KAPITEL 1
London, Ende Mai 1810
Daphne Burke hatte schon sehr lange niemanden mehr einen Idioten genannt.
Zumindest nicht laut.
Aber an dem Tag, an dem Eileen ihrem Gefängnis entkam – dem Korb, in dem Daphnes jüngere Schwester Bellis die geschmeidige weiße Katze wie ein lebendes Modeaccessoire durch die Bond Street trug – brach Daphne ihr Schweigen.
„Ladys sprechen keine Beleidigungen aus!“ Bellis besaß die Frechheit, mit einer perfekten Imitation der Worte ihrer einzigen Gouvernante zu kontern.
Augenrollend trat Daphne um ihre Schwester herum und folgte der Katze in Porter’s Buchhandlung. „Dann steht es wohl fest: Ich bin keine Lady.“
Porter’s war auf Altes, Seltenes und Ungewöhnliches spezialisiert. Gruselromane oder Bände mit sentimentaler Poesie suchte man hier vergebens. Der Laden war schwach beleuchtet, ein wenig muffig und trotz der vielen Käufer auf der Straße an diesem Frühlingsmorgen leer. Nicht einmal ein Angestellter war in Sicht.
Kurz hinter der Schwelle hielt Daphne inne, um tief und beruhigend Luft zu holen. Der Geruch von Papier, Tinte und Leder war belebender für ihre Sinne als alles, was ein Fläschchen Riechsalz zu bieten hatte.
Im Austausch für ein paar Augenblicke der Ruhe und des Friedens machte es ihr fast nichts aus, auf eine wilde Gänse– oder besser: Katzenjagd gegangen zu sein.
„Eileen?“
Die Bücherstapel und –regale verschluckten ihr Flüstern. Sie bemühte sich, ein vertrautes Geräusch wahrzunehmen: Krallen, die an einem hölzernen Tischbein kratzten, das Knittern von Papier unter einer Pfote, ein zartes katzenhaftes Niesen.
Stille.
Die Katze konnte überall sein.
„Miez–Miez–Miez.“
Nichts.
Daphne bahnte sich ihren Weg tiefer und tiefer in die Buchhandlung und schaute in jede schattige Ecke. Ganz hinten erspähte sie Eileens langen weißen Schwanz, der gerade durch den Spalt einer offenen Tür verschwand. Ein Abstellraum vielleicht oder ein Büro. Daphne warf einen Blick über ihre Schulter, aber es gab immer noch keine Spur eines Angestellten.
Unter dem leichten Druck ihrer Hand öffnete sich die Tür, doch ein weiteres hohes, überfülltes Bücherregal versperrte ihr die Sicht. Als sie Stimmen hörte, hielt sie jedoch inne und lunzte durch den schmalen Spalt über einer Reihe von Büchern.
Der Raum hinter dem Regal war größer und heller, als Daphne erwartet hatte, mit einem hohen, aber schmutzigen Fenster neben der Hintertür des Ladens. Ein mit Papieren und Büchern übersäter Schreibtisch stand in der Ecke neben dem Fenster und auf dem Boden lagen weitere Bücher, die noch wahlloser gestapelt waren als die im Laden, falls so etwas überhaupt möglich war.
Ein ovaler Tisch beherrschte die Mitte des Raumes. Um ihn herum saßen mehrere Frauen, die meisten von ihnen recht jung, doch Daphne kannte keine von ihnen.
Als Eileen in die Mitte des abgenutzten Eichentisches sprang, schraken alle auf.
„Ich wusste nicht, dass Porter’s eine Katze auf dem Gelände hält“, sagte die Jüngste von ihnen, die nicht viel älter als fünfzehn sein konnte und deren Haar zu perfekten blonden Locken gedreht war. Ihre Finger umklammerten die Tischkante, als müsste sie sich zurückhalten, Eileen zu streicheln.
„Wahrscheinlich, um die Mäuse fernzuhalten“, erklärte eine andere und schnappte sich einen Stapel, der aussah, als bestünde er aus Zeitschriften, wohl, um sie vor der Katze zu retten. Sie schien einige Jahre älter, sechs– oder siebenundzwanzig, schätzte Daphne, mit krausem, rotem Haar und ein paar Sommersprossen auf der Nase, die unter ihrer Brille gerade so sichtbar waren. „Wir haben noch eine Sache zu erledigen“, fuhr sie fort, offenbar entschlossen, die Ablenkung zu ignorieren, „bevor die nächste Ausgabe des Magazins für junge Damen morgen in den Druck geht.“
Daphne schnappte nach Luft, und die Anstrengung, dabei keinen Laut von sich zu geben, ließ ihre Augen groß werden. Die Frau konnte sich nur auf Mrs Goodes Magazin für junge Damen beziehen.
Daphne hatte jede Ausgabe der neuen Publikation gelesen und bewunderte dessen Philosophie sehr. Anstatt die Möglichkeiten junger Frauen zu schmälern und deren Träume von etwas Größerem trivial erscheinen zu lassen, bot die Zeitschrift Wissen und Bildung einer anderen Art.
Unter dem Deckmantel eines nüchternen Titelbildes und geschmückt mit dem Ruhm der Autorin des Buches Mrs Goodes Leitfaden für die Haushaltsführung, bot das Magazin für junge Damen Informationen über mehr als nur die neueste Mode: Da waren Kolumnen über Politik, Gesetzgebung und den Krieg mit Frankreich; Rezensionen interessanter Bücher und skandalöser Theaterstücke; satirische Karikaturen … alle natürlich anonym verfasst, um die Identität derer zu schützen, die ihren Ruf riskierten, um heranwachsende Ladies über Dinge zu unterrichten, von denen die Mehrheit der Gesellschaft glaubte, dass sie keine Themen für junge Frauen seien. Daphne hatte oft gehört, dass man es als Magazin für Unfug bezeichnete.
Als Bell Daphne beim Lesen der zweiten Ausgabe erwischte, hatte Daphne sie bestochen, damit sie ihr Geheimnis wahrte.
Wie sollte sie ihr Eindringen in eine Sitzung der Mitarbeiterinnen des Magazins erklären? Sie sollte gehen, bevor man sie bemerkte. Nur …
Eileen befolgte scheinbar den Befehl, sich wieder an die Arbeit zu machen, denn sie streckte sich auf dem Tisch aus und begann, mit ihrer rosa Zunge über eine Vorderpfote zu lecken. Papier raschelte unter ihr, als sie sich hinter ihrem linken Ohr putzte.
Am Kopfende des Tisches, mit dem Rücken zur Tür, saß eine Frau, deren dunkles Haar von einer markanten Silbersträhne durchzogen wurde. Als sie sich räusperte, richteten sich alle Augen auf sie, auch die von Eileen. Konnte dies Mrs Goode sein?
„Gestern Nachmittag“, begann sie, „als ich die Post für die Zeitschrift abholte, fand ich den Brief einer ratsuchenden Leserin.“ Sie streckte die Hand aus und zog vorsichtig ein gefaltetes Stück Papier unter der Katze hervor. „Sie unterschreibt mit ‚Aufgelöst am Grosvenor Square‘.“
Der Grosvenor Square war groß genug, dass dieses Detail nicht viel Aufschluss über die Identität der Briefeschreiberin gab. Aber Daphne spitzte dennoch interessiert die Ohren.
Grosvenor Square war das Viertel, in dem Daphne und Bell lebten, wenn sie in London weilten, in Finch House mit ihrer ältesten Schwester Camellia – Cami – und deren Mann Gabriel, dem Marquess of Ashborough.
„Die junge Dame schreibt“, fuhr die Frau fort und blickte hin und wieder auf den Brief, „ihr Vater habe eine Ehe für sie arrangiert, mit einem wohlhabenden Mann, der sich scheinbar eines ziemlich berüchtigten Rufes erfreut. Wie so viele unglückliche junge Frauen, hoffte und glaubte sie, sie könne den Mann überreden, sein Verhalten zu ändern.“ Mitleidvolles Gemurmel erhob sich am Tisch, einige schüttelten den Kopf. Die Frau mit dem roten Haar drückte den Stapel Zeitschriften fester an ihre Brust und verzog angesichts der Leichtgläubigkeit der Dame missbilligend den Mund. „Und ausgerechnet am Abend des Festes, an dem die Verlobung bekanntgegeben werden sollte, erwischte die junge Frau ihren zukünftigen Ehemann im Dunkeln mit einer anderen …“ Die ältere Frau hielt in ihrer Erzählung inne, als wolle sie den Satz nicht beenden. Ihre Stimme sank zu einem empörten Flüstern, als sie nach unten blickte und die Worte las: „Sie spielten Schach.“
Das kollektive Keuchen der anderen dämpfte Daphnes Aufatmen. Sie wusste nicht, was Schachspielen bedeuten könnte – sie war sich auch nicht sicher, ob sie es wissen wollte –, aber sie konnte sich denken, dass Aufgelöst am Grosvenor Square in der Tat etwas Schockierendes gesehen haben musste.
„Sie muss die Hochzeit absagen“, erklärte Daphne laut, noch ehe sie sich zurückhalten konnte.
Alarmiert sprangen die Anwesenden im Raum auf, die ältere Dame brachte die Ladies jedoch mit einer Handbewegung zum Schweigen und erhob sich. „Wer ist da?“, fragte sie. „Zeigen Sie sich.“
Daphne straffte die Schultern, trat um die Ecke des Bücherregals und stellte sich ihr mit schlotternden Knien.
„Ach, Miss Burke“, sagte die ältere Frau.
Jetzt, da sie ihr gegenüberstand und nicht mehr vom Schatten des Bücherregals verborgen wurde, erkannte Daphne sie als Lady Stalbridge, eine der Frauen, die regelmäßig die Literaturzirkel ihrer Schwester Cami besuchten. „Ja, Ma’am“, gestand Daphne und knickste.
Als sie wieder zu Stehen kam, waren alle Augen im Raum auf sie gerichtet, aber niemand sah sie so scharf an, wie Lady Stalbridge, deren Augen einen wesentlich helleren Blauton hatten als Daphnes.
„Ich freue mich sehr, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind“, sagte die Countess nach einem Moment in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete, obwohl es eine solche Einladung natürlich nie gegeben hatte.
Daphne blickte zu Eileen, die sich zusammengerollt hatte, um ein Nickerchen zu machen. Eines ihrer rosafarbenen Ohren zuckte, als wolle sie ihre eigene Rolle bei der Verwicklung Daphnes in diese Situation abstreiten.
Warum log Lady Stalbridge? Warum sollte sie Daphnes Lauschen vertuschen?
„Miss Burke ist die Schwester von Lady Ashborough, der Autorin“, erklärte Lady Stalbridge den anderen. Rund um den Tisch schossen die Augenbrauen in die Höhe. „Es würde unserer kleinen Zeitschrift sehr viel bedeuten, das Wohlwollen Ihrer Schwester zu erhalten“, fuhr sie fort und plötzlich verstand Daphne, warum sie nicht wütend abgewiesen worden war. „Und natürlich würde ich mich sehr freuen, wenn Ihre andere Schwester, die Duchess of Raynham, überredet werden könnte, einen Beitrag über Frauen und Naturphilosophie beizusteuern. Ich bin sicher, unsere Leserinnen fänden es inspirierend.“
Daphne lächelte schwach und nickte verständnisvoll. Natürlich. Wie töricht von ihr, auch nur einen Moment lang anzunehmen, dass Lady Stalbridge ihre Einladung zu diesem Treffen ersann, weil sie Daphne selbst wollte. Daphne war das einzige gewöhnliche Mitglied einer außergewöhnlichen Familie.
Fünf der sechs Burke–Kinder waren mit gutem Aussehen, Genialität und Wagemut gesegnet. Cami und Erica unterschieden sich wie Kreide und Käse, aber beide sahen auffallend gut aus und hatten einen brillanten Geist. Cami, die Marchioness of Ashborough, schrieb bedeutende politische Romane, während Erica, die Duchess of Raynham, für ihre botanischen Entdeckungen bekannt war. Sie hatte sogar eine Rede vor der Royal Society gehalten.
Paris, der älteste Burke–Bruder, war ein angesehener Anwalt und Abgeordneter. Galen, ihr anderer Bruder, hatte drei Gedichtbände geschrieben, die so tiefgründig und populär waren, dass die Rezensenten gelegentlich das Wort Preisträger in den Mund nahmen.
Und sie alle, zusammen mit ihren Ehegatten und Eltern, überschütteten die hübsche und lebhafte Bellis, die Jüngste der Familie, mit Lob und Aufmerksamkeit.
Daphne war im Schatten aller aufgewachsen. Nichts an ihr stach hervor, kein Funke von Brillanz oder künstlerischer Leidenschaft. Sie war die Art von junger Frau, für die Adverbien erfunden worden waren: einigermaßen intelligent, halbwegs musikalisch, relativ hübsch. Alles außer ihrem Haar, das einen Braunton hatte, für den man keine Modifikation brauchte. Weder hell noch dunkel. Nicht goldbraun, wie Bells Haar. Weit entfernt von Camis rabenschwarzer Pracht oder Ericas feurig roten Locken.
Im Laufe der Jahre hatte Daphne gelernt, sich damit zu arrangieren. Ihr Platz im Schatten ihrer Geschwister war bequem – oder, wenn nicht gerade bequem, dann vertraut, was in etwa auf dasselbe hinauslief.
Was könnte Daphne Burke dem Magazin für junge Damen schon bieten, außer ihren familiären Verbindungen?
Dennoch trat Lady Stalbridge einen Schritt zurück und hieß Daphne mit einer einladenden Geste willkommen.
„Setzen Sie sich doch zu uns“, sagte sie und nickte in Richtung des noch leeren Stuhls. „Erlauben Sie mir, Sie den anderen vorzustellen.“
Daphne blickte sich am Tisch um und betrachtete die neuen Gesichter, die sie neugierig musterten. Offensichtlich war dies eine Zeitschrift nicht nur für junge Damen, sondern fast ausschließlich von jungen Damen. Mit einem vagen Nicken in Richtung der beiden jungen Frauen, die ihr am nächsten standen, setzte sie sich unsicher auf die Kante eines unnachgiebigen Holzsitzes.
Lady Stalbridge nahm wieder auf ihrem Stuhl am Kopfende des Tisches Platz und nickte einem Mädchen mit kaffeefarbenem Haar und einer kecken Nase zu, das etwa in Bells Alter war. „Miss Julia Addison teilt ihr außergewöhnliches Wissen über das Theater mit unseren Leserinnen, während Lady Clarissa Sutliffe“ – das Mädchen mit den blonden Locken wackelte zur Erkennung mit den Fingerspitzen – „eine Leidenschaft für Bücher und Musik hat. Miss Theodosia Nelson schreibt über Themen von nationaler Bedeutung.“ Eine Frau mit brauner Haut und dunklen Augen lächelte zur Begrüßung. „Und unsere Künstlerin, Miss Constantia Cooper“ – die rothaarige Frau mit den Sommersprossen reckte widerwillig das Kinn – „besitzt ein scharfes Auge für Mode.“
Diese letzte Enthüllung war die überraschendste; Miss Coopers Kleid war schlicht, ja fast streng, und ihre Frisur schien von einem Bleistift fixiert zu werden. Durch ihre Brille musterte Miss Cooper Daphne, und ihr eindringlicher Blick hatte etwas Beunruhigendes an sich, so als wüsste sie, dass Daphne an diesem Ort nichts zu suchen hatte.
„Ihrem Ausbruch nach zu urteilen, Miss Burke“, sagte Miss Cooper, „sind Sie kein unglückliches Opfer einer Erziehung anhand von Verhaltensratgebern.“
Verhaltensratgeber drängten eine junge Dame dazu, ihren Körper, ihre Worte, ihre Gedanken, ja sogar ihre Träume zu kontrollieren; kurz gesagt, sich zurückzunehmen und sich selbst zu opfern – alles, um einem Mann zu gefallen, der ihrer Aufmerksamkeit von Natur aus unwürdig und doch irgendwie für ihren Lebensunterhalt notwendig war.
Stolz schüttelte Daphne den Kopf. Derartige Lektionen hatten im Hause Burke keine Rolle gespielt.
„Sagen Sie uns also“, fuhr Miss Cooper fort, „warum Sie denken, dass die Briefschreiberin ihre Verlobung auflösen sollte? Eher ein riskantes Unterfangen für eine junge Dame.“
Daphne wich Miss Coopers scharfem Blick nicht aus, obwohl sie zweimal schlucken musste, bevor sie sich in der Lage fühlte, zu sprechen. „Weil … weil ich an die Liebe glaube.“
Die andere Frau unterdrückte ein spöttisches Lachen.
„Sie sollten nicht vergessen, Miss Burke, dass eines der Ziele des Magazins für junge Damen darin besteht, rationales Verhalten zu fördern.“
Dieser Satz stand sogar auf dem Titelblatt der Zeitschrift, dessen Mission verkündete Wissen zu erweitern und rationales Verhalten unter den jungen Mitgliedern des schönen Geschlechts zu fördern.
„Spotten Sie nur“, erwiderte Daphne und schenkte Miss Cooper ein gönnerhaftes Lächeln, „aber ich kann die Macht einer Liebesheirat aus eigenen Beobachtungen bezeugen, und das an mehr als nur einem Beispiel.“ Sie hatte sie bei den Ehen ihrer ältesten Geschwister gesehen und bei ihren Eltern. „Dieser Mann“ – sie deutete auf den Brief, den Lady Stalbridge immer noch in der Hand hielt – „liebt seine zukünftige Braut nicht. Ich bezweifle, dass er überhaupt dazu fähig ist. Und ich bezweifle auch, dass ein Vater, der eine solche Ehe arrangiert, sein Kind wirklich liebt. Es wäre besser für sie, eine alte Jungfer zu werden, als sich für immer an einen Schuft zu ketten.“
Ihre Rede wurde mit zustimmendem Gemurmel quittiert. Miss Nelson nickte. „Gut gesagt.“
Nach einer kurzen Pause sagte Miss Addison zu Lady Stalbridge: „Ich frage mich, Ma’am, ob wir nicht in Betracht ziehen sollten, eine Ratgeberkolumne zum regelmäßigen Bestandteil der Zeitschrift zu machen?“
Lady Stalbridges Lippen verzogen sich nachdenklich. Sie sinnierte mehrere Minuten darüber nach, während die anderen sie gespannt musterten. Schließlich sagte sie: „Was sagen Sie dazu, Miss Burke?“
„Bedenken Sie, was für einen Rat sie zu geben bereit ist“, wandte Miss Cooper ein. „Hören Sie auf Ihr Herz ist schlimmer als Hören Sie auf Ihre Eltern“, spottete sie.
„Ich persönlich ziehe es vor, meinen Kopf zu benutzen“, antwortete Daphne gleichmütig. „Und ich würde anderen raten, das ebenfalls zu tun.“
Jemand am Tisch, vielleicht Miss Addison, verkniff sich ein triumphierendes Kichern.
„Wenn Sie sich uns anschließen“, fügte die junge Lady Clarissa hinzu, „und wenn es Ihre Zeit erlaubt, könnten Sie Ihre erste Kolumne damit abrunden, eine Dame zu beraten, wie sie ihren Papa davon überzeugen kann, dass eine Karriere als Konzertpianistin nicht unbedingt den Verlust von Ansehen und Respekt zur Folge hat.“
Es war Daphne ein Leichtes, die Identität der jungen Dame, die in dieser Angelegenheit Rat brauchte, zu erraten. Aber sie konnte nicht umhin, sich Gedanken über deren Vater zu machen, der in diesem Punkt kaum zu überzeugen schien, auch wenn Lady Clarissa diesbezüglich völlig im Recht war, soweit es Daphnes Meinung betraf. „Vielleicht sollte sie das Instrument wechseln“, schlug sie mit einem ermutigenden Nicken vor. „In Ihrem Brief. Um die Anonymität zu wahren.“
„Ja“, stimmte Lady Stalbridge zu. „Außerhalb dieses Raumes achten wir streng auf die Geheimhaltung der Identität aller Beteiligten, auch der von Mrs Goode. Wie Sie sicher wissen, ist das Magazin für junge Damen nicht überall gern gesehen. Traurigerweise glauben immer noch zu viele, dass junge Damen unfähig sind, sich eine vernünftige Meinung zu bilden – geschweige denn, eine vernünftige Meinung zu Bildung und Unterhaltung zu äußern.“
Als Mädchen hatte sich Daphne gewünscht, Lehrerin zu werden. Allmählich hatte sie jedoch begriffen, dass Lehrerinnen meist verarmte junge Frauen waren, die keine andere Wahl hatten. Einen solchen Beruf zu wählen, könnte den Ruf ihrer Familie schädigen. Man würde ihrem Vater, ihren Brüdern und Schwägern unterstellen, dass sie nicht in der Lage wären, ihr ein komfortables Leben zu sichern. Es könnte eine junge Frau, die verzweifelt nach der respektablen Unabhängigkeit suchte, die ein Lehramt bot, ihrer Möglichkeiten berauben. Ihre Schwägerin Rosamund, Paris’ Frau, war einst in einer solchen Situation gewesen.
Aber sie hatte den Traum noch nicht ganz aufgegeben, bis zu dem Tag, an dem Bell ihr in die Augen geschaut und gesagt hatte: „Du willst nur einen Vorwand, um Leute herumzukommandieren!“
„Also, Miss Burke“, fragte Lady Stalbridge, „was sagen Sie?“
Daphne vermutete immer noch, dass sie vor allem aufgrund der Möglichkeit angeworben wurde, ihre berühmten älteren Schwestern zu überreden, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Oder dass das Angebot lediglich ein Mittel war, um sich ihr Schweigen zu sichern.
Aber dem Magazin für junge Damen als Ratgeberkolumnistin beizutreten, würde Daphne endlich die Möglichkeit geben, der Welt ihren eigenen Stempel aufzudrücken – falls ihr jemand zuhörte.
„Daph?“
Bells Stimme drang aus dem Inneren der Buchhandlung, war allerdings noch nicht nah genug, um etwas mitzubekommen.
„Ich akzeptiere“, sagte Daphne eilig, sprang auf und schnappte sich Eileen, die protestierend mauzte. „Aber ich muss gehen. Ich melde mich.“
Lady Stalbridge stand ebenfalls auf und reichte ihr den Brief von Aufgelöst in Grosvenor Square, während sie den Finger auf ihre Lippen legte, um Daphne an die Notwendigkeit der Geheimhaltung zu erinnern.
Daphne nickte, steckte den Brief in ihr Handtäschchen und ging. Der Schwung ihrer Röcke brachte fast einen Bücherstapel zum Einsturz, als sie zurück zum Eingang des Ladens eilte.
„Vorsicht, Miss!“ Der Angestellte, der sich endlich herabgelassen hatte, zu erscheinen, unterbrach das Gespräch mit einem anderen Kunden, um sie zu ermahnen.
„Es tut mir leid, Sir“, antwortete sie, ohne ihre Schritte zu verlangsamen.
Bell, die in der Tür stand, wandte sich dem Geräusch ihrer eilenden Schritte zu. „Da bist du ja! Wo hast du dich denn versteckt?“
Es dauerte einige Augenblicke, bis Daphne begriff, dass ihre Schwester mit der Katze sprach.
Bell hob Eileen aus Daphnes Armen, steckte sie wieder in den Korb, der an ihrem Unterarm baumelte, und tippte auf deren rosa Nase. „Du freches Mädchen. Du hast Daphne ganz schmutzig gemacht.“
Daphne blickte nach unten. Sie entdeckte einen Staubstreifen auf ihren Röcken und eine ordentliche Ansammlung weißen Katzenhaars auf ihrem dunkelgrünen Spencer.
„Es tut mir leid, dass es so lange gedauert hat“, erklärte Daphne unsicher. „Ich war …“ Aber Bell war schon weg. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, den Schmutz von ihrer Kleidung zu wischen, folgte Daphne ihrer Schwester aus der Buchhandlung in den hellen Frühlingsmorgen.
Seit der Heirat ihrer drei ältesten Geschwister hatte Daphne viel Zeit in England verbracht, dabei hatte sie Dublin London gegenüber immer bevorzugt. Die Aussicht, sich von nun an regelmäßig mit den Mitarbeiterinnen des Magazins für junge Damen zu treffen, gab der Stadt jedoch einen neuen Reiz.
Sie stellte sich vor, wie sie sich mit den Autorinnen anfreunden würde, sogar mit Constantia Cooper, und jede von ihnen sich der Erweiterung von Wissen und der Förderung rationalen Verhaltens verschrieb. Sie, Daphne, würde andere junge Frauen beraten, gute Entscheidungen zu treffen und ihre Träume zu verwirklichen.
Und im Gegensatz zu Bell würden sie vielleicht sogar zuhören!
Vorsichtig bahnte sie sich ihren Weg durch das Gedränge der Einkäufer und versuchte, zumindest ihre Schwester und den Lakaien, der sie auf diesem Ausflug begleitet hatte, im Blick zu behalten. Bell bewegte sich schneller, wenn sie die Erlaubnis erhalten hatte, eine neue Haube kaufen zu dürfen.
Im Laden des Hutmachers war nur unwesentlich weniger Gedränge als auf dem Bürgersteig draußen. Während Bell sich zum Tresen drängte, blieb Daphne zurück und gab sich Tagträumen hin, während sie so tat, als begutachtete sie die Handschuhe in der Auslage. Ein paar Augenblicke später wurde ihre Aufmerksamkeit von einem Herrn in Anspruch genommen, der zwar auf der Straße stand, sie aber durch das vergoldete Schaufenster direkt anzuschauen schien.
Modebewusst und teuer gekleidet, war Viscount Deveraux die Art von Mann, die sich immer so präsentierte, als wüsste er, wie gut er aussah, mit seinen braunen Augen, seiner geraden Nase, dem markanten Kiefer und den Wellen dunkelblonden Haares, die unter der Krempe seines hohen Huts hervorlugten. Wenn man den Klatschbasen Glauben schenkte, war sein Aussehen nicht alles, was er den Frauen zu bieten hatte, die bereit waren, den Skandal zu ertragen, mit einem solchen Wüstling in Verbindung gebracht zu werden.
An diesem Morgen begleitete ihn sein Freund, der Earl of Ryland, der – wie immer – dunkel gekleidet war und ein finsteres Gesicht zog. Lord Ryland war ein echter Gentleman, sicherlich ein besserer Freund, als ein Mann wie Lord Deveraux verdiente, aber man munkelte, er sei zu hoch verschuldet, um einer unvermögenden Braut nachzustellen.
Daphne war den beiden bei einer Veranstaltung zu Beginn der Saison vorgestellt worden.
Lord Ryland war makellos höflich gewesen; Lord Deveraux, da war sie sich ganz sicher, hatte ihren Namen in dem Moment vergessen, als er ausgesprochen wurde. Er hatte ihr nicht einmal in die Augen gesehen.
Warum also musterte er sie jetzt von oben bis unten mit einem ungewöhnlich zufriedenen Gesichtsausdruck?
Erst als Lord Ryland ihn ansprach und seine Aufmerksamkeit von ihr ablenkte, wurde ihr klar, dass er sein eigenes Spiegelbild betrachtet hatte. Sein warmes Lächeln hatte ihm selbst gegolten.
Sie rollte mit den Augen, richtete ihren Blick wieder auf die Handschuhe und begann, sich gedanklich Notizen zu ihrer Antwort an Aufgelöst am Grosvenor Square zu machen. Am Nachmittag würde sie einen Weg finden, Lady Stalbridge einen Entwurf zu schicken.
„Wusstest du, dass die Leute ihn diesen Teufel Deveraux nennen?“ Bell erschien an ihrem Ellenbogen, eine Hutschachtel in jeder Hand. Auf Daphnes hochgezogene Augenbraue hin lachte sie und zuckte mit den Schultern, als wolle sie sagen: Man kann unmöglich von mir erwarten, eine Wahl zu treffen.
„Sie machen sich nicht einmal die Mühe, zu flüstern, wenn sie es sagen. Ich bemitleide das Mädchen, das ihn heiraten wird.“
Daphne nickte zustimmend mit dem Kopf. Die Geschichte klang vertraut, und warum auch nicht? Dieses spezielle Leiden – eine lieblose, untreue Verbindung – war in der Stadt weit verbreitet. Mit ihren einundzwanzig Jahren hatte Daphne gehofft, den Demütigungen des Heiratsmarktes entgehen zu können. Aber sie konnte Bell nicht einfach allein in den mit Wüstlingen verseuchten Gewässern der Londoner Saison navigieren lassen.
Begierig darauf, nach Hause zu kommen und den Brief von Aufgelöst am Grosvenor Square zu lesen und ihre Antwort zu verfassen, folgte Daphne ihrer Schwester aus dem Laden.
Gedanklich probierte sie ein paar besonders scharfe Sätze aus, die den schachspielenden Schurken in seine Schranken weisen würden. Gelegentlich ertappte sie sich dabei, wie ihr Blick zu den breiten Schultern des blonden Gentlemans einige Meter vor ihr wanderte. Genau die Art von Teufel, den sie im Sinn hatte …
KAPITEL 2
Ein paar Tage später
Miles, Viscount Deveraux, sah nicht auf, als sich ihm Schritte näherten und neben seinem Stuhl zum Stehen kamen. Auch nicht, als der Mann, dem die Stiefel gehörten, mit einem verärgerten Seufzer sagte: „Ich hatte befürchtet, dich hier zu finden.“
Es war die Stimme von Alistair Haythorne, des Earl of Ryland, genau der letzte Tropfen, den Miles noch brauchte, um das Fass dieses Tages zum Überlaufen zu bringen. Miles hob sein Glas an die Lippen, um noch einen oder zwei Schlucke zu nehmen.
Aber kein Tropfen Brandy rann seine Kehle hinunter. Wann hatte er das Glas geleert?
Unbeeindruckt wie immer signalisierte Alistair einem Kellner, Kaffee zu bringen, während er Miles den leeren Tumbler mit einer Grimasse des Widerwillens aus der Hand riss und auf einem Tisch in der Nähe abstellte. Bevor Miles die Finger zur Faust ballen konnte, klatschte ihm Alistair eine Zeitschrift anstelle des Getränks auf die Handfläche.
Miles blinzelte auf das zerfledderte Deckblatt und versuchte, seinen Blick auf das Bild zu fokussieren. „Was ist das?“
„Die Erklärung für dein momentanes Elend.“
„Wenn ich derzeit unglücklich bin“, erwiderte Miles abwehrend und richtete sich in dem tiefen Ledersessel auf, „dann liegt das an dem fehlenden Brandy und nicht …“ Er kniff die Augen zusammen, blinzelte und rieb sich dann die Augen. Die Buchstaben tanzten vor ihm. „Mrs Goodes Magazin für Jungfr– äh, junge Damen.“
Eine Frauenzeitschrift? Er konnte gerade noch irgendetwas über Wissen und rationales Verhalten erkennen, dann schaute er Alistair ungläubig an.
Sie kannten sich schon seit … nun, Miles’ Kopf war nicht in der Verfassung, zu summieren. Seit langem. Seitdem sie gemeinsam in Eton studiert hatten. Drei Tage nachdem sie ihr Studium aufgenommen hatten, machte ein älterer Junge eine abfällige Bemerkung, die Alistairs Schultern herabsacken ließ und ihm Tränen in die Augen trieb. Miles – groß und vergleichsweise kräftig – hatte den kleineren Jungen instinktiv in Schutz genommen.
Sie beide hatten eine ordentliche Tracht Prügel bezogen, zuerst von dem älteren Jungen und dann vom Schulleiter. Aber aus ihrem gemeinsamen Elend war eine lebenslange Freundschaft entstanden, wie sie sie sonst wohl nicht gefunden hätten. Alistair sorgte dafür, dass Miles die meisten seiner Kurse bestand. In den letzten Jahren hatte Alistair auch darauf gedrängt, dass sein Freund seinen Platz im Oberhaus einnahm, zumindest gelegentlich; Miles hatte im Gegenzug dafür gesorgt, dass Alistair nicht bei jedem Kricketspiel als Letzter ausgewählt wurde, und überredete ihn sogar dazu, sich ab und zu ein wenig zu amüsieren.
Miles betete, dass sein alter Freund ihn in diesem Moment nur auf den Arm nahm. „Und ich dachte, ich hätte mich in Bezug auf die neuesten Nachrichten über die Haubenverzierungen dieser Saison ganz gut gehalten“, sagte er und warf die Frauenzeitschrift auf den Tisch, sodass das leere Glas auf den Teppich flog und dort liegenblieb.
Alistair lächelte nicht. „Du versteckst dich in deinem Club und bist vor dem Mittag betrunken.“ Ein Kellner kam mit dem Kaffeetablett. Miles schnappte sich die Zeitschrift, bevor dieser das Tablett auf dem Tisch zwischen ihnen abstellte. Als der Diener sich bückte, um das Glas vom Boden aufzuheben, wechselte er einen Blick mit Alistair, der nur als mitfühlend beschrieben werden konnte. Sobald der Kellner gegangen war, fügte Alistair mit leiserer Stimme hinzu: „Und jeder weiß, warum.“
„Es hat sich herumgesprochen, dass Miss Grey mich nicht haben will, was?“
Miles schnaubte und ließ sich wieder in den Stuhl sinken.
Vermutlich war es unvermeidlich, dass die Meldung der Morgenausgabe der Times, die von der Absage der Hochzeit der Saison berichtete, die Gerüchteküche zum Brodeln brachte, ganz gleich, wie klein sie gedruckt war.
„Schlimmer“, erklärte Alistair und machte keine Anstalten, den Schlag zu mildern, „es hat sich herumgesprochen, warum Miss Grey dich nicht haben will.“ Er gestikulierte mit der aufgerollten Zeitschrift. „Und das Allerschlimmste ist, dass die Nachricht unter den jungen Damen die Runde macht.“
Miles betrachtete die Zeitschrift genauer, auch wenn er wünschte, Alistair würde aufhören, damit herumzufuchteln. In seinem Kopf drehte sich ohnehin schon alles. „Eine Klatschspalte kann man kaum als Nachrichten bezeichnen.“ Er war schon zu oft Gegenstand von Klatsch und Tratsch gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen.
„Wenn ich du wäre, Deveraux“, mahnte Alistair, „würde ich diese spezielle Publikation nicht so abschätzig behandeln. Mrs Goodes Magazin für junge Damen mag noch nicht lange existieren, hat aber bereits einen furchterregenden Ruf erlangt.“ Seine Stimme senkte sich. „Es fördert Freidenkertum und Regelverstöße unter jungen Damen. Die Leute nennen es sogar Magazin für Unfug. Oder noch schlimmer, Mrs Goodes Leitfaden für Verfehlungen.“
Mrs Goode, die beeindruckende Persönlichkeit hinter dem beliebten, wenn auch umstrittenen Buch Mrs Goodes Leitfaden für die Haushaltsführung, hatte der Zeitschrift offensichtlich ihren Namen geliehen.
„Magazin für junge Damen …“, sinnierte Miles und erinnerte sich daran, was er auf der Titelseite gelesen hatte. Er lehnte sich vor und kippte etwas Kaffee in eine Tasse. Normalerweise hätte er Milch und Zucker hinzugefügt – er mochte es süß, besonders seine Frauen –, aber heute passte das bittere Gebräu einfach besser zu seiner Stimmung.
„Fräulein … Fräuleins Verhalten … Verfehlungen – ha!“ Er lachte düster.
Alistair amüsierte das Wortspiel offensichtlich nicht. Miles jedoch war widerwillig fasziniert. Als jemand, der einen Großteil seines Vergnügens aus der Gesellschaft von Frauen bezog, die bereit waren, sich über den strengen Verhaltenskodex der Gesellschaft hinwegzusetzen, befürwortete er die Philosophie des Magazins. „Warum sieht dieses Exemplar so aus, als wäre es in die Badewanne gefallen und dann von einer Postkutsche überrollt worden?“, fragte er und nickte in Richtung der zerfledderten und gewellten Seiten.
„Das könnte durchaus geschehen sein“, antwortete Alistair mit einem Achselzucken. „Das Ding wird im Geheimen weitergereicht, unter Mädchen, deren Eltern sie einsperren würden, wenn man sie damit erwischte.“
Es erstaunte Miles immer wieder, dass nur wenige Menschen verstanden, dass verbotene Früchte nur das Verlangen weckten, davon zu kosten.
„Woher hast du es dann?“
„Meine Schwester Harriet hatte es in ihrem Rechenheft versteckt“, erklärte Alistair mit einem gequälten Seufzer.
„Ihre Gouvernante brachte es mir. Sie war natürlich aufgebracht und ich versprach, Harry eine Standpauke zu halten. Aber zuerst …“ Er blätterte in der Zeitschrift. „Ich wollte, dass du dies hörst.“ Als er die gesuchte Seite gefunden hatte, las er: „‚Liebe Miss B., kürzlich hat mein Vater den Antrag eines Gentlemans angenommen, der, wie ich zugeben muss, keinen besonders guten Ruf genießt. Aber ich habe mir eingeredet, dass sein Antrag ein Zeichen dafür wäre, dass er sich mit der Absicht trägt, auf den Pfad der Tugend zurückzukehren.‘“
Miles schnaubte. „Wollen wir so tun, als wäre ich der einzige kürzlich Verlobte, auf den sich das beziehen könnte?“
Über den Rand der Zeitschrift warf ihm Alistair einen scharfen, aber wissenden Blick zu, bevor er laut fortfuhr: „‚Dann, bei der Dinnerparty, die meine Eltern zur Feier unserer Verlobung gaben, schlich er sich in die Bibliothek, wo ich ihn mit einer anderen Frau …‘“
Das klang wirklich nach ihm. „Und?“, fragte Miles. „Wie lautet die Anklage? Was behauptet sie, gesehen zu haben?“
„Das steht da nicht. Da ist eine Reihe von kleinen Sternen, als ob etwas hätte geschwärzt werden müssen.“
Miles riss seinem Freund die Zeitschrift aus der Hand und überflog die Seite. Die Skizze einer Honigbiene füllte die oberste Ecke, wobei eine gestrichelte Linie die Flugbahn des Insekts andeutete, die sich um ein Textbanner schlängelte: Vertrauen Sie Miss Busy B., wenn Sie guten Rat brauchen … Auch wenn es sticht!
Schließlich blieb sein Blick auf den verdammten ******** hängen.
Oh, sehr clever, die Leser aufzufordern, die Lücken mit allen anzüglichen Details zu füllen, die ihnen einfielen.
Er nahm einen Schluck brühend heißen Kaffees und schnitt eine Grimasse.
„Mrs Wellcroft und ich haben Schach gespielt“, sagte er zu seiner Verteidigung. Er und die Witwe waren alte Freunde. „Die Unterhaltung beim Essen hat uns beide gelangweilt und keiner von uns wollte Kartenspielen.“
Eine von Alistairs dunklen Brauen hob sich skeptisch.
„Schachspielen? Ist das ein neuer Deckname, von dem ich noch nichts gehört habe?“
Es stimmte, dass Miles in Sachen Schach nicht sehr begabt war. In anderen Dingen jedoch …
„Ich habe sie nicht gevögelt, falls du das andeuten willst.“ Ein wenig verlegen fügte er hinzu: „Zumindest nicht bei dieser Gelegenheit. Seit meiner Verlobung mit Miss Grey habe ich ein neues Kapitel aufgeschlagen.“
„Man könnte erwarten, dass ein neun Tage altes, kaum entrolltes Blatt noch frisch und grün ist und nicht bei der ersten Berührung zu Staub zerfällt. Und doch …“
Miles hörte ihn kaum. Er hatte an der Stelle weitergelesen, an der Alistair aufgehört hatte.
Ich hörte, wie die beiden zusammen lachten, über etwas – eine Wette, an der er sich beteiligt hatte, darüber, ob er in dieser Saison eine Braut fände! Gedemütigt durch den Gedanken, dass ich lediglich das Mittel zum Gewinn einer Wette war, schlich ich mich unbemerkt davon und mied den Rest der Gesellschaft. Seitdem habe ich verschiedene Beschwerden vorgetäuscht, um allem aus dem Weg zu gehen, was mit der Hochzeit zu tun hat – vor allem ihm. Nachdem der Arzt dreimal vergeblich konsultiert wurde, beginnt meine Mutter Verdacht zu schöpfen. Wenn ich mein Versprechen halte und ihn heirate, werde ich unglücklich. Wenn ich es nicht tue, liegt mein Ruf in Scherben. Was soll ich also tun?
Der Brief war unterzeichnet mit Aufgelöst am Grosvenor Square.
„Verdammter Mist“, murmelte Miles.
Der Ärger hatte begonnen, als er Anfang April in der Stadt angekommen war und ein paar Leuten im strengsten Vertrauen mitgeteilt hatte, dass es für ihn im fortgeschrittenen Alter von achtundzwanzig Jahren an der Zeit sein könnte, über eine Heirat nachzudenken.
Am darauffolgenden Abend hatte ein Kerl, den Miles kaum kannte, bei einem Kartenspiel bemerkt, dass Miles wohl kaum den Zuschlag erhalten würde, da einige der besten Familien ihre Töchter angewiesen hätten, diesen Teufel Deveraux zu meiden. Miles hatte nur gelächelt. Jemand anderes hatte behauptet, wenn er nicht aufpasste, könnte es schwierig werden, überhaupt eine Ehepartnerin zu finden. Und irgendwie – Miles war sich nie ganz sicher, wie, auch wenn er sein ganzes Leben lang in Schwierigkeiten geraten war – endete der Abend damit, dass er auf seinem Stuhl stand und schwor, vor Ende der Saison eine junge Dame von Rang zu heiraten.
Jeder anwesende Gentleman, außer Alistair, hatte gegen ihn gewettet und die Einsätze wurden ordnungsgemäß in White’s berüchtigten Wettbüchern festgehalten.
Miles war erstaunt über ihr mangelndes Vertrauen; Schließlich hatte es ihm noch nie an weiblicher Gesellschaft gemangelt.
Aber wie sich herausstellte, war der Ruf eines Wüstlings nicht von Vorteil, wenn es darum ging, eine anständige Braut zu finden. Er hatte am Ende nur deshalb Erfolg gehabt, weil Edward Grey sein kleines Vermögen schlecht investiert hatte. Er sah in dem Arrangement eine gute Gelegenheit, das Ansehen der Familie mit einem Gentleman zu verbessern, der nicht darauf bestand, dass seine Braut eine Mitgift mitbrachte. Und weil Greys Tochter ein naives, umgängliches Mädchen war – zumindest hatte Miles das gedacht.
Dass sie diesen Brief verfasst – und ihre Verlobung gelöst – hatte, waren die ersten und einzigen Anzeichen von Geist, die er an Arabella Grey wahrnahm, die ersten und einzigen, die sein Interesse an ihr weckten, wenn auch nur ein wenig.
Nicht, dass es darauf ankam. Männer wie er heirateten nicht, um glücklich zu werden oder Kameradschaft zu finden. Und schon gar nicht aus Liebe. Sie heirateten, um den Familiennamen weiterzuführen und Allianzen zu schmieden. Sie heirateten, weil man es von ihnen erwartete und weil es respektabel war.
Und jetzt würde Miles dank dieser Wette viel mehr verlieren als nur seine Selbstachtung, wenn er sich nicht innerhalb eines Monats eine Frau nahm.
„Ich nehme nicht an, dass du einen Blick in das Wettbuch geworfen hast, bevor du hier hereingekommen bist?“, wagte er sich vor.
Alistair schüttelte den Kopf. „Das Gedränge darum war zu groß.“ Bildete Miles sich das nur ein oder klang sein Freund leicht amüsiert? Alistair nickte in Richtung der Zeitschrift. „Es scheint, die jungen Damen im heiratsfähigen Alter in allen fünf Grafschaften sind nicht die einzigen, die wissen, was für ein Schurke du bist.“
„Blödsinn. Hier steht nichts über mich. Sicherlich haben die Leute Besseres zu tun, als die Identität eines Mannes zu analysieren, über den in einem anonymen Brief getratscht wird.“
Alistair schenkte sich eine Tasse Kaffee ein, und mit der Leichtigkeit eines Mannes, über dessen Kopf kein Damoklesschwert schwebte, fügte einen Schluck Milch und zwei Stückchen Zucker hinzu. Er rührte das Gebräu um, dann klopfte er mit dem kleinen Löffel gegen den Rand seiner Tasse – was in Miles’ Kopf absurderweise dem Klingen einer Totenglocke ähnelte – und nahm einen Schluck, bevor er sagte: „Ich würde dir empfehlen, die Antwort von Miss Busy B. zu lesen.“
Streng genommen wusste er, welchen Rat Miss Grey erhalten haben musste. Der Besuch von Mr Grey und seinem salbungsvollen Anwalt am vergangenen Nachmittag war mehr als ausreichend gewesen, um den Stand der Dinge zu verdeutlichen. Aber die Neugierde nagte an Miles ebenso wie ein Schimmer der Hoffnung, dass er doch noch einen Weg fände, die Situation zu seinem Vorteil zu nutzen.
Er konzentrierte sich noch einmal auf die Seite.
Liebe Miss A. G., begann die Antwort.
Aufgelöst am Grosvenor Square.
Arabella Grey.
Ein Muskel zuckte in der Nähe seines Auges und der feine Faden der Hoffnung, der, an dem das Damoklesschwert hing, begann zu zerfasern.
Schon lange besteht man darauf, dass ein geläuterter Wüstling der beste Ehemann sei.
Miss Busy B. ist da anderer Meinung.
Diese Plattitüde ist unlogisch. Sie setzt voraus, dass Wüstlinge reformiert werden können. Aber welcher Beweis für eine solche Behauptung konnte in der ganzen Geschichte der Menschheit erbracht werden? Sicherlich hat der sogenannte Gentleman, der um Ihre Hand anhielt, keinen geliefert.
Eifrige Leserinnen des Magazins für junge Damen wissen, dass wir die Meinung vertreten, dass junge Damen die Wahrheit suchen und begrüßen müssen, auf dass sie sich eine eigene Meinung bilden und diese äußern können. Was die Frage anbelangt, was Sie tun sollten, so wäre es unserer Meinung nach weitaus besser, eine zufriedene Jungfer zu sein als eine unglückliche Ehefrau. Sollten Sie jedoch irgendwann heiraten wollen, so sorgen Sie sich nicht um Ihren Ruf oder Ihre Zukunftsaussichten. Ein wahrer Gentleman – und wir sind sicher, dass es ihn sogar in diesen Zeiten noch gibt – wird Ihnen die Stärke und Weisheit nicht verübeln, die Sie bewiesen haben, als Sie sich vom Teufel höchstpersönlich losgesagt haben.
Der Faden der Hoffnung riss und Miles’ Zähne verursachten ein hörbares Knirschen. Dieser Teufel Deveraux. Er trug diesen Beinamen fast so lange wie seinen Titel. Seine Erwähnung auf den Seiten des Magazins konnte wohl kaum als Zufall bezeichnet werden.
Wenn Alistair Recht behielt, würde sich während dieser Saison jede geeignete junge Lady in London – und die meisten ihrer Eltern – im Recht fühlen, Miles wie Luft zu behandeln. Titel, Vermögen und sein attraktives Aussehen hatten ihm so manche Wege geebnet – Wege, die sein eigenes schlechtes Verhalten zugegebenermaßen steiniger gemacht hatte.
Es würde einige Zeit dauern, bis die Gesellschaft bereit war, ihm zu verzeihen, was er Arabella Grey angetan hatte – und wozu er sie im Gegenzug getrieben hatte.
Doch Zeit war das Einzige, was er nicht hatte.
„Wer zum Teufel ist sie?“, stieß er hervor und stellte seine Tasse zurück auf ihre Untertasse, sodass es schepperte. „Diese Miss Besondersschlau …“
„Miss Busy B.“, korrigierte Alistair und deutete mit der Spitze seines Löffels auf die Illustration am oberen Rand der Seite. „Vermutlich eine Anspielung auf das schlaue, fleißige Insekt. Und um deine Frage zu beantworten: Niemand weiß es. Laut meiner Schwester ist diese Kolumne die erste ihrer Art, die im Magazin erscheint.“
Trotz seiner pochenden Schläfen begann Miles die Seiten durchzublättern, unsicher, wonach er suchte. Sicherlich gab es irgendeinen Hinweis, wer das Ding geschrieben und veröffentlicht hatte? Aber alles sah so … gewöhnlich aus.
Erst bei genauerem Hinsehen begann er zu verstehen, was Alistair gemeint hatte. Die Rezensionen waren schärfer, kritischer und meinungsfreudiger, als man gemeinhin erwarten würde, wenn man bedachte, dass sie angeblich von jungen Damen geschrieben wurden. Er vermutete daher, dass der beiliegende Stickmusterbogen etwas Schockierendes hervorbringen würde, falls eine junge Dame sich jemals die Mühe machte, die Arbeit zu vollenden. Auch die Abbildungen der neuesten Moden waren … nun ja, irgendwie grotesk. Spöttisch.
Blinzelnd neigte Miles den Kopf in die eine, das Bild in die andere Richtung.
Alistair riss ihm die Zeitschrift aus den Fingern und schloss sie.
„Sag mal“, protestierte Miles, „das sah doch verdächtig aus wie –“
„Hast du ein vielversprechendes neues Keksrezept gefunden, Deveraux?“
„Das war dein Abbild. Aber warum hat der Zeichner dich mit einem Stock im –?“
„Mantel?“, warf Alistair ein. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung. Jemand, der sich als Miss C. ausgibt, zeichnet die Modischen Ausrutscher, wie sie genannt werden. Offenbar macht es ihr Spaß, Leute lächerlich aussehen zu lassen.“
Trotz seiner eigenen misslichen Lage konnte Miles nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Alistair war schon immer ziemlich … langweilig gewesen, besonders in Sachen Kleidung. Seine Schwestern, die älteren und die jüngeren, versuchten schon seit Jahren, ihn zu modischeren Kombinationen zu überreden.
„Genug von mir“, sagte Alistair, faltete die Zeitschrift und verstaute sie in seiner Brusttasche. „Was wirst du tun?“
„Tun?“ Miles goss mehr Kaffee in seine Tasse, obwohl er schon nüchterner war, als er es sich wünschte. „Nun, ich werde die Einladung zu Lady Clearwaters Ball heute Abend annehmen. Wie es scheint, bin ich auf der Suche nach einer Braut.“
„Aber …“ Vor Erstaunen blieb Alistair der Einwand im Hals stecken.
„Aber zuerst werde ich wohl an Miss Busy B. schreiben und ihr danken. Irgendwo da draußen gibt es eine dumme, romantisch veranlagte junge Dame, die diesen Brief gelesen hat und sich einbildet, sie sei der Herausforderung gewachsen, den Teufel Deveraux zu zähmen.“