1
Er hatte eine weitere Nacht im Anderson-Schutzraum überlebt, aber die vier Wände fühlten sich wie ein Sarg an. Nur die dünne Wellblechplatte zu seiner Seite trennte ihn von dem kalten Erdboden, auf dem er lag. Seine Nachtruhe war unruhig und aufgewühlt gewesen, da er von Albträumen heimgesucht wurde. Er war wieder in Frankreich, in einem der mit durchweichten Grabenholzbrettern gestützten Schützengräben, und wartete auf den Beginn des täglichen Beschusses. Dann änderte sich das Bild und er war zwölf Jahre alt, ein Pfadfinder, der in einem Zelt aufwachte, während ein Schwarm Vögel den Anbruch des Tages ankündigte. Ihr Gesang erfüllte seine Ohren, wobei ein Ton höher hervorstach als alle anderen. Es klang wie das Heulen der Sirenen, und er schreckte hoch. Nun war er wach.
Er öffnete die Augen, zurück in der Gegenwart. Es war Freitagmorgen. Er war kein Pfadfinder und auch kein Soldat, und der Chor in der Morgendämmerung war der monotone Schall der Entwarnungssirene.
Detective Inspector John Jago fror, obwohl er vollständig bekleidet war, und seine Gelenke waren steif. Er zog die abgegriffene Decke bis unter sein Kinn hoch und streckte vorsichtig seine schmerzenden Gliedmaßen aus, während sich der Nebel in seinem Geist lichtete – wie diese Pritsche als Bett durchging, war ihm schleierhaft.
Was für eine Art zu leben, dachte er. Er hatte fünfundzwanzig Schilling – ganz zu schweigen von den elf Pence Porto – für das Versprechen von Selfridges ausgegeben, ein speziell angefertigtes „Schutzbett“ zu ergattern, aber diese Entscheidung fühlte sich langsam wie ein Triumph der Hoffnung über die Erfahrung an. Der Holzrahmen und das Bettgeflecht – „auch ohne Matratze bequem“, zumindest wurde es so angepriesen – waren zwar stabil, aber nur 1,75 cm lang und mickrige 50 cm breit. Der simple Wunsch sich umzudrehen wurde zu einem heiklen Manöver, bei dem er Gefahr lief, mitsamt dem Bettzeug auf den feuchten Boden zu fallen. Heute Abend würde er seine alte Daunendecke aus dem Haus holen und sie darüber legen. Wenigstens würde sie ihn warmhalten, auch wenn die Luftangriffe der letzten Tage jede Chance auf etwas erholsamen Schlaf zunichtegemacht hatten.
Eine Dame in der Zeitung, die es zweifellos nur gut meinte, hatte geraten, dass das beste Mittel gegen Schlaflosigkeit in einem Schutzraum darin bestand, sich auszuziehen und „ordnungsgemäß“ ins Bett zu steigen, sobald der feindliche Beschuss vorüber war. Alles schön und gut, wenn man keine Arbeit zu erledigen hat, dachte er. Und was ihren anderen hilfreichen Vorschlag anging – nach dem Mittagessen ein Nickerchen einzulegen – nun, das würde jeden Polizisten zum Lachen bringen, der etwas auf sich hielt.
Er prüfte die Zeit auf seiner Armbanduhr. Acht Minuten nach sechs. Nur noch fünf Minuten oder so bis zum Ende der Stromabschaltung, dann noch eine halbe Stunde bis zum Sonnenaufgang, aber es hatte keinen Sinn, in diesem armseligen Exemplar eines Bettes zu bleiben. Er spornte seinen widerstrebenden Körper dazu an, unter der Decke hervorzukriechen, schnürte seine Schuhe, zog seinen Mantel über und setzte sich seine zerknitterte, graue Schiebermütze auf den Kopf. Er streckte sich ein letztes Mal, um seine Glieder wachzurütteln – nun fühlte er sich zumindest halbwegs bereit, der Welt entgegenzutreten. Jago öffnete die Tür, die er ein Jahr zuvor aus geborgenem Holz zusammengeschustert hatte – damals wie heute fragte er sich, warum die Regierung beschlossen hatte, die Schutzräume ohne eine Möglichkeit zum Verbarrikadieren des Eingangs zu liefern –, und kletterte hinaus.
Sein Haus stand noch: Ein guter Start in den Tag. Wenigstens sollte er in der Lage sein, zur Arbeit zu gehen. In der unmittelbaren Umgebung gab es keine Anzeichen für ein Feuer, aber eine halbe Meile entfernt zeigte das erste Licht der Morgendämmerung, wie sich Rauchschwaden über den Dächern kräuselten und die Orte markierten, an denen die weniger glücklichen Seelen verwundet und zweifellos auch getötet worden waren.
Er stapfte die wenigen Meter des unebenen Weges zur Hintertür des Hauses. Eine Tasse Tee würde ihn aufheitern, falls sein Gasherd noch funktionierte, und wenn es Strom gab, würde er sich ein bisschen Toast machen, bis er in der Kantine des Polizeireviers ein richtiges Frühstück ergattern würde – wenn nicht, würde er sich wieder mit Toast und Margarine mit einem Klecks Marmelade begnügen müssen. Er öffnete die Tür, trat hinein und schloss sie hinter sich. Da die Verdunkelungsvorhänge noch an Ort und Stelle waren, war es im Haus düsterer als draußen. Er suchte mit den Fingern nach dem Lichtschalter, betätigte ihn und freute sich, dass die Glühbirne, die von der Decke baumelte, aufleuchtete – er hatte Strom.
Der braune Emaille-Kessel war bereits voll – er versuchte, daran zu denken, ihn jeden Abend zu füllen, falls die Luftwaffe die Wasserleitung traf. Er drehte den Knopf am Herd und hörte das Zischen des Gases, gefolgt von dem aufgeregten Knistern, als sein angezündetes Streichholz es entflammte. Er setzte den Kessel auf die Flamme und griff nach der Teekanne, doch in diesem Moment klingelte das Telefon.
Mit einem Seufzer und einem weiteren Blick auf die Uhr stellte er den Kessel ab und ging in den schmalen Eingangsflur. Um diese Uhrzeit rief nur einer an. Er hob den Hörer ab. „Jago.“
„Guten Morgen, Sir. Tompkins hier, vom Revier. Entschuldigen Sie, dass ich Sie um diese Uhrzeit störe, aber ich habe heute Frühdienst und wurde gebeten, Sie anzurufen.“
„Keine Sorge, ich war schon wach. Und es ist immer ein Vergnügen, Ihre wohlklingende Stimme zu hören, Frank.“
„Meine Frau ist da anderer Meinung.“
„Nun, es liegt mir fern, mich in Privatangelegenheiten einzumischen. Was bedarf also zu dieser gottlosen Stunde meiner Aufmerksamkeit?“
„Eine Leiche, Sir.“
„In diesen Zeiten mangelt es kaum an Leichen, Frank. Was ist das Besondere an dieser?“
„Die Umstände des Todes erscheinen verdächtig, wurde mir gesagt. Deshalb wollen sie mit Ihnen sprechen.“
„Wo ist die Leiche?“
„Unten in Canning Town, Sir. Tinto Road, nahe dem unteren Ende der Star Lane. Auf einem Bombengelände auf der rechten Seite, wenn man die Straße hinunterfährt. Sie sagen, man kann es nicht verfehlen.“
„Das wage ich auch zu behaupten. Ist bereits jemand vor Ort?“
„Ja, Sir, der junge Stannard. Er wartet auf Ihr Eintreffen. Er hat Verstärkung bei sich … einen Constable der Kriegsreserve.“
Jago bemerkte den herablassenden Ton, in dem der Sergeant über PC Stannards kürzlich eingestellten Begleiter sprach. Das war Franks Art, seine Meinung über die Lösung der Regierung für den Mangel an Polizeibeamten in Kriegszeiten zu signalisieren, aber jetzt war nicht die Zeit, näher darauf einzugehen.
„Sehr gut“, sagte er. „Rufen Sie DC Cradock an und sagen Sie ihm, dass ich ihn in etwa zwanzig Minuten vor dem Revier abholen werde. Und sehen Sie zu, dass Sie den Polizeichirurgen auf die Schnelle an den Ort des Geschehens rufen.“
Detective Inspector Jago legte auf, ging zurück in die Küche und nahm den Wasserkocher von der Flamme. Eine Tasse kaltes Wasser würde für den Moment reichen müssen.
Seine Schätzung von zwanzig Minuten erwies sich als optimistisch. Der Riley sprang auf Anhieb an, und er war behänd unterwegs, doch auf den Straßen lagen immer noch Feuerwehrschläuche verstreut, und zweimal musste er einen Umweg finden, da die Straßen wegen Bombenschäden abgesperrt waren.
Es war fünf vor sieben, als Jago die West Ham Lane erreichte. Er konnte das Polizeirevier vor sich sehen, dessen Eingangstür durch eine Barrikade aus ordentlich aufgestapelten Sandsäcken vor Bombeneinschlägen geschützt war, und die Fenster seitlich des Eingangs waren durch horizontale Holzlatten gesichert. Auf dem Bürgersteig vor dem Revier stand Detective Constable Cradock und wartete pflichtbewusst auf seine Ankunft.
Jago hielt vor ihm an. Der junge Mann sah aus, als hätte er sich hastig angekleidet, und sein Haar war zerzaust. Mit einem schnellen „Guten Morgen, Chef“ setzte er sich mit Bedacht auf den Beifahrersitz, und Jago nickte ihm wortlos zur Begrüßung zu. Cradock sah so müde aus, wie Jago sich fühlte.
„Schlafen Sie trotz der nächtlichen Luftangriffe genug, Peter?“
„Es ist nicht so schlimm, Sir. Sie wecken mich natürlich auf, aber ich versuche wieder einzuschlafen, wenn der Lärm nachlässt. Was ist mit Ihnen, Sir?“
„Ich scheine weniger gesegnet zu sein. Jedes Mal, wenn ich kurz davor bin, wieder einzuschlafen, wirft Hitler eine weitere Bombe ab, nur um mich zu ärgern, und die Flugabwehrkanonen machen so viel Lärm, dass ich mich frage, ob er ihnen einen Fünfer zusteckt, nur um mich wach zu halten. Letzte Nacht bin ich, glaube ich, erst eingeschlafen, als es schon fast Zeit zum Aufstehen war. Ich werde wohl langsam alt.“
Cradock hob die Augenbrauen und öffnete den Mund, als ob ihm gerade etwas Wichtiges klar geworden wäre. „Es könnte der nächtliche Hunger sein, Sir. Vielleicht sollten Sie vor dem Schlafengehen eine Tasse Horlicks trinken.“
„Kokolores“, rief Jago empört. „So weit wird es noch kommen. Nein, danke. Ich leide an Morgenhunger – ich hatte nicht einmal Zeit für eine Scheibe Toast, bevor ich gerufen wurde. Und wenn ich vor dem Schlafengehen noch einen Durst verspüre, werde ich mich an einen Schluck Whisky halten. Und nun fahren wir nach Canning Town, um einen Mann wegen einer Leiche zu befragen … wenn ich mich wach halten kann.“
Jago platzierte den linken Fuß auf dem Schaltpedal, warf einen Blick über die rechte Schulter und gab leicht Gas, um den Wagen wieder in den spärlichen Morgenverkehr zu manövrieren.
2
„Morgen, Sir“, sagte PC Ray Stannard, als Jago die Beine aus dem Auto schwang. „Tut mir leid, dass ich Sie so früh am Morgen aus dem Bett hole, aber ich dachte, Sie sollten das sehen.“
Jago musterte den jungen Constable von oben bis unten. In den letzten Wochen hatte sich so viel verändert. Es war keine Überraschung mehr, einen Polizisten am Ende einer Nachtschicht in einem solchen Zustand zu sehen. Seine Uniformjacke und seine Hose waren weiß vom Gipskartonstaub, seine Stiefel waren abgewetzt, und seine Hände und sein Gesicht waren rußgeschwärzt. Vor nicht allzu langer Zeit, so dachte Jago, hätte Stannard die Nacht damit verbracht, in den stillen Straßen zu patrouillieren, an den Türen der Geschäfte zu rütteln, um sich zu vergewissern, dass sie verschlossen waren, und nach Anzeichen von Kleinkriminalität Ausschau zu halten. Aber jetzt konnte man davon ausgehen, dass er und sein Kollege in den letzten Stunden über verbrannte Trümmer geklettert waren, geholfen hatten, Lebende und Tote aus zerstörten Gebäuden hervorzuholen, und jede Aufgabe übernommen hatten, die nach dem letzten Luftangriff anfiel.
Der Detective wandte sich an den PC der Kriegsreserve, dessen Äußeres sich in einem ähnlichen Zustand befand. Er kannte Stannard, aber an diesen anderen, etwas kleineren Mann konnte er sich nicht erinnern. Er sah zurück zu Stannard und hob fragend die Augenbrauen.
„Oh, tut mir leid, Sir“, meinte dieser, „das ist PC Price; er ist ein Kriegsreservist. Er meldete sich freiwillig, als der Krieg begann, aber er übernimmt oft den Nachtdienst, sodass Sie ihn vielleicht noch nicht kennen.“ Er beugte sich ein wenig näher zu Jago und senkte seine Stimme. „Nicht so schlimm wie einige andere, Sir. Ein alter Soldat. Ziemlich einfallsreich, wenn man bedenkt, dass sie ohne jede Ausbildung auf die Allgemeinheit losgelassen werden.“
Jago nickte.
„Gut, dann erzählen Sie mir, was wir hier haben.“
„Eine Frau, Sir, tot aufgefunden, gleich da hinten.“
Jago schaute in die Richtung, in die Stannard deutete. In der gepflegten Wohngegend voller kleiner spätviktorianischer Reihenhäuser klaffte eine breite Lücke, in der zwei, drei, vielleicht sogar vier Häuser durch mindestens eine abgeworfene Bombe zu Schutt und Asche reduziert worden waren. Aus den Häusern, die noch auf beiden Seiten der Lücke standen, waren durch die Explosion alle Fensterscheiben gesprengt worden und die meisten wiesen keine Dachziegel mehr auf. Am hinteren Ende der Trümmerstelle konnte er Teile eines kleinen Gästezimmers sehen, das noch mit dem Nachbarhaus verbunden war; ein Kleiderschrank lehnte schief an der Wand, wo der Fußboden – oder was davon noch übrig war – durchhing, und zerfetzte Balkenstümpfe in die Luft ragten. Sieben zerzaust aussehende Männer standen zusammengedrängt auf dem Bürgersteig und rauchten. Es gab keine anderen Anzeichen von Aktivität in dem Gelände.
„Was sind das nun für verdächtige Umstände, von denen ich gehört habe?“, fragte Jago.
„Es ist nur so, dass diese Frau nicht hier war, als sie es hätte sein sollen – das heißt, wenn sie bereits tot gewesen wäre –, aber dann war sie da, als sie es nicht hätte sein sollen. Ich habe den Männern, die sie gefunden haben, gesagt, dass Sie sicherlich mit ihnen reden wollen, damit sie es erklären können.“
„Es ist ungewöhnlich ruhig hier, nicht wahr?“
„Der Luftschutzwart sagt, dass alle gefunden wurden, Sir, und es gibt keine Anzeichen von Eingeschlossenen. Die Leute, die ausgebombt wurden, sind in das Schutzzentrum in der Star Lane gebracht worden. Ich hielt es für das Beste, die Aufräumarbeiten zu unterbrechen, bis Sie hier sind, damit der Tatort nicht gestört wird.“
„Guter Mann“, sagte Jago. „Wissen wir, wer sie ist?“
„Ich fürchte, wir wissen es nicht, Sir. Sie hat weder einen Ausweis noch eine Handtasche bei sich, und der Luftschutzwart sagte, er erkenne sie nicht.“
„Und Sie haben sich das Gelände genauer angesehen?“
„Ja, Sir. Price und ich haben überall nach etwas gesucht, das sie identifizieren könnte, und auch den Rettungstrupp hinzugezogen, aber es gab nichts.“ Stannard hielt inne, da Jago nachzudenken schien, und sagte dann: „Der Polizeiarzt ist hier, Sir, gleich auf der anderen Seite des Trümmerhaufens. Dort liegt die Leiche … man kann sie von hier aus nicht sehen.“
„Sehr gut. DC Cradock und ich werden uns das nun ansehen. Gehen Sie vor.“
Die beiden Detectives folgten Stannard und Price und kletterten den instabilen Haufen aus Ziegelsteinen, Fliesen und Balken hinauf, der mit den zerstörten Habseligkeiten der unglücklichen Menschen übersät war, deren Zuhause dies nur Stunden zuvor gewesen war. Als sie oben ankamen, kam die grauhaarige, korpulente Gestalt von Dr. Hedges, dem Polizeiarzt, in Sicht, der neben der Leiche einer jungen Frau hockte. Sie war rothaarig und trug einen grünen Mantel, der aufgeknöpft war und ein graues Kostüm und eine grüne Bluse enthüllte. An ihrem linken Fuß trug sie einen schwarzen Schuh, und ein passender Schuh lag neben ihrem rechten Fuß. Hedges rappelte sich mühsam auf, als sie sich näherten.
„Morgen, Doktor“, sagte Jago. „Was haben wir hier?“
„Guten Morgen, Detective Inspector. Eine junge Frau, Mitte bis Ende zwanzig, würde ich sagen. Ihr Constable scheint ein Verbrechen zu vermuten, aber sie könnte auch einfach von der Explosion erwischt worden sein. Keine offensichtlichen Anzeichen für eine Beeinflussung, aber ich nehme an, Sie wollen, dass der Pathologe sie sich ansieht. Eine ordnungsgemäße Untersuchung in der Leichenhalle wird Ihnen mehr sagen, als wenn ich auf Händen und Knien in diesem Chaos herumkrieche, aber ich überlasse diese Entscheidung Ihnen. In der Zwischenzeit habe ich sie für tot erklärt, und wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich mich lieber wieder meinem Frühstück widmen. Ich werde ein bisschen zu alt für diese morgendlichen Anrufe.“
Damit schnappte er seine Sanitätstasche, wischte sich mit der Hand über die Hose und ging vorsichtig über den herabgefallenen Schutt zu einer schwarzen Rover-Limousine, die auf der anderen Straßenseite geparkt war.
„Kurz und bündig“, murrte Cradock.
„In der Tat“, erwiderte Jago. „Ein Mann, der an den Ruhestand denkt. Ich kann es ihm nicht verübeln.“
Er wandte sich an die beiden Polizisten. Stannards Blick war aufmerksam, während er auf seine nächste Anweisung wartete, doch Price sah bekümmert drein.
„Geht es Ihnen gut, Constable?“, fragte Jago.
„Ja, Sir, danke, Sir“, erwiderte Price. „Mir ist nur ein wenig mulmig zumute.“
„Das ist nicht Ihre erste Leiche, oder?“
„Nun … Es ist nur … so eine junge Frau, Sir, die da tot inmitten der Trümmer liegt. Es erscheint mir so …“ Seine Stimme stockte, bevor er verstummte.
„PC Stannard“, brummte Jago, „ich schlage vor, Sie gehen mit Ihrem Kollegen eine Tasse Tee trinken. Ich nehme an, Sie hatten beide eine anstrengende Nacht. Doch zwei Dinge, bevor Sie gehen.“ Er wandte sich an Price. „Erstens: Suchen Sie ein funktionierendes Telefon, rufen Sie auf dem Revier an und sagen Sie ihnen, sie sollen Dr. Anderson, den Pathologen, so schnell wie möglich hierherschicken – am besten sofort.“
Price machte sich auf den Weg und kletterte über den Trümmerhaufen zurück zur Straße.
„Und zweitens, Sir?“, fragte Stannard.
„Zweitens: Wer sind die Männer, die die Leiche gefunden haben?“
„Die da drüben, Sir – oder zumindest zwei von ihnen, die auf der rechten Seite“, sagte Stannard und deutete mit dem Daumen in die Richtung der Gruppe von Männern, die auf dem Bürgersteig standen. „Sie gehören zu dem schweren Rettungstrupp, der hier in der Nacht gearbeitet hat. Sie haben den Luftschutzwart informiert, und der hat mich und Price ziemlich schnell gefunden und uns hierhergeführt. Soll ich sie herbringen?“
„Nein“, antwortete Jago. „Sagen Sie den beiden, die sie gefunden haben, sie sollen hierherkommen, und wenn Price zurückkommt, können Sie sich eine Tasse Tee holen. Wir kommen schon zurecht.“
„Danke, Sir“, erwiderte Stannard und ging in die Richtung, in der Price verschwunden war. Jago sah, wie er mit zwei der Männer sprach. Der Constable deutete zurück in Richtung des Haufens, und die Männer begannen, ihn zu erklimmen.
Die beiden Rettungskräfte trugen blaue Latzhosen und Schiebermützen, die so schmutzig waren, dass sie die fortgegangenen Polizisten relativ respektabel aussehen ließen. Jago musterte sie, während sie sich näherten. Er schätzte den größeren der beiden auf fast einen Meter dreiundachtzig und auf Ende vierzig. Der zweite Mann war kleiner und sah ein wenig jünger aus.
Erst als sie fast in Hörweite waren, wurde das Gesicht des größeren Mannes deutlich sichtbar. Jago trat vor und stellte sich ihm mit verschränkten Armen direkt in den Weg.
„Sieh an, sieh an, wer sich wieder blicken lässt“, sagte er. „Welch Ironie, wer sich wieder einzufinden weiß. Der barmherzige Samariter persönlich, was? Wie schön, Sie hier anzutreffen.“ Er blickte in das Gesicht des Mannes. „Und Sie haben zufällig eine Leiche gefunden, was? Nicht mehr und nicht weniger. Wenn mir das jemand anders aufgetischt hätte, hätte ich ihm geglaubt. Aber bei Ihnen ist nie etwas so einfach, nicht wahr? Fällt Ihnen ein guter Grund ein, warum ich Ihnen glauben sollte?“
3
Jago sah sich um, um zu sehen, wo Cradock abgeblieben war, und winkte ihn zu sich heran.
„Darf ich vorstellen? Detective Constable Cradock, Sie sind diesem Herrn vielleicht noch nie begegnet, aber er und ich haben im Laufe der Jahre viel Zeit miteinander verbracht, auf die eine oder andere Weise. Meist im Hafthaus. Ist es nicht so, Harry?“
Der Mann blieb stumm, mit Ausnahme eines einzigen Blickes, den Cradock für leidvolles Unverständnis hielt.
„Henry Parker, Esquire, Teil dieser Gemeinde“, sagte Jago. „Allgemein bekannt als Harry.“
Er schaute sich Parkers Garderobe genau an, als ob er ihn bei einer Truppenparade inspizieren würde.
„Nun, das ist ja unglaublich. Ich muss sagen, Harry, Sie sind der Letzte, von dem ich erwartet hätte, dass er hier draußen Leute rettet. Ich dachte, Sie hätten nachts etwas Besseres zu tun.“
„Oh, bitte, Mr. Jago“, brummte Parker. „Das ist schon lange her. Sie müssen wissen, dass ich das alles schon vor Jahren hinter mir gelassen habe. Ich bin ein ehrlicher Bürger, so wahr mir Gott helfe.“
„Ich hatte Gerüchte gehört, Harry, aber Sie werden mir meine Skepsis verzeihen. Es ist schwer, alte Angewohnheiten abzuschütteln, besonders für Polizisten, wissen Sie. Womit verdienen Sie heutzutage Ihren Lebensunterhalt, wenn Sie nicht durch die Fenster der ahnungslosen Bevölkerung Londons einsteigen und sie um ihre Wertsachen erleichtern?“
„Ich putze sie, wenn Sie es glauben können? Ich bin Fensterputzer. Zumindest war ich das, bis der alte Adolf anfing, sie alle zu zerbomben. In letzter Zeit ist die Auftragslage etwas dürftig. Ich bekomme zwar immer noch welche – ehrliche, regelmäßige Arbeit, aber hauptsächlich für Unternehmen, deren Schaufenster immer wie geleckt aussehen müssen. Wie auch immer, dann bin ich in diese Rettungsaktionen reingeschlittert. Es wird gut bezahlt und ich sage Ihnen eins, Detective Inspector, ich rette Menschenleben. Ich zahle meine Schuld gegenüber der Gesellschaft zurück, könnte man sagen.“
„Sehr nobel. Es wird einige Zeit dauern, wenn Sie alle Schulden abbezahlen wollen.“ Er musterte Harry von oben bis unten. „Sieht aus, als hätten Sie etwas zugenommen, seit ich Sie zuletzt zu Gesicht bekommen habe.“
„Ja, das ist die gute Küche meiner Frau.“
„Sie sind also nicht derjenige, der durch Kellereingänge und Trümmerlücken kriecht, um Menschenleben zu retten, oder?“
„Nein, Mr. Jago, das überlasse ich den schlaksigen Jungs. Ich bin nicht mehr ganz so fit wie früher, aber ich kann immer noch eine Leiter halten, heben und schieben. Und ich kann auch fahren – ich habe vor sechs Jahren den LKW-Führerschein gemacht, als die ersten Transporter auf den Markt kamen, und ich bin der einzige in der Truppe, der einen solchen Führerschein hat. Also ist es meine Aufgabe, den Lastwagen zu fahren.“
„Ein Mann mit vielen Begabungen. Und wo wohnen Sie jetzt?“
„47 Hemsworth Street. Und bevor Sie fragen, ja, die Möbel sind alle bezahlt, und auch mit der Miete bin ich nicht im Rückstand.“
„Sehr gut. Vielleicht könnten Sie mich jetzt Ihrem Kollegen vorstellen.“
Der kleinere Mann, der ein paar Meter hinter Parker stand, klemmte den Stummel seiner Zigarette zwischen Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand und zog sie langsam zwischen den Lippen hervor, wobei er träge den Rauch in die Luft blies. Jago fragte sich, ob er das in einem Film aufgeschnappt hatte.
„Nicht nötig, Harry“, sagte der Mann. „Ich kann für mich selbst sprechen.“
„Selbstverständlich“, erwiderte Jago. „Könnten Sie mir bitte Ihren Namen nennen?“
„Jenkins. Stanley Jenkins, aber meine Freunde nennen mich Stan.“
„Vielen Dank, Mr. Jenkins. Und Sie sind ebenfalls Mitglied dieses Rettungstrupps?“
„Ja, ich sitze im selben Boot wie Harry, wenn man es genau nimmt. Bevor sie beschlossen haben, diesen Krieg zu führen, war ich Dachdecker, aber die Regierung hat den Leuten so ziemlich verboten, irgendetwas zu bauen, also ist es auch in meiner Branche ein bisschen ruhig geworden.“
„Sie haben also kein Problem mit Höhenangst und klettern selbstbewusst auf Leitern, nehme ich an, wenn Sie Dachdecker sind. Habe ich recht?“
„Oh ja, auf jeden Fall. Aber ich fahre nicht. Ich hatte nie genug Geld, um ein Auto zu unterhalten, und ich hatte nie die Gelegenheit, einen Lastwagen zu fahren.“
„Vielen Dank, Mr. Jenkins. Vielleicht wäre einer von Ihnen so freundlich, mir zu sagen, was hier passiert ist. Wie haben Sie die Leiche gefunden?“
Die beiden Männer tauschten einen kurzen Blick aus. Harry Parker sprach zuerst.
„Wir wurden gestern Abend gegen zwanzig Uhr gerufen, nicht lange nachdem der Luftangriff begann. Diese Häuser waren getroffen worden, also wurden wir hierher geschickt, um alle auszugraben, die eingeschlossen sein könnten, und um das Gelände ein wenig aufzuräumen, es sicher zu machen für die Bevölkerung – einsturzgefährdete Wände abstützen und ähnliches.“
„Und war jemand gefangen?“
„Ja, wir haben ein paar alte Leute aus dem ersten Haus geholt, das es nicht mehr gibt, wenn Sie verstehen, was ich meine. Sie waren die Einzigen, von denen der Luftschutzwart sicher wusste, dass sie vermisst wurden – zumindest bis wir sie gefunden hatten –, aber danach haben wir uns gründlich umgeschaut, um zu sehen, ob es noch andere Vermisste gab, die bei dem Luftangriff erwischt worden waren. Man kann leicht jemanden übersehen, wissen Sie. Manchmal finden wir nur noch ein paar Überreste.“
„Verstehe. Und was geschah dann?“
„Wir wurden darüber informiert, dass wir an einem anderen Ort gebraucht werden.“
„Um wie viel Uhr war das?“
„Kurz vor zehn, wenn ich mich recht erinnere. Stimmts, Stan?“
„Ja, ich glaube schon“, meinte Jenkins.
„Und was haben Sie dann gemacht?“, fragte Jago.
„Natürlich sind wir hingegangen“, sagte Parker. „Es liegt nicht in unserem Ermessen, wohin wir gehen und was wir tun. Wir gehen einfach dorthin, wo wir gebraucht werden. Und wir dürfen nicht trödeln, wenn wir gerufen werden. Wir können unsere Schichten nicht damit verbringen, herumzustehen und nichts zu tun, wie eure Sorte.“
„Wir haben es verstanden, Harry. Das erklärt jedoch nicht, wie ihr die Leiche gefunden habt. Was ist passiert?“
„Nun, das ist es ja, was ich nicht verstehen konnte. Als wir gingen, gab es weit und breit keine Spur von ihr. Überhaupt keine. Wenn Sie mich fragen, ist an der Sache etwas faul.“
„Faul? Das sagt der Richtige. So wie ich Sie kenne, ist immer etwas verdächtig, wenn Sie an einem Ort auftauchen, Harry.“
„Ach, kommen Sie, Mr. Jago, übertreiben Sie nicht.“
„Ich traue Ihnen keinen Meter über den Weg. Das war schon vor zwanzig Jahren so, und seitdem ist nichts passiert, was mich von meiner Meinung abbringen könnte. Das Einzige, was sich geändert hat, ist Ihr Taillenumfang. Warum sollte ich irgendetwas von dem, was Sie sagen, für bare Münze nehmen?“
„Aber ich habe es Ihnen doch gesagt“, brummte Parker. „Ich habe mich geändert. Ich verrichte jetzt ehrliche Arbeit für einen ehrlichen Lohn.“
„Im Zweifel für den Angeklagten“, lenkte Jago ein. „Und jetzt sagen Sie mir, wie Sie darauf kommen, dass da etwas faul an der Sache war.“
Parker zog stolz die Schultern zurück, als hätte man ihm vor Gericht recht gegeben.
„Nun“, sagte er. „Es war so, verstehen Sie.“ Er wandte sich an Cradock. „Werden Sie das alles mitschreiben?“
„Ja“, bestätigte Cradock. „Machen Sie sich keine Sorgen. Sehen Sie – Stift, Notizbuch, alles bereit.“
„Gut. Ich nehme an, das wird ein wichtiger Beweis in Ihren Ermittlungen sein.“
„Fangen Sie an zu reden, Harry“, brummte Jago.
„Schon gut“, sagte Parker. „Jedenfalls bekamen wir den Anruf und fuhren zu dem anderen Ort – die Beckton Road hinunter, etwa eine halbe Meile von hier entfernt. Dort war eine Frau, die beschlossen hatte, die Sirene zu ignorieren und im Haus zu bleiben. Sie hatte sich in einem unteren Stockwerk ins Bett gelegt, weil sie dachte, das sei sicherer. Doch natürlich wurde das Haus getroffen und stürzte über ihr zusammen. Wir mussten jeglichen Schutt wegräumen, um zu ihr zu gelangen – das gesamte Obergeschoss und das Dach waren eingestürzt. Aber sie gehörte zu den Glücklichen – die Explosion hatte einen Schrank quer über das Bett geschleudert, der sie schützte, und sie überlebte. Nebenan sah es allerdings anders aus. Die Familie, die dort wohnte, war in ihren Anderson-Bunker geflohen, doch es hatte sie erwischt – die ganze Familie. Mutter, Vater und drei Bälger, alle tot. Es war eine ziemliche Sauerei. Das hat uns also eine ganze Weile beschäftigt.“
„Und was dann?“
„Sobald wir dort fertig waren, sind wir hierher zurückgeeilt, um aufzuräumen, wie ich schon sagte. Und bevor Sie fragen, ich weiß genau, wann wir hier angekommen sind, denn ich habe mich gefragt, wann wir endlich Feierabend machen können. Das war um zehn nach fünf. Wir waren erst ein paar Minuten hier, als wir auf die Leiche stießen – das muss spätestens zwanzig nach fünf gewesen sein. Da begannen wir zu glauben, dass an der Sache etwas verdächtig ist.“
„Verdächtig?“
„Die Sache ist die, Sir, dass ich genau weiß, dass diese Frau nicht da war, als wir gestern Abend um zweiundzwanzig Uhr das Gelände verlassen haben. Wie kommt es dann, dass sie am nächsten Morgen um fünf Uhr plötzlich tot daliegt?“
„Könnte sie von einer Bombe getötet worden sein, die fiel, als Sie schon weg waren?“
„Das dachte ich auch zuerst, vor allem wegen der Trümmer, von denen sie bedeckt war.“
„Was waren das für Trümmer?“
„Es lag ein Stück Holzsparren über ihren Beinen, und ein paar Ziegelsteine lagen auf ihrem Arm …“
„Als ich sie zu Gesicht bekam, war da nichts“, unterbrach Jago seine Erläuterungen.
Parker zuckte wenig interessiert mit den Schultern.
„Wahrscheinlich hat der Arzt sie bewegt, damit er sie sich besser ansehen kann. Ich weiß es nicht. Für mich sah es aus, als hätte er es eilig gehabt.“
„Erzählen Sie weiter“, wies Jago ihn an.
„Jedenfalls stehe ich da, sehe mir die Leiche an und denke dasselbe wie Sie – es muss eine weitere Bombe gefallen sein. Nur denke ich, dass es keine gegeben haben kann, denn alles sieht genauso aus wie vorher. Ich habe die Frau an dieser Stelle gefunden, an der sie auch jetzt liegt, mit der demolierten Mauer hinter ihr und alles drumherum sah haargenau so aus wie bei unserem Weggang. Mit anderen Worten, die Häuser waren in die Luft gesprengt worden und sahen zerstört aus, aber nicht zerstörter als gestern Abend um zweiundzwanzig Uhr.“
„Und was haben Sie dann gemacht?“
„Wir suchten den Luftschutzwart und erzählten ihm, was wir gefunden hatten. Wir haben ihn nach weiteren Explosionen in der Gegend gefragt. Er sagt, die letzte Bombe, die hier gefallen ist, war gestern Abend um halb acht. Er war sich sicher – er musste ein Formular ausfüllen, wissen Sie, und die Uhrzeit angeben.“
„Ja, ich weiß.“
„Ich denke, wenn die Leiche nicht da war, als wir gestern Abend um zweiundzwanzig Uhr gegangen sind, und es seitdem keine weiteren Bombeneinschläge gegeben hat, aber sie hier um fünf Uhr morgens tot liegt, dann ist da definitiv etwas faul an der Sache. Ich sagte Stan, er soll einen Polizisten finden, pronto, und das hat er getan. Ihre beiden Jungs sind ziemlich schnell aufgetaucht, Sir, und ich nehme an, sie sind diejenigen, die Sie hierher gerufen haben.“
Jago wollte die Befragung gerade abschließen, als er eine vertraute Gestalt aus Richtung der Straße auf sich zukommen sah.
„Vielen Dank, meine Herren“, sagte er zu Parker und Jenkins. „Sie haben uns sehr geholfen. Detective Constable Cradock wird sich Ihre Kontaktdaten notieren. Wir werden später eine Aussage von Ihnen benötigen.“
Jago ließ sie mit Cradock zurück und machte sich auf den Weg zurück zum Schauplatz der Explosion, um den Neuankömmling zu begrüßen.
„Guten Morgen, Dr. Anderson. Gut, dass Sie so schnell kommen konnten.“
„Guten Morgen, Inspector“, erwiderte der Arzt. „Wie ich höre, haben Sie eine Leiche für mich.“
„Ja, ich fürchte schon“, brummte Jago. „Eine junge Frau. Laut Zeugenaussagen war es nicht der Luftangriff, der sie getötet hat, also würde ich gerne wissen, was der Grund für ihr Ableben war. Sie ist gleich dort oben.“
„Sehr wohl. Ich werde mir sie und die Umgebung ein wenig ansehen, dann werde ich die Leiche zur Untersuchung in meinen Obduktionssaal bringen lassen.“
„Vielen Dank. Ich sehe nur kurz nach, ob DC Cradock mit den Zeugen fertig ist, und dann kommen wir zu Ihnen.“
Jago machte auf dem Absatz kehrt und erblickte Cradock, der allein dastand und in sein Notizbuch schrieb. Die beiden Rettungsleute waren bereits gegangen.
***
Der Austin-Dreitonner des Rettungstrupps war in der Tinto Road geparkt. Die anderen Mitglieder der Truppe hatten ihre Leitern, Schubkarren, Holzstapel und Werkzeuge bereits auf die offene Ladefläche des Lastwagens geladen, ihre Seile zusammengerollt und über das Leitergestell hinter dem Fahrerhaus gehängt. Ein halbes Dutzend von ihnen saß nun auf den Holzbänken, die an beiden Seiten der Ladefläche angebracht waren, während zwei andere die Körbe für den Abtransport des Schutts stapelten und in eine Ecke des Lastwagens stellten.
Einer der beiden drehte sich um, als er Harry Parker und Stan Jenkins näherkommen hörte.
„Ihr habt euch Zeit gelassen, mit den Coppern zu salbadern“, sagte er. „Ich dachte schon, ihr würdet nie zurückkommen.“
„Tut mir leid, Jungs“, erwiderte Harry. „Da konnten wir nicht viel machen. Trotzdem, jetzt ist alles erledigt. Zurück zum Depot?“
„Auf direktem Wege.“
„Dann mal los. Es wird nicht lange dauern.“
„Es wird auch Zeit“, murrte ein anderer Mann. Er schmiss den letzten Korb auf die Ladefläche des Lastwagens. „Ich habe Hunger.“
Harry ging zur Fahrertür des Lastwagens und setzte sich hinters Lenkrad, während Stan auf der Beifahrerseite einstieg. Ihre beiden Kollegen kletterten über die Heckklappe in den hinteren Teil des Fahrzeugs und fanden inmitten eines Sortiments von Schaufeln, Spitzhacken und Brecheisen einen Platz.
Harry ließ den Motor an und als sich das Fahrzeug langsam in Bewegung setzte, beugte er sich leicht vor und tastete mit der rechten Hand unter seinen Sitz. Seine Finger berührten ein in Sackleinen eingewickeltes Päckchen.
Er lächelte vor sich hin. Es war immer noch da.
4
„Bitte sehr, Teuerster“, sagte die Frau in der vertrauten marineblauen Wolluniform. Die tiefen Linien in ihrem Gesicht offenbarten ihre Müdigkeit, und sie strich sich eine Strähne grauen Haares aus dem Gesicht, die sich unter ihrer Haube gelöst hatte. Trotz ihrer Erschöpfung stand sie lächelnd in der mobilen Kantine der Heilsarmee und blickte auf die beiden zerzausten Polizisten hinunter, die auf dem Bürgersteig standen. Sie stellte eine Tasse mit heißem Tee auf den herunterklappbaren Tresen, der an der Seite des Fahrzeugs hing. „Viel zu tun heute Abend, was?“
„Für Sie offenbar auch, würde ich sagen“, meinte Stannard. „Und Sie werden nicht dafür bezahlt, hier draußen zu stehen und zu frieren, oder?“
Die Frau lachte, als sie eine zweiten Tasse aus dem Spender zapfte.
„Ich glaube nicht, dass ich Ihren Job machen könnte, selbst wenn ich dafür bezahlt werden würde.“
„Nicht nach Ihrem Geschmack, könnte man fast sagen, nicht wahr?“
„Ganz bestimmt nicht, Officer“, erwiderte sie. „Möchten Sie auch ein paar Rosinenbrötchen?“
„Danke, meine Liebe“, sagte Stannard. Er nickte dankbar und trat zur Seite, wobei er die beiden Tassen in der einen und die Brötchen in der anderen Hand hielt. Es hatte nicht lange gedauert, die mobile Kantine zu finden. Die Freiwilligen der Heilsarmee positionierten sich in der Regel dort, wo die Not am größten war, und heute Abend hatten sie nur ein paar Straßen weiter geparkt, in einer Nebenstraße der Barking Road. Er hatte Price gesagt, er solle die Füße hochlegen, während er ihnen etwas zu trinken besorgte: Der Constable der Kriegsreserve sah aus, als hätte ihn der Leichenfund Jahre seines Lebens gekostet.
Er ging zurück zu Price, den er auf dem Bordstein sitzend zurückgelassen hatte. Eine heiße Tasse Tee sollte ihm wieder etwas Leben einhauchen, dachte Stannard. Und nun, da er zur Ruhe kam, merkte er erst, wie müde er selbst war.
Vorsichtig bahnte er sich einen Weg durch die erschöpft aussehenden Luftschutz-Mitarbeiter und ausgebombten Anwohner, die sich in der Nähe der mobilen Kantine versammelt hatten.
„Verflixte Luftangriffe“, sagte er. Aus Gewohnheit mäßigte er seine Ausdrücke vor den Augen der Öffentlichkeit, obwohl die benommenen Gesichter der neu Obdachlosen vermuten ließen, dass es ihnen weder auffiel noch etwas ausmachte, wenn er sich in Schimpfwörtern erging. Er fand Price und führte ihn weiter die Straße hinunter, an einen Ort, an dem sie nicht belauscht werden konnten. „Nun haben wir ein Recht auf ein wenig Ruhe und Frieden. Schließlich haben wir Dienstende.“
Sie hockten sich nebeneinander auf einer niedrigen Backsteinmauer, und Stannard reichte seinem Kollegen eine Tasse Tee und ein Brötchen. Price nahm beides an, aber er schien mit seinen Gedanken ganz woanders zu sein.
„Diese Luftangriffe“, sagte Stannard. „Ich kann sie nicht mehr lange ertragen. Sie reizen mich gewaltig. Und die verdammten Stromabschaltungen. Letzte Woche hätte ich mir fast selbst ein Unglück zugefügt. Haben Sie von dem Metzger in Plaistow gehört, der mitten während eines Luftangriffs in der Wohnung über seinem Laden ein Licht angelassen hat?“
Price nickte langsam, als ob er sich bemühen müsste, dem Gespräch zu folgen.
„Es war wie ein Leuchtfeuer“, fuhr Stannard fort. „Und er war ausgegangen und hatte hinter sich abgeschlossen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als einzubrechen. Ich habe mir fast das Handgelenk an den Glasscherben aufgeschlitzt. Solche Leute sollte man zum obligatorischen Dachwachtdienst verdonnern. Mal sehen, wie sie es finden, wenn überall Bomben auf sie niedergehen. Vielleicht überlegen sie es sich dann zweimal, ob sie die Straße wie am helllichten Tage beleuchten und die Bomber anlocken.“
Er war überrascht, als er ein leises Lachen von Price vernahm. Der Tee muss ihm guttun, dachte er.
„Wurde er dafür bestraft?“, fragte Price, der jetzt wieder halbwegs normal klang.
„Der Metzger? Oh ja, er wurde vor dem Amtsgericht zu einer Geldstrafe von dreißig Pfund verurteilt. Mehr als sechs Wochen Lohn für einen Polizisten, aber nicht für einen wie ihn, schätze ich. Wahrscheinlich verdient er sich ein bisschen was dazu, indem er ein oder zwei Pfund bestes Rindfleisch für seine Lieblingskunden unter die Theke legt – für die, denen es nichts ausmacht, ihm ein paar Pfund extra zuzustecken, damit sie etwas zum Abendessen haben. Manchmal frage ich mich, warum wir uns die Mühe machen.“
„Hängen ist zu gut für sie, das sage ich“, sagte Price. Irgendetwas an Stannards Geschichte schien sein Interesse geweckt zu haben und holte ihn aus dem dunklen Loch, in das er gefallen war. „Ich meine, ist es das, wofür wir den Krieg geführt haben?“
„Ganz genau“, meinte Stannard. „Allerdings war ich für den letzten zu jung.“ Er überlegte kurz, wie alt Price wohl während des Ersten Weltkriegs gewesen war. „Waren Sie dabei?“
„Ja, ich war bei der Armee. Zweieinhalb Jahre war ich dort – eine schreckliche Zeit. Der größte Fehler, den wir je gemacht haben, dieser Krieg.“
„Was meinen Sie damit?“
„Gegen Deutschland zu kämpfen, das meine ich. Ich meine, denken Sie doch mal nach: Sie sind wie wir, nicht wahr? Hart arbeitende, ernsthafte Menschen, zivilisiert. Wie konnten wir auf derselben Seite wie die Franzosen und die Russen landen? Wir hätten uns gar nicht erst in einen europäischen Krieg hineinreden lassen dürfen, und schon gar nicht in einen Krieg gegen die Deutschen.“
„Ja, das sagt meine Mutter auch. Mein Vater war auch im Krieg, aber er wurde in der dritten Flandernschlacht getötet. Ich kann mich überhaupt nicht an ihn erinnern – ich war erst zwei Jahre alt, als er loszog, und er kam nie zurück. Man schätzt, dass es auf unserer Seite dreihunderttausend Tote in dieser Schlacht gab. Meine Mutter sagt, es war alles eine dumme Verschwendung von Leben.“
„Das war es. Die da oben sagten, es sei ein Krieg für den Fortbestand der Zivilisation, aber ich glaube, wir wären alle besser dran, wenn es nie einen Krieg gegeben hätte. Und nun sehen Sie sich an, wohin er uns geführt hat: Wir sitzen hier in der Gosse, während um uns herum alles brennt, wofür die Menschen ihr Leben lang gearbeitet haben.“
„Meinen Sie, wir haben denselben Fehler noch einmal begangen?“
Price antwortete nicht sofort. Er nippte an seinem Tee, als würde er über die Frage nachdenken.
„Es liegt nicht an mir, das zu sagen. Ich sage nicht, dass ich so denke, aber ich weiß, dass es viele gibt, die das tun.“
„Meine Mutter sagt, wir sind selbst schuld, so wie wir sie in Versailles behandelt haben. Sie sagt, wir haben versucht, sie zu ruinieren, und nun leiden wir unter den Folgen.“
„Wir ernten, was wir säen, könnte man sagen.“
„Das können Sie laut sagen. Wir haben heute Abend einiges erlebt, das will ich meinen.“
„Ja. Was auch immer die Leute über diesen Krieg sagen, ich kann mir nicht helfen, wenn ich daran denke, dass alles ganz anders hätte sein können.“
„Viel schlimmer hätte es nicht ausgehen können“, meinte Stannard. „Ich meine, sie haben uns in Norwegen und in Frankreich geschlagen und nun sieht es so aus, als würden sie alles daransetzen, uns auch hier zu schlagen.“
Er stürzte den letzten Schluck Tee aus seiner Tasse hinunter und streifte vergeblich ein paar Krümel von seinem ohnehin dreckigen Jackenärmel.
„Trotzdem sollten wir nicht hier rumsitzen und uns selbst bemitleiden, oder? Es wird Zeit, dass Sie nach Hause zu Ihrer Frau gehen, und ich werde versuchen, ein heißes Bad im Stützpunkt zu ergattern.“
„Ich bringe die Tassen zurück zur Heilsarmee“, sagte Price und nahm sie in die Hand, als er aufstand.
„Danke“, meinte Stannard und blickte zu ihm auf. „Fühlen Sie sich jetzt etwas besser, ja? Sie sahen gar nicht gut aus, als wir die Leiche des armen Mädchens fanden.“
„Ja, es geht mir besser, danke. Keine Sorge.“
„Gut. Freut mich, das zu hören. Sie müssen die Ohren steif halten, verstanden? Ich hätte allerdings gedacht, dass Sie an den Anblick von Leichen gewöhnt sind, weil Sie im letzten Krieg bei der Armee waren, meine ich. Hätte nicht gedacht, dass es Sie so berührt.“
„Ja, halb so wild. Es hat mich nur überrascht, das ist alles. Ist das in Ordnung?“
„Natürlich“, sagte Stannard. „Ich war nur neugierig. Tut mir leid, dass ich gefragt habe.“
5
Jago waren diese Momente verhasst. Der Obduktionssaal im Queen Mary’s Krankenhaus schien immer die Kälte des Grabes widerzuspiegeln. Der harte Steinboden und die weißen Fliesen an den Wänden wirkten kalt und abweisend, und das grelle Licht über ihren Köpfen machte die Leere dieses Ortes deutlich. Es fehlte etwas – eine Seele. Hier gab es keine Hoffnung: Es war, als würde man ein Mausoleum betreten.
Er dachte an die Krypta der St. John’s Kirche, wo die Toten, deren Geister wer weiß wohin aufgestiegen waren, dem langsamen Zerfall zu Staub überlassen wurden. Dieser Ort vermittelte ihm das gleiche Gefühl. Der einzige Unterschied war, dass sie hier weder begraben noch verwesen durften, bis die Medizin und das Gesetz sie freigaben.
Während seines ersten Einsatzes an der Front in Frankreich hatte es einen Katholiken in der Kompanie gegeben. Ein sanftmütiger und pflichtbewusster Mann, der immer vom Fegefeuer sprach – manchmal schien er sich darüber mehr Gedanken zu machen als über das Sterben. Als Jago im Schützengraben saß und ihm zuhörte, wie er dessen Bedeutung erklärte, hatte er es als eine Art Verlorenheit verstanden, als schwebte man auf halbem Weg zwischen Leben und Tod. Schon damals gefiel ihm der Gedanke nicht, er mochte es nicht, wenn Angelegenheiten ungelöst waren – und so war es auch heute, wie er feststellte. Er mochte es, wenn ein Fall abgeschlossen war, wenn das Problem auf die eine oder andere Weise geklärt war. Keine losen Enden.
Seine Besuche im Obduktionssaal waren normalerweise ein Teil des Prozesses, der ihn der Klärung seiner Fälle näherbrachte und die Ungewissheit ausmerzte, jedoch erschien ihm der Ort mehr als je zuvor als trostlos und einsam. Die junge Frau, die er erst nach ihrem Tod kennengelernt hatte, war viel zu früh gestorben. Ihre Familie würde sie nie wieder sehen, sie würde nie wieder mit ihrem Liebhaber lachen. Falls sie einen hatte. Im Moment hatte sie nicht einmal einen Namen. Wer auch immer sie war, alles, was von ihr übrig blieb, war das sterbliche Fleisch, das sie einst mit Tränen, Lachen, einem Lächeln, einem Seufzer belebt hatte und das nun in dieser städtischen Krypta aufgebahrt war, diesem Aufbewahrungsort für die Toten, der so kalt und leblos war wie sie selbst.
Er folgte Dr. Anderson in den Raum, und seine Nase nahm die vertraute Duftmischung aus Tod und Desinfektionsmittel wahr. Er blieb kurz stehen. Vor ihm standen zwei Regale, gefüllt mit Reihen nackter Leichen, jede mit einem Etikett am großen Zeh. Anderson drehte sich um und sah die Überraschung auf seinem Gesicht.
„Sie sind zum ersten Mal seit Beginn der Luftangriffe hier, nicht wahr?“
„Ja“, entgegnete Jago.
„Wie Sie sehen können, ist es etwas geschäftiger geworden. Fast alle von ihnen sind Opfer der Luftangriffe. Wir haben nicht einmal genug Leichentücher, um sie zu bedecken. Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben, so wie alle anderen auch.“
Jago sammelte sich und folgte dem Arzt zum Obduktionstisch. Sein Vorgesetzter, Divisional Detective Inspector Eric Soper, war bereits anwesend, schweigend und mit nüchterner Miene, während Cradock unbehaglich neben ihm stand. Wahrscheinlich hat er Angst, dass der DDI ihm eine schwierige Frage stellt, dachte Jago.
Mit einem kurzen Nicken zu Cradock und einem „Morgen, Sir“ zu Soper nahm er seinen Platz an ihrer Seite ein. Eine kleine Gnade, dachte er. Wenigstens hat der Assistent des Arztes ein Laken gefunden, um die Leiche zu bedecken. Als Jago neunzehn Jahre alt war, hatte er genug verstümmelte Leichen für ein ganzes Leben gesehen, und auch nach über zwanzig Jahren hatte er keine Lust, die Verletzungen, die diese arme Frau erlitten hatte, genauer zu untersuchen, als es für seine Ermittlungen notwendig war.
Er hoffte, dass Andersons Befund bündig sein würde. Zu seiner Erleichterung begann der Arzt ohne Umschweife mit seinem Bericht.
„In diesem Fall gibt es nicht viel zu sagen, meine Herren“, sagte dieser. „Wie Sie wissen, wurde die Leiche auf einem Gelände in Canning Town gefunden, das über Nacht bombardiert worden ist …“
„In der Tat“, unterbrach der DDI. „Aber gibt es irgendwelche Hinweise auf ein Verbrechen?“
„Wenn Sie sich gedulden würden, Mr. Soper“, sagte Dr. Anderson mit einem Lächeln, das Jago für großzügiger hielt, als es sein Chef verdiente, „komme ich gleich darauf zu sprechen.“
„Dann fangen Sie an“, sagte Soper. „Einige von uns haben heute noch etwas zu tun.“
„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte Anderson.
Jago unterdrückte ein Lächeln. Er war überrascht, dass ein so junger Arzt wie Anderson, der keinen Tag älter als dreißig aussah, unter Sopers drängendem Blick so gefasst blieb. Aber vielleicht gab es auch Sopers in der Welt der Medizin, vermutete er. Der Mann hatte wahrscheinlich mit seinen eigenen unberechenbaren Vorgesetzten zu kämpfen gehabt. Oder vielleicht wurde man ein wenig philosophisch über Macht und Rang, wenn man seine Tage damit verbrachte, in Leichen herumzufischen. Er zügelte seine Gedanken, als Anderson seinen Bericht fortsetzte.
„Das Erste, was ich anmerken würde“, sagte der Pathologe, „ist, dass es sehr wenige Anzeichen von Verletzungen am Körper gibt. Die Hauptwunde befindet sich am Hinterkopf, und ich habe Ziegelpartikel und kleine Holzsplitter darin gefunden. In Anbetracht der Tatsache, dass sie in den Trümmern eines zerbombten Hauses gefunden wurde, die zum großen Teil aus Ziegelsteinfragmenten und zertrümmerten Balken bestanden, ist dies an sich nicht beweiskräftig. Soweit ich weiß, hat der Polizeiarzt, der zuerst am Tatort war, die Vermutung geäußert, dass ihr Tod durch eine Bombenexplosion verursacht worden sein könnte, und das wäre in der Tat möglich. Seit Beginn der Luftangriffe wurden zahlreiche Opfer tot aufgefunden, die keine Spuren am Körper aufwiesen – sie starben, weil sie durch die Explosion praktisch erstickt wurden. Eine solche Explosion könnte sie zurück auf die Trümmer geschleudert haben, wo sie sich bei der Landung am Kopf verletzt haben könnte.“
„Wollen Sie damit sagen, dass es eine Bombe war, die sie getötet hat, und kein Mord?“
„Nein. Ich meine, das wäre eine vernünftige Schlussfolgerung, wäre da nicht meine nächste Beobachtung, nämlich eine zweite Wunde an der linken Seite des Kopfes. Diese weist einige Holzsplitter auf, aber keine Ziegelfragmente, was zwar merkwürdig ist, aber keine zuverlässige Schlussfolgerung zulässt.“
„Doch wenn Sie nichts daraus schließen können, wie kann das bedeuten, dass es sich um Mord handelt?“
„Es tut mir leid. Ich hätte sagen sollen, dass sich meine zweite Beobachtung noch auf andere Verletzungen stützt und dass sie aus zwei Bestandteilen besteht.“
„Grundgütiger.“
Jago fand den Austausch unerwartet unterhaltsam, hielt es aber für klug, das Gespräch in eine fruchtbarere Richtung zu lenken, und sei es nur, um Dr. Anderson vor möglichen Verletzungen seiner eigenen Person zu bewahren.
„Und wäre Teil zwei die Komponente, die die Möglichkeit eines Mordes nahelegt?“, fragte er.
„Das müssen Sie entscheiden, Inspector. Der zweite Teil meiner Beobachtung, dass ich auf dem Körper ein bestimmtes Muster von Blutergüssen fand, das meiner Meinung nach auf eine Strangulation hindeutet.“
„Können Sie das näher erklären?“
„Die Muskeln auf beiden Seiten des Kehlkopfes sind mit den Fingerspitzen gequetscht worden, und das obere Horn des Zungenbeins ist gebrochen.“
Anderson streckte eine Hand nach dem Laken aus.
„Möchten Sie …“
„Nein!“, sagte Jago schnell, „Ich will es nicht sehen, vielen Dank. Sie brauchen es mir nicht zu zeigen. Ich werde mich auf Ihre professionelle Einschätzung verlassen.“
„Diese Schäden würden darauf hindeuten, dass sie erwürgt wurde, und zwar eher von vorne als von hinten. Dies wiederum könnte darauf hindeuten, dass das Opfer zur Tatzeit auf dem Rücken lag, zumal es Prellungen am Oberkörper gibt, die auf die Ausübung von Druck durch ein Knie schließen lassen, sowie weitere Prellungen am Rücken, die ich erwarten würde, wenn sie auf einem Haufen loser Ziegelsteine und anderer Trümmer gelegen hätte, wie es der Fall war, als dieser Druck ausgeübt wurde.“
„Der Mörder hat sich also auf sie gekniet, während sie auf dem Rücken auf den Trümmern lag, und sie erwürgt?“, fragte Jago.
„So scheint es.“
„Und was hat die Wunde am Hinterkopf damit zu tun?“
„Die blutende Wunde würde darauf hindeuten, dass sie diese Verletzung vor dem Tod erlitten hat, sodass man daraus schließen könnte, dass der Angreifer sie zu Boden gestoßen hat, bevor er versuchte, sie zu erwürgen, aber das kann ich nicht mit Sicherheit sagen.“
„Und ist das alles?“
„Nur noch eine Sache. Sie hat mehr blaue Flecken auf der linken Seite ihres Halses als auf der rechten, was darauf schließen lässt, dass derjenige, der sie erwürgt hat, Rechtshänder war.“
„Das grenzt es also ein“, sagte Cradock leise.
„Was haben Sie gesagt, Constable?“, fragte Anderson.
„Nichts, Doktor. Ich habe nur laut gedacht.“
„Bevor wir gehen“, sagte Jago, „gab es irgendwelche Anzeichen dafür, dass man sich an ihr zu schaffen gemacht hat?“
„Sexueller Natur, meinen Sie?“
„Ja.“
„Ich habe keine Hinweise auf sexuelle Gewalt gefunden, aber es gibt Anzeichen auf sexuelle Erfahrungen.“
„Würden Sie sagen, dass diese Aktivität jüngster Natur sind?“
„Nicht so frisch, dass sie Teil des Angriffs gewesen wären, aber darüber hinaus kann ich nichts sagen.“
„Und wie schätzen Sie den Todeszeitpunkt ein? Zu diesem Zeitpunkt ist das für mich wichtiger, als zu wissen, wie sie genau gestorben ist.“
„Nach ihrer Körpertemperatur zu urteilen und der Tatsache, dass sie in einer Septembernacht längere Zeit im Freien gelegen hat, würde ich schätzen, dass der Tod irgendwann zwischen einundzwanzig Uhr und Mitternacht eingetreten ist.“
„Danke“, sagte Jago. „Das ist sehr hilfreich. Stimmt’s, Sir?“, fügte er hinzu und wandte sich an Soper.
„Ja, sehr hilfreich, Doktor, sehr gut“, sagte Soper. „Ich denke, damit ist unser Geschäft hier erledigt. Bitte entschuldigen Sie uns. Der Detective Inspector und ich müssen uns unterhalten. Kommen Sie, John, treten wir an die frische Luft.“
Jago ging geradewegs zur Tür und trat nach draußen, wo er jedoch auf Soper warten musste, von dem er annahm, dass er dem Pathologen noch einige Ratschläge zum Abschied gab. Ausnahmsweise freute er sich über die Aussicht auf ein weiteres Gespräch mit dem DDI, und sei es nur, weil es ihm einen Ausweg aus dem Obduktionssaal bot. Hoffentlich musste er so schnell nicht zurückkehren. Er erinnerte sich daran, wie er als Vierzehnjähriger zum ersten Mal eine Leiche gesehen hatte, als sein Vater starb. Der Schock, Zeuge seines Todes zu werden, wo er doch bisher nur das Leben gekannt hatte, hatte tiefe Spuren in ihm hinterlassen. Er wusste, dass es sein Vater war, und doch war er es nicht – er war da und doch nicht. Innerhalb von weiteren fünf Jahren hatte Jago gesehen, wie Männer von Kugeln, Granaten und Schrapnellen aufgerissen und zerfetzt wurden, und er wusste mehr über die rohen und blutigen Details des menschlichen Fleisches, als er jemals hätte wissen wollen. Seit jenen Tagen fiel es ihm nicht schwer, sich ein Herz vorzustellen, das nicht mehr schlug, eine Lunge, die sich nicht mehr blähte, einen Magen, der sich nie wieder vor Angst drehen würde. Doch das Ausscheiden einer Seele aus einem Körper, das konnte er nicht verstehen.
Er erinnerte sich lebhaft an eine Tante aus seinen Kindertagen, die ihn schockiert hatte, als sie von den Feuern der Hölle als Ziel der Toten sprach. In Wahrheit war es jedoch der Obduktionssaal, in dem er gerade gestanden hatte, an dem sie wirklich endeten, und nichts könnte weiter von dem Bild entfernt sein, das sie gezeichnet hatte. Für ihn bedeuteten Feuer und Schwefel jetzt den wilden Wahnsinn des Kampfes, den Spielplatz des Teufels, wo das Böse, das ein Mensch einem anderen antun konnte, jeglicher Beherrschung entzogen war. Das war die Hölle. Er fragte sich, ob der Raum, den er gerade verlassen hatte, ein genaueres Abbild des Gefühls des Verlorenseins im Angesicht des Todes war – eine kalte und leere Existenz, voller Bedauern.
Das Zuschlagen der Leichenhallentür riss ihn aus seinen Gedanken und der DDI erschien an seiner Seite. „Also, John, Sie haben keine Ahnung, wer diese Frau ist, oder?“
Jago dachte wieder an den Fall. „Nein, Sir. Sie hatte keinen Ausweis bei sich und auch sonst nichts, was sie identifizieren könnte. Falls sie eine Handtasche hatte, ist die verschwunden oder entwendet worden.“
„Könnte es sich also um einen Raubüberfall handeln? Ein Raubüberfall, der schiefgelaufen ist?“
„Das kann ich wirklich nicht sagen. Wir haben noch nichts Festes in der Hand.“
„Erwürgt, meinte der Arzt. Das klingt nach Absicht.“
„Möglicherweise, Sir, ja.“
Soper schien eine Weile über Jagos Worte nachzudenken, dann fuhr er fort. „Ich wollte Sie schon lange über diesen Dr. Anderson ausfragen. Ein kluger Kopf, nach dem zu urteilen, was manche Leute sagen. Ist das wahr?“
„Ja, Sir, ein aufsteigender Stern, wie man hört.“
„Er hat sich aber noch keinen richtigen Namen gemacht, oder?“
„Nur eine Frage der Zeit, Sir, denke ich.“
„Hmm, ich bin mir bei ihm immer noch nicht sicher. Er sieht zu jung aus. Sind Sie sicher, dass er weiß, was er tut? Sie wissen, was passiert, wenn die Sache vor Gericht kommt und sich herausstellt, dass er falschlag – die Verteidiger werden ihn in Stücke reißen.“
„Ich könnte mir vorstellen, dass er ihnen einen Strich durch die Rechnung macht.“
„Das mag ja sein. Aber wenn Pathologen in einem Mordfall aussagen, sehen die Geschworenen gerne einen bedeutenden Namen aus einem der großen Londoner Krankenhäuser, der sie mit wissenschaftlichen Titeln blendet.“
„Richter auch, glaube ich“, fügte Jago hinzu. „Wenn man einen angesehenen Pathologen in den Zeugenstand stellt, behandeln ihn einige von ihnen wie Moses. Das ist zumindest mein Eindruck. Gnade dem armen Angeklagten, den ein Professor für schuldig erklärt.“
„Zumindest führt es zu einer Verurteilung. Bei diesem jungen Anderson können wir uns nicht sicher sein. Er sieht einfach nicht danach aus.“
„Vielleicht wäre der Gerechtigkeit besser gedient, wenn wir ihn bitten würden, vor Gericht einen Zylinder und Gamaschen zu tragen.“ Soper sah Jago seitwärts an.
„Was? Nein, natürlich nicht. Das meine ich nicht und das wissen Sie auch. Ich will damit nur sagen, dass wir einen Pathologen brauchen, der einen stichhaltigen Fall zusammenstellen kann, oder wir werden vor Gericht ausgelacht werden.“
„Und einen stichhaltigen Fall, Sir. Wenn Sie meine Meinung hören wollen, würde ich eher Dr. Anderson in den Zeugenstand rufen als einige dieser großen Namen, die Sie erwähnten. Ich habe gehört, dass er bei seinen Kollegen sehr angesehen ist, und nach dem Wenigen, was ich von seiner Arbeit gesehen habe, würde ich meinen Ruf mit Freuden auf seinen Bericht stützen. Er ist zwar nur noch am Queen Mary’s Krankenhaus tätig, aber ich denke, er könnte viele dieser alten Spießer in den Schatten stellen. Außerdem herrscht Krieg, und wir sollten dankbar sein, dass wir ihn ganz in der Nähe haben.“
„Ich hoffe nur, dass er weiß, was er tut, das ist alles.“
Soper schaute auf seine Uhr. „Zeit, dass wir uns auf den Weg machen, denke ich. Lassen Sie uns zum Revier laufen.“
Er machte sich auf den Weg in Richtung West Ham Lane und Jago folgte ihm dicht auf den Fersen.
„Ich wollte Sie noch etwas anderes fragen“, sagte Soper. „Wie kommen Sie mit der Amerikanerin zurecht?“
„Der Journalistin, Sir?“
„Ja, der Zeitungsfrau. Sagen Sie ihr, was sie wissen muss? Und was noch wichtiger ist: Sagen Sie ihr, was das Informationsministerium von ihr wissen will? Der Kollege aus dem Ministerium, der sie hierher gebracht hat, sagte, es sei für die Kriegsanstrengungen unerlässlich, der amerikanischen Öffentlichkeit das richtige Bild zu vermitteln.“
„Sie scheint sehr daran interessiert zu sein, die Wahrheit zu berichten, Sir, wenn Sie das meinen.“
„Was meinen Sie mit ‚Wenn ich das meine‘? Natürlich will ich, dass sie die Wahrheit schreibt – es muss nur unsere Wahrheit sein.“
„Sie ist eine kluge Frau, Sir. Ich bin mir nicht sicher, ob sie darauf hereinfallen würde, wenn ich versuchen würde, ihr etwas vorzugaukeln, vor allem, da sie hier ist und mit eigenen Augen sehen kann, was passiert.“
„Wählen Sie Ihre Worte bedacht, das ist alles, was ich sage. Verbreiten Sie keine Panik oder Verzweiflung, vor allem wenn Sie mit ihr sprechen. Wonach fragt sie denn?“
„Nun, ich habe sie seit ein paar Tagen weder gesehen noch etwas von ihr gehört – ich glaube, sie ist nach Liverpool gefahren, um dort über die Auswirkungen der Bombardierung zu berichten. Ich wage zu behaupten, dass die Zensoren ihr nur erlauben, über ‚eine Stadt im Nordwesten Englands‘ oder ‚einen nordwestlichen Küstenbezirk‘ zu sprechen, aber ich nehme an, dass das für amerikanische Leser nicht so absurd klingt wie für uns. Ich habe allerdings gestern eine Nachricht von ihr erhalten.“
„Und?“
„Sie sagte, sie wolle etwas über die Auswirkungen der Stromabschaltungen auf die Kriminalitätsrate schreiben – die Tatsache, dass sie seit Kriegsbeginn gestiegen ist. Sie hat für nächste Woche einen Termin mit mir vereinbart, um darüber zu sprechen.“
„Gut. Sie können ihr versichern, dass wir der Herausforderung gewachsen sind.“
„Sie sagte auch, dass sie sich für das ganze Gerede über die fünfte Kolonne interessiert. Sie möchte wissen, ob wir seit Beginn der Luftangriffe etwas in dieser Richtung gesehen haben. Nur das, worüber wir reden können, natürlich. Nach dem, was mit Quisling in Norwegen geschah, als die Deutschen die Macht übernahmen, kann ich mir vorstellen, dass die Amerikaner sich fragen, wie viele ähnliche Gruppen hier in den Startlöchern stehen könnten. Ich soll morgen mit ihr zu Mittag essen, vielleicht erfahre ich dann mehr.“
„Die fünfte Kolonne? Großer Gott! Seien Sie vorsichtig, was Sie ihr darüber sagen. Und treten Sie der Abteilung für Spionageabwehr nicht auf die Füße: Sie werden es nicht gutheißen, wenn ein Detective Inspector aus West Ham in der amerikanischen Presse zu einem solchen Thema zitiert wird.“
„Ich glaube nicht, dass ich auf der falschen Seite der Spionageabwehrabteilung landen werde, Sir.“
„Ja, natürlich, das hatte ich vergessen. Sie haben dort einen Fuß in der Tür, nicht wahr? Wann waren Sie abgeordnet?“
„1936, Sir, während der Kämpfe in Spanien. Ich war die Kontaktperson der französischen Polizei, es ging um Waffenschmuggel.“
„Ja, stimmt. Behalten Sie den Rest für sich, ich will es nicht wissen. Sie wurden ausgewählt, weil Sie die Sprache beherrschten, nicht wahr?“
„Ich denke, es lag nicht nur daran, dass ich Französisch spreche, Sir, aber ja, das war ein Teil davon.“
„Ein Polizist, der Französisch sprechen kann. Wer hätte das gedacht, was? Ich persönlich finde, dass das Englisch des Königs alles ist, was ich brauche. Ich halte nichts von Ausländern: Man kann ihnen nicht trauen. Vor allem den Franzosen – nichts als Ärger, wenn Sie mich fragen.“
„Ja, Sir.“
Der DDI verstummte und sagte nichts mehr, bis sie den Eingang des Reviers von West Ham erreichten, wo er stehen blieb.
„Übrigens“, sagte er, „wie sind Sie dazu gekommen, Französisch zu sprechen? Sie haben es mir einmal erzählt, aber ich habe es vergessen. Eine familiäre Verbindung, nicht wahr?“
„Meine Mutter war Französin, Sir, also hatte ich wohl keine andere Wahl.“
„Ah ja, Ihre Mutter. Stimmt. Nun, ich kann mich nicht mit Smalltalk aufhalten. Geben Sie nur acht, dass Sie der Journalistin nichts erzählen, was sie nicht wissen sollte. Ich will nicht herausfinden müssen, dass sie selbst eine Sympathisantin ist.“