1
Manchmal wünschte sich Jago, kein Polizist zu sein.
Jetzt würde er am liebsten über die Straße gehen und das blöde Plakat von der Wand reißen. Es hing schon so lange da, dass es den meisten wahrscheinlich gar nicht mehr auffiel, aber ihm ging es gewaltig gegen den Strich. Er fand es genauso anmaßend und herablassend wie die Regierung, die es dort hatte anbringen lassen.
Er versuchte, nicht darüber nachzudenken. Schließlich war er nicht deswegen hierhergekommen. Abgesehen von dem Blick über die West Ham Lane auf das verdammte Ding war Ritas Café eine Oase, ein angenehmer Zufluchtsort mit guter Hausmannskost. Heute hatte er wieder einmal den Weg in dieses Lokal gefunden, um Abstand von seiner Arbeit, den Verbrechen und der Welt an sich zu gewinnen.
Rita kam auf ihn zu, wie immer mit einem Tuch in der Hand und einem Stift hinter dem Ohr. Eine recht attraktive Frau in den besten Jahren, wie es hieß, um die vierzig, wie er, aber seit zweiundzwanzig Jahren Witwe und Mutter einer dreiundzwanzigjährigen Tochter. Mit ihrer geblümten Schürze und dem zum Turban gebundenen Kopftuch behandelte sie ihre Gäste, als kämen sie zum Tee in ihre Küche.
„Guten Tag, Mr Jago“, sagte sie. „Gefällt Ihnen die Aussicht?“
„Nein“, erwiderte er. „Können Sie den Stadtrat nicht dazu bringen, das Plakat abzuhängen? Es geht mir nämlich auf die Nerven.“
Sie sah aus dem Fenster. Seit einem Jahr zog sich ein braunes Stoffklebeband im Zickzack über die Scheibe und löste sich an den Ecken. Sie rieb mit dem Tuch über einen kleinen Fettfleck. „Die Fenster sehen schlimm aus. Eigentlich müsste ich sie neu kleben, aber wozu? Der Krieg tobt seit einem Jahr und hier ist nichts passiert. Meinen Sie das rote Plakat da drüben? Das sieht doch schon ziemlich mitgenommen aus, finden Sie nicht?“
„Ja, aber leider kann man immer noch erkennen, was draufsteht. Schauen Sie mal.“
Rita las langsam. „‚Ihr Mut, Ihre Fröhlichkeit und Ihre Entschlossenheit werden uns zum Sieg führen.‘ Was soll daran verkehrt sein?“
„Alles. Als ob man Kriege mit einem Lächeln gewinnt! Die sollten mal wochenlang im Schützengraben stehen, bis zu den Knien im Dreck, Blut und Ratten – so wie Ihr Walter und ich. Dann vergeht denen das Lachen. Schauen Sie mal: Jedes ‚Ihr‘ ist extra unterstrichen. Sie hätten auch ‚uns‘ machen können, damit klar ist, wer herrscht und wer gehorcht. Ich wundere mich, dass es noch nicht von den Kommunisten geschwärzt wurde. Was denken sich diese Bürokraten eigentlich?“
„Nicht gerade Ihr Lieblingsplakat, was? Solche Worte aus Ihrem Mund, Mr Jago, und das als Diener der Krone! Wenn das jemand hört, könnten Sie sich glatt selbst verhaften.“
„Keine Sorge, Rita, das bleibt unter uns. Ich erzähle das nicht jedem, aber bei Ihnen kann ich mal Dampf ablassen.“
„Ich kann ja zum Bürgermeister gehen und ihn bitten, es zu entfernen, weil es meine Kunden stört und mir das Geschäft verdirbt.“
„Ehrlich gesagt, Rita, würde ich nicht ausschließen, dass der Stadtrat es absichtlich dort angebracht hat. Dieses schreckliche Propagandaplakat stammt von Chamberlain und seinen Konservativen, und Labour regiert hier seit zwanzig Jahren. Es sollte wohl ein politisches Statement sein.“
„Ich glaube, Sie interpretieren da zu viel hinein. Außerdem wird das Wetter Sie bald erlösen, es fällt sowieso von der Wand.“ Dann wischte sie den Tisch ab, zog einen Notizblock aus der Schürzentasche und den Kugelschreiber hinter dem Ohr hervor. „Was darf es sein? Vielleicht ein kleiner Happen zum Mittag?“
„Nein. Eine Kanne Tee für zwei und zwei von ihren leckeren Rock Cakes. Ich warte auf meinen Kollegen, er ist gerade auf der Toilette.“
„Ich bringe alles, wenn er an der Theke vorbeiläuft. Ist das der junge Mann, mit dem Sie gekommen sind? Ich habe ihn hier noch nie gesehen.“
„Das ist mein Assistent, Detective Constable Cradock. Ich nehme ihn nachher mit zum Fußball. Um ihn mit den hiesigen Gepflogenheiten vertraut zu machen, könnte man sagen.“
„Nun, das Wetter wird auf jeden Fall mitspielen. Hoffentlich gewinnt Ihre Mannschaft. Ihr Kollege macht einen netten Eindruck. Vielleicht passt er ja gut zu meiner Emily. Ist er schon vergeben?“
„Tut mir leid, Rita, das weiß ich nicht. Und wenn ich es wüsste, würde ich es Ihnen nicht verraten.“
„Sie vermissen Sergeant Clark, nicht wahr? Er ist doch wieder beim Militär, oder?“
„Ja, er wurde eingezogen, als der Krieg ausbrach, wie alle anderen Reservisten auch. Wir haben so wenig Personal, dass ich keinen Detective Sergeant bekomme, also muss ich mich mit einem Constable begnügen.“
„Das letzte Mädchen hat gekündigt, weil sie in der Munitionsproduktion mehr verdient. Jetzt bin ich mit Phyllis da drüben gestrandet. Der kann man beim Laufen die Schuhe besohlen. Die Jugend von heute hat keine Ahnung mehr von harter Arbeit, oder?“
„Die Zeiten haben sich geändert, Rita, keine Frage. Manchmal verstehe ich Cradock nicht – das liegt nicht am Altersunterschied. Es ist der Krieg. Wer ihn erlebt hat, sieht die Welt anders. So einfach ist das.“
„Stimmt.“ Rita seufzte. „Mein Walter ist vor zweiundzwanzig Jahren gefallen, und das belastet mich immer noch. Aber für die meisten bin ich nur eine weitere Kriegswitwe, und davon will niemand etwas wissen. Außer Ihnen natürlich; Sie sind immer sehr verständnisvoll. Vielleicht hätte ich weggehen und neu anfangen sollen, aber irgendwie ist es nie dazu gekommen. Ich weiß nicht, warum.“
„Weil Menschen wie Sie und ich hierhergehören, Rita, deshalb.“
„Wahrscheinlich. Zu Hause ist es doch am schönsten, was? Trübsal blasen hilft nicht, oder? Das bringt einen auch nicht weiter. Hier ist der Express von gestern, damit können Sie die Wartezeit überbrücken. Ich weiß, dass Sie einen Blick hineinwerfen wollen.“ Lächelnd reichte sie ihm den Stratford Express und deutete auf die Wand hinter ihm. „Haben Sie einen neuen Hut?“
„Sehr aufmerksam, Rita. Sie hätten Polizistin werden sollen.“
Sie lachte. „Ich doch nicht, mein Lieber. Dafür bin ich nicht klug genug. Sie sehen nur immer so schick aus, im Gegensatz zu den anderen Männern hier. Deshalb fällt mir auf, was Sie tragen.“
Jago nahm die Kopfbedeckung vom Haken an der Wand und strich sie mit dem Ärmel seines Jacketts glatt. „Sie haben recht. Den habe ich erst letzte Woche gekauft. Das ist der erste Hut, den ich mir seit fünf Jahren geleistet habe, und ich habe vor, ihn noch mindestens fünf Jahre zu tragen.“
Es war ein dunkelgrauer Fedora, dessen Krempe vorn nach unten geklappt war. Wie viel er dafür bezahlt hatte, verschwieg er seinen Kollegen lieber. Selbst mit dem Gehalt eines Inspectors konnte er sich keine Eskapaden leisten. Hätte er Frau und Kinder, wäre es unerhört gewesen, aber als Junggeselle hatte er ein reines Gewissen.
„Sehr elegant. Sie sehen immer wie ein echter Gentleman aus.“ Damit ging sie in die Küche, und Jago hängte seinen Hut zurück an den Haken.
Sein Magen knurrte, und Cradock ließ sich zu viel Zeit. Mach schon, Junge, dachte er, ich sterbe vor Hunger.
Obwohl die meisten der samstäglichen Mittagsgäste schon gegangen waren, herrschte im Café immer noch reges Treiben. Im Hintergrund lief wie immer das Radio, und unter all dem Geplauder vernahm er Hutchs sanfte Stimme, die davon sang, dass morgen wieder ein schöner Tag werden würde. Zweifellos ein Teil des nationalen Bedürfnisses nach Fröhlichkeit. An einem Tag wie heute konnte man das fast glauben. Anfang September, und es war noch ungewöhnlich warm – richtiges Strandwetter. Nicht, dass man sich noch in Küstennähe aufhalten durfte.
Endlich bog Cradock um die Ecke.
„Wird auch Zeit, Junge“, knurrte Jago. „Was hast du so lange da drin gemacht? Zelte aufgeschlagen?“
„Tut mir leid, Chef“, entschuldigte sich Cradock.
„Ach, setz dich einfach. Unsere Bestellung kommt gleich.“
Kurz darauf erschien Rita und stellte das Geschirr, ein Teesieb und zwei große Rock Cakes auf weißen Tellern auf den Tisch. „Bitte sehr, meine Herren. Wenn Sie noch etwas brauchen, rufen Sie mich.“ Dann zwinkerte sie Jago übertrieben zu und verschwand.
Jago bemerkte Cradocks entsetzten Gesichtsausdruck. „Keine Sorge, sie macht nur Spaß. Rita und ich kennen uns schon sehr lange.“
Er goss Tee ein, reichte Cradock eine Tasse und streute Zucker in seine eigene. Seit Beginn der Lebensmittelrationierung im Januar hatte er seinen Zuckerkonsum von zwei Löffeln auf einen Löffel reduziert, aber der erste Schluck schmeckte angenehm süß. Er schmatzte und seufzte zufrieden.
„Wie steht es heute mit deiner Fröhlichkeit, Peter?“ Er nickte in Richtung Fenster.
Cradock folgte seinem Blick und entdeckte den beleidigenden Spruch. „Nun, wenn ich im Plakatgeschäft wäre, wahrscheinlich hervorragend“, antwortete er. „Wer auch immer das gedruckt hat, macht sicher ein Vermögen damit. Aber so etwas gibt es doch immer im Krieg, oder? Es weht ein rauer Wind und niemand bekommt einen Silberstreif ab.“
Jago legte den Kopf schief und starrte Cradock an. „Und in einfachen Worten für uns Normalsterbliche?“
„Sir?“
„Schon gut, ich verstehe.“
Cradock schob sich einen Bissen in den Mund. „Sie hatten recht mit dem Rock Cake, Sir. Wirklich köstlich und angenehm süß.“
Jago verdrehte die Augen. „Überlass das Sprücheklopfen den Profis. Du bist Polizist, kein Komiker. Hör weniger Radio, das tut dir nicht gut.“
Cradock schien kein Wort zu hören, er war zu sehr damit beschäftigt, sich Kuchen in den Mund zu stopfen.
Jago nahm den Express und studierte die Titelseite. Nach ein paar Minuten schnaubte er. „Hast du gesehen, was dieses Käseblatt über die Bombenangriffe vom Wochenende geschrieben hat?“
Cradock schüttelte mit vollen Backen den Kopf.
„Das klingt wie eine Unterhaltungssendung. Hör mal:
‚Am Samstag- und Montagnachmittag hatten die Bürger das Vergnügen, einem aufregenden Luftangriff beizuwohnen.‘
Vergnügen? Wenn die Deutschen Bomben regnen lassen, ist das kein Vergnügen mehr. Und hier: ‚Ein Anderson-Bunker mit fünf Personen wurde zerstört.‘ Netter Ausdruck – in Wirklichkeit wurden fünf Menschen im Garten zerfetzt. Was, wenn das jede Nacht mit Hunderten passiert?“
„Aber das wird doch nicht passieren, oder, Chef?“ Cradock versuchte, keine Krümel auf dem Tisch zu verteilen. „Gestern hat Churchill in den Nachrichten gesagt, dass die Luftoffensive nur halb so schlimm war wie erwartet und die Sirenen keine Gefahr bedeuten. Oder so ähnlich.“
„Du glaubst also, dass wir das Schlimmste überstanden haben?“, fragte Jago.
„Nun, ich bin mir nicht sicher, Sir, aber es klingt recht positiv.“
„Wie die Werbung des Ministeriums: ‚Ich bleibe ruhig, suche Schutz und denke daran: Die Chance, verletzt zu werden, ist tausend zu eins.‘ Klar, ruhig bleiben, dann wird alles gut. Und fröhlich bleiben – der Tod trifft immer die anderen.“ Er schnaubte verächtlich, beugte sich über den Tisch und senkte die Stimme. „Ich sage nur, dass es wahrscheinlich schlimmer wird, bevor es besser wird. Vielleicht hat Churchill recht. Vor dem Krieg sagten manche, wir würden am ersten Tag fünfzigtausend Tote haben. Das ist uns erspart geblieben – aber wer weiß, was noch kommt? Hitler ist nur zwanzig Meilen entfernt.“
„Nun, man muss immer positiv denken, nicht wahr, Sir?“
„Oh, ohne jeden Zweifel“, murmelte Jago. „Ohne jeden Zweifel.“ Er faltete den Express zusammen und legte ihn beiseite.
Es war mühsam, Cradock einzuarbeiten. Der Junge konnte Clark nicht das Wasser reichen, aber jeder fing einmal klein an.
Er pustete auf seinen Tee, um ihn zu kühlen, trank einen Schluck und betrachtete nachdenklich seinen neuen Hut. Definitiv eine gute Investition.
Eines der besten Dinge an seinem Beruf war, dass er sich aussuchen konnte, was er trug. Zwei Jahre bei der Armee und dann als Streifenpolizist – das waren genug Uniformen für ein ganzes Leben. Natürlich war das mit einem gewissen Aufwand verbunden. Ein Hut zum Beispiel konnte für oder gegen einen Mann arbeiten. Er war sich sicher, dass der Fedora für ihn arbeitete.
Bei dem Mann, den er hinter Cradock bemerkt hatte, war das nicht der Fall. Ein breitschultriger Typ, der in gebückter Haltung nur wenige Meter entfernt an einem Tisch saß.
Jago konnte ihn nur von hinten sehen, aber sein Trilby war eine schlechte Wahl. Zu eng, dadurch standen seine Ohren noch mehr hervor.
Wie eine Vase mit Henkeln, dachte er.
Als wäre der Trilby nicht schon schlimm genug, trug der Mann ihn auch noch beim Essen. Auch wenn Ritas Café nicht das Ritz war, zeugte ein solches Benehmen selbst hier von einem Mangel an Anstand und Erziehung.
Jago beobachtete ihn genauer und bemerkte die aggressiven Gesten, die er seinem Gegenüber zuwarf. Wer auch immer dieser Kerl war, zurückhaltend war er bestimmt nicht.
Der andere Mann bot ein ganz anderes Bild. Er war Jago zugewandt, sein Gesicht deutlich zu erkennen. Er schien besser erzogen zu sein, hatte seine billige schwarze Melone abgenommen und drückte sie mit beiden Händen wie zum Gebet an seine Brust.
Der pummelige Mann hatte fleckige Haut und schien in seinem schlichten dunklen Anzug mit steifem Kragen verschwinden zu wollen. Vermutlich ein junger Bankangestellter, kaum älter als zwanzig – und mit dem Gesichtsausdruck eines verängstigten Hasen.
Cradock riss ihn aus seinen Gedanken. „Wann geht es los, Sir?“
Jago wandte den Blick von den beiden Fremden ab und Cradock zu. „Um Viertel nach drei. Du kannst in aller Ruhe deinen Tee trinken. Wir werden pünktlich da sein. Es sind inzwischen so wenige Zuschauer, dass sie wahrscheinlich erst anfangen, wenn wir da sind.“
Cradock ließ erleichtert die Schultern hängen, er hatte noch nicht aufgegessen.
„Übrigens, Peter, ich habe einen Tipp für dich.“
„Ja, Sir? Und der wäre?“
„Nimm immer den Platz der Dame ein, es sei denn, die Dame ist bei dir.“ Er amüsierte sich über den irritierten Ausdruck, der über Cradocks Gesicht huschte.
„Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen, Chef. Beim Fußball gibt es doch keine festen Plätze, außer der Verein gehört einem.“ Er überlegte einen Moment. „Und was hat das mit Frauen zu tun?“
Jago lächelte ihn nachsichtig an. „Ich meine nicht das Spiel, sondern das Café hier. Mein Vater hat es mich gelehrt. Wenn du eine Dame zum Essen ausführst, gibst du ihr den Platz mit Blick auf das Restaurant. Oder das Café, in unserem Fall.“
„Und warum, Sir?“
„Damit sie alles sehen kann, was im Raum vor sich geht. Ich glaube, er nannte es ritterliches Benehmen. Nicht, dass er je genügend Geld gehabt hätte, um Frauen auszuführen, jedenfalls nicht seine Frau. Was ich damit sagen möchte, ist: Wenn du wissen willst, was an einem solchen Ort vor sich geht, dann nimm den Platz der Dame ein. So weiß ich, was hinter deinem Rücken vor sich geht, während du ahnungslos bist.“
Cradock wollte sich umdrehen, aber sein Chef bedeutete ihm, ruhig zu bleiben.
Jago konzentrierte sich wieder auf das ängstliche Hasengesicht, das nun noch nervöser wirkte.
Der Mann mit dem Trilby erhob sich von seinem Stuhl.
Jago tat es ihm gleich. „Bleib hier, ich bin gleich wieder da“, flüsterte er Cradock zu und schlüpfte hinter dem Tisch hervor.
Er passte seine Bewegungen denen des Mannes an, sodass er sich ihm in den Weg stellte und ihn anrempelte. „Entschuldigung“, sagte er zu dem Fremden. „Ich war unaufmerksam.“
Der Mann drehte sich kurz um und gab ein knurrendes Geräusch von sich, das Jago als Bestätigung nahm, dann ging er weiter. Neben den auffälligen Ohren hatte der Mann eine Narbe auf der linken Gesichtshälfte, ansonsten war er nicht besonders markant.
Trotzdem prägte sich Jago sein Gesicht ein. Das war wohl eine Berufskrankheit.
Dann ging er an dem eingeschüchterten Hasen vorbei.
Der junge Mann starrte vor sich hin und klammerte sich an seinen Hut, als säße er am Steuer eines Wagens, der außer Kontrolle geraten ist und auf einen Abgrund zurast.
2
Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie ihn geohrfeigt, wenn er ihr widersprochen hätte. Aber diese Zeiten waren vorbei, die Arbeit in den Docks hatte ihn verändert. Sie zwängte sich durch den Spalt zwischen Stuhllehne und Küchenwand und hob die Flasche hoch, um den Milchrand mit einem Tuch wegzuwischen.
„Nicht auf den Tisch, Robert“, schimpfte sie. „Du weißt, dass ich das nicht mag.“
Er sah sie an, als käme sie von einem anderen Stern. „Mum, was soll das? Ist doch egal, wo sie steht.“
„Das gehört sich nicht“, stöhnte sie. „So etwas machen nur gewöhnliche Leute.“
„Na und? Was ist daran falsch? Wir sind gewöhnlich, weil wir zur Arbeiterklasse gehören und nicht zu den reichen Säcken.“
Irene zog einen Stuhl zurück und setzte sich an den Tisch. „Sei doch nicht so, Robert. Wenn dein Vater hier wäre …“
„Tja, ist er aber nicht, oder?“, sagte Robert schnippisch. „Vielleicht wäre er es, wenn er ein bisschen mehr Grips hätte.“
„Hör auf, so über deinen Vater zu reden! Er riskiert da draußen sein Leben und dient seinem Land.“
„Ach was! Er führt nur die Befehle der fetten Kapitalisten aus, damit sie noch reicher werden. Die machen sich die Taschen voll mit dem Krieg, während wir schuften.“
„Ach, du glaubst, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen? Hast du sie dir selbst ausgedacht oder nur irgendwo aufgeschnappt? Das ist unfair und respektlos! Wie kannst du so reden, wenn dein Vater auf See ist und Joe in der Armee? Sie tun nur ihre Pflicht.“
„Die werden nur verarscht“, knurrte Robert. „Da kämpfen die Imperialisten gegeneinander, und je schneller wir das Pack loswerden, desto besser. Da mache ich nicht mit.“
„Wenn du eingezogen wirst, kannst du das nicht mehr sagen.“
„Das wird nicht passieren, verstanden? Ich arbeite im Hafen und bin unentbehrlich – ohne mich geht nichts.“
Irene wischte resigniert mit der Hand über den Tisch. Er hatte einfach auf alles eine Antwort. „Bist du heute Abend zum Essen da?“
„Nein.“
„Wo willst du denn hin?“
„Das ist meine Sache. Ich bin mit Freunden unterwegs.“
„Das gefällt mir nicht“, erwiderte sie. „Halt dich von denen fern. Die ziehen dich nur in Schwierigkeiten rein.“
„Ach was. Alles halb so schlimm.“ Damit schob er seinen Teller von sich und stand auf.
Das bekannte Ziehen schoss durch Irenes Beine, sie hatte sich wieder einmal zu viel zugemutet. „Holst du Billy, Schatz? Er ist im Hof und schraubt an seinem Fahrrad.“
Robert ging zur Hintertür und holte seinen jüngeren Bruder. Billy kam in die Küche und wischte sich die Hände an einem Tuch ab. „Was ist los, Mum?“
„Isst du mit mir zu Abend?“, fragte Irene.
Er schüttelte den Kopf. „Wenn ich fertig bin, gehe ich. Ich habe heute Abend Dienst.“
Irene starrte ihn nur an und presste die Lippen zusammen. Es hatte keinen Sinn, ihre Bedenken zu äußern – Jungs verstanden so etwas einfach nicht. Und bei drei Söhnen machte sie sich immer Sorgen. Dann zerzauste sie ihm die Haare, was er sich trotz seiner sechzehn Jahre gefallen ließ.
„Okay, Schatz“, sagte sie schließlich, und Billy ging wieder in den Hof.
Sie räumte den Tisch ab und brachte das Geschirr zur Spüle. Die Sonne knallte durch das offene Fenster, ein heißer Nachmittag lag vor ihr. Die Müdigkeit drohte sie zu überwältigen, und Jim fehlte ihr. Alles fiel ihr so schwer, die Arbeit, die Jungs, alles.
Ein Hämmern drang durch das Haus, als jemand an die Haustür klopfte. Sie ging durch den fensterlosen Flur ihres schmalen Reihenhauses, der angenehm kühl war.
Sie öffnete die Tür und erblickte ihre Nachbarin. „Oh … hallo, Edna.“ Seltsam, sonst rief sie immer über den Gartenzaun, wenn sie etwas wollte. „Was ist …“ Als sie in Ednas Gesicht sah, versagte ihr die Stimme. Sie sah ganz verkniffen aus, als würde sie mit den Tränen kämpfen.
Vielleicht steckte sie in Schwierigkeiten und benötigte Hilfe. „Ist alles in Ordnung?“, flüsterte sie, aber ihre Nachbarin antwortete nicht.
Erst jetzt bemerkte Irene den Jungen, der hinter Edna stand. Jünger als Robert, kein Bartschatten, aber er trug eine Uniform. Sie las die Buchstaben GPO auf seinem Abzeichen – Telegrammbote der Post. Seine zitternden Finger hielten einen Umschlag.
Edna überwand sich und sagte leise: „Es tut mir so leid, meine Liebe.“ Sie trat einen Schritt vor. „Der Junge wollte, dass ich mitkomme. Er hatte Angst, dass du allein bist. Er hat ein Telegramm für dich.“
Irene keuchte und biss sich auf die Lippe. Alles drehte sich, mit einer Hand umklammerte sie den Türrahmen, in ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander.
Sie spürte Ednas Hand auf ihrem Arm, dann gaben ihre Knie nach und Dunkelheit umhüllte sie.
3
Ein Kamel geht leichter durch ein Nadelöhr. DC Peter Cradock fand dieses Sprichwort schon immer merkwürdig. Er selbst hatte es nie gebraucht, aber jetzt kam es ihm in den Sinn.
Jago führte ihn vom Café durch ein Labyrinth von Seitenstraßen zur Barking Road und dann zur Priory Road, wo eine Reihe kleiner viktorianischer Häuser auf das Fußballstadion blickte. Die Sonne schaffte es kaum, die rostfleckigen Wellblechplatten zu beleben, die auf dem tristen Beton die Rückwand der Osttribüne bildeten.
Die beiden Männer reihten sich in die Schlange ein, die sich zu den schmalen Toren drängte – schmale Schlitze in der Mauer, gerade breit genug für eine Person. Das Nadelöhr. Cradock folgte Jago in den Spalt. Es war dunkel und feucht, wie in einem Gefängnis. Im Gänsemarsch schoben sie sich hindurch, bis sie das Drehkreuz erreichten. Sein Chef bezahlte für sie beide und reichte das Geld in eine dunkle Kabine. Sie zwängten sich durch das ratternde Drehkreuz und betraten das Stadion.
„Willkommen im Hühnerkäfig“, sagte Jago.
Kein Wunder, dass sie es so nannten. Die Tribüne war alles andere als beeindruckend: eine wackelige, einstöckige Holzkonstruktion, die mit Wellblech verkleidet war. Besser sah es auf der anderen Seite des Spielfeldes aus. Die zweistöckige Tribüne ragte über das Stadion hinaus und hatte ein großes Dach, das die Zuschauer darunter vor Regen schützte. Offensichtlich war hier viel Geld investiert worden, und Cradock hatte den Eindruck, dass es hier, wie in ganz London zuging. Der Westen strotzte vor Reichtum und herrschaftlichen Häusern, die auf die anderen herabblickten, während es im Osten von baufälligen Hütten wimmelte, die einzustürzen drohten, wenn man nur nieste.
Auf der hölzernen Plattform suchten sie Plätze mit freiem Blick auf das Spielfeld. Das fiel nicht schwer, denn der Platz war fast menschenleer. Ein paar Jungen hingen ungeduldig an der niedrigen Mauer und warteten auf den Anpfiff. Einige Kinder standen auf umgedrehten Holzkisten, Relikte aus der Zeit, als es noch Orangen gab. Obwohl sich Cradock nicht sonderlich für Fußball interessierte, wusste er, dass die Zuschauerzahlen selbst in der zweiten Liga längst nicht mehr so hoch waren wie vor dem Krieg. Alles war heruntergefahren worden, das Land in eine Nord- und eine Südliga aufgeteilt, damit die Mannschaften leichter reisen konnten – West Ham spielte zum zweiten Mal in Folge gegen Tottenham. Es schien, als würde nun auch der Fußball rationiert.
Cradock blickte auf die verstreute Menge hinter sich: überall Schiebermützen und abgetragene Kleidung, die Uniformen der Männer, die in den schmutzigen Docks und Fabriken nördlich der Themse arbeiteten. Waren es die drohenden Bombardements oder der Reiz der Überstunden, der die anderen fernhielt?
Das Spiel begann pünktlich um 15.15 Uhr, und die Menge, so klein sie auch war, begleitete bald lautstark das Auf und Ab des Spiels.
Cradock verfolgte das Geschehen aufmerksam. Im Juni hatte er sich als Tottenham-Fan ausgegeben, um eine Verbindung herzustellen, denn sein Chef hatte sich so über den Sieg von West Ham im War Cup gefreut. Aber jetzt fragte er sich, ob sein Chef sich überhaupt für Fußball interessierte. Er stand nur da und sah nachdenklich aus. Einmal glaubte Cradock sogar, einen Anflug von Traurigkeit in Jagos Gesicht zu erkennen. Doch als West Ham in der ersten Halbzeit in Führung ging, huschte ein leichtes, zufriedenes Lächeln über seine Lippen. Cradock grübelte, warum er nicht wie die anderen aufgestanden war und gejubelt hatte, sagte aber nichts.
Der Schiedsrichter pfiff zur Halbzeit.
„Gutes Spiel bis jetzt, oder?“ Jago wirkte jetzt etwas lebhafter und drehte sich zu Cradock um. „Vielleicht schlagen wir euch ja noch mal – das wäre doch eine Überraschung.“
„Oh, sicher doch, Sir“, entgegnete Cradock lahm. Besseres fiel ihm nicht ein, hoffentlich hielt der Inspector seine Wortkargheit für das Verhalten eines Fans, dessen Mannschaft gerade unterlag.
Zu Beginn der zweiten Halbzeit freute er sich schon auf den Heimweg. Doch dann erzielte Tottenham den Ausgleich und wider Erwarten fieberte er ein wenig mit. Bald wendete sich das Blatt und Tottenham erzielte drei Tore durch einen Hattrick von Burgess und führte 4:1 gegen West Ham.
Cradock schaute auf die Uhr: Zehn vor fünf, noch zehn Minuten. „Sie haben sich zu früh gefreut, Sir.“
Die West-Ham-Fans auf der Osttribüne waren verstummt. Aber links auf der Südtribüne jubelten die Spurs-Fans und machten trotz ihrer geringen Zahl einen ziemlichen Lärm.
Er genoss es gerade, als das Gebrüll der Zuschauer plötzlich verstummte. Ein anschwellendes Geräusch ertönte und fegte über sie hinweg, als würde sich eine schlechte Nachricht in Windeseile verbreiten – das unheimliche Heulen einer Luftschutzsirene.
Cradock drehte sich um. „Wieder nur ein Fehlalarm, meinen Sie?“
Bevor Jago antworten konnte, stieß der Schiedsrichter dreimal in seine Trillerpfeife – Spielabbruch. Das war’s für heute, die Evakuierung des Stadions begann.
Sie fanden sich auf der Priory Road wieder, zusammen mit Hunderten anderer Zuschauer. Die meisten rannten sofort los, Väter hielten ihre Söhne fest an der Hand und suchten Deckung. Andere gingen langsamer durch die Nebenstraßen. Wahrscheinlich hatten sie nach den vielen Fehlalarmen der letzten Monate eine gewisse Gelassenheit entwickelt, die auch die Bombenangriffe der letzten Tage nicht erschüttern konnten. Gestern hatte es zwar wieder einen gegeben, aber bis hierher war er nicht vorgedrungen, was ihnen wohl das Gefühl gab, in Sicherheit zu sein.
„Zurück zur Wache, Sir?“, fragte Cradock.
„Ja, ich denke schon. Jetzt fahren keine Busse mehr, also gehen wir zu Fuß. Wir nehmen die Abkürzung durch die Seitenstraßen. Wenn wir Glück haben, ist es wieder falscher Alarm.“
Sie bogen rechts in die Castle Street, wo Streifenpolizisten und Luftschutzhelfer die auswärtigen Tottenham-Fans in die nächsten Schutzräume brachten. Dann ging es weiter nach Norden, am Haupteingang des Stadions vorbei, bis sie die gesuchte Abzweigung erreichten.
„Okay, mir nach“, winkte Jago und bog links in die St. George’s Road ein. Cradock blieb dicht hinter ihm, da er sich in der Gegend nicht so gut auskannte. Zum Glück hatten sie noch Zeit, bis die Dämmerung hereinbrach.
Es waren kaum noch Menschen unterwegs, offenbar hatten fast alle Schutz gesucht. Sie eilten die verlassene Straße entlang und erreichten bald die Ham Park Road. Cradock zögerte. Ein unbekanntes Geräusch erfüllte die Luft, es kam von Süden, vom Fluss und den Docks. Als er sich umdrehte, konnte er zunächst nichts sehen, doch gleich darauf erkannte er unzählige winzige Gebilde am Himmel – Flugzeuge. Das dumpfe, pulsierende Dröhnen ihrer Motoren röhrte immer lauter, je näher sie kamen.
Er trat auf die Straße, um einen Blick darauf zu werfen. Obwohl er sich nicht besonders gut auskannte, erkannte er die markante Silhouette des Dornier-Bombers, den man den „fliegenden Bleistift“ nannte. In seinem Schlepptau befanden sich weitere große, silbrig glänzende Objekte – vermutlich Jagdflugzeuge.
„Unglaublich“, murmelte er. „Das sind Hunderte. Deutsche. Wie sind die durchgekommen?“
Jago blickte nach oben, gerade als die ersten Sprengkörper mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Tiefe rasten. Explosionen dröhnten, Rauch stieg auf, in der Nähe der Docks, wenige Meilen entfernt. Es war ein größerer Überfall als gestern, größer als alles, was sie seit Kriegsbeginn erlebt hatten. Und dieses Mal beschränkte er sich nicht auf die Docks. Die Flugzeuge drangen ins Landesinnere vor, direkt auf sie zu, und hinterließen eine Spur der Verwüstung, die sich schnell nach Norden ausbreitete. Dunkle Schatten hingen überall.
Hinter ihnen krachte es ohrenbetäubend. Die Flakgeschütze im West Ham Park hatten das Feuer eröffnet. Granatsplitter prasselten auf die Straße und trafen die Dächer der umliegenden Häuser.
„Achtung!“, brüllte Jago und packte Cradock am Arm. Ein paar Meter weiter war ein Torbogen, in den er ihn hineinzog. Er drückte ihn zu Boden und warf sich daneben.
Das schrille Pfeifen der Bomben durchbohrte ihre Ohren, während der Boden bebte. Cradock spähte um die Ecke, zog sich aber sofort wieder zurück, als die Druckwelle der Explosionen die Luft zerriss. Etwa hundert Meter entfernt hatte es einen Einschlag gegeben.
„Sollen wir einen Bunker suchen?“, rief Cradock über den Lärm hinweg. „Da hinten war doch einer.“
„Auf keinen Fall! Das sind Todesfallen. Ziegelwände und eine Betonplatte obendrauf – wenn es blöd läuft, zerquetscht es dich. Da kriegen mich keine zehn Pferde rein.“ Jago lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sein Magen krampfte sich zusammen, er kannte das Gefühl und kämpfte dagegen an.
„Runter mit dem Kopf, verdammt!“, schrie er Cradock an. Der drückte sich noch tiefer in die Arkade und wünschte sich einen Stahlhelm.
Das Dröhnen der Flugzeuge verebbte allmählich. Jetzt war nur noch das Läuten der Feuerwehrglocken zu hören. Beißender Rauch waberte durch die Straße.
Jago stand auf, Cradock folgte ihm. Sein Herz hämmerte heftig gegen seine Rippen. Er atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen und sagte kein Wort, damit Cradock das Zittern in seiner Stimme nicht hörte. Stattdessen klopfte er den Staub von seinem Anzug und wischte sich die Schuhe an den Hosenbeinen ab.
„Ist das Ihrer?“ Cradock zeigte auf etwas.
Jagos Blick folgte seinem ausgestreckten Finger: Ein zerknautschtes, trauriges Ding lag auf der Straße. Sein Fedora, verloren und zerdrückt, als er in Deckung gesprungen war. Er hob ihn auf, betrachtete ihn seufzend und setzte ihn auf. So ist das im Krieg, dachte er. Jetzt war sein neuer Hut ein ramponierter Überlebender – genau wie er selbst.
Er wandte sich Cradock zu. „Sie scheinen abzuziehen. Dann machen wir uns besser auf den Weg. Und wenn die Luftwaffe das nächste Mal anrückt, bleibst du nicht stehen und starrst – sondern gehst sofort in Deckung!“
„Jawohl, Sir“, antwortete Cradock zerknirscht. Nachdem er gerade seinen ersten Luftangriff überstanden hatte, würde er beim nächsten Mal hoffentlich einen besseren Eindruck auf seinen Chef machen. „Wohin jetzt?“
„Zurück zur Wache. Deinen Feierabend kannst du wohl vergessen.“
Mit einem schnellen Blick zurück stolperten die Männer aus ihrem Versteck und machten sich auf den Weg zur Wache. Der Krieg hatte ihr Viertel erreicht. Eine lange verdrängte Angst kroch in Jagos Bewusstsein. Er fürchtete sich vor der kommenden Nacht. Die Geister der Vergangenheit verfolgten ihn und er erkannte die Zeichen.
4
Billy trat so heftig in die Pedale, dass ihm der Schweiß den Rücken hinunterlief. Obwohl es schon nach einundzwanzig Uhr war, lag noch Wärme in der Luft. Seine Waden verkrampften sich, während er das ruckelnde Gefährt mühsam vorwärts zwang.
Der Schock saß tief, zu tief, um ihn überwinden zu können. Scham und Wut auf sich selbst überwältigten ihn. Er hatte seine Mutter einfach sitzen lassen und seinen Dienst als Luftschutzhelfer als Vorwand benutzt. Aber es war unerträglich und seine Ohnmacht und Ratlosigkeit zu groß, um ihr zu helfen.
Er strampelte mechanisch weiter, fand seinen Rhythmus, als könne er nur so die wirren Gedanken in seinem Kopf bändigen. Sie mussten warten, denn seine Aufgabe, die Nachricht ins Hauptquartier zu bringen, hatte Vorrang. Wie bei den Pfadfindern: Die Pflicht kam immer zuerst. Und um sie zu erfüllen, musste er ruhig bleiben. Er versuchte, an etwas anderes zu denken, an bessere Zeiten. An das Fahrradprojekt zum Beispiel.
Am Anfang war es so aufregend gewesen. Rob hatte gesagt, sie würden alte Teile auftreiben und daraus ein Fahrrad bauen. Sie wollten sogar nach Southend fahren, aber dazu kam es nicht mehr, weil ihnen die Zeit davonlief. Ein Jahr war vergangen und alles hatte sich verändert. Southend war Verteidigungsgebiet, und inzwischen war die ganze Küste bis King’s Lynn abgeriegelt. Kein Fremder durfte das Gebiet betreten.
Auch Rob hatte sich verändert. Es machte keinen Spaß mehr, mit ihm abzuhängen, aus seinem Bruder war eine Art Untermieter geworden. Warum nur? Billy verstand nicht, was mit ihm geschehen war.
Er stemmte sich gegen den Lenker und versuchte, schneller zu werden. Selbst wenn er die Dreigangschaltung zum Laufen gebracht oder einen Rennlenker gefunden hätte – dieses Hollandrad war nutzlos.
Wäre da nicht der unheimliche Lärm, hätte es sich wie eine Fahrt durch eine Geisterstadt angefühlt. Normalerweise wären an einem warmen Samstagabend viele Menschen auf der Straße gewesen. Eigentlich sollte man überall Stimmen hören und fröhliche Kneipenbesucher sehen. Stattdessen war die Luft erfüllt vom Dröhnen der Motoren, genau wie am Nachmittag. Die nächsten Flugzeuge kamen.
Zwei Angriffe an einem Tag – das konnte er kaum glauben. Das Zischen der Sprengkörper und die Erschütterungen der Explosionen schienen von überall zwischen hier und dem Fluss zu kommen. Jeder, der noch bei Verstand war, hielt sich von den Straßen fern. Vor seinem geistigen Auge sah er seine Mutter in dem feuchten kleinen Anderson-Bunker im Hinterhof sitzen und Gebete murmeln. Gab es überhaupt jemanden, der sie hören konnte? Die Luftwaffe sicher nicht.
Irgendwo gingen Sprengladungen nieder, aber die Plaistow Road war frei, also fuhr er weiter. Zu seiner Linken zeichnete sich die hohe Silhouette der Eisenbahntaverne ab. Die Kneipe und alle Häuser ringsum waren dunkel, die Fenster leer und finster wie die geschlossenen Augen eines Toten. Die ganze Straße wirkte tot.
In einem Jahr würde Billy achtzehn sein, alt genug, um Alkohol zu trinken. Aber auch alt genug, um eingezogen zu werden. Im Gegensatz zu Rob konnte er sich dem nicht entziehen. Der Gedanke daran machte ihn wieder nervös. Er zwang sich, sich wieder auf seinen Auftrag zu konzentrieren.
Er bog rechts in die Corporation Street ein und wich einem beschlagnahmten Taxi aus, das mit einer Leiter auf dem Dach und einer Pumpe im Schlepptau vorbeiraste. Im selben Moment sah er die brennenden Häuser auf der anderen Straßenseite. Der Löschtrupp war bereits ausgestiegen und brachte die Pumpe in Stellung.
Offensichtlich hatte es die Straße mehrfach getroffen. Zweimal musste er sein Fahrrad über die Hindernisse tragen. Die Schule stand noch, aber die Geschäfte und Häuser, die seine Kindheit geprägt hatten, waren eingestürzt und nur noch Schutt und Asche, verkohlte Balken ragten wie abgebrannte Streichhölzer heraus.
Er erreichte die Manor Road und fuhr weiter, bis er einen Umweg über den Friedhof machen musste. Die Gräberreihen waren im Schatten kaum zu erkennen. Sie standen von der Straße abgewandt, als wollten sie den Lebenden für immer den Rücken kehren. Als Billy klein war, wurde ihm immer ganz anders, wenn er daran dachte, dass die Toten nur wenige Meter entfernt lagen. Diesen Gedanken verdrängte er lieber.
Kurz nachdem er rechts abgebogen war, musste er wieder anhalten. Den Gemüsehändler an der Ecke hatte es erwischt, auf der Straße lagen nur noch Trümmer. Flammen züngelten durch den aufsteigenden Rauch. Er fürchtete schon, darüber klettern zu müssen, als er eine Abzweigung entdeckte. Vielleicht konnte er sie so umgehen.
Er bog in eine Seitenstraße ab, drehte sich um und fand den Weg zurück. Diese Straße war viel dunkler, hier brannte nichts. Auf halbem Weg stellte er fest, dass er sich in der Jasmine Street befand, einer Sackgasse. Frustriert blieb er in seinem verschwitzten Hemd stehen und hätte am liebsten etwas umgestoßen.
Er wollte gerade umkehren, als am Ende der Straße ein Mann im Overall auftauchte und ihm zuwinkte. Als er näherkam, erkannte Billy das große weiße W auf dem Stahlhelm – ein Luftschutzwart.
„Komm her, Junge“, rief der Mann. „Was machst du hier draußen in diesem Chaos?“
Billy kam näher und streckte den Arm aus, damit der Wart seine Armbinde sehen konnte. „Luftschutzbote. Ich muss eine Nachricht zur Kommandozentrale in der Rainford Lane bringen.“
„Das trifft sich gut. Dann kannst du auch eine Nachricht von mir überbringen. Komm mit.“
Er drehte sich um und ging zu einem kleinen schwarzen Auto, das am Straßenrand parkte. Billy stellte sein Fahrrad auf dem Bürgersteig ab und folgte ihm. Es sah aus wie ein Lieferwagen, aber er hatte keine Aufschrift. Vielleicht hatte der Fahrer ihn wegen des Bombenangriffs zurückgelassen, aber dann sah er eine Gestalt am Steuer.
„Bist du zimperlich, mein Sohn?“
„Natürlich nicht.“ Billy straffte die Schultern.
„Sieh es dir an, du musst es melden.“
Der Luftschutzwart öffnete die Tür des Transporters und winkte Billy heran. Der Fahrer rührte sich nicht. Er sah aus, als würde er schlafen. Vielleicht war er von einer Druckwelle erfasst und bewusstlos geworden – oder Schlimmeres. Aber das Auto wirkte unbeschädigt, selbst die Windschutzscheibe war heil. Eine Bombe hatte ihn sicher nicht außer Gefecht gesetzt.
Als Billy in den Wagen spähte, schaltete der Luftschutzwart seine Tarnleuchte ein und richtete den Lichtkegel über seine Schulter.
Jetzt war deutlich zu erkennen, dass der Mann einen Anzug trug – also wohl doch kein Lieferant. Er schien um die fünfzig zu sein, saß zusammengesunken da, das Kinn auf die Brust gesenkt, die Hände schlaff im Schoß.
Billy keuchte erschrocken. Seine Handgelenke und seine Kleidung waren blutverschmiert, das Blut glitzerte im Licht der Lampe.
Er wandte sich an den Wachmann. „Ist er …“
„Mausetot. Mausetot. Und ich glaube kaum, dass es die Deutschen waren. Wir müssen die Polizei rufen. Ruf sofort die Leitstelle an und melde einen verdächtigen Todesfall. Sag, Ron Davies schickt dich. Jetzt geh!“
Billys Gedanken überschlugen sich, während er zu seinem Fahrrad eilte. Zum ersten Mal hatte er einen Toten gesehen. Es war das erste Mal, dass er die Polizei rufen musste. Obwohl es eine Selbstverständlichkeit war, kribbelte sein Bauch vor Unbehagen.
Keine Zeit, darüber nachzudenken. Er setzte sich auf sein Fahrrad, fuhr zurück und machte einen großen Bogen um die Sackgasse, um die gesperrte Straße zu umgehen. An einer anderen Kreuzung schien der Weg frei zu sein. Er beschleunigte. Vor seinem geistigen Auge schwebte das Gesicht des Toten. Dann, ohne Vorwarnung, das Gesicht seines Vaters. Er versuchte, beide abzuschütteln, aber sie verschmolzen nur miteinander.
Scheinwerfer suchten den Himmel über Ostlondon nach dem Feind ab. Billy blickte nach oben, aber er sah keine Flugzeuge. Hilflosigkeit und Enttäuschung krochen in ihm hoch, dann kam die Wut, packte seine Kehle und drückte erbarmungslos zu. Innerlich schrie er und nannte seinen Vater einen Idioten. Er hasste seinen Vater. Er hasste die Deutschen. Er hasste die Regierung. Er hasste einfach alles. Als er sich dem Kontrollzentrum näherte, war er froh, dass der beißende Rauch in seinen Augen brannte. Er war eine willkommene Entschuldigung für die Tränen, die ihm die Sicht nahmen.