit den blöden Abrechnungen fertig werde, und morgen lasse ich mir eine Lösung für Freitag einfallen. Vielleicht kann ich mich ja unauffällig nach einer Zehner-Kandidatin umsehen, während ich mein Date mit der kleinen Besserwisserin habe.

Laney

Bis ich am nächsten Tag aus den Federn krieche, ist es Mittag und das Einzige, was mich zum Aufstehen bringt, ist der Hunger, der mich seit einer Weile quält. Kein Wunder, ich hab in den letzten 24 Stunden nichts außer einer Möhre gegessen. Wie habe ich überhaupt so lange schlafen können? Der Einbruch muss mich ganz schön fertiggemacht haben. Oder vielleicht auch die ganze letzte Zeit. Es ist hart, kurz vor dem Bankrott zu stehen.

Aber daran will ich jetzt nicht denken. Stattdessen schlurfe ich runter in die Küche und bete, dass Tante Amanda irgendwas da hat, das man frühstücken kann, ohne es lange zubereiten zu müssen. Pop Tarts oder Cornflakes und Milch.

Doch als ich den Kühlschrank und den Rest der Küche durchsuche, finde ich unglücklicherweise nur Zutaten, bei denen ich keine Ahnung habe, wie ich sie zu etwas Essbarem zusammenmischen soll. Sicher, Eier und Speck braten würde ich noch hinbekommen, aber ich brauche morgens dringend etwas Süßes. Ich könnte Mom anrufen und sie nach ihrem Scones-Rezept fragen, aber als ich mich beim letzten Mal an den Dingern versucht habe, sahen sie am Ende aus wie übergroße Rosinen. Also bleibt mir nur eins übrig.

Während der Kaffee kocht, setze ich mich an die Küchentheke und suche kurzerhand in meinem Handy nach einem Lieferservice, der auch Kuchen oder so was in der Art anbietet, und ich habe Glück: Gleich in der Nähe gibt es einen Donut Shop, der damit wirbt, dass für die erste Bestellung noch nicht einmal Gebühren anfallen. Wer sagt's denn?

Ich gehe die Speisekarte durch und bin versucht, einfach nur einen einfachen glasierten Donut auszuwählen, weil mir das irgendwie vernünftig erscheint. Den könnte man noch als anständiges Frühstück durchgehen lassen, oder? Doch dann mache ich den Fehler, mir auch die anderen Sorten anzusehen, und schließlich bestelle ich einen mit Vanillecreme und Kit-Kat-Splittern, einen mit Nutellafüllung und einen mit weißer Schokolade und Himbeercreme. Hey, Himbeeren sind wenigstens Obst, es soll also keiner sagen, dass ich nicht auf gesunde Ernährung achte!

Oh Mann. Ich merke selbst, wie lahm diese Ausrede klingt und nehme mir, während ich auf die Donuts warte, dringend vor, heute Abend irgendwie etwas Gesundes aus diesem Gemüse im Kühlschrank zu kochen.

Aber dann fällt mir siedend heiß ein, dass ich heute Abend gar nichts kochen werde – weil ich nämlich mit einem Kriminellen verabredet bin!

Verdammt! Ich springe auf und beginne in der Küche auf und ab zu laufen, wobei ich an der Kaffeemaschine stoppe, um mir eine Tasse einzugießen. Dabei fällt mein Blick auf die Zeitanzeige am Display des modernen Automaten. Es ist halb zwei. In nicht einmal sechs Stunden kommt er mich abholen.

Okay. Das ist nicht viel Zeit, aber sie sollte für eine Ausrede reichen.

Ich setze mich wieder an die Theke und denke an gestern. Mister Whitcomb habe ich eine fiese Grippe vorgespielt. Das könnte ich auch bei dem whiskeystehlenden Irren versuchen. Ich räuspere mich und sage dann so heiser wie möglich in die leere Küche hinein: »Tut mir leid, aber ich glaube, wir lassen das besser. Ich habe einen fiesen Schnupfen und bin sicherlich ansteckend.«

Hm. Das klingt gar nicht so schlecht, aber irgendwie kam mir dieser Einbrecher nicht wie der Typ Mann vor, der sich von einer einfachen Grippe abschrecken lässt. Vielleicht sollte ich schwerere Geschütze auffahren.

Pest oder Cholera?

Ich muss grinsen, weil er mir das kaum abkaufen wird. Aber wie wäre es denn mit einer Magen-Darm-Grippe? Niemand will mit jemandem ausgehen, der eine Magen-Darm-Grippe hat. Ja. So werde ich es machen. Er wird sich auf der Stelle vor mir ekeln und ganz bestimmt auch nicht nachprüfen wollen, ob ich ihm die Wahrheit sage.

Puh, damit wäre ich wohl aus dem Schneider. Zufrieden leere ich meinen Kaffee und bin froh, als es kurz danach an der Tür klingelt und ich meine Donuts reinholen kann.

Sie werden in einer rosa-schwarz gestreiften Box geliefert und der Vintage-Aufdruck an der Oberseite erinnert mich an zu Hause, an meinen kleinen Laden, in den ich eine Menge Herzblut gesteckt habe. So viel, dass für andere Dinge in den letzten Jahren keines mehr übrig war. Ich spüre, wie mich der Gedanke runterzieht und beeile mich, die drei Donuts auf einen Teller umzuschichten und die Box wegzuwerfen.

Dann sehe ich mir mein Frühstück genauer an. Ich wusste gar nicht, dass man so viel Belag auf einen Donut schichten kann. Vielleicht sollte ich die nicht alle drei essen, sondern von jedem ein Drittel oder erst mal nur einen …

Doch bevor mein Plan fürs Essen fertig durchdacht ist, passiert schon wieder etwas: Das Festnetz klingelt.

Ich seufze und stehe erneut auf, um ins Wohnzimmer zu gehen. Meinen Teller nehme ich mit, dann lasse ich mich damit aufs Sofa fallen, ehe ich den Hörer von der Station nehme, um wem auch immer zu erklären, dass meine Tante verreist ist.

»Gute Morgen, hier spricht Amanda Stones Nichte. Leider muss ich Ihnen mitteilen, dass Mrs. Stone für die nächsten –«

»Halt die Klappe, Mädchen. Ich bin's.«

Ich höre auf zu sprechen, doch mein Mund bleibt offenstehen. Diese selbstgefällige Stimme kenne ich doch! »Wer ist ich?«, frage ich trotzdem.

»Dashiel Pine.«

»Ich kenne keinen Dashiel Pine.«

»Doch, tust du. Und wo wir schon mal dabei sind: Es wäre an dieser Stelle höflich, wenn du mir ebenfalls deinen Namen nennst.«

»Ich mag es überhaupt nicht, wenn sich jemand so arrogant aufführt«, stelle ich klar, auch wenn er sich eigentlich eher amüsiert als hochnäsig anhört.

»Das ist ein sehr hässlicher und langer Name, ich nenne dich einfach weiter Mädchen.«

»Nein, das wirst du nicht tun!«, fahre ich den Einbrecher von letzter Nacht an. Ich habe jetzt keinerlei Zweifel mehr, dass er am Apparat ist.

Er bricht hier ein, erpresst mich und ruft dann einfach an? Wie dreist ist dieser Kerl eigentlich?! Es wird dringend Zeit, dass ich ihn aus meinem und Tante Amandas Leben verbanne.

»Mein Name ist Laney Stone und du hörst jetzt gut zu«, sage ich bestimmt. »Ich habe wirklich keine Ahnung, was für eine schräge Nummer du hier abziehst. Aber ich will, dass du aufhörst, hier anzurufen und dieses Date, zu dem du mich zwingen wolltest, kannst du auch vergessen, denn ich habe eine ganz schlimme –«

»Kinderstube genossen?«, unterbricht er mich.

Jetzt bin ich sprachlos. Wer von uns hat den anderen denn letzte Nacht mit Pizza und Whiskey in einem Bett erwischt, wo er nun wirklich nichts zu suchen hatte?!

»Jetzt hörst du zu«, fährt er unbeirrt fort, kaum dass er mich zum Schweigen gebracht hat. »Ich rufe nur an, um dich daran zu erinnern, dass wir zwei uns heute um sieben sehen werden und um dir klarzumachen, dass ich die Sache mit dem Foto durchaus ernst gemeint habe. Ich könnte dich auch dazu bringen, freiwillig mit mir auszugehen, aber ich brauche wirklich kurzfristig jemanden, der mir die Zeit vertreibt, während ich einen wichtigen Auftrag ausführe. Also, keine Ausreden. Du bist um sieben fertig oder Tante Amanda bekommt das Bild, das ich von uns gemacht habe, gleich nachdem wir Sex hatten.«

»Wir hatten keinen Sex!«, rufe ich empört.

»Vielleicht nicht, aber ich bin gut in Photoshop.«

»Kannst du nicht lieber gut darin sein, dich vom nächsten Hochhaus zu stürzen?!«, fahre ich ihn an.

»Das nennt sich Base Jumping und ich bin ehrlich gesagt ziemlich gut darin, aber ich bezweifle, dass es was für dich ist. Also bleiben wir doch bei einem Essen und ein paar Drinks, okay?«

Schon wieder bin ich sprachlos. Am liebsten würde ich ihm klarmachen, dass das alles andere als okay ist, aber stattdessen beiße ich in einen meiner Donuts, weil ich jetzt dringend etwas brauche, das mich nicht noch wütender macht.

Ich habe den mit dem Kit Kat erwischt und fühle mich tatsächlich etwas versöhnt, als die Schokolade in meinem Mund schmilzt und ich genüsslich die Waffel zerkaue.

»Strafst du mich jetzt mit Schweigen und fängst gleichzeitig an mit Frustessen?«, fragt dieser Dashiel am anderen Ende der Leitung ungläubig.

»Ich hab noch nicht gefrühstückt«, erwidere ich mit vollem Mund, auch wenn ich eigentlich keinen Grund habe, mich zu rechtfertigen.

»Hast du etwa bis gerade im Bett gelegen?«

Ich verdrehe die Augen. Keine Ahnung, was der Kerl sich einbildet, aber mein Tagesablauf geht ihn ja wohl gar nichts an.

»Ich werd jetzt auflegen«, sage ich, kaum dass ich runtergeschluckt habe.

»Sieben Uhr«, erwidert er schnell. »Vergiss das bitte nicht.«

Ich gebe ihm keine Antwort, sondern drücke ihn wortlos weg und knalle den Hörer zurück auf die Station. Wie unverschämt kann ein einzelner Mensch eigentlich sein?

Kurzerhand schnappe ich mir den Nutella-Donut und beiße auch davon ab. Dabei male ich mir aus, wie dieser schreckliche Dashiel zu so einem Arsch geworden ist und rücke dabei ganz schnell von meiner Krimineller-Obdachloser-Story ab.

Sicher ist er ein Einzelkind. So ein verwöhntes Söhnchen, dem von Anfang an alle um ihn herum jeden Wunsch von den Lippen abgelesen haben. Sicher hatte er als Kind furchtbar große Augen und ein total süßes Lächeln, mit dem er alle um den Finger gewickelt hat. Darum hat er auch ein eigenes Pferd bekommen, ein Zimmer, das größer ist als meine Wohnung und zum achtzehnten Geburtstag eine eigene Motorjacht. Aber weil er seit jeher alles bekommt, was er will, langweilt sich unser Söhnchen jetzt und macht auf wilden Kerl, indem es von Hochhäusern springt und in fremde Villen einbricht.

Gott, Männer sind ja so leicht zu durchschauen! Weshalb er mit mir ausgehen will, kann ich mir auch denken. Sicher ist er so ein Widerling, der sich jede seiner Eroberungen in einem kleinen Notizbuch vermerkt, und wenn nicht jeden Tag eine neue dazukommt, kriegt sein Ego einen Knick.

Schön, dann wollen wir ihm heute mal einen ganz ordentlichen Knick verpassen. Ich probiere ein Stück von dem Himbeerdonut und nehme mir dabei eines ganz fest vor: Ganz egal, was er sagt oder tut, ob er mir nachher Blumen mitbringt oder plötzlich eine charmante Seite an den Tag legt, die er vielleicht irgendwo unter all seinen Unverschämtheiten versteckt – ich werde keinesfalls auf ihn eingehen. Mich wird er nicht rumkriegen, und wenn er sich auf den Kopf stellt.

Das wird meine Rache sein. Ich nehme seine Einladung an, lasse mich heute Abend von ihm unterhalten, und dann werde ich nach Hause gehen, ohne dass er meinem BH oder meinem Höschen auch nur nahegekommen ist.

Ich nicke zufrieden, während ich mir den Rest des Himbeerdonuts in den Mund stopfe.

Ja, das ist ein guter Plan. Viel besser als der, einfach krank zu spielen. Wollen wir doch mal sehen, wer am Ende als Sieger aus der Sache hervorgeht.

Aber eines steht jetzt schon fest: Dashiel Pine wird es nicht sein.

***

Den Rest des Tages verbringe ich damit, mich auf das Date vorzubereiten. Ich nehme ein weiteres langes Bad, creme mich mit Amandas teurer Bodylotion ein und schneide sogar meinen Pony nach. Dann durchforste ich meine Reisetasche nach etwas Brauchbarem zum Anziehen.

Weil ich eigentlich nicht vorhatte, während der zwei Wochen hier großartig das Haus zu verlassen, habe ich nicht viel mehr mit als meinen Bikini und ein paar sehr große, sehr weite und gemütliche Strickpullover. Aus Erfahrung weiß ich, dass es in Amandas Haus wegen all des Marmors eher kalt ist, daher die Pullis, auch wenn man sie in Miami eigentlich nicht braucht. Doch eines steht fest: Heute Abend kann ich auf keinen Fall eines dieser Prachtstücke anziehen – weder den dunkelgrünen mit dem Zopfmuster, der wie der Seesack meinem Grandpa gehörte noch den fliederfarbenen mit den aufgestickten Perlen, den ich einer alten Dame auf dem Flohmarkt abgekauft habe. Auch meine farbenfrohen Leggings, die zwar nicht Vintage, aber bequem sind, werden den Einbrecher, der jetzt endlich einen Namen hat, eher abschrecken als ihn dazu zu bringen, mir die Kleider vom Leib reißen zu wollen.

Schön. Dann muss ich eben zu härteren Mitteln greifen. Kurzerhand wende ich mich von meinen Sachen ab und gehe rüber in Tante Amandas Ankleidezimmer.

Sie ist ein bisschen größer als ich, aber wenn ich mir ihre Kleider so ansehe, dann denke ich, irgendeines davon wird mir schon passen. Es muss ja nicht genauso sitzen wie bei ihr.

Unschlüssig trete ich an die Kleiderstange heran, die die gesamte linke Wand des großen Raumes einnimmt, und sehe mir die Sachen der Reihe nach an. Zuerst kommt eine Kollektion aus kleinen Schwarzen. Die sind mir aber alle zu schlicht und unauffällig, da wird er dann wieder sagen, dass ich wie eine Nonne aussehe oder sowas. Ich lasse die dunklen Kleider also hinter mir und wende mich einem farbenfroheren Teil zu. Es scheint von Versace zu sein und ist mit einem großflächigen gold-rot-blauen Muster versehen. Ich nehme es von der Stange und halte es mir an, aber auch wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, versinke ich irgendwie darin. Nein, das ist nicht das richtige.

Ich gehe ein paar weitere Kleider durch, und dann, auf einmal, fällt mein Blick auf etwas, das so wunderschön ist, dass ich es am liebsten einpacken und mit zurück nach Everglades City nehmen möchte: ein türkisblaues Hängerkleid im Stil der Zwanziger!

Sofort zerre ich es heraus, halte es von mir weg und sehe es mir genauer an.

»Wow«, flüstere ich, während ich mit den Fingern über die aufgestickten Pailletten fahre, die ein kunstvolles Art-Déco-Muster ergeben.

Ich trete näher an den Spiegel und halte mir das Kleid vor die Brust. Dann spüre ich, wie ein breites Lächeln meine Lippen überzieht. Es hat sogar Fransen! Ich muss es einfach anziehen!

Schnell laufe ich rüber ins Schlafzimmer, wo nicht nur meine Sachen sind, sondern wo Tante Amanda auch ihren Schmuck aufbewahrt. Jetzt muss ich nur noch die richtigen Accessoires finden und das richtige Make-up auflegen, dann wird mein Auftritt heute Abend einfach perfekt sein. Wenn ich es Dashiel Pine so richtig schön heimzahlen will, dann muss ich elegant und extravagant zugleich aussehen, wie eine Frau, nach der sich jeder auf der Straße umdreht. Ich muss ihn total von den Socken hauen, ohne dabei zu sehr zu wirken, als wollte ich ihn rumkriegen. Er darf den Ehrgeiz nicht verlieren, aber er muss sich auch ernsthafte Chancen ausrechnen.

Ich krame in meinem Zeug und in Tante Amandas abschließbarer Schmuckschatulle und suche mir nach und nach die passenden Stücke heraus. Dann schminke ich mich, ziehe mich um, und als ich mich um halb sieben vor dem Spiegel im Ankleidezimmer drehe, bin ich überzeugt, dass mein Outfit für den Anlass einfach perfekt ist.

Klar, ich bin kein Model. Ich bin nicht sehr groß und werde dank meines Gesichts, das irgendwie nicht ganz erwachsen werden will, auch heute noch nach meinem Ausweis gefragt, wenn ich Alkohol kaufen möchte, aber mit meinem glatt gestylten schwarzen Haar, mit dem roten Lippenstift und dem tollen Outfit, werde ich ganz sicher die Einzige sein, für die Dashiel heute Augen hat. Schön. Umso mehr Genugtuung wird es mir verschaffen, ihn am Ende abblitzen zu lassen.

»Tut mir total leid, aber du kannst nicht mit reinkommen«, übe ich meine Worte vor dem Spiegel. »Ich habe einen Freund, hatte ich dir das nicht gesagt?«

Damit wende ich mich ab und gehe auf die Tür des Ankleidezimmers zu, wobei ich einen Blick über die Schulter werfe, der – autsch. Der mich dazu bringt, auf den letzten Metern umzuknicken. Mist, das darf mir nachher nicht passieren. Vielleicht sollte ich statt der Schuhe von Tante Amanda lieber meine eigenen anziehen. Aber ich fand die spitzen hohen Stiefeletten in Schlangenoptik, die ich in ihrem Schrank gefunden habe, einfach zu toll, um es nicht mit ihnen zu versuchen. Doch wenn ich ehrlich bin, dann passen sie auch gar nicht mal so gut zu dem Kleid. Also schön.

Meine Chucks kann ich nicht anziehen, aber ich habe da diese Kiste im Kofferraum, die ich eigentlich längst im Laden hätte ausräumen müssen. Darin befinden sich nicht nur alte Klamotten, sondern auch Schuhe. Da ist sicher etwas bei, was nicht so mörderisch hoch ist.

Zufrieden lächelnd begebe ich mich nach unten. Ich werde mir jetzt die passenden Schuhe raussuchen und dann warte ich auf das Date, das ich eigentlich nie haben wollte.