Leseprobe Die Bucht

Prolog

Copyright © 2023, Jackie Baldwin

 

Datum: 5. November (Feuerwerksnacht)

Uhrzeit: 22:32 Uhr (Mummy denkt, ich schlafe!)

Alter: acht Jahre, fünf Monate, dreizehn Tage (fast genau achteinhalb!)

Daddy hat wieder was Komisches getan. Ich meine, schlimmer als komisch. Eigentlich sollte ich hier nicht mal darüber schreiben, falls er dieses Tagebuch findet. Aber ich muss es einfach jemandem erzählen. Aber das kann ich nicht, also ist das hier das Nächstbeste.

Er hat wieder einen Hund getötet.

Dieser ist kleiner als der letzte, er hat kurzes braunes Fell und dünne Beine. Ich kenne ihn sogar. Er trägt so ein rosafarbenes Halsband und rennt immer weg, wenn die Dame ihn von der Leine lässt. Dann kommt er und bellt die Schaukeln an. Vielleicht hat Daddy ihn deswegen umgebracht, obwohl mir das nicht wie ein guter Grund vorkommt.

Ich weiß es nur, weil Feuerwerksnacht ist. Es gab ein großes Lagerfeuer auf der Wiese, und Daddy sagte, wir könnten hingehen, und er hatte extra Holz von den ganzen Bauarbeiten zum Verbrennen aufbewahrt. Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte mir das Holz ansehen, bevor es verbrannt wird. Ich finde es einfach komisch, dass es in einem Moment da ist und im nächsten nicht mehr. Als ob es einfach – verschwindet. Wohin verschwindet es? Mit den Hunden ist es ähnlich: In einem Moment sind sie lebendig und holen Bälle, wedeln mit dem Schwanz und bellen die Schaukeln an, und dann tut Daddy etwas, das ihnen das Lebendige wegnimmt, und dann sind sie nicht mehr wirklich da und werden ganz steif.

Also bin ich in die Garage geschlichen, wo Daddy das Holz aufbewahrte, obwohl er es mir verboten hat. Und da habe ich ihn gefunden. Zuerst war da dieser komische Geruch, ein Toter-Hund-Geruch, nehme ich an, und dann sah ich die Decke, und ich wusste sofort, was ich finden würde. Sie war irgendwie unter dem Holz eingeklemmt, am Boden des Anhängers, wo er alles gelagert hatte. Ich konnte sie nicht herausziehen, ohne das Holz zu bewegen, aber ich konnte sie ein wenig auswickeln, um einen Blick hineinzuwerfen.

Er hatte die Augen offen, als ob er wach wäre, aber die Augen haben sich nicht bewegt. Als ich die Decke ein Stück weiter zurückschlug, kam das ganze Zeug – das innere Zeug, meine ich – an den Stellen heraus, an denen er aufgeschnitten worden war. Es war so eklig.

Ich weiß nicht, was ich tun soll. Vielleicht sollte ich es jemandem sagen, weil es falsch ist, zu töten. Aber es ist nicht so, dass ich es jemandem sagen kann. Ich bin erst acht. Keiner wird mir glauben.

Jedenfalls hatte ich nicht lange Zeit, darüber nachzudenken, weil Daddy sagte, er müsse das Holz holen, um es auf das Lagerfeuer zu legen, bevor sie es anzündeten. Ich glaube, er wollte allein gehen, aber Mummy musste zum Arzt, also musste Daddy mich mitnehmen. Er hängte den Anhänger ans Auto und wir fuhren zu der Stelle, wo das Lagerfeuer aufgebaut war, aber bevor irgendjemand anderes dort war. Daddy fuhr direkt ans Feuer und sagte mir, ich solle im Auto bleiben, weil es gefährlich sei und das Holz herunterfallen könne, aber das sagte er nur, damit ich nicht sehen würde, was er tat. Ich habe trotzdem durchs Fenster zugesehen.

Er lud die Hälfte des Holzes auf die Außenseite des Lagerfeuers, bevor er den toten Hund nahm, der noch in die Decke eingewickelt war, und ihn direkt in die Mitte des Holzstapels legte. Danach stapelte er den Rest des Holzes so darauf, dass man die Decke nicht sehen konnte. Als er dann wieder ins Auto stieg, pfiff er die Melodie von Die Simpsons vor sich hin.

Später kamen wir wieder, und es gab ein riesiges Feuer, größer als alles, was ich bisher gesehen habe. Nachdem es ein bisschen heruntergebrannt war, haben sie das Feuerwerk abgeschossen. Normalerweise hätte ich mich über ein Feuerwerk gefreut, aber diesmal nicht. Stattdessen habe ich über den Hund nachgedacht und darüber, was passiert, wenn Daddy irgendwann dasselbe wie mit den Hunden macht, aber mit Menschen.

Was ist, wenn er es irgendwann mit mir machen will?

Teil 1

Erica Sands

Eins

Detective Chief Inspector Erica Sands saß an ihrem Schreibtisch und las, während sich das Murder Investigation Department, kurz MID genannt, um sie herum langsam leerte.

Es war nicht ungewöhnlich für die Beamten der Mordkommission, bis in die Nacht hineinzuarbeiten, vor allem wenn sie gerade an einem hochkarätigen oder prioritären Fall arbeiteten, aber an diesem Abend gab es wenig zu tun. An diesem Tag hatten sie den Geburtstag von zwei Kollegen gefeiert – von einem der Junior Detectives und von DI Lindham, dem stellvertretenden Leiter der Einheit und somit Sands’ Stellvertreter. Außerdem war es Freitagabend, und die meisten freuten sich, endlich mal abschalten zu können. Doch das ungezwungene Geplauder darüber, in welchen Pub sie gehen wollten (das George Inn am Poole Quay war der Favorit), verstummte, als die Gruppe an Sands’ Schreibtisch vorbeikam.

Um acht Uhr war sie schließlich allein im MID und versuchte, sich auf die Details des Falles vor sich zu konzentrieren, aber ihre Gedanken wanderten immer wieder zu den beiden Telefonen auf ihrem Schreibtisch, von denen keines geklingelt hatte.

Sie warf einen Blick auf ihr Handy, dann überprüfte sie das Festnetztelefon, ob sie nicht eine hinterlassene Nachricht übersehen hatte. Hatte sie nicht.

Sie fuhr sich durchs Haar – dunkel, mittellang, glatt – und trommelte dann mit den Fingern auf den Tisch. In dem Versuch, ihre Anspannung zu lindern, atmete sie tief ein, aber es half nicht. Also nahm sie die Akte wieder zur Hand und ärgerte sich über ihre Unfähigkeit, sich darauf zu konzentrieren. Ihre Fingernägel waren unlackiert, kurz und gepflegt. Wie immer war sie ungeschminkt. Make-up aufzutragen und dafür zu sorgen, dass es den ganzen Tag lang akzeptabel aussah, kostete Zeit, und Zeit war das, was sie am meisten schätzte.

Plötzlich wurde die Stille im Raum vom Klingeln eines Telefons durchbrochen – aber nicht von einem auf ihrem Schreibtisch. Mit finsterem Blick drückte sie eine Taste auf ihrem Telefon, um den Anruf zu sich umzuleiten. Es war nichts Wichtiges, nur ein nahe gelegenes Leichenschauhaus mit einer Nachfrage, um die sich einer ihrer Beamten vor Feierabend hätte kümmern sollen. Mit dem betreffenden Fall hatte sie selbst nicht direkt zu tun, dennoch konnte sie die Fragen des Rechtsmediziners beantworten – in einem knappen, ungeduldigen Ton. Er hatte sich noch nicht einmal fertig bedankt, da hatte sie bereits aufgelegt.

Sie wandte sich wieder der Fallakte zu. Es war eine Zusammenfassung der Beweise, die fünfundzwanzig Jahre zuvor im Zusammenhang mit dem Ertrinken eines zwölfjährigen Jungen gesammelt worden waren. Der Vater des Jungen behauptete, es sei ein Badeunfall in einem Steinbruchsee gewesen, aber an der Leiche gefundene Spuren hatten Zweifel geweckt. Es hätte sich um die üblichen Beulen und Kratzer handeln können, die sich jeder abenteuerlustige Zwölfjährige zuzog. Oder es hätten Anzeichen von Misshandlung sein können. Da es jedoch keine weiteren Zeugen gegeben hatte, war der Tod als Unfall eingestuft und keine Anklage erhoben worden. Sands’ Aufgabe – die rein selbst auferlegt war, denn niemand hatte sie gebeten, die Akte einzusehen, oder wusste auch nur, dass sie diese las – bestand darin, zu überprüfen, ob der Name des Vaters in den vergangenen Jahren bei anderen verdächtigen Todesfällen oder Beschwerden aufgetaucht war oder ob es andere Aspekte des Falles gab, die man mithilfe der inzwischen fortgeschritteneren Technologie zur Verbrechensaufklärung erneut untersuchen könnte. Als sie nach einer halben Stunde nichts gefunden hatte, wollte sie sich schon der nächsten Akte zuwenden, einer von dem Stapel, der sich auf einer Seite ihres Schreibtischs türmte. Doch dann klingelte ihr Handy.

Anstatt sich wie zuvor darauf zu stürzen, schaute sie auf das Display, und ein dumpfes Gefühl machte sich in ihrem Magen breit. Sie nahm das Handy und hob ab.

„Detective Sands? Hier ist Dr. Hannigan.“

„Ich höre.“

„Chief Superintendent Yorke hat mich gebeten, Sie auf dem Laufenden zu halten, wie Sie, glaube ich, wissen …“

„Ja. Ich höre.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung zögerte. „Ich fürchte, es sind keine guten Nachrichten.“

Diesmal sagte Sands nichts. Ihr Mund fühlte sich trocken an.

„Ich glaube, er hat Ihnen die Situation Ihres Vaters erklärt? Leider hat sich sein Zustand weiter verschlechtert, und er wurde auf die Intensivstation verlegt.“ Er hielt erneut inne.

„Und?“

Der Arzt schien seine nächsten Worte mit Bedacht zu wählen. „Wir hatten gehofft, dass sich sein Zustand dadurch bessern würde, aber das ist leider nicht der Fall. Tatsächlich haben wir eine zunehmende Verschlechterung festgestellt.“ Diesmal wurde das Zögern von einem Seufzen begleitet. „Ich glaube, wir sind jetzt an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch einen möglichen Ausgang gibt. Es tut mir leid.“

„Welchen Ausgang?“

Der Arzt zögerte wieder. „Was ich meine, ist, sein Körper versagt. Detective Sands, es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Vater im Sterben liegt.“

Stille trat ein. Aber gerade als der Arzt sie brechen wollte, ergriff Sands das Wort. „Wie lange noch?“

Es gab ein weiteres Zögern, diesmal kürzer. „Wir rechnen eher mit Stunden als mit Tagen.“ Er seufzte. „Er war fit für sein Alter, aber bei diesem Virus geht es so schnell bergab. Wenn Sie sich persönlich von ihm verabschieden wollen, sollten Sie jetzt kommen. Und zwar sofort.“

Falls der Arzt danach noch etwas sagte, bekam Sands es nicht mehr mit. Der Raum um sie herum begann sich zu drehen und zu verschwimmen.

„Danke, Dr. Hannigan“, unterbrach sie ihn einige Augenblicke später, als sie merkte, dass er immer noch am Reden war und ihr die Einzelheiten erklärte, wie sie ihren Vater besuchen konnte. Sie legte auf und starrte vor sich hin.

Ihre Augen waren auf den vertrauten Anblick des Büros gerichtet, jedoch ohne die Reihen von Computern, die Wände von Aktenschränken oder die Raumteiler zu sehen, die gleichzeitig als Pinnwände für Fotos und Zeitungsausschnitte dienten. Dann drehte sie den Kopf und blickte wieder auf die Aktenmappe, die offen vor ihr lag, mit den Fotos des toten Jungen, dessen Verletzungen hervorgehoben und geordnet waren wie eine Einkaufsliste. Plötzlich verspürte sie den überwältigenden Drang, von hier wegzukommen, von diesem Ort, an dem sie praktisch ihr ganzes Leben verbrachte. Schwer atmend raffte sie die Papiere zusammen, legte sie zurück in die Akte und steckte diese zusammen mit zwei weiteren in ihre Tasche – etwas leichte Lektüre für das Wochenende. Dann überprüfte sie ihren Schreibtisch, schaltete ihren Computer aus und ging schnellen Schrittes davon.

Sie nahm die Treppe. Das Reinigungspersonal, zwei Damen aus Venezuela, warf ihr einen Blick zu. Sie waren überrascht, aber dankbar, dass sie ausnahmsweise früher ging. Sie hatten schon vor langer Zeit gelernt, sich beim Staubsaugen des Büros nach Sands’ Zeitplan zu richten und sie nicht zu stören. Sie schritt ohne ein Wort an den Sicherheitsleuten am Empfang vorbei und nickte nicht einmal dem Wachmann zu, der die ganze Nacht die Stellung halten würde.

Sie ging hinaus auf den Parkplatz, schloss ihr Auto auf, einen Alfa Romeo in klassischem Rosso-Corsa-Rot, und stieg ein. Aber sie ließ den Motor nicht an. Stattdessen saß sie einfach da. Und starrte wieder mit leerem Blick vor sich hin.

Obwohl Sands gewusst hatte, dass sie eines Tages mit dem Tod ihres Vaters konfrontiert sein würde, hatte sie die Jähheit überrollt, mit der sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Erst vor drei Tagen hatte sie von seiner Krankheit erfahren, und erst heute hatten die Ärzte angedeutet, dass sie lebensbedrohlich sein könnte. Es ging zu schnell; sie wusste nicht, was sie fühlen sollte. Ihr ganzes Erwachsenenleben hatte sie mit zwei Gewissheiten über ihre Familie verbracht: Erstens, sie hatte nur noch ihren Vater – und zweitens, er war sicher hinter Gittern. Aber nun würde sich das alles ändern, jede Sekunde könnte es so weit sein, und sie hatte nicht genug Zeit, sich daran zu gewöhnen.

Ihre Hand wanderte zu ihrer Brust und ergriff das Medaillon, das dort hing – das einzige Schmuckstück, das sie trug. Ihre Finger strichen über das Metall und zeichneten ein Muster nach, das ihr so vertraut war, dass es sich in das Weißgold hineingegraben hatte. Sie verspürte den Drang, es zu öffnen, widerstand aber reflexartig. Selbst hier, in der Privatsphäre ihres Autos, wäre es nicht sicher.

Es gab Leute, die den Tod ihres Vaters bejubeln würden, das wusste sie. Er würde in der Presse erwähnt werden, selbst so lange nach seiner Verurteilung, und sie wären froh, ihn endlich los zu sein. Andere hingegen würden trauern. Er hatte seine Anhänger, selbst nach dem, was er getan hatte. Aber wie fühlte sie sich? Sie war sich nicht sicher. Trotz allem, was er getan hatte, war er ihr letztes verbliebenes Familienmitglied. Und wenn er fort war, würde sie wahrhaftig allein sein.

Plötzlich ließ sie das Medaillon fallen und beugte sich vor. Sie tippte die Adresse des Krankenhauses in das Navi des Autos ein und trommelte ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad, während es die Route berechnete. Das Display aktualisierte sich und zeigte ihr an, dass sie in einer Stunde und siebzehn Minuten im Krankenhaus sein könnte, in dem ihr Vater gerade im Sterben lag. Hannigan hatte alles so veranlasst, dass ihr der Zutritt gewährt werden würde. Sie griff zum Zündschlüssel und wollte ihn schon drehen. Aber sie hielt inne. Es war, als würden ihr Körper und ihr Geist in verschiedene Richtungen gezerrt, als würde sie gleichzeitig dazu gedrängt, dorthin zu fahren und es doch nicht zu tun.

Sie ergriff wieder das Medaillon, ihre Finger zeichneten dasselbe Muster nach. Sie wünschte, sie könnte mit jemandem sprechen, aber es gab niemanden. Ihre Kollegen schätzten ihre Polizeiarbeit sehr – dafür sorgte sie schon –, aber sie stand keinem von ihnen nahe. Wie sollte sie das auch?

Und dann, ohne groß nachzudenken, zog sie den Schlüssel aus der Zündung und öffnete die Tür. Sie nahm ihre Tasche, schloss den Alfa ab und ging los. Sie hatte keine Ahnung, wohin. Sie ging einfach drauflos. Zuerst in keine bestimmte Richtung, aber bald schon ungefähr in Richtung Stadtzentrum und dann in Richtung Kai, wo ihre Wohnung mit Blick auf den Hafen lag. Irgendwann wurde ihr bewusst, dass dies der erste Abend in ihren fünf Jahren beim MID war, an dem sie zu Fuß nach Hause ging. Das gab ihr ein Ziel, an das sie sich klammern konnte.

Es schien eine Art Festival im Gange zu sein, eine Veranstaltung zum Winterende, mit der das Stadtzentrum wiederbelebt werden sollte, wie ihr ein an einen Baum gehefteter Flyer verriet. Sie kam an einer Kirche vorbei, die in verschiedenen Farben beleuchtet war, und ein kleiner Springbrunnen spuckte mal mehr, mal weniger Wasser im Einklang mit Musik und Lichtern. Über dem Brunnen war für einen kurzen Moment der Mond zu sehen, bevor er aufs Neue hinter dahineilenden Wolken verschwand. Kleine Menschentrauben standen herum und sahen sich die Show an, während fahrbare Stände leuchtende Plastikspielzeuge an begierige Kinder verkauften. Sie ging an all diesem Trubel vorbei, ohne bemerkt zu werden und ohne ihn selbst zu bemerken. In Gedanken war sie – wenn überhaupt irgendwo – viele Jahre in der Vergangenheit bei einem anderen Kind, einem Mädchen, das nie wieder spielen würde, weil starke Hände sich um seinen Hals gelegt und das Leben aus ihm herausgewürgt hatten.

Sie kam an einer offenen Tür vorbei, an einem Gebäude, das als Kunstraum genutzt wurde. Sie war noch nie darin gewesen, hatte es nie auch nur bemerkt, aber an diesem Abend lockten das Licht und die Geräusche sie hinein. Im Erdgeschoss hingen vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotos der Stadt und des Kais an der Wand. Eine Handvoll Leute schlenderte herum, offensichtlich froh darüber, aus der Kälte herauszukommen. Sie stand vor den Exponaten und nahm nichts von dem Leben wahr, das sie abbildeten. Sie stieg die Treppe zu einem belebteren Raum hinauf und stellte sich vor eine Leinwand mit einem schwarz-blauen Mischmasch, das für sie wie eine Nahaufnahme von blauen Flecken und verfilzten Haaren eines Tatortfotos aussah. Aber sie sah das Bild nicht wirklich. An diesem Abend wollte sie sich einfach mit irgendetwas anderem beschäftigen als mit ihrem eigenen Leben.

„Es sind die Pinselstriche, nicht wahr?“ Eine Stimme ertönte links von ihr. Sie riss den Kopf herum und erblickte einen Mann, der sie anlächelte. Er war ein paar Jahre jünger als sie, und selbst in ihrem benebelten Zustand fiel ihr auf, dass er gut aussah.

„Sie fangen wirklich das Wesen ein von …“ Er beugte sich vor und las mit sarkastischer Stimme die Beschriftung unter dem Kunstwerk: „Dem Wind in den Blättern. So originell und …“ Er schüttelte den Kopf, als wäre er sprachlos angesichts des Talents des Künstlers. „Einfach brillant.“

Sands erwiderte nichts und wandte sich wieder dem Gemälde zu. Aber der Mann gab nicht auf.

„Du musst ein echter Connaisseur sein. Willst du es kaufen?“, fragte er plötzlich, als ob ihm dieser Gedanke gerade erst gekommen wäre. „Alle Kunstwerke hier stehen zum Verkauf, und ich habe eine Liste mit Richtpreisen, falls du Interesse hast? Ich kann dir einen Drink holen und wir können uns darüber unterhalten …“

„Nein.“

„Das kann ich dir nicht verdenken“, fuhr der Mann ohne zu zögern fort. „Sieht für mich eher nach Spaghetti als nach Blättern aus. Oder vielleicht Seetang. Ich erkenne da drin Seetang, was meinst du?“ Er legte seinen Kopf schief, als würde er die Kunst genau studieren, und wandte sich dann mit einem Lächeln ihr zu. Er schien zuversichtlich, dass sie das für ihn einnehmen würde. „Weißt du, dass sie zwölftausend Pfund dafür verlangt? Die Künstlerin, meine ich, was ich für glatte Halsabschneiderei halte. Und das sage ich als ihr Bruder, der sie sehr liebhat. Sag mal, du bist doch nicht von der Polizei, oder bist du etwa undercover hier?“

Auch wenn sie aus keinem dienstlichen Grund hier war, ließ die Frage Sands’ Herz schneller schlagen.

„Ich dachte nur, vielleicht bist du hier, um gegen diese Halsabschneider zu ermitteln, obwohl es gar nicht so blutig zugeht, was?“ Er sah sich im Raum um, dann drehte er sich wieder zu ihr und versuchte es erneut. „Oder gegen Verbrechen gegen die Kunst. Gibt es das?“ Er sah sie fragend an, aber sie wandte sich wieder ab, als sie merkte, dass es nur ein Scherz war. Unbeirrt fuhr er fort. „Im Ernst, für den Preis, den sie für diesen Kitsch hier verlangt, sollte sie verhaftet werden. Noch schlimmer ist die Provision, die ich bekomme.“ Er hielt inne, anscheinend war ihm klar geworden, dass er mit seiner aktuellen Vorgehensweise nicht weiterkam. „Sag mal, möchtest du trotzdem was trinken? Wir haben viel zu viel Essen bestellt, um ehrlich zu sein. Wir hatten einen Ansturm erwartet.“

„Nein.“ Sands machte einen Schritt von ihm fort, weil sie allein sein wollte, doch dann wurde ihr schlagartig klar, was das heute Abend bedeuten würde. Ein einsamer Weg nach Hause in ihre leere Wohnung. Niemand, den sie anrufen konnte. Das ganze Wochenende allein mit ihren Gedanken und den Akten derer, die vor langer Zeit gestorben waren. Und vielleicht, versteckt in den Seiten, der Beweis, dass da draußen immer noch kaltblütige, raubtierhafte Männer herumliefen. Die im Dunkeln ihre Untaten vollbrachten. Ausnahmsweise wollte sie sich dem nicht stellen. Sie musste noch ein bisschen länger im Licht bleiben.

„Ich bin nicht wegen der Kunst hier“, hörte sie sich sagen, und das ermutigte den Mann wieder. Sie konnte ihre Augen nicht von seinem breiten Mund loslösen, als dieser sich zu einem weiteren strahlenden Lächeln verzog.

Keiner ist wegen der Kunst hier.“ Er verdrehte seine tiefblauen Augen. „Es geht nur um den kostenlosen Alkohol und die Appetithäppchen …“

„Mein Vater liegt im Sterben.“

Sie sagte es nicht, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie sagte es, weil es wahr war und weil sie es jemandem sagen musste, anstatt die Worte nur immer und immer wieder in ihrem Kopf zu wiederholen. Aber es brachte ihn zum Schweigen. Jäh.

„Oh – Scheiße.“ Er verzog das Gesicht, wandte sich aber nicht von ihr ab. „Verdammt, das tut mir leid. Ich bin echt ein Arsch. Was hat er denn?“

Sands schüttelte den Kopf. „Sie wissen es nicht genau. Eine Art Virus. Sie sagen nur, dass er heute Nacht sterben wird. Morgen früh wird er tot sein.“ Wieder fühlte sie sich bei dem Gedanken daran innerlich vollkommen leer.

In diesem Moment kam eine junge Kellnerin mit einem Tablett voller Getränke vorbei, die wie Champagner aussahen, es aber mit Sicherheit nicht waren. Der Mann nahm zwei Gläser und lächelte dem Mädchen dankend zu, deren Blick viel länger auf ihm verweilte als nötig. Er reagierte nicht darauf, sondern drehte sich direkt wieder zu Sands um. „Trink das. Du siehst aus, als könntest du’s brauchen.“

Sands trank selten Alkohol, aber sie nahm das Glas entgegen und nippte an der sprudelnden Flüssigkeit. Ehe sie sichs versah, hatte sie das halbe Glas ausgetrunken.

„Möchtest du darüber reden?“, fragte der Mann, und Sands zog es in Erwägung. Sie dachte an die vielen Male, die sie schon darüber gesprochen hatte. In Polizeiverhören, mit Kinderpsychologen, Sozialarbeitern, den paar hochrangigen Männern bei der Arbeit – immer Männer –, die über ihren Vater Bescheid wussten. Und jetzt sah sie diesen Mann an, diesen freundlichen Fremden, und sie wusste, dass sie ihm nichts davon erzählen konnte. Sie schüttelte den Kopf und nahm einen weiteren Schluck aus ihrem Glas.

„Du musst nicht, wenn du nicht willst. Ich kann reden und du hörst einfach zu. Ich kann dir die Inspiration hinter jedem Werk meiner Schwester erklären. Das ist sie da drüben.“ Er zeigte auf eine dunkelhaarige Frau in einem smaragdgrünen Abendkleid, das zu elegant für den Anlass wirkte. Als diese sah, dass der Mann auf sie zeigte, richtete sie sich auf, tat aber gleichzeitig so, als hätte sie es nicht bemerkt. „Du kannst einfach zuhören und darüber lachen, wie lächerlich wichtigtuerisch sie ist.“ Er hielt inne und sah sie einen Moment lang an. „Das könnte dich auf andere Gedanken bringen.“

Sands zog auch das in Erwägung. Und sie ertappte sich dabei, wie sie nickte. „Okay.“

Der Mann führte sie durch den Raum. Vor jedem der Exponate las er mit lauter Stimme die Schildchen unter den Gemälden vor und erzählte Sands dann mit deutlich leiserer Stimme, dass seine Schwester eine schreckliche Künstlerin war, die kaum Talent oder Hingabe besaß und nur hier war, weil sie von ihren wohlhabenden Eltern unterstützt wurde. Er sagte nichts über sich selbst und darüber, wie er vermutlich in ähnlicher Weise profitierte. Aber er erzählte mit einem Zwinkern in den Augen, dass sie viel mehr Zeit damit verbrachte, Fotos für Instagram zu machen, als zu malen. Ein paar Mal entlockte er ihr sogar ein Lächeln. Wann immer ihr Glas leer war, fand er einen Weg, ihr ein frisches anzubieten. Als sie schließlich die ruhigste Ecke des Raums erreicht hatten, kam er auf das Thema zurück, das sie so offensichtlich beschäftigte.

„Es geht mich zwar nichts an, aber mir ist aufgefallen, dass du dich in einer schrecklichen Kunstgalerie betrinkst und nicht im Krankenhaus Abschied nimmst. Bist du sicher, dass es das ist, was du möchtest?“

Sands verkrampfte sich. Sie wollte es diesem Mann erklären – diesem beliebigen Fremden, den sie nie wieder sehen würde –, aber sie wusste, dass sie das nicht konnte, nicht wirklich.

„Möchtest du darüber reden?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich meine nicht mit mir. Sondern mit Freunden. Oder mit deiner Familie, oder mit jemandem von der Arbeit? Ich kann dich irgendwo hinbringen.“ Er sah sie an, die Sorge stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

„Nein.“ Sie kniff die Augen zu. „Ich habe keine Familie.“ Sie schluckte. „Oder Freunde. Und niemand auf der Arbeit weiß von meinem Vater. Das dürfen sie nicht.“

Darauf hatte er keine Antwort parat, und sie wusste, dass sie zu viel gesagt hatte.

„Ich will nach Hause“, sagte Sands nach einigen Augenblicken der Stille.

„Klar.“ Er schaute sich im Raum um und dann wieder zu ihr. „Wohnst du in der Nähe? Bist du mit dem Auto unterwegs? Zu Fuß?“

„Ich bin zu Fuß hier“, antwortete Sands, fast so, als ob sie sich selbst daran erinnern würde.

„Ich rufe dir ein Taxi. Obwohl …“ Er hielt kurz inne, als wäre er soeben auf ein Problem gestoßen. „Wegen des Festivals sind die sicher im Dauereinsatz … Hey, ich kann dich doch nach Hause fahren.“

„Nein …“

„Komm schon. Ich bin schon den ganzen Abend gegen meinen Willen hier eingesperrt. Ich bekomme zwar eine Provision, wenn ich was verkaufe, aber das würde ich mir auch nie verzeihen. Komm schon. Gib mir eine Ausrede, hier rauszukommen. Bitte! Du würdest mir damit einen Riesengefallen tun.“

Sands nickte dankbar, und der Mann ging sofort los, um seiner Schwester Bescheid zu sagen. Sands sah, wie die Frau enttäuscht die Augenbrauen zusammenzog. Dann kam er zurück.

„Ich bin aus dem Schneider.“ Er lächelte wieder dieses Lächeln. „Ich bin übrigens Luke. Luke Golding.“

„Erica“, antwortete Sands.

„Hi, Erica. Tja, dann komm mal mit. Ich habe direkt vor der Tür geparkt.“

Sie gingen hinaus in die Nacht. Zu dieser späteren Stunde waren die Straßen schon ruhiger, und die Luft war schneidend kalt. Er schloss einen unauffälligen Vauxhall auf, und sie stiegen beide ein. Sie gab ihm ihre Adresse, und er sagte, er wisse, wo das sei. Der Motor war leise – kraftlos, hätte sie ihn normalerweise beschrieben –, aber heute Abend war alles, was sie interessierte, dass der Innenraum mit warmer Luft gefüllt war, die sie schläfrig machte. Doch schneller als ihr lieb war, standen sie vor der Tür ihres Wohnblocks.

„So. Da wären wir.“ Er wirkte nun ein wenig nervös, als wüsste er nicht so recht, was er als Nächstes tun sollte. „Sag mal, hast du einen Mitbewohner oder so? Oder gibt es jemanden, den ich für dich anrufen kann? Eine Freundin? Damit du nicht allein bist?“ Er schenkte ihr ein Lächeln, das, wie ihr später klar wurde, wahrscheinlich mitfühlend gemeint war. Aber er sah gut aus, er war freundlich zu ihr gewesen und im Chaos der Gefühle deutete sie es falsch.

„Nein“, antwortete sie. Und wie schon vorhin traf sie ohne groß nachzudenken eine Entscheidung. „Aber du kannst mit hochkommen, wenn du willst.“

Er versteifte sich, und obwohl Sands durchaus an ihr eigenes schlechtes Urteilsvermögen in solchen Dingen gewöhnt war, überraschte sie seine Reaktion. Für einen Moment dachte sie, er hätte sie nicht richtig verstanden. Und so machte sie eine unangenehme Situation noch viel schlimmer, indem sie versuchte, sie klarzustellen.

„Ich meine nicht, dass du dich um mich kümmern sollst. Ich meine … du weißt schon, ob du nach oben kommen willst, um Sex zu haben.“ Sie hörte, wie die Worte aus ihrem Mund kamen, und wandte gequält den Blick ab. Als sie ihn wieder ansah, waren seine Augen und sein Mund leicht geöffnet. Irgendwie schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen, als er sich wieder fing.

„Wow – damit habe ich echt nicht gerechnet.“ Er brach ab, und Sands überkam eine plötzliche Welle der Scham. Dieser Mann war bloß nett zu ihr; er hatte kein Interesse daran, mit ihr ins Bett zu steigen. Sie drehte sich zur Tür und nahm seine Worte nur noch halb wahr.

„Ich fühle mich geschmeichelt. Ehrlich. Aber ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist“, begann er, „unter diesen Umständen.“

„Ist schon in Ordnung.“ Sie fing an, an der Türklinke herumzufummeln und verfluchte sich dafür, dass sie so viel Champagner getrunken hatte.

Der Mann versuchte, sie zu beruhigen. „Hey, Erica … Ist schon in Ordnung.“ Aber sie war schon weg. Sie marschierte zur Tür und tippte den Code ein, um in die Lobby zu gelangen. Als sie sich umdrehte, stand das Auto immer noch da. Durch das Glas der Haustür und die Windschutzscheibe des Autos erhaschte sie einen Blick auf sein Gesicht.

Zwei

Sie schlief unruhig und träumte mehrmals, dass sie den Anruf erhalten hatte; daher war sie beim Aufwachen überzeugt, ihr Vater wäre bereits tot. Aber auf ihrem Handy ploppten keine Nachrichten, keine verpassten Anrufe auf. Sie machte sich Kaffee und wartete, und schließlich, um kurz vor neun, klingelte das Telefon.

„Erica, hier ist Chief Superintendent Yorke.“

Sie wappnete sich innerlich. „Ist er tot?“

Es herrschte kurz Schweigen. „Tatsächlich, nein. Ist er nicht.“

Sands’ Welt wurde erneut auf den Kopf gestellt.

„Was meinen Sie damit?“

Yorkes Tonfall änderte sich. „Offenbar hat er ungewöhnlich gut auf die Behandlung reagiert. Sie nennen es eine wundersame Genesung.“

Sands rieb sich das Gesicht. „Das ist unmöglich. Mir wurde gesagt, es sei sicher, dass er sterben würde.“

Diesmal blieb Yorke still, und Sands realisierte, was er damit sagen wollte. „Eine wundersame Genesung? Er hat es vorgetäuscht?“

Wieder eine Pause. „Ich weiß nicht, wie er es angestellt hat, aber die Vermutung liegt nahe, ja.“

Sands schloss einen Moment die Augen und zwang dann ihr Gehirn, sich zu konzentrieren. „Warum? Was hätte er davon? Ist er sicher hinter Riegeln?“

„Definitiv. Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Sowohl seine Arme als auch seine Beine sind gefesselt, und vor seiner Tür steht ein Wachmann. Er wird heute Morgen zurück in seine Zelle verlegt. Ich kann Ihnen Bescheid sagen, sobald er dort ist.“

Sands antwortete nicht.

Yorke fuhr fort: „Erica, ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich Sie in diese Sache hineingezogen habe. Wir hätten warten sollen, bis es absolut sicher ist, aber ich dachte, Sie haben ein Recht darauf, es zu erfahren.“

„Das ist nicht Ihre Schuld. Ich habe Sie gebeten, als mein Mittelsmann zu agieren.“

„Ja, nun, wie auch immer. Jetzt sollte alles wieder normal laufen. Sie werden nichts mehr von ihm hören.“

„Vielen Dank, Sir.“

Es herrschte einen Moment lang Stille, bevor Yorke weitersprach.

***

„Um ehrlich zu sein, gibt es noch einen anderen Grund, warum ich anrufe. Ich weiß, dass Sie seit der Übernahme der Abteilung noch keinen großen Fall hatten. Ich glaube, ich könnte einen haben.“

„Was ist passiert?“

„Ich kann den Fall an John Lindham übergeben, wenn die Sache mit Ihrem Vater …“

„Ich übernehme ihn. Was ist passiert?“

Yorke legte wieder eine Pause ein, aber nur kurz. „Jemand hat heute Morgen eine Leiche gefunden. An einem Strand. Von einem jungen Mädchen.“

„Wie jung?“

„Das wissen wir noch nicht. Man sagte mir, etwa sieben oder acht.“

„Wir wissen es nicht? Haben wir die Eltern noch nicht gefunden?“

„Noch nicht, nein.“

Sands warf einen Blick auf die Uhr und runzelte die Stirn. „Wann wurde sie getötet?“

„Ich weiß es nicht. Wir wissen überhaupt noch kaum etwas, und eigentlich ist Lindham der leitende Beamte in Bereitschaft. Aber ich weiß auch, dass Sie auf einen großen Fall gewartet haben. Und dieser sieht groß aus.“

„Ich habe schon gesagt, dass ich ihn will. Welcher Strand?“

Wieder zögerte Yorke, als ob er es sich doch anders überlegen wollte. „Lulworth Cove. Wie schnell können Sie dort sein?“

Sands dachte nach. Von Poole aus waren es mindestens vierzig Minuten nach Lulworth. „Fünfunddreißig Minuten, Sir.“

„Gut. Wir sehen uns dort. Ich bin auch schon auf dem Weg dorthin.“ Er hielt inne. „Und Erica? Noch etwas.“

„Ja, Sir?“

„Nein, vergessen Sie’s. Ich werde es Ihnen persönlich sagen. Ein Sergeant Sinclair fungiert als Leiter der Spurensicherung. Wenn Sie unterwegs die Leitstelle kontaktieren, wird man Sie über den aktuellen Stand der Dinge informieren.“

Yorke legte auf, und sofort begann sich der Nebel in Sands’ Kopf zu lichten. Ihr Vater war fast vergessen, das leere Wochenende des Dahintreibens war durch etwas Aktives ersetzt worden. Jetzt legte sie einen Zahn zu. Sie ging schnell in die Küche, um zu essen und noch eine Tasse Kaffee zu machen, während sie sich anzog. Doch als sie endlich aufbruchsbereit war, fiel ihr ein, dass sie den Alfa am Abend zuvor beim Büro stehen gelassen hatte. Sie fluchte laut.

Das war kein allzu großes Problem. Wenige Augenblicke später war ein Taxi auf dem Weg zu ihrer Wohnung, das sie zurück zum Revier bringen würde, aber die paar Minuten Wartezeit waren ärgerlich. Sie nutzte die Zeit, um ihre Mordtasche durchzusehen, die immer mit dem Nötigsten bereitstand: forensische Schutzkleidung, Karten, Taschenlampe und Polizeifunkgerät – mit vollen Akkus. Außerdem enthielt sie das Nötigste für eine Übernachtung und Kleidung zum Wechseln. Alles war an seinem Platz. Endlich kam das Taxi, und sie eilte die Treppe hinunter.

Als sie endlich in ihrem eigenen Auto saß, wartete sie, bis die Bluetooth-Verbindung ihres Handys hergestellt war, und drückte dann auf den Knopf, um die Einsatzleitstelle zu kontaktieren. Sie identifizierte sich gegenüber dem Disponenten und fragte dann zuallererst nach dem GPS-Standort, sodass sie ihn ins Navi eingeben konnte. Während sie sich – schnell – auf den Weg dorthin machte, wies sie den Disponenten an, alle bisher zu dem Fall erfassten Informationen vorzulesen. Als er fertig war, forderte sie ihn auf, sie noch einmal vorzulesen. Dann ein drittes Mal.

***

Siebenunddreißig Minuten später nahm sie den Fuß vom Gas, da sie nun den Hügel hinunter nach Lulworth fuhr. Auf beiden Seiten tauchten malerische Steinhäuschen auf, die meisten mit dicken Strohdächern. Ein Stück weiter unten erstreckte sich der große Parkplatz – der für die Massen von Sommergästen gebaut worden war – fast vollkommen leer zu ihrer Rechten. Gleich dahinter wurde ein kleiner Kreisverkehr von einem Polizeiauto blockiert, dessen Blaulicht sich zwar langsam drehte, aber ohne Sirene. Sie fuhr schräg heran, um daran vorbeizufahren, und ließ ihr Fenster herunter, ebenso wie der Beamte im anderen Wagen.

„DCI Erica Sands.“ Sie zeigte ihren Ausweis vor.

„Guten Morgen, Ma’am. Es ist gleich dort unten.“ Der Polizist startete den Motor und fuhr ein Stück zurück, um sie vorbeizulassen. Sie folgte der Straße noch fünfzig Meter weiter, bis sie von einer Reihe von Fahrzeugen blockiert wurde, sowohl von gekennzeichneten Polizeiautos als auch von Transportern der Spurensicherung. Sie ließ den Alfa am Ende der Schlange stehen und ging den Rest des Weges zu Fuß.

Die schmale Straße endete am Eingang zur Bucht. Ein kurzer, steiler Strand aus Kieselsteinen und Felsen, der auch als Bachbett diente, und dann das silberblaue Meer. Auf beiden Seiten erhoben sich steile Hügel, die fast vollständig einen Kreis aus ruhigem Wasser umschlossen, der an der breitesten Stelle vielleicht einen halben Kilometer maß. Vor ihr lag der Eingang zum Meer jenseits der Bucht. Ein paar kleine Fischerboote zerrten an ihren Anlegebojen, und viele weitere leere rosa- und orangefarbene Bojen deuteten darauf hin, dass in der Bucht im Sommer um einiges mehr los war. Aber laut war es bereits jetzt: Der durch die jüngsten Regenfälle angeschwollene Bach donnerte die letzten paar Meter bis zum Meer hinunter.

Sie schaute sich um, entdeckte das blaue Zelt der Rechtsmedizin um die Leiche aber nicht sofort, was daran lag, dass es noch fast einen halben Kilometer entfernt war, praktisch auf der gegenüberliegenden Seite der hufeisenförmigen Bucht. Viel näher war ein Absperrband über den Strand gespannt worden, das den Zugang versperrte.

„Erica!“, rief eine Stimme hinter ihr. Sie drehte sich um und erblickte Yorke in Zivilkleidung. Neben ihm stand ein Mann in Sergeant-Uniform.

„Sergeant Sinclair, das ist DCI Erica Sands. Sie ist eine unserer Besten vom MID.“ Er lächelte sie an und berührte sie am unteren Rücken. „Erica, Ihr Leiter der Spurensicherung.“ Der Sergeant versteifte sich, als er ihr kurz die Hand schüttelte.

Yorke wandte sich an Sands. „Sind Sie zur Leitstelle durchgekommen?“

„Ja, Sir.“

„Dann wissen Sie genauso viel wie wir. Aber es sieht nach einem üblen Fall aus. Wie man ihn an einem Ort wie diesem nicht für möglich halten würde.“ Wie auf Kommando ließen sie alle ihren Blick über die Bucht schweifen, die trotz der Umstände eine fast unwirkliche Schönheit ausstrahlte.

„Ach ja, Erica, da war noch diese andere Sache. Könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“

„Ja, Sir.“

Sands folgte Yorke zu zwei kleinen Ruderbooten, die auf dem Trockenen lagen. In einem der Boote lag ein Paar gelber, mit Blut und Fischschuppen verschmierter Gummihandschuhe, das jemand weggeworfen oder liegen gelassen hatte.

„Was gibt es, Sir?“

Er sah sie an, antwortete aber nicht sofort. „Es heißt, dass er möglicherweise seine Medikamente aufgespart und dann auf einmal genommen hat. Das könnte erklären, wie er die Ärzte ausgetrickst hat.“

Sands erwiderte nichts.

„Wie auch immer, er ist bereits wieder in seiner Zelle. Er ist vollkommen gesichert.“

„Alles, um uns zu schikanieren.“ Sands strich sich eine Haarsträhne, die sich gelöst hatte, hinters Ohr.

Ihre Blicke trafen sich für einen Moment. „War das alles, Sir? Ich sollte mich an die Arbeit machen.“

„Nein, eigentlich nicht.“ Yorke lächelte halb, zögerte dann aber.

Sands wartete. „Ja, Sir?“

„Sie können wahrscheinlich an meinem schicken Outfit erkennen, dass ich heute Morgen eigentlich Golf spielen wollte. Mit dem Regional Commander.“ Er zog seinen Mantel ein Stück zurück, um einen roten Golfpulli zu enthüllen. „Er hat mich um einen kleinen Gefallen gebeten, den ich an Sie weitergeben werde.“

„Kein Problem.“ Sands nickte unbesorgt. „Was ist es?“

Doch Yorke zögerte und warf ihr einen entschuldigenden Blick zu. „Es gibt da einen jungen Mann, dessen Vater ein Freund von ihm ist – ich bin mir nicht sicher, in welcher Beziehung genau sie zueinander stehen. Aber er hat vor Kurzem sein Detective-Examen bestanden, und man hat mich gefragt, ob er Sie ein paar Wochen lang begleiten könnte. Ich weiß, es ist lästig …“

Sands schüttelte den Kopf. „Ich arbeite lieber allein.“

„Das weiß ich“, sagte Yorke seufzend. „Und ich verstehe es auch. Es ist unverhohlene Vetternwirtschaft, oder wie auch immer man das nennt. Und normalerweise würde ich ihm das nicht durchgehen lassen, aber …“ Er zog eine Grimasse und senkte seine Stimme noch weiter. „In diesem Fall halte ich es für keine so schlechte Idee.“

„Warum nicht?“

„Hören Sie mal, Erica …“ Yorke seufzte, während Sands ihn finster anblickte. „Sie sind die talentierteste Ermittlerin, die diese Einheit seit Jahren gesehen hat. Und mit Sicherheit die engagierteste. Zweifellos hat dieser Junge deshalb auch nach Ihnen gefragt, denn Ihr Ruf eilt Ihnen langsam voraus.“ Yorke versuchte es mit einem Lächeln, aber Sands’ Ausdruck blieb unverändert.

„Aber?“

„Seien wir mal ehrlich. Sie können durchaus schroff sein.“

„Schroff?“

„Sogar ruppig. Und ich kenne diesen Jungen: Er kommt aus der Gegend, er ist ein vielversprechender Detective und außerdem ein sehr sympathischer Kerl. Ich denke, Sie könnten es hilfreich finden, ihn bei sich zu haben.“

„Das bezweifle ich sehr, Sir.“

„Trotzdem haben Sie keine andere Wahl.“ Yorkes Stimme wurde plötzlich strenger, und Sands wurde klar, dass die Sache nicht zur Debatte stand. Sie presste die Lippen zusammen.

„Entweder hilft er Ihnen oder nicht, aber ich bin darum gebeten worden, und der Commander ist für das Budget meiner Abteilung zuständig. Und das scheint der Preis für eine dringend benötigte Erhöhung zu sein. Es tut mir leid, dass Sie ihn bezahlen müssen.“

Sands fand sich mit dem Gedanken ab und nickte dem Chief Superintendent zu. Es war keine große Sache. „Ja, Sir.“

„Gut. Und vielleicht ist es gar nicht so schlimm. Wir alle brauchen ab und zu ein wenig Hilfe. Sogar Sie, Erica.“

Sands nickte. „Wie heißt er?“

Yorke antwortete nicht, denn in diesem Moment betrat ein junger Mann im Anzug den Strand nahe der Stelle, wo Sergeant Sinclair auf sie wartete.

„Da kommt er gerade. Ich habe ihn mitgenommen und ihn das Auto woanders hinstellen lassen. Ich wollte nicht in dem Verkehrschaos hier stecken bleiben.“

Sands spürte, wie ihr Herzschlag sich beschleunigte, als sie sein attraktives Gesicht erkannte. Er erkannte sie genau im selben Moment.

„Sein Name ist Golding. Detective Luke Golding.“