Leseprobe Die Pflegerin

Prolog

Adrian

Als sich die Tür mit einem leisen Quietschen öffnete, raste Adrians Herz augenblicklich, und er bekam Schweißausbrüche. Hätte er noch im Krankenhaus gelegen, hätten die Monitore jetzt garantiert laut piepsend Alarm geschlagen. Er wünschte sich mit all seiner Kraft, dass es die neue Pflegerin Isabelle war, denn er hatte einen Hilferuf für sie hinterlassen. Er hatte die Hoffnung schon aufgegeben, dass ihn noch jemand retten würde, denn er war sich hundertprozentig sicher, dass diese endlos erscheinende Qual letzten Endes nur zu einem führen würde: zu seinem Tod. Und wenn er ehrlich war, hatte es in den letzten Monaten einige dunkle Stunden in ihm gegeben, in denen er sich diesen herbeigewünscht hatte.

Doch das hatte sich geändert, seit Isabelle in sein Leben getreten war. Er musste sie nur dazu bringen, seine Botschaft zu finden, die er in dem Roman versteckt hatte, aus dem sie ihm immer vorlas.

Wegen seiner fast vollständigen Lähmung hatte er Stunden und unendlich viel Kraft für das eine Wort gebraucht, aber das war es wert gewesen.

Doch es war nicht Isabelle. Es war sie! Sein Herz raste noch schneller, als sie an sein Bett trat. Was würde sie ihm jetzt wieder antun?

An dem gehässigen Lächeln, das ihre Mundwinkel umspielte, erkannte er, dass es etwas Schreckliches war.

„Weißt du, ich habe ein bisschen Zeit und dachte, ich lese dir etwas vor.“

Mit großer Geste zog sie die Nachttischschublade auf, nahm den Roman heraus und öffnete ihn dramatisch.

Sein Hilferuf fiel ihr auf den Schoß.

„Oh, was ist denn das?“ Sie beugte sich über ihn und starrte ihn kalt und gefühllos an.

„Dachtest du, ich finde ihn nicht?“ Sie beugte sich noch näher zu ihm, bis sich ihre Nasenspitzen fast berührten. „Niemand wird dich retten … Du wirst, solange ich es will, bewegungslos hier liegen, und du wirst leiden, sei dir dessen gewiss.“ Sie spie die Worte aus, und Spucketröpfchen benetzten sein Gesicht.

Sie nahm den Zettel und zerknüllte ihn genüsslich.

Tränen liefen über Adrians Gesicht, doch er konnte sie nicht fortwischen.

Das Ganze wird niemals ein Ende nehmen, dachte er. Vollkommen klar im Kopf würde er Monate oder vielleicht sogar Jahre dahinvegetieren. Es gab keine Chance für ihn, jemals wieder gesund zu werden … Keine Chance, jemals aus diesem Martyrium zu entkommen. Sein Körper, den er immer gut behandelt hatte, war plötzlich sein Feind geworden und hatte seinen wachen Verstand eingesperrt.

Am Anfang, kurz nachdem er nach dem Schlaganfall aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatten ihn alle besucht. Arbeitskollegen, Freunde, sein Bruder. Alle waren optimistisch gewesen und hatten ihn bei seiner Genesung angefeuert. Aber als die Wochen und Monate ins Land gezogen waren, waren die Besuche immer spärlicher geworden und schließlich ganz ausgeblieben. Was sollten sie auch mit ihm anfangen? Er konnte sich nicht bewegen, er konnte nicht sprechen. Auch wenn die Leute versuchten, es sich nicht anmerken zu lassen, merkte er doch, wie unwohl und unbeholfen sie sich in seiner Gegenwart fühlten.

Damals hatte er versucht, seinen Freunden und seinem Bruder mitzuteilen, dass er Hilfe brauchte. Dass es nicht so war, wie es schien, aber sie hatten ihn einfach nicht verstanden.

Er schloss die Augen und schrie so laut er konnte, aber der Schrei verhallte ungehört in seinem Inneren.

Kapitel 1

Isabelle

Jetzt

Isabelle zog nervös am Saum ihres Sommerkleides, das immer wieder hochrutschte, und entdeckte einen Schokoladenfleck auf der linken Seite. Sie fluchte innerlich. Warum hatte sie auch noch unbedingt ein Schokobrötchen vom Bäcker essen müssen, bevor sie hierhergefahren war? Sie rubbelte an dem Fleck, verschmierte ihn aber nur noch mehr. So ein Mist!

Dabei hatte sie einen besonders guten Eindruck machen wollen. Wer vertraute einer jungen Frau schon die Pflege seines Mannes an, wenn diese es offenbar noch nicht einmal hinbekam, etwas zu essen, ohne sich zu bekleckern? Doch jetzt war es zu spät, etwas dagegen zu unternehmen, denn sie hatte die Haustür schon fast erreicht.

Die Gegend, in der die Vallelongas lebten, war wirklich schön. Jedes Häuschen hatte einen Garten, und die Straße war von großen alten Bäumen gesäumt. Überall blühten Blumen, und Grillgeruch lag in der Luft.

Sie selbst wohnte in einem anderen Stadtteil. Dieser war zwar nur zwanzig Minuten entfernt, wirkte hiergegen allerdings wie die Bronx. Das Ruhrgebiet, und gerade die ehemalige Zechenstadt, in der sie lebte, besaß durchaus wunderschöne und grüne Ecken, was die meisten Leute von außerhalb oft nicht glaubten. Aber ihr Stadtteil war grau, zugebaut, und dort wohnten eher die nicht so gut betuchten Menschen. Die Gegend hier war hingegen absolut idyllisch und wirkte, dem Landschaftsgemälde irgendeines berühmten Malers wie Monet entsprungen. Kurz durchzuckte sie ein Stich des Neids, als sie durch den blumenübersäten Vorgarten auf die Haustür mit den Bleiglas-Ornamenten zuging. Doch dann schüttelte sie über sich selbst den Kopf. Ja, die Vallelongas hatten wahrscheinlich keine finanziellen Probleme und lebten in einem offensichtlich teuren Haus. Aber dennoch waren sie bestimmt nicht glücklich. Denn mit Geld konnte man bekanntlich nicht alles kaufen, und Frau Vallelonga würde wahrscheinlich sofort mit ihr tauschen, wenn im Gegenzug ihr Mann wieder gesund werden würde.

Sie klingelte und sah schon wenige Augenblicke später durch das Glas, wie eine Frau den Flur herunterkam. Nervös verdeckte sie den Fleck auf ihrem Kleid mit ihrer Handtasche.

Die Tür wurde geöffnet, und Isabelle musterte die Frau vor sich neugierig. Diese war erst Anfang vierzig, sah aber einige Jahre älter aus, was wahrscheinlich dem Stress und der Sorge um ihren Mann geschuldet war. Frau Vallelonga hatte dunkle Augenringe und wirkte erschöpft und verhärmt. Doch ihr Händedruck war kräftig, als sie Isabelle begrüßte.

„Kommen Sie doch herein“, sagte sie und ging durch den Flur in ein gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch standen bereits eine Kaffeekanne, zwei Tassen und ein Teller mit Gebäck.

Frau Vallelonga bedeutete ihr, Platz zu nehmen, und schenkte ihnen beiden eine Tasse Kaffee ein.

Isabelle setzte sich auf den Sessel, der gegenüber vom Sofa stand, und bedankte sich für das Getränk.

Als sie die Tasse samt Unterteller hochnahm, zitterte ihre Hand so sehr, dass das Porzellan leise klapperte. Isabelle wurde rot. „Es tut mir leid, ich bin ziemlich nervös.“

Frau Vallelonga lächelte. „Ach, das müssen Sie doch nicht sein. Wir unterhalten uns doch nur.“

Bei dem Lächeln erschienen zwei kleine Grübchen in Frau Vallelongas Wangen, die sie sofort jünger und sympathisch wirken ließen.

Wir unterhalten uns nicht einfach so, das Ganze ist ein Vorstellungsgespräch. Und ich brauche diesen Job dringend, denn sonst kann ich nächsten Monat meine Miete nicht bezahlen, dachte Isabelle, kein bisschen weniger angespannt.

Sie musste diesen Job einfach kriegen.

„Wie ich ja schon am Telefon gesagt habe, braucht mein Mann rund um die Uhr Pflege. Bisher habe ich ihn tagsüber immer komplett allein gepflegt, und nachts unterstützt mich eine Schwester für ein paar Stunden. Aber es reicht einfach nicht. Ich habe es so lange versucht, wie ich konnte, denn ich will meinem Mann nicht so viele fremde Menschen zumuten. Aber ich muss ja manchmal auch einkaufen gehen oder andere Dinge erledigen. Ich komme mir so schlecht deswegen vor …“

Isabelle schüttelte den Kopf. „Sie dürfen sich kein schlechtes Gewissen machen. Es ist ein Wunder, dass Sie das alles bisher so lange allein gemeistert haben. Wenn es Menschen so schlecht geht wie Ihrem Mann, führt in den meisten Fällen kein Weg mehr an einem Pflegeheim vorbei, denn eine Rund-um-die-Uhr-Pflege zehrt irgendwann unweigerlich an den Kräften der Familienmitglieder“, erklärte Isabelle.

„Ich könnte meinen Mann niemals in ein Pflegeheim abschieben. Wer tut denn so etwas? Wenn ich mir vorstelle, mir würde es so gehen wie Adrian, und dann wäre ich nicht in meinen eigenen vier Wänden, sondern in irgendeinem sterilen Krankenzimmer, und wildfremde Leute würden sich um mich kümmern … Nein, das würde ich meinem Mann niemals antun. Wenn es umgekehrt wäre, wenn ich ein Pflegefall geworden wäre, dann würde Adrian dasselbe für mich tun, da bin ich mir sicher.“

Isabelle betrachtete die Frau, die ganz offensichtlich mit ihren Kräften am Ende war und trotzdem nicht in Erwägung zog, ihren Mann in ein Pflegeheim zu geben, damit sie wieder ein einfacheres Leben führen konnte. Sie schien jemand zu sein, bei dem „In Krankheit und Gesundheit, in guten und in schlechten Zeiten“ nicht nur eine hohle Phrase war, die man an einem seiner glücklichsten Tage im Leben leichtfertig dahinsagte. Isabelle war sich sicher, dass es immer weniger Menschen gab, die bereit waren, solche Opfer für ihren Partner zu bringen. Sie wünschte sich, dass sie eines Tages einen Mann finden würde, dessen Liebe zu ihr genauso groß wäre und ihre Liebe zu ihm ebenso. Wobei sie natürlich hoffte, dass ihr so ein Schicksal wie das der Vallelongas erspart bleiben würde.

„Welche Erfahrungen haben Sie auf diesem Gebiet?“, fragte Frau Vallelonga nun.

„Ich habe eine entsprechende Ausbildung im Pflegebereich absolviert und danach auch in einem Pflegeheim gearbeitet“, erklärte Isabelle.

„Und warum sind Sie dort nicht mehr beschäftigt, wenn ich offen fragen darf?“

Isabelle erwiderte nicht sofort etwas, sondern überlegte sich ihre Antwort ganz genau. Sie ließ ihren Blick durch das modern eingerichtete Wohnzimmer schweifen und entdeckte eine Vitrine mit lauter DVDs. Was die Vallelongas wohl für Filme sahen?

Sie räusperte sich und entschied sich für eine offene und ehrliche Antwort. „Ich kam mir vor wie bei einer Massenabfertigung. Es ging dort nicht um den einzelnen Patienten, nicht um den Menschen. Es ging nur darum, alles möglichst schnell und effizient zu erledigen. Die Menschen dort sind verkümmert, und ich habe oft beobachtet, dass es ihnen nach dem Einzug innerhalb kürzester Zeit viel schlechter ging. Als hätten sie sich aufgegeben. Ich will nicht sagen, dass jedes Pflegeheim so ist, es gibt bestimmt auch sehr gute, denen das Wohl der Bewohner am Herzen liegt. Aber ich habe mich dort nie wohlgefühlt. Daher habe ich mich entschieden, dass ich lieber nur einen Patienten pflegen will, sodass ich diesem meine ganze Aufmerksamkeit widmen kann. Mir ist es wichtig, dass der Patient der König ist. Ich will mir die Zeit für ihn nehmen können, die er braucht.“

Frau Vallelonga nickte anerkennend. „Ich will offen zu Ihnen sein: Ich war skeptisch aufgrund Ihres jungen Alters und Ihrer so kurzen Pflegeerfahrung, aber Sie machen einen äußerst sympathischen Eindruck. Und was Sie gerade eben erzählt haben, ist genau das, was ich mir für Adrian wünsche. Ich habe in den letzten Tagen schon einige Gespräche mit sehr erfahrenen älteren Pflegerinnen geführt, die auch wirklich sehr kompetent erschienen, aber die Menschlichkeit und die Wärme fehlten mir. Verstehen Sie, was ich meine?“

Isabelle nickte, denn genau mit dieser Art von Pflegepersonal war sie damals ständig aneinandergeraten. Sie hatte irgendwann daran gezweifelt, ob dieser Beruf tatsächlich der richtige für sie war. Und sich danach lieber mit Gelegenheitsjobs in Cafés, Bars und Supermärkten über Wasser gehalten. Aber dann hatte sie in der Facebook-Gruppe ihrer Stadt Frau Vallelongas Jobangebot gesehen und ihr sofort eine E-Mail geschrieben. Denn hier würde sie vielleicht endlich so arbeiten können, wie sie es sich von Anfang an vorgestellt hatte, als sie diese Ausbildung begonnen hatte. Hier könnte sie vielleicht wirklich helfen und wertvolle Arbeit leisten.

Frau Vallelonga trank ihren Kaffee aus. „Es geht natürlich auch darum, meinen Mann zu pflegen … ihm seine Medikamente zu verabreichen, den Katheter zu wechseln, ihn richtig zu lagern … aber ich möchte auch, dass er sich ernst genommen fühlt, als vollwertiger Mensch. Dass die Person, die ihn pflegt, mit ihm spricht, ihm vielleicht ab und zu etwas vorliest und für ihn da ist. Wäre das für Sie in Ordnung?“

„Aber natürlich. Das ist genau die Art, auf die ich arbeiten möchte. Der Patient soll sich in meiner Nähe wohlfühlen. Er soll auf keinen Fall das Gefühl haben, dass er nur ein Job ist. Mir ist es wichtig, Zeit mit der Person zu verbringen, sodass sie auch Vertrauen zu mir aufbauen kann“, erwiderte Isabelle.

Frau Vallelonga musterte Isabelle eingehend. Nervös strich sie sich eine Strähne ihres langen blonden Haares hinter die Ohren und knetete ihr Kleid und wurde immer angespannter. Das tat sie immer, wenn sie aufgeregt war. Als müssten ihre Hände die aufgestaute Anspannung irgendwie loswerden.

Endlich räusperte sich die Frau ihr gegenüber. „Ich würde es sehr gern mit Ihnen versuchen. Sagen wir, erst einmal vierzehn Tage auf Probe, um zu sehen, wie Sie sich machen und wie Adrian auf Sie reagiert. Er ist es, wie gesagt, nicht gewohnt, dass jemand Fremdes den ganzen Tag über im Haus ist. Den Besuch der Nachtschwester bekommt er in der Regel gar nicht mit, denn dann schläft er, sodass es nie relevant war, ob sie gut miteinander auskommen.“

Isabelle strahlte. „Vielen Dank, Frau Vallelonga. Ich freue mich riesig, dass Sie mir eine Chance geben. Ich werde mich ganz hervorragend um Ihren Mann kümmern, das können Sie mir glauben.“

„Möchten Sie Adrian jetzt kennenlernen?“, fragte Frau Vallelonga.

Isabelle nickte. „Ja, sehr gern.“

Die Frau stand auf, ging eine Treppe hinauf und deutete auf das erste Zimmer rechts. „Das ist Adrians Zimmer. Ich habe es extra nach seinen Bedürfnissen anpassen lassen. Viele entscheiden sich ja dafür, dass ihre pflegebedürftigen Angehörigen ein Bett mitten im Wohnzimmer haben, da es die Pflege erleichtert. Aber das wollte ich Adrian nicht antun … so mitten im Raum, wie auf einem Präsentierteller. Das würde er bestimmt als würdelos empfinden.“

„Das kann ich gut nachvollziehen“, sagte Isabelle. Dabei musste man sich doch vorkommen wie ein Tier im Zoo. Sie fand es schön, dass Frau Vallelonga ihrem Mann seine Privatsphäre ließ, auch wenn das für sie unzählige Male Treppensteigen pro Tag bedeutete.

„Ich schlafe direkt in dem Raum daneben, damit ich Adrian höre, wenn er etwas braucht, und schnell bei ihm bin.“

Sie betraten jetzt das Zimmer ihres Mannes, und Isabelle sah sofort, dass Frau Vallelonga ihr Möglichstes getan hatte, damit der Raum nicht wie ein Krankenlager aussah. Die Vorhänge und die Bettwäsche waren farbenfroh und das Fenster war auf Kipp geöffnet, damit man die Vögel zwitschern hören konnte. Die Sonne durchflutete den Raum und überall standen persönliche Erinnerungsstücke. Bilderrahmen, die den Mann mit seiner Frau zeigten. Ein Hochzeitsfoto, Bilder aus Urlauben, der Mann beim Fußballspielen oder ein kleines Mädchen, wahrscheinlich die Tochter. Alle Fotos waren so ausgerichtet, dass der Mann sie die ganze Zeit über im Auge hatte.

Sie warf einen Blick auf einen Schnappschuss, der Adrian Vallelonga in einem Trikot mit einem Fußball unterm Arm zeigte. Sie versuchte, ihn mit dem Schatten eines Mannes in Einklang zu bringen, der dort im Bett lag.

Hätte sie es nicht gewusst, hätte sie nicht geglaubt, dass es sich um ein und denselben Mann handelte. Ja, die haselnussbraunen Haare und die Augen waren dieselben, aber die Person im Bett erinnerte sie an einen Greis, obwohl sie wusste, dass der Mann erst Mitte vierzig war. Er war abgemagert, leichenblass und wirkte zerbrechlich. Sein Gesicht war eingefallen und seine Augen starrten ins Leere.

Isabelle trat näher an das Bett heran und beugte sich darüber, sodass sie dem Mann ins Gesicht blicken konnte. Sie lächelte. „Guten Tag, Herr Vallelonga, mein Name ist Isabelle, aber fast alle nennen mich Izzy. Ich freue mich, Sie kennenzulernen. Ich werde mich ab sofort um Sie kümmern und Ihnen auch Gesellschaft leisten. Wir werden uns bestimmt gut verstehen.“

Seine Frau trat näher und strich dem Mann liebevoll eine Haarsträhne zurück, die ihm ins Gesicht gefallen war. „Ich habe dir ja gesagt, dass ich jemanden suchen werde. Und ich glaube, Isabelle passt sehr gut zu uns. Dann habe ich endlich jemanden, der dir deine langweiligen Sportartikel aus der Zeitung vorliest, damit ich das nicht mehr machen muss“, sagte sie augenzwinkernd.

Der Mann schloss langsam die Augen und öffnete sie dann wieder, woraufhin Frau Vallelonga ihm ein Lächeln schenkte.

„Das heißt Ja“, erklärte sie Isabelle. „Und zweimal schließen bedeutet Nein.“

Isabelle nickte, denn diese Art der Kommunikation kannte sie bereits aus dem Pflegeheim, von Personen, die geistig voll da, aber nicht in der Lage waren, verbal zu kommunizieren.

„Ich komme gleich wieder, mein Schatz. Ich bringe Isabelle nur kurz zur Tür.“

Sie gingen hinunter. „Wenn Sie möchten, können Sie gern bereits morgen anfangen“, sagte Frau Vallelonga, als sie Isabelle hinausbegleitete. „Wenn Sie schon um 8:00 Uhr kommen könnten, würde ich die Nachtschwester bitten, länger zu bleiben. Dann kann sie Ihnen alles erklären, was die Pflege an sich und die Medikamente und andere Dinge angeht.“

„Natürlich, das ist gar kein Problem. Ich danke Ihnen noch einmal herzlich, dass Sie sich für mich entschieden haben, Frau Vallelonga.“

Die Frau winkte ab. „Wenn wir uns ab jetzt jeden Tag sehen, können wir die Förmlichkeit gern lassen. Ich bin Andrea.“

„In Ordnung, Andrea, dann bis morgen“, sagte Isabelle und verabschiedete sich.

Kapitel 2

Isabelle

Jetzt

Als sie den Gartenweg und auch die Straße vor dem Haus verlassen hatte und außer Sichtweite des Hauses war, hüpfte sie vor Freude auf und ab und machte eine Siegerfaust.

Ein Teenager, der sich auf der anderen Straßenseite befand, warf ihr einen irritierten Blick zu.

Sie grinste ihn nur ausgelassen an. Sollte er doch denken, dass sie nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Denn sie hatte endlich wieder einen vernünftigen Job, der auch noch gut bezahlt wurde. Sie fuhr mit dem Bus von Herne-Süd zurück nach Sodingen und stieg eine Haltestelle früher aus, um sich zur Feier des Tages Essen von ihrem Lieblings-Dönerladen an der Kantstraße zu holen. Leute wie die Vallelongas feierten wahrscheinlich in einem Nobelrestaurant wie der Wilden Rose und tranken dazu Champagner, aber für sie waren bei den heutigen Preisen schon zwei Döner luxuriös.

Zu Hause holte sie das gute Geschirr heraus, breitete eine weiße Tischdecke auf dem Tisch aus und legte die beiden Dönertaschen darauf. Dann nahm sie Sektgläser und füllte sie mit Cola.

Fast auf die Minute genau wurde die Tür aufgeschlossen.

Perfektes Timing, dachte sie grinsend.

Hannah betrat die Küche. Wie immer waren ihre dunkelroten lockigen Haare wild und zerzaust und ihre grünen Augen funkelten. Sie war eine echte Schönheit mit ihren Sommersprossen und der umwerfenden Figur, und sie war außerdem der warmherzigste Mensch, den man sich nur vorstellen konnte.

Sie beide waren schon seit dem Kindergarten befreundet und teilten sich mittlerweile sogar eine Wohnung.

Hannah warf einen Blick auf den festlich gedeckten Tisch und lachte schallend. Das liebte sie an Hannah. Diese hatte ein genauso lautes und dröhnendes Lachen wie sie selbst.

Ein Freund hatte ihnen mal gesagt, wenn man in einen Raum komme und die beiden lachen höre, erwarte man zwei Meter große Bauarbeiter und keine zierlichen Frauen, die einem gerade mal bis zur Brust gingen.

Hannah schmiss ihre Tasche aufs Sofa, setzte sich hin und biss genüsslich in ihre Dönertasche. Dann seufzte sie leise. „Das ist ja der gute Döner von der Kantstraße, nicht der billige aus der Innenstadt. Haben wir etwa im Lotto gewonnen?“, fragte sie scherzhaft.

Isabelle grinste schief. „Nein, haben wir nicht, aber ich hab den Job gekriegt, von dem ich dir erzählt habe.“

Hannah ließ den Döner fallen, sprang auf und umarmte Isabelle so stürmisch, dass diese beinahe vom Stuhl fiel. „Das ist ja der Wahnsinn. Das war doch der in Herne-Süd, der so gut bezahlt wird, oder? Du Glückspilz.“ Sie stieß ein Quietschen hervor.

„Nicht so fest, ich krieg keine Luft mehr“, rief Isabelle und lachte.

„Ja, genau der“, erwiderte Isabelle, als Hannah sich wieder gesetzt hatte. „Das Vorstellungsgespräch lief super und ich kann schon morgen anfangen. Ich muss mich nur um einen Mann kümmern, und das noch nicht mal allein, seine Frau hilft auch mit und nachts kommt außerdem eine Nachtschwester.“

„Ich bewundere dich da wirklich. Ich könnte so was nicht. Ich wüsste gar nicht, wie ich mich der Person gegenüber verhalten sollte. Und ich hätte die ganze Zeit Angst, etwas falsch zu machen. Was hat der Mann denn? Ist er bettlägerig?“

Isabelle kaute hastig und schluckte den Bissen hinunter. „Ja, er ist bettlägerig und ein Pflegefall. Was er genau hat, weiß ich noch nicht. Die Ehefrau wirkte sehr mitgenommen und hat mir nur gesagt, dass er nicht aufstehen und auch nicht sprechen kann. Ich vermute, dass es ein Schlaganfall oder etwas Ähnliches war. Wenn wir uns ein bisschen besser kennen, werde ich sie danach fragen, oder vielleicht erzählt sie es dann auch von selbst. Über so eine traumatische Erfahrung plaudert man ja nicht einfach so bei Kaffee und Kuchen. Außerdem bekomme ich morgen eine Art Einweisung von der Nachtschwester. Dann erfahre ich bestimmt auch einige medizinische Details.“

Hannah nickte. „Da hast du recht. Und sie hat ihn bis jetzt ganz allein gepflegt? Das muss einen doch irgendwann fertigmachen.“

„Ja, sie macht wohl alles ganz allein. Nur eine Nachtschwester kommt für ein paar Stunden vorbei. Sie tut mir wirklich leid. Du müsstest sie mal sehen, sie sieht aus, als ob sie vollkommen am Ende wäre. Zum einen ist da ja die körperliche Seite. Es ist wahnsinnig anstrengend, einen vollkommenen Pflegefall zu versorgen. Er muss regelmäßig gedreht werden und benötigt Flüssigkeit, Essen und Medikamente. Und du musst quasi die ganze Zeit mit einem Ohr beim Patienten sein, um zu hören, ob alles in Ordnung ist, ob er etwas braucht … Du bekommst nachts nicht genug Schlaf und in den meisten Fällen, so wie bei Frau Vallelonga, vernachlässigen die Angehörigen sich irgendwann selbst. Sie essen und schlafen nicht genug und achten nicht mehr auf sich selbst.“

„Das kann ich mir vorstellen, so etwas ist bestimmt im wahrsten Sinne des Wortes ein Vollzeit-Job.“

„Das stimmt. Aber es ist eben nicht nur ein Job, dann wäre es zwar unfassbar anstrengend, aber es würde einem nicht so nahe gehen. Denn es ist nicht, wie in meinem Fall, irgendein Patient, sondern es ist ein Ehepartner, ein Elternteil oder manchmal sogar ein Kind, das man pflegt, und das frisst einen innerlich auf. Man versucht sein Bestes und tut alles in seiner Kraft Stehende, aber es ist einfach nicht genug. Denn egal, wie sehr man sich auch aufopfert und sein eigenes Leben aufgibt, man kann den geliebten Menschen nicht wieder gesund machen. Es ist, als würde man einen Marathon laufen, alles geben, aber das Ziel kommt einfach nicht näher. Deshalb ist ein Pflegeheim oder das Anheuern von Pflegekräften manchmal der einzige richtige Weg.“

„Also wenn ich das wäre, würde ich mich von Anfang an dafür entscheiden. Es ist doch nichts verkehrt daran, sich professionelle Hilfe zu holen. Das ist doch für alle am besten“, meinte Hannah und biss wieder in ihren Döner.

„Von außen betrachtet auf jeden Fall, aber wenn die Person, um die es geht, jemand ist, den du liebst, kann man so etwas einfach nicht rational betrachten. Dann kommt es einem wie ein Verrat vor.“ Ihre Gedanken schweiften unwillkürlich zu den letzten Monaten ihrer Mutter zurück. Daran, wie sich ihr Vater aufgerieben hatte, weil er sie unbedingt zu Hause hatte pflegen wollen. Einerseits war es furchtbar für sie alle gewesen, zu sehen, wie ihre Mutter mehr und mehr dahingesiecht war und sie ihr nicht hatten helfen können. Und wie ihr Vater beinahe selbst krank geworden war, weil er, wie sie es gerade Hannah versucht hatte zu erklären, nicht mehr richtig hatte schlafen und essen können. Aber andererseits war ihre Mutter so am Ende im Kreis ihrer Familie gestorben und sie hatten die kostbaren letzten Monate mit ihr zusammen verbringen können.

Sie lächelte wehmütig, als sie an all die Gespräche dachte, die sie noch mit ihrer Mutter hatte führen können … wie diese ihr Tipps fürs weitere Leben gegeben hatte, weil sie gewusst hatte, dass sie bei den weiteren Meilensteinen ihrer Tochter nicht mehr dabei sein würde. Diese Zeit hatte sie dazu gebracht, eine Pflegeausbildung absolvieren zu wollen.

Hannah schenkte ihr einen liebevollen Blick. „Du denkst an deine Mutter, oder?“

Isabelle nickte, traute sich aber nicht, zu antworten, weil sie einen Kloß im Hals bekam. Mühsam löste sie die Finger von ihrem Kleid, das sie schon wieder knetete, und nahm stattdessen einen großen Schluck Cola. Ihre Mutter war schon so lange tot, aber dennoch verkrampfte sich ihr Herz immer noch vor Trauer, wenn sie an sie dachte.

Hannah, die genau wusste, was gerade in ihr vorging, erzählte ihr eine lustige Geschichte über ihren neuesten Typen, den sie bei Tinder kennengelernt hatte. Und tatsächlich schaffte sie es, Isabelle von ihren traurigen Gedanken abzulenken. Eigentlich waren sie beide erst Ende zwanzig, aber Isabelle kam sich bei diesen Dingen immer uralt vor. Sie verabscheute all diese Dating-Apps und war der Meinung, dass man dort nur absolut schräge Typen kennenlernte. Und Hannahs Erzählungen bestärkten sie jedes Mal in ihrer Meinung. Auch wenn ihre beste Freundin ihr prophezeite, irgendwann als alte Jungfer zu sterben. Aber als sie von dem fünfunddreißigjährigen Kerl hörte, den Hannah gestern Abend gedatet hatte, der noch bei seiner Mutter wohnte und in Weltallbettwäsche in seinem Kinderzimmer schlief, fragte sie sich, ob eine alte Jungfer zu sein, wirklich die schlechtere Wahl wäre.

Sie setzte da lieber auf die altmodische Art, sich zu verlieben. Isabelle war der festen Überzeugung, dass der Richtige irgendwo dort draußen war und dass er ihr eines Tages über den Weg lief.

Auch wenn sie sich natürlich manchmal einsam vorkam und sich fragte, ob der Traum von Mr. Right vielleicht wirklich nur das war … ein Traum. Ob sie zu anspruchsvoll war und zu hohe Maßstäbe setzte.

Wäre sie vielleicht mehr auf der Suche, wenn sie jeden Tag in eine leere Wohnung zurückkehren würde?

Nachdem sie den Döner aufgegessen hatten, zauberte Hannah noch ganz hinten aus dem Gefrierschrank, hinter all dem Tiefkühlgemüse, einen Becher Strawberry-Cheesecake-Eis hervor, das sie für eine besondere Gelegenheit dort versteckt hatte. Während sie sich den Becher teilten, schwelgten sie weiterhin in ihren furchtbaren Date-Desastern und kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Hannah schlug vor, noch auszugehen, um ihre Jobanstellung ausgiebig zu feiern, aber genau aus diesem Grunde sagte Isabelle ab, denn sie wollte auf keinen Fall verkatert zu ihrem ersten Arbeitstag erscheinen.

„Dir ist schon klar, dass du mich damit schutzlos weiteren katastrophalen Anmachen aussetzt, wenn du mich allein losziehen lässt, oder?“, erwiderte Hannah grinsend, während sie sich durch ihre wilden Locken fuhr und versuchte, sie zu bändigen. „Beschwer dich also nicht, wenn du dir morgen die nächste abenteuerliche Date-Geschichte anhören musst.“ Mit diesen Worten verschwand sie in ihrem Zimmer, um sich umzuziehen.

Isabelle sah ihr lachend hinterher und hatte das Gefühl, dass gerade alles in ihrem Leben anfing, perfekt zu laufen.