Kapitel eins
London
Berkeley Square 48
„Verzeihung, wie war das?“, fragte Lucinda und blickte eine ihrer liebsten Freundinnen, Theodosia, Duchess of Hartford, überrascht an. Angesichts ihrer Erfahrung in weltlichen Dingen hatte sie nicht gedacht, dass ein kühner Vorschlag sie derart aus der Ruhe bringen könnte. „Ich glaube, du scherzt, Theo. Oder vielleicht sind wir beide beschwipst?“
Sie hatten einige Gläser Whisky getrunken, während sie recht ungezwungen beieinander auf dem Sofa saßen – ohne Schuhe und Strümpfe und mit offenem Haar, das über ihre Schultern fiel. Schon seit einigen Stunden waren sie in ihrem geheimen Damenklub – statt auf den glanzvollen Ball der Countess Bancroft zu gehen, verbrachten sie den Abend lieber gemeinsam hier, lachten, schwatzten und erfreuten sich daran, dass niemand sie für ihr eindeutig unartiges Verhalten rügte.
Lucinda hatte diese Abende mit einer ihrer besten Freundinnen aus tiefstem Herzen vermisst. Seit Theo die Duchess of Hartford war, hielten die damit einhergehenden Aufgaben und Pflichten sie immer häufiger von den Aktivitäten des Klubs fern. Es war lange her, dass Lucinda und Theo hier im Salon allein gewesen waren, um sich zu unterhalten.
„Ich hätte nicht geglaubt, dass dich tatsächlich noch irgendetwas schockieren könnte“, sagte Theo und lachte. „Schließlich gibst du den anderen Damen unseres Geheimklubs die skandalösesten Ratschläge. Und jetzt, meine Liebe, bist du tatsächlich bestürzt, dass ich den Gefallen erwidere. Ich bin nicht beschwipst, und ich glaube, dass das ein vernünftiger Ratschlag war.“
Lucinda warf ihrer Freundin einen bösen Blick zu, doch es fiel ihr schwer, ihn aufrechtzuerhalten und nicht loszulachen. „Ich habe niemals jemandem geraten, ins Bett eines Gentlemans zu steigen! Und genau das ist es, was du vorschlägst, oder nicht?“
Theos Glas hielt auf halbem Wege zu ihrem Mund inne und sie schürzte die Lippen. „Hat Prue von dir nicht einiges an Ratschlägen erhalten, um ihren Ehemann zu verführen? Nachdem du ihr ein eindeutig erotisches Buch gezeigt hast?“
Lucinda grinste. Nur Theo wusste davon, dass die meisten Ratschläge, die sie Prue gegeben hatte, aus Unterhaltungen mit befreundeten Witwen und sogar aus einigen skandalösen erotischen Literaturwerken stammten, die Lucinda gelesen hatte. „Das war eine ganz andere Situation, und ich wage zu behaupten, dass dir das ebenfalls klar ist. Du schlägst vor, dass ich den Earl of Raymore bei einer Hausgesellschaft verführe. Ich gestehe, dass die enthusiastische Aufmerksamkeit, die er mir in den letzten Wochen geschenkt hat, durchaus schmeichelhaft ist. Aber ein solch schamloses Verhalten ist sicherlich vollkommen inakzeptabel.“
„Nur schmeichelhaft?“
Bei der Verführung geht es darum, zu wissen, wie man den Körper eines Mannes erregt. Das hatte Lucinda zu Prue gesagt. Männer sind außerordentlich körperliche Wesen, die es mögen, überall berührt, geküsst, gestreichelt und liebkost zu werden. Ein weiser Ratschlag, mit dem es Prue gelungen war, sich die Aufmerksamkeit ihres Ehemanns zu sichern. Allerdings war Lucinda nicht sonderlich erpicht darauf, sich Lord Raymore gegenüber auf diese Weise zu verhalten.
„Ich empfinde ihn als angenehme, freundliche Gesellschaft, das gebe ich zu“, sagte Lucinda. „Allerdings weiß ich nicht, ob ich einen Gentleman wie ihn als Geliebten wählen würde.“
„Aber du magst ihn.“
Lucinda stockte. „Das tue ich“, sagte sie sanft und ärgerte sich über ihr Zögern. „Ich bewundere Lord Raymore besonders für seine Wohltätigkeit. Außerdem gefällt mir, dass er kein Wüstling ist. Er sieht recht gut aus und ist in den Augen der Gesellschaft ein durchaus akzeptabler Fang.“
Dennoch ließ er ihr Herz nicht vor wilder Leidenschaft pochen und Lucinda fürchtete, dass dies der Grund für ihr Zögern war. Sie hatte bereits Erfahrungen im Bett gemacht, und während diese alles in allem recht angenehm gewesen waren, hatte sie nie diese aufregende, wunderbare Ekstase erlebt, von der Theo und Prue erzählten, sie hätten sie mit ihren Partnern erfahren. Lucinda fragte sich, ob es daran lag, dass möglicherweise nicht jeder Leidenschaft empfinden konnte, oder ob die geheime Zutat eine besonders starke Liebe war – denn ihre Freundinnen waren allesamt ganz unglaublich in ihre Ehemänner verliebt.
Theos goldbraune Augen funkelten schalkhaft. „Außerdem ist es sehr offensichtlich, dass Lord Raymore um dich wirbt. Vielleicht hat er mehr im Sinn als eine Affäre?“
Lucindas Herz machte einen erschrockenen Satz. „Ich hoffe nicht! Sollte er tatsächlich darauf hinauswollen, werde ich ihn enttäuschen müssen.“
Theo zog leicht die Augenbrauen zusammen. „Aber Lucinda …“
„Du weißt, dass ich nicht wieder heiraten will, Theo. Ich war bereits zweimal verheiratet und als Lady mit großem Vermögen genieße ich wundervolle Vorzüge. Ich bin seit viereinhalb Jahren Witwe und bestimme über meinen Haushalt und mein Geld. Ich bin nicht bereit, diese Freiheit einfach wieder aufzugeben.“ Besonders nicht für lauwarme Leidenschaft und seichte Unterhaltungen. Die bissigen Gedanken ließen Lucinda das Gesicht verziehen. Sie nahm einen Schluck ihres Whiskys, ehe sie das Glas absetzte.
Theo stellte ihres auf den kleinen Walnussholztisch und lehnte sich seufzend auf dem gemütlichen Sofa zurück. „Du bist einsam, Lucy. Es steht dir ins Gesicht geschrieben und es schmerzt mich, dich derart melancholisch zu sehen.“
Die sanften Worte ihrer Freundin waren wie ein Stich in Lucindas Brust und ließen sie zittrig ausatmen. „Warum sollte ich einsam sein? Ich habe schon so gut wie alles erlebt und besitze Freiheiten, von denen viele nur träumen können. Ich denke, dass das völlig ausreicht.“
„Du tust so, als wärest du eine alte Frau“, sagte Theo trocken und rollte auf eine Weise, die wohl kaum zu einer vornehmen Duchess passte, mit den Augen. „Du hast kaum etwas erlebt, meine liebe Lucy. Du bist erst achtundzwanzig und unglaublich schön. Aber das brauchst du von mir nicht zu hören: Sieh dir nur an, wie viele Gentlemen in dieser Stadt um deine Aufmerksamkeit buhlen.“
Lucinda wischte die Worte mit einer eleganten Geste weg. „Ich bin nicht einsam und ich …“ Die Worte schnürten ihr den Hals zu und sie schloss schmerzerfüllt die Augen. Sie hasste es, dass es ihrer Freundin so mühelos gelang, ihre sorgsam aufgebaute Fassade der Zufriedenheit zu durchschauen. Lucinda fühlte sich verwundbar, ja fast schon weinerlich, und sie hasste diese Unsicherheit, die sie erzittern ließ. Vielleicht war sie in den letzten Monaten tatsächlich etwas einsam gewesen. Die Sehnsucht nach so viel mehr verfolgte sie jede Nacht bis in ihre Träume. Das schockierte sie, war sie doch bereits zweimal verheiratet gewesen. Sie hatte gedacht, dass sich diese alten Wünsche nach Romantik, Leidenschaft, jauchzender Glückseligkeit und Behaglichkeit seit dem Ende ihrer Ehe mit Viscount Darby in Luft aufgelöst hatten. Aber vielleicht waren diese sinnlosen Hoffnungen wieder in ihrem Herzen aufgekeimt, weil so viele Mitglieder des Berkeley Square 48 seit Kurzem verheiratet und unfassbar glücklich waren.
„Lucinda, ich …“
„Wie kann ich nur so neidisch sein, Theo?“, fragte sie und presste die Lippen zusammen, als diese zu zittern begannen. „Wenn ich sehe, wie glücklich du mit deinem Duke bist. Oder Prue und Charity mit ihren Ehemännern. Ich …“ Gott im Himmel! „Ich weiß nicht einmal, was es ist, wonach ich mich verzehre. Dabei bin ich keine unsichere Frau und es ärgert mich!“
„O Lucinda. Es ist normal, sich nach diesen Dingen zu sehnen. Es ist kein Neid, den du empfindest, sondern eine tiefe Unzufriedenheit, die dich begleitet wie ein übler Geruch.“
Lucinda hatte Mühe, nicht zu lachen. „Das war eine scheußliche und viel zu bildhafte Beschreibung, die unnötigerweise meine Vorstellungskraft befeuert hat. Jetzt muss ich immer an ein Stinktier denken, das mir überallhin folgt. Vielleicht sollte ich ihm einen Namen geben und es zu meinem Haustier machen.“ Nun lachte sie doch, aber es klang mehr traurig als alles andere.
Theo kicherte, woraufhin sich leichte Fältchen an ihren Augenwinkeln bildeten. „Ich denke wirklich, dass du meinen Vorschlag in Betracht ziehen solltest. Er ist ein respektabler Mann und eindeutig gut aussehend. Du musst ihn nur ein wenig ermutigen. Ich denke, ihr würdet gut zusammenpassen.“
Lucinda rutschte auf dem Sofa herum, bis ihr Kopf auf der Armlehne lag und sie skandalös ein Bein über die Rückenlehne baumeln ließ, während sie an die Decke starrte. „Den Earl of Raymore verführen. Ihn als Geliebten nehmen und vielleicht dadurch meine Einsamkeit lindern.“
„Ja! Ich fordere dich heraus!“
Lucinda stöhnte. „Bitte keine Herausforderung. Meine armen Nerven halten das nicht aus. Ich bin diejenige, die unter diesem Dach die Herausforderungen ausspricht. Ich bin von all dem Unfug, der in diesem Klub stattfindet, ausgenommen. Ich bin einfach viel zu erwachsen dafür.“
„So ein Unsinn“, rief Theo aus. „Gerade du willst dich so fadenscheinig aus einer Herausforderung herausreden? Ich bin nur zwei Jahre jünger als du. Ich wurde herausgefordert und musste es tun.“
„Nun, ich bin aus härterem Holz geschnitzt und lehne ab“, sagte Lucinda gereizt.
„O nein, das wirst du nicht“, sagte Theo. „Ich werde ein Treffen mit den Ladys einberufen und darüber abstimmen lassen.“
Lucinda stöhnte erneut, dramatischer diesmal, und ihre Freundin lachte so sehr, dass sie Schluckauf bekam. Wahrscheinlich waren sie wirklich gerade auf dem besten Wege, beschwipst zu sein.
„Ich unterstütze die Herausforderung“, erklang mit einem Mal Prues Stimme. Ihre Freundin kam in den kleinen Salon geschlendert, den Theo und Lucinda bisher in Beschlag genommen hatten. „Und Charity wird das ebenfalls tun, sobald sie eintrifft. Ich werde ihr schnell eine Nachricht schreiben, dass sie herkommen soll.“
Lucinda funkelte ihre Freundinnen böse an, ehe ihre Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. Es wäre in der Tat skandalös, sich in das Bett eines Earls zu schleichen und ein Stelldichein zu initiieren. Sie schob die Hände unter ihren Kopf und fragte sich, woher sie diese Unverschämtheit nahm.
„Ich kann sehen, dass du darüber nachdenkst!“, rief Theo entzückt.
„Vielleicht tue ich das wirklich“, gestand Lucinda leise.
Ein Geliebter. Jemand, mit dem sie lachen, im Park spazieren gehen, sich küssen … und den sie lieben könnte. Eine Verbindung, durch die sie sich weniger … unerfüllt und einsam fühlen würde.
Sie schloss die Augen und versuchte sich vorzustellen, wie es sich wohl anfühlen würde, die Leidenschaft zu erleben, von der ihre Freundinnen so häufig erzählten. Könnte sie wirklich diese Leere füllen, die von den unzähligen Bällen und Vergnügungen des tons völlig unberührt geblieben war?
„Der Earl schenkt mir bereits seine Aufmerksamkeit“, murmelte sie. „Vielleicht sollte ich Lord Raymore gestatten, die Zügel in die Hand zu nehmen bei diesem – was auch immer das ist.“ Es ärgerte sie beinahe, wie wenig die Vorstellung, den Earl zu verführen, sie reizte.
„Auf keinen Fall“, sagte Prue. „Was auch immer er vorhat, er ist viel zu langsam. Und heute Abend hat er auf dem Ball der Countess gleich zweimal mit Lady Minerva getanzt.“
„Wie schockierend“, sagte Lucinda trocken, „dass er sich entschlossen hat, sich zu amüsieren.“
Prue schnaubte. „Es hat etwas zu bedeuten, da jeder weiß, dass Lady Minerva einen Gönner sucht. Demnächst hört man dann vielleicht davon, dass er sich eine Geliebte genommen hat. Was machst du dann?“
„Das würde mir dein und Theos unverschämtes Drängen ersparen“, sagte Lucinda und lachte.
Theo ließ nicht locker. „Gib es zu, du bist in Versuchung!“
„Nur ein kleines bisschen“, gab Lucinda zu und kräuselte die Nase.
Prudence goss drei Gläser Sherry ein. „Wir fordern dich heraus, so wie du uns in der Vergangenheit herausgefordert hast.“
Lucinda rappelte sich auf dem Sofa auf und schlug die Beine unter ihren Körper. Sie nahm eines der Kristallgläser und dessen Kälte beruhigte das unerwartete nervöse Kribbeln, das sie durchströmte. „Ich nehme die Herausforderung an“, sagte sie ruhig, erhob ihr Glas und prostete ihren Freundinnen zu.
Prue hob ebenfalls ihr Glas, ihre grünen Augen funkelten. „Auf die Ladys, die etwas wagen!“
Auf die Ladys, die etwas wagen.
Lucinda neigte zustimmend das Glas. Als sie einen Schluck Sherry trank, beschlich sie eine eigentümliche Vorahnung, dass sie gerade einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte.
Kapitel zwei
Eine Woche später …
Chatham, Kent
Lucinda fühlte sich geehrt, dass sie von Lady Cashmere in deren Landhaus in Kent eingeladen worden war. Sie genoss ihre Zeit auf dem idyllischen Anwesen, das großartige Wetter und ganz besonders die interessante Gesellschaft. Das Haus war ursprünglich als kleines dreistöckiges Gebäude konzipiert worden. Irgendwann hatten ehemalige Hausherren das helle Sandsteingebäude um einen lichtdurchfluteten Ballsaal mit vielen Fenstern erweitert. Außerdem hatte man auf der Rückseite einen Backsteinanbau für moderne Küchen und Quartiere für Bedienstete hinzugefügt.
Lady Cashmere hatte sich für Dekorationen in warmen Rosa- und Rottönen entschieden, ohne jedoch die Räume mit schrillen Verzierungen und Kitsch zu überladen. Das Haus vermittelte mehr luxuriösen Komfort als Prunk und Gehabe.
Lucinda wäre sehr viel entspannter gewesen, hätte nicht das Damoklesschwert der Herausforderung über ihr gehangen.
Lady Cashmeres Hausgesellschaft war gut besucht: Eine Vielzahl angesehener Lords und Ladys des ton waren anwesend. Sie alle behaupteten, die Pause vom Leben in der Stadt zu genießen.
Auch an diesem Abend waren viele von ihnen zur Zusammenkunft im Salon gekommen und jemand hatte die Türen zur Terrasse geöffnet, um die kühle Brise hereinzulassen. Lady Beaumont erfreute mit ihrem Klavierspiel, und einige Paare tanzten zu der lebhaften Melodie, die Lady Beaumonts talentierte Finger den Tasten entlockten.
Die Saison neigte sich ihrem Ende zu, und viele der anwesenden Lords würden bald auf ihre Landsitze zurückkehren, um zu jagen und sich ihren Pflichten zu widmen. Einschließlich Lord Raymore, der Lucinda gerade sanft anlächelte. Sein Blick erwärmte Lucindas Herz, wenn er sie auch nicht atemlos vor Begehren werden ließ, so wie Theo sich nach eigener Aussage fühlte, wenn ihr Duke sie anschaute. Lucinda schnaubte in ihr Champagnerglas. Vielleicht war sie einfach keine Lady, die imstande war, eine derart lustvolle Leidenschaft zu empfinden. Sie hatte Glück gehabt, dass ihre beiden Ehen nicht grausam gewesen waren, obwohl die letzte ihr einiges an Herzschmerz und Nächten voller Tränen beschert hatte.
Hänge nicht der Vergangenheit hinterher, Lucinda.
„Ich frage mich, worüber Ihr nachdenkt, Lady Darby, dass Ihr so hübsch die Stirn runzelt.“
Lucinda schaute Lord Raymore direkt an. „Ich sann über die Abwesenheit von Leidenschaft in Beziehungen nach und darüber, was die Ursache sein könnte.“
Er schien überrascht, fing sich jedoch schnell, und kleine Fältchen erschienen in seinen Augenwinkeln. „Und zu welchem Schluss seid Ihr gekommen?“
„Vielleicht liegt der Schlüssel in der Liebe“, erwiderte sie mit einem schiefen Lächeln. „Paare, die vernarrt ineinander sind, teilen vielleicht eine intensivere Leidenschaft als solche, die es nicht sind. Was sagt Eure Erfahrung, Mylord?“
„Da ich nie verliebt war, kann ich nichts dazu sagen“, erwiderte er mit einem nachdenklichen Lächeln. „Was meinst du dazu, Chisholm?“
Lucindas Bauch zog sich zusammen, als sich ein weiterer Earl, der leger ein Glas Champagner schwenkte, zu ihnen gesellte.
„Wozu?“, fragte er. Sein Blick schweifte mit höflichem Desinteresse über ihre kleine Gruppe enger Freunde. Einen Moment lang musterte er Lucinda mit seinen silberfarbenen Augen, ehe er Lord Raymore ansah.
„Dass Liebe die Flamme der Leidenschaft ein wenig heller brennen lässt“, erwiderte Lady Jensen, wedelte mit ihrem Fächer in Chisholms Richtung und schenkte ihm ein liebliches Lächeln.
Es war klar, mit wem die verwitwete Countess heute Nacht ihr Bett zu teilen gedachte, und Lucinda senkte den Kopf, um ihr Lächeln zu verbergen. Dies war einer der Gründe, warum sie Hausgesellschaften so genoss, besonders die von Lady Cashmere. Es wurden kaum Debütantinnen eingeladen, die bei solch skandalösen und gedankenanregenden Unterhaltungen schlicht in Ohnmacht fallen würden. Die Gäste der Countess waren hauptsächlich verheiratete Paare, Junggesellen und Witwen, die es verstanden, dass man bei Hausgesellschaften etwas ungezogen und frivol zu sein hatte.
„Das ist natürlich Unsinn“, antwortete Lord Chisholm mit kultivierter Gleichgültigkeit.
„Warum glaubt Ihr, dass es Unsinn ist?“, fragte Lucinda keck und zog damit seine Aufmerksamkeit wieder auf sich.
Es fühlte sich an, als hätte jemand die Luft aus ihrer Lunge gepresst. Sein Blick lag schwer auf ihr und wäre sie eine andere Art Lady gewesen, als sie war, wäre sie vor der Intensität darin zurückgewichen. Der Earl of Chisholm mit seinem rabenschwarzen Haar und den stahlgrauen Augen hatte eine fesselnde, wenn nicht sogar ein wenig einschüchternde Präsenz. Seit Beginn der Hausgesellschaft hatten sie sich noch nicht unterhalten, dennoch war sie sich seiner Anwesenheit im Hintergrund überraschend bewusst gewesen, und bisweilen hatte Lucinda seine Aufmerksamkeit auf sich gespürt. Wann immer sich ihre Blicke trafen, verzog er den Mund zu einem geheimnisvollen Lächeln oder erhob sein Glas zu einem stillen Toast. Dennoch hatte der Earl sich ihr nicht genähert und sie war ihm aus dem Weg gegangen. Heute Abend trug er einen makellosen schwarzen Frack mit einer silbernen Weste, die perfekt mit seinen wunderbaren Augen harmonierte.
„Wollt Ihr nicht antworten, Mylord?“, fragte sie gedehnt, sich seiner eindringlichen Betrachtung nur allzu bewusst – sowie der Tatsache, dass die Umstehenden zwischen ihnen hin und her schauten.
„Das Einzige, was darüber entscheidet, ob eine Frau ihre Lust herausschreit, während sie sich unter – oder auf – ihrem Geliebten befindet, ist das Talent des Gentlemans. Liebe hat nichts damit zu tun.“
Die kleine Gruppe lachte, während Wärme Lucinda durchströmte. Es wäre absolut inakzeptabel, auf seine provokante Antwort hin zu erröten. Schließlich war sie keine Debütantin und er nicht der erste Mann, der ihr gegenüber etwas derart Explizites äußerte.
„Ich nehme an, Ihr sprecht aus Erfahrung“, sagte Lady Jensen heiser und berührte leicht seine Schulter. In ihren blauen Augen glühte eine unverhohlene Einladung.
Chisholm lächelte leicht. „Das tue ich.“
Es war keine Angeberei, sondern schlicht eine Tatsachenbehauptung, die Lucindas Herz in einem eigenartigen Rhythmus hüpfen ließ. „Also wart Ihr noch nie verliebt, Lord Chisholm?“
Er trank beiläufig einen Schluck Champagner und schien nachdenklich, fast schon gelangweilt. „War ich nicht.“
Lucinda schenkte ihm ein breites Lächeln. „Dann nehmt Ihr lediglich an, dass jene, die sich … nun … unter Eurem Können wanden, nichts Besseres mit einer Person erlebt hätten, in die sie verliebt gewesen wären. Daher behaupte ich, dass Ihr meine Annahme nicht unwiderlegbar für Unsinn erklären könnt.“
In seine Augen trat ein leicht amüsiertes Funkeln, auch wenn er nicht lächelte. Er besaß eine geschmeidige, raubtierhafte Anmut, die ein eigenartiges Prickeln Lucindas Rücken hinabschickte. Ihre Reaktion auf diesen Gentleman gefiel ihr gar nicht.
„Dem ist wohl so“, erwiderte Chisholm schließlich. „Habt Ihr demnach umfangreiche Erfahrungen, aus denen Ihr Eure Schlüsse zieht, Viscountess Darby? Erfreut uns doch mit mehr Details.“
Diverse Augenpaare richteten sich wieder auf sie, einige von ihnen neugieriger als andere. Besonders interessiert schaute Lord Raymore.
„Ich habe darauf keine Antwort“, sagte Lucinda und trank einen Schluck Champagner, verärgert, dass sie keine schlagfertigere Erwiderung parat hatte.
„Einige Männer denken, Liebe sei für ihre Ehefrauen und Leidenschaft für ihre Geliebten“, sagte Lady Jensen mit einem unanständigen Funkeln in den Augen.
„Sehr wahr“, sagte Raymore.
Chisholm machte ein Geräusch tief in der Kehle, das irgendwo zwischen einem Lachen und einem Schnauben lag. „Was für Narren.“
„In der Tat Narren“, sagte Lady Jensen und schmachtete den Earl über den Rand ihres Glases hinweg an.
Chisholm grinste derart lüstern und selbstbewusst, dass Lucinda den Blick abwenden musste.
„Ich denke, Viscountess Darby hat nicht ganz unrecht“, sagte Lord Stanwell und ein liebevoller Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Ich liebe meine süße Sophia mehr als alles andere und wenn wir zusammen sind … Nichts hat sich je so vollkommen angefühlt. Liebe lässt die Leidenschaft zu etwas Unglaublichem werden.“
„Bist du deshalb letzten Monat deiner Geliebten bis nach Venedig nachgejagt?“, fragte Raymore, woraufhin die kleine Gruppe über den zerknirschten Ausdruck auf Stanwells Gesicht lachte.
Lucinda entschuldigte sich und schlängelte sich durch die Menge, um in die kühle Abendluft zu entfliehen. Die Unterhaltung hatte wie Nadeln in ihr Herz gestochen und sie an diese vermaledeite Herausforderung erinnert. Es war der dritte von sieben Tagen der Hausgesellschaft. Hätte sie sich an den Plan gehalten, hätten sie und der Earl sich wohl jetzt bereits in eines der Zimmer zurückgezogen, um herauszufinden, ob es tatsächlich Leidenschaft zwischen zwei Menschen geben konnte, deren Herzen zwar nicht miteinander verbunden waren, die einander aber zumindest mochten und sich gegenseitige Bewunderung, wenn nicht sogar Freundschaft eingestanden.
Lucinda ging über das Anwesen zu einem kleinen, von Büschen umgebenen Garten hinüber hinter dem eine breite Schaukel an einer gewaltigen Eiche hing. Eine kleine Laterne in der Nähe spendete sanftes Licht. Die Luft war sehr kühl, weshalb sie ihr Tuch enger um ihre Schultern schlang und die letzten Meter zur Schaukel lief. Sie ließ sich nieder, stieß die Füße vom Boden ab und schaukelte langsam vor und zurück. Aus dem Inneren des Hauses waren Musik und Gelächter zu hören, was sie zum Lächeln brachte. Sie schaute hinauf in den herrlichen Sternenhimmel, der sie für einige Momente fesselte. In der Ferne konnte sie das Gemurmel einiger der anderen Gäste hören, dennoch war niemand zu sehen.
Lucinda erstarrte, als sie plötzlich die Anwesenheit einer Person hinter sich wahrnahm.
„Ich habe nicht in Eure Zurückgezogenheit eindringen wollen“, erklang eine tiefe Stimme. „Ich hoffe, Ihr vergebt mir die Störung.“
Der Earl of Chisholm.
Lucinda war sich einen Moment lang nicht sicher, was sie erwidern sollte. Etwas an ihm brachte sie aus der Fassung. „Ich fühle mich nicht gestört, Mylord. Es gibt nichts zu vergeben.“
„Dann verstehe ich das als Einladung, mich zu Euch zu setzen.“
Bevor sie ihn zurückweisen konnte, kam er in ihr Sichtfeld und schlenderte langsam auf sie zu, elegant wie ein Panther.
Er setzte sich neben sie auf die Schaukel, sein Gesichtsausdruck eine perfekte Maske. „Dies ist der erste Abend, an dem ich Euch hier draußen antreffe.“
In diesem Moment begriff sie, dass es in der Tat sie war, die eine mögliche abendliche Routine des Earls gestört hatte. „Es ist auch der erste Abend, an dem ich herausgekommen bin.“
„Ungewöhnlich und interessant.“
Lucinda lächelte. „Ich habe bereits über diese Schaukel nachgedacht, bin aber noch nicht dazu gekommen, sie mir näher anzusehen.“
Ein Moment der Stille breitete sich zwischen ihnen aus und sie warf ihm einen Blick aus dem Augenwinkel zu. Der Earl schnitt eine Zigarre an.
Als er ihren Blick bemerkte, fragte er leise: „Werde ich Eure Empfindsamkeit erschüttern, wenn ich sie anzünde, Lady Darby?“
Das amüsierte Lucinda und sie hätte ihm beinahe verraten, dass sie und Theo bereits ein paar Zigarren gemeinsam geraucht hatten. Allerdings besann sie sich im letzten Moment eines Besseren. „Ich bin aus härterem Holz geschnitzt, Lord Chisholm. Ihr werdet mich nicht aus der Ruhe bringen, nur weil Ihr eine Zigarre genießt.“
Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen, aber er erwiderte nichts. Erst jetzt bemerkte sie, dass seine Wange gerötet war, so als hätte jemand …
„Ihr wurdet geohrfeigt.“
Er lachte leise, doch offenbar ehrlich amüsiert. „Nicht alle Ladys schätzen es, wenn man ihren Reizen zu widerstehen wagt.“
Lucinda verstand. „Ihr habt Lady Jensen abgewiesen?“
Er hob eine Braue. „Sie hat Euch von ihren Plänen erzählt?“
„Nein, aber ich habe gesehen, wie sie Euch vorhin angeschaut hat. Sie ist eine Schönheit und da war ein Hauch von … Vertrautheit in dem Lächeln zwischen Euch und ihr. Ich hätte die Countess nicht für eine Lady gehalten, die zu Gewalt neigt.“
„Meiner Erfahrung nach trotzt das schöne Geschlecht jeglicher Logik“, sagte der Earl in beißendem Tonfall. Sein direkter Blick fühlte sich beinahe intim an. „Also habt Ihr mich beobachtet, Lady Darby.“
„Ich bin lediglich aufmerksam“, erwiderte sie keck und verdrehte die Augen, um ihrer Aussage mehr Nachdruck zu verleihen. „Ich habe alle Personen im Salon sowie ihren Umgang miteinander beobachtet.“
Auch wenn sie recht vertraut mit der leichten Tändelei eines Gentlemans war, fühlte sie sich, als bewegte sie sich auf unerforschtem Gebiet. Tändelte er überhaupt mit ihr?
Da sie sich ihrer brennenden Neugier nicht erwehren konnte, fragte Lucinda: „Warum habt Ihr sie abgewiesen?“
Er zog amüsiert einen Mundwinkel hoch. „Die charmante Countess und ich haben vor ein paar Jahren bereits einmal das Bett geteilt. Ich sah wenig Sinn in einer Wiederholung, was sie offenbar verärgert hat.“
„Wollt Ihr damit sagen, dass Ihr nie dieselbe Lady zweimal in Euer Bett nehmt?“
„Richtig“, sagte er gedehnt. „So kommt es nicht zu irgendeiner Form der Verbundenheit.“.
Lucinda konnte sich das überraschte Lachen nicht verkneifen. „Was für eine Selbstgefälligkeit!“
„Charmante Selbstgefälligkeit“, murmelte er, doch ein Beben in seiner Stimme verriet ihr, dass mehr dahintersteckte. „Ich habe gehört, dass Ihr bereits zweimal verheiratet wart, Viscountess.“
Sie zögerte kurz. „Das stimmt“, sagte sie schließlich.
„Ihr scheint keinen Tag älter als vierundzwanzig. Wie ist das möglich, Lady Darby?“
Sie lachte leise. „Beide Ehen haben nicht besonders lange gehalten.“
„Ich vermute, es waren keine Liebesheiraten und es gab keine Leidenschaft.“
Die Intimität seiner Aussage verschlug ihr den Atem und sie sah ihn an.
Er hob eine Augenbraue. „Ich beziehe mich lediglich auf unsere Unterhaltung und den Ausdruck, der in Euren Augen gelegen hat.“
Sie errötete und ihr Griff um das Seil der Schaukel wurde fester. „Und was genau soll das für ein Ausdruck gewesen sein, wenn ich fragen darf, Mylord?“
„Vielleicht Einsamkeit.“
Sie war froh, dass sie bereits saß, denn sie fühlte sich, als wäre mit einem Mal sämtliche Kraft aus ihrem Körper gewichen.
„Und der Ausdruck einer Frau, die niemals Leidenschaft erfahren hat und sich fragt, ob es sie wirklich gibt.“
Sie schnaubte und hoffte, dadurch ihre erschrockene Verlegenheit sowie das wilde Pochen ihres Herzens zu überspielen.
Plötzlich erklang die verärgerte Stimme einer Frau, und Lucinda zuckte zusammen. Sie atmete erleichtert auf, denn die Unterbrechung ersparte es ihr, diesem verdammten Mann antworten zu müssen, der so dreist und so tief in ihr Herz gespäht hatte, dass sie sich unter seinem intensiven Blick vollends entblößt fühlte.
Lucinda neigte den Kopf, als sie erkannte, dass jenseits der hohen Büsche vor ihnen ein Paar stritt, dem Klang nach vermutlich auf Italienisch. Die Stimme eines Mannes vereinigte sich mit der der Frau zu einem wilden Sturm, mit dem die klangvolle Sprache zwischen ihnen wütete.
„Sie wirft ihm vor, zu tief in Lady Westcotts Dekolleté geschaut zu haben“, murmelte der Earl. „Schlimmer, sie vermutet, dass er vergangene Nacht ins Bett der Baroness gekrochen ist statt in ihres. Eine unverzeihliche Sünde, obwohl sie nicht verheiratet sind. Sie schwört, ihn mindestens drei Monate aus ihrem Bett zu verbannen und ihm zur Strafe … Nun, sagen wir, was sie ihm androht, reicht aus, dass ich versucht bin, meine eigene Männlichkeit zu schützen.“
Zu ihrem Erschrecken entwich Lucinda ein amüsierter Laut und sie schlug sich eine behandschuhte Hand auf den Mund, um ihn zu ersticken. „Ihr seid schamlos, Mylord!“
„Ich könnte für mich behalten, was sie sagen.“
Sie schaute zu ihm und bemerkte, dass er sie anstarrte. Das warme Licht der Laterne fiel auf sein Gesicht und sie sah das amüsierte Funkeln in seinen silbernen Augen.
„Ich halte nichts von Tratsch“, sagte sie, unfähig, seinem Blick auszuweichen.
Der Earl sah sie intensiv an und ein leicht unverschämtes Lächeln zog an seinen Mundwinkeln. „Habt Ihr vor, den anderen Gästen davon zu erzählen?“
„Natürlich nicht!“
„Dann genießt die Vorstellung.“
Sie lachte. „Ihr seid unverbesserlich, Mylord.“
Sein Blick huschte einen Moment lang zu ihren Lippen. „Wo bliebe der Spaß, wenn wir immer anständig wären?“ Rauch schlängelte sich um ihn, als er an der Zigarre zog. „Er schwört ihr seine unsterbliche Liebe.“
Mithilfe des Earls brachte Lucinda die Schaukel wieder zum Schwingen. „Und was sagt sie dazu?“
„Dass er im Graben verenden soll wie der verlogene Köter, der er sei. Er sei ein Gossenkind, das vorgibt, ein Gentleman zu sein.“
„Sie ist sehr kreativ.“
„Und noch nicht fertig: Er sei außerdem eine Made und sie verfluche seinen Kadaver. Oh, und er sei darüber hinaus ein unreifer Mistkerl.“
Sie machte ein ersticktes Geräusch bei dem Versuch, ihr Lachen zu unterdrücken.
„Er schwört, dass er nicht mit Lady Westcott gevögelt, sondern Karten gespielt hat, und zwar mit mir, Raymore und dem Duke.“
„Sagt er die Wahrheit?“, fragte sie.
„Ja, wir haben bis um vier Uhr morgens gespielt.“
„Kann sie das besänftigen?“
„Nein.“
Sie lächelten einander an, doch Lucinda musste wegschauen, als ihr Herz einen eigenartigen Hüpfer machte.
„Er bittet sie, seine Frau zu werden, damit er den Rest seines Lebens damit verbringen kann, sie glücklich zu machen. Der Dummkopf.“
Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Der Earl schaute unfokussiert in den Abendhimmel. „Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann Eures Standes so leichtfertig die Ehe ablehnen würde.“
„Anders als andere Gentlemen habe ich keine Veranlassung zu heiraten, und ich beabsichtige, dass es dabei bleibt. Wie dem auch sei, er ist ein Dummkopf, eine Frau heiraten zu wollen, die ihm so wenig vertraut.“
„Vielleicht ist er sich lediglich ihres feurigen Temperaments bewusst und akzeptiert …“ Sie unterbrach sich, als jenseits der Büsche ein lusterfüllter Aufschrei erklang.
Gütiger Himmel.
„Ah, jetzt versöhnen sie sich“, murmelte der Earl und rauchte seine Zigarre, als wären nicht gerade zwei Menschen im Begriff, Liebe zu machen – und das nur ein paar Meter von ihnen entfernt.
Es folgten dezentes Rascheln, leises Stöhnen und Geflüster. Lucindas Wangen wurden heiß, obwohl sie versuchte, nicht zu erröten. Gott, ich bin eine Frau von achtundzwanzig Jahren! Entschlossen, sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, presste sie die Fersen in die weiche Erde, um die Schaukel in Bewegung zu setzen. Der Earl tat es ihr gleich, und so schaukelten sie in einträchtigem Schweigen, die einzigen Geräusche das Stöhnen und Seufzen der beiden hinter den Büschen. Der Gentleman sagte etwas, sein Tonfall dunkel und erregt.
Chisholm neigte den Kopf zu ihr. „Lass mich hinein, sagt er. Ich will deine heiße, feuchte Spalte um meinen …“
Lucinda fuhr herum und hielt ihm den Mund zu. Der Earl biss sie daraufhin in die Handfläche, so fest, dass sie es selbst durch den Handschuh hindurch spürte. Sie senkte die Hand und starrte ihn an. „Ihr habt mich gebissen.“
Er hielt ihr seine behandschuhte Hand hin. „Ihr dürft Euch gern revanchieren.“ Ihr fassungsloses Schweigen zauberte ein schelmisches Lächeln auf seine Lippen. „Schüchtern, Lady Darby? Sehe ich Euch etwa erröten?“
Ihre Handfläche pulsierte dumpf und Lucinda hatte alle Mühe, ihr rasendes Herz zu beruhigen. Gott, was war das für eine eigenartige Schwäche in ihren Gliedern? Sie schaute ihm lange in die Augen, um ihm und sich selbst zu beweisen, dass seine Provokation sie nicht aus der Fassung bringen konnte.
„Ich bin nicht schüchtern.“ Dann, noch ehe er etwas darauf erwidern konnte, beugte sie sich vor und biss in die Spitze eines seiner Finger.
„Liebe Güte, was habt Ihr doch für scharfe kleine Zähnchen. Ich glaube, ich blute.“
Lucinda kämpfte ein Lachen nieder.
Seine Augen leuchteten neugierig. „Ich hätte nicht gedacht, dass Ihr es tun würdet.“
„Ihr wisst nichts über mich.“
„Das tue ich in der Tat nicht.“ Sein Tonfall deutete an, dass er das gern ändern würde, und sie musste seinem durchdringenden Blick ausweichen.
Die Lady rief etwas auf Italienisch. Lucinda schaute mit gehobener Braue zum Earl.
„Das fühlt sich so gut an, Alessandro“, übersetzte der Earl und sein ruhiger Blick bekam einen verwegenen Glanz. „Hör nicht auf, mich zu lieben, mein Schatz.“
Weder errötete Lucinda noch schaute sie weg – allerdings flatterte es tief in ihrem Bauch.
Der Mann erwiderte etwas, dunkel und kehlig. Der Earl übersetzte es nicht. Stattdessen verdunkelte sich sein Blick und fiel hinab zu ihren Lippen. Unerwarteterweise begannen diese zu kribbeln und ein wohliges Ziehen erfüllte Lucindas Körper.
Als er wieder in ihre Augen schaute, tanzte in den seinen ein Gefühl, das Lucinda nicht verstand. Er starrte sie wie gebannt an und mit einem Mal erschien es ihr gefährlich, allein mit Lord Chisholm hier draußen zu sein. Die Versuchung war unerträglich. Lucinda war überwältigt von dem schmerzhaften Verlangen, der Einladung nachzugeben, die in seinen silbernen Augen lag.
Wie würde es sich anfühlen, seine Lippen an ihren und seine Arme um ihren Körper, während er Lucinda an seine Brust presste?
Grundgütiger! Ihre plötzliche Unsicherheit ärgerte sie. Sie hielt die Schaukel an und erhob sich mit einer eleganten Bewegung. Sie atmete zittrig aus und machte einen Knicks. „Gute Nacht, Mylord.“
Lucinda wartete seine Antwort nicht ab. Sie ignorierte die Hitze in seinem Blick und die erregten Stimmen des Paares, kehrte ins Herrenhaus zurück und begab sich auf ihr Zimmer.