Leseprobe Die zwölf Schatten

1

Wenn er noch einen trank, würden sie ihn vielleicht in Ruhe lassen. Diese Lüge redete Gerry Fegan sich vor jedem neuen Schluck ein. Er verscheuchte den Whiskeybrand mit einem kräftigen Zug kühlem, schwarzem Guinness und setzte das Glas zurück auf den Tisch. Wenn du jetzt hochsiehst, sind sie weg, dachte er.

Nein, sie waren immer noch da und starrten ihn an. Insgesamt zwölf, wenn er den Säugling in den Armen seiner Mutter mitzählte.

Er war inzwischen ordentlich abgefüllt. Wenn wirklich kein Tropfen mehr in seinen Magen passte, würde er sich vom Barmann Tom zur Tür bringen lassen, und die zwölf würden ihm durch die Straßen von Belfast folgen, in sein Haus hinein und die Treppe hinauf bis in sein Schlafzimmer. Falls er Glück hatte und besoffen genug war, kippte er vielleicht aus den Latschen, bevor ihre Schreie so laut wurden, dass man es nicht mehr aushielt. Es war der einzige Zeitpunkt, wo sie je einen Mucks von sich gaben wenn er allein und kurz vorm Einschlafen war. Am schlimmsten war es, wenn das Baby anfing zu schreien.

Fegan hob sein Glas, um Tom auf sich aufmerksam zu machen.

»Hast du nicht schon genug, Gerry?«, fragte Tom. »Wird langsam Zeit, nach Hause zu gehen. Alle sind schon weg.« »Einen noch«, sagte Fegan und versuchte, nicht zu lallen. Er wusste, Tom würde ihm das nicht abschlagen. In West Belfast war Fegan immer noch ein respektierter Mann, trotz seiner Sauferei.

Prompt seufzte Tom und setzte ein Glas an den Portionierer. Dann brachte er den Whiskey herüber und zählte das Kleingeld von der bekleckerten Tischplatte. Beim Weggehen saugte ein klebriger Film aus altem Bier und Schmutz an seinen Schuhsohlen.

Fegan hob das Glas und prostete seinen zwölf Begleitern zu. Einer der fünf Soldaten unter ihnen nickte lächelnd zurück. Die anderen starrten ihn einfach nur an.

»Ich scheiß auf euch«, sagte Fegan. »Ich scheiß auf euch alle.«

Keiner der zwölf reagierte, nur Tom sah sich über die Schulter um. Dann ging er kopfschüttelnd weiter zur Bar.

Einen nach dem anderen musterte Fegan seine Begleiter. Von den fünf Soldaten waren zwei Briten und zwei vom Ulster Defense Regiment. Ein anderer, der Fegan verfolgte, war Polizist und steckte in der adretten, gestärkten Uniform der Ulster Constables. Zwei weitere waren Loyalisten, beide von den Ulster Freedom Fighters. Die übrigen vier waren Zivilisten, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen waren. Er konnte sich noch an jeden Einzelnen erinnern, den er umgebracht hatte, aber es waren die Erinnerungen an die Zivilisten, die am lautesten gellten.

Da war der Metzger mit dem runden Gesicht und der blutigen Schürze. Fegan hatte das Paket in seinem Geschäft deponiert und noch der Frau mit dem Baby die Tür aufgehalten, als sie den Kinderwagen hereinschob. Sie hatten sich angelächelt. Schon als er in den fahrenden Wagen gesprungen war, hatte Fegan die Hitzewelle der Explosion gespürt, einer Explosion, die eigentlich erst fünf Minuten später hätte erfolgen sollen, nachdem der Laden evakuiert worden war.

Dann der Junge. Noch immer erinnerte Fegan sich an den Blick in seinen Augen, als er die Pistole gesehen hatte. Jetzt saß der Junge ihm gegenüber am Tisch und durchbohrte ihn mit ebendiesen Augen.

Fegan konnte dem Blick nicht standhalten und schlug die Augen nieder. Auf dem Tisch bildete sich eine Lache aus Tränen. Fegan hob die Finger an die Augenhöhlen und merkte nun, dass er geweint hatte.

»Mein Gott«, sagte er.

Mit dem Ärmel wischte er die Tischplatte ab und unterdrückte schniefend weitere Tränen. Die abgestandene Luft des Pubs, klebrig wie das Graubraun der Wände, schnürte ihm die Kehle zu. Fegan schalt sich. Weder brauchte noch verdiente er Mitleid und Selbstmitleid erst recht nicht. Wenn selbst schwächere Männer als er selbst mit ihren Taten leben konnten, dann musste er das ja wohl auch schaffen.

Eine Hand auf seiner Schulter ließ ihn hochschrecken.

»Zeit, zu gehen, Gerry«, sagte Michael McKenna.

Tom verschwand im Vorratsraum hinter der Theke. McKenna bezahlte ihn dafür, dass er diskret war und weder etwas hörte noch sah.

Fegan hatte gewusst, dass der Politiker kommen und nach ihm sehen würde. McKenna trug einen eleganten Anzug, die Brille mit dem zierlichen Gestell verlieh ihm das Aussehen eines gebildeten Mannes. Kein Vergleich mehr mit dem Teenager, mit dem sich Fegan vor dreißig Jahren auf der Straße herumgetrieben hatte. Der Wohlstand machte was her.

»Ich wollte eh gerade los«, sagte Fegan.

»Fein, dann trink aus, und ich fahre dich nach Hause.« McKenna lächelte zu ihm herab, seine Zähne waren weiß und gerade. Er hatte sie sich richten lassen, damit er vor den Kameras eine gute Figur machte. Daraufhatte die Parteiführung vor seiner Nominierung für einen Sitz im Regionalparlament bestanden. Früher, so lange war das noch gar nicht her, hatte es überhaupt nicht der Parteilinie entsprochen, einen Sitz im Stormont anzustreben. Aber die Zeiten änderten sich, auch wenn Menschen das nicht taten.

»Ich gehe zu Fuß«, sagte Fegan. »Sind ja nur ein paar Minuten.«

»Es macht mir nichts aus«, antwortete McKenna. »Und außerdem wollte ich kurz mit dir reden.«

Fegan nickte und nahm einen weiteren Schluck von seinem Stout. Er behielt ihn im Mund, als er sah, dass der Junge seinen Platz am anderen Tischende verlassen hatte. Fegan brauchte einen Moment, bis er ihn wiederentdeckt hatte. Ohne Hemd und noch genauso dürr wie am Tag seines Todes tauchte er hinter McKenna auf.

Der Junge deutete mit dem Finger auf den Kopf des Politikers. Dann tat er so, als schieße er, und ließ die Hand vom Rückstoß hochschnellen. Seine Lippen machten peng, aber es kam kein Laut.

Fegan schluckte das Guinness hinunter und starrte den Jungen an. Irgendetwas ging ihm im Kopf umher, als sei eine Erinnerung auf der Suche nach einer zweiten. Der Frostschauer in seinem Bauch zuckte im Rhythmus seines Herzens.

»Erinnerst du dich noch an diesen Jungen?«, fragte er.

»Fang nicht davon an, Gerry.« In McKennas Stimme lag ein warnender Unterton.

»Ich habe heute seine Mutter wiedergetroffen. Ich war auf dem Friedhof, und sie kam zu mir.«

»Das weiß ich«, sagte McKenna und nahm Fegan das Glas aus der Hand.

»Sie sagte, sie wisse, wer ich bin. Was ich gemacht hätte. Sie sagte…« »Gerry, ich will nicht wissen, was sie gesagt hat. Viel mehr interessiert mich, was du zu ihr gesagt hast. Darüber müssen wir reden. Aber nicht hier.« McKenna drückte Fegans Schulter. »Komm jetzt.«

»Er hatte überhaupt nichts gemacht. Jedenfalls nichts Schlimmes. Er hat den Cops nichts gesagt, was sie nicht ohnehin schon wussten. Das hatte er nicht verdient. Mein Gott, er war erst siebzehn. Wir mussten ihn doch nicht…«

Eine Hand packte Fegans Gesicht, die andere sein schütter werdendes Haar, und das Tier in McKenna kam zum Vorschein. »Halt deine verdammte Klappe!«, zischte er. »Vergiss nicht, mit wem du redest.«

Wie hätte Fegan das vergessen können? Als er in diese wutentbrannten blauen Augen sah, fiel ihm jede Einzelheit wieder ein. Dies war das Gesicht, das er kannte. Nicht das aus dem Fernsehen, sondern ein Gesicht, das vor glühender Wonne gelodert hatte, als er den Jungen mit einem Tischlerhammer traktiert hatte. Das rot bespritzte Gesicht, als er Fegan die 21er in die Hand gedrückt hatte, damit der die Sache zu Ende brachte.

Fegan umklammerte McKennas Handgelenke und hebelte die Hände weg. Mit Mühe gelang es ihm, seinen eigenen Zorn zu unterdrücken.

Während McKenna seine Hände wegnahm, erschien wieder das Lächeln auf seinen Lippen, doch es blieb auch nur dort. »Komm jetzt«, sagte er. »Mein Wagen steht draußen. Ich fahre dich nach Hause.«

Die zwölf folgten ihnen hinaus auf die Straße, der Junge immer dicht bei McKenna. McKenna war in der Parteihierarchie zwar weit emporgestiegen, aber noch nicht so weit, dass er einen eigenen Leibwächter brauchte. Trotzdem wusste Fegan, dass der Mercedes, der im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen schimmerte, gepanzert war und sowohl Kugeln als auch Bomben standhielt. McKenna fühlte sich vermutlich sicher, als er sich jetzt auf den Fahrersitz schwang.

»War ein großer Tag heute«, sagte er, während er den Wagen vom Bordstein lenkte und Fegans Verfolger ihnen nachstarrten. »Da oben im Stormont sind die Büros zugewiesen worden. Ich hab jetzt meinen eigenen Schreibtisch mit allem Drum und Dran. Wer hätte das mal gedacht, was? Unsereiner da oben auf dem Hügel. Und meiner Frau hab ich noch einen Posten als Sekretärin zugeschustert. Die Briten investieren so viel Kohle in diese Sache, dass ich mich beinahe schlecht dabei fühle, wenn ich sie ihnen abknöpfe. Beinahe.«

McKenna lächelte Fegan an. Fegan lächelte nicht zurück.

Die meiste Zeit verkniff er es sich, die Nachrichten anzuschauen oder Zeitung zu lesen, aber in den letzten zwei Monaten war es zu regelrecht erdrutschartigen Veränderungen gekommen. Noch vor fünf Monaten, zum Jahreswechsel, hatten alle gesagt, die Sache sei hoffnungslos und die politischen Verwicklungen seien nicht mehr zu kitten. Doch dann waren Berge versetzt worden. Deals wurden ausgehandelt, eine weitere Wahl kam und ging, während sich um Fegan die Schatten dichter scharten. Und häufiger als zuvor verwandelten sich diese Schatten neuerdings in Gesichter und Körper mit Armen und Beinen. Inzwischen waren sie seine ständigen Begleiter, und er konnte sich nicht mehr daran erinnern, wann er das letzte Mal eingeschlafen war, ohne sie im Whiskey zu ersäufen.

Seit seinen letzten Wochen im Maze Prison hatte er sie um sich, das war jetzt etwas über sieben Jahre her. Gerade hatte man ihm sein Entlassungsdatum mitgeteilt, mit einem Schreiben in einem versiegelten Umschlag. Sein Mund war trocken, als er ihn öffnete. Die Politiker draußen hatten um seine Freilassung und die Hunderter anderer Männer und Frauen gefeilscht. Leute wie ihn bezeichneten sie als politische Gefangene. Nicht als Mörder oder Diebe, als Gangster oder Erpresser oder überhaupt irgendwelche Kriminelle, sondern als Opfer widriger Umstände. Als Fegan von dem Brief aufschaute, waren seine Verfolger da und beobachteten ihn.

Er erzählte einem der Gefängnispsychologen davon. Dr. Brady erklärte ihm, das sei die Schuld. Eine Manifestation nannte er es. Fegan fragte sich, warum die Leute die Dinge eigentlich so selten beim Namen nannten.

McKenna stellte den Mercedes vor Fegans kleinem Reihenhaus auf der Calcutta Street am Straßenrand ab. Das Häuschen stand Seite an Seite mit zwei Dutzend identischer Schuhschachteln aus rotem Backstein. Fegans Begleiter warteten schon auf dem Bürgersteig.

»Kann ich noch eine Minute mit reinkommen?« Die Innenbeleuchtung des Wagens ließ McKennas Lächeln aufblitzen. Um seine Augen erschienen Lachfältchen. »Wir reden vielleicht besser drinnen, oder?«

Fegan zuckte die Achseln und stieg aus. Die Zwölfergruppe teilte sich und ließ ihn zur Haustür durch. Er schloss sie auf und trat ein. McKenna folgte ihm, und die zwölf drückten sich hinter ihm hinein. Fegan marschierte sofort zur Anrichte, wo ihn eine Flasche Jameson's und ein Krug Wasser erwarteten. Er hielt McKenna die Flasche hin.

»Nein danke«, sagte der. »Und du solltest es vielleicht auch besser gut sein lassen.«

Fegan ignorierte ihn und goss sich zwei Fingerbreit Whiskey mit etwas Wasser in ein Glas. Er nahm einen tiefen Schluck und deutete auf einen Sessel.

»Nein, schon in Ordnung«, wehrte McKenna ab. Seine Haare waren gut frisiert, die Haut gebräunt und glatt, nur die Narbe unter seinem linken Auge erinnerte noch an sein altes Ich.

Die zwölf Schatten zerstreuten sich in dem spärlich möblierten Raum, verschmolzen hier mit der Dunkelheit und schälten sich dort wieder aus ihr heraus. Dabei musterten sie die beiden Männer eindringlich. Der Junge wich nicht von McKennas Seite. Der Politiker trat jetzt auf eine Gitarre ohne Saiten zu, die in der Ecke stand. Er nahm sie auf und drehte sie ins Licht.

»Seit wann spielst du denn Gitarre?«, fragte er.

»Tue ich nicht. Stell sie wieder hin.«

Durch das Schallloch entzifferte McKenna das Etikett. »Martin. Sieht alt aus. Wie kommt die hierhin?«

»Hat einem Freund von mir gehört. Ich restauriere sie«, erklärte Fegan. »Stell sie wieder hin.«

»Was für ein Freund?«

»Nur jemand, den ich im Knast kennengelernt habe. Sei so gut, und stell sie wieder hin.«

McKenna stellte die Gitarre zurück in die Ecke. »Es ist gut, wenn man Freunde hat, Gerry. Du solltest ihnen deine Wertschätzung zeigen. Auf sie hören.«

»Worüber wolltest du sprechen?« Fegan ließ sich in einen Sessel sinken. McKenna deutete mit einem Nicken auf den Drink in Fegans Hand. »Unter anderem darüber. Das muss aufhören, Gerry.«

Fegan hielt dem Blick des Politikers stand und leerte dabei sein Glas.

»Die Leute hier schauen zu dir auf. Du bist ein republikanischer Held. Die jungen Menschen brauchen ein Vorbild, jemanden, vor dem sie Respekt haben.«

»Respekt? Was redest du da eigentlich?« Fegan stellte das Glas auf den Couchtisch. Das kalte Kondenswasser klebte auf seiner Handfläche. Er rieb sich die Hände und verteilte die Feuchtigkeit zwischen den Fingern und Knöcheln. »Was ich getan habe, verdient keinen Respekt.«

McKenna stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Du hast deine Zeit abgesessen. Zwölf Jahre warst du ein politischer Gefangener. Zwölf Jahre hast du für die Sache geopfert. Jeder Republikaner sollte das gefälligst respektieren.« McKennas Züge entspannten sich wieder. »Aber jetzt ertränkst du das alles im Suff, Gerry. Allmählich fällt das den Leuten auf. Jeden Abend hängst du sturzbesoffen in der Bar und redest mit dir selbst.«

»Ich rede gar nicht mit mir selbst.« Fegan wollte schon auf seine ständigen Begleiter zeigen, besann sich aber eines Besseren.

»Mit wem denn sonst?«, fragte McKenna mit bebender Stimme. Er lachte wütend auf.

»Mit den Leuten, die ich umgebracht habe. Den Leuten, die wir umgebracht haben.«

»Pass auf, was du sagst, Gerry. Ich habe noch nie jemanden umgebracht.«

Fegan fixierte McKennas blaue Augen. »Stimmt, Typen wie du und McGinty, ihr wart immer zu schlau, selbst Hand anzulegen. Fürs Grobe habt ihr ja Leute wie mich gehabt.«

McKenna verschränkte die Arme vor seiner breiten Brust. »Da kann niemand seine Hände in Unschuld waschen.«

»Was war sonst noch?«, fragte Fegan. »Du sagtest >unter anderem <. Was willst du außerdem?«

McKenna drehte eine Runde im Zimmer, der Junge folgte ihm. Fegan musste sich in seinem Sessel umdrehen, um ihn im Blick zu behalten. »Ich muss wissen, was du dieser Frau gesagt hast«, erklärte McKenna.

»Nichts«, antwortete Fegan. »Ich bin kein großer Redner, weißt du ja.«

»Nein, das bist du nicht. Aber ich habe aus einer verlässlichen Quelle erfahren, dass die Cops in den nächsten paar Tagen anfangen werden, in den Sümpfen bei Dungannon herumzubuddeln. Ungefähr dort, wo wir damals diesen Jungen vergraben haben.

Seine Mutter hat ihnen gesagt, wo sie suchen müssen.« McKenna trat in die Mitte des Raumes und baute sich vor Fegan auf. »Also, woher hat sie das gewusst, Gerry?«

»Spielt das eine Rolle?«, frage Fegan zurück. »Mein Gott, von dem ist doch sowieso nichts mehr übrig. Die Geschichte ist über zwanzig Jahre her.«

»Es spielt sehr wohl eine Rolle. Wenn du das Maul aufmachst, bist du ein Verräter. Und du weißt ja, was mit Verrätern passiert.«

Fegans Finger umklammerten die Sessellehnen.

McKenna beugte sich vor und stützte die Hände auf seine Schenkel. »Warum, Gerry? Warum hast du es ihr gesagt? Was hast du dir davon versprochen?«

Fegan suchte nach einer Lüge, egal welcher, aber es fiel ihm keine ein. »Ich dachte, dann lässt er mich vielleicht in Ruhe.«

»Was?« McKenna richtete sich auf.

»Ich dachte, er würde verschwinden«, erklärte Fegan. Er sah den Jungen an, der mit den Fingern auf McKennas Kopf zielte. »Ich dachte, er würde mich zufriedenlassen. Ruhe geben.«

McKenna machte einen Schritt zurück. »Wer? Der Junge?«

»Aber er wollte etwas anderes.«

»Herrgott noch mal, Gerry.« McKenna schüttelte den Kopf. »Was ist bloß mit dir los? Vielleicht solltest du mal zum Arzt. Weißt schon, damit er dich wieder hinbiegt. Für eine gewisse Zeit woandershin.«

Fegan blickte hinab auf seine Hände. »Vielleicht.«

»Jetzt hör mal zu.« McKenna legte Fegan eine Hand auf die Schulter. »Mein Informant redet nur mit mir, sonst mit niemandem. Du bist mir all die Jahre über ein guter Freund gewesen, und das ist auch der einzige Grund, warum ich mit dieser Sache nicht zu McGinty gelaufen bin. Wenn der wüsste, dass du bei dieser alten Schachtel die Klappe aufgemacht hast, dann würden die Bullen demnächst nach deiner Leiche suchen.«

Fegan hätte am liebsten McKennas Hand von seiner Schulter gerissen, blieb aber reglos sitzen.

»Kann natürlich sein, dass ich dich dann auch mal um einen Gefallen bitten muss. Ich hätte vielleicht was für dich zu tun. Ich habe da ein paar Deals am Laufen, Sachen, von denen McGinty nichts weiß. Wenn du die Finger von der Flasche lassen kannst und dich kurieren lässt, könntest du mir eine große Hilfe sein. Und McGinty muss ja gar nicht erfahren, was du der Mutter dieses Jungen gesagt hast.«

Fegan sah, wie der Junge das Gesicht verzerrte, während die anderen Schatten sich um ihn versammelten.

»Verstehst du, was ich dir sage, Gerry?«

»Ja«, sagte Fegan.

»Guter Mann.« McKenna lächelte.

Fegan stand auf »Ich muss mal pinkeln.«

McKenna trat zurück. »Bleib nicht zu lange«, sagte er.

Rasch verschwand Fegan die Treppe hinauf und ins Bad. Er zog die Tür hinter sich zu und schloss ab, aber wie immer schafften es seine Verfolger trotzdem herein. Fegan achtete nicht weiter darauf und bemühte sich stattdessen, aufrecht stehenzubleiben, während er seine Blase entleerte. Er hatte sich schon lange daran gewöhnt, dass die zwölf ihn auch bei seinen würdelosesten Verrichtungen beobachteten.

Er zog ab, wusch sich am Waschbecken die Hände und machte die Tür auf. Draußen im Flur wartete der Junge auf ihn. Er starrte in die Finsternis von Fegans Schlafzimmer.

Verwirrt blieb Fegan einen Moment lang stehen. In seinen Schläfen pochte es, und auf seiner Stirn klopfte pulsierend ein Schmerz.

Der Junge deutete auf das Zimmer.

»Was ist?«, fragte Fegan.

Der Junge fletschte die Zähne. Ruckartig wies sein dürrer Arm auf die Tür. »Ist ja schon gut«, sagte Fegan. Er ging in sein Schlafzimmer und sah sich noch einmal über die Schulter um.

Der Junge folgte ihm in die Dunkelheit und kniete sich vor dem Bett hin. Er deutete darunter.

Fegan ließ sich auf Hände und Knie nieder und spähte unter das Bettgestell. Das schwache Licht, das vom Flur hereindrang, fiel auf den dort versteckten Schuhkarton.

Fragend hob Fegan den Kopf. Der Junge nickte.

Fegan musste sich ganz lang machen, um heranzukommen. Er zog den Karton zu sich. Durch das Rutschen rollte etwas Schweres darin hin und her, und Fegans Herz schlug schneller. Er nahm den Deckel ab. Der speckige Geruch von Geldscheinen begrüßte ihn. Ganze Bündel von Banknoten lagen im Karton, Zwanziger, Fünfziger, Hunderter. Fegan wusste selbst nicht, wie viel Geld es war. Er hatte es nie gezählt.

Aber da war noch etwas, kalt und schwarz, halb in Papier eingewickelt. Etwas, das Fegan nicht in der Hand haben wollte. Im Zwielicht suchten seine Augen die des Jungen.

»Nein«, erklärte Fegan.

Der Junge stach mit dem Finger auf den Gegenstand ein.

»Nein.« Das Wort fühlte sich an, als perle es von seiner Zunge ab.

Der Junge riss den Mund auf und raufte sich die Haare. Noch bevor ihm der Schrei entfahren konnte, griff Fegan in den Karton und holte die Walther P99 aus ihrem Versteck.

Ein Lächeln erstrahlte auf dem Gesicht des Jungen. Er tat so, als würde er den Schlitten zurückziehen und die erste Patrone laden.

Fegan sah von dem Jungen zur Pistole und wieder zurück. Der Junge nickte. Fegan zog den Schlitten zurück, ließ los und hörte das metallische Klicken, als die geölten Teile ineinandergriffen. Die Waffe lag so fest in seiner Hand wie der Händedruck eines alten Freundes.

Der Junge lächelte, stand auf und trat hinaus in den Flur.

Fegan starrte auf die Walther hinab. Er hatte sie sich einige Wochen nach seiner Entlassung aus dem Maze Prison gekauft, nur zu seinem eigenen Schutz, und sie bislang auch nur zum Reinigen aus der Schachtel geholt. Seine Fingerspitze fand den Schutzbügel mit dem Abzug.

Der Junge wartete auf dem Flur.

Fegan stand auf und folgte ihm zur Treppe. Der Junge ging hinunter, sein schlanker, geschmeidiger Körper blieb unberührt von dem heraufdringenden Licht.

Langsam begann Fegan die Treppe hinabzusteigen. Ein Adrenalinstoß spülte dunkle Erinnerungen hervor. Stimmen, die schon lange zum Schweigen gebracht worden waren, Gesichter wie Blutflecken. Die anderen folgten ihm und tauschten verstohlene Blicke aus. Unten angekommen, sah er McKennas Rücken. Der Politiker musterte gerade ein altes Foto von Fegans Mutter, auf dem sie jung und hübsch in einer Tür stand.

Der Junge durchquerte den Raum und tat wieder so, als exekutiere er den Mann, der ihn vor über zwanzig Jahren mit einem Tischlerhammer zusammengeschlagen hatte.

Fegans Herz hämmerte, er keuchte schwer. Das musste McKenna doch hören.

Der Junge sah Fegan an und lächelte.

»Wenn ich es mache, lässt du mich dann in Ruhe?«, fragte Fegan.

Der Junge nickte.

»Was?« McKenna stellte das gerahmte Foto wieder hin und wandte sich zu der Stimme um. Als er die auf seine Stirn gerichtete Waffe sah, erstarrte er.

»Hier kann ich es nicht machen.«

Das Lächeln des Jungen verschwand.

»Nicht bei mir zu Hause. Irgendwo anders.« Das Lächeln kehrte zurück.

»Mein Gott, Gerry!« Ein kurzes, nervöses Lachen entfuhr McKenna, während er die Hände hob. »Was hast du vor?«

»Tut mir leid, Michael. Ich muss.«

McKennas Lachen erstarb. »Ich verstehe das nicht, Gerry. Wir sind doch Freunde.«

»Wir steigen jetzt in deinen Wagen.« In Fegans Kopf herrschte völlige Klarheit. Zum ersten Mal seit Monaten zitterte seine Hand nicht.

McKennas Mund verzerrte sich. »Einen Scheiß machen wir.«

»Wir steigen jetzt in deinen Wagen«, wiederholte Fegan. »Du vorne, ich hinten.«

»Gerry, du bist ja übergeschnappt. Nimm jetzt die Waffe runter, bevor du noch was anstellst, das du später bereust.«

Fegan trat einen Schritt näher. »In den Wagen.«

McKenna streckte den Arm aus. »Komm schon, Gerry. Jetzt beruhigen wir uns erst mal, in Ordnung? Warum gibst du mir nicht einfach die Waffe, und ich stecke sie weg? Danach trinken wir einen.«

»Ich sage es nicht noch einmal.«

»Mach keinen Mist, Gerry. Gib sie mir.«

McKenna wollte nach der Waffe greifen, aber Fegan zog die Hand weg. Dann zielte er wieder auf McKennas Stirn.

»Du warst immer schon ein durchgeknallter Scheißkerl.« Auf dem Weg zur Tür behielt McKenna Fegan im Auge. Er machte sie auf und trat hinaus auf die Straße. Er sah von rechts nach links, von links nach rechts, auf der Suche nach einem Zeugen. Als er die Schultern sinken ließ, wusste Fegan, dass es keinen gab. Das hier war nicht die Sorte Straße, in der durch Vorhänge gespäht wurde.

Die Schließautomatik des Mercedes registrierte den nahen Transponder, sie surrte und klackerte bei McKennas Näherkommen.

»Mach die Hintertür auf«, befahl Fegan.

McKenna gehorchte.

»Jetzt setz dich nach vorne und lass die Tür offen, bis ich drin bin.« Fegan hielt die Walther auf McKennas Kopf gerichtet, bis der hinter dem Steuer saß.

Fegan glitt auf die Rückbank und achtete dabei darauf, nicht mit bloßen Händen die Lederpolster zu berühren. Mit einem Taschentuch zog er die Tür zu. Tom hatte ihn ja mit dem Politiker wegfahren sehen, also spielten seine Fingerabdrücke auf dem Beifahrersitz keine Rolle. McKenna saß reglos da und hatte die Hände ans Lenkrad gelegt.

»Jetzt mach die Tür zu und gib Gas.«

Der starke Motor des Mercedes sprang an, und McKenna fuhr los. Fegan warf einen flüchtigen Blick durch den Rückspiegel und sah, dass die zwölf ihnen vom Bürgersteig aus nachschauten. Der Junge trat auf die Straße und winkte.

Fegan duckte sich in die alles verhüllende Dunkelheit. Die Mündung der Waffe drückte er gegen die Rückseite des Fahrersitzes, genau auf der Höhe, wo McKennas Herz sein musste, falls der überhaupt eins hatte.

2

Fegan wusste, dass die Straßen um die Docks herum verlassen sein würden. Der abkühlende Motor des Mercedes tickte über das gelegentliche Verkehrsrauschen von der Hochautobahn dahinter hinweg, wo die M3 zur M2 wurde. Vor ihnen floss der Lagan in den Belfast Lough. Von der anderen Seite schimmerten die Lichter des Odyssey-Komplexes über das Wasser. Vermutlich drängten sich in den dortigen Nachtklubs gerade die Jungen und Reichen, so jung, dass sie sich an Männer wie Fegan gar nicht mehr erinnerten, und so reich, dass ihnen das egal sein konnte.

Jenseits des Odyssey standen Samson und Goliath, zwei wuchtige, die alte Werft überragende Brückenkräne. Auf der anderen Seite von Queens Island kreiste ein kleines Flugzeug über dem City Airport, der inzwischen nach George Best umbenannt worden war, dem großen Fußballer, den der Suff umgebracht hatte. Der Motor der Maschine knatterte und heulte. McKennas Schultern hoben und senkten sich bei jedem Atemzug.

Fegan richtete sich auf und saß nun hinter dem Politiker. Die Waffe war immer noch auf die Mitte der Sitzlehne gerichtet. Der vom Schweiß feuchte Stoff seines Hemdes rieb an seinen Schulterblättern. Er warf einen Blick auf das Stück Ödland, auf dem sie sich befanden. Keine Uberwachungskameras, keine Menschen. Nur die Ratten als Zeugen.

Und seine Verfolger.

Sie huschten von einem dunklen Fleck zum nächsten, beobachteten, warteten. Alle außer dem Jungen. Der lehnte an der Fahrertür, hatte die Hände vor den Augen wie zu einem Fernglas geformt und sah McKenna dadurch an.

»Schau dir das an«, sagte McKenna und deutete auf die Fläche rund um die Kräne. »Titanic Quarter heißt das neuerdings. Nicht zu fassen, oder?«

Fegan antwortete nicht.

»Mit diesem Gelände machen sie gerade ein Vermögen. Wir haben goldene Zeiten, Gerry. Die Verträge, die Zuschüsse, die ganzen Objekte, die sie bauen, und alle halten die Hand auf. Und dann benennen sie das Ganze nach einem Scheißschiff, das schon auf seiner ersten Fahrt gesunken ist. Ist doch zum Piepen, oder? Dieser Stadt hat die Welt die größte Katastrophe zu verdanken, die je zu Wasser gelassen wurde, und wir sind auch noch stolz drauf. Typisch Belfast.«

McKenna schwieg ein paar Sekunden, dann fragte er: »Was willst du, Gerry?«

»Ruf an«, sagte Fegan.

»Wen?«

»Tom. Sag ihm, er soll dichtmachen. Sag ihm, dass du mich abgesetzt hast und danach noch jemanden an den Docks treffen wolltest. Wenn er dich fragt, wen, sag ihm, es geht um irgendwas Geschäftliches.«

McKennas Lachen verriet seine Angst. »Warum sollte ich das tun? Warum sollte ich jemanden anrufen?«

»Weil ich dich sonst umbringe.«

»Du bringst mich doch sowieso um.« Fegan sah in den Rückspiegel. In der Dunkelheit konnte er gerade noch McKennas Augen erkennen, in seiner Brille spiegelten sich die Lichter von jenseits des Wassers. »Man kann so sterben oder so, Michael. Das sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe, wie du weißt.«

»Mein Gott.« McKenna stieß die Luft aus, seine Schultern bebten. »O mein Gott, Gerry, ich kann das nicht machen.«

Fegan drückte die Mündung der Walther direkt an McKennas Schädel. »Los jetzt.«

McKenna senkte schnaufend den Kopf. Das Display seines Mobiltelefons tauchte das Innere des Wagens in ein blaugrünes Licht. Das Telefon piepste und brabbelte in seiner zitternden Hand, noch bevor er es ans Ohr hob.

»Ja … Hör mal, Tom, mach einfach zu und nimm das Bargeld mit zu dir … Dem geht es gut. Ich hab ihn ins Bett verfrachtet. Ich bin hier drüben bei den Docks … Muss einen Kumpel treffen … Rein geschäftlich. Hör mal, ich muss los. Ich hole das Bargeld morgen ab …Ja, in Ordnung … Bis dann.«

Das Telefon piepste einmal, und sein schwaches Licht verlosch.

McKenna wandte den Kopf. »Erinnerst du dich noch an die alten Tage, Gerry?«

Fegan roch Schweiß, seinen eigenen und den Angstschweiß von McKenna. Erinnerungen hatte er weiß Gott genug, die ihm im Kopf herumschwirrten.

McKenna machte weiter. »Erinnerst du dich, wie die Briten uns damals hopsgenommen haben, weil wir sie mit Pflastersteinen beworfen hatten? Wie alt waren wir da? Sechzehn, siebzehn? Weißt du noch, ich habe den ersten geworfen und bin stiften gegangen. Der kleine Patsy Toner hatte zu viel Schiss zum Werfen und ist gleich hinter mir her.«

Er reckte den Hals und versuchte, Fegan anzusehen. Fegan stieß ihm mit der Pistolenmündung gegen den Hinterkopf, bis er wieder nach vorne schaute, dorthin, wo die Verfolger warteten. Alle außer dem Jungen. Der starrte weiter durch das Fenster auf der Fahrerseite. McKenna lachte auf. »Aber du nicht. Du hattest nie Angst. Vor niemandem. Du hast die Stellung gehalten. Weißt du noch, wie du einen von denen ins Gesicht getroffen hast? Ihre Köpfe lugten oben aus dem Landrover raus, und der Ziegelstein hat ihn mitten auf die Nase getroffen. Das Blut spritzte nur so.«

»Das reicht«, sagte Fegan. Er hasste die Erinnerung.

»Und dann haben sie uns die Falls hochgejagt. Meine Güte, weißt du noch? Wie wir gelacht haben, und der kleine Patsy schrie die ganze Zeit nach seiner Mutter.«

Fegan drückte die Waffe fester gegen McKennas Schädel. »Ich sagte, das reicht.«

»Und in der Brighton Street haben sie uns dann erwischt. Mein Gott, wie haben die uns verprügelt. Was für eine Abreibung. Und weißt du noch …« McKennas Schultern bebten vor Lachen. »Weißt du noch, wie sie den kleinen Patsy erwischt haben und der einen von oben bis unten vollgepisst hat vor Angst?«

Ein Lächeln stahl sich auf Fegans Lippen. Mit der freien Hand wischte er es weg. »Dafür haben sie ihm dann den Arm gebrochen.«

»Stimmt«, sagte McKenna, und das Lachen in seiner Kehle erstarb. »Und wir haben uns am nächsten Tag freiwillig gemeldet. Hat deiner Mutter das Herz gebrochen, nicht wahr?«

»Das reicht.« Fegans Augen brannten.

McKennas Stimme wurde zu einem wütenden Fauchen. » Ich war derjenige, der dich da reingebracht hat, Gerry. Ich! Ich habe dich bei McGinty und den ganzen anderen eingeführt. Ohne mich hätten sie dich doch nie genommen. Das solltest du nicht vergessen. Ohne mich wärst du ein Nichts gewesen, nur irgendein katholischer Halbstarker auf Stütze.«

»Das stimmt«, sagte Fegan. »Ich wäre ein Nichts gewesen. Ich hätte auch nichts verbrochen. Und dieser Junge wäre noch am Leben. Er hätte eine Frau, Kinder, ein Heim, alles. Wir haben ihm das genommen. Du und ich.«

McKennas Gebrüll ließ das Wageninnere erzittern. »Er war ein verdammter Spitzel! Hat bei den Bullen gesungen! In dem Moment, wo er die Klappe aufgemacht hat, war er ein toter Mann!«

Fegan wurde plötzlich ganz ruhig. »Es reicht«, sagte er noch einmal.

»Gerry, überleg dir, was du da machst. Die Jungs werden sich das nicht einfach gefallen lassen, Waffenstillstand hin oder her. Scheiß auf den Stormont. Die werden dich jagen.«

Eine Träne zog eine warme Spur über Fegans Wange, er schmeckte Salz. »Mein Gott, dabei hatte ich mir geschworen, so etwas nie wieder zu machen.«

»Dann mach es nicht, Gerry. Hör mir zu, es ist noch nicht zu spät. Du bist betrunken und steckst in einer Depression. Du bist nicht du selbst. Es wird keinen Ärger geben, wenn du jetzt aufhörst.«

Fegan schüttelte den Kopf. »Tut mir leid.«

»DreißigJahre, Gerry. Wir kennen uns schon seit dreißig…«

Die Walther bellte einmal auf und schleuderte rotes und graues Gewebe gegen die Windschutzscheibe. McKenna sackte nach vorne auf das Lenkrad, und die Hupe des Mercedes gellte durch die Nacht. Fegan streckte den Arm aus und zog McKenna zurück in den Sitz. Die Stille verschluckte sie.

Er kletterte aus dem Wagen und machte mit seinem Taschentuch die Fahrertür auf. Im fahlen Licht vom anderen Ufer sah er, wie McKennas Augen ihn stumpf anglotzten. Seine Designerbrille war zerbrochen und baumelte von einem Ohr. Nur um sicherzugehen, schoss Fegan ihm noch eine Kugel ins Herz. Der trockene Knall der Pistole plätscherte über den Lagan auf die glitzernden Gebäude zu. Fegan wischte sich die feuchte Hitze aus den Augen und sah sich um. Die Verfolger kamen aus ihren dunklen Verstecken hervor, drängelten sich um die offene Tür und sahen von Fegan auf die Leiche und von der Leiche wieder zurück auf Fegan. Er blickte sie an, seine Augen wanderten von einem zum anderen. Während sie sich wieder in die Dunkelheit zurückzogen, zählte er sie.

Einer weniger.

Elf waren noch übrig.