Prolog
Irland, Kerry 450 n.Chr., nachts auf einer Lichtung, tief verborgen in einem dichten Wald.
„Michael, ich rufe dich.“ Aufgeregt schritt Morrígan auf der Lichtung umher. Nun war die Zeit gekommen.
Seit tausenden Jahren wurde sie von den Menschen angebetet und gefürchtet. Sie war die Göttin des Krieges, der Schattenwelt und der Nacht, Hüterin der Zaubersprüche und Flüche. Der Erzengel musste ihr einfach Gehör schenken.
„Komm zu mir und höre mein Angebot.“ Reglos blieb sie stehen und lauschte in die Nacht; nur der Mond schien hell über ihr und tauchte die Lichtung in silbriges Licht. Nichts geschah. Morrígan war eine Meisterin der Strategie, der Taktik und des Pläneschmiedens und sie war es nicht gewohnt, um Hilfe zu bitten. Von nervöser Anspannung gepackt, lief sie weiter hin und her, denn obwohl sie noch immer viel Ansehen genoss, hatte sie ein Problem. Ihre Macht begann zu schwinden, sie konnte es deutlich fühlen, denn immer mehr Menschen wandten sich von ihr ab, verloren die Furcht vor ihr und huldigten ihr nur noch halbherzig. Sie weigerte sich, ein Relikt vergangener Tage zu werden und dafür benötigte sie Michaels Hilfe. Älter als die Zeit selbst, verfügte er über unvorstellbar großen Einfluss. Michael, der mit seiner hünenhaften Statur, dem blonden Haar und den intensiven blauen Augen selbst wie ein Gott des Nordens wirkte.
„Sei gegrüßt, Morrígan.“ Überrascht drehte sie sich zu ihm um. Michael war tatsächlich gekommen. Mit der für ihn so typischen distanzierten Arroganz, stand er da, die Arme vor seinem ledernen Brustharnisch verschränkt, wodurch er das Wappen der Lichtgarde, seiner Kriegerelite, dessen Vorsteher er war, verdeckte. Doch sie kannte das Symbol. Erhaben und stolz hob sich das Abbild Michaels silbern vor dem schwarzen Untergrund des Leders ab. Es zeigte den Moment, als er mit weit ausgebreiteten Flügeln und erhobenem Schwert Luzifer besiegte und diesen aus dem Himmel verbannte.
Sie starrte ihn an. Es war nicht sein Äußeres, das sie seit jeher faszinierte, vielmehr war es die kühle Aura aus Stärke, Autorität und einer gewissen Rücksichtslosigkeit, die ihn umgab, und ihn in ihren Träumen erscheinen ließ. Wann immer sie die Einsamkeit nicht mehr ertragen konnte, suchte sie sich einen menschlichen Krieger von ähnlicher Statur, wohnte ihm bei und stellte sich dabei den Erzengel vor. Schnell verscheuchte Morrígan diese nutzlosen Gedanken und verbarg ihre Gefühle hinter einer ausdruckslosen Miene.
„Michael“, wandte sie sich sachlich an ihn. „Ich danke dir für dein Kommen und möchte dir etwas vorschlagen, von dem wir beide profitieren können.“
Der Erzengel sah sie mit hochgezogener Braue an. „Sprich weiter“, forderte er mit brüskem Ton, aber Morrígan ließ sich nicht einschüchtern. „Ich schlage dir ein Bündnis zwischen uns vor.“
„Was lässt dich vermuten, dass ich daran Interesse haben könnte?“ Sein kühler, herablassender Tonfall ließ etwas in ihr brodeln, aber sie ignorierte es, zu wichtig war es, ruhig und gelassen zu bleiben.
„Noch immer bin ich es, zu der menschliche Krieger beten und Hinterbliebene für die Seelen ihrer Verstorbenen bitten.“
Ein Ausdruck von Interesse und Neugierde huschte über sein Gesicht, aber er hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. „Selbst ernannte Gottheiten kommen und gehen schon seit Anbeginn der Zeit, aber eines haben sie alle gemeinsam.“ Er sah sie abweisend an. „So schnell wie sie erschienen sind, geraten sie auch wieder in Vergessenheit. Also sag mir: Was willst du wirklich?“
Morrígan überlegte. Nicht umsonst war sie die Königin der Strategie, so schritt sie zu ihm und legte ihre Hände auf seine verschränkten Unterarme. „Ein Bündnis mit mir wäre auch dir von Vorteil.“
Michael stand stocksteif da. „Wovon sprichst du?“
Morrígan nahm ihr Herz in die Hand und legte es ihm zu Füßen. „An deiner Seite könnte ich die Ewigkeit überdauern, und nicht bloß als eine Überlieferung in irgendwelchen Schriftrollen enden. Im Gegenzug bekämst du meine Krieger für deinen Kampf gegen Luzifer. Du weißt, dass ich die besten menschlichen Kämpfer, die auf dem Schlachtfeld gestorben sind, in meiner Schattenwelt bewahre.“
Michael nickte. „Das ist mir bewusst. Und ich weiß auch, dass du sie regelmäßig hervorholst, wenn es deinen Zwecken dienlich ist.“
Morrígan lächelte verschmitzt. „Natürlich mache ich das.“ In einer sanften Berührung ließ sie ihre Finger seine Unterarme entlang nach oben gleiten, strich zärtlich über seinen Bizeps und weiter hinauf zu den Muskeln seiner breiten Schultern. Sie wäre dazu bereit, viel dafür zu geben, seine starre Haltung zu durchbrechen. „Michael, nur zu gerne würde ich dir meine Krieger überlassen, denn ich wünsche mir diese Verbindung mit dir.“
Zu ihrer Überraschung legte er seine Arme um ihre Taille und zog sie enger an sich. Da wurde sie mutiger und berührte sein Gesicht, fuhr die Linie seines Wangenknochens entlang und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn. Sie konnte ihr Glück kaum fassen, als er seinen Kopf hinabsenkte und reckte sich ihm entgegen, war sie doch ein ganzes Stück kleiner als er. Kurz bevor seine Lippen ihre berührten, hauchte sie ihr Geständnis. „Michael, du und ich gemeinsam, das ersehne ich mir schon so lange.“
Michael war gerade auf dem Weg zu einem Treffen seiner Lichtgarde gewesen, den vier Befehlshabern seiner himmlischen Armee und deren besten Kriegern, als Morrígans Ruf ihn erreicht hatte. Obwohl ihm menschliche Gefühle im Grunde nichts bedeuteten, hatte er doch so etwas wie Neugierde verspürt. Bereits des Öfteren hatte er auf einem menschlichen Schlachtfeld einen Blick auf sie geworfen. Eine blasse Schönheit, mit Haaren so schwarz und glänzend wie das Gefieder eines Raben, Augen so dunkel wie strahlender Onyx und blutroten Lippen. Sie wirkte aufregend und faszinierend, während ihr Antlitz zumeist ein geheimnisvolles Lächeln umspielte.
Eigentlich hatte Michael keine Zeit für dieses Treffen und sollte die Sache hier beschleunigen, doch er tat es nicht. Er war fasziniert von der dunklen Schönheit Morrígans und konnte den Blick nicht von ihr abwenden, denn ihre faszinierende Ausstrahlung, eine betörende Mischung aus verführerischem Charisma und scharfem Verstand, hielt seine Aufmerksamkeit gefangen.
Wie von selbst legten sich seine Lippen auf ihre und ihr Kuss war berauschend. Ihr Mund war so weich wie eine Feder und lud ihn geradezu ein, erobert zu werden. Als er mit der Zunge in sie eindrang, seufzte sie genüsslich und verlangend, schmiegte sich an ihn und drängte ihren aufregenden Körper an seinen. Ihre Hände krallten sich in seine Haare und zogen seinen Kopf besitzergreifend zu ihr hinab. Sie wollte mehr und er gab es ihr. Seine Arme hielten sie umfangen und seine Hände erkundeten ihre aufregenden Rundungen. Ein großer Teil von ihm wollte sie. Doch da war noch ein anderer, dessen Stimme er immer stärker wahrnahm. Was um Himmels willen tat er hier? Er war innerlich zerrissen und konnte in ihrer Nähe nicht klar denken. Schnell beendete er den Kuss und zog sich zurück. Er musste Abstand zwischen sie bringen.
„Michael“, hauchte sie. „Gib uns eine Chance.“ Mit weit aufgerissenen Augen sah sie ihn an, und er konnte Sehnsucht in ihrem Blick erkennen. Ein Begehren, das er nicht erfüllen konnte. Besser, er brachte das hier zu einem schnellen Ende, bevor sie ihn noch mehr verwirrte, er hatte bereits mehr Aufgaben und Pflichten, als er zählen konnte.
„Ich bin der mächtigste aller Erzengel und Stellvertreter des wahrhaft Höchsten. Ich kann mich nicht auf dich einlassen, selbst ernannte Göttin.“
Eisige Kälte trat in ihren Blick. „Ich habe Fähigkeiten, auf die du nicht verzichten solltest.“
„Was könntest du schon haben, das mich interessieren könnte?“ Geringschätzend blickte er auf sie hinab.
„Ich gewinne Schlachten. Immerhin bin ich die Göttin des Krieges, millionenfach angebetet.“
„Du bist nichts weiter als ein Irrglaube der Menschen. Der Höchste lässt es zu, weil du keinerlei Bedeutung hast. Noch ein paar Jahrhunderte und du wirst vergessen sein.“
Erbost sog sie die Luft ein. „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen? Die Menschen folgen mir, obwohl ich eine Frau bin. Ich bin weder groß noch stark, dennoch habe ich mich durchgesetzt! Was glaubst du wohl, warum?“ Sie bohrte ihm den Zeigefinger in die Brust. „Ich rate dir, unterschätze mich nicht!“
Er packte ihre Hand und hielt sie wie in einem Schraubstock gefangen. „Du wagst es, mir zu drohen? Pass auf, denn du begibst dich auf einen gefährlichen Pfad, kleine, selbst ernannte Göttin.“
„Lass mich sofort los!“, fauchte sie. „Oder es wird dir noch leidtun!“
Michael lachte lautstark und hielt ihre Hand weiterhin fest. Morrígans Augen funkelten ihn voller Zorn an. „Deine Arroganz wird dir eines Tages zum Verhängnis werden. Möge es Jahrhunderte oder gar Jahrtausende dauern, doch sei gewiss, der Tag wird kommen. Und dann wird es mein Gesicht sein, in das du als Letztes blicken wirst!“
Michael lachte immer noch, führte ihre Hand an seinen Mund und hauchte einen Kuss darauf. „Ich freu mich drauf, kleine Göttin.“
Michael war verschwunden und hatte Morrígan einfach stehen lassen. Ihre Hände hatte sie zu Fäusten geballt und die Nägel bohrten sich in ihr Fleisch. Sie hatte sich Michael geöffnet und hätte ihm ihr Herz geschenkt und wie hatte er es ihr gedankt? Mit Hohn und Spott!
„Egal, was du behauptest, ich bin eine Göttin!“, rief sie aufgebracht in die Dunkelheit. „Aber du bist nur der jämmerliche Diener des Höchsten!“
Die Nacht schritt voran, doch der bittere Geschmack der Enttäuschung blieb. Ihr Traum war geplatzt und ihre Hoffnung unwiederbringlich zu Grabe getragen. Plötzlich keimte ein Gedanke in ihr, der schnell zu einem gefinkelten Plan heranreifte. Sie fühlte, wie neue Energie sie durchströmte, und ihr ein gerissenes Lächeln auf die Lippen zauberte. Energisch straffte sie die Schultern. „Luzifer, höre mich an, ich habe dir ein Angebot zu machen.“
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, stand er auch schon vor ihr. Sie musterte den Gefallenen Engel, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Er war eine kleinere, schmächtigere Version von Michael, doch es fehlte ihm an dessen natürlicher Autorität und kriegerischer Ausstrahlung. Auch seine Gesichtszüge waren weicher und weniger markant. Sie ließ sich nichts anmerken und bezwang den Schmerz in ihrer Brust, als sie an Michael dachte.
„Ich bin gespannt, was du zu sagen hast. Ich habe schon viel von dir gehört.“
„Was wäre es dir wert, wenn ich Michael dazu bringe, vor dir zu knien?“
Luzifer sah sie erstaunt an und brach dann in Gelächter aus. „Das schaffe nicht einmal ich. Wieso sollte es ausgerechnet dir gelingen?“
Morrígan ließ sich ihren Ärger nicht anmerken. „Das wie muss dich nicht interessieren. Ich frage dich nur, was du bereit wärst, dafür zu geben.“
Da verstummte Luzifer und sah sie so durchdringend an, als würde er ihre Gedanken lesen. „Du hast den Ruf, eine beispiellose Strategin zu sein. Wenn dir dieses Meisterwerk gelingen sollte, ernenne ich dich zu meiner rechten Hand und Stellvertreterin.“
Morrígan dachte nach und nickte schließlich. „Bist du bereit, dies vertraglich festzuhalten und mit einem Tropfen deines Blutes zu besiegeln?“
Luzifer willigte ein und folgte ihr zu einer angrenzenden Hütte, wo sie ihre Übereinkunft auf Pergament festhielten.
1
1293, in der Grafschaft Kerry, im Südwesten Irlands, in einem dichten Wald.
Endlich zurück in ihrem Häuschen mitten im Dickicht, ließ Melanya sich erschöpft auf die Bank sinken. Die Kälte fuhr ihr bis in die Knochen und ließ sie erzittern, denn die Feuerstelle war schon längst erloschen. Ich muss dringend ein neues Feuer entzünden, dachte sie und blieb trotzdem sitzen. Mittlerweile war es dunkel und sie fühlte sich müde, doch gleichzeitig unsagbar glücklich. Sie hatte es geschafft. Der kleine Junge würde gesund werden. Die letzten drei Tage und Nächte hatte sie gegen die Krankheit gekämpft und diesmal hatte sie gewonnen. Das Fieber war gesunken und der tiefe, bellende Husten klang bereits ab.
Melanya strich sich eine widerspenstige rotbraune Locke aus der Stirn, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. In den letzten Tagen war sie nur kurz zurückgekommen, um bestimmte Kräutertinkturen, Teemischungen oder Runen zu holen. Hier in diesem Teil Irlands hatte der Glaube an die heidnischen Götter noch immer Tradition. Und sie spürte nicht nur die Macht der Runenzauber, sie hatte auch das Wissen, sie anzuwenden.
Während andere Mädchen miteinander in der Sonne gespielt hatten, war sie von ihrer Großmutter in den Künsten der alten Magie und des Heilens unterrichtet worden. Diese Unterweisung hatte die genaue Kenntnis sämtlicher Kräuter und Pflanzen beinhaltet, denn manche dieser Gewächse hatten sowohl heilende als auch tödliche Wirkung und deren Ernte erforderte spezielle Rituale. Melanya kannte die Zubereitung von Salben, Tinkturen, Teemischungen und Essenzen. Damit unterschied sie sich von keiner kräuterkundigen Frau irgendwo anders im Land. Doch sie trug Magie in sich. Sie spürte sie zu jeder Stunde des Tages in sich vibrieren, manches Mal sanft und dann wieder machtvoll und stark. Durch ihre Großmutter, Eleonora, besaß sie auch das alte Wissen, jene Kenntnis um die Macht der alten Götter und deren Zauber. Ihre Großmutter hatte größten Wert darauf gelegt, dass sie die Magie der Runen beherrschte. Die gute ebenso wie die dunkle. Doch hatte sie Melanya stets davor gewarnt, die schwarzen Zauber anzuwenden. Halte dich stets fern von den dunklen Mächten!, hatte sie noch am Sterbebett verlangt und Melanya hatte sich immer daran gehalten.
Sie sah sich in ihrer Holzhütte um. Sie war klein, denn sie bestand nur aus einem Raum, doch wirkte sie gemütlich und sauber. An den Wänden waren zahlreiche Regale mit unzähligen Tiegeln und Fläschchen darauf befestigt. Überall hingen Büschel von Kräutern von den Deckenpfeilern, die dort vor sich hin trockneten und in dem kleinen Raum eine frische, herbe Mixtur aus Gerüchen verströmten. Alles hier erinnerte sie schmerzhaft an ihre Großmutter, die einzige Verwandte, die sie gehabt hatte. Vor zwei Jahren hatte auch sie Melanya verlassen und war auf die andere Seite gegangen. Seither lebte sie allein und führte das Vermächtnis fort.
Was sie mit ihren nur zweiundzwanzig Jahren zu einer alten Jungfer machte.
Die anderen Frauen in ihrem Alter waren längst verheiratet, hatten bereits mehrere Kinder geboren und die meisten davon hatte sie, Melanya, selbst auf die Welt geholt. Sie hatte sie abgetrocknet, in eine Decke gehüllt und den Bruchteil einer Sekunde an sich gedrückt, bevor sie sie der Mutter übergeben hatte. Jedes Mal hatte sie dabei einen Stich in ihrem Herzen vernommen und die Leere in sich gespürt, denn sie würde niemals dieses Glück empfinden, hatten die Männer im Dorf doch leider Angst vor ihr. Sie befürchteten, dass sie sie für irgendwelche Vergehen mit einem Fluch belegen oder gar mit Impotenz bestrafen würde. Und Melanya hielt sich von ihnen fern, ahnte sie doch, wie schmal der Grat war, auf dem sie sich befand. Sie wusste, wie dankbar die Menschen, vor allem die Frauen im Dorf, für ihre Hilfe waren. Doch Garantie dafür, dass sie nicht irgendwann als Sündenbock für alles Mögliche würde herhalten müssen, gab es keine.
Sie seufzte resigniert und beschloss dann, dass das Hadern mit ihrer Einsamkeit nichts nutzte. Zumal es ohnehin nur einen einzigen Mann gab, dem ihr Herz gehörte. Der hatte aber leider noch nicht einmal Notiz von ihr genommen. Entweder wusste er nicht einmal, dass sie existierte, oder es war ihm schlichtweg egal. Melanya war sich nicht sicher, welche Möglichkeit sie trauriger stimmte.
Energisch schob sie die düsteren Gedanken fort und stand auf. Das Feuer im Kamin würde sich nicht von allein entfachen. Magie hin oder her, ohne Holz würde auch ihr Zauber nichts bringen. Die Suppe würde sich auch nicht von allein zubereiten und sie musste dringend etwas essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Danach würde sie die aufgebrauchten Tinkturen gegen Fieber und Husten herstellen und ihre Vorräte auffüllen.
Sie holte Wasser aus dem Bach, der gleich hinter ihrer Hütte verlief und füllte es in zwei Töpfe über dem Feuer. Einer war für ihre Suppe, in dem anderen kochte sie das Wasser ab, damit sie es später für ihre Arzneien verwenden konnte. Sie machte sich daran, das Gemüse, das sie in ihrem kleinen Garten selbst gepflanzt hatte, kleinzuschneiden und warf alles in den Kessel über der Feuerstelle. Das würde für diesen Abend genügen müssen. Dann holte sie sich den schweren Mörser und bearbeitete die getrocknete Weidenrinde mit dem Stößel. Eine schweißtreibende Aufgabe, doch sie duldete keinen Aufschub, denn sie musste stets genügend ihrer speziellen, fiebersenkenden Rezeptur aus Weidenrinde und Mädesüß vorrätig haben. Also hieb sie weiter auf die Rinde ein, um sie in ein feines Pulver zu verwandeln, als ein lautes Klopfen sie unterbrach. Erschrocken ließ sie den Stößel fallen.
„Melanya! Seid Ihr da?“, rief eine Männerstimme und sie eilte zur Tür. Als sie öffnete, sah sie sich zwei Männern, die sie ängstlich anblickten, gegenüber.
„Was ist geschehen?“
„Wir wissen es nicht. Wir waren gerade auf dem Rückweg von der Jagd. Unsere Pferde waren in langsamem Schritt unterwegs und plötzlich fiel er einfach hinunter.“
„Ja. Wie ein Sack Kartoffeln ist er einfach so heruntergekippt“, pflichtete der andere ihm bei und deutete nach hinten auf einen reglosen Körper, der kopfüber über einem Pferd lag. Doch in der Dunkelheit konnte Melanya nicht erkennen, um wen es sich handelte.
„Bringt ihn herein und legt ihn auf das Bett neben dem Feuer“, wies sie die beiden an. Als sie den bewusstlosen Mann an ihr vorbeitrugen, erkannte sie sogleich dessen blonden Schopf und der Schreck ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. O ihr Götter! Bitte nicht er!
„Kieran! Könnt Ihr mich hören?“ Er schwitzte und sein Gesicht war leichenblass. Nur seine Wangen oberhalb des Barts waren ungesund gerötet und stachen neben der fahlen Haut umso stärker hervor. Panik ergriff von ihr Besitz, denn so sah jemand aus, der hohes Fieber hatte. Angsterfüllt befühlte sie seine Stirn und erschrak, denn er glühte förmlich. Die Furcht um ihn lähmte sie beinahe, doch sie wusste, sie musste funktionieren. Also schloss sie kurz die Augen und sammelte sich.
„Ist noch jemand erkrankt?“, wandte sie sich an die beiden aber die schüttelten nur den Kopf.
„Das ist gut“, murmelte Melanya vor sich hin, somit konnte sie eine Vergiftung über die Nahrung oder das Trinkwasser ausschließen.
„Ist euch sonst noch irgendetwas aufgefallen, ist er vielleicht die letzten Tage schon anders gewesen?“
„Ja, er ist beim Training besiegt worden“, überlegte der eine.
„Das ist ungewöhnlich“, erklärte der andere. „Außerdem habe ich gesehen, wie er sich mehrmals an den Schwertarm gegriffen hat.“
„Er hat auch mehr geschwitzt als sonst. Und sich hingesetzt.“
Melanya nickte. „Dann zieht ihm das Hemd aus. Aber vorsichtig!“
Als die beiden ihm den Stoff von der Schulter schälten, kam eine hässlich infizierte Wunde zum Vorschein. Das Fleisch war dick mit schmierigem, grünlichem Eiter belegt und die geschwollenen Ränder waren gerötet und klafften weit auseinander. Sie hörte, wie die Tür geöffnet wurde, gefolgt von würgenden Geräuschen. Schnell warf sie dem zweiten Mann einen strengen Blick zu, der ebenfalls recht fahl im Gesicht aussah.
„Haltet Ihr das aus?“, fragte sie ihn sicherheitshalber. „Ich kann Eure Hilfe gut gebrauchen.“
Er nickte, sprach jedoch kein Wort mehr. Nun gut, dachte sie. „Holt mir die Baumwolltücher aus der Truhe dort drüben.“ Sie deutete mit dem Kopf in den hinteren Bereich der Hütte. „Und dann bringt mir noch den Krug dort oben links auf dem Regal.“
Der Mann tat wie geheißen und brachte die Utensilien, während sie bereits neben Kieran kniete. Geschickt tastete sie den Bereich um die Wunde herum ab, um zu fühlen, wie weit die Schwellung als Zeichen der Infektion bereits fortgeschritten war. Sie erschrak innerlich, denn das Schlimmste, was in einer solchen Situation eintreffen konnte, war geschehen. Sie befühlte nochmals die Wunde, doch leider irrte sie sich nicht. Der Wundgrund fühlte sich eigenartig weich an, als würde sie auf Teig drücken. Dies war ein sicheres Zeichen für eine Eiteransammlung darunter. Sie vermutete, dass die krankmachenden Säfte bereits die Blutbahn erreicht hatten und genau das bereitete ihr die größte Sorge, musste sie dadurch um Kierans Leben bangen. Ihr Götter, warum war er nicht schon viel früher zu ihr gekommen? Was mit einem Kratzer begonnen hatte, hatte sich mittlerweile zu einer lebensgefährlichen Blutvergiftung entwickelt. Doch Melanya würde nicht eher ruhen, bis sie die Krankheit besiegt hatte! Sie schwor sich, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihn zu retten. War dies doch der Mann, den sie schon ihr gesamtes Leben lang liebte.
„Ich muss die Wunde aufschneiden“, sagte sie mehr zu sich selbst. Doch dann fiel ihr ein, dass noch jemand neben ihm stand. „Wenn Ihr Euch das nicht zutraut, dann geht besser jetzt. Sobald ich einmal begonnen habe, werde ich keine Zeit haben, mich um Euch zu kümmern.“
Er nickte. „Ich schaffe das.“
„Gut. Dann bringt mir jetzt die Tücher, diesen Krug dort und noch heißes Wasser.“ Sie deutete auf die Feuerstelle links von sich. Er tat wie geheißen und Melanya stand auf und ging zu dem Regal, auf dem eine Schatulle aus kostbarem, poliertem Holz stand. Sie öffnete sie und holte ein kurzes, scharf aussehendes Messer hervor. Schließlich kniete sie sich wieder neben Kieran und deutete ihrem Helfer, sich neben ihr zu platzieren.
Sie ließ etwas von der Flüssigkeit aus dem Krug über ihre Hände und die Klinge rinnen und tränkte mehrere kleine, viereckige Baumwolltücher damit. Sogleich stieg ihr der stechende Geruch von Essig in die Nase, den sie mit Salbei, Thymian, Rosmarin und Lavendel angesetzt hatte, damit die reinigende Wirkung durch die Kräuter noch verstärkt wurde. Dann strich sie damit über die Wunde und begann, sie erst einmal vom Gröbsten zu reinigen. Tuch um Tuch tränkte sie und sorgte sich umso mehr, als Kieran nicht das geringste Lebenszeichen von sich gab. Immer wieder überprüfte sie, ob er tatsächlich noch atmete. Viel lieber wäre ihr gewesen, er hätte geschrien und sich gewunden, musste diese Prozedur doch höllisch brennen. Doch diese Regungslosigkeit war es, die sie am meisten fürchtete.
Nachdem sie die oberflächliche Schicht Eiter abgewaschen hatte, konnte sie die Verletzung genauer inspizieren. Was sie über alle Maßen beunruhigte, war die Tiefe der Wunde. Denn sie drang weit in das Fleisch von Kierans Schultermuskel. Sie musste nicht nachfragen, sie wusste auch so, dass es sich um eine Verletzung durch ein Schwert handelte.
„Bereit?“, fragte sie ihren Helfer. „Seht am besten nicht hin.“ Dann wandte sie sich wieder ihrer Aufgabe zu und versuchte, alle anderen Gedanken auszublenden. Sie durfte nun nicht daran denken, was sie hier eigentlich tat und vor allem, bei wem. Sie konzentrierte sich einzig auf die Wunde, denn würde ihr Blick nun zu seinem Gesicht wandern, würden ihre Hände wie Espenlaub zittern. Hier lag der Mann, dem ihr Herz gehörte, ohne Bewusstsein und dem Tod näher als dem Leben. Doch sie durfte nicht an das volle Ausmaß denken und atmete mehrmals tief durch, als sie die Klinge an Kierans Fleisch setzte. Konzentriert schnitt sie und sofort triefte dickflüssiger und übelriechender Eiter heraus. Mit dem stumpfen Ende des Messers drang sie nun in die Wunde hinein und drehte es quer. Sie konnte dadurch die Wundhöhle offen halten und der Eiter ungehindert fließen.
„Reicht mir die getränkten Tücher“, forderte sie, als der Fluss verebbte. Vorsichtig stopfte sie die Tupfer in die Wundhöhle, um jeden Rest an Eiter herauszuholen. Sie hörte ihren Helfer erneut ächzen, doch kümmerte sie sich nicht darum, vielmehr erschreckte es sie, dass Kieran auch von dieser Prozedur nichts mitbekam. Seine Bewusstlosigkeit war tief; schnell schob sie den beängstigenden Gedanken beiseite und arbeitete konzentriert weiter. Zuletzt schnitt sie einen schmalen Streifen von einem frischen Tuch ab und legte ihn in die Wundhöhle hinein, wobei sie ein Stückchen herausragen ließ. Es würde dafür sorgen, dass die Wunde nicht sogleich zusammenwuchs und eventuell neu gebildeter Eiter abfließen konnte. Sie würde den Streifen bei jedem Verbandswechsel erneuern, bis die Wunde sauber wäre und zuheilen konnte.
„Wisst Ihr, wann er sich verletzt hat?“, fragte sie ihren Helfer, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen.
Er verneinte und sie vermutete, dass Kieran schon länger damit herumgelaufen sein musste. Eine Blutvergiftung geschah nicht über Nacht. Warum hatte er sich nicht schon früher von ihr helfen lassen? Doch sie kannte die Antwort. Männer kamen nicht freiwillig zu ihr, schließlich hatten sie Angst vor ihren Hexenkräften. Frauen nahmen ihre Dienste aus Sorge um ihre Liebsten in Anspruch, somit waren zumindest die verheirateten Männer versorgt. Doch zu den Junggesellen wurde sie erst gerufen, wenn es schon beinahe zu spät war.
„Hornochse“, murmelte sie vor sich hin. „Stures, überhebliches Mannsbild.“
„Was habt Ihr gesagt?“
Melanya sah erschrocken auf. Sie hatte den zweiten Mann in ihrer Hütte doch glatt für einen Moment vergessen.
„Nichts. Bringt mir den dritten Tiegel von rechts im zweiten Regal von oben“, wies sie ihren Helfer an, ohne ihren Blick von Kieran abzuwenden. Das Tongefäß wurde ihr gereicht und sie öffnete es. Darin befand sich eine Paste, die sie nach einem uralten Rezept aus Honig, Wegerich und frischem Knoblauch, vermischt mit Essigwein und dem Saft einer Zwiebel, hergestellt hatte. Während der Zubereitung hatte sie unentwegt ein Gebet der alten Druiden gesungen.
Sie verteilte die Paste gleichmäßig auf der Wunde und befestigte einen Verband aus Baumwollstreifen darum. Dann stand sie auf und ging zum Tisch, dankte den Göttern, dass ihr Pflichtbewusstsein ihre Erschöpfung besiegt und sie zuvor die Weidenrinde zermahlen hatte. Sie gab etwas Pulver in einen Becher und fügte noch einige Blüten von Mädesüß hinzu. Darüber goss sie heißes Wasser und ging wieder zu Kieran.
„Holt mir frisches Wasser aus dem Bach“, bat sie ihren Helfer. Dieser tat wie aufgetragen und eilte zur Tür hinaus.
Melanya tauchte ein sauberes Tuch in den Tee und beträufelte damit Kierans Lippen. Ihr Herz war von Furcht umklammert, denn er zeigte keinerlei Reflexe, die Arznei abzulecken. Doch sie musste es schaffen, das Fieber zu senken.
„Helft mir, seine Hose auszuziehen“, befahl sie ihrem Helfer, der wieder zurückgekommen war. Er nickte und machte sich daran, Kieran zu entkleiden. Melanya redete einfach weiter, denn es beruhigte sie. „Er glüht. Ich muss versuchen, das Fieber zu senken. Also werde ich ihm Wadenwickel machen.“
„Das macht Eileen bei unserem Sohn auch immer.“
„Dann seid Ihr Finns Vater?“, schlussfolgerte sie, doch sie konnte sich nicht an seinen Namen erinnern.
Er nickte. „Ihr habt ihn auf die Welt geholt.“
Natürlich habe ich das, dachte sie. Wie all die anderen Kinder des Dorfes auch. „Ja. Und ich habe Eurer Frau gezeigt, wie sie die Wadenwickel machen soll.“
„Wenn jemand Kieran retten kann, dann seid Ihr es, Melanya.“
Sie nickte nur, was hätte sie auch sagen können? Dass der Mann, dem ihr Herz gehörte, hier bewusstlos vor ihr lag und sie keine Ahnung hatte, ob sie den Kampf um sein Leben gewinnen konnte? Ihr war zum Weinen zumute und sie war nur knapp davor, die Nerven zu verlieren. Doch dann blickte sie in Kierans Gesicht. Trotz seiner Sonnenbräune war er bleich und seine blonden Haare klebten verschwitzt an ihm. Von seiner selbstbewussten Stärke, die er sonst stets versprühte, war nichts mehr übrig. Sie kniete sich wieder neben ihn und strich ihm eine Haarsträhne aus der Stirn, legte ihre Hand an seine Wange und spürte zum ersten Mal, wie es sich anfühlte, als Frau und nicht als Heilerin den Mann zu berühren, den sie liebte.
Seine Augen waren geschlossen, doch sie wusste auch so, dass sie das schönste Blau hatten, das sie jemals gesehen hatte. Nicht stechend hell, sondern von einem tiefen, beinahe violetten Farbton, wie die Blüte einer Kornblume. Auch ohne dass er lächelte, kannte sie die Grübchen, die sich in seinem Gesicht bildeten, selbst wenn dieses Lächeln niemals ihr gegolten hatte. Panik stieg in ihr auf. Was, wenn sie es nicht schaffen würde, ihn zu retten? Was, wenn niemals wieder ein spitzbübisches Grinsen seine Züge erhellen würde? Doch sie ermahnte sich schnell zur Vernunft. Sie durfte sich nicht von ihren Gefühlen überwältigen lassen. Die Verantwortung für Kierans Leben lag nun in ihren Händen und sie durfte sich nicht von ihrer Angst lähmen lassen. Ihre Liebe zu ihm verlangte es, dass sie ihre Panik tief in sich vergrub und um sein Leben kämpfte. Und genau das würde sie tun. Sie würde nicht aufgeben! Niemals!
Sie holte ein weiteres Laken aus der Truhe und riss es in Bahnen. Dann nahm sie den Eimer mit dem frischen Wasser, tränkte den Stoff darin und träufelte ein wenig Essig darüber, danach wickelte sie den Stoff um Kierans Waden. Mit einem weiteren Tuch begann sie behutsam, seine glühende Haut zu waschen, um seinen Oberkörper zu kühlen. Sie war hochkonzentriert und arbeitete gewissenhaft. Nur um seine Scham lag züchtig die Decke.
„Kann ich noch etwas tun?“, holte sie die Stimme ihres Helfers aus der Konzentration. Sie schüttelte den Kopf, wandte jedoch den Blick nicht von Kieran ab. Kurz darauf hörte sie Schritte und eine Tür, die ins Schloss fiel. Dann herrschte Stille. Endlich, dachte sie, denn nun konnte sie das tun, wofür sie nur ungern Zeugen hatte.
Die alten Mächte um Hilfe bitten.
2
Obwohl sie nichts Böses tat, praktizierte sie diese Rituale immer nur, wenn sie allein war. Es war eine Sache, dass die Dorfbewohner wussten, dass sie die alten Riten beherrschte, doch es war eine ganz andere, dabei zu sein. Sie schätzten sie für ihr Wissen und ihre Hilfe, doch sie hatten auch großen Respekt vor den Zaubern, die Melanya beherrschte. Also praktizierte sie sie nur, wenn sie mit dem Kranken allein war.
Sie holte die benötigten Utensilien und reihte sie neben sich auf, entzündete eine kostbare Kerze aus Bienenwachs an dem Feuer im Kamin und stellte sie auf eine Truhe, die neben Kierans Lager stand. Mit geschlossenen Augen kniete sie sich erneut neben ihn und klärte ihre Gedanken, löste sich von allem Irdischen und stellte sich vor, wie die spirituelle Kraft der Götter sie durchströmte. Tatsächlich konnte sie an dieser Stelle stets fühlen, wie ihre Magie sich von dem ständigen zarten Vibrieren zu einem kraftvollen Prickeln steigerte. Ihre Großmutter hatte immer davon gesprochen, welch mächtiges Werkzeug Melanya einmal sein würde, doch sie hatte nie verstanden, was genau die Ältere damit gemeint hatte.
Dann öffnete sie die Augen und griff nach ihrem Dolch. Damit umschrieb sie einen Kreis in der Luft um Kierans Körper herum und rief die vier Elemente an, ihm Kraft zu schenken. Nun kam der Teil, an dem sie sich an die Götter wandte. Dana, die große Göttin Muttererde, aus deren Schoß alles Leben entstand, bat sie um genügend göttliche Energie, um die Krankheit zu besiegen. Sie wandte sich an Dagdu, den Gott des Todes und der Wiedergeburt und flehte ihn an, Kieran zu verschonen und ihn weiterhin unter den Lebenden verweilen zu lassen.
Dann wandte sie sich an Brigid und Bel, die Schützer der Heilkunst, bat um das Wissen und die Fähigkeiten, die sie brauchen würde, um Kieran auf seinem schweren Weg zur Genesung zu helfen.
Sie bat die Götter um Führung sowie Klarheit und griff in einen kleinen Lederbeutel. Drei Runen würde sie nacheinander herausholen, um den Verlauf von Kierans Zustand abschätzen zu können.
Krankheit und Schmerz lagen bereits in Runenform vor ihr. Erneut griff sie in den Beutel und zögerte lange, sich für einen Stein zu entscheiden, stand er doch für die mögliche Zukunft. Doch dann fühlte sie das bekannte Kribbeln in den Fingerspitzen, als sie den richtigen berührte. Sie zog ihn heraus und hielt ihn in ihrer Faust umschlossen, denn sie hatte Angst, draufzusehen. Langsam öffnete sie ihre Hand – und erschrak.
„Nein!“ Es war das Symbol für den Tod. Auf ihrer blassen Haut brannte es sich förmlich ein, denn die Götter sprachen in deutlichen Zeichen. Krankheit, Schmerz und Tod. Das würde sie niemals zulassen! Und wenn es das Letzte wäre, was sie tun würde, sie würde es schaffen! Kieran würde leben und sie würde nicht eher ruhen, bis sie ihn ins Leben zurückgeholt hatte!
Sie schüttete den Inhalt des Beutels auf dem Boden vor sich aus und suchte nach drei bestimmten Runen. Als sie die Steine mit den eingeritzten Zeichen gefunden hatte, hob sie diese auf und reihte sie auf Kierans Brustkorb entlang des Brustbeins auf. Die erste stand für Kraft und Stärke. Die zweite für die Überwindung von Leid und die dritte für Heilung. Dann holte sie aus einer Truhe ein Amulett, es war rund und bestand aus vier ineinander verschlungenen Knoten. Sie standen für die Elemente als Zeichen der machtvollen Kräfte der Natur.
Sanft hob sie seinen Kopf an und legte es ihm um. Dann platzierte sie ihre flache Hand darauf und schloss die Augen. Sie brauchte weder das Buch, das von magischer Generation zu Generation weitergegeben wurde, noch die ergänzenden Anmerkungen ihrer Großmutter. Eleonora hatte dafür gesorgt, dass Melanya alle wichtigen Rituale und Sprüche auswendig beherrschte. Mit ruhiger, aber bestimmter Stimme sprach sie den uralten Zauber für Genesung.
„Ich rufe Euch, Ihr Mächte der Natur.
Erhöret mich, denn ich erflehe Eure Hilfe.
Durch die Kraft des Himmels
und das Licht der Sonne,
durch den Strahl des Mondes
und die Macht des Feuers,
durch die Eile des Blitzes
und die Schnelle des Windes,
durch die Tiefe der Meere
und die Festigkeit der Erde,
durch die Härte des Felsens
und die Macht der Götter,
wird der Träger dieses Amuletts genesen.“
Dann setzte sie sich auf ihre Fersen und besang mit glockenheller Stimme die heilenden Kräfte der Natur. In einer alten, längst vergessenen Sprache sang sie die Gebete des Rituals und ließ den Göttern keinen Zweifel an ihrer Absicht.
Zum Abschluss kamen die Opfergaben. Dem Element Erde opferte sie Kräuter ihres Vorrates, die sie in eine Schüssel gab. Dem Wasser opferte sie, indem sie einen Schluck Wein darüber schüttete. Der Luft gedachte sie, indem sie ein Büschel getrockneten Salbei vom Deckenbalken abschnitt und damit räucherte. Sie hatte dieses Kraut gewählt, damit sie gleichzeitig die Luft von der Krankheit reinigen konnte. Als Letztes erbrachte sie dem Element Feuer ein Opfer, indem sie das übrige Räucherwerk und den Inhalt der Schüssel in die Flammen des Kamins schüttete.
Erneut fühlte sie Kierans Stirn, noch immer war sie heiß. So machte sie sich gleich daran, die Wadenwickel zu wechseln, und wusch ihn erneut mit frischem, kühlem Wasser. Als sie damit fertig war, setzte sie sich auf die Bank neben dem Feuer und betrachtete ihn. Für den Moment konnte sie nicht mehr viel tun und den Verband würde sie erst in einigen Stunden erneuern.
Als ihr Magen knurrte, beschloss sie, einen Teller Suppe und ein Stück Brot zu essen, aber sie brachte kaum einen Bissen herunter. Mit reiner Willenskraft, um selbst bei Kräften zu bleiben, würgte sie Löffel für Löffel hinunter. Ihr Blick hing an dem reglosen Kieran. Ab und zu hatte sie sich erlaubt, von ihm zu träumen. In ihrer Fantasie waren auf einer Lichtung im Wald gewesen, umgeben von blühender Blütenpracht, dem fröhlichen Gesang der Vögel und dem sanften Plätschern des Baches und hatten sich geliebt. Sie wusste, was Mann und Frau miteinander verband, zumindest in der Theorie, denn sie hatte einmal ein Paar dabei beobachtet. Es war im Lichtschein in einer Nacht des vollen Mondes gewesen. Manche Kräuter mussten dem alten Wissen nach in dieser speziellen Stunde geschnitten werden und regelmäßig strich sie in diesen besonderen Nächten durch den Wald. Da hatte sie die beiden gesehen. An dem Ufer des Baches. Das silberne Licht des Mondes hatte ihr die im Liebesspiel verschlungenen Körper offenbart und ihr gezeigt, was es bedeutete, mit allen Sinnen zu lieben. Zum ersten Mal hatte sie die Liebe eines Mannes zu einer Frau gespürt. Sie hatte gesehen, wie ehrfürchtig er ihren Körper erkundet hatte und wie sehr ihr dies zu gefallen schien. Dann hatte er sich auf sie geschoben und sie hatte ihn zwischen ihren Schenkeln willkommen geheißen. Er hatte sie geliebt, stark, kraftvoll und leidenschaftlich. Der Akt hatte Melanya die Schamesröte auf die Wangen getrieben und gleichzeitig derartig fasziniert, dass sie nicht eine Sekunde lang hatte wegblicken können. Sie hatte das Verlangen in sich gespürt, das lustvolle Ziehen in ihrem Unterleib, das doch niemals befriedigt werden würde. Die ganze Zeit über hatte sie an Kieran gedacht und sich vorgestellt, wie er sie lieben würde.
Auch wenn sie die körperlichen Gefühle nicht nachempfinden konnte, wusste sie doch, wie es sich anfühlte, sein Herz an jemanden verloren zu haben. Wieder glitt ihr Blick zu Kieran. Sie konnte nicht widerstehen und ging zu ihm hinüber. Er hatte ein markantes Gesicht mit einer geraden Nase und einem ausgeprägten Kiefer, der durch den blonden Bart noch betont wurde. Seine schulterlangen, ebenfalls blonden Haare gaben ihm ein verwegenes, ungezähmtes Aussehen. Er war groß und breitschultrig, durch den jahrelangen Drill in der Kampfeskunst. Es gab kein überschüssiges Gramm Fett an seinem Körper und sie konnte nicht widerstehen, ihn zu berühren. Sanft strich sie ihm eine schweißnasse Haarsträhne aus der Stirn.
„Kieran, gib nicht auf. Du musst kämpfen!“
Zärtlich legte sie ihre Hand an seine kratzige Wange und sprach ihm weiterhin beruhigende Worte zu, die ihm in seinem Kampf gegen das Fieber Kraft spenden sollten.
Dann wusch sie ihn ein letztes Mal in dieser Nacht mit kühlem Wasser, wechselte seine Wadenwickel und bereitete sich dann ein Lager am Fußboden direkt neben ihm. Sie holte Felle und Decken und schürte dann noch einmal das Feuer im Kamin, damit Kieran nicht fror. Dann legte sie sich in ihr provisorisches Bett. Sie wusste, sie würde nicht schlafen, denn sie musste über ihn wachen. Sie schloss die Augen und lauschte jedem einzelnen seiner Atemzüge.