Prolog
März 2015
Rose saß in der U-Bahn Richtung Financial District. Wenn sie an den heutigen Tag dachte, zog sich ihr der Magen zusammen. Teils in freudiger Erwartung, teils aus Angst, den Anforderungen nicht gewachsen zu sein. Dennoch hatte sie alles Recht, aufgeregt zu sein. Schließlich hatte sie viele Jahre darauf hingearbeitet und auch große Opfer bringen müssen, um dieses Ziel zu erreichen.
Das Stechen in ihrer Brust erinnerte sie nur zu gut an die glücklichste und zugleich schwerste Zeit ihres Lebens. Tief in Gedanken verließ sie die U-Bahn und stieg die Treppe hoch an die Oberfläche. Ihre Füße trugen sie von allein zur Kanzlei, wo sie arbeitete.
Ein Werbeplakat stach ihr ins Auge, das gestern ganz sicher noch nicht da gehangen hatte. Ihr Herz begann, sich bei diesem Anblick schmerzhaft zusammenzuziehen. Nick lachte ihr daraus entgegen. Sein neues Album war gerade erschienen.
Sie wandte sich energisch ab. Mit jedem Schritt, den sie in die Richtung der Kanzlei machte, reiste sie weiter in die Vergangenheit zurück.
INTRO
Zwei Jahre vorher im Madison Square Garden
Nick
Nick ließ den letzten Akkord ausklingen und genoss den Applaus und die begeisterten Zurufe der Fans. Er war verschwitzt und beinahe high. Er lebte seinen Traum in allen Facetten. Es war nicht immer leicht, dennoch hatte er diesen Schritt nie bereut.
Manchmal vermisste er das ruhige Leben von früher. Doch jede Medaille hatte bekanntlich zwei Seiten. Die Musik war seine große Liebe und niemals würde er diese Leidenschaft für irgendjemanden oder irgendwas aufgeben.
Ein Nebeneffekt seines Erfolgs war die schier endlose Auswahl an willigen Frauen. Eine schöner als die andere. Für heute hatte er in der ersten Reihe der Zuschauer schon zwei potenzielle Kandidatinnen entdeckt. Sein Bodyguard würde dafür sorgen, dass die beiden auf der kleinen privaten Party waren, die in seinem Hotel stattfinden würde. Presse, einflussreiche Leute aus Musik- und TV- Branche reihten sich ins Who is Who der Gästeliste der After- Show-Party. Ein Mädel an jedem Arm war obligatorisch.
Nick musste zugeben, er liebte diese Veranstaltungen. Dort konnte er sich einfach gehen lassen und Gas geben. Er brauchte das, um den Adrenalinflash auf ein normales Niveau runterzubringen.
„Zugabe!“, brüllte das Volk zu seinen Füßen. Es war schon die dritte, die sie forderten und weil er innerlich vibrierte und vor Energie strotzte, spielte er seinen ersten Nummer-eins-Hit Feeling Free an. Der Drummer und der Bassist stiegen ein.
Driving down the street
On the seat, my guitar by my side
Hope and dreams
Shining bright
Er hatte den Song schon so oft gesungen, dass er ihm wie von selbst über die Lippen kam. Er ließ sich tragen und genoss die Euphorie, die ihn erfüllte.
Stunden später fand er sich nach der bombastischen Party in seiner Hotelsuite wieder. Die beiden Groupies, die er bereits während des Konzerts ausgemacht hatte, waren bei ihm. Um sich und die zwei etwas lockerer zu machen, hatte er sich noch etwas Kokain besorgt.
Die Girls waren echt der Hammer. Erst hatten sie es ihm besorgt und nun machten sie miteinander weiter. Scheiße, war das geil!
Er beugte sich zum kleinen Tisch und zog sich eine Linie Koks rauf. Vielleicht lag es aber auch am Schnee, dass er diese Szene genoss wie der Osterhase das Eierfärben. Er griff rüber und holte seine Gitarre. Neben Sex war das seine große Liebe. Er konnte nicht ohne das eine und auch nicht ohne das andere. Sex und Musik waren für ihn untrennbar verbunden. Es war schon oft vorgekommen, dass er nach einer solchen Nacht die Idee zu einem Hit gehabt hatte.
Auf der Party war es ihm irgendwann zu öde geworden, weshalb er die beiden Schnecken eingeladen hatte, mit ihm eine private Feier zu veranstalten. Das bedurfte keiner großen Überredungskunst. Sie waren kichernd und mit den Hüften wiegend hinter ihm her gestöckelt. Er legte sich auf die Seite, um ein paar Stichworte zu notieren, aus denen er später einen Songtext machen würde.
Eigentlich war das Ganze eher ein Armutszeugnis. Aber für wen? Für ihn, weil er sich nicht binden wollte? Oder für die Mädels, die sich auf Kommando abschleppen ließen?
Auch egal, ihm schwirrte der Kopf vom Alk und Koks und eigentlich war er jetzt auch müde. Eine der beiden quiekte gerade orgastisch, was ihn daran erinnerte, dass er auch erst zwei Mal gekommen war. Immer wenn er die beiden Substanzen, gepaart mit dem Post-Concert-Glücksgefühl, kombinierte, bekam er am Ende eine Scheißlaune und er bereute fast, die Mädels mit auf sein Zimmer genommen zu haben.
„Hey! Wer von euch bläst mir schnell einen vor dem Schlafengehen?“
Natürlich sprangen beide bereitwillig auf.
Eine kniete sich vor ihm auf den Boden und nahm ihn in ihren Mund. O ja, es hatte schon was, wenn eine Frau ihren Würgereflex gut unter Kontrolle hatte. Aber das war auch das Einzige, was diese hier unter Kontrolle hatte. Deshalb schob er sie von sich und winkte stattdessen die andere heran. Wenn Mann schon die Auswahl hatte …
Aber auch hier fehlte ihm das gewisse Etwas. Wahrscheinlich lag es daran, dass er einfach zu high und zu besoffen war, um sich zu entspannen. Das war dann wohl der Zeitpunkt, Barry zu rufen. Er schnappte sich sein Handy und rief seinen Bodyguard an. Währenddessen nuckelte die Tussi immer noch an ihm herum.
„Hör auf. Du bringst es nicht. Schnappt euch die Bademäntel aus dem Klo und verschwindet. Für heute habe ich die Schnauze voll von Laien. Ach ja, eure Handys bitte. Ich will keine Fotos von diesem Intermezzo im Netz haben.“
Die Damen schnappten im Kanon empört nach Luft, doch er hielt unbeeindruckt die Hände hin. Sie gaben ihm ihre Smartphones und zogen sich hastig an. Tatsächlich fand er auf beiden Mobiltelefonen diverse Aufnahmen dieser Nacht. Er löschte alle und gab den zwei Frauen ihr Eigentum zurück.
Das Klopfen an der Tür war der Schlusspfiff. Er nahm beide an den Armen, führte sie aus dem Zimmer und übergab sie seinem Leibwächter, damit der sie nach Hause brachte. So lief es mehrmals die Woche. Immer das Gleiche und langsam ödete ihn das an. Da musste es doch noch mehr geben. Du hast nur noch nicht die Richtige gefunden, flüsterte die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Ein weiser Spruch, den sein alter Herr immer wieder auf den Tisch zu legen pflegte. Gerade er sollte wissen, dass es bei Nick nie gut ging, wenn er Liebe in sein Herz ließ.
Er ging zurück ins Schlafzimmer und ließ sich aufs Bett fallen, wo ihn umgehend der Schlaf einholte.
Nur eine gefühlte Minute später hörte er, wie jemand die Suite betrat. Himmel, wer wagte es, ihn so früh zu stören? Hatte er seine Wünsche nicht klar und deutlich mitgeteilt? Sein verkaterter Kopf schmerzte und sein Gehirn drehte kurz Pirouetten. Er zog sich eine Jeans an, ging ins Wohnzimmer und traute seinen Augen kaum. Vor ihm stand eine Erleuchtung.
Die Begegnung
Rose
Als Rose an diesem Morgen aufstand, hätte sie es nie für möglich gehalten, dass sie jemandem begegnen würde, der ihr ganzes Leben über den Haufen werfen könnte. Sie stieg unter die Dusche und versuchte, die hartnäckigen Schlafreste zu vertreiben.
Sie hatte wie immer die Frühschicht im Hotel, wo sie als Zimmermädchen arbeitete. Abends ging sie zur Law School, um den Abendkursen in Rechtswissenschaften zu folgen. Sobald sie ihr Studium abgeschlossen und das Anwaltspatent im Sack hatte, würde sie die Hoteluniform gegen ein elegantes Kostüm und schöne Schuhe eintauschen. Jetzt brauchte sie den Job, um über die Runden zu kommen. Noch zwei Semester und danach noch die bar examination, dann war es so weit. Ihr Onkel hatte ihr bereits eine Stelle zugesichert. Unter der Voraussetzung, dass sie den JD mit Bestnoten abschloss und das würde ihr auch gelingen. Danach musste sie unbedingt noch den Doctor of Juridical Science machen. Schließlich hatte sie das benötigte vierjährige Bachelorstudi- um in zwei Jahren durchgezogen und besuchte jetzt das zweite Jahr auf der Law School.
Sie ging in die Küche der WG, in der sie zusammen mit ihrer Freundin Doro wohnte. Das Mobiliar war ein Mix aus billig, Schrott und Antiquität und nichts passte zusammen. Sie besaßen keine zwei gleichen Stühle, keine zusammenpassenden Teller, Tassen oder Besteck. Aber genau das machte den Charme und die Gemütlichkeit der Altbauwohnung aus.
Doro lag wie üblich noch in den Federn. Als Tattooartist arbeitete sie immer bis spätabends. Sie kamen oft zur gleichen Zeit nach Hause. Während Rose zu lernen begann, ging Doro meistens kurze Zeit später aus und schlug sich die Nacht um die Ohren.
Rose eilte zur nächsten U-Bahn-Station, um so schnell wie möglich zum Times Square zu kommen. Sie war wie immer knapp dran, denn durch das lange Lernen schaffte sie es beim besten Willen nicht früher aus den Federn.
Sie rannte beinahe über den Times Square und bog in die 43. Straße, von dort um die Ecke und direkt zum Lieferanteneingang des Hotels, in dem sie arbeitete.
Rose hatte sich schon als Kind in den Big Apple verliebt. Damals hatten sie ihre Eltern öfter zu Ausflügen hierhergebracht. Die Wolkenkratzer mit den engen Häuserschluchten hatten sie ehrfürchtig nach oben blicken lassen. Sie hatte davon geträumt, als Prinzessin in einem Penthouse über der Stadt zu leben. Als kleines Mädchen war sie sicher gewesen, dass man ganz oben auf dem Dach des Empire State Buildings den Himmel berühren konnte. Es war einer dieser Besuche gewesen, als sie verkündete, dass sie, wenn sie groß war, hier leben würde.
Diesen Plan hatte sie bereits erfolgreich umgesetzt und die weiteren würden folgen. Sie fühlte sich in diesem Schmelztiegel wohl wie ein Fisch im Wasser. Diese Stadt lebte vierundzwanzig Stunden, sieben Tage die Woche. Ein ständiges Vibrieren schien die Luft zu erfüllen. Dieses Fieber hatte sie bereits im Kindesalter erfasst und nie mehr losgelassen. Ja, sie liebte Manhattan und nichts brachte sie dazu, New York zu verlassen.
In der Personalumkleide zog sie ihre mausgraue Arbeitskleidung an. Die anderen waren bestimmt schon bei der Teambesprechung, wie üblich. Ihr unangenehmer Chef hatte bestimmt wieder eine doofe Strafe für sie auf Lager.
Sie betrat den Raum, in dem die Pläne für die Stockwerkeinteilung hingen und das Team sich austauschen konnte. Der Morgenrapport war natürlich schon in vollem Gange und Rose hörte gerade noch, dass ein Mädchen sich krankgemeldet hatte und nun das Suitenstockwerk neu eingeteilt werden musste. Im Gegensatz zu Rose rissen sich die anderen immer um den Dienst ganz oben. Die Trinkgelder waren in der Regel gut, und wenn man Glück hatte, traf man einen VIP. Doch für Rose waren die Bewohner der Kotzbrockenetage, wie sie das Stockwerk insgeheim nannte, verwöhnte, arrogante Idioten, die vergessen hatten, dass auch Hotelpersonal Menschenwürde besaß. Auch wenn sie hart für jeden Dollar arbeiten mussten.
„Rose, du kommst wie immer zu spät, deshalb drehst du heute eine Extraschicht. Erst erledigst du deine Etage, wie geplant. Danach gehst du hoch ins oberste Stockwerk. Dort lebt zurzeit nur ein Gast. Er hat es nicht gern, wenn man ihn zu früh behelligt. Die Suite muss jedoch unbedingt bis 13:00 Uhr aufgeräumt sein. Das ist seine Bedingung“, erklärte ihr Chef ohne jeden Tadel in der Stimme, was jedoch seine übliche Masche war.
Sie konnte sich ein Stöhnen kaum verkneifen und versuchte, die neidischen Blicke ihrer Kolleginnen und den zweideutigen ihres Chefs zu ignorieren. Um den Schein der Selbstsicherheit zu wahren, richtete sie die unvorteilhafte Uniform und die hässliche Haube. Das Teil musste aus den Anfängen des vorigen Jahrhunderts stammen.
Sie holte ihren Materialwagen, fuhr mit dem Lastenaufzug hoch ins 33. Stockwerk und machte sich an die Arbeit. Ihre Vorgesetzten ärgerten sich zwar über ihr chronisches Zuspätkommen, doch sie waren mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie war gründlich, schnell und zuvorkommend zu den Gästen. Das war vermutlich auch der Grund, weshalb sie bei Schichtende immer mit überdurchschnittlich viel Trinkgeld nach Hause ging. Sie war froh um jeden extra Dollar, denn sie konnte und wollte ihren Eltern nicht auf der Tasche liegen. Die hatten nämlich genug andere Sorgen.
Nach drei Stunden fuhr sie mit dem Fahrstuhl wieder ins Kellergeschoss, um dort ihren Wagen aufzufüllen. Bettwäsche, Frottiertücher, Handseife, Shampoo, Duschgel, Conditioner, Bodylotion, Kosmetiktücher und so weiter.
Sie hatte sich angewöhnt, nicht zu viel über ihre Arbeit hier nachzudenken. Andernfalls hätte sie schon lange die Flucht ergriffen. Jemand, der nicht hier oder in einem anderen Hotel arbeitete, konnte sich nicht im Geringsten vorstellen, in welchem Zustand die Gäste oft die Zimmer hinterließen. Mehr als einmal pro Schicht traf sie auf ein regelrechtes Schlachtfeld.
Als sie in der Suitenetage aus dem Lift stieg und den Wagen vor sich hinschob, machte sich die inzwischen bekannte Unruhe in ihr breit, die sie immer erfasste, wenn sie hier oben Dienst hatte. Sie fand es gruselig, zu ruhig und zu künstlich. Wie in einem Bestattungsinstitut. Vor der doppel-flügeligen Tür, die zu einer der beiden Suiten führte, holte sie noch einmal tief Luft. Sie klopfte an und rief: „Housekeeping!“
Sie wartete einen Augenblick, ehe sie die Schlüsselkarte hervorholte und in das Lesegerät steckte. Niemand antwortete, deshalb schob sie die Karte in den Schlitz und entriegelte die Tür. Bevor sie jedoch eintrat, klopfte sie ein weiteres Mal und meldete sich noch einmal an. Das war das Protokoll des Hauses. Wieder kam keine Antwort. Sie schob die Tür ganz auf und fixierte sie mit dem Stopper.
Die Suite umfasste ein großes Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer mit WC und eine Dusche mit Toilette. Auf der Terrasse stand ein Jacuzzi. Man musste dazu erwähnen, dass die beiden Suiten die einzigen Unterkünfte in diesem Hotel waren, die über einen Balkon verfügten.
Das Wohnzimmer war so groß, dass ihre Wohnung wahrscheinlich locker hineingepasst hätte. Normalerweise wirkte die Suite mit ihrer kitschig-eleganten Einrichtung distinguiert. Doch als sie sich des aktuellen Zustands des Zimmers bewusstwurde, erschrak sie. Es herrschte eine heillose Unordnung. Überall lagen Kleidungsstücke herum. Sogar auf dem Kronleuchter hing etwas. War das etwa ein BH? Und lag da vor dem überdimensionalen Flachbildfernseher noch ein weiterer Büstenhalter? Gläser und mehrere leere Flaschen waren über den ganzen Boden verteilt. Irgendwer hatte anscheinend mit Popcorn und Chips um sich geworfen.
Sie sträubte sich, einen Blick ins Bad oder gar ins Schlafzimmer zu werfen. Schließlich überwand sie sich und ging zum Badezimmer, um hineinzusehen und ihre schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt. Jemand hatte sich vor der Toilette übergeben. Na großartig. Was für ein Tier hauste hier, um Gottes willen?
„Habe ich gesagt, dass du hereinkommen kannst?“ Die Stimme hinter ihr war heiser und klang verkatert, was allem Anschein nach kein Wunder war. Dennoch traf sie das Timbre bis ins Mark und schickte Schauder über ihren Rücken.
Sie drehte sich um und zuckte zusammen. Der Mann, der vor ihr stand, war groß, muskulös und seine blauen Augen schienen sie zu verbrennen. Seine blonden Haare standen in alle Richtungen und umrahmten ein ihr wohlbekanntes, männliches Gesicht: markante Wangenknochen, gerade Nase, wohlgeformte, nicht zu volle Lippen, welche mit einem Piercing verziert waren und ein arrogant gerecktes Kinn. Sein Oberkörper war nackt und er trug eine Halskette, an der ein Hai-fischzahn hing. Seine gebräunte Haut schien samtig und lud ein, sie zu berühren. Sie musste trocken schlucken. Überall in der Stadt hingen Plakate mit diesem Gesicht und auch der Stimme begegnete man auf allen Radiostationen. Und das im Halbstundentakt. Himmel, der Typ war in natura noch heißer als auf den nachbearbeiteten Fotos.
Er trug eine abgetragene Jeans und war barfuß. Er musste gerade aufgestanden sein. Verdammt, sie hatte Nick Hamilton, den wahrscheinlich begehrtesten Junggesellen der Musikszene, aus den Federn geholt. Er galt als Rebell und eine Frau, die nicht bei drei auf einem Baum war, lief Gefahr, sein nächstes Abenteuer für eine Nacht zu werden. Konzentrier dich, Rose. Sie senkte demütig den Blick und zwang ihr Herz zur Ruhe, damit sie nicht atemlos klang. „Es tut mir leid, Mr. Hamilton. Aber ich habe zweimal angeklopft und mich angemeldet. Als Sie nicht geantwortet haben, ging ich davon aus, dass Sie nicht … ähm … anwesend sind.“ Stammelte sie etwa? Das passierte ihr sonst doch nie.
„Wenn du schon mal da bist, kannst du dich genauso gut an die Arbeit machen. Aber nicht zu laut bitte. Ich habe Kopfschmerzen.“ Abwinkend drehte er sich um, ging davon und würdigte sie keines Blickes mehr.
Wo sollte sie nur anfangen? Sie beschloss, dass es wohl am besten war, zuerst die Schweinerei im Badezimmer zu beseitigen. So schrubbte sie den Boden, die Toilette, Badewanne, Waschbecken und füllte am Ende die Vorräte wieder auf. Alles war besser, als über Hamilton und sein Sixpack nachzudenken.
Danach ging sie zur Dusche und wiederholte die ganze Prozedur. Glücklicherweise war hier alles in normalem Gebrauchszustand.
Weiter ging es mit der Unordnung im Salon. Mit dem Besenstiel holte sie den BH vom Kronleuchter und sammelte die restliche Damenunterwäsche zusammen. Etwas unschlüssig, was sie damit anstellen sollte, ging sie damit zu ihm.
„Entschuldigen Sie bitte, Mr. Hamilton, aber was soll ich mit den Dessous machen?“
Er sah sie genervt an und legte die Gitarre beiseite, auf der er gerade gespielt hatte. „Du kannst sie haben, wenn du willst. Aber Moment, die werden dir nicht passen. Unten zu klein, oben zu groß. Oder hast du vor, dir die Titten machen zu lassen?“ Empört schnappte sie nach Luft. Was glaubte der eingebildete Affe eigentlich, wer er war? Sie griff demonstrativ zum Mülleimer, schmiss die Textilien hinein und ging mit gestrafften Schultern wieder ihrer Arbeit nach.
Als sie fertig war, sammelte sie die schmutzige Bett- und Badwäsche auf und lud sie auf ihren Wagen.
„Ich bin jetzt fertig, Mr. Hamilton. Nachher wird jemand bei Ihnen vorbeischauen, um die Minibar wieder aufzufüllen und frische Gläser zu bringen.“ Sie wandte sich um und wollte gerade gehen, als sie hörte, wie er aufstand und zu ihr kam.
„Einen Moment noch.“
Was denn noch? Der Typ machte sie nervös, und zwar in jeder Hinsicht. Normalerweise ließ sie sich nicht so einfach einschüchtern.
„Ich mache zuerst einen Kontrollgang, bevor ich dich hier entlasse.“ Was zum Teufel? Er winkte sie zu sich, damit sie ihm folgte. Er fing im Bad an, lief alles mit dem Finger nach, schaute unter die WC-Brille und kontrollierte sogar die Abläufe der beiden Waschbecken. In der Dusche verfuhr er nach dem gleichen Muster.
„Hier hast du ein Haar übersehen“, sagte er und zeigte auf ein klitzekleines Haar in einer Fuge der Dusche.
Innerlich kochend holte sie Putzlappen und Reinigungsmittel und beseitigte diese Unregelmäßigkeit vor seinen Augen. Danach kam das Wohnzimmer an die Reihe.
„Auf dem Fernseher hat’s noch einen Fingerabdruck. Siehst du? Genau hier.“
Rose konnte nicht anders und so warf sie ihm einen giftigen Blick zu, während sie energisch den Fleck auf dem Bildschirm wegputzte. Der Mistkerl tat das mit Absicht, so viel war klar. Sie hätte schwören können, dass er verschmitzt grinste. Er nickte herablassend und ging weiter ins Schlafzimmer, in dem er schlief. Dort keuchte er theatralisch auf.
„O mein Gott! Das geht aber gar nicht. Du hast einen Damenslip übersehen.“
Rose wusste ganz genau, dass das niemals der Fall sein konnte. Tatsächlich erkannte sie das Unterhöschen, das sie im Wohnzimmer vom Boden gepflückt und vor seinen Augen mit der anderen Unterwäsche in den Müll geworfen hatte. Er musste es in einem unbeobachteten Moment wieder herausgenommen haben, nur um sie zu schikanieren.
„Warum tun Sie das, Mr. Hamilton?“, rutschte es ihr heraus. Ihre Wangen glühten. Vor Scham oder vor Ärger wusste sie in dem Moment nicht.
Er zuckte nur mit den Schultern und entgegnete: „Weil ich es will?“
„Sie sind arrogant und ein Mistkerl. Woher nehmen Sie das Recht, andere Menschen von oben herab zu behandeln?“
„Weil ich es kann und es Spaß macht.“ Er lächelte affektiert.
Bevor sie noch mehr sagte und es sie am Ende den Job kostete, warf sie die Hände nach oben, drehte sich um und ging davon. Am liebsten hätte sie ihm eine geknallt.
„Dann bis morgen, Zimmermädchen!“, rief er ihr lachend hinterher.
„Gott bewahre!“, entgegnete sie laut genug, dass er es hörte, und schlug die Tür krachend zu. Was für ein eingebildetes Arschloch! Okay, dieses Arschloch war leider unglaublich sexy und anziehend. Sie schüttelte sich bei dem Gedanken und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass ihre Kollegin, die eigentlich hier oben eingeteilt war, am nächsten Tag wieder zur Arbeit kam. Wenn sie nochmals hier aufkreuzte, würde einer von ihnen einen dauerhaften Schaden erleiden.
Im Keller gab sie den Wagen ab und zog sich um. In der U-Bahn nach Hause schaffte sie es selbst mit den größten Bemühungen nicht, Nick Hamilton aus dem Kopf zu bekommen. Sie regte sich immer noch über ihn auf. Aber gleichzeitig breitete sich Wärme in diversen Körperpartien aus, in denen sie sie nicht unbedingt haben wollte. Zumindest nicht, wenn dieser Mistkerl dabei eine Rolle spielte.
Sie war noch immer völlig durch den Wind, als sie nach einem Zwischenstopp in ihrer Wohnung die Stufen zur Universität hochstieg. Sie wollte die Zeit bis zu den Vorlesungen nutzen, um in der Bibliothek zu lernen. Doch als sie über den verschiedenen Wälzern saß und sich auf das Vertragsrecht konzentrieren sollte, kam ihr immer wieder Nick Hamilton in die Quere. Der Typ nervte sogar, wenn er nicht anwesend war. Sie schlug die Bücher zu, packte ihre Siebensachen zusammen und fluchte laut: „Dann eben nicht!“ Prompt erntete sie empörte Zischlaute wegen der Ruhestörung. Sie stapfte wütend über sich selbst zur Cafeteria und holte sich einen Latte Macchiato. Was war denn nur los heute? Sie war sonst doch nicht so labil und aufbrausend.
Auch der Vorlesung des Dozenten konnte sie nicht folgen. Aber daran trug der Professor eine Mitschuld. Er präsentierte den Stoff langweilig und wenig fesselnd. Nur noch zwei Semester. Dieser Satz wurde anscheinend zu ihrem persönlichen Mantra. Sie wollte den JD so schnell wie möglich in der Tasche haben. Am besten gestern als morgen.
***
Nick
Nick stand am Geländer der Terrasse seiner Hotelsuite. Am Horizont tanzten die letzten Strahlen der bereits untergegangenen Sonne und färbten den Himmel rosa und violett.
Unter ihm flammten die Lichter der Stadt auf und hin und wieder, oder sollte er besser sagen im Dreißigsekundentakt, waren die Sirenen von Polizei, Feuerwehr oder Krankenwagen zu hören. Das war die Hymne der Stadt: The New York Anthem. Der Kater war überstanden und seine schlechte Laune hatte seinem Verstand Platz gemacht.
Er warf einen Blick auf die Uhr. Er sollte sich langsam fertigmachen, denn in einer halben Stunde wurde er abgeholt. Er musste an diesem Abend noch zu einem Fernsehinterview bei NBC. Obwohl die Studios nicht weit entfernt am Rockefeller Plaza waren, ließ ihn sein Management nicht zu Fuß hingehen, was die günstigere und schnellere Variante gewesen wäre. Alles nur zu seiner Sicherheit. Großartig.
Langsam, aber sicher wurde ihm dieser Zirkus zu viel. Nicht das Rockstar-Dasein, aber das Drumherum. Er fühlte sich zunehmend mehr bevormundet und das schmeckte ihm ganz und gar nicht. Seit zehn Wochen lebte er nur aus dem Koffer und schlief bestenfalls zwei Nächte hintereinander im gleichen Bett. Hier in New York blieb er, Gott sei Dank, einmal zwei volle Wochen. Er hatte mehrere wichtige Termine hintereinander und das Management hatte sich dazu breitschlagen lassen, ihm ein paar zusätzliche Ruhetage zu geben.
Er dachte an die letzte Nacht. Die zwei Groupies waren ganz nett gewesen, doch er hatte die Schnauze voll von solchen Intermezzi. Diese Frauen waren leere, seelenlose Hüllen. Nichts, woran man sich am Tag danach noch groß erinnerte. Eine gewisse Zeit hatten solche Abenteuer schon seinen Reiz gehabt, doch irgendwann hatte er gemerkt, dass er etwas Grundlegendes verpasste.
Er hatte die beiden nach der Lakengymnastik wie üblich aus der Suite komplimentiert. Sprich, sein Bodyguard hatte sie aus dem Hotel geführt. Im Bademantel des Hotels … armselig. Er spürte, dass er an einer imaginären Kreuzung stand. Er musste sich langsam entscheiden, wie es mit ihm und seiner Karriere weitergehen sollte.
Nick hätte es eigentlich besser wissen sollen. Er bekam immer eine Scheißlaune nach solchen Aktionen, denn sie zeigten ihm deutlich, was ihm fehlte. All das Geld, der Erfolg und der Glamour täuschten nicht über die Tatsache hinweg, dass er einsam war.
Er dachte an das Zimmermädchen und sein Verhalten ihr gegenüber. Er war ein richtiger Arsch gewesen und sie hatte ihn zu Recht in die Schranken verwiesen. Er würde das wiedergutmachen, egal wie. Verdammt, jetzt bekam er auch noch Heimweh. Er vermisste das Weingut seiner Eltern im Sonoma‑Tal in Kalifornien. Er war dort als Sohn von Weinbauern aufgewachsen und hatte das Handwerk von seinem Vater von der Pike auf gelernt. Doch mit achtzehn hatte er die Flucht ergriffen. Er wollte die Welt sehen und Superstar werden. Er war naiv genug gewesen, zu denken, dass das Leben seiner Eltern langweilig und wenig wert war. Er wurde eines Besseren belehrt. Damals war die Liebe zur Musik stärker gewesen als seine Wurzeln. Sie war sein Ein und Alles, das Einzige, was ihn nach dem Drama seiner Jugend noch glücklich gemacht hatte. Sie hatte ihn durch die schwere Zeit begleitet. Noch heute schmerzten ihn seine Knöchel, wenn er daran dachte. Er hatte Scheiße fabriziert. Jugendliche Dummheit, kombiniert mit akutem Kontrollverlust, hatten beinahe ein Menschenleben gefordert. Aber das war lange her und er hatte sich ein neues Leben aufgebaut. Seine Gitarre und die Musik waren die einzigen Konstanten. Es gab nichts, was er mehr liebte.
Er löste sich vom schönen Panorama, das die inzwischen nächtliche Stadt bot und stieg im Schnelldurchlauf unter die Dusche. Den Dreitagebart ließ er stehen, doch die Haare stylte er in dem für ihn typischen Out-of-Bed-Look. Er zog seine Dieseljeans an und komplettierte sein Outfit mit schwarzem Muskelshirt und breitem Lederarmband.
Das Training der letzten Monate zahlte sich aus. Was man nicht alles für gute Verkaufszahlen und Werbeaufträge tat. Er fühlte sich auf einmal wie eine männliche Nutte.
Eines war sicher, er war froh, wenn diese Promo-Tour für sein drittes Studioalbum zu Ende war. Er griff nach seinen roten Converse All Stars, und während er sie schnürte, dachte er wieder an das Zimmermädchen. Sie war hübsch, mit wachen, intelligenten Augen. Er war so ein Arschloch gewesen, als er sie als hässlich bezeichnet hatte. Dabei war ihre Figur perfekt, soweit er es hatte beurteilen können. Die Uniform war dabei etwas hinderlich gewesen. Ihre dunklen Haare hatten einen leichten Kastanienton und in den klaren grünen Augen hätte jeder Mann versinken können. Im Gegensatz zu ihren Haaren war die Haut hell wie Sahne, und soweit er es hatte erkennen können, makellos. Sie war der Typ Frau, der ohne auffälliges Make-up und im Schlafanzug noch schön war.
Verwirrt über seine Gedankengänge schob er das Bild des Zimmermädchens beiseite. Dafür war jetzt keine Zeit.
Als er seine Gitarre in den Koffer legte, klingelte das Telefon. Das musste die Rezeption sein. „Ja?“
„Mr. Hamilton, Ihr Wagen ist da“, säuselte die Rezeptionistin in den Hörer.
Ach, wie ihm dieses Theater zuwider war. Es fehlte nicht mehr viel und er durfte sich nicht mal mehr den Hintern selbst abwischen.
Rose, sie hieß Rose. Plötzlich fiel ihm der Name, den das Zimmermädchen auf einem Schild trug, wieder ein. Ja, sie war definitiv eine edle Blume und der Name mehr als treffend. Und sie hatte auch spitze Dornen. Das gefiel ihm.
Er verließ die Suite. Vor der Tür stand bereits Barry, der Bodyguard. Als ob ihm jemand auf dem Weg zur Lobby nach dem Leben trachten würde. Im Übrigen, wie konnte ein Leibwächter Barry heißen? Wie lange kannte er Barry nun schon? Auf jeden Fall stand Barry ihm näher als seine eigene Familie.
Am Rockefeller Center musste sich der Fahrer durch die bereits wartende Meute von Fans kämpfen und als Nick ausstieg, wurde er fast taub von dem Gekreische. Aber das gehörte zur Jobbeschreibung und es freute ihn, dass er mit seinen Songs den Leuten eine gute Zeit bescherte. Der schöne Nebeneffekt war der Saldo auf seinem Bankkonto. Er winkte kurz, weil es sich so gehörte, und eilte dann ins Gebäude.
Er wurde zur Maske gebracht und gleichzeitig in den Plan der Aufnahmen eingeweiht. Alles Standard, nichts Außergewöhnliches. Erst die Ankündigung, dann die Begrüßung, danach das Interview mit den üblichen lästigen Fragen und dann seinen derzeitigen Hit spielen … und tschüss.
Nach fünfzehn Minuten war das Interview zu Ende und er spielte die ersten Akkorde von Tears Of The Stars. Er versuchte, die Anwesenden zu ignorieren. Vor allem die weiblichen, die scheinbar vergessen hatten, sich anzuziehen und ihn am liebsten bei nächster Gelegenheit ins Bett zerren wollten. Das war eine der Schattenseiten des Showbiz. Er liebte die euphorischen Fans. Aber auf die stalkerischen Groupies hätte er gern verzichtet.
Er hatte mit Barry bereits besprochen, dass er durch die Hintertür verschwinden wollte. Der Wagen sollte da auf ihn warten und ihn umgehend ins Hotel bringen. Er brauchte Ruhe. Der nächste Tag würde anstrengend genug werden und er hatte die Nacht zuvor schon zu wenig geschlafen. Es erwarteten ihn Aufnahmen für einen Werbespot.
Er hatte erstaunlicherweise weder Lust auf Party noch auf Sauf- und Koksgelage und schon gar nicht auf leicht zu habende Frauen. Ruhe, das war tatsächlich das, was er sich jetzt wünschte. Zeit, um sich und seine Lage einmal gründlich zu überdenken.