1
England, Kent, Frühling 1481, Tag des Jahrmarkts
Mit gleichmäßigem Ruckeln rollte die offene Kutsche über den unbefestigten Weg durch die hügelige Landschaft von Kent. Anne saß gemeinsam mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern auf der weich gepolsterten Sitzbank und war in ihren dicken Wollumhang gehüllt. Zu dieser frühen Stunde war es noch kühl, denn sie waren bereits kurz nach Sonnenaufgang aufgebrochen, hatten die Burg hinter sich gelassen und fuhren nun durch einen dichten Wald. Sie waren auf dem Weg ins Dorf, wo an diesem Tag der alljährliche Frühjahrsmarkt stattfand. Anne liebte die besondere Atmosphäre, die auf solchen Jahrmärkten herrschte, den regen Trubel, denn jeder feilschte mit jedem und manche Leute stritten sogar. Die Luft war schwer von all den verschiedenen Gerüchen nach Gewürzen, Pasteten und Backwaren.
Wie in den Jahren zuvor hatte ihr Vater, der Earl of Ashford, seiner Familie erlaubt, das Freudenfest zu besuchen und ritt nun mit drei seiner Ritter neben dem Wagen. Zwar war Anne es gewohnt, Geleitschutz um sich zu haben, denn sobald sie die schützenden Mauern der Burg verließ, musste stets ein Gefolgsmann ihres Vaters um sie sein, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. An diesem Tag jedoch hatte ihre Nervosität nichts mit der Vorfreude auf den Markt zu tun. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte den Blick einfach nicht von dem Mann abwenden, der direkt neben ihr ritt.
Cedric.
Immer wieder sah sie verstohlen zu ihm. Er war ihr so nahe, dass sie das metallische Klirren seines Schwertes hören konnte, das sich im gleichmäßigen Schritt des Tieres mitbewegte. Den Blick hatte er geradeaus gerichtet, während er die Zügel locker in einer Hand hielt. Sie bemühte sich, nicht ständig zu ihm hinüberzusehen, doch es gelang ihr eher schlecht als recht. Bewusst ermahnte sie sich, den Kopf gesenkt zu halten, doch ihr Blick wanderte erneut zu ihm. Bereits vor einiger Zeit war ihr der junge Ritter aufgefallen, dessen muskulöse Statur von täglichem Waffentraining und harter körperlicher Arbeit zeugte. Er war groß, hatte breite Schultern und ein markantes Gesicht, dessen Wangen ein Bart zierte, der ganz der Mode entsprechend gestutzt war. Zum Glück trug er heute keinen Helm, sodass sie seine Züge genauer betrachten konnte. Sein Haar war dunkelbraun, beinahe schwarz und reichte ihm bis auf die Schultern. Sie konnte sehen, dass sich die Spitzen im Nacken kräuselten und sie hatte bereits herausgefunden, dass eine vorwitzige Strähne dazu neigte, ihm in die Stirn zu fallen. Sie wusste, seine Augen waren dunkelbraun und erschrak, als genau diese sie nun belustigt anblickten. Kurz lächelte sie zurück und senkte dann beschämt den Blick. Schließlich hatte er sie dabei erwischt, wie sie ihn musterte, als wäre er ein Pferd, das zum Verkauf angeboten wurde.
Ach, du liebe Güte. Anne spürte die Hitze bereits, die in ihren Wangen aufstieg.
„Seid Ihr unwohl, Mylady? Wünscht Ihr eine Rast?“ Besorgnis lag in seinem Blick.
„Nein … Danke. Es geht schon“, brachte sie stammelnd hervor, der tiefe melodische Klang seiner Stimme brachte sie völlig durcheinander.
Sei kein Schaf, schalt sie sich, denn für gewöhnlich war sie doch sonst auch nie um Worte verlegen. Selbstbewusst hob sie den Blick und lächelte ihn an. „Möchtet Ihr heute auch etwas kaufen?“
„Vielleicht ein Pferd, wenn es die Zeit erlaubt. Welche Besorgungen schweben Euch vor, etwa auch Stoff für ein neues Kleid?“ Damit spielte er schmunzelnd auf das Gespräch zwischen ihrer Mutter und ihren Schwestern an, das sich seit Stunden um Muster, Farben und Schnitte drehte.
Anne lachte herzhaft. „Da wäre Mutter sicherlich begeistert, aber meine Kleider werden ohnehin bloß schmutzig und aus Haarschmuck mache ich mir nichts.“ Sie strich sich eine honigblonde Strähne hinters Ohr. „Am liebsten sehe ich mir die Tiere an, die Schafe, Rinder, Schweine, Gänse und natürlich die Pferde.“
***
Cedric blickte in ihre grünen Augen, die vor lauter Vorfreude funkelten. Schon lange war er fasziniert von Anne, bereits an dem Tag, als er in die Dienste ihres Vaters getreten war, war sie ihm aufgefallen. Sie war ein Wildfang, lebensfroh und abenteuerlustig und sie ritt lieber, als dass sie Kleider nähte oder an Stickereien arbeitete. Statt im Studierzimmer zu sitzen und zu lesen, nahm sie, sehr zum Leidwesen des Pfarrers, der ihr Lehrer war, die wertvollen Bücher gerne mit an den naheliegenden Fluss, um an dessen Ufer zu sitzen und die Werke im Sonnenschein zu lesen. Das wusste jeder in der Burg und alle waren hingerissen von ihrem liebenswürdigen und ungestümen Wesen. Sogar die strenge Köchin hatte sie verzaubern können und es gelang Anne, ihr immer wieder einen Apfel abzuschwatzen. Sollte die Küchenmeisterin allerdings jemals dahinterkommen, dass sie damit ihr Pferd fütterte, würde sie wohl keinen mehr bekommen.
Der Earl war zu Annes Glück ein weiser Mann, der wusste, dass er seine Tochter einsperren müsste, um sie zu bändigen. So hatte er beschlossen, ständig einen seiner Ritter bereitzustellen, um für ihre Sicherheit zu sorgen. Allerdings sehr zum Leidwesen von Annes Zofe Mildred, denn die hatte nun alle Hände voll zu tun, ihren lebensfrohen Schützling unter Kontrolle zu halten und die jungen Männer mit ihren Blicken zu erdolchen, sollten sie sich in Annes Gesellschaft etwas zu sehr bemühen, ihren Pflichten nachzukommen. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, ließ Cedric sich unauffällig als ihren Geleitschutz einteilen, so konnte er zumindest etwas Zeit mit ihr verbringen und Annes sonniges Wesen genießen. Von mehr durfte er nicht einmal träumen, denn sie war für ihn unerreichbar, schließlich war sie die Tochter eines Earls, während er bloß ein Ritter von niederem Adel war und somit weit unter ihr stand.
Als sie zur Mittagsstunde am Marktplatz angekommen waren, kommandierte Annes Vater einen Mann ab, um beim Wagen zu bleiben und darauf aufzupassen. Anne war ihr Tatendrang anzusehen, denn sie hatte sich bereits ihres Wollumhangs entledigt und wirbelte nun voller Energie um ihren Vater herum.
„Wir würden viel Zeit sparen, wenn Cedric mich begleiten könnte. Ich möchte mir die Tiere ansehen und er möchte ein Pferd kaufen.“
Sie redete auf den Earl ein, der ihrem Wortschwall nicht viel entgegensetzen konnte und als sie ihn noch davon überzeugte, kein Geld für neue Kleider zu benötigen, wusste Cedric, dass sie gewonnen hatte. Der Earl wandte sich an ihn: „Pass gut auf sie auf, sie wird sich mit Sicherheit in Schwierigkeiten bringen.“
„Mylord“, erwiderte er und verneigte sich.
„Und lass dir von ihr keinen Klappergaul einreden, den sie vor dem Schlachter retten möchte.“
Er nickte und folgte Anne, die bereits zu den Ständen losgelaufen war.
„Kommt, wir holen uns zuerst etwas Met und einige frische Pasteten.“ Schon war sie im Schnellschritt zu dem verlockenden Duft unterwegs. Er ließ es sich nicht nehmen, zu bezahlen und genüsslich vertilgten sie die frischen Backwaren und tranken den süßen Honigwein.
„Wo ist eigentlich Eure Zofe?“ Cedric war aufgefallen, dass er noch keine tödlichen Blicke erhalten hatte.
„Die Ärmste ist leider durch eine Erkältung ans Bett gefesselt.“
Er konnte ein erleichtertes Aufatmen nicht verhindern, das Anne sogleich zum Lachen brachte. „Habt Ihr etwa Angst vor ihr?“
„Ein wenig“, gab er schmunzelnd zu
„Ach, sie bellt nur und beißt nicht.“
„Da wäre ich mir aber nicht so sicher.“
Anne grinste und als sie fertig gespeist hatten, beschlossen sie, sich bei den Pferden umzusehen.
Kaum waren sie fündig geworden, hatte Cedric den dunkelbraunen Wallach auch schon an der Kutsche festgebunden. Er wurde den Verdacht nicht los, dass er vom Händler soeben ziemlich über den Tisch gezogen worden war, doch Anne hatte das Tier, das den Namen Aris trug so gut gefallen und somit hatte er es gekauft. Nun begleitete er sie zu den Reihen der Stände, die sie sich ansehen wollte.
Hatte er sich zuvor noch gefragt, wie sie sich wohl in Schwierigkeiten bringen würde, wusste er es nur wenig später.
Sie stritt mit einem Händler, der Schmuckstücke verkaufte, die man an das Zaumzeug eines Pferdes hängen konnte. Er reagierte nicht besonders freundlich, als Anne ihn der Halsabschneiderei beschuldigte. Auch vor einem Schweinezüchter musste er sie schützen, dem sie die Hölle heiß machte, da er die armen Tiere zu eng einpferchte. Schnell schob Cedric sie hinter sich und baute sich bedrohlich vor dem Mann auf. Demonstrativ legte er seine Hand auf den Schwertknauf und erinnerte den Züchter an seinen Tonfall einer Lady gegenüber. Gott sei Dank war die Angelegenheit damit erledigt, denn der Viehzüchter wich zurück, schimpfte etwas in seinen Bart und schickte ihn und Anne zum Teufel. Cedric schob sie hinter einige mannshoch aufgetürmte Strohballen in Sicherheit, denn sie schüttelte sich vor Lachen und er wollte den Groll des Mannes nicht erneut heraufbeschwören.
„Habt Ihr die Ader an seiner Stirn gesehen?
Ich dachte, sein Kopf würde jeden Moment platzen.“
Ihr frohes und gänzlich undamenhaftes Lachen schürte eine Sehnsucht in ihm, die er nicht empfinden sollte und ein Verlangen, dem er niemals nachgeben durfte. Trotzdem konnte er die Augen nicht von ihr abwenden.
Plötzlich geriet sie ins Straucheln und legte schnell ihre zarte Hand an seine Brust, um sich abzustützen.
Es durchfuhr ihn wie ein Blitz.
Wie war das möglich? Schließlich trug er sein wattiertes Wams und dennoch spürte er eine Hitze an genau der Stelle, an der ihre Hand lag. In Windeseile breitete sich das Prickeln von seiner Brust in seinem ganzen Körper aus und trieb seinen Puls in die Höhe. Er hörte Annes überraschtes Keuchen. Sie hatte aufgehört zu lachen und sah ihn nun mit vor Überraschung geweiteten Augen an.
***
Was geschieht hier? Sie konnte die Hitze seines Körpers durch die Jacke hindurch fühlen und von ihrer Hand ausgehend, drohte sie ihren ganzen Leib zu versengen. Die gleiche Hitze, die in ihr tobte, erkannte sie in seinen Augen. Das glühende Braun, das von langen schwarzen Wimpern umgeben war, fesselte sie so sehr, dass ihr der Atem stockte.
„Cedric?“
„Ja. Ich fühle es auch.“
Er hob seine Hand und legte sie auf ihre an seiner Brust. Kräftige warme Finger umfingen ihre zitternden und sie fühlte seine vom täglichen Waffendrill schwielige Haut. Konnte ihr Herz denn überhaupt noch schneller schlagen?
Da hob er seine freie Hand, strich ihr zärtliche über die Wange und sogleich schmiegte sie sich näher an ihn. Wie konnten so unschuldige Berührungen derartig intensive Empfindungen in ihr auslösen und sich so richtig anfühlen? Es war, als gehörte sie genau hierher, denn sie wurde wie durch ein magisches Band zu ihm hingezogen. Sein Brustkorb hob und senkte sich schwer atmend, und die Luft um sie herum schien zu knistern, als sie ihren Kopf anhob und ihm entgegenstreckte.
Da beugte er sich zu ihr hinab und sein warmer Atem strich über ihre Lippen. Kurz verweilte er und sie befürchtete schon, er hätte es sich anders überlegt, doch dann verschloss er ihre Lippen mit seinen.
Ihr erster Kuss.
Noch nie zuvor hatte sie den Mund eines Mannes auf ihrem gefühlt und es war fantastisch. Zärtlich leckte seine Zunge über ihre Lippen, neckte sie unendlich süß und als würde eine höhere Macht es ihr zuflüstern, öffnete sie ihren Mund und gewährte ihm Einlass. In jenem Augenblick, als ihre Zungen sich berührten, wusste sie, dass es niemals einen anderen Mann in ihrem Leben geben würde.
Um ihm noch näher sein zu können, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und schlang die Arme um seinen Nacken. Sogleich presste er sie an sich und eroberte ihren Mund stürmisch und voller Leidenschaft. Ihre Sinne konzentrierten sich nur auf ihn. Sie fühlte seine weichen Haare zwischen ihren Fingern, spürte seine harte Brust an ihren zarten Rundungen und war wie berauscht von der Intensität seines Kusses.
Viel zu schnell löste er sich jedoch wieder von ihr und ohne sie aus seiner Umarmung zu entlassen, schob er sie ein kleines Stück von sich.
„Anne, was tun wir hier?“ Er war ebenso außer Atem wie sie.
„Etwas, das sich völlig richtig anfühlt.“
Er erwiderte nichts, sah sie nur einen Augenblick lang an, dann löste er sich aus ihrer Umarmung und nahm ihre Hand.
„Kommt, wir sind spät dran.“
Anne war beunruhigt. Sie war sich sicher, dass er die gleiche Magie gefühlt hatte, die auch sie empfunden hatte, denn obwohl sie unerfahren war, war sie nicht dumm. So stapfte sie verdrießlich neben ihm her.
Als alle sich wieder auf der Kutsche versammelt und die Männer die Berge an Stoffballen, Garn und Spitze verstaut hatten, half Cedric ihr auf den Wagen. Mit einer Hand hielt sie sich an ihm fest und mit der anderen raffte sie ihren Rock hoch, sodass sie die Stufe hinauf auf das Trittbrett erklimmen konnte. Dabei nahm sie seinen Duft wahr und atmete ihn tief ein. Er roch nach Leder, Wald und Seife sowie nach dem süßen Met, den sie zuvor getrunken hatten. Zart strich er mit dem Daumen über ihren Handrücken bevor er sie schließlich freigab. Verstohlen lächelte er sie an, doch dann blickte er zum Earl, der gerade den Befehl zum Aufsitzen gab. Cedric tat wie geheißen und dirigierte sogleich sein Pferd an Annes Seite. Zwar hielt er den Blick zumeist geradeaus gerichtet, doch wann immer er zu ihr sah, tauschten sie ein Lächeln aus. Dann fiel sein Blick jedoch stets auf den Rücken des Earls, der vor ihm ritt und Cedrics Miene wurde erneut ernst.
Anne fragte sich, wie sie den langen Weg zurück zur Burg bloß überstehen sollte. Sie musste unbedingt eine Möglichkeit finden, so schnell wie möglich ungestört mit ihm zu reden, allerdings wusste sie nicht, wie sie das anstellen sollte.
2
Erst nach Sonnenuntergang kehrten sie zur Burg zurück. Nachdem sie im Hof angehalten hatten und die Männer abgesessen waren, eilten sogleich mehrere Stallburschen herbei, die sich emsig daran machten, die Pferde zu versorgen. Anne wartete geduldig, bis Cedric zu ihr kam und ihr die Hand reichte, um ihr vom Wagen zu helfen. Kaum berührte sie seine Haut, fühlte sie sofort wieder jenes warme Prickeln, das sich über ihren Arm hinauf weiter ausbreitete. Sie hüpfte die letzte Stufe hinunter und selbst als sie wieder festen Boden unter sich hatte, ließ er sie nicht gleich los. So stand sie da, unsicher, was sie nun tun sollte, doch sie wollte auf keinen Fall, dass der Moment in seiner Nähe endete.
„Ich danke Euch für den schönen Tag.“
Da ließ Cedric ihre Hand los und deutete eine Verneigung an. „Mylady“, erwiderte er bloß, drehte sich um und ging in Richtung Stall davon.
Voller Bedauern sah Anne ihm nach, ließ sich dann aber von ihren Schwestern in die Burg hineinschieben. Da sie aber keinen Hunger hatte, verabschiedete sie sich schnell und lief die Treppe hinauf, die ins Obergeschoß zu ihrer Kammer führte. Dort setzte sie sich an den Rand des Bettes und starrte in die Dunkelheit. Sie musste Cedric unbedingt sprechen, es ließ ihr einfach keine Ruhe. Natürlich konnte sie jeden Tag einen Ausritt unternehmen und hoffen, dass er der Ritter wäre, der sie begleiten musste, aber sollte er ihr aus dem Weg gehen wollen, würde ihm das leicht gelingen. Sie beschloss also, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Doch sie musste sich gedulden, bis die Bewohner der Burg sich zur Ruhe begeben hatten. So lauschte sie auf die Geräusche außerhalb ihres Gemachs und tappte dabei ungeduldig mit ihren Füßen auf den Boden.
Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis die letzte Tür ins Schloss gefallen war. Schnell griff sie sich den schweren dunklen Wollumhang und legte ihn sich um die Schultern. Sorgsam achtete sie darauf, sich die Kapuze tief in die Stirn zu ziehen, damit keine verräterische blonde Haarsträhne ihr Vorhaben zunichtemachen konnte.
Ganz leise öffnete sie die Tür ihres Gemachs und lauschte hinaus auf den Gang, der zum Glück leer und verlassen vor ihr lag. Flink schlüpfte sie hinaus und lief zur steinernen Treppe, die in die große Halle führte. Eng an die Wand gedrückt schlich sie die Stufen hinunter und verharrte knapp vor dem Durchgang zum Burgsaal, in dem abends die Tische zur Seite geschoben wurden und der den unverheirateten Männern als Schlafstätte diente. Sie hoffte inständig, dass Cedric noch im Stall war, denn wäre er bereits hier inmitten der schnarchenden Meute würde sie ihr Vorhaben, ihn ungestört zu treffen, gleich wieder vergessen können.
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt, ermahnte sie sich und lief los. Es war nur ein kleines Stück, das sie in der Halle zurücklegen musste, denn sie bog schnell in Richtung Küche ab, huschte durch das Reich der Köchin auf dem Weg zu einer schmalen Tür, die den seitlichen Eingang der Burg markierte. Ihre Finger zitterten, als sie den eisernen Riegel beiseiteschob; sie betete, dass niemand das Quietschen gehört hatte. Schnell schlüpfte sie durch das hölzerne Tor ins Freie und lief an der Burgmauer entlang in Richtung der Ställe.
***
Cedric half, die Pferde zu versorgen, denn er brauchte ein wenig Zeit, um Ordnung in seine Gedanken zu bringen. Und das konnte er am besten allein, wenn sich alle anderen bereits für die Nacht zurückgezogen hatten. Mit Stroh rieb er die Tiere trocken wobei die gleichmäßigen Bewegungen ihn eigentlich zur Ruhe bringen sollten, doch sie taten es nicht. Er konnte nicht aufhören, an Anne zu denken. Wie so oft.
Vielleicht sollte er den Earl bitten, ihn für einige Tage vom Dienst freizustellen. Er hätte schon längst mal wieder zu seinem Gutshof in Stentington reiten sollen, um nach dem Rechten zu sehen. Letztes Jahr hatte Lord Ashford ihn damit für seinen Einsatz im Kampf belohnt. Durch einen Verwalter ließ Cedric die Einkünfte aus Viehzucht und Ackerbau beaufsichtigen, aber ab und zu war es von Vorteil, selbst ein Auge auf die Buchführung zu werfen.
War er jedoch ehrlich zu sich selbst, wollte er nicht weg von hier. Von Anne. Er konnte sich nicht vorstellen, von ihr getrennt zu sein. Spätestens nach dem Kuss heute hatte sie ihn endgültig verzaubert. Der süße Geschmack ihrer Lippen machte ihn süchtig nach mehr.
Was sollte er nun tun? Der Earl würde sie ihm niemals zur Frau geben, war er doch im Adelsstand weit unter ihr.
Frustriert, da er auf die vielen Gedanken, die in seinem Kopf kreisten, keine Antworten fand, fuhr er sich durch die Haare und stieß entnervt die Luft aus. In dieser Nacht würde er wohl auch zu keiner Erkenntnis mehr kommen.
Genervt trat er ein Büschel Stroh zur Seite und machte sich auf den Weg hinüber zur Burg, vielleicht konnte zumindest sein Körper Erholung finden nach dem langen Ritt.
Gerade, als er den Burghof überquerte, erregte eine Bewegung in seinem Augenwinkel seine Aufmerksamkeit. Er versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen, doch es gelang ihm nicht. Er beschloss, noch etwas zu warten und sich zu versichern, dass seine Augen ihm nicht bloß einen Streich gespielt hatten. So lehnte er sich an die Wand und starrte in die Nacht.
Es dauerte nicht lange, da bemerkte er eine Gestalt, die, in einen dunklen Umhang gehüllt, zu den Ställen schlich. Was sollte das? Der Größe nach musste es sich um einen Jugendlichen handeln, wahrscheinlich einer von denen, die ständig nur Unfug im Kopf hatten. Wehe ihm, sollte er es wagen, die Pferde zu erschrecken! Cedric hatte keinerlei Verständnis für solchen Blödsinn und der Bursche würde sich wünschen, er wäre nie geboren worden. Geräuschlos setzte er sich in Bewegung und folgte dem Halbwüchsigen, der schmal mal gebaut und sicherlich einen ganzen Kopf kleiner war als er selbst. Kaum war er in den Stall getreten, schlich Cedric sich hinter ihn und packte ihn grob am Oberarm.
„Hab ich dich, du Bengel.“ Er vernahm deutlich ein erschrockenes Keuchen und flink wie ein Wiesel duckte sich der Bursche unter seinem Arm hindurch. Keinen Augenblick später spürte Cedric einen heftigen Schmerz an seinem Schienbein.
„Verflucht!“ Sogleich wollte er dem Übeltäter nachsetzen und ihn wieder einfangen, als dessen Kapuze nach hinten rutschte und er im Mondlicht, das durch die Tür hereinfiel, eine Flut an hellen Locken erkennen konnte, die sich über ein zartes Antlitz ergoss.
„Anne?“ Sofort blieb er stehen und starrte sie entsetzt an.
„O Cedric, Ihr seid es, dem Himmel sei Dank.“
„Seid Ihr wohlauf? Habe ich Euch wehgetan?“
„Nein, es ist alles in Ordnung. Ich habe mich nur erschrocken.“
Da schien Cedric sich wieder daran zu erinnern, dass sie mitten in der Nacht im Stall aufgetaucht war.
„Was tut Ihr hier? Seid ihr völlig verrückt geworden im Dunkeln hier draußen herumzuschleichen?“
„Nein, mein Verstand ist völlig klar. Ich war vorsichtig und habe dafür gesorgt, dass mich niemand sieht.“
„Nun, das hat ja bestens geklappt.“
Sie setzte bereits zu einer Antwort an, schien es sich aber anders zu überlegen. Stattdessen rieb sie sich über die Stelle an ihrem Oberarm, an der er sie zuvor gepackt hatte. Schuldgefühle durchströmten ihn und er verringerte den kurzen Abstand, der sie trennte. Behutsam schob er ihren Umhang zur Seite und ihren Ärmel etwas in die Höhe, sodass er die Stelle knapp oberhalb ihres Ellenbogens entblößte. Obwohl er es im Mondlicht nicht genau erkennen konnte, vermutete er, dass sich die roten Abdrücke seiner Finger deutlich auf ihrer zarten Haut abzeichneten.
„Vergebt mir“, flüsterte er, als er sanft über die geschundene Stelle strich. Als sie nickte, hob er vorsichtig ihren Arm und beugte sich darüber, um einen zarten Kuss auf die Striemen zu hauchen. Er fühlte Annes freie Hand an seinem Nacken, als sie ihre Finger in seinen Haaren vergrub und richtete sich auf, ohne sich aus ihrer Liebkosung zu lösen.
„Warum seid Ihr nicht in Eurer Kammer?“
„Ich wollte mit Euch sprechen.“
„Ist dies noch immer Euer Wunsch?“ Forschend sah er sie an, denn in ihrem Gesicht spiegelte sich eine Mischung aus Schüchternheit und Neugierde.
„Nein.“ Zart strich nun auch ihre andere Hand seinen Arm hinauf, berührten die Muskeln an seiner Schulter und wanderte seinen Nacken entlang, wo sie spielerisch durch seine Haare glitt. Bei keiner anderen Frau hatte er jemals so intensive Gefühle empfunden wie bei ihr. Nur Anne vermochte es, bereits durch so kleine Berührungen sein Innerstes in Aufruhr zu versetzen.
Als er sie im Stall erkannt hatte, hatte sein Herz ausgesetzt – wenn er nur daran dachte, was ihr alles hier draußen hätte geschehen können! Allein, ohne Schutz, und eine Horde sorgloser und wahrscheinlich betrunkener Ritter unweit entfernt.
Er betrachtete ihre anmutigen Züge. Im Mondlicht hatte ihre Haut einen hellen Glanz und ihr honigblondes Haar leuchtete silbrig. Bestimmt legte er seine Arme um ihre Taille und zog sie ganz nah an sich heran. Wie verführerisch sich ihre Rundungen anfühlten, als sie sich an ihn schmiegte. Er beugte sich zu ihr hinab und verschloss ihren Mund mit seinem. Sogleich teilte sie ihre Lippen und hieß ihn willkommen. Sie schmeckte süßer als jede Frucht und berauschender als der stärkste Wein. Als sie die Initiative ergriff und mit ihrer Zunge in seinen Mund eindrang, ihn erkundete und eroberte, raubte sie ihm damit den letzten Funken Verstand. Seit er ein Jüngling gewesen war, hatte er keine weichen Knie mehr durch einen Kuss bekommen, aber dies war nicht einfach nur ein Kuss. Es war, als würden ihre Seelen miteinander verschmelzen.
Sie drängte sich an ihn und ließ ihre Hände seinen Rücken hinabgleiten, schob sie unter seine Jacke und sein Unterhemd und zum ersten Mal fühlte er ihre Finger an der nackten Haut seines Oberkörpers. Obwohl sie kühl waren, zogen sie eine Spur aus Feuer hinter sich her. Er konnte nicht widerstehen und streifte ihren Umhang von ihren Schultern und ließ den Stoff achtlos ins Stroh fallen.
Zärtlich strich er ihre Haare nach hinten und beugte sich weiter hinab, um ihren Hals zu liebkosen. Anne keuchte voller Begierde in sein Ohr, was seinen Puls noch weiter antrieb. Er bedeckte ihre zarte Haut mit Küssen, leckte verführerisch darüber und atmete tief ihren süßen Duft ein. Je mehr er von ihr schmeckte, desto mehr wollte er sie. Mit all seinen Sinnen wollte er ihren Körper erkunden, wollte jede Stelle an ihr entdecken, sie küssen, riechen und überall streicheln. Er wollte ihren Atem tief in sich einsaugen und sich jedes verzückte Seufzen und jedes leidenschaftliche Stöhnen tief in seinem Gedächtnis einprägen.
Erneut suchte er ihre Lippen und verschloss sie mit einem Kuss. Tief drang er in ihren Mund ein, während seine Finger hinaufwanderten, um die sanfte Wölbung ihrer Brüste zu verwöhnen, die so perfekt in seine Hände passten. Als er über die aufgerichteten Spitzen strich, keuchte Anne reizvoll und er konnte den schnellen Schlag ihres Herzens durch den Stoff hindurch fühlen. Wenn er noch einmal diesen süßen Klang ihres Stöhnens vernahm, schwor er sich, er würde sie hier und jetzt auf der Stelle nehmen.
Bei diesem Gedanken gefror ihm das Blut in den Adern. Was tat er hier, um Himmels willen? Hatte er denn völlig den Verstand verloren?
Bestimmt löste er sich von ihr, musste Abstand zu ihr gewinnen, denn so nah bei ihr brachte er keinen vernünftigen Gedanken zustande.
„Cedric?“, hauchte sie atemlos. „Was hast du?“
„Wir müssen aufhören. Du hättest nicht herkommen sollen.“
„Ich ahne, was du vorhast dennoch bitte ich dich, tritt nicht mit Füßen, was uns verbindet.“
Verblüfft sah er sie an, kam erneut zu ihr und nahm zärtlich ihr Gesicht in seine Hände. „Wie könnte ich das? Ich bin dir längst verfallen. Schon seit unzähligen Monden gehört mein Herz dir allein. Ich möchte dich nur schützen. Sollte man uns hier erwischen, wäre dein Ruf ruiniert.“
„Dessen bin ich mir bewusst.“
„Bist du dir auch im Klaren darüber, was geschehen würde, würde dein Vater vermuten, ich hätte dich entehrt? Bestenfalls würde er dich in ein Kloster verbannen.“
„Und dich in den Kerker werfen.“
Cedric nickte. „Ich habe keine Angst vor dem Verlies. Ich fürchte weder Dunkelheit noch Hunger und Ratten. Das Einzige, das ich daran nicht ertragen könnte, wäre, nicht zu wissen, wo du bist.“
Voller Verzweiflung blickte sie zu ihm auf. „Was sollen wir nur tun? Eine Zukunft ohne dich ist für mich unvorstellbar.“
Er zog sie zu sich heran und hielt sie mit seinen Armen umfangen, als er ihr ein Versprechen gab: „Wir werden einen Weg finden.“
3
Einige Monate später, auf einem Waldweg in wildem Galopp
Tief beugte Anne sich über den Hals ihres dunkelbraunen Wallachs. Sein angestrengtes Schnaufen und der rhythmische Schlag seiner Hufe, dröhnten laut in ihren Ohren. Der Wind peitschte ihr ins Gesicht und ließ ihre blonde Mähne ungestüm fliegen, während die Bäume an ihnen vorbeijagten.
Wie sehr sie diese Ausritte liebte und das Gefühl der unendlichen Freiheit genoss! Dies war es eindeutig wert, sich von zu Hause wegzuschleichen und die langweiligen Näharbeiten oder Stickereien hinter sich zu lassen. Sie blickte über die Schulter nach hinten. „Wehe, du lässt mich wieder absichtlich gewinnen!“, rief sie Cedric zu.
„Das würde ich niemals wagen!“, hörte sie ihn kurz hinter sich und drehte sich herzlich lachend wieder nach vorne. Natürlich ließ er sie gewinnen und sie war sich dessen völlig bewusst, aber er würde es niemals zugeben.
Cedric. Sie liebte diesen Ritter von ganzem Herzen und sie hatte nicht vor, ihn jemals wieder freizugeben.
Vor einer Wegzweigung galoppierte er an ihr vorbei, nahm die Zügel in seine rechte Hand und deutete mit der anderen nach links. Sie wusste, was er meinte und freute sich, dass er den Weg zu der kleinen Lichtung mit dem eiskalten Bach einschlug.
Kurz vor der Waldwiese parierten sie die Pferde durch, wobei Aris, der dunkelbraune Wallach, den Cedric damals auf dem Frühjahrsmarkt gekauft hatte und der nun ihr liebstes Reittier war, immer etwas länger brauchte, bis er von so viel Bewegungsdrang wieder zu seiner gewohnten Gemütlichkeit zurückfand.
Cedric lachte herzhaft. „Ihr zwei benötigt eine Strecke zum Anhalten so lang wie von London bis nach Canterbury.“
„Lachst du uns etwa aus? Wage es ja nicht, schlecht über meinen Liebling zu sprechen!“, drohte sie ihm scherzhaft. „Da verstehe ich keinen Spaß!“
Er hob beschwichtigend die Hände. „Ich weiß, er steht außer Konkurrenz.“
Sie lenkte Aris neben seinen Hengst. „Du bist sein einziger Widersacher.“ Daraufhin beugte sie sich zu ihm hinüber und küsste ihn.
In gemütlichem Schritt ritten sie über die Lichtung zu dem Bach, an dem sie abstiegen und den Pferden Wasser und eine verdiente Pause gönnten. Während Anne sich von ihren Schuhen und Strümpfen entledigte und ihre Füße ins kühle Nass tauchte, begleitete sie das genüssliche Mahlen der Pferde, die sich nun an dem saftigen Gras bedienten. Glücklich lehnte sie sich an Cedric und kuschelte sich an seine Seite.
„Du hast dich verraten, mein Liebster. Indem du mich vorhin überholt hast, hast du bewiesen, dass dein Hengst doch nicht so langsam ist wie eine altersschwache Schnecke.“
Cedric grinste. „Ich hatte nur Glück.“
Sie glaubte ihm nicht, doch er beteuerte, dass ihr Aris viel leichter und wendiger wäre als sein schweres Streitross. Anne lachte über diese absurde Erläuterung und ihr Herz quoll über vor Liebe. Welches Geschenk des Himmels es doch war, hier diese Momente mit Cedric verbringen zu können. Seit Monaten ließ er sich, wann immer er konnte, ohne aufzufallen, als ihren Geleitschutz einteilen. Ihre verbotenen Gefühle füreinander waren rasend schnell zu aufrichtiger Liebe geworden.
Cedric stand unerwartet auf und zog sie mit sich hoch. Verständnislos wartete sie, was er vorhatte, doch er stand nur vor ihr und hielt ihre Hände in seinen.
„Anne …“ Sie sah den ernsten Ausdruck in seinen Augen. „Was ist denn los?“
„Du weißt, ich würde jederzeit mein Leben für dich geben.“
„Was bedrückt dich?“, erwiderte sie verstört.
„Ich möchte dich ehren, dir treu ergeben sein und dich stets beschützen. Anne, möchtest du mich heiraten?“
Überrascht schlug sie die Augen weit auf und warf sich dann stürmisch in seine Arme. „Ja!“, rief sie ohne zu zögern. „Natürlich will ich das.“ Lachend küsste sie ihn und obwohl sie vom Reiten verschwitzt war und das Kleid an ihr klebte, war sie noch nie zuvor glücklicher gewesen als in diesem Moment.
Als Cedric sie wieder zu Boden gleiten ließ und ihre nackten Füße das Gras berührten, schmiegte sie sich glücklich in seine Arme. Zärtlich strich er ihr eine feuchte Strähne aus dem Gesicht und sie schloss die Augen, um die sanfte Berührung seiner rauen Finger zu genießen.
„Was machen wir wegen meinem Vater?“, fragte sie an seine Brust gelehnt.
„Ich habe die letzten Wochen und Monate an nichts anderes gedacht und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es versuchen muss. Ich möchte meine Gefühle für dich in die Welt hinaus rufen und sie nicht einen Tag länger im Verborgenen halten.“
„Was wenn er zornig wird und uns seine Zustimmung verweigert?“
„Er wird mit Sicherheit vor Wut schnaufen und ich werde seine Strafe über mich ergehen lassen müssen. Sobald er sich beruhigt hat, bitte ich ihn erneut um deine Hand.“
„Wenn wir nicht heiraten dürfen, gehen wir zusammen fort. Irgendwohin, ganz egal. Vielleicht in eine große Stadt. Dann kann es uns niemand verbieten.“
Langsam schüttelte Cedric den Kopf. „Anne, du bedeutest mir alles, dein Glück ist das Einzige, was für mich von Bedeutung ist. Glaubst du ich könnte dich einer solch ungewissen Zukunft aussetzen?“
„Ich nehme jedes Leben glücklich an, das ich als deine Gemahlin an deiner Seite verbringen werde.“
Anne ahnte, dass sie ihn noch nicht überzeugt hatte. „Hast du etwas dagegen, wenn wir zuerst mit Mutter sprechen? Wenn uns jemand helfen kann, dann ist sie es und es kann ja nicht schaden, sie als Fürsprecherin zu gewinnen.“
Cedric stimmte ihr zu und sie planten ihre gemeinsame Zukunft.