Leseprobe Ein Fall für Constable Evans

1. Kapitel

Liedklänge schallten aus dem kleinen Dorf Llanfair und schraubten sich den Pass zwischen den beiden hohen Gipfeln von Glyder Fawr und Yr Wyddfa herauf. Aufgeschreckt von dem plötzlich einsetzenden Geräusch hoben die Schafe auf den grünen Berghängen kurz die Köpfe. Dann wandten sie sich wieder dem Grasen zu, ihr wolliges Fell von der untergehenden Sonne rosa getönt.

Guide me, oh Thou great Jehova

Pilgrim in this barren land …

Die Worte dieses alten Lieblingskirchenlieds der Waliser, Cwm Rhonda, ertönten aus der Bethel-Kapelle, auf eine Art, wie nur walisische Kehlen es erklingen lassen können – zum Steinerweichen. Nur eine einzige Person sang nicht aus vollem Halse mit. Ein aufgeschossener junger Mann mit Schultern wie ein Rugbyspieler und einem liebenswerten, offenen Gesicht formte die Worte mit den Lippen lediglich lautlos nach.

I am weak, but Thou are mighty

Feed me with Thy willing hand.

Evan Evans war Constable bei der Polizei von North Wales und derzeit dem Dorf Llanfair zugeteilt. Er konnte die vertraute Röte aufsteigen spüren, die sich in seinem Nacken auszubreiten begann und sich schließlich über sein keltisch-hellhäutiges Gesicht ergoss. Er wusste, dass es dumm war, sich über etwas zu ärgern, das so viele Jahre zurücklag, aber er konnte einfach nichts dagegen tun. Jedes Mal, wenn sie in der Kapelle diese Hymne sangen, fühlte er sich wieder in den Versammlungsraum der Bezirksgrundschule in der Llanelli Road versetzt, stand in der ersten Reihe der Spitzenschüler und hörte hinter sich das Kichern, wenn zweihundert junge Stimmen den Refrain anstimmten.

Bread of ’eaven

Bread of ’eaven

Feed me till I want no more …

Und eben das sangen jetzt die Teilnehmer des Gottesdienstes in der Bethel-Kapelle. Evan meinte, die Knüffe im Rücken zu spüren und das Kichern und die geflüsterten Bemerkungen zu hören: »Was für ein Brot gibt’s denn heute für uns, mein kleiner Evan? Schönes knuspriges?«

Er war damals gerade erst neu aus dem nordwalisischen Gebirgsland an die Schule in der Llanelli Road gekommen, ein dünner, für sein Alter etwas zu kleiner Zehnjähriger – kein ebenbürtiger Gegner für die rauen Jungs aus dem Hafenviertel. Jedes Mal, wenn sie dieses Kirchenlied sangen, verfluchte Evan Evans seine Eltern, weil sie ihm so einen bescheuerten Namen gegeben hatten. Jetzt war er ein erwachsener Mann, beliebt und geachtet, der, wenn es darauf ankam, auch seine Fäuste ziemlich gut einzusetzen wusste. Doch dieses Kirchenlied hatte noch immer die Macht, ihm Unbehagen zu bereiten. Jetzt konnte er ihre Sticheleien förmlich hören. Hinter ihm tuschelte jemand. Jeden Moment würde ihn einer in die Rippen stoßen und zischeln: »Na, und was für ein Brot, kleiner Evan?«

Schließlich konnte er dem Drang, sich umzudrehen, nicht mehr widerstehen. Er warf einen Blick über die Schulter und sah am Seiteneingang zwei Männer stehen. Einer von ihnen war der alte Charlie Hopkins, der Kirchendiener, und er zeigte direkt auf Evan. Der andere Mann kam Evan bekannt vor, aber er konnte ihn nicht gleich einordnen. Er war mittleren Alters, schien aber gut in Form zu sein. Sein Gesicht war sonnengebräunt, aber das an den Schläfen bereits ergraute Haar, das zurückgekämmt war, um eine kahle Stelle zu verbergen, verriet sein wahres Alter. Er trug einen weiten Norwegerpullover mit Rollkragen und Cordhosen. Während Evan ihn noch überrascht anstarrte, machte ihm Charlie Hopkins aufgeregt Zeichen, zu ihnen zu kommen.

Evan schaute sich um und schlich auf Zehenspitzen zur Tür. Charlie Hopkins packte ihn am Arm und flüsterte ihm ins Ohr: »Erst waren sie da, dann weg, und jetzt haben sie’s wieder gemacht, Constable Evans.«

Evan trat ins sommerliche Zwielicht hinaus. Hier, zwischen den hohen Gipfeln, ging die Sonne früh unter. »Was gemacht? Was ist los?«, fragte er und sah hilfesuchend zu dem Fremden, der neben Mr Hopkins stand.

»Einer von diesen Bergsteigern, das ist los«, erklärte Mr Hopkins. »Hängt wieder am Yr Wyddfa fest.« Er nannte den Berg, den die Engländer als Snowdon bezeichneten, bei seinem walisischen Namen, obwohl er Evan wegen des Fremden auf Englisch angesprochen hatte.

»Nicht schon wieder!«, rief Evan und verdrehte verzweifelt die Augen. »Wie lange ist es her, dass wir mal einen Sonntag ohne Rettungsruf hatten, na, Charlie? Was ist denn diesmal passiert?« Fragend schaute er auf den Fremden, noch immer in dem Versuch herauszufinden, wer dieser war.

»Das ist Constable Evans, Major«, sagte Charlie. »Er leitet unseren kleinen Rettungstrupp und ist ein richtiger Bergexperte.«

»Wirklich?« Der Mann hätte nicht weniger beeindruckt klingen können.

»Du kennst Major Anderson, nicht wahr, Evan, mein Junge?«, fragte Charlie. »Er ist der Hotelmanager vom Everest Inn im Tal oben. Du weißt doch, wovon ich spreche?«

Evan warf dem Major ein freundliches Grinsen zu. »Dürfte schwerfallen, diesen Ort nicht zu kennen, oder? Füllt doch das halbe Tal aus.« Er selbst hielt das Hotel für eines der scheußlichsten Gebäude, das er je gesehen hatte, und konnte nicht begreifen, wie jemand auf die Idee gekommen war, mitten in Wales ein Schweizer Chalet zu errichten. Das Hotel war erst in der letzten Saison eröffnet worden, kurz bevor Evan selbst nach Llanfair gekommen war, und seine Gäste hatten den Rettungstrupp des Dorfs seither in Atem gehalten.

Aber Evan behielt seine Ansichten für sich. Er streckte seine große Hand aus. »Wie geht es Ihnen, Major Anderson? Natürlich, wir haben uns schon einmal getroffen. Also mal wieder ein Wanderer in Bergnot? Warum bringen Sie diesen Leuten das Klettern nicht erst bei, bevor Sie sie auf die Berge loslassen?« Er hatte das als gutmütige Neckerei gemeint, aber jetzt sah er, wie das Lächeln aus dem Gesicht des Majors verschwand.

»Ziemlich besorgniserregend, was?«, bemerkte Major Anderson mit kehliger englischer Upperclass-Stimme. »Diese Bürschchen behaupten immer, sie könnten es. Ziehen mit der besten Ausrüstung los, unterschätzen aber immer unsere walisische Bergwelt.«

Evan gelang es, seinen Ärger zu verbergen. Er erinnerte sich jetzt sehr gut an sein letztes Zusammentreffen mit dem Major. Man hatte ihn gerufen, um einen Schmuckdiebstahl zu untersuchen, und der Major hatte sich furchtbar gönnerhaft gebärdet, ihn ständig »mein Bürschchen« genannt und Andeutungen gemacht, dass ein einfacher Dorfpolizist dieser Aufgabe wohl nicht gewachsen sei. Wie die meisten Waliser hatte Evan nicht sonderlich viel übrig für Leute, die herumliefen und sich aufspielten, sich Major nannten, obwohl sie nicht mehr in der Armee waren – oder über die Berge als »unsere walisische Bergwelt« sprachen und dabei vermutlich nicht einen Tropfen walisisches Blut in den Adern hatten.

Evan lächelte den Major verschwörerisch an. »Komisch eigentlich. Es muss eine Menge Leute geben, die unsere Berge für die Alpen halten. Die Leute, die Ihr Hotel gebaut haben, zum Beispiel. Ein Wunder, dass Sie keine kurzen Lederhosen tragen und Ihre Knie zeigen müssen.«

»Ah, genau. Ja. Haha. Sehr komisch«, sagte der Major.

Evan erinnerte sich mit einiger Genugtuung daran, dass der Major ihn an jenem Abend später noch einmal angerufen hatte, um ihm mitzuteilen, dass sich der Diamantring wieder angefunden hatte – im Geheimversteck der betroffenen Dame, in einem ihrer Samtslipper. Entschuldigt hatte er sich nicht.

Mit seiner professionellsten Haltung wandte Evan sich an den Major. »Sie sind also benachrichtigt worden, dass einer Ihrer Bergsteiger in Schwierigkeiten ist?«

»Hängt am Crib Goch. Man hat mich nicht benachrichtigt«, antwortete der Major. »Er ist nur einfach nicht wiedergekommen, das ist alles. Ist heute nach dem Frühstück aufgebrochen, und seitdem hat ihn keiner mehr gesehen.«

Evan schaute zu den dunklen Umrissen der Hügelkette des Snowdon hinauf, die sich jetzt vor einem silbernen, mit rosa Wölkchen durchsetzten Himmel abzeichnete. In den Schluchten hingen Wolkenfetzen wie Schafwolle in einem Netz.

»Es ist noch nicht ganz dunkel«, sagte er. »Geben Sie ihm noch etwas Zeit. Wahrscheinlich hat er sich am Sonnenuntergang erfreut, schließlich war es ein wunderbarer Tag. Heute früh bin ich selbst da oben gewesen. Wussten Sie, dass es dort ein Nest von Roten Milanen gibt, mit Jungen drin? Das ist doch eine gute Nachricht, ich habe schon jahrelang keinen mehr gesehen.«

»Ja, genau«, unterbrach ihn Major Anderson. »Aber kommen Sie bitte zum Thema zurück, Constable. Ich wäre nicht zu Ihnen gekommen, wenn ich mir keine Sorgen machen würde.«

»Und er hatte ganz bestimmt vor, heute Abend wieder zurückzukommen?«

»Ja, ganz sicher«, sagte Major Anderson. »Dem Personal hat er gesagt, er sei zum Abendessen zurück.«

»Und Sie glauben, dass er klettern gehen wollte, nicht nur wandern?«

Major Anderson sog geräuschvoll Luft durch die Zähne, während er überlegte. »Das kann ich nicht genau sagen«, räumte er ein. »Er hat nach dem einfachsten Weg auf den Snowdon gefragt und gesagt, dass er dort oben einen Freund treffen wolle. Aber er hat ziemlich anständige Schuhe angehabt, und einen Rucksack hatte er auch. Also wollte er vielleicht mit seinem Freund dort oben doch ein bisschen klettern gehen.«

»Da haben Sie’s«, sagte Evan. »Er hat den Freund getroffen, und sie haben beschlossen, zusammen einen anderen Rückweg zu nehmen. Wahrscheinlich sind sie mit der Zahnradbahn runter nach Llanberis gefahren. Dort trinken sie jetzt vermutlich einen, und der Freund bringt ihn später mit dem Auto wieder her.«

»Aber er hat gesagt, er werde hier zu Abend essen«, erwiderte Major Anderson geduldig, als sei Evan ein begriffsstutziger Zweijähriger. »Und er weiß, dass es pünktlich um sieben Abendessen gibt. Er hätte ja auch noch Zeit zum Umziehen gebraucht, wir haben im Speisesaal eine strenge Kleiderordnung.«

»Vielleicht hat er seine Meinung geändert«, schlug Evan vor. »Es ist nämlich durchaus gestattet, seine Meinung zu ändern.« Er blickte zu Charlie und zwinkerte ihm zu. »Wir sind hier schließlich nicht bei der Armee.«

Das Gesicht des Majors zuckte missbilligend. »Offensichtlich teilen Sie meine Besorgnis nicht, Constable. Ich muss an mein Hotel denken. Leute, die auf dem Berg festsitzen, sind eine schlechte Werbung für uns. Rettungsaktionen sind doch immer ein gefundenes Fressen für die Fernsehnachrichten.

Wenn er dort oben festsitzt, möchte ich, dass man ihn sofort runterholt.«

»Jetzt hören Sie mir mal zu«, sagte Evan und legte dem Major beruhigend die Hand auf die Schulter. »Wenn dieser Herr den Pig Track oder den Miners’ Track direkt auf den Gipfel vom Snowdon genommen hat, ist er auf einer viel begangenen Strecke unterwegs gewesen. Wenn er sich dort verletzt hätte oder in Schwierigkeiten geraten wäre, dann hätten wir etwas davon gehört. Außerdem gibt es auf dieser Strecke keine Stelle, an der man hängen bleiben könnte. Das ist die reinste Autobahn. Mit genauso viel Verkehr.«

Er musste plötzlich an seine frühe Kindheit denken, die er in diesen Bergen verbracht hatte, und an die glücklichen Tage mit seinem Großvater dort oben. Damals war es ihm so vorgekommen, als ob es nur sie beide gäbe, allein auf dem Dach der Welt, manchmal in den Wolken, manchmal über ihnen, Adler beobachtend, die unter ihnen dahinglitten.

Heutzutage war es schwer, ein Plätzchen zu finden, an dem man für sich war – selbst für jemanden wie Evan, der diese Berge wie seine Westentasche kannte. Unzählige Male hatte er gerastet und war in Gedanken versunken gewesen, und dann hatten Gelächter und laute Stimmen auf dem Pfad unter ihm die Ankunft einer weiteren Touristengruppe angekündigt. Sie schwankten den Weg herauf, häufig in unpassender Kleidung – Shorts und T-Shirts –, hatten keine Schlechtwetterausrüstung für den Fall eines Wetterumschwungs dabei, trugen Sandalen oder gewöhnliche Straßenschuhe und filmten sich im Gehen. Für sie war alles nur ein Heidenspaß. Es kam ihnen gar nicht in den Sinn, dass ein Gewitter losbrechen und Sturmböen sie vom Pfad fegen, dass Wolken aufziehen und ihnen den Rückweg abschneiden könnten – und dass eine Nacht in den Bergen ihr Ende bedeuten könnte.

»Geben Sie ihm Zeit bis morgen früh«, sagte er und kehrte wieder zum gegenwärtigen Problem zurück. »Ich kann meine Jungs nicht wegen jedem Bergsteiger, der sich verspätet, ihren Gottesdienst verpassen lassen. Höchstwahrscheinlich werden Sie bis zum Morgen etwas von ihm gehört haben. Ich wette, Ihr Junge taucht verspätet zum Abendessen auf oder ruft Sie aus Llanberis an. Und wenn er wirklich über Nacht da oben festsitzt – nun, es wird nicht allzu kalt, und er könnte es auf jeden Fall bis zur Imbissbude an der Bergbahn schaffen und dort Unterschlupf suchen. Das wird ihm vielleicht eine Lehre sein, unsere walisischen Berge künftig etwas ernster zu nehmen.«

Er lächelte den Major an. »Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen wollen, ich muss in die Kapelle zurück. Ich will die Predigt von Reverend Parry Davies nicht versäumen. Sie haben doch von ihm gehört? Er ist ein berühmter Redner. Nimmt jedes Jahr an den walisischen Bardenwettbewerben beim Eisteddfod teil und gewinnt Preise. Er hält außerordentlich eindringliche Predigten – beschwört Hölle und Verdammnis. Man kann den Schwefel förmlich riechen. Reverend Powell-Jones musste bei sich drüben Doppelfenster einbauen lassen.«

Sein Blick glitt über die Straße zur Beulah-Kapelle, wo Reverend Powell-Jones seinen eigenen Abendgottesdienst hielt. Er machte seinen Mangel an Ausdruckskraft gegenüber Parry Davies dadurch wett, dass er seine Predigten zuerst auf Walisisch und danach noch einmal auf Englisch hielt. Weil das weit über eine Stunde in Anspruch nahm, war seine Gemeinde erheblich kleiner als die von Bethel – und bestand überwiegend aus alten Frauen, die mit der walisischen Sprache groß geworden und glühende Nationalistinnen waren. Darüber hinaus verfügte Bethel über einen weiteren unschlagbaren Vorteil: Ein kleiner Pfad auf der Rückseite der Kapelle führte direkt zur Hintertür des Red Dragon.

Obwohl es den Pubs in Wales inzwischen offiziell erlaubt war, auch sonntags zu öffnen, war Llanfair eine dieser letzten Bastionen religiöser Rechtschaffenheit, in denen man sonntägliches Trinken nach wie vor missbilligte, weshalb die Vordertür an diesem Tag für Fremde geschlossen blieb. Die Hintertür dagegen stand für die Stammgäste offen, und aus diesem Grund zogen es die meisten Männer von Llanfair vor, den Abendgottesdienst von Bethel zu besuchen.

»Verstehe ich Sie richtig, dass Sie jegliche Rettungsmaßnahme verweigern?«, ereiferte sich der Major. »Darüber werde ich ein ernstes Wörtchen mit Ihren Vorgesetzten reden.«

»Wenn ich erfahre, dass jemand in Not geraten ist, werde ich natürlich helfen, Major«, erklärte Evan. »Alle Männer aus dem Dorf werden das tun. Aber wir sind Freiwillige, wie Sie wissen. Wir können nicht sämtliche Berge nach jemandem absuchen, der in der Zwischenzeit vielleicht gar nicht mehr dort ist. Es wird bald dunkel, und ich will nicht das Risiko eingehen, dass einer meiner Leute abstürzt. Schauen Sie, warum rufen Sie mich nicht einfach morgen früh an, wenn er nicht aufgetaucht ist. Jetzt dagegen rufen Gott und Mr Parry Davies, wenn Sie nichts dagegen haben.«

Der Major marschierte davon und murmelte dabei vor sich hin: »Einfach absurd. Vollkommen unbrauchbar. Dorftrottel, alle miteinander …«

Charlie Hopkins wandte sich mit einem bedauernden Schulterzucken an Evan. »Meinst du nicht, dass wir doch hätten gehen sollen, Evan bach? Der ist genau der Typ, der gern Schwierigkeiten macht. Ist mit ganz hohen Tieren befreundet.«

Evan schaute dem schwindenden Major missmutig nach.

»Wenn er Freunde an den richtigen hohen Stellen hätte«, sagte er und deutete auf die Bergsilhouette, »dann könnten die nach seinem vermissten Bergsteiger gut selbst suchen und uns zum Kuckuck noch mal in Ruhe lassen.«

Charlie Hopkins kicherte, und widerstrebend fiel Evan in das Lachen ein. »Tut mir leid, Charlie, aber dieser Mann bringt mich auf die Palme. Bellt Befehle, als sei er noch beim Militär. Schließlich sind wir nur Freiwillige. Keiner gibt uns was dafür, dass wir durchs Gebirge latschen, unsere Schuhe ruinieren und den Gottesdienst verpassen.«

Mr Hopkins gab Evan einen Rippenstoß. »Dann will ich Sie mal nicht länger aufhalten, Constable«, sagte er. »Sie werden für den Rest der Predigt sicher wieder rein wollen.«

Er zwinkerte Evan zu.

»Nach Ihnen, Mr Hopkins«, sagte Evan und schubste ihn Richtung Tür. »Du bist doch der Kirchendiener und musst die Gesangbücher wieder einsammeln.«

Mr Hopkins schaute auf die Kapellentür und ließ seinen Blick dann die Straße hinunter zum Schild des Red Dragon wandern, das im Abendwind schaukelte.

»Die wissen alle, wo die Gesangbücher hingehören«, sagte er. »Außerdem klingt es so, als würde sich der Reverend heute Abend kurzfassen. Er muss genauso einen Durst haben wie wir. Ist doch Quatsch, nur für das letzte Lied noch mal reinzugehen. Wir könnten stattdessen gut eine Tür weiter schon mal unsere Bestellung aufgeben.« Er stieß Evan erneut in die Rippen. »Gibt dir außerdem Gelegenheit, im Pub eine Weile mit Du-weißt-schon-wem allein zu sein.«

Sein schmaler Körper bebte vor unterdrücktem Lachen. Evan seufzte. Seit er vor einem Jahr hierhergekommen war, hatte das gesamte Dorf versucht, sich als Ehestifter zu betätigen. Und Betsy, die Bedienung im Red Dragon, machte keinen Hehl daraus, dass sie für Evan schwärmte.

»Hör doch auf, Charlie«, sagte er verlegen und wurde rot. »Betsy ist ein nettes Mädchen, aber eben nicht mein Typ.«

»Dir könnte Schlimmeres passieren, mein Junge«, gluckste Charlie. »Ich habe gehört, dass sie bereit und willens ist, und Grips hat sie auch.«

»Das ist ja das Problem, Charlie«, erwiderte Evan grinsend. »Sie ist zu bereit und willens. Wenn ich nur Hallo sage, nimmt sie das als Ermunterung. Die ganze Zeit drängelt sie, dass ich sie zum Tanzen nach Caernarfon ausführe.«

»Und was ist daran verkehrt?«, fragte Charlie.

Evan schüttelte den Kopf. »Du hast mich noch nie tanzen sehen«, erklärte er. »Man sagt, ich sähe dabei aus wie ein Tintenfisch im Todeskampf. Außerdem bin ich einfach noch nicht so weit, mich jetzt schon zu binden. Ich bin doch gerade erst angekommen.«

Er stand mit dem Rücken zur Straße und hatte niemanden kommen hören, weshalb er zusammenfuhr, als eine sanfte Stimme sagte: »Guten Abend, Constable Evans. Heute nicht im Gottesdienst, wie ich sehe?«

Evan drehte sich um und erblickte eine schlanke junge Frau, die ihn anlächelte. Sie trug Khakihosen und eine Leinenbluse. Um die Schultern hatte sie einen dunkelgrünen Pullover geschlungen, der das Grün ihrer Augen betonte. Wie immer in ihrer Gegenwart fühlte sich Evan leicht sprachlos.

»Guten Abend, Bronwen Price«, stammelte er. »Wie ich sehe, sind Sie auch nicht in der Kirche.«

Bronwen betrachtete Evans Jackett und Krawatte und überlegte, dass er wohl vorgehabt haben musste, in den Gottesdienst zu gehen. Er gehörte nicht zu den Menschen, die ein Jackett trugen, wenn sie nicht mussten. Gewöhnlich war er eher der Alte-Jeans-und-Pulli-Typ. Ohne Uniform sah er ziemlich gut aus, dachte sie. Sie mochte es, wie ihm sein dunkles Haar jungenhaft in die Stirn fiel, wenn er seine Polizeimütze nicht trug.

»Ich komme gerade von einer Tagestour zurück«, sagte sie.

»Wussten Sie, dass es da oben ein Nest von Roten Milanen gibt? Ist das nicht eine wunderbare Nachricht?«

»Oberhalb vom Llyn Llydaw? Habe ich auch gesehen«, antwortete Evan, und seine Miene hellte sich auf.

Bronwen wirkte überrascht. »Wann sind Sie denn dort gewesen?«

»Heute früh.«

»Wirklich? Schade, dass wir uns verpasst haben.«

»Sehr schade«, sagte Evan gefühlvoll. Dann wurde ihm plötzlich wieder bewusst, dass Charlie Hopkins neben ihnen stand, und er stammelte: »Zwei Junge im Nest, richtig?«

Charlie schaute von Evan auf Bronwen. »Ich spring dann schon mal schnell zum Red Dragon rüber«, verkündete er. »Und sage, dass ihr kommt.«

Evan sah Bronwen an. »Hätten Sie Lust, etwas zu trinken?«

»An einem Sonntag?« Zuerst glaubte Evan, Bronwens schockierter Ton sei echt, doch dann sah er den Schalk in ihren Augen. »Was würden denn da meine Schüler sagen, wenn sie ihre Lehrerin am Sonntagabend in einen Pub gehen sähen?«

»Ich dachte nur, vom Wandern müssten Sie einen ordentlichen Durst haben«, sagte Evan.

»Sie haben recht, den habe ich auch«, bestätigte Bronwen lächelnd.

»Dann ist das ja eine rein medizinische Maßnahme«, erklärte Evan. »Es ist eine allgemein bekannte Tatsache, dass man seinen Flüssigkeitsspeicher nach anstrengenden Tätigkeiten wieder auffüllen muss – außerdem gehen wir hinten herum über den kleinen Pfad. Kein Mensch wird Sie sehen.«

Bronwen lachte. »In diesem Dorf gibt es nichts, was sie nicht sehen oder wissen, aber ich komme mit und leiste Ihnen Gesellschaft, wenn Sie möchten. Auch wenn ich nichts davon halte, den Gottesdienst zu schwänzen.«

»Sie sollten wissen, dass ich dienstlich herausgerufen worden bin«, sagte Evan. »Wieder ein verirrter Bergsteiger.« Er trat zur Seite, um Bronwen auf dem kleinen Pfad vorangehen zu lassen.

»Nicht schon wieder«, sagte Bronwen über die Schulter. »Man sollte sie eine Prüfung ablegen lassen, bevor man sie auf die Berge loslässt.«

»Das wäre eine gute Idee«, bestätigte Evan.

»Wie ich sehe, haben Sie es nicht eilig damit, ihn suchen zu gehen«, bemerkte Bronwen.

»Wenn ich jedes Mal losliefe, um einen Bergsteiger zu finden, der eine halbe Stunde zu spät zum Abendessen kommt, könnte ich meinen Beruf vergessen und gleich in den Bergen mein Zeltlager aufschlagen«, sagte Evan. »Wir erfahren es noch früh genug, wenn er wirklich in Schwierigkeiten ist. Es ist noch nicht mal dunkel.«

Vor dem Pub blieb er kurz stehen und schaute bewundernd zu den scharfen, dunklen Umrissen der Berge hinauf; der Himmel war jetzt klar und rosarot gefärbt. »Wird wieder ein herrlicher Tag morgen«, bemerkte er und geleitete Bronwen durch die Hintertür des Red Dragon.

2. Kapitel

Oben auf dem Berg ging die Sonne unter und tauchte dessen Abhänge in tiefe Schatten, so dass es schwierig war zu erkennen, was da zwischen den Steinen lag. Ein scharfer Wind kam auf, fuhr heulend durch die Felsspalten und übertönte einen Schrei, den niemand hörte.

Als Charlie Hopkins den Pub betrat, schaute ihm Betsy, die Bedienung, erwartungsvoll entgegen.

»Guten Abend, Mr Hopkins«, sagte sie. »Erzählen Sie mir nicht, dass Sie heute der Einzige sind, der etwas trinken will.« Charlie blickte zur Tür zurück. »Der Gottesdienst ist noch nicht aus, Betsy bach. Constable Evans und ich sind wegen eines Notrufs rausgerufen worden, das verschafft uns einen Vorsprung.«

»Kommt Constable Evans denn nicht?«, fragte sie, und die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Doch, doch, der kommt schon noch. Lässt sich aber Zeit. Er ist abgefangen worden«, erwiderte Charlie mit verschmitztem Blick.

»Sie meinen, er ist mit jemandem zusammen?«, wollte Betsy wissen. »Doch nicht mit dieser Bronwen Price?«

»Meine Lippen sind versiegelt«, erklärte Charlie. »Machen Sie mir bitte eine Halbe vom besten Bitter, meine Liebe.«

Betsy zapfte das Bier, als drehe sie einem Hühnchen den Hals um.

»Diese verdammte Bronwen Price. Erzählen Sie mir bloß nicht, er findet was an der. Was soll’s denn unter all diesen Klamotten, die sie so trägt, zu sehen geben? Die meisten Männer wollen doch, dass eine Frau wie eine Frau aussieht, was, Charlie?«

Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, zog sie ihren tief ausgeschnittenen Angorapulli herunter.

Charlie verkniff sich die Bemerkung, dass Bronwen heute Abend nicht einen ihrer weiten Röcke trug und in ihrer Wanderkluft richtig rank und schlank aussah.

»Wahrscheinlich ist er einfach nur freundlich zu ihr«, sagte Betsy zur Selbstberuhigung, während sie das volle Glas vor Charlie stellte. »Er ist ein außerordentlich freundlicher Mensch, das meinen Sie doch auch, Mr Hopkins?«

»Außerordentlich freundlich«, bestätigte Charlie. Er fand, dass Evan und Bronwen schrecklich viel Zeit für die paar Meter brauchten.

Betsys Augen wurden größer, als sich die Tür öffnete und Evans Stimme zu hören war. Noch einmal zog sie ihren Pullover glatt. Sollte diese Bronwen Price ruhig ihr Bestes versuchen – armseliges Exemplar von Frau, das sie war. Keine nennenswerten Kurven, und geschminkt war sie auch nicht. Was konnte sie einem Mann in kalten Winternächten schon bieten?

Betsy beobachtete, wie Evan hereinkam und Bronwen am Tresen vorbei in den hinteren Teil des Pubs führte. Obwohl es kein geschriebenes Gesetz war, wurde doch allgemein akzeptiert, dass Frauen nicht zu den Männern an den Tresen gehörten. Eine Frau, die sich dieser Tradition widersetzte, musste einigen Mut haben. Verärgert sah Betsy zu, wie Evan einen Stuhl für Bronwen zurechtrückte und sie ihn anlächelte. Er zog das Jackett aus und hängte es über seine Rückenlehne. Betsys Blick verweilte anerkennend auf seinem breiten Rücken. Sie mochte die Männer gut gebaut und stellte sich vor, wie sie eines Tages dieses weiße Hemd aufknöpfen und mit ihren Händen über die starken Schultern streichen würde. Als er zum Tresen herüberkam, senkte sie den Blick und tat so, als sei sie beschäftigt.

»’n Abend, Betsy«, sagte er. »Ich hätte gern eine Halbe Guinness für mich und«, er senkte die Stimme und schaute sich um, ob jemand in Hörweite war, »ein Perrier für die Dame.«

»Ein Perrier?« Betsy rümpfte die Nase und starrte Bronwen an. Sie ging zum Kühlschrank und nahm die Flasche mit spitzen Fingern heraus. »Reine Geldverschwendung, wenn du mich fragst«, erklärte sie. »Könnte man genauso gut hingehen und sich ein Glas aus der Leitung holen.«

Evan unterdrückte ein Lächeln. Aus Erfahrung wusste er, dass sie jedes Lächeln als Ermunterung auffasste, und vor Bronwen wollte er sie ganz bestimmt nicht ermuntern.

Das Guinness für Evan zapfte sie so voll, dass es überlief.

»Ich mag Männer mit gesundem Appetit«, fügte sie hinzu und leckte sich mit der Zunge über die vollen Lippen. Evan spürte, wie er errötete.

»Danke, Betsy«, sagte er, kramte Geld aus der Hosentasche und legte es auf den Tresen.

»Wenn du später frei bist«, sagte sie mit leiser Stimme, während er die Gläser nahm, »habe ich da diesen interessanten Film aus der Videothek in Caernarfon. Ein italienischer – alles über das Dolce Vita in Rom. Ich verstehe zwar kein Wort von dem, was sie sagen, aber das muss man ja auch nicht unbedingt.«

Evan suchte nach einer Antwort, aber sein Kopf war wie leer gefegt. Er strengte sich mächtig an, seinen Blick nicht auf Betsys Dekolleté wandern zu lassen. Sie presste sich beim Sprechen gegen den Tresen, was ihren Ausschnitt noch tiefer rutschen ließ, und er wusste, dass sie das mit voller Absicht tat. Er ertappte sich dabei, dass er sich kurz überlegte, wie es wohl wäre, wenn …

»Kommst du also später rüber?«, fragte sie noch einmal. »Sonntags kann ich immer früh hier raus, sieht ja so aus, als kämen nur die Stammgäste.«

»Kann heute leider nicht, meine Liebe«, sagte er. »Wir hatten eine Meldung wegen eines vermissten Bergsteigers. Ich muss in der Nähe des Telefons bleiben.«

Nach diesen Worten brachte er eilig das Bier und das Perrier an den Tisch, bevor Betsy mit weiteren interessanten Vorschlägen kommen konnte.

»Entschuldigung«, sagte er und stellte Bronwen das Mineralwasser hin.

»Schon in Ordnung«, erwiderte Bronwen höflich. »Ich habe gesehen, dass Sie … anderweitig beschäftigt waren.« Ihre Augen streiften zur Theke hinüber. »Sie strengt sich wirklich an, nicht wahr?«, fuhr sie fort. »Ich würde ihr eine Eins für ihre Bemühungen geben.«

»Sie meint es gut«, sagte Evan großzügig.

»Da bin ich mir sicher«, entgegnete Bronwen.

»Sie akzeptiert einfach kein Nein als Antwort, das ist das Problem«, erklärte Evan. »Und ich will nicht unhöflich sein …«

»Natürlich nicht«, sagte Bronwen weich.

Evan hatte sich ihr gerade gegenübergesetzt, als die Meute aus der Kapelle lautstark palavernd hereinkam.

»Um was ging’s denn da vorhin, Constable Evans?«, fragte einer der Männer. »War das der Major, der Sie aus der Kapelle gerufen hat?«

»Ja, Mr Rees. Ein Bergsteiger aus seinem Hotel hatte sich zum Abendessen verspätet, und er wollte, dass wir ihn suchen gehen.«

»Der Mann hat vielleicht Nerven«, brummte ein anderer. »Offenbar denkt jeder, wir würden unseren Lebensunterhalt damit verdienen.«

»Und was haben Sie ihm gesagt, Evan bach? Ich hoffe doch sehr, dass er sich fortscheren soll?«

»Ich könnte Ihnen erzählen, was ich ihm gesagt habe, aber es sind Damen anwesend«, sagte Evan und erntete dafür allgemeines Gelächter. »Er war ganz schön platt, als ich ihm erklärt habe, dass ich euch Jungs heute Abend nicht rausrufen und durch die Berge scheuchen würde, um seinen Bergsteiger zu suchen.«

»Genau richtig, Evan bach«, pflichtete ihm einer der Männer bei. »Nichts als Ärger mit diesem Everest Inn, seit es gebaut wurde.«

Lächelnd drehte sich Evan zu Bronwen um, und die Männer scharten sich um den Tresen.

»Ich habe das Gefühl, dass Sie diesen Major nicht besonders mögen«, sagte sie.

»Das können Sie ruhig laut sagen«, erwiderte er. »Dieser Mann bringt mich auf die Palme, Bronwen. Er erinnert mich an meinen alten Schuldirektor – der hatte den gleichen Tonfall und hat immer auf mich herabgesehen, weil ich nur ein Stipendiat war.«

Bronwen schaute interessiert auf. »Stipendiat? Wo?«

»Unten in Swansea. An der Swansea Grammar School – kennen Sie die?«, fragte Evan. »Sehr vornehm. Meine Eltern waren so stolz, als ich dort ein Stipendium bekommen habe.«

»Ich habe immer gedacht, Sie seien hier aus der Gegend.«

»Ich bin hier oben geboren worden, aber als ich ein kleiner Junge war, sind wir nach Swansea gezogen. Mein Vater hat dort unten einen Job bekommen, deshalb.«

»Das muss sehr schwer für Sie gewesen sein, in die große Stadt zu ziehen.«

»Es war ziemlich hart. Und dann habe ich ein Stipendium für diese piekfeine Schule bekommen, und das war noch härter. Sie haben sich immer über mich lustig gemacht, weil mein Englisch damals nicht allzu gut gewesen ist und ich etwas zu klein geraten und ziemlich mager war.«

Bronwen lachte. »Sie? Klein und mager? Da haben Sie sich aber verändert.«

Evan lächelte ebenfalls. »Ihre Einstellung hat sich erst gewandelt, als ich anfing zu wachsen und ein ganz brauchbarer Rugbyspieler geworden bin. Bei meinem Schulabschluss war ich doppelt so groß wie der Rektor. Da konnte er nicht mehr auf mich runtersehen, selbst wenn er gewollt hätte.«

»Was hat Ihren Vater dazu gebracht, nach Swansea runter zu gehen?«, fragte Bronwen. »Hat er im Hafen gearbeitet?«

»Er war Bulle«, antwortete Evan. »Sie haben da unten besser gezahlt.«

»Sie treten also in die Fußstapfen Ihres Vaters?« Evans Miene verdüsterte sich. »So in etwa«, sagte er.

»Und warum sind Sie wieder zurückgekommen?«

Er machte eine kleine Pause. »Ich hatte genug von Swansea.« Rasch fügte er hinzu: »Und Sie? Wieso sind Sie hier raufgekommen?«

Sie zuckte die Schultern. »Ich wollte das einfache Leben«, sagte sie. »Zurück zum Eigentlichen. Ich wollte Kinder unterrichten, die noch einen Sinn für Unschuld und fürs Staunen haben. Keine Drogen oder Banden oder Einkaufszentren.«

»Glauben Sie wirklich, dass wir die Welt von einem Ort wie diesem aussperren können?«, fragte er leise.

»Ich hoffe es«, gab sie zurück.

Evan betrachtete seine Hände. »Manchmal habe ich da meine Zweifel.«

Die Tür öffnete sich erneut und ließ einen kalten Luftzug herein, der die Servietten auf den Tischen aufwirbelte.

»Wenn das nicht Fleischer-Evans ist«, sagte der Milchmann vernehmlich. »Ist der Gottesdienst in der Beulah-Kapelle also endlich aus? Wo sind denn die anderen, sind die vielleicht auf ihren Kirchenbänken eingeschlafen?«

Fleischer-Evans bedachte ihn mit einem kalten Blick.

»Nur weil unser Pfarrer ein aufrechter Waliser ist, der es vorzieht, seine Predigt in seiner Muttersprache zu halten, ist das kein Grund, darüber zu spotten. Wenn es hier nur mehr patriotische Männer gäbe, die sich stärker für ihre Sprache als für ihr Bier interessieren würden!«

Milchmann-Evans machte einen Schritt auf ihn zu.

»Willst du damit sagen, ich sei weniger patriotisch als du? Wer hat denn am letzten St. Davids Day vergessen, seinen Lauch zu tragen, hä?«

»Ist es vielleicht meine Schuld, wenn meine Frau das Datum vergisst und meinen Lauch in den Lammeintopf wirft?«, fragte Fleischer-Evans, der inzwischen derart rot angelaufen war, dass sein Gesicht einer riesigen Tomate glich.

»Mein Zweig der Familie kann bis zu Llewellyn dem Großen zurückverfolgt werden, patriotischer geht es ja wohl nicht mehr.«

»Willst du etwa behaupten, ich sei nicht genauso walisisch wie du?«

Evan bemerkte die geballten Fäuste und machte sich bereit, um einzugreifen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sich die beiden Männer im Pub prügelten. Noch während er aufstand, sprang die Tür ein weiteres Mal auf. Ein Junge mit vom Wind geröteten Wangen platzte herein.

»Ist Gesetz-Evans da?«, keuchte er ganz außer Atem vom Rennen und sah sich bei den Männern an der Theke um.

»Sagt ihm, er wird auf dem Berg gebraucht. Man hat eine Leiche gefunden.«

3. Kapitel

Am nächsten Morgen stand Evan neben Sergeant Watkins, einem Kriminalbeamten von der Nordwalisischen Polizei, der aus Caernarfon herbeigerufen worden war. In der vergangenen Nacht hatten sie die Leiche entdeckt, wegen des schwierigen Geländes bis Tagesanbruch aber nichts weiter unternehmen können. Der Wind zerrte an ihren Uniformen, während sie zusammen am Rand eines schmalen, steil abfallenden Felsvorsprungs standen und auf die tief unter ihnen ausgestreckt daliegende Leiche hinabblickten. Selbst aus dieser Höhe konnten sie den schwarzen Fleck auf dem Granit deutlich sehen, wo der Mann lag.

»Grässlicher Unfall«, bemerkte Sergeant Watkins und zog die Luft durch die Zähne. »Aber ich kann nicht verstehen, warum Sie uns gerufen haben, Constable Evans. Wir haben im Präsidium gerade viel zu tun und keine Zeit, Bergunfälle zu untersuchen.«

Evan riss seinen Blick von dem schrecklichen Bild los und sah den Kriminalbeamten an. Der war ein kleiner, schlanker Mann in den Dreißigern mit einem blassen und humorlosen Gesicht, dessen Farblosigkeit durch sein leuchtend rotes Haar und einen rehbraunen Regenmantel noch verstärkt wurde.

»Sie meinen also, es war ein Unfall?«, fragte Evan.

Sergeant Watkins erwiderte scharf: »Natürlich. Was denn sonst? Ein unerfahrener Bergsteiger verliert an einem Felsvorsprung den Halt oder die Nerven, ihm wird schwindlig und er stürzt ab.«

»Entschuldigung, Sarge, aber nicht mal ein verdammter Engländer könnte an dieser Stelle abstürzen«, sagte Evan. »Nachmittags frischt hier der Wind von unten derartig auf, dass man sich fast dagegenlehnen könnte. Und sehen Sie den Winkel des Felsens? Wenn man hier den Halt oder die Nerven verliert, würde man in die Felswand zurückfallen und nicht den Steilhang hinunter.«

»Was ist dann Ihre Ansicht, Constable?«

»Ich behaupte, dass jemand nachgeholfen haben muss.«

»Gestoßen, meinen Sie? Sie wollen mir erzählen, das war Absicht?«

Evan zuckte die Schultern. »Vielleicht auch nur ein Versehen, Sarge. Vielleicht hatte er einen Begleiter, der ausgerutscht ist und ihn versehentlich umgerissen hat – und der dann Angst hatte, sich zu melden und es zu gestehen. So etwas kommt vor, das wissen Sie. Aber wenn man jemanden loswerden wollte, wäre das keine schlechte Methode.«

Sergeant Watkins schaute Evan zweifelnd an und schüttelte dann ungläubig den Kopf.

»Ach kommen Sie, Constable«, sagte er. »Wie viele Leute waren Ihrer Meinung nach gestern hier oben? Da müsste doch jemand etwas gesehen oder gehört haben.«

»Es hätte nur eine Sekunde gedauert – ein kurzer Schubs …«, entgegnete Evan.

Sergeant Watkins schüttelte erneut den Kopf. »Sie haben zu viele Krimis gelesen«, sagte er. Dann wurde sein Ton sanfter. »Sehen Sie, ich kann das ja verstehen. Es muss langweilig sein, in so einem Nest zu hocken und sich mit alten Damen und ihren verschwundenen Katzen zu beschäftigen. Ein netter kleiner Mord würde das ein bisschen aufpeppen, nicht wahr?« Er machte eine Pause und räusperte sich. »Im Präsidium unten suchen wir gerade einen richtigen Mörder. Jemand hat an der A 55 die Leiche eines elfjährigen Mädchens in den Straßengraben geworfen. Sie wurde missbraucht und erwürgt. Ein kleines Mädchen von elf! Ich will den Schweinehund finden, der das getan hat, Constable Evans. Das ist alles, woran ich im Moment denken kann. Deshalb, fürchte ich, habe ich keine Zeit, die ich auf einen Bergsteiger verschwenden könnte, der den Halt verloren hat und einen Steilhang runtergestürzt ist.«

»Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir herausfinden, wer er ist, Sarge«, erwiderte Evan. »Falls er ein vermisster Erbe oder ein Polizeiinformant ist, werden Sie mir dann glauben?«

Dem Sergeant gelang ein Lächeln. »Sehr gut, Constable. Vielleicht wissen wir mehr, wenn wir die Leiche geborgen haben, aber ich bezweifle es. Sie werden sicher kaum den Abdruck einer Hand auf seinem Rücken finden.«

»Jemand könnte etwas gesehen haben«, sagte Evan. »Sie könnten einen Aufruf veröffentlichen, dass sich Leute melden sollen, die etwas Verdächtiges bemerkt haben.«

Sergeant Watkins sah ihn an. »Ich wette, dass Sie es für Ihr Leben gern mit einem Mordfall zu tun hätten, Constable, aber Sie verschwenden Ihre Zeit. Ich habe unseren Fotografen mitgebracht, damit er Aufnahmen macht, und dann müssen wir entscheiden, wie wir den Toten am besten bergen.«

Evan warf einen Blick auf die Leiche, die zwischen zerklüfteten Felsen am Fuße des Steilhangs lag. Darunter fiel das Gelände weiter ab und mündete in einen mörderisch steilen Geröllhang, der sich bis hinunter zum Westufer des Bergsees Glaslyn erstreckte.

»Und das wird nicht so einfach«, fuhr der Sergeant fort. »Möglich, dass ich im Präsidium anrufen und den Chef bitten muss, den Hubschrauber zu entbehren.«

»Meine Jungs schaffen das wahrscheinlich«, sagte Evan.

»Ihre Jungs?«

»Wir haben einen Bergrettungstrupp in unserem Dorf. Alle Männer sind hier groß geworden, als die Schieferminen noch in Betrieb waren. Sie sind es also gewöhnt, Steilhänge zu erklimmen. Sie sind geradezu dafür geboren und kraxeln in diesen Bergen herum, als würden sie übers freie Feld laufen – wenn es sein muss, sogar in ihren besten Sonntagsschuhen.«

»Soso«, sagte Sergeant Watkins und fischte sein Notizbuch aus der Tasche.

Ein Stück weiter vorn an der Felskante ertönte das Knirschen von Stiefeln. Ein junger Polizist kam, munter einen Fotoapparat schwenkend, auf sie zu.

»Hallo, Sarge. Ich habe die Aufnahmen, die Sie wollten.«

»Was meinen Sie damit?«, fragte Sergeant Watkins scharf.

»Von wo haben Sie die denn gemacht?«

»Von dort drüben, über dem Llyn Llydaw, wo man auf die Leiche runtergucken kann. Wollten Sie das nicht so?«

»Über dem Llyn Llydaw? Wovon sprechen Sie überhaupt? Die Leiche befindet sich hier.«

Der junge Polizist lugte über die Kante. »Mein Gott«, stieß er aus. »Dann gibt es zwei!«

Es dauerte eine Viertelstunde, auf den Hauptweg zurückzugelangen und so weit um die Bergzunge herumzulaufen, bis sie den Llyn Llydaw überblicken konnten, den unteren der beiden Seen am Snowdon. Von dessen Gipfel aus schlossen sich die Bergrücken hufeisenförmig fast vollständig um die zwei Seen; an einer Stelle jedoch schob sich eine Art Vorsprung dazwischen, der den Glaslyn, den oberen der beiden Seen, vom unteren trennte. Der Grat dieses Vorsprungs war messerscharf, und seine Felswände waren gnadenlos steil.

»Dort unten«, sagte der Polizeifotograf. »Er muss über die Gratkante gestürzt sein. Abschüssig genug ist es ja, und tückische Windböen gibt’s auch. Es hat mir fast den Apparat aus den Händen gerissen, als ich versucht habe, die Aufnahmen zu machen. Ich hoffe, Sie wollen nicht, dass ich zu ihm runtergehe – ich bin kein Freund von großer Höhe.«

Auch der zweite Mann lag bäuchlings am Fuß einer Steilwand, die Arme ausgestreckt, als habe er verzweifelt versucht, seinen Fall zu stoppen.

»Ein Wunder, dass wir keine Meldung von jemandem haben, der gesehen hat, wie das passiert ist«, fuhr der junge Fotograf fort. »Gestern war herrliches Wetter, es muss in den Bergen von Wanderern und Touristen doch nur so gewimmelt haben.«

»Das ist keine der Hauptrouten auf den Berg«, bemerkte Evan, der noch immer hinuntersah. Sollte einer dieser beiden Männer der Bergsteiger sein, der im Everest Inn vermisst wurde, dann hatten sie nicht den schnellsten Aufstieg zum Gipfel genommen. »Der einzige richtige Pfad ist der, den wir gerade den Kamm entlang genommen haben. Er führt über den Gipfel des Lliwedd und dann ins Tal runter.«

»Vielleicht war er auf dem Gipfel und hat versucht, den Abstieg abzukürzen«, schlug der Fotograf vor.

»Abkürzen, hier runter?« Sergeant Watkins beäugte die steile Felswand unter sich. »Dann muss er ganz schön blöd gewesen sein, es sei denn, er hätte ein bisschen klettern wollen.« Evan schüttelte den Kopf. »Er war kein Kletterer. Schauen Sie sich seine Füße an, er hat ganz normale Joggingschuhe an. Damit hätte er nie zu klettern versucht. Wahrscheinlich ist er mit der Zahnradbahn raufgekommen. Außerdem hat er kein Seil bei sich.«

»Vielleicht hatte er sich in den Kopf gesetzt, es einfach mal zu probieren, auch ohne Ausrüstung«, bot Sergeant Watkins an. »Die Leute tun ständig die idiotischsten Dinge. Sie sehen was im Fernsehen, und dort wirkt es ganz einfach. Er hat versucht, diese Wand hochzuklettern, konnte sich nicht mehr halten und ist abgestürzt.«

Evan schüttelte wieder den Kopf. »Er ist vorwärts gefallen, Sarge. Wenn er versucht hätte raufzuklettern, wäre er auf dem Rücken gelandet.«

»Wie auch immer, es war Pech«, entschied Sergeant Watkins. Er war schon im Gehen. »Haben Sie genügend Aufnahmen gemacht, Dawson? Gut, dann lassen Sie uns zurückgehen und dem Präsidium durchgeben, dass man sie bergen soll.«

Evan schloss zu ihm auf. »Denken Sie immer noch, es sei Zufall, Sarge?«, fragte er. »Zwei Männer, die an einem Nachmittag am selben Berg abstürzen?«

Sergeant Watkins sah stur geradeaus. »Ja, ich glaube, dass es sich um eine Verkettung unglücklicher Umstände handelt, Constable Evans«, entgegnete er. »Wenn nicht, was wäre die Alternative? Glauben Sie, dass hier ein Verrückter rumläuft, der Leute von den Bergen schubst?«

Constable Dawson drängte sich zwischen sie. »Meinen Sie, es könnte Vorsatz im Spiel sein?«

»Constable Evans glaubt es«, sagte Sergeant Watkins. »Er führt hier oben zwischen all den Schafen aber auch ein einsames Leben und ist einfach scharf auf ein bisschen Aufregung.«

»Ganz bestimmt nicht, Sarge«, erwiderte Evan ruhig. »Ich hatte jede Menge Aufregung, als ich in Swansea zur Kriminalausbildung war. Da hatten wir eines Nachts einen Mord im Hafen.«

»Sie waren zur Kriminalausbildung unten in Swansea?«, fragte Constable Dawson mit Neid in der Stimme. »Und was um alles in der Welt hat Sie dazu getrieben, das aufzugeben und hierherzukommen?«

»Man kann von einer guten Sache auch zu viel bekommen«, sagte Evan. »Sagen wir einfach, ich habe einen Mord zu viel gesehen.«

»Das kann ich verstehen«, bemerkte Sergeant Watkins. »Nehmen wir nur den Fall dieser Kleinen. Ich glaube, ich werde niemals das Bild vergessen, wie wir sie da in dem Straßengraben gefunden haben. Dieses kleine Gesicht werde ich mein ganzes Leben nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Zuerst hat sie ausgesehen, als ob sie schliefe – genau wie unsere kleine Tiffany.«

Ihm versagte die Stimme, und er hielt sich die Hand vor den Mund und hustete, als sei es ihm peinlich, so viel Gefühl zu zeigen. Evan begann, ihn etwas freundlicher zu betrachten.

»Haben Sie schon irgendwelche Spuren, Sarge?«, fragte er.

»Eine scheint ganz vielversprechend zu sein. Wir haben herausgefunden, dass ein verurteilter Kinderschänder namens Lou Walters vorzeitig aus dem Gefängnis von Pentonville entlassen worden ist, seine Mutter lebt in Caernarfon. Haben Sie schon von dieser neuesten Verrücktheit gehört, die ihnen jetzt eingefallen ist? Sie haben stillschweigend Leute vorzeitig aus dem Knast entlassen, um der Überbelegung zu begegnen, und niemanden darüber informiert. Der Innenminister ist fuchsteufelswild. Da werden Köpfe rollen, das prophezeie ich Ihnen, aber jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen.«

»Ist es Ihnen gelungen, diesen Kerl aufzuspüren?«, fragte Evan.

»Nein, aber wir beobachten das Haus seiner Mutter. Früher oder später wird er dort auftauchen. Außerdem schicken wir eine Personenbeschreibung an alle kleinen Polizeireviere, damit sie dort die Augen offen halten.«

»Ich hoffe, Sie schnappen ihn, bevor er noch weiteren Kindern etwas antut«, sagte Evan.

»Ich auch«, erwiderte Sergeant Watkins.

»Und was unternehmen wir wegen dieser beiden hier?«, wollte Evan wissen.

Sergeant Watkins schaute zurück. »Raufholen und die nächsten Angehörigen benachrichtigen. Das ist wohl alles, was wir tun können.«

»Dann sollten wir uns besser beeilen, bevor das Wetter umschlägt«, sagte Evan. Er ließ seinen Blick über die Hügel bis zum Meer schweifen. Es schien zwar noch die Sonne, aber der Horizont war inzwischen eine harte Linie. Das bedeutete baldigen Regen.

»Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Leute die Leichen zu einer Stelle bringen, wo sie ein Hubschrauber aufnehmen kann«, meinte Sergeant Watkins. »Wir können die Toten ja schlecht zusammen mit den Touristen in der Bergbahn nach unten befördern.« Er legte Evan eine Hand auf die Schulter. »Vielleicht sollten Sie zu dem Hotel gehen, das den vermissten Bergsteiger gemeldet hat, und herausbekommen, wer er ist. Und bringen Sie den Hotelmanager runter ins Präsidium, damit er ihn zweifelsfrei identifiziert.«

»Darüber wird er nicht sonderlich erfreut sein«, sagte Evan grinsend.

»Schwieriger Kerl, wie?«, fragte Sergeant Watkins mit der Andeutung eines Lächelns.

»Könnte man sagen. Er tut gerade so, als würden die Berge ihm gehören«, erwiderte Evan.

»Und wissen Sie was, Constable«, sagte der Kriminalbeamte. »Wenn wir sie unten haben und rausfinden, dass beide die vermissten Erben desselben Vermögens sind, dann werden wir die Sache weiter verfolgen, okay?«

»Na schön, Sarge«, sagte Evan.

Es musste eine Verbindung geben, dachte er. Und irgendwie war er entschlossen, sie zu finden.