Leseprobe Die unmögliche Wahl der Lady Alice

KAPITEL EINS

April 1821, Cleveland Castle

Gifford, Earl of St. Albans, schritt in das Arbeitszimmer seines Vaters. „Du wolltest mich sprechen?“

Der Duke of Cleveland sah ihn mit seiner nur selten zum Vorschein kommenden verlegenen Miene an. Dies war normalerweise nur der Fall, wenn Giffs Mutter Papa von der Falschheit einer langgehegten Ansicht überzeugen konnte. Hatte sie ihn endlich überredet, Giff schon vor einer Hochzeit Kontrolle über die Ländereien des Titelerben zu übertragen? Er konnte sich keinen anderen Grund vorstellen, warum sein Vater ihn so kurz vor seiner Abreise in die Stadt zu sich zitieren sollte.

„Ja.“ Papa schob ein kleines, in Papier eingeschlagenes Päckchen von einer Seite des Schreibtisches in die Mitte der dicken Eichenplatte, auf halbem Weg zwischen sie. „Du weißt, dass ich möchte, dass du dir in dieser Saison eine Frau suchst?“

Es ging nicht um das Anwesen. Vor Enttäuschung wäre Giff beinahe schnurstracks aus dem Zimmer marschiert. „Ich habe dem bereits zugestimmt.“

„In der Tat.“ Papa richtete den Blick auf das Päckchen und schob es näher zu Giff herüber. „Das wirst du brauchen. Deine Mutter meinte, es wäre … ähm … dass du als Marquis of St. Albans eine bessere Partie abgeben würdest.“ Er deutete auf das Päckchen. „Das sind deine neuen Visitenkarten.“

Giff unterdrückte seine Enttäuschung. Es war zwar nicht das Anwesen, aber immerhin etwas. Papa selbst hatte bis zu seiner Hochzeit warten müssen, um den Ehrentitel eines Marquis zu erhalten. Giff nahm das Paket entgegen. Er hätte nur zu gern gewusst, wie seine Mutter das bewerkstelligt hatte. „Vielen Dank, Sir.“

„Wir werden uns in ein paar Tagen in der Stadt sehen. Deine Mutter plant einen Ball und einige andere Aktivitäten.“

Bei denen Giff eine Reihe junger Damen kennenlernen könnte, in der Hoffnung, dass eine von ihnen ihm so sehr zusagen würde, dass er sie heiraten wollte.

„Bitte richte Mama meinen Dank aus. Ich bin sicher, der Titel wird hilfreich sein.“

„Ich verstehe immer noch nicht, warum das so wichtig sein soll. Earl oder Marquis, du bist in jedem Fall der Erbe eines Dukes.“

Giff zuckte mit den Schultern. „Wer kann schon die Denkweise einer Frau nachvollziehen?“

Papa stand auf und reichte ihm die Hand. „Gute Reise nach London.“

Giff nahm die Hand seines Vaters und schüttelte sie. „Wir sehen uns bald wieder. Und ich danke dir. Ich bin sicher, Mama hat recht, was den Titel angeht.“

„Das hat sie meistens“, brummte Papa.

Giff nickte zustimmend. Einmal, vor einigen Jahren, hatte sein Vater versucht, sie herauszufordern. Es blieb bei diesem einen Mal. „Wir sehen uns in der Stadt.“

Als er den Flur erreicht hatte, erlaubte er sich ein heimliches Grinsen, bedankte sich innerlich bei ihr und machte sich auf den Weg zur Eingangshalle. Gunn, sein Kammerdiener, war bereits vorgegangen und würde ihn im George in Darlington treffen, wo sie die Nacht verbringen würden, bevor sie die fast einwöchige Reise nach London antraten.

Sechs Tage später betrat er Cleveland House in der Park Lane. Das nicht ganz hundert Jahre alte Gebäude war prunkvoll gestaltet und bestand aus drei Teilen, mit leicht nach außen gerundeten Fassaden, wodurch sie ein wenig an Türme erinnerten. Die Fassade war von hohen Fenstern durchbrochen, die in den oberen Stockwerken mit Balkonen versehen waren. Das Innere war in zwei Flügel aufgeteilt. Der eine war eigens für den Erben, seine Familie und seine Bediensteten bestimmt. Dank der Voraussicht seiner Ururgroßmutter verfügte das Haus über eine kreisförmige Auffahrt an der Vorderseite, flankiert von Gärten an den Seiten. Auf der Rückseite des Hauses gab es einen großen Garten direkt neben den Stallungen, die davon mit einer hohen Steinmauer abgetrennt waren. Dieser grüne Ort war so abgeschieden, dass man dort fast vergessen konnte, dass man sich mitten in der Metropole befand. Sobald Giff heiratete, würden er und seine Familie im Flügel des Erben wohnen, wann immer sie in die Stadt kamen. Die restliche Zeit des Jahres würden sie auf Whippoorwill Manor in der Nähe von St. Albans verbringen. Das war der Landsitz, den er nach seiner Heirat kontrollieren würde. Am Ende dieser Saison, sofern er bis dahin seine Braut gefunden hatte.

Giff schlenderte in sein Zimmer und sah sich die Briefe auf seinem Schreibtisch an. Einige davon waren Einladungen. Andere waren persönliche Schreiben von Freunden, die bereits in der Stadt eingetroffen waren. Einer stammte von einem Schulkameraden, den er seit einigen Jahren nicht mehr gesehen hatte: John, dem Marquis of Montagu. Es wäre sicher schön, Montagu wiederzusehen. Das letzte Mal war bei der Beerdigung von Montagus Vater gewesen. Vielleicht könnten sie morgen früh einen Ausritt unternehmen, bevor es im Park zu voll wurde.

Giff zog ein Stück Papier aus der Schublade und kritzelte eine Nachricht, dann zog er am Klingelzug.

Ein Bediensteter betrat den Raum. „Ja, Mylord.“

Griff reichte dem Mann die Nachricht. „Bringen Sie dies zu Montagu House.“

„Sofort, Mylord.“

Nachdem der Diener gegangen war, begab sich Giff in sein Schlafgemach. Seine Abendgarderobe lag bereits bereit. Wie es seine Gewohnheit war, würde er am ersten Abend zu Hause dinieren. Gleichzeitig musste er eine Strategie für seine Suche nach einer Frau entwickeln. Er durfte sich nicht nur auf seine Mutter verlassen, sondern auch auf sich selbst. Früher war er zur Mittagszeit üblicherweise auf seinem Pferd ausgeritten. Aber jetzt sollte er in Erwägung ziehen, seine offene Kutsche zu nehmen. Er warf einen Blick auf die vergoldete Uhr auf dem Kaminsims. Es war kurz nach fünf. Er hatte noch Zeit für einen Besuch in den Stallungen, bevor er sich zum Abendessen umzog. Und er tat es besser jetzt als nach seinem Bad.

Dumpfe Geräusche aus dem Ankleidezimmer verrieten ihm, dass sein Diener dort war. „Gunn, ich gehe zu den Ställen. Ich bin innerhalb einer Stunde zurück.“

„Sehr wohl, Mylord. Ich lasse Ihnen ein Bad vorbereiten.“

Giff grinste. Praktisch alle Hausangestellten in London und die meisten auf Cleveland Castle mochten Engländer sein, aber seine Mutter hatte darauf bestanden, dass seine persönlichen Bediensteten gute, zuverlässige Schotten von den verschiedenen Ländereien ihrer Familie waren. Eine weitere Schlacht, die sein Vater verloren hatte.

Eine Stunde später, nachdem er vom Stallmeister abgewiesen worden war, der darauf bestanden hatte, Giffs Kutsche kommen zu lassen, war er für ein frühes Abendessen eingekleidet. Er hatte sich gefreut, als er sah, dass seine Kutsche frisch gestrichen und die Polsterung ausgetauscht worden war. Er brauchte gar nicht zu fragen, wessen Idee das gewesen war. Mama würde ihr Bestes geben, um ihn in dieser Saison zu verheiraten.

***

Am nächsten Morgen, nachdem er die Bestätigung seiner Einladung von Montagu erhalten hatte, ritt Giff zu Montagu House und traf dort auf seinen Freund – auf dem Bürgersteig neben seinem Pferd wartend. „Guten Morgen.“

„Ebenfalls guten Morgen.“ Montagu grinste. „Ich danke dir für deine Nachricht. Es ist schon so viele Jahre her, dass ich das letzte Mal in der Stadt war, und ich war nicht sicher, wie ich anfangen sollte.“

Giff musterte seinen Freund. „Auf der Jagd nach einer Ehefrau?“

„Genau.“ Montagu verzog das Gesicht.

„Ich ebenfalls. Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen.“ Obwohl Giff eigentlich nicht glaubte, dass er viel Hilfe benötigen würde, um die Lady seiner Wahl zu überzeugen, ihn zu heiraten. Er war, wie sein Vater gesagt hatte, der Erbe eines Dukes, sah nicht schlecht aus und er war bereits als charmanter Liebhaber beschrieben worden.

Montagu saß auf und warf Giff einen zweifelnden Blick zu. „Wie soll das gehen, wenn du selbst noch nie eine Frau gesucht hast?“

„Ah.“ Er lenkte Horace, sein Pferd, in Richtung des Parks. „Es mag das erste Mal sein, dass ich mich in die Fesseln einer Ehe legen lasse, aber es ist nicht das erste Mal, dass ich eine Frau verführen will. Bei einer jungen Lady wird es sicher ähnlich laufen. Ich kann mir vorstellen, dass es sogar einfacher sein könnte als bei einer erfahreneren Frau. Nicht nur das: Wie viele Mütter würden es wohl gern sehen, wenn ihre Tochter den Erben eines Dukes zurückweist?“

„Ich schätze, da hast du recht.“ Montagu ritt neben Giff. „Junge Damen neigen dazu, den Wünschen ihrer Familien zu folgen.“

Zumindest englische Damen taten das. Seine Mutter und seine älteren Schwestern hatten diese Einstellung nicht geteilt. Aber so machte sich die schottische Seite eben bemerkbar. In gewisser Weise war es schade. Er hätte gern eine Frau, die seiner Mutter in dieser Hinsicht ähnelte. Die Lady, für die er sich entschied, musste schon eine starke Willenskraft an den Tag legen, um seinem Vater zu gefallen. „Wir werden sehen.“

***

Lady Alice Carpenter starrte auf die Liste, die sie und ihre Schwestern zusammengestellt hatten.

Muss Haustiere mögen

Muss Kinder mögen

Muss lustig sein und uns auch für lustig halten

Muss freundlich sein

Mindestens durchschnittliche Intelligenz besitzen

Muss denjenigen helfen wollen, die weniger Glück haben, und unsere Arbeit in dieser Richtung unterstützen

Passables Aussehen

Guter Charakter

Muss uns gestatten, wir selbst zu sein

Genug Vermögen, um eine Familie zu ernähren

Muss uns lieben

Irgendetwas fehlte. Leider wusste sie nicht, was das war. Sie legte die Liste zurück in die Schublade. Früher oder später würde es ihr schon noch einfallen. Im Moment musste sie sich mit ihren Schwestern zu ihrem gemeinsamen Ausritt in den Park treffen. Es war das erste Mal, dass sie nur in Begleitung eines Stallburschen hinaus durften.

Wie immer fand sie sich als Erste unten ein. Robertson, ihr Stallknecht und ehemaliger Soldat, half ihr beim Aufsitzen auf Galyna, ihre Cleveland Bay-Stute. Getreu ihres Namens blieb sie geduldig stehen, bis Alices Schwestern, Lady Eleanor Carpenter, Alices Zwillingsschwester, und Lady Madeline Vivers ein paar Minuten später eintrafen.

Alice wandte ihre Stute in Richtung der Straße, die vom Platz vor dem Haus abging.

„Sollen wir aufbrechen?“

„Ja“, sagten ihre Schwestern unisono.

Sie waren Geschwister, seit Grace, Vormund und älteste Schwester von Alice, Eleanor und ihren fünf Geschwistern, Madelines Bruder und Vormund Matheus, Earl of Worthington, geheiratet und damit alle elf Geschwister zu einer Familie vereint hatte. Schon vor ihrer Heirat hatten sie beschlossen, sich ohne Rücksicht auf Nachnamen oder Blutsbande als Geschwister zu bezeichnen, weil allein anhand der Blicke, die Matt und Grace einander schenkten, klar war, dass sie zusammengehörten. Ein Blick auf Madeline genügte und Alice und Eleanor waren sich im Stillen einig, dass die drei von diesem Tag an Drillinge sein würden. Seitdem bezogen sie sie in alles ein, was sie taten. Dennoch war Eleanors Bindung zu ihrer Zwillingsschwester so stark wie eh und je. Kurz darauf heirateten Charlotte, ihre nächstälteste Schwester, Dotty, ihre engste Freundin, und Louisa, die älteste Schwester von Madeline. Sie waren nun die Marchioness of Kenilworth, die Marchioness of Merton beziehungsweise die Duchess of Rothwell. Die nächste, die heiratete, war Augusta. Sie war nun Lady Phineas Carter-Woods. Sie alle waren in ihren Ehen äußerst glücklich. Alice wünschte sich das Gleiche für sich und ihre Schwestern. Zum Glück hatte Matt ihnen gesagt, dass sie selbst entscheiden könnten, ob sie einen Gentleman heiraten wollten, vorausgesetzt, dass dieser als Ehemann infrage käme.

Als sie zum Park trabten, war deutlich zu spüren, dass der Frühling tatsächlich endgültig eingetroffen war. Die Bäume trugen kleine grüne Blätter und die Forsythien blühten bereits leuchtend gelb. Auch die Narzissen und Krokusse hatten ihre Köpfe schon emporgestreckt.

Eleanor sah sich lächelnd um. „Ich kann kaum glauben, dass wir endlich hier sind.“

Alice konnte nicht widerstehen, den gelangweilt wirkenden Duktus auszuprobieren, den sie eigens einstudiert hatte. „Wir kommen schon seit Jahren her.“

„Du weißt, was sie meint“, sagte Madeline und warf einen Blick zum Himmel. „Wir sind im Begriff, unser Debüt zu geben. Es fühlt sich an, als hätten wir schon jahrelang darauf gewartet.“

„Wir haben ja auch schon jahrelang darauf gewartet.“ Eleanor grinste. „Das haben Matt und Grace auch.“

Alice hätte es nicht als Warten bezeichnet. „Du meinst, sie haben sich jahrelang davor gefürchtet.“

Eleanor begegnete Alice’ Blick. So sehr Grace sie auch darauf vorbereitet hatte, wenn sie in dieser Saison heirateten, würde ihr Leben und das von Madeline völlig anders sein als zuvor. Es war seltsam, sich vorzustellen, was sich alles verändern würde.

„Wenigstens werden wir nicht allein dastehen.“ Madeline lächelte strahlend. „Matt sagt schon seit langem, dass dafür ‚alle Mann an Deck’ kommen sollen.“

Alice lachte. Madeline hatte seine strenge, gebieterische Stimme perfekt nachgeahmt. Interessant war, dass Matt das unangefochtene Oberhaupt einer Familie war, zu der inzwischen auch ein Duke und zwei Marquis gehörten. Sie alle waren bereits in der Stadt eingetroffen. Nur ihre Schwester Augusta, die versprochen hatte, zu ihrem Debüt nach England zurückzukehren, sowie ihr Ehemann und ihr ältester Bruder Charlie, Earl of Stanwood, waren noch nicht angekommen. Sie waren mehrere Jahre lang auf dem Kontinent umhergereist. Alice hoffte, dass sie bald nach Hause kommen würden. Augusta und Charlie hatten es versprochen.

Alice und ihre Schwestern galoppierten zu einer großen Eiche und ritten dann gemächlich am Serpentine entlang. Fast unbewusst folgte Alice dem Beispiel ihrer Zwillingsschwester und lenkte Galyna zurück zum Tor.

„Warum wenden wir?“ Madeline klang überrascht.

„Ich habe Hunger“, erwiderte Eleanor. „Wenn wir zu Hause sind, haben wir gerade noch genug Zeit vor dem Frühstück, um uns zu waschen und …“ Sie hielt inne. „Ich frage mich, wer die beiden sind.“

„Wen meinst du?“ Madeline spähte an Eleanor vorbei.

Alice beugte sich vor, um ihrerseits an Madeline vorbeisehen zu können.

„Starrt sie nicht so an! Sie könnten uns sehen.“ Eleanors scharfe Stimme veranlasste Madeline und Alice, sich wieder aufzurichten. „Da waren zwei Gentlemen, die etwas abseits ritten. Sie sind galoppiert.“

Madeline beugte sich wieder vor. „Wie sahen sie denn aus?“

„Sie hatten beide rötliches Haar, aber in verschiedenen Tönen. Gut gekleidet. Der eine ritt auf einem schwarzen Pferd und das andere war grau.“

Madelines Brauen zogen sich zusammen. „Ich frage mich, ob sie die Art von Gentlemen waren, die uns vorgestellt werden.“

„Das wird sich erst noch zeigen“, gab Eleanor zurück, als sie durch das Tor ritten und die Upper Grosvenor Street hinauf trabten.

Ein Junge, der auf die Straße rannte und mit den Händen winkte, schreckte Alice auf. Eleanors Pferd scheute, aber es gelang ihr, es unter Kontrolle zu halten. Was hatte sich der Bursche dabei gedacht, wenn er überhaupt gedacht hatte? Was auch immer es war, es war ein dummer Streich.

Alice eilte zur Seite ihrer Zwillingsschwester. „Eleanor, ist alles in Ordnung?“

Ihr Gesicht war blass, aber entschlossen. „Es geht schon.“

Alice wollte gerade vorschlagen, den Jungen zur Rede zu stellen, aber Eleanor schüttelte den Kopf.

Jemmy, Eleanors Stallknecht, ritt zu ihnen herbei. „Das war kein Unfall, Mylady. Bis er Sie sah, stand er ganz still und ruhig da.“

„Danke, Jemmy. Sie haben meinen Verdacht bestätigt. Komm, Adela. Ab nach Hause“, sagte Eleanor zu ihrem Pferd.

Warum sollte jemand Eleanor Angst einjagen wollen? Sie beeilten sich auf ihrem Heimweg. Kaum hatten sie Worthington House erreicht, kamen ihre Stallknechte, um ihnen die Stuten abzunehmen. „Guten Morgen.“

Alice war froh, Charlotte und Louisa zu sehen, die gerade mit ihren älteren Kindern an der Hand zum Haus schlenderten. Charlotte, Louisa, Dotty und Grace hatten alle Kinder im Alter von etwa fünf Jahren.

„Ihr kommt wohl, um mit uns zu frühstücken?“ Alice umarmte die Kinder.

„Wir werden den Tag mit Gideon und Elizabeth verbringen“, erklärte Charlottes Tochter Constance. Die beiden waren die älteren Kinder von Matt und Grace.

Constance Alice an der Hand. „Wir wollen auch Posy und Zeus sehen.“

Posy und Zeus waren Deutsche Doggen. Matt hatte Zeus nach dem Tod seines Hundes Duke geholt und ein Jahr später starb Daisy und Posy kam zu ihnen. Doch während Duke und Daisy die meiste Zeit mit Alice, Eleanor und Madeline verbracht hatten, gehörten Zeus und Posy eher zu Elizabeth und Gideon. Jedenfalls wenn sie nicht gerade versuchten, Edward und Gaia, die achtzehn Monate alten Zwillinge von Grace, vor dem Baden zu retten.

Alice machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Sie, Eleanor und Madeline hatten getrennte Schlafgemächer und teilten sich einen Salon, den sie The Young Ladies’ Parlor getauft hatten.

Bertram, das Dienstmädchen von Alice, überwachte gerade das Befüllen ihrer Badewanne, als Alice das Schlafzimmer betrat. „Danke. Heute kommt die Familie zum Frühstück.“

„Das hörte ich ebenfalls.“ Bertram prüfte die Wärme des Badewassers und wandte sich dann dem Bediensteten zu. „Vielen Dank. So ist es perfekt.“ Als sie gegangen waren, half sie Alice aus ihrem Reitkleid. „Ab jetzt wird es nur noch geschäftiger werden.“

Alice ließ sich in die Wanne sinken. „Sehr richtig.“ Sie überlegte, ob sie ihr von den Gentlemen erzählen sollte, aber was gab es da schon zu sagen? Dass ihr Haar verschiedene Rottöne hatte und sie wie Gentlemen aussahen? Sie wusch sich und stieg danach aus der Wanne, um sich abtrocknen zu lassen. „Ich freue mich schon auf unsere ersten Veranstaltungen. Haben Sie schon etwas von der Ankunft unserer Brüder oder von Lady Phinn gehört?“

„Master Walter und Master Phillip werden zu Ostern hier sein. Es tut mir leid, Mylady. Man hat mir nichts über Lord Stanwood oder Lady Phineas gesagt.“

Alice versuchte, nicht enttäuscht zu sein. Sie hatten versprochen, hier zu sein, und das würden sie auch. Sie wünschte nur, sie wüsste, wann sie endlich eintreffen würden.

Sie ließ sich beim Ankleiden helfen, stürmte aus dem Zimmer und erreichte den Korridor eine Sekunde vor ihren Schwestern. Plötzlich ertönten Freudenschreie aus dem Flur. Das mussten sie sein! Und genau rechtzeitig! Sie tauschte einen kurzen Blick mit Eleanor und Madeline aus, und sie eilten die Treppe hinunter.

KAPITEL ZWEI

Alice hielt sich im Hintergrund, während die jüngeren Familienmitglieder Augusta, Phinn und Charlie begrüßten. Elizabeth war ein Jahr alt und Gideon zwei gewesen, als die drei zu ihrer Reise aufgebrochen waren. Aber die anderen Geschwister von Grace und Alice hatten den Kindern immer ihre Briefe aus dem Ausland vorgelesen. Ihre Schwestern Theo, jetzt vierzehn Jahre alt, und Maria, elf, umarmten ihre lang verschollenen Verwandten. Augustas Dogge wartete geduldig darauf, ihrerseits begrüßt zu werden. Alice erinnerte sich vage daran, dass der Hund in einem der Briefe ihrer Schwester Erwähnung gefunden hatte.

Mary deutete auf den Dänen. „Wem gehört der Hund und wie heißt er?“

„Das ist Minerva.“ Augusta deutete auf eine Kiste auf dem Boden. „Und da drin ist Etienne. Wir haben sie in Wien gefunden. Der ursprüngliche Besitzer von Minerva ist gestorben, und Phinn hat Etienne für mich gekauft.“

„Das war einer meiner Versuche, sie davon zu überzeugen, mich zu heiraten.“ Phinn lächelte reumütig.

Er war ihr nach Europa gefolgt, als sie mit Cousins auf Reisen gegangen war.

„Wir sind sehr froh, dass ihr alle wieder zu Hause seid.“ Grace tauschte einen Blick mit Matt aus, der breit lächelte.

„Und genau zur richtigen Zeit“, schaltete Matt sich ein und ging in Richtung des Frühstückzimmers.

„Bleibt ihr bei uns oder habt ihr eine andere Unterkunft?“

Augusta schob ihre Hand in die Armbeuge ihres Mannes. „Charlie hat uns gebeten, die Saison über bei ihm zu wohnen.“

„Wie habt ihr es bewerkstelligt, dass alle zur gleichen Zeit eintreffen?“, fragte Eleanor.

Charlie rückte den Stuhl für Grace zurecht, bevor er sich selbst zu ihrer Rechten niederließ. „Ich bin ihnen auf ihrem Heimweg in Spanien begegnet. Da beschloss ich, dass es für mich ebenfalls an der Zeit war zurückzukehren.“

„Was ist mit deinem Reisebegleiter?“, fragte Matt.

„Er wollte Europa noch eine Weile länger erkunden“, erwiderte Charlie und nahm eine Tasse Tee entgegen. „Da ich auf meine Familienmitglieder gestoßen war, haben wir uns geeinigt, getrennte Wege zu gehen.“

„Ich bin froh, dass alles einen so guten Verlauf genommen hat“, schaltete Eleanor sich ein. „Doch da ich Augusta kenne, überrascht mich das überhaupt nicht.“

„Oh, nein. Das war nicht mein Verdienst.“ Augusta schnitt ein Stück Toast in zwei Hälften. „Cousine Prudence und Phinns Sekretär Mr. Boman sind üblicherweise für die Planung verantwortlich.“

„Sie haben kurz nach uns geheiratet. Sie werden etwa einen Monat lang auf Besuch bei ihren Familien sein“, fügte Phinn hinzu.

Charlie nahm eine Scheibe des rosa Rinderbratens von der Servierplatte. „Wo wir gerade von Sekretären sprechen: Ich muss noch einen finden. Außerdem muss ich meinen Platz im House of Lords einnehmen.“

„Nun, dann.“ Matt nickte. „Ich bin gerne bereit, dir bei beiden Problemen behilflich zu sein.“

Augusta warf einen Blick zu Eleanor, Madeline und Alice. „Ich nehme an, euer erster Auftritt ist Lady Bellamnys Soirée für junge Damen.“

„Fast“, erwiderte Eleanor. „Penelope, die Schwägerin von Lady Exeter, gibt ebenfalls ihr Debüt. Wir sind zum Tee bei ihr und zwei ihrer Freundinnen eingeladen.“

„Es wäre mir eine Freude, euch dorthin zu begleiten.“ Augustas Lächeln erstreckte sich bis zu ihren Augen. „Ich würde Dorie Exeter liebend gern wiedersehen. Wir haben über die Jahre korrespondiert und sie weiß, dass ich bald hier sein müsste.“

„Genau genommen jetzt“, bemerkte Madeline.

Alice tauschte einen Blick mit ihrer Zwillingsschwester aus. Und sie konnten sich das Lachen nicht verkneifen. Auch Charlotte und Louisa kicherten leise vor sich hin.

„Ja, jetzt.“ Augusta grinste. „Da wir euch schon alle hier haben, haben Phinn und ich eine Ankündigung zu machen. Wir erwarten ein Kind im September.“

„Das sind wunderbare Neuigkeiten“, rief Grace aus.

„Mehr Cousins!“, stieß Elisabeth entzückt aus.

Alle gratulierten ihrer Schwester und ihrem Schwager. Alice blickte Eleanor und Madeline in die Augen. Wenn sie in dieser Saison heirateten, wären sie vielleicht nächstes Jahr zur selben Zeit schon Mütter. Die Frage war nur, wen sie heiraten würden?

***

Giff und Montagu erreichten gerade den Park, als ihn gerade drei junge Damen auf verschiedenfarbigen Cleveland-Bay-Stuten verließen. „Wir müssen einen Weg finden, um sie kennenzulernen.“

„Wenn sie hier sind, um ihr Debüt zu geben, führt da kein Weg dran vorbei“, kommentierte Montagu.

Das stimmte natürlich. Die Frage war nur, auf welcher Stufe der höflichen Gesellschaft sie standen. Allerdings vermutete Giff aufgrund ihres Reitstils und der Qualität ihrer Pferde, dass sie wie er zum haut ton gehörten. In diesem Fall würde sich die Frage der Heiratsfähigkeit erübrigen. „Ich brauche eine Dame, die meinem Vater gefällt.“ Giff konnte nicht anders als finster dreinschauen. Die Eigenheiten seines Vaters erschwerten seine Jagd. „Ein ausgezeichneter Stammbaum ist unverzichtbar.“ Dieser Aspekt wäre allerdings auch nicht schwer. „Außerdem muss sie intelligent sein und darf keine Angst davor haben, sich ihm entgegenzustellen.“ Diese Qualitäten waren hingegen weniger häufig zu finden. Tatsächlich war ihm sogar recht klar, dass es ihm schwerfallen würde, eine Dame zu finden, die ihm während der Saison ihr wahres Wesen offenbaren würde. „Er hasst Feiglinge.“

„Ich bin überrascht, dass er nicht selbst eine Frau für dich gesucht hat.“ Sein Freund hatte die Sache offensichtlich nicht ganz zu Ende gedacht.

„Das hätte nicht funktioniert.“ Außerdem wäre seine Mutter dagegen gewesen, wenn Giffs Vater es versucht hätte. „Jede Frau, die einfach so ihrem Vater oder ihrer Mutter gehorcht, besitzt nicht genug Charakterstärke, um eine würdige Schwiegertochter für ihn zu sein.“

„Ich beneide dich nicht um deine Suche“, bemerkte Montagu.

Giff ging es nicht anders. „Ich werde sie finden. Und sobald ich sie gefunden habe, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, damit sie mich heiratet.“

Sein Freund zog die Augenbrauen hoch. „Ich wage zu behaupten, dass es für keinen von uns besonders schwer sein wird. Wir haben einen Titel, sehen nicht schlecht aus und sind wohlhabend.“

„Das gilt nur für dich“, brummte Giff. „Bis ich mich in die Fesseln einer Ehe übergebe, habe ich nur das, was mir mein Vater gibt. Zu seiner Verteidigung muss ich aber sagen, dass er mein Taschengeld aufgestockt hat, als er mir den Ehrentitel eines Marquis verlieh. Ich hoffe nur, dass ich jemanden treffe, der nicht an einer Liebesbeziehung interessiert ist. Das macht die Sache schnell unschön.“

„Dem kann ich nur zustimmen.“ Montagu erschauderte kaum merklich. „Meine Schwester hatte ebenfalls kein Verlangen nach einer Liebesheirat, aber sie scheinen sich trotzdem gut zu verstehen.“ Sie ritten ein oder zwei Minuten lang schweigend nebeneinander her, bis er wieder sprach. „Sagtest du, dass deine Eltern in der Stadt seien?“

„Sie treffen morgen ein.“ Das erinnerte Giff daran, dass seine Zeit dann nicht mehr allein ihm gehören würde. „Was ist mit deiner Mutter und deiner Schwester?“

„Gestern angekommen. Meine Schwester ist in ihrem Stadthaus, aber Mama wohnt bei mir.“

Er freute sich für Montagu, dass dessen Mutter in der Stadt war. „Das wird hilfreich sein. Wenn du dich für eine Dame entscheidest, kann sie einen gemeinsamen Theaterbesuch oder eine andere Veranstaltung in die Wege leiten.“

„Daran hatte ich nicht gedacht, aber du hast recht.“ Es klang fast so, als ob er nicht wüsste, dass Gentlemen keine Unterhaltungsveranstaltungen mit Damen ausrichten konnten.

„Sie können dir außerdem Rat geben, welche Veranstaltungen du besuchen solltest.“ Es kam Giff plötzlich in den Sinn, dass er üblicherweise nicht an Anlässen teilnahm, zu denen auch junge Damen zugegen waren.

„Ich habe keine Ahnung, welche Formen der Unterhaltung die besten Gelegenheiten bieten, um geeignete Ladys kennenzulernen.“

„In dem Fall werde ich mich in diesem Punkt auf sie verlassen.“ Montagu wirkte resigniert. „Solange sie nicht versucht, mich mit jemandem zu verkuppeln.“

Giff hätte fast laut gelacht, aber das wäre nicht hilfreich gewesen. „Ich bin mir nicht sicher, ob Mütter überhaupt wissen, wie man nicht nach möglichen Partnerinnen für die eigenen Kinder Ausschau hält. Meine jedenfalls nicht.“

„Das werden ein paar lange Monate.“

Giff hoffte, dass es anders kommen würde. Er wollte, dass diese Frauenjagd endlich ein Ende fand.

„Ich habe Hunger“, bemerkte Montagu. „Sollen wir gemeinsam frühstücken? Ich habe meiner Köchin bestellt, dass ich recht früh essen werde, selbst für die Verhältnisse hier in der Stadt.“

„Vielen Dank.“ Giff hätte den Mann am liebsten geküsst. Das wirklich Schlimme daran, während der Saison im Haus seiner Eltern zu wohnen, war der Umstand, dass er noch nicht in den Flügel des Erben einziehen durfte. Damit musste er sich an die Frühstückspläne seiner Eltern halten. „Es wird mindestens noch zwei Stunden dauern, bis es bei mir zu Hause mehr als Toast gibt.“

„Wenn das so ist, kannst du gerne, wann immer du es wünschst, mit mir frühstücken.“

„Vielen Dank.“ Das war eine Erleichterung. Er hatte bereits versucht, irgendwie einen Weg zu finden, um früher am Tag an mehr als nur Toast und Käse zu kommen. „Auf das Angebot komme ich zurück.“

Sie erreichten Montagu House und Giff folgte seinem Freund in das Frühstückszimmer. Der Geruch von Essen ließ seinen Magen knurren. Glücklicherweise schien das niemand zu bemerken. Er folgte Montagu zur Anrichte und begann damit, seinen Teller zu füllen. Genau das würde er jeden Morgen zur genau richtigen Zeit servieren lassen. Auf dem Tisch stand eine Kanne mit Tee bereit. Sie nahmen ihre Plätze ein und begannen zu essen.

„Mylord“, ein Diener, der dem Aussehen nach nur ein Butler sein konnte, reichte Montagu einen Zettel. „Eine Nachricht von Lady Lytton.“

„Vielen Dank, Lumner.“ Montagu brach das Siegel und überflog das kurze Schreiben. „Ich bin zum Abendessen bei meiner Schwester eingeladen. Wenn du willst, frage ich nach, ob du auch mitkommen kannst.“

Giff schluckte. Jede Hilfe war willkommen. Je mehr Frauen er kennenlernte, desto mehr Auswahlmöglichkeiten hatte er. „Meinst du, sie kennt ein paar passende Frauen?“

„Wenn nicht, wird sie dennoch gerne behilflich sein.“ Montagu nippte an seinem Tee. „Ich werde eine Nachricht schicken und nachfragen.“

„Vielen Dank.“ Giff setzte seine Mahlzeit fort. Er musste auch noch die Einladungen durchsehen, die er erhalten hatte. Aber, ehrlich gesagt, glaubte er nicht, dass auch nur eine davon seine Zeit wert sein würde. Er brauchte junge, heiratswillige Ladys, keine Witwen und Opportunistinnen niederen Standes.

Am nächsten Morgen traf sich St. Albans mit Montagu für einen weiteren Ausritt. Er würde nur zu gern noch einmal einen Blick auf die Damen erhaschen, die er gestern gesehen hatte. Das Problem war, sich ihnen vorstellen zu lassen. So früh war noch niemand wach und auf den Beinen, der sowohl sie als auch ihn kannte und sie einander vorstellen konnte.

„Es ist schade, dass du nicht der Parlamentssitzung beiwohnen kannst“, brach Montagu das Schweigen und schockierte Giff damit so sehr, dass er fast seinen Tee ausspuckte.

Was zum Teufel? „Wieso sagst du das?“

„Ich war gestern bei einem Treffen in Worthington House. Mehrere der Gentlemen, die ich dort getroffen habe, haben Ehefrauen, die in dieser Saison gesellschaftliche Veranstaltungen ausrichten werden. Natürlich kennst du Turley. Ich glaube, sogar Littleton soll dieses Jahr in der Stadt sein. Aber ich habe auch Exeter getroffen – ein Freund von Turley – und natürlich Worthington sowie einige andere Peers. Wenn du auch Mitglied wärst, würdest du die Gentlemen leichter kennenlernen.“

„Ah.“ St. Albans dachte über die Aussage seines Freundes nach. Das ergab durchaus Sinn. „Aus irgendeinem Grund hatte ich nicht bedacht, dass die Ehefrauen unserer Freunde ebenfalls Unterhaltungsveranstaltungen ausrichten. Wie dumm von mir. Natürlich werden sie das. Sie sind im ton fest etabliert und die Saison startet bald.“ Sie ritten zum Serpentine.

Es gab da nur ein ernsthaftes und unüberwindbares Problem an dem, was sein Freund gesagt hatte. „Ich hoffe, es dauert noch ein paar Jahre, bis ich selbst Peer werde. So sehr mein Vater mich manchmal ärgert, ich wünsche ihm nicht den Tod.“

„Das stimmt natürlich.“ Montagu klang traurig und Giff rief sich in Erinnerung, dass der Vater seines Freundes erst vor ein paar Jahren verstorben war. „Ich hoffe, dein Wunsch geht in Erfüllung.“

„Ich auch.“ Giff wäre als Erbe allerdings glücklicher, wenn er dabei ein wenig echte Verantwortung bekäme. „Da sind sie wieder. Die Ladys. In Richtung Ausgang.“ Diesmal war er näher dran und konnte sehen, dass eine von ihnen dunkles und die beiden anderen blondes Haar hatten. Sie sahen fast genau gleich aus, aber doch irgendwie anders. Die hinterste ihres kleinen Zuges fiel ihm besonders auf, als ein Lichtstrahl sie traf. Sie hatte irgendetwas an sich. Eine Qualität, die er nicht in Worte zu fassen vermochte. Wäre er Dichter, hätte er gesagt, dass ihre Haare die Farbe der Sonne trugen und ihre Haut rein und blass wie Sahne war. Aber er war kein Dichter und es fing auch nicht ein, was ihn so zu ihr hinzog. Er war sich jetzt sicher, dass er ihr irgendwann einmal vorgestellt werden würde. Und er war zuversichtlich, dass ihre Familie sich in denselben Kreisen bewegte wie die seine. Oder zumindest ihre Mütter taten das.

„Ich frage mich, wer sie sein könnten“, murmelte Montagu leise.

„Irgendwann werden wir es sicher herausfinden.“ Giff hoffte, dass dieser Moment bald kommen würde. Er war dankbar, dass seine Mutter heute eintreffen würde. Montagu hatte es so ernst damit gemeint, eine Frau finden zu wollen, die nicht auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, dass Giff beschloss, sich einen kleinen Spaß zu erlauben. „Aber gestern kam mir im Laufe des Tages der Gedanke, dass du vielleicht selbst ein wenig einfältig auftreten solltest, wenn du eine Dame willst, die es ebenfalls ist. Sonst könnte sie dir gegenüber misstrauisch sein.“

Zunächst wirkte Montagu erschrocken, doch dann wurde klar, dass er den Köder geschluckt hatte. „Genau das werde ich tun. Vielen Dank für den Hinweis.“

„Einem Freund hilft man doch gern.“ Oh, gute Güte! Er hatte tatsächlich vor, das zu machen. Das dürfte interessant werden. Giff leistete erneut Montagu beim Frühstück Gesellschaft.

„Littleton hatte Recht. Das ist exzellenter Schinken.“ Montagu schnitt ein weiteres Stück ab.

„Hat er dir verraten, womit er seine Tiere füttert?“ Vielleicht könnte Giff es ebenso machen, sobald er Kontrolle über sein Anwesen erhielt.

Montagu schluckte. „Kastanien.“

„Das werde ich meinem Vater vorschlagen müssen.“ Vielleicht würde das den Prozess beschleunigen. „Warst du schon bei Weston?“

„Nein. Er hat meine Maße. Mein Kammerdiener hat meine Anforderungen überbringen lassen. Und du?“

„Ich habe später am Morgen einen Termin. Ich gehe gerne selbst hin. Das gibt mir etwas Beschäftigung.“

Montagu runzelte die Stirn. „Will dein Vater dir überhaupt keine Verantwortung übertragen?“

„Nicht, bis ich verheiratet bin.“ Giff trank den Rest seines Tees aus und erhob sich. „Ich muss los. Bis ich mich gebadet und umgezogen habe, muss ich auch schon wieder bei Weston sein.“

„Natürlich. Ich begleite dich zur Tür.“

Auf dem Weg zum Ausgang, fragte sich Giff, ob seine Mutter vielleicht ein paar Ideen hatte, wie er seine Zeit füllen könnte. Erstmal hatte er jedoch seinen Termin bei Weston und würde seine Einladungen durchgehen.

Nachdem er sich ein paar neue Anzüge hatte anpassen lassen, schlenderte er die Bond Street hinunter, dann hinüber zur Bruton Street und zu Piccadilly. Als ihm wieder einfiel, dass er eigentlich auf der Suche nach einer Lady war, der er vorgestellt werden konnte, insbesondere einer ganz bestimmten Lady, ging er wieder nach Hause. Es war ein trauriger Zustand, wenn einem nichts anderes blieb, als durch die Straßen zu irren. Nach dem Mittagessen ging er an seinen Schreibtisch und las die Einladungskarten durch. Es war, wie er vermutet hatte: Keine von ihnen betraf Veranstaltungen, bei denen junge Damen anwesend sein würden. Den Rest des Nachmittags verbrachte er mit Besuchen bei Angelos und Jacksons. Aber auch dort war die Gesellschaft dünn gesät. Glücklicherweise kam er gerade zu Hause an, als die Bediensteten seiner Mutter und seines Vaters mitsamt dem Gepäck aus der Kutsche stiegen. Das bedeutete, dass seine Eltern in einer Stunde hier sein würden. Mama wollte keine Eingangshalle, gefüllt mit Bergen von Gepäck. Sie wünschte, das alles weggeräumt war, bevor sie das Haus betrat. Giff hinterließ die Anweisung, benachrichtigt zu werden, sobald ihre Kutsche gesichtet wurde, und war rechtzeitig in der Eingangshalle, um sie in Empfang zu nehmen.

„Mama, Papa, wie war eure Reise?“ Er umarmte seine Mutter und schüttelte die Hand seines Vaters.

„Ausgezeichnet“, sagte Mama, während sie ihre Haube abnahm. „Die Straßen waren trocken und natürlich übernachten wir nur in Gasthöfen, in denen man uns schon kennt.“

„Was hast du seit deiner Ankunft hier so getrieben?“, erkundigte sich Papa.

„Ich erhielt eine Einladung von Montagu.“ Giff erzählte ihnen von ihren Ausritten, aber nicht von den Damen.

„Wie ich höre, ist sein Vater gestorben“, kommentierte Mama.

„Ja. Er ist hier auf der Suche nach einer Frau. Er war noch nie hier im Stadtleben. Wir haben beschlossen, uns gegenseitig zu helfen.“

Papa zog eine Augenbraue hoch. „Also ein Blinder als Blindenführer.“

Dagegen konnte Giff nichts sagen. Stattdessen bedachte er ihn mit seinem schmeichlerischsten Lächeln. „Deswegen sind ja auch noch unsere Mütter hier.“

Die seine neigte gnädig den Kopf. „So ist es in der Tat. Komm mit. Ich gehe davon aus, dass ich mehrere Einladungen erhalten haben sollte, die dich interessieren dürften.“ Sie warf einen Blick auf ihren Butler. „Ardley, ich hätte gern einen Tee in meinem Salon.“

„Sehr wohl, Euer Gnaden.“

Giff folgte seiner Mutter in ihren Salon und nahm vor ihrem Schreibtisch Platz.

Sie setzte sich eine Brille auf und begann, einen überraschend großen Kartenstapel durchzusehen. Der Tee wurde zusammen mit Sandwiches und Keksen gebracht. Er bediente sich und wartete ab, während sie die Karten in drei Stapel sortierte.

Mama legte ihre Hand auf einen davon und blickte zu ihm auf. „Das sind Einladungen zu Veranstaltungen, bei denen du geeignete Damen kennenlernen kannst.“

„Ausgezeichnet.” Dann überkam ihn die Neugier. „Was sind die anderen beiden?“

Ihre Hand wanderte zu dem Stapel zu ihrer Rechten. „Das hier sind rein politische Veranstaltungen. Natürlich kannst du daran teilnehmen, wenn du es wünschst.“ Sie deutete auf den linken Stapel. „Die sind von meinen Freunden. Diese Veranstaltungen werde ich allein besuchen.“ Sie zog eine ihrer rötlichen Augenbrauen hoch. „Hast du zufällig selbst irgendwelche nützlichen Einladungen erhalten?“

Keine, außer sie würde eine Orgie als nützlich erachten. „Nein. Ich habe alle Einladungen abgelehnt, die ich erhalten habe.“

„Ich muss sagen, dass mich das nicht überrascht.“ Sie zog den mittleren Stapel zu sich heran. „Die meisten dieser Veranstaltungen werden erst nach Ostern stattfinden. Aber es gibt ein paar Bälle, zweimal venezianisches Frühstück, einen musikalischen Abend und eine Soirée.“ Sie holte tief Luft. „Normalerweise halte ich nichts von Soirées, wenn es darum geht, einen Ehepartner zu finden, aber diese findet bei Lady Thornhill statt. Das sollte recht interessant werden.“

„Ich werde an allen teilnehmen.“ Tatsächlich wäre er überall hingegangen, wo seine Mutter ihn hinschickte.

„In dem Fall werde ich meine Dienerin darum bitten, deinem Kammerdiener eine Liste zukommen zu lassen.“ Sie schürzte die Lippen. „Es wäre hilfreich, wenn du auch ein paar Vormittagsbesuche machen würdest. Du wirst sicher auch alle Damen, an denen du interessiert bist, zum Ausritt in den Park einladen wollen.“

Jetzt war die Zeit gekommen, um zu gestehen, dass er die Kutsche bereits gesehen hatte. „Vielen Dank, dass du veranlasst hast, meine Kutsche auf Vordermann bringen zu lassen.“

„Es war mir eine Freude.“ Mama lächelte. „Das Ganze hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich beschlossen habe, meinen eigenen Landauer aufzufrischen.“ Sie sah hinüber zur Uhr. „Es ist Zeit, sich für das Abendessen umzuziehen. Wir sehen uns dann im Salon.“

„Bis später.“ Giff erhob sich. Er würde eher früher als später eine Frau finden. Dessen war er sich sicher.