Kapitel 1
Montag, 13. September 1813, vor Tagesanbruch
Diesen Teil verabscheute der Knabe. Er verabscheute es, wie die blassen, wächsernen Gesichter der Toten in der Dunkelheit beim schwächsten Schimmer von Mondlicht glänzten. Er verabscheute es, mit einem starrer werdenden Leichnam allein gelassen zu werden, während er ihm ein Grab schaufelte.
Er stieß die Schippe tief in den Boden und spürte sein Herz schmerzhaft in der Brust schlagen, weil das Kratzen des Erdreichs am Metall in der Stille der Nacht gefährlich laut klang. Er sog schnell den Atem ein, und der moderige Geruch der feuchten Erde schwoll in seinen Nasenlöchern gleichsam an, während er den glatten Holzgriff mit den Fingern fester umfasste, um kurz einzuhalten und einen furchtsamen Blick über die Schulter zu werfen.
Von der Fleet waberte ein Nebel herauf, legte sich um den Fuß des Schrotturms in der Nähe und kroch die halb eingestürzten Backsteinwände der verlassenen Lagerhallen dahinter entlang. Irgendwo in der Ferne hörte er einen Hund bellen und dann, näher, ein leises, dumpfes Geräusch.
Was war das?
Der Knabe wartete, der Mund wurde ihm trocken; sein ganzer Körper zitterte vor Anspannung. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Er rieb sich mit einem zerrissenen Ärmel über das schwitzige Gesicht, schluckte hart und widmete sich wieder seiner Arbeit. Ihm war die Anwesenheit des Gentlemans in seinem Umhang die ganze Zeit unangenehm bewusst. Der beobachtete ihn von seinem Sitz auf dem Wagen aus, der am Rand des Feldes wartete. Der Gentleman hatte geholfen, Benjis Leiche zu dem hoch aufragenden Turm hinüberzuzerren. Aber beim Schaufeln half er nie. Gentlemen hoben keine Gräber aus, obwohl sie mit einer teuflischen Lust töten konnten und es auch taten. Mit einer Lust, die den Jungen erschaudern ließ, als er noch eine Schaufel Erde auf den anwachsenden Haufen warf.
Das Loch nahm langsam Form an. Vielleicht noch zwanzig Zentimeter, und …
»Heh!«
Der Knabe riss den Kopf herum und erstarrte.
Eine abgerissene, klapperdürre Gestalt torkelte aus einem der gähnenden Tore einer halbverfallenen Lagerhalle. »Was tust du da?«
Die Schaufel fiel klappernd zu Boden, als der Junge einen Satz machte. Er fiel in das frisch ausgehobene Grab, stolperte in der lockeren Erde und ging zu Boden. Mit strampelnden Füßen stützte er sich auf die gespreizten Hände, bekam Halt am Boden und drückte sich hoch.
»Ey!«, rief das Schreckgespenst.
Der Junge preschte keuchend über das unebene Feld, seine trommelnden Schritte lärmten. Er sah, wie der Gentleman auf dem Wagen zusammenzuckte, dann nach den Zügeln griff und sie fest auf den Rumpf des Pferdes klatschen ließ.
»Warten Sie auf mich!«, schrie der Junge, als der Wagen voranruckte und die eisenbeschlagenen Räder über die zerfurchte Straße rumpelten. »Halt!«
Der Gentleman trieb das Pferd zu wildem Galopp an. Er schaute nicht zurück.
Der Junge sprang über einen niedrigen, zerborstenen Abschnitt der Steinmauer, die das Feld umsäumte. »Kommen Sie zurück!«
Der Karren fuhr um die Ecke und verschwand aus seiner Sicht, aber der Junge rannte trotzdem weiter hinterher. Der Gentleman würde doch sicherlich für ihn anhalten? Er würde ihn doch sicherlich nicht einfach zurücklassen, oder?
Oder?
Inzwischen schluchzte der Junge, seine Nase lief, und die ganze Brust tat ihm weh, als er mühsam nach Luft schnappte. Erst, als er selbst an der Ecke ankam, um die die Karre verschwunden war, wagte er einen gehetzten Blick zurück und bemerkte, dass die klapperdürre Gestalt ihm nicht folgte.
Der Mann – denn jetzt erkannte der Knabe, dass es ein Mann war, keine Geistererscheinung – war neben dem frischen, nicht vollständig ausgehobenen Grab stehen geblieben. Und er blickte auf das hinunter, was von Benji Thatcher noch übrig war.
Kapitel 2
Dienstag, 14. September
Sebastian St Cyr Viscount Devlin stützte sich mit den Händen auf der Fensterbank des Schlafzimmers ab und hielt den Blick auf die nebelhafte Szenerie gerichtet. Im schwachen Licht der Morgendämmerung lag die Brook Street leer unter ihm, abgesehen von einem Küchenmädchen, das die Eingangsstufen des Nachbarhauses schrubbte.
Er wusste nicht, was ihn aus dem Bett getrieben hatte. Seine Träume wurden oft von Visionen aus der Vergangenheit heimgesucht, als wäre er dazu verdammt, bestimmte Augenblicke immer und immer wieder zu durchleben, in einer nie enden wollenden Spirale aus Reue und Sühne. Aber es war schon der zweite aufeinanderfolgende Morgen, an dem er abrupt aufgewacht war, ohne dass ihn die Erinnerungen quälten, sondern er verspürte nur ein unbestimmtes Unbehagen, das ebenso unerklärlich wie beunruhigend war.
Er hörte, dass die Bettdecken bewegt wurden, und drehte sich um, da trat Hero schon neben ihn. »Habe ich dich geweckt?«, fragte er, schob einen Arm um ihren warmen Körper und zog sie näher zu sich.
»Ich musste ohnehin aufstehen.« Sie legte den Kopf an seine Schulter, sodass ihr feines braunes Haar weich über seine nackte Haut fiel. Sie war fast so groß wie er, mit ausgeprägten Zügen und Augen von solch stechender Intelligenz, dass sie vielen ihrer Zeitgenossen gehörige Angst einflößte. »Ich habe meiner Mutter versprochen, zu ihr und einer Base zu fahren, die bei ihr zu Besuch ist, aber zuerst will ich meinen Artikel noch einmal durchlesen, bevor ich ihn bei meinem Verleger abgebe.«
»Aha. Was wird denn dein nächstes Projekt sein?«
»Das habe ich noch nicht entschieden.«
Sie schrieb eine Serie von Artikeln über die Armen von London, ein Unternehmen, das ihren mächtigen Vater, Charles Lord Jarvis, über die Maßen ärgerte. Aber Hero war nicht die Art Frau, die sich durch die Meinung irgendeines anderen Menschen von dem abbringen lassen würde, was sie für die richtige Handlungsweise hielt.
Sebastian strich mit der Hand an ihrem Rücken auf und ab und liebkoste mit dem Mund ihren Nacken. »Wer ist die Kusine?«
»Eine Mrs Victoria Hart-Davis. Ich glaube, sie ist die Enkelin eines Großonkels meiner Mutter, aber da könnte ich mich auch irren. Sie ist in Indien aufgewachsen; ich bin ihr also noch nie begegnet.«
»Und sie ist bei deiner Mutter zu Besuch?«
»Mhm. Mehrere Wochen.«
»Jarvis muss begeistert sein.«
Hero gluckste. Jarvis’ schlechte Meinung über die meisten Frauen war berühmt-berüchtigt. »Glücklicherweise ist er damit beschäftigt, nach Napoleons Niederlage Europa neu zu planen, weshalb ich bezweifle, dass er oft genug da sein wird, um sich von ihrer Anwesenheit belästigt zu fühlen.«
»Er ist ein bisschen voreilig, oder nicht?« Napoleon hatte sich zurückgezogen, war aber bei Weitem noch nicht besiegt.
»Du kennst doch Jarvis; er war immer vom Sieg überzeugt. Schließlich: Mit Gott und dem unverwüstlichen Lauf der Geschichte zu unseren Gunsten, wie sollte England da darnieder gehen? Solch ein dreister Emporkömmling muss um jeden Preis vom Angesicht der Erde getilgt werden.« Ihr Lächeln wich, als sie Sebastian forschend anblickte, und er fragte sich, was sie in seinem Antlitz sah. »Und was hat dich geweckt? Schlecht geträumt?«
Er schüttelte den Kopf; er wollte seine Gedanken nicht in Worte fassen. Doch das Gefühl einer unheilvollen Ahnung blieb. Und als schnelle Schritte die Stille der leeren Straße durchbrachen und ein Junge aus dem Nebel auftauchte, wusste er intuitiv, dass der Knabe abbiegen und ihre Eingangsstufen herauflaufen würde.
Hero warf einen Blick auf die Kaminuhr in ihrem Schlafzimmer. »Ein Bote, der um diese frühe Morgenstunde eintrifft, kann keine guten Nachrichten bringen.«
»Nein«, stimmte Sebastian ihr zu und drehte sich vom Fenster weg.
Kapitel 3
Paul Gibson ließ das nasse Tuch, das er gerade benutzt hatte, in die Wasserschüssel fallen und richtete sich auf, schlang die Arme um die Brust und nahm das bleiche Gesicht des halb gewaschenen Leichnams in Augenschein, der vor ihm auf der Granitplatte lag. Der Knabe war erst fünfzehn Jahre alt gewesen, extrem unterernährt und klein für sein Alter. Seine Züge waren feingezeichnet, und sein flachsfarbenes Haar lockte sich sacht, als es um sein Gesicht herum trocknete. Was dem ausgezehrten Körper des Knaben angetan worden war, verdrehte tief in Gibsons Innerem etwas, das der Chirurg längst für abgestorben gehalten hatte.
Er war ein Mann Mitte dreißig, ein Ire, in dessen schwarzes Haar sich schon reichlich Silber mischte. Die Falten in seinem Gesicht waren dank der verheerenden Folgen erlebten Schmerzes sowie einer Opiumsucht, von der er wusste, dass sie ihn schließlich umbringen würde, tief eingegraben. Vor gar nicht so langer Zeit war er Regimentsarzt gewesen. Er hatte mitangesehen, wie Soldaten vom Kanonenfeuer in nicht mehr identifizierbare Fetzen gerissen, wie sie hinterrücks mit dem Schwert verstümmelt oder erschossen worden waren. Er hatte beim Bestatten so vieler abgeschlachteter, verstümmelter Frauen und Kinder geholfen, dass er die Erinnerung daran nicht ertrug. Aber mit etwas, das er jetzt sah, war er noch nie konfrontiert worden.
Nicht hier in London.
Er streckte die Hand aus und versuchte, die weit aufgerissenen blauen Augen des Jungen zu schließen, aber die Totenstarre hielt sie noch fest. Er drehte sich um, und sein Holzbein klackerte auf dem gefliesten Boden, als er hinüberhumpelte und auf der Schwelle der offenen Tür stehen blieb, um tief die saubere, feuchte Morgenluft einzuatmen. Er benutzte dieses kleine Nebengebäude mit den hoch sitzenden Fenstern hinter seiner Praxis am Tower Hill sowohl für öffentliche Autopsien als auch für inoffizielle Untersuchungen. Die nahm er an Leichen vor, die von den voll belegten Londoner Friedhöfen gestohlen wurden. Von hier aus konnte er über den Garten zu dem alten Steinhaus schauen, das er mit Alexi teilte, der geheimnisvollen Französin, die einige Monate zuvor in sein Leben getreten und aus Gründen, die er nie ganz verstanden hatte, geblieben war. Die Sonne hatte den letzten Nebel weggebrannt, aber die Morgenluft war immer noch angenehm kühl; darin lag der Rauch, der aus seinem Küchenkamin aufstieg.
Noch während er hinüberschaute, wurde das klapprige Gatter geöffnet, das zu dem schmalen Pfad führte, der am Haus entlang verlief, und der Mann, auf den Gibson wartete, betrat den Garten. Devlin, groß, schlank und dunkelhaarig, war nur ein paar Jahre jünger als Gibson. Die beiden Männer hatten gemeinsam in den Kriegen Georges des III von Italien über die iberische Halbinsel bis hin zu den Westindischen Inseln gekämpft. Die gemeinsamen Erfahrungen hatten ein ungewöhnliches, aber mächtiges Band zwischen dem irischen Wundarzt und dem Sohn und Erben eines der größten Adligen im Lande geschmiedet. Heutzutage arbeiteten sie manchmal gemeinsam an Mordfällen, die die Behörden nicht lösen konnten – oder wollten.
»Ich habe deine Nachricht erhalten«, sagte Devlin und blieb kurz vor dem Eingang des Gebäudes stehen. Sein feingezeichnetes Gesicht war angespannt; er lächelte nicht und kniff die seltsamen, bernsteinfarbenen Augen bereits zusammen, als wappne er sich für das, was er gleich sehen würde. »Wie schlimm ist es?«
»Schlimm.« Gibson drehte sich um und ging ihm voraus in den Raum zurück.
Devlin zögerte kurz, dann trat er in das düstere, kalte Gebäude. Beim Anblick des zerschlagenen Jungen, der auf Gibsons Granitplatte ausgebreitet lag, sog er zischend die Luft ein. »Grundgütiger!«
Gibson hatte es bisher nur geschafft, den Dreck und das Blut von der Vorderseite des Knabenleichnams zu waschen. Aber von der blassen, wächsernen Haut an den Armen, Beinen und dem Torso hoben sich die Schnitte und Risse, die sie bedeckten, scharf und violett ab.
»Was ist ihm um Himmels willen zugestoßen?«, fragte Devlin nach einem Augenblick.
»Jemand hat die Peitsche gegen ihn verwendet, und das mehrfach. Und ihn geschnitten. Mit einem kleinen, sehr scharfen Messer.«
»Wurde er so gefunden? Nackt?«
»Ja.«
Auf Devlins angespannter Wange trat ein Muskel hervor, als er sich auf den breiten, violett eingegrabenen Streifen um den Hals des Jungen konzentrierte. »Ich nehme an, daran ist er gestorben?«
Gibson nickte. »Wahrscheinlich wurde er mit einem Ledergürtel oder einem Riemen stranguliert.«
»Hast du irgendeine Vorstellung, wer er war?«
»Ja, die habe ich tatsächlich. Sein Name war Benji Thatcher. Laut dem Wachtmeister, der ihn hierhergebracht hat, wurde seine Mutter vor ungefähr drei Jahren nach Botany Bay deportiert. Seitdem hat er auf den Straßen von Clerkenwell gelebt – zusammen mit seiner kleinen Schwester.«
Devlin ließ den Blick erneut über den dünnen, misshandelten Leichnam des Knaben wandern. »Und das wurde ihm alles vor seinem Tod angetan?«
»Das meiste, ja.«
»Hölle noch mal.«
Devlin trat in die offene Tür, wie Gibson zuvor, und stützte die Hände in die Hüfte. Seine Nasenflügel weiteten sich, als er tief durchatmete. »Welcher Magistrat befasst sich damit?«
»Es müsste Sir Arthur Ellsworth sein, vom Hatton Garden Public Office. Allerdings hat er die Ermittlung bereits eingestellt. Anscheinend hat Sir Arthur mit seiner behördlichen Zeit Besseres zu tun, als sich um den Tod eines jungen Taschendiebs zu kümmern. Gestern Nachmittag wurde eine notdürftige öffentliche Anhörung abgehalten, und man hat den Leichnam der Pfarrgemeinde überstellt, um ihn im örtlichen Armenloch zu bestatten. Er ist nur hier, weil das einem der Konstabler – einem Mann namens Mott Gowan – nicht richtig erschien. Also hat er den Leichnam des Burschen zu mir gebracht.«
Von Clerkenwell und Hatton Garden zum Tower Hill war es ein weiter Weg, und Gibson hörte die Verblüffung in Devlins Stimme, als dieser fragte: »Wieso hierher?«
Gibson zögerte, dann sagte er: »Ich kenne Gowan über Alexi. Er ist mit einer Französin verheiratet.«
Devlins Kiefer spannte sich an, aber er sagte nur: »Aha.« Die gegenseitige Abneigung zwischen Alexi und Devlin war ebenso intensiv wie alt. »Du sagtest, der Junge war ein Dieb?«
»Manchmal, ja.«
Devlin wandte sich wieder dem kleinen, geschundenen Leichnam zu. Und etwas an dem Ausdruck, der über sein Antlitz flackerte, weckte in Gibson den Verdacht, dass sein Freund an seinen eigenen, kleinen Sohn dachte, der wohlbehalten zu Hause war. Er sagte: »Über wie viele Tage hinweg wurde ihm das angetan?«
»Zwei, vielleicht auch drei. Einige der Schrunden hatten schon angefangen zu verheilen, aber die meisten der Schnitte und oberflächlichen Stichwunden wurden ihm wahrscheinlich kurz vor oder während seines Todes zugefügt.«
Devlins Blick blieb an den rohen Wunden hängen, die um die Handgelenke des Knaben verliefen. Offensichtlich hatte er sich heftig gegen die Fesseln gewehrt. »Glaubst du, das waren Seile?«
»Ich habe Hanffasern gefunden, die in die Haut eingedrungen waren, aber es gibt auch Anzeichen, dass er mit Ketten gefesselt war. Er wurde auch geknebelt; in den Mundwinkeln kann man die wundgeriebenen Stellen erkennen.«
»Also hat ihn niemand schreien gehört«, sagte Devlin leise und ließ den Blick erneut über den bemitleidenswerten, zerschundenen Leib des Knaben wandern. »Wo wurde er gefunden?«
»Auf dem Grundstück der alten Rutherford Shot Factory, neben der Brook Lane, gleich hinter Clerkenwell. Ein ehemaliger Soldat, der in einem der verlassenen Warenhäuser geschlafen hat, wachte auf und hörte Geräusche, wie wenn jemand schaufelt. Er hörte zuerst eine Weile hin, dann ist er aufgestanden, um nachzuschauen.«
»Und die Geräusche kamen von jemandem, der ein Grab ausgehoben hat?«
»Ja. Der Grabende lief davon, als der Soldat ihn angerufen hat.«
»War dieser Soldat in der Lage, deinem Constable Gowan eine Beschreibung des Mörders zu liefern?«
»Keine großartige, fürchte ich. Er behauptet, es seien eigentlich zwei Männer da gewesen – einer hat das Grab geschaufelt, und ein anderer hat beim Pferd und dem Wagen gewartet.«
Devlin sah Gibson in die Augen. Die Vorstellung von nur einem Menschen, der fähig war, eine solche Abscheulichkeit zu begehen, war bereits schlimm genug; dass es zwei von ihnen geben sollte, schien außerhalb jeder Vorstellungskraft.
Devlin sagte: »Du sagtest, Benji hat eine kleine Schwester?«
Gibson nickte. »Sybil. Constable Gowan sagte, er hat versucht, sie zu finden, um ihr über ihren Bruder Bescheid zu geben. Aber niemand hat sie gesehen.«
Etwas glomm in Devlins Augen auf. »Seit wann? Seit wann wird sie vermisst?«
Gibson spürte, wie sich Eiseskälte in seinen Eingeweiden ausbreitete, als ihm klarwurde, was das, was er nun sagte, zu bedeuten hatte. »Seit drei Tagen.«
Kapitel 4
Sebastian verließ Gibsons Praxis und ging zu der alten, steinernen Tränke, an der sein junger Bursche, oder Tiger, bei seinem Zweispänner und den Pferden auf ihn wartete.
Tom, ein schmächtiger Halbwüchsiger mit weit auseinanderstehenden Zähnen, war schon seit drei Jahren Sebastians Tiger – seit jenem kalten und düsteren Februar, als Sebastian des Mordes bezichtigt und deshalb auf der Flucht gewesen war. In jenen Tagen war Tom ein hungriger Taschendieb gewesen, der zurückgelassen worden war und für sich selbst sorgen musste, nachdem seine Mutter nach Botany Bay deportiert worden war – genau wie bei Benji Thatcher. Unwillkürlich dachte Sebastian über den Unterschied im Schicksal der beiden Jungen nach, als er Tom beobachtete, der die Braunen herbeiführte und anhielt, und in dessen scharf geschnittenem Gesicht die Neugier glühte.
»Ist es Mord?«, fragte Tom. »Lösen wir den Fall?«
»Wir?«
Tom grinste. »Also ist es Mord.«
»Definitiv«, sagte Sebastian, sprang auf den Kutschbock und griff nach den Zügeln. »Und ja, ich werde versuchen, den Mörder zu finden. Wenn ich es nicht tue, tut es niemand.«
Tom kletterte auf seinen Bock auf der Rückseite der Kutsche. »Wer ist denn der Tote?«
»Ein fünfzehnjähriger Dieb aus Clerkenwell namens Benji Thatcher.« Sebastian sah keinen Grund, Tom mit den Gräueltaten zu belasten, die dem Jungen vor seinem Tod angetan worden waren. »Hast du schon mal von ihm gehört?«
Tom schüttelte den Kopf. »Schätze, er hat bei dem Falschen in die Tasche gegriffen?«
»Ich denke, das ist eine Möglichkeit«, sagte Sebastian und lenkte seine Pferde in Richtung Minories.
Der Distrikt namens Clerkenwell lag am nördlichen Rand von London, unmittelbar außerhalb der Linie der alten Stadtmauern. In mittelalterlichen Zeiten waren hier drei große Klöster gewesen: das London Charterhouse, das Nonnenkloster St Mary’s und das englische Stammhaus des Johanniterordens. Nach der Auflösung und Zerschlagung der Klöster und religiösen Institutionen hatten ehrgeizige Höflinge und privilegierte Adlige den Stadtteil übernommen, und die vielen natürlichen Quellen in dem Gebiet hatten zu so angesehen Einrichtungen wie New Turnbridge Wells, Spa Fields und Sadler’s Wells geführt. Im frühen siebzehnten Jahrhundert hatten sich deshalb auf den sanften Hügeln, die sich über der Stadt erhoben, Lustgärten, Tearooms, Bowlingfelder und Kegelbahnen getummelt.
Doch diese Tage gehörten der Vergangenheit an. Schon lange waren Geschäftsleute und Handwerker in die ehemals großartigen Häuser gezogen, die zurückgelassen worden waren, als »Menschen von höherem Stand« in das West End abgewandert waren. Die Errichtung eines Pocken-Krankenhauses und drei unterschiedlicher Gefängnisse trieb den Niedergang des Viertels noch weiter voran. Müllhalden, Schottergruben und Weiden mit Nutzvieh sprenkelten jetzt die einst idyllischen Hügel.
Die verlassenen Gebäude der Rutherford Shot Factory lagen auf den offenen Feldern zwischen Clerkenwell Green und den Ufern des träge dahinfließenden Flusses Fleet, der hier kaum mehr als ein schlammiges Rinnsal war. Während der Amerikanischen Revolution hatte Rutherford eine bedeutende Menge der Bleimunition produziert, die von der britischen Armee und Marine abgefeuert worden war. Doch um die Jahrhundertwende herum war die Fabrik geschlossen worden, und nach mehr als einem Jahrzehnt des Brachliegens war sie zur Ruine verfallen, die Fenster der Lagerhäuser zerbrochen und mit Spinnweben überzogen. Die flechtenbewachsenen Schieferdächer brachen langsam ein, und wilder Wein überwucherte die alten Backsteingebäude.
»Boah«, sagte Tom, als Sebastian neben den Überbleibseln einer alten Steinmauer hielt, die das Anwesen einst eingeschlossen hatte. »Das is ja’n baufälliger Ort.«
Sebastian reichte Tom die Zügel. »Das ist es.«
Er sprang leichtfüßig auf den Boden und legte den Kopf in den Nacken, um an dem alten Schrotturm hinaufzublicken. Er erhob sich fünfundvierzig Meter in die Höhe und sah einem großen Backsteinschornstein ähnlich, nur viel größer. Früher wurde geschmolzenes Blei durch genau bemessene Siebe am oberen Ende des Turms gegossen, und die Bleitröpfchen wurden rund, als sie abkühlten und in ein tiefes Wasserbassin stürzten, das unten stand. Dann wurden die Kugeln auf Karren geladen und zum Backsteinlagerhaus hinter dem Turm geschafft. Dort wurde der Schrot getrocknet, sortiert, poliert und zum Transport in Beutel und Fässchen gepackt. Aber diese Tage gehörten der Vergangenheit an. Die überwucherten Felder um die Fabrik herum waren heutzutage von alten Schleifrädern, rostenden Flaschenzügen und zerbrochenen Wagenrädern übersät.
Sebastian fand in der alten Mauer einen niedrigen, geborstenen Abschnitt und bahnte sich über den unebenen Grund seinen Weg. Er stieß einige Meter vor dem Schrotturm auf das unvollständig ausgehobene Grab.
Der Bereich um das flache Loch war hoffnungslos zertrampelt von den schweren Füßen der verschiedenen Beamten von Gemeinde und Behörde, die gerufen worden waren, um sich um die neu entdeckte Leiche zu kümmern. Aber auf dem Haufen lockerer Erde lag noch immer eine Schaufel, die jemand zurückgelassen hatte.
Sebastian ging neben dem Grab in die Hocke, berührte den Griff der Schaufel und spürte das glatte Holz unter den Fingerspitzen. Die Schaufel war nicht funkelnagelneu, aber auch nicht verwittert oder rostig, und er war ehrlich erstaunt, dass sie noch da lag. Andererseits war die offizielle Anhörung zu Benji Thatchers Tod ja auch nachlässig und übereilt verlaufen.
Er ballte die Hand zur Faust und richtete den Blick auf einen zerdrückten Hut, der mit der Krempe nach oben auf dem Grund der Grube lag. Benji Thatcher war nackt gefunden worden, also lag es nahe, dass der Hut aller Wahrscheinlichkeit nach nicht dem Jungen gehörte, sondern seinem Mörder.
»Sehn nich wie irgendso ’n Wachtmeister oder Magistrat aus, wo ich je gesehen hab«, erklang eine kratzige Stimme.
Als Sebastian aufblickte, sah er, dass ein zerlumpter, schmerzlich dürr aussehender Mann mit einer Krücke ihn betrachtete. Er stand im offenen Eingang eines der Lagerhäuser. Er sah aus wie eine Vogelscheuche mit langem, strähnigem rotblonden Haar und eingefallenen Wangen, die von einem seit mehreren Wochen wuchernden Bart bedeckt waren.
»Waren Sie am späten Sonntagabend beziehungsweise in den frühen Morgenstunden des Montags hier?«, fragte Sebastian.
»Ja.« Der Mann humpelte vor und bewegte seine Krücke. Sebastian sah, dass sein rechtes Bein in der Mitte des Oberschenkels endete. »Ich heiße Inchbald. Rory Inchbald.«
Sebastian erhob sich. »Was können Sie mir über den Mann sagen, der diese Grube geschaufelt hat?«
Inchbald blieb am anderen Ende des Erdhaufens stehen. Er war jünger, als er zuerst gewirkt hatte, bemerkte Sebastian, vermutlich noch in den Dreißigern. Aber er sah unheimlich unterernährt und ungesund aus, seine Haut war von einem klebrigen und schmutzigen Grau.
»War kein Mann. Eher ’n Bürschchen. Sechzehn, vielleicht siebzehn.«
»Ein Junge also?«
»Aye. Der Mann hat in einem Wagen auf ihn gewartet, der gleich dort drüben stand.« Die Vogelscheuche hob eine Klauenhand und zeigte dorthin, wo Tom mit Sebastians Pferden den Weg auf und ab ging.
»Können Sie ihn beschreiben? Den Mann mit dem Wagen, meine ich.«
Inchbald zog die dünnen Schultern zu einem angedeuteten Achselzucken hoch. »Was is da zu beschreiben? Schätze, er war ’n ganz normaler Gentleman.«
Die Sonne des Vormittags fühlte sich auf Sebastians Rücken unangenehm warm an. »Wieso denken Sie, er war ein Gentleman?«
»Ach, daran gibt’s nix zu rütteln.«
»Haben Sie ihn sprechen hören?«
»Nein.«
»Aber er war gut gekleidet?«
Inchbald schürzte die Lippen. »Nicht schneidig, aber mehr als respektierlich.«
»Er könnte also auch ein Kaufmann oder Geschäftsmann gewesen sein.«
Ein garstiger Husten schüttelte den ganzen Leib des ehemaligen Soldaten. Am Ende drehte er den Kopf zur Seite und spuckte aus. »Nee. Er war schon ’n Gentleman. Ich hab in Indien unter genug von diesen Dreckskerlen gedient, um zu wissen, wann ich eines dieser Arschlöcher vor mir hab. Da irr ich mich nich.« Er verzog den Mund zu einem Grinsen, das schwarzen Zahnlücken zeigte. »Genau wie ich weiß, dass Ihr in der Armee wart. Offizier, richtig?«
Sebastian erwiderte den flackernden, feindseligen Blick des ehemaligen Soldaten. »Würden Sie das Gleiche über den Mann sagen, den Sie gesehen haben? Dass er ein ehemaliger Offizier war?«
»Nee. Der doch nich.«
Eine Krähe schoss heran und landete auf der Backsteinfensterbank eines der tiefen, mit einem Bogen versehenen Fenster, die in die dicken Wände des hohen Schrotturms schnitten. Sebastian blickte hoch und sah, wie der Vogel den Schnabel öffnete und sein lautes Krah, Krah ausstieß, das über dem leeren, vom Wind gepeitschten Feld widerhallte. »Dann sagen Sie mir mehr über ihn. War er dünn? Dick? Klein? Groß?«
»Woher soll ich das wissen; der hat doch ’n Umhang angehabt und auf dem Karren gesessen.«
»Können Sie mir sagen, ob er dunkles oder helles Haar hatte?«
»Nee. Der hatte ’nen Hut auf. Aber ich denk, der war eher jung. Zumindst hat er grade gesessen und sich auch wie ’n Junger bewegt.«
Sebastian dachte sich, das war immer noch besser als gar nichts. »Sie haben gesehen, dass er einen Wagen gefahren hat?«
»Aye. Einen zweirädrigen Wagen mit einem Pferd. Und jetzt fracht mich nich, was für ’ne Farbe das Pferd hatte, das könnt ich nämlich nich sagen. Es war dunkel.«
»Das Pferd?«
»Ich meine die Nacht. Aber ja, ich schätze, das Pferd war auch dunkel.«
Sebastian sagte: »Gentlemen fahren normalerweise keine Karren oder Wagen.«
Inchbald schnaubte. »Gentlemen karren normalerweise auch nicht tote Menschen rum, oder? Was würdet Ihr denn erwarten, was er fährt? Die Familienkutsche? Mit ’nem Wappen an der Tür, zwei Lakaien hinten auf ’m Bock und ’ner Leiche unter der Vorderbank?«
Sebastian musterte das ausgezehrte, feindselige Gesicht des ehemaligen Soldaten. »Haben Sie gesehen, wie der Gentleman und der Junge die Leiche aus dem Wagen geholt haben?«
»Nee. Hab nix gesehen, bis ich den Kerl entdeckt habe, der das Grab gebuddelt hat.«
»Um wie viel Uhr war das ungefähr?«
»Halb zwei.«
»So sicher?«
»Mhm. Die Kirchenglocken haben gerade geläutet, als ich nach der Uhr gesucht hab.« Inchbald kniff die wässrigen grauen Augen zusammen. »Warum seid Ihr hier und fragt all diese Fragen? Wo Ihr doch ein Offizier und Gentleman und alles seid.«
»Ich versuche herauszufinden, wer Benji Thatcher getötet hat.«
»Weshalb?«
Anstelle einer Antwort sagte Sebastian: »Kannten Sie ihn? Benji, meine ich.«
Inchbald zuckte die Achseln. »Hier auf den Straßen gibt’s ’nen Haufen Kinder. Sehen für mich alle gleich aus.«
»Und der Junge, der das Grab geschaufelt hat? Sie waren viel näher an ihm dran als an dem Mann auf dem Wagen. Haben Sie ihn erkannt?«
»Nee. Aber ich sag doch schon die ganze Zeit, es war richtig dunkel. Und der Nebel ist reingezogen.«
Sebastian streckte die Hand aus, um den zerfledderten Hut zu holen. »Ist das seiner? Von dem Gräber, meine ich.«
»Möglich. Ist ins Loch gefallen, als ich ihn angebrüllt hab. Hat ihn wohl dabei verloren. Aber ich kann nich sagen, dass ich mich genau erinnern tät.«
»Das ist jedenfalls kein Hut eines Gentlemans.«
»Hab ja auch nich gesagt, der Knabe wär ’n Gentleman, was?«
»Sie sagen also, er war keiner?«
Inchbalds Augen verengten sich. »Wie würdet Ihr Euch denn anziehn, wenn Ihr ’n Grab buddeln wollt?«
Sebastian drehte den Hut in den Händen und blickte an dem ehemaligen Soldaten vorbei auf die Reihe verfallender Backstein-Lagerhäuser. »Gibt es noch andere, die hier übernachten?«
»Nicht so viele.«
»Nein? Warum nicht?«
»Die meisten Leute denken, hier spukt’s.«
»Und Sie nicht?«
Inchbalds blutunterlaufene Augen verzogen sich amüsiert. »Ich schlaf schon seit der Sommersonnenwende hier und hab bis letzte Nacht nix gesehn. Und das waren ganz sicher keine Geister.«
Sebastian gab dem versehrten Soldaten zwei Schillinge und seine Karte. Der Mann konnte vermutlich nicht lesen, aber er konnte immer jemanden finden, der sie ihm vorlas. »Mein Name ist Devlin. Wenn Ihnen noch etwas einfällt, das von Bedeutung sein könnte, können Sie mich in der Brook Street einundvierzig kontaktieren. Es soll Ihr Schaden nicht sein.«
Die Münzen verschwanden in den Lumpen des Soldaten. Aber die Karte hielt er noch ungeschickt zwischen Zeige- und Mittelfinger und blickte darauf. »Ach. Nicht nur ein Offizier und Gentleman, sondern auch noch ein Adliger. Viscount Devlin.« Er hustete und spuckte einen Batzen Speichel aus, der dieses Mal bedrohlich dicht an Sebastians glänzenden Stiefeln landete. »Hab gehört, der tote Junge war ’n Taschendieb. Also sagt mir, was interessiert’s Euch, was ’nem wertlosen jungen Dieb passiert ist?«
»Es interessiert mich eben«, sagte Sebastian und beobachtete, wie das Grinsen auf dem Gesicht seines Gegenübers weniger selbstbewusst, dafür verwirrter wurde.
***
Die nächsten fünfzehn oder zwanzig Minuten verbrachte Sebastian damit, über das mit Geröll vollliegende Gelände der Fabrik zu gehen und sich in den leeren Lagerhallen umzusehen. Er erwartete nicht, auf etwas von Interesse zu stoßen, und das tat er auch nicht.
Als er zurück zu seiner Kutsche kam, blinzelte Tom zu drei Krähen hoch, die in einer Reihe auf der Brüstung oben auf dem Schrotturm saßen; sein Gesicht war ganz verkniffen und angestrengt. »Meint Ihr, der Junge ist hier umgebracht worden?«, fragte der Tiger Sebastian, als dieser auf den Kutschbock sprang.
»Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich war das nur ein passender Platz, von allem schön abseits gelegen, um den Leichnam loszuwerden.« Die nächste Ansammlung von Wohnhäusern lag gut einen halben Kilometer weiter, an der Kreuzung. Am anderen Ende der Straße standen Ziegelbrennereien, aber bei Nacht waren sie menschenleer, und das offene Land hinter der Steinmauer der Firma wurde von der New River Company kontrolliert und war leer bis auf ein ganzes Netz aus Holzrohren, die Wasser zur Stadt beförderten.
»Und wo ist er dann gekillt worn?«, fragte Tom.
»Ich habe keine Ahnung.« Sebastian hielt inne, die Zügel in der Hand, und ließ den Blick zum Hügel hinunterwandern, hinter den ausgedehnten, von hohen Mauern umgebenen Komplex des Middlesex House of Correction bis zur Londoner Innenstadt selbst. Das Gelände hier lag so hoch, dass er sehen konnte, wo die gewundenen Straßen von Clerkenwell fließend in die riesigen und belebten Londoner Straßen übergingen. Er konnte bis zur Kuppel der St Paul’s Cathedral sehen, die sich massiv und glänzend in der Morgensonne erhob, und sogar noch darüber hinaus.
Er konnte nicht wissen, wie viel er auf Rory Inchbalds Worte geben konnte. Aber er nahm an, dass das, was der ehemalige Soldat ihm erzählt hatte, im Wesentlichen stimmte. Und das bedeutete, dass dort draußen in Londons Straßen nicht nur ein, sondern zwei bösartige Mörder herumliefen; ein Mann und ein Jugendlicher, die sich Benji Thatcher geschnappt und ihn mehrere Tage brutal gefoltert hatten, bevor sie ihn wie nebenbei mit einem Riemen abmurksten, den sie fest um den dünnen Hals des obdachlosen Jungen gezogen hatten.
Und was war mit Benjis kleiner Schwester?, fragte sich Sebastian. Hatten die Mörder auch Sybil Thatcher geschnappt? Hatten sie sie immer noch in ihren Klauen? Waren sie womöglich gerade dabei, ihr das Gleiche anzutun wie ihrem Bruder? Oder war sie schon tot?
Er umklammerte die Zügel unwillkürlich fester, als in ihm das Gefühl von Dringlichkeit aufwallte. Wer waren diese Leute? Wo waren sie? Und wie zur Hölle sollte er sie finden, wenn er keinerlei Anhaltspunkte hatte, wo er anfangen konnte?
Nichts als eine Schaufel, einen schäbigen Hut und die unzuverlässige Zeugenaussage eines sterbenden Veteranen mit einem mächtigen, brennenden Hass auf Offiziere und Gentlemen.
Kapitel 5
Hero Devlin saß im Kleinen Salon im riesigen Stadthaus ihrer Eltern am Berkeley Square neben ihrer Mutter. Vor ihnen auf dem Tisch stand ein Teetablett, aber die Frau, derentwegen Hero hergekommen war, war kurz vor ihrem Eintreffen auf einen Spaziergang ausgegangen und noch nicht wieder zurück.
»Und, genießt du den Besuch von Base Victoria?«, fragte Hero, als Annabelle Lady Jarvis nach der Teekanne griff. »Sei ehrlich.«
Lady Jarvis lächelte und schenkte die erste Tasse ein. »Ja. Wirklich.« Im Gegensatz zu ihrer Tochter war Lady Annabelle zierlich und schmal gebaut, mit hübschen blauen Augen und blassblondem Haar, das jetzt langsam weiß wurde. »Victoria ist eine liebenswerte Frau.« Sie reichte Hero die Tasse und fuhr fort: »Ich hatte gehofft, ihr heute Morgen meinen Enkel vorstellen zu können.«
»Ich dachte darüber nach, ihn mitzubringen, aber er zahnt gerade und brüllt sein Unwohlsein und seine Wut in die Welt hinaus. Ich dachte mir, dass Base Victoria einen solchen Besuch nicht schätzen würde.«
»Simon hat wirklich eine kräftige Lunge«, stimmte seine ihm ergebene Großmutter zu.
»Allerdings.« Hero trank einen Schluck Tee. »Ich nehme an, Base Victoria hat keine Kinder?«
Lady Jarvis schüttelte den Kopf und schenkte eine zweite Tasse ein. »Leider nicht, obwohl sie zweimal verheiratet war und verwitwet ist.«
»Zweimal?«
»Ja, das arme Ding. Ihr erster Gatte war ein Adjutant von Wellesley, aber er starb am Fieber, kurz bevor das Regiment Indien verlassen sollte.«
»Wie tragisch. Hat sie immer in Indien gelebt?«
»Von Kindesbeinen an, ja. Ihr Vater hat der East India Company angehört.«
»Und ihr zweiter Ehemann war auch in der Armee?«
»Mhm. John Hart-Davis, der älteste Sohn von Lord Hart-Davis. Er wurde bei der Besetzung von San Sebastián letzten Monat getötet. Sie ist gerade erst in England angekommen.«
»War sie mit ihrem Gatten in Spanien?«
»Ja, und in Irland und Südamerika ebenfalls.«
»Was für ein tragisches und doch außergewöhnlich abenteuerliches Leben sie hat«, sagte Hero, die sich immer danach gesehnt hatte, die Welt zu bereisen.
Um Lady Jarvis’ Augen erschienen Fältchen, als sie verstehend lächelte. Mutter und Tochter mochten in vielerlei Hinsicht gegensätzlich sein, aber Annabelle kannte ihre Tochter gut. »Ich glaube, du wirst sie leiden mögen. Sie ist brillant. Sie spricht Hindi, Urdu, Spanisch, Französisch und Portugiesisch …« Sie unterbrach sich beim Geräusch leiser, rascher Schritte auf der Treppe. »Ah, da kommt sie ja.«
Hero hätte nicht genau sagen können, was sie erwartet hatte. Vielleicht eine untersetzte, pragmatische Frau in Bombasin mit sonnengebräunter Haut und Haar, das sie wie ein Blaustrumpf in einem festen Knoten trug? Sicherlich nicht mit der ätherischen und außerordentlich attraktiven Frau mit einem Heiligenschein aus goldenen Locken, die in den Raum hereinrauschte und ein exquisites Kleid aus französischer schwarzer Seide trug.
»Base Hero!«, rief sie aus und kam mit ausgestreckten Händen auf sie zu. »Gott sei Dank, dass ich dich nicht verpasst habe! Der Park im Square ist so zauberhaft – ich fürchte, ich habe mich viel länger dort verweilt, als ich hätte sollen. Es tut mir so leid.«
Hero stand auf, um sie zu begrüßen. »Bitte entschuldige dich nicht. Ich bin selbst gerade erst gekommen.«
»Großer Gott, du bist so groß wie dein Vater«, sagte Victoria und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihr die Wange zu küssen.
»Fast.« Neben dieser feingliedrigen und kleinen Base fühlte sich Hero plötzlich ungewöhnlich unbeholfen und viel zu groß.
Kusine Victoria lachte und enthüllte hübsche weiße Zähne. Auf einer ihrer wie Damast wirkenden Wangen erschien ein Grübchen. »Ich habe von deiner Mutter schon so viel über dich gehört, dass ich das Gefühl habe, dich bereits zu kennen.«
»Mein herzliches Beileid zum Tod deines Mannes.«
»Oh, danke sehr.« Base Victoria lächelte Heros Mutter traurig zu. »Ich war auf dem Weg nach Norden, um einige Zeit bei der Familie meines John in Norfolk zu verbringen, als Annabelle mich so freundlich eingeladen hat, meine Reise zu unterbrechen und ein paar Wochen bei ihr zu verweilen.«
Lady Jarvis nahm die Hand ihrer jungen Verwandten und drückte sie. »Es ist mir ein Vergnügen, meine Liebe, glaub mir.«
»Meine Mutter sagte, du bist gerade aus Spanien gekommen«, sagte Hero und nahm wieder Platz. »Stimmt es, was sie sagen – dass unsere Armeen bald die Pyrenäen überquert haben werden?«
Base Victoria ließ sich auf einem Stuhl neben dem Kamin nieder. »Zweifellos. Oh, es gibt vielleicht noch ein paar französische Festen auf der Halbinsel. Aber ich glaube, Wellington hat vor, sie einfach zu umgehen und nach Frankreich einzumarschieren, bis nach Paris.«
»Das sind gute Neuigkeiten«, sagte Lady Jarvis und schenkte ihrer jungen Verwandten eine Tasse Tee ein.
»Ja. Aber unsere Sache ist ja auch richtig, und das bedeutet, der Sieg war immer unausweichlich.«
»Du klingst wie mein Vater«, sagte Hero lächelnd.
Base Victoria nickte und griff nach ihrer Tasse. »Lord Jarvis hat mir just gestern Abend einiges von seinen Plänen, Europa umzustrukturieren, berichtet.«
Einen langen, unbehaglichen Augenblick konnte Hero die Frau ihr gegenüber nur anschauen. Jarvis? Jarvis hatte sich nicht nur dazu herabgelassen, den weiblichen Gast seiner Frau zu unterhalten, sondern tatsächlich sogar seine Pläne für ein postnapoleonisches Europa mit ihr besprochen?
Jarvis?
»Ich war erleichtert zu hören, dass der Prinz fest entschlossen ist, dafür zu sorgen, Europas Monarchen wieder auf die Throne zu setzen, die Gott ihnen verliehen hat«, sagte Base Victoria und nippte an ihrem Tee.
Hero räusperte sich. »Das ist er. Obgleich es sich nicht leugnen lässt, dass Gott das, was er gegeben hat, auch wieder nehmen kann – wie wir gesehen haben.«
»Richtig«, stimmte die Witwe zu. »Aber nun führt er unsere Kräfte zum Sieg, nicht wahr?«
»Gott und Wellington«, sagte Hero.
Base Victoria neigte den Kopf zur Seite und lachte erneut fröhlich. Sie war vielleicht zwei oder drei Jahre älter als Hero, Ende zwanzig, mit feingezeichneten Gesichtszügen und einem milchig weißen Teint, der von ihrem Leben in heißerem Klima unbehelligt geblieben war. Und Hero kam in den Sinn, dass Jarvis’ Schwäche für die junge Witwe sie nicht so sehr hätte überraschen sollen. Jarvis hatte schöne Frauen immer schon genossen, und Victoria Hart-Davis besaß genau die Züge, die Jarvis an Frauen am meisten bewunderte: Sie war zierlich und hell, und sie hatte die gleichen blauen Augen, die ihn einst zu Heros Mutter hingezogen hatten.
Der Gedanke beunruhigte Hero mehr, als sie hätte sagen können.
Kapitel 6
Ein paar Befragungen in den Straßen von Clerkenwell führten Sebastian zu einem Platz, der als Coldbath Square bekannt war. Dort fand er Constable Mott Gowan, der gerade eine Aalpastete von einem Imbisswagen aß, der an einer Seite des Platzes geparkt war.
Das berühmte Cold Bath war im späten siebzehnten Jahrhundert als eindrucksvolles medizinisches Bad mit viel Marmor errichtet worden. Es war fast ganz hinter einer hohen Backsteinmauer versteckt, oberhalb deren nur das steile Giebeldach und die Baumspitzen zu sehen waren, die der Herbst golden und rot gefärbt hatte. Drei Seiten des Platzes waren von Spekulanten bebaut worden, die darauf gehofft hatten, dass Clerkenwell sich zu einem beliebten Erholungsort entwickeln würde. Der Bau des riesigen Zuchthauses Middlesex House of Correction an der vierten Seite hatte dann allerdings das Prestige der Wohngegend massiv unterwandert.
»Aye, ich habe Benjis Leiche zu Gibson bringen lassen«, antwortete Mott Gowan auf Sebastians Frage. Der Konstabler war ein großer, schlaksiger Mann Ende dreißig oder Anfang vierzig. Er hatte glattes sandfarbenes Haar, ein knochiges Gesicht und ein vorstehendes, kantiges Kinn. »Der Untersuchungsrichter von Hatton Garden, Sir Arthur, war dafür, die sterblichen Überreste des Jungen in das Armenloch von St James’s zu werfen und zu vergessen. Ich sagte, ich wolle dafür sorgen, dass er ein richtiges Begräbnis bekommt, und das tue ich auch.« Er verengte die Augen. »Ich habe allerdings nix davon gesagt, dass ich vorher noch versuchen will, herauszufinden, was ihm zugestoßen ist.«
»Erkennen Sie den wieder?«, fragte Sebastian und hielt den zerbeulten Hut hoch, den er von der Schießpulverfabrik mitgebracht hatte.
»Glaube nicht. Warum?«
»Den habe ich am Grund von Benjis Grab gefunden. War es seiner?«
Gowan schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht genau.«
»Könnte es sein, dass der Wachmann oder einer der Wachtmeister ihn hat fallen lassen?«
Gowan runzelte die Stirn. »Der Hut sieht eher erbärmlich aus.«
»Erinnern Sie sich, ob Sie ihn gestern Abend dort gesehen haben?«
»Nein. Aber es war auch furchtbar dunkel und neblig. Ich habe mich nicht so genau umgeschaut. Und dann haben die Wachtmeister der Behörde von Hatton Garden übernommen.« Gowans Stirnrunzeln vertiefte sich. Offenbar bestand eine beträchtliche Animosität zwischen den Wachtmeistern der Pfarrgemeinde und denen der öffentlichen Behörde.
»Wie gut haben Sie Benji gekannt?«, fragte Sebastian.
»Ich kannte ihn und seine Schwester Sybil seit Jahren. Ihr Da war ein Uhrmacher drüben am St John’s Place, bevor er 1808 rum gestorben ist. Annie – das ist ihre Momma – konnte die beiden eine Weile versorgen; sie hat für andere Wäsche gemacht und sowas. Aber dann wurde sie krank – richtig krank. Benji hat dann anscheinend jede Woche irgendwas zu den Gebrauchtwarenständen gebracht, um Essen und die Miete zu bezahlen. Aber am Schluss war nichts mehr zum Verkaufen übrig, und ihr Vermieter warf sie raus.«
»Sie lebten also schon auf der Straße, als ihre Mutter verhaftet wurde?«
Der Konstabler nickte betrübt. »Selbst wenn es Annie wieder besser gegangen wäre, hätte sie nicht mehr als Wäscherin arbeiten könnten. Wie hätte sie das ohne ihre Kessel denn tun sollen?« Sein ausgeprägter Kiefer bewegte sich, als er an einem großen Bissen seiner Pastete kaute und dann schluckte. »Ich sag nicht, dass es richtig war, was Annie getan hat – dass sie die Spitze aus Miss Tillys Laden geklaut hat. Aber was sollte sie sonst tun? Außer sich als Hure zu verdingen, und sie sagte, dass sie sich dazu nicht überwinden konnte.«
Sebastian sah auf, als ein kühler Windzug die Blätter der Bäume am anderen Ende der Mauer bewegte. Eine Frau, die sich der Prostitution zuwandte, ging das Risiko ein, in eine Besserungsanstalt gesteckt zu werden. Aber wenn sie dabei erwischt wurde, dass sie etwas stahl, das von einem bestimmten Wert war, konnte sie erhängt werden. »Wurde sie nach Botany Bay verschickt?«
Gowan nahm erneut einen großen Bissen seiner Pastete. »Aye. Zuerst sollte sie erhängt werden. Aber dann wurde das Urteil am Ende der Verhandlung zu sieben Jahren Deportation geändert. Sie hat darum gebettelt, dass sie sie ihre Kinder mitnehmen lassen – sie hatte hier in der Gegend keine Familie, zu der sie sie geben konnte. Aber die Magistrate habe sich nicht darauf eingelassen. Die sagten, Benji und Sybil wären alt genug, um für sich selbst zu sorgen.« Der Konstabler schüttelte den Kopf. »Sybil war damals fünf. Wie hätte sie denn für sich selbst sorgen können?«
Sebastian blickte über die Baynes Row hinweg zu den düsteren grauen Wänden des Gefängnisses, wo eine Gruppe lachender halbwüchsiger Jungen sich im Spiel gegenseitig schubsten und stießen. Er hatte schon von gerade mal zweijährigen Kindern gehört, die man schreiend auf den Docks zurückgelassen hatte, während ihre entsetzten Mütter gefesselt auf die Sträflingsschiffe gezerrt wurden.
»Benji war ja selbst kaum mehr als ein Knirps«, sagte Gowan. »Aber er ist aufgestanden und hat sich um seine Schwester gekümmert. Das hat er.«
»Haben Sie Sybil seit dem Mord an Benji gesehen?«
»Nein.« Gowan schluckte den letzten Bissen seiner Aalpastete hinunter und wischte sich die fettigen Finger am Hosenboden ab. »Keiner hat die beiden in den letzten drei oder vier Tagen gesehen. Ich habe herumgefragt, aber es sieht so aus, als ob derjenige, der Benji umgebracht hat, Sybil auch hat. Und wenn sie dem Mädchen das Gleiche antun wie diesem armen Bub –« Ihm brach die Stimme weg, und er schüttelte nur den Kopf.
»Wann wurden sie zum letzten Mal gesehen?«
»Nun … Ich hab Benji selbst mit einem Freund am Freitagabend unten in Hockley-in-the-Fields gesehen. Ich glaube nicht, dass Sybil bei ihnen war, aber es kann schon sein.«
»Wie alt ist sie jetzt?«
Gowan runzelte nachdenklich die Stirn. »Sie muss sieben oder acht sein, schätze ich. Aber sie ist ein mickriges kleines Ding. Sieht nicht annähernd so groß aus.«
»Hellblonde Haare, wie Benji?«
Der Konstabler stieß einen langen, besorgten Atemzug aus. »Aye. Sie hat auch die blauen Augen ihrer Momma.«
»Wo haben Benji und seine Schwester geschlafen?«
»Wo auch immer sie gerade konnten. Wenn Benji einen oder zwei Pennys übrig hatte, hat Benji manchmal einen Schlafplatz in einem Bett irgendeiner Absteige gemietet. Ist aber nicht oft vorgekommen.«
»Ich hörte, Benji war ein Dieb. Stimmt das?«
Gowan rieb sich über den Nacken. »Ich schätze, ja. Oh, er hat auch Erledigungen gemacht und im Red Lion geholfen, die Ställe auszumisten, wenn er konnte. Aber er war nicht sehr stark. Wer heuert schon einen kleinen Buben wie ihn an, um schwere Arbeit zu erledigen – wenn er für den gleichen Lohn einen großen, tatkräftigen Kerl kriegen kann?«
Die Glocke der Kirche St James in der Nähe begann zu läuten; ihr stetiger Klang wurde von der mittelalterlichen Kapelle der Johanniter aufgenommen, die dahinter, in St John’s Close stand. Sebastian sagte: »Wissen Sie, um welche Uhrzeit Rory Inchbald die Leiche des Jungen gefunden hat?«
»Hm, mal sehen … Der Wächter hat mich kurz vor zwei geholt, also schätze ich, dass es vielleicht eins oder halb zwei war.«
Das passte zu dem, was ihm der ehemalige Soldat gesagt hatte. Sebastian sagte: »Haben Sie sehen können, was Benji angetan worden ist, bevor man ihn umbrachte?«
Sebastian sah regelrecht, wie sich die Haut um die verstehenden Knochen im Gesicht des Konstablers anspannte, und er senkte die Stimme zu einem Flüstern, als er nickte. »Deshalb habe ich den Leichnam des Knaben zu Paul Gibson bringen lassen. Das ist nicht normal, was ihm angetan worden ist.«
»Gibson sagt, Benji wurde über drei oder vier Tage hinweg gefoltert. Kennen Sie irgendjemanden, der so etwas tun könnte?«
»Großer Gott. Ich hoffe nicht. Man wüsste es, oder nicht? Wenn jemand, den man kennt, so verdreht wäre? So krank im Kopf?«
Sebastian war sich da nicht so sicher, aber er sagte nur: »Hatte Benji mit den Gentlemen hier in der Gegend zu tun gehabt?«
»Gentlemen? Nicht dass ich wüsste. Warum?«
»Rory Inchbald behauptet, er hat in der Nacht noch einen weiteren Mann außer dem Jungen gesehen, der das Grab geschaufelt hat. Einen Gentleman.«
Der Konstabler schnaubte. »Hm. Ich weiß, dass er sagte, einen zweiten Kerl auf einem Wagen gesehen zu haben. Aber zu mir hat er nix davon gesagt, dass das ein Gentleman gewesen wär. Ich würd nich zu viel auf das geben, was Inchbald sagt.« Gowan beugte sich vor und tippte sich mit einem Zeigefinger an die Seite des Kopfes. »Ist hier nicht ganz richtig, fürchte ich.«
»Sie meinen, diesen Teil hat er sich ausgedacht?«
»Sagen wir einfach, Inchbald hasst Gentlemen. Als er bei der Armee war, hat ihn der Sohn eines Lords fast zu Tode peitschen lassen für etwas, von dem Inchbald sagt, dass er es nicht getan hat.« Gowan zögerte, dann fuhr er fort: »Ich würd ihm an Eurer Stelle nich den Rücken zudrehen. Ihr wisst, was ich meine?«
Sebastian sah einen Mann, der einen mit dreckigen Kohlesäcken bepackten Esel führte, um die Ecke kommen, an der die abgerissenen Jungen spielten. Der Kohlemann war alt und krumm, seine Kleidung und sein Gesicht schwarz vom Kohlestaub. »Was, wenn die Mörder Sybil nicht haben?«, fragte Sebastian. »Was, wenn sie Angst hat und sich versteckt hält? Wohin würde sie Ihrer Meinung nach gehen?«
Gowan schüttelte den Kopf, den Blick wie Sebastian auf die Jungen gerichtet, die sich jetzt über die Coppice Row verteilten. »Kann mir keinen Platz mehr vorstellen, an dem ich noch nicht gesucht habe. Aber Ihr könntet versuchen, Benjis Freunde zu fragen. Ich weiß, dass sie auch nach ihr gesucht haben – sie haben nach beiden gesucht, bis wir gestern Morgen das gefunden haben, was von Benji noch übrig ist.«
»Wissen Sie, wie die Freunde heißen?«
»Mal sehen … Da ist einmal Toby Dancing. Er ist derjenige, den ich am Freitag mit Benji gesehen habe, wie ich Euch schon sagte.« Gowan nickte der Gruppe abgerissener, schmutziger Jungen zu, die nun einen Kreis um den alten Kohlemann und seinen Esel bildeten. »Und Jem Jones – der große Junge mit dem roten Taschentuch um den Hals, den Ihr dort seht – er ist auch einer von Benjis Freunden.« Der Konstabler hob die Stimme. »Hey, Jem! Aye, mit dir red ich, Bursche«, sagte er, als Jem herumwirbelte, die Augen aufriss und seinen schlaksigen Körper anspannte.
Kurz dachte Sebastian, der Junge wolle weglaufen. Dann sagte Gowan: »Nein, hau nicht ab. Du hast nichts gemacht – zumindst weiß ich von nix. Aber hier ist ein Lord, der will dir ein paar Fragen über Benji stellen.«
Jem Jones zögerte, dann kam er mit schleppenden Schritten näher.
»Seid Ihr wirklich ’n Lord?«, fragte er Sebastian, und auf seinem Gesicht wechselte sich Bewunderung mit Zweifel und Misstrauen ab, als er in einem Abstand von vielleicht drei Metern stehenblieb. Der unterernährte Junge mit den langen Beinen konnte ebenso gut ein großgeratener Vierzehnjähriger sein wie ein kleingeratener Achtzehnjähriger. Er hatte ein schmales, unscheinbares Gesicht, schmutzig-hellbraune Haare und Augen von verwaschenem Grau.
»Natürlich ist er ein echter Lord«, versetzte Gowan. »Für dich Viscount Devlin, Junge. Kümmer dich also um deinen Kram, hörst du? Und ihr«, rief er und fuchtelte mit den Armen in Richtung der Jungen, als sie immer näher zu dem Kohlemann heranrückten. »Hört auf!« Er stieß sich von der Mauer ab. »Entschuldigt mich, Mylord«, sagte er hastig und trabte über die Straße just, als der Esel einen verängstigten Schrei ausstieß.
Jem Jones blieb stehen, wo er war und betrachtete Sebastian aus zusammengekniffenen Augen. »Warum wolle Ihr was über Benji wissen?«
»Ich versuche herauszufinden, wer ihn umgebracht hat.«
»Ihr? Aber … wieso?«
»Weil sich anscheinend sonst niemand die Mühe macht.«
Jem schniefte. »Mick Swallow ist letztes Jahr verschwunden, und keiner hat je versucht, herauszufinden, wer ihn umgebracht hat.«
»Wurde seine Leiche gefunden?«
»Nein.«
»Weshalb glaubst du dann, dass er getötet wurde?«
»Weil er den einen Tag noch da war, den nächsten nicht mehr. Er hätte’s mir gesagt, wenn er irgendwohin gewollt hätte. Er is mein Kusing.«
Sebastian kam in den Sinn, dass Benji, hätte der Ex-Soldat nicht das Schaufeln seines Grabes gestört, einfach verschwunden wäre, genauso wie seine Schwester Sybil. Und er spürte das Flüstern einer Schreckgestalt, das Gefühl, auf der Schwelle zu etwas Ominösen zu stehen. »Verschwinden hier oft Straßenkinder?«
»Oft genug.«
»Wie oft?«
Jem zuckte. »Weiß nich. Alle paar Monate oder so. Manchmal kommen sie zurück. Aber meistens bleiben sie einfach verschwunden.«
Sebastian sah weiter in das dünne, schmutzige Gesicht des Jungen. »Was denkst du, ist Sybil, Benji und deinem Cousin zugestoßen?«
Jem spielte mit der zerfasernden Manschette seines abgeschnittenen Männerhemdes.
»Sag es mir«, sagte Sebastian.
Das Kinn des Jungen ruckte nach oben, seine Brust hob sich, als er schnell und tief einatmete. »Ich schätze, es hat sie sich einer geschnappt, das is passiert. Hat sie sich alle geschnappt.«
»Hast du eine Vorstellung, wer das sein könnte?«
Jem spannte den Kiefer an und erwiderte Sebastians Blick, sein ganzer Leib war vor Feindseligkeit und Misstrauen ganz angespannt.
»Du weißt es, nicht?«
»Nein.« Der Junge schüttelte rasch den Kopf. »Keiner weiß es.«
»Aber du hast ein paar Vermutungen.«
Jem schüttelte immer noch den Kopf. »Nein. Es ist bloß …« Er unterbrach sich und warf einen raschen, aufmerksamen Blick um sich. Constable Gowan, der Kohlemann mit dem Esel und Jem Jones’ Freunde waren allesamt verschwunden.
»Bloß …?«, hakte Sebastian nach.
»Hm, es gibt Gerede darüber, was er ist.«
»Oh? Was sagen die Leute denn?«
Jem spannte sich wieder an, und einen Augenblick dachte Sebastian, dieses Mal würde er wirklich eher weglaufen als zu antworten. Dann schluckte der Junge und sagte flüsternd und rasch: »Die Leute sagen, es is’n Gentleman.«
Sebastian wurde klar, dass er auf irgendeiner Ebene Rory Inchbalds Geschichte, in der Nacht »einen Gentleman« gesehen zu haben, nicht wirklich geglaubt hatte. Jetzt kam es ihm schon sehr viel wahrscheinlicher vor, dass der ehemalige Soldat die Wahrheit gesagt hatte. Sebastian sah dem Jungen weiter ins Gesicht. »Warum denken die Leute das?«
»Weiß nich. Sie sagen es halt.«
»Wer sagt es?«
Jems Blick flackerte über Sebastians sauber geschneiderten Mantel und die rehledernen Kniehosen. »Na … Leute halt.«
Sebastian begriff so langsam, dass es ein Fehler gewesen war, sofort nach Clerkenwell zu fahren, nachdem er Gibsons Praxis verlassen hatte. Er hätte zurück zur Brook Street fahren und sich den altmodischen Gehrock, die speckigen Hosen und die kaputten Stiefel anziehen sollen, die in der Rosemary Lane in den Gebrauchtwarenläden verkauft wurden. Für die ärmsten, rohesten Elemente an Orten wie Clerkenwell war ein Gentleman mehr als ein Außenseiter; er war ein Feind.
Sebastian sagte: »Ich hörte, Benji hat noch einen Freund, einen Knaben namens Toby Dancing. Weißt du, wo ich ihn finden könnte?«
»Nee. Der war immer mehr Benjis Freund als meiner.«
»Constable Gowan sagte mir, dass du nach Benjis Schwester Sybil gesucht hast.«
Die Frage schien Jem zu überraschen. Er zögerte kurz, als ob er einen Trick befürchtete. »Aye.«
»Und du hast keine Spur von ihr gefunden?«
»Nein.«
»Wenn Benjis Mörder sie nicht haben, kannst du dir vorstellen, wo sie sein könnte?«
Der Junge verzog die Lippen zu einem ironischen Grinsen. »Wenn ich’s wüsste, würd ich doch dort nachsehen, oder nich?«
»Würdest du. Und wo hast du nachgesehen?«
In den schmutzigen Zügen des Jungen flackerte etwas auf, die Spur einer Emotion, die sofort wieder verschwand. »In der Gegend rum.«
»Wenn du irgendeine Spur von ihr entdeckst oder irgendetwas hörst, das uns helfen könnte, zu verstehen, was mit Benji passiert ist, erzählst du es Constable Gowan?«
Jem nickte mit schmalen, ernsten Augen, und Sebastian wusste, dass er log.
Sebastian gab auf und wandte sich um, in die Richtung, in der er Tom mit den Pferden hatte stehen lassen. Er hatte den Zweispänner schon fast erreicht, da hörte er Schritte, die ihm hinterherliefen, und drehte sich um.
Jem blieb abrupt stehen. Seine Brust hob und senkte sich.
»Ist dir doch noch etwas eingefallen?«, fragte Sebastian.
Jem schüttelte den Kopf. »Es ist nur … Ja, ich glaube, der Pfarrer von St James könnt Euch ein paar Fragen beantworten.«
»Aha?«
Wieder war das Gesicht des Jungen eine ausdruckslose, vorsichtige Maske. »Reverend Filby ist sein Name.«
»Warum?«
Jem sah verwirrt aus. »Was meint Ihr mit warum?«
»Warum denkst du, der Reverend könne einige meiner Fragen beantworten?«
Der Junge zuckte die Achseln. »Ist halt vielleicht so.«
Sebastian durchforstete das verzogene Gesicht des Jungen nach einem Hinweis auf List und Tücke. Er konnte sich keinen Grund vorstellen, aus dem ein Junge, der so offen feindselig und unkooperativ war, plötzlich freiwillig seiner Meinung nach hilfreiche Informationen weitergeben sollte. Aber das Gesicht des Jungen blieb ärgerlich und verschlossen.
Und ängstlich, wurde Sebastian klar. Jem Jones war ängstlich.