Leseprobe Ein Skandal um den Duke

Kapitel 1

Berkeley Square, London

Oktober 1817

Als Franny noch ein Kind war, hatte ihr Vater ihr einmal eine Zeichnung in einem seiner dicken Geschichtsbücher gezeigt. Dort bekam sie zu sehen, welch grausames Schicksal Verrätern der englischen Krone drohte: Die abgeschlagenen Köpfe der Rebellen wurden in Wasser gekocht, mit Pech übergossen und schließlich auf Holzspießen entlang des Südufers der London Bridge zur Schau gestellt.

Sollte dies eine Lehrstunde in Gehorsamkeit gewesen sein, so hatte sie ihr Ziel verfehlt. Und sollte es eine Lehrstunde in Sachen Selbsterhaltungstrieb gewesen sein, so war sie sogar spektakulär gescheitert. Würde Franny ansonsten in dieser dunklen und verlassenen Straße hinter einem Busch kauern und das Haus ihres Onkels Edward ausspähen?

Franny war jedoch nicht als Rebellin geboren worden, vielmehr hatte ihre Lage sie dazu gemacht.

Es war also eine unglückliche Fügung, dass in dieser Nacht die Sterne derart standen, dass sie sie zu dieser kleinen Unbesonnenheit verleiten konnten. Der Abend war dunkel und das ohnehin blasse Licht der Sterne wurde durch eine dicke Wolkenschicht verdeckt. Außerdem waren die Straßen rund um den Berkeley Square menschenleer und die kurze Strecke zwischen ihr und dem Haus ihres Onkels verlockend schnell zu überwinden. Diese perfekte Gelegenheit trieb sie voran.

Oder trieb sie sie doch eher zurück? Ja, genau, zurück - zurück in die Vergangenheit.

Als ob die Versuchung nicht schon groß genug gewesen wäre, hatte sich Lady Crump auch noch früh zurückgezogen, um zu Bett zu gehen. Mit einem Kuss auf die Wange und dem Vorschlag, sich für den Rest des Abends doch bitte zu amüsieren, hatte sie Franny allein gelassen.

Genauso gut hätte das Schicksal selbst Franny aus der Tür schieben können.

Das Stadthaus sah noch fast so aus wie vor zehn Jahren, als sie es verlassen hatte. Nur der Zaun war neu, ein hohes eisernes Gebilde, dessen Oberkante mit einer Reihe spitzer Zacken bestückt war. Gott sei Dank befanden sich keine abgetrennten Köpfe auf diesen Spitzen, dennoch wirkte der Zaun ein wenig befremdlich in einer feinen Gegend wie Mayfair. Er hätte schon als Abschreckung ausgereicht, wenn nicht das helle Flackern der Lampe im Esszimmer gewesen wäre.

Dieses trügerische Leuchten lockte sie aus ihrem Versteck und sie trat an den Straßenrand. Und da sie nun schon einmal hier war … Es war ja nicht so, als würde eine Chance wie diese wiederkommen, oder?

Nur ein Feigling würde sich so eine Gelegenheit entgehen lassen.

Der Saum ihres Mantels flatterte um ihre Knöchel, als sie über die Straße eilte und das Grundstück betrat. Sie duckte sich unter die Äste einer ordentlich beschnittenen Platane, die in der hinteren Ecke im Garten ihres Onkels stand. Ihre Hand berührte die kühle, raue Rinde des Stammes und durch die ausladenden Äste hindurch wanderte ihr Blick nach oben.

Nun, es sah stabil genug aus.

Die Blätter raschelten leise, als sie einen der unteren Äste ergriff und ihren Fuß nach oben schwang. Es erforderte nur ein bisschen Geschicklichkeit, um den nächsten Ast zu ergreifen – eine leichte Aufgabe für eine Lady, die schon auf so viele Bäume geklettert war, nachdem man sie aus London verbannt hatte und sie sich in der wilden Natur von Herefordshire zurechtfinden musste.

Eine Hand nach der anderen, einen Fuß nach dem anderen, höher immer höher kletterte sie, bis sie am Fenster des Esszimmers angekommen war. Frannys Herz schlug vor Freude heftig gegen ihre Rippen, nur um dann vor Enttäuschung ins Stocken zu geraten.

Susannah war nicht da.

Ein Mann saß alleine am Esstisch, mit dem Rücken zum Fenster, eine leere Flasche Portwein vor sich, das schwer gewordene Kinn auf seine Brust gestützt. Er hatte weniger Haare auf dem Kopf als noch vor zehn Jahren, aber sie würde ihren Onkel Edward überall erkennen.

Der Portwein hatte ihn so müde gemacht, dass er eingeschlafen war. Sein dröhnendes Schnarchen war ihr so vertraut, dass sie vor ihrem inneren Auge regelrecht sah, wie seine wulstigen Lippen vibrierten, wie der Speichel an seinen Mundwinkeln klebte.

Sie verweilte nicht länger, ließ ihren Onkel in seinem Schlummer zurück und kletterte auf demselben Weg wieder hinunter. Einen Fuß nach dem anderen, eine Hand nach der anderen. Sie ließ ihre Beine baumeln, bis sie die dicksten Äste gefunden hatte, die ihr Gewicht sicher tragen konnten.

Von all den Dingen, nach denen sie sich in den Jahren, nachdem sie London verlassen hatten, gesehnt hatte …

Nach all den Träumen, die sie in den langen Nächten verfolgten, in denen sie in ihrem zugigen Häuschen in Herefordshire zitternd in ihrem Bett lag und dabei ihr elfjähriges Herz brach …

Von all den Menschen, die sie mit dem tiefen, schmerzenden Kummer eines verletzten Kindes vermisst hatte …

Ihr Onkel Edward hatte nicht dazu gehört.

***

Giles hatte einen durchaus respektablen Grund gehabt, Lord Stanhope an diesem Abend aufzusuchen. Einen angemessenen, ehrenwerten Grund, einen Gentleman-Grund, wie es sich für einen angemessenen, ehrenwerten, vornehmen … ähm, Gentleman eben gehörte.

Er war hierhergekommen, um … ja, um …

Verflucht, warum war er denn nun hierhergekommen? Es hatte irgendetwas mit einer Frau zu tun. Oder mit einer Lady. Das eine oder das andere. Er konnte sich jetzt nicht mehr daran erinnern, weil der Abend eine katastrophale Wendung genommen hatte.

Eine katastrophale, von Trunkenheit geprägte Wendung. Das hätte nicht passieren dürfen, obwohl es eigentlich absehbar gewesen war. Denn Stanhope hatte einen wahrlich ausgezeichneten Portwein serviert.

Das war aber auch das Beste, was man über Stanhope sagen konnte. Das Schlimmste, was man über ihn sagen konnte, war, dass er über dieses und jenes in derart ermüdender Länge schwadroniert hatte, dass er sich dazu genötigt sah, immer weiter zu trinken. Und so wurde sein Gehirn mit jedem Wort seines Gastgebers immer benebelter.

Sie ist eine wahre Schönheit, Basingstoke. Sieht aus wie ihre Mutter, aber mit den blauen Augen der Stanhopes.

Blaue Augen, blaue Augen … ja, das kam ihm bekannt vor. Er hatte Stanhope einen Besuch abgestattet, weil … Es hatte jedenfalls etwas mit blauen Augen zu tun. Aber kaum hatte er das Thema blaue Augen aufgreifen wollen, fing Stanhope an über Pferde zu reden. Ausgerechnet Pferde.

Es ist so ähnlich wie bei Eurem hübschen Paar Brauner, was, Basingstoke? Stanhope war näher herangerückt, sodass sein heißer, saurer Atem über Giles’ Gesicht waberte. Für einen Herzog kommen nur die edelsten Zuchttiere in Frage.

Moment! Giles blieb auf dem Bürgersteig am Fuße der Treppe stehen. Blaue Augen, Zuchttiere und …

Verdammt, fast hatte er es. Doch im letzten Moment entglitt es ihm wieder.

… Meine Susannah ist wahrlich das schönste Stutfohlen in London.

Susannah! Bei Gott, das war es! Er war heute Abend hierhergekommen, um die Erlaubnis zu erhalten, Lady Susannah Stanhope den Hof zu machen. Eigentlich nicht ganz angemessen, beim Umwerben so tief ins Glas zu schauen.

Er sollte berauscht von ihr sein, nicht einfach nur berauscht. Dennoch hatte er es geschafft. Er hatte seine Bewunderung und unsterbliche Hingabe und all diesen Unsinn bekundet und dann seine Absichten gegenüber Lady Susannah erklärt. Und Stanhope hatte etwas darauf erwidert … irgendetwas.

Da sein Kopf vom Portwein ganz benebelt war, konnte er sich nicht mehr genau daran erinnern, was es gewesen war. Aber Stanhope würde ihn doch wohl kaum zurückweisen, oder? Jeder Mann von Adel in London war hinter Lady Susannah Stanhope her, aber er war schließlich ein Herzog. Und Stanhope wollte, dass seine Tochter zur Herzogin gemacht wurde.

Er hätte sich auch quer über den Esstisch seines Gastgebers übergeben können und trotzdem hätte ihm Stanhope die Hand seiner Tochter noch mit einem Lächeln überreicht.

Er hatte also seine Braut für sich gewonnen und war heute Abend der glücklichste Mann in ganz London!

Oder etwa nicht?

Jaja, natürlich war er das. Er hatte sich fest vorgenommen, dieses Jahr zu heiraten. Und Lady Susannah würde mit Sicherheit zur schönsten Dame der Saison gekürt werden. Es verstand sich von selbst, dass für den Herzog von Basingstoke nur der perfekteste Diamant der Gesellschaft in Frage kam.

Er war der glücklichste – und betrunkenste – aller Männer und völlig vernarrt in seine zukünftige Braut.

Zumindest wäre er es, sobald sie sich kennengelernt hätten. Bislang hatte er das Mädchen nur einmal aus der Ferne gesehen. Und er hatte nicht viel von ihr erkennen können, nur, dass sie sehr zierlich war und dunkles Haar hatte. Laut jedem hirnverbrannten Trottel in London hatte sie auffällig schöne blaue Augen. Aber darüber würde er sich erst ein Urteil bilden, wenn er sie selbst gesehen hatte …

Rums.

Er hielt inne und blinzelte in die Dunkelheit. Waren das etwa Schritte, die zu dieser nächtlichen Stunde aus Stanhopes Garten kamen? Wie merkwürdig. In der Woche vor Beginn der Londoner Saison ereigneten sich stets allerlei seltsame Dinge, aber er hatte noch nie von einem Voyeur gehört, der in Mayfair herumschlich. Leider Gottes war er viel zu betrunken, um etwas dagegen zu unternehmen.

„Verflixt, du elendes Ding!“

Was zum Teufel? Er hielt inne und lauschte. Es folgte ein weiteres Poltern, gefolgt von einem Geräusch, das wie das Zerreißen von Stoff klang. „Lass los, verdammt noch mal!“

Grundgütiger, das war ja gar kein Voyeur, sondern eine Voyeurin!

Nun, das änderte die Sachlage entscheidend, nicht wahr?

Er schlich näher heran und spähte in die Dunkelheit.

Ja, genau dort, auf der anderen Seite des Zaunes, lungerte eine schemenhafte Gestalt herum. Doch sie war von den dichten Ästen des Baumes verdeckt.

„Kommen Sie sofort aus dem Garten seiner Lordschaft heraus, Madam, und zeigen Sie sich!“

Ja, das war sehr gut – er hatte kaum genuschelt –, aber die Übeltäterin tauchte nicht auf. Und abgesehen von einem Rascheln der Äste folgte auch keine Antwort.

Nun, das würde nicht ausreichen. „Es kann keinen triftigen Grund geben, der erklärt, warum Sie im Garten seiner Lordschaft herumstreunen. Entweder sind Sie ein Dieb oder Schlimmeres. Kommen Sie freiwillig heraus oder ich komme hinein und hole Sie selbst.“

Es folgte eine lange Pause, dann sagte eine Stimme: „Ich fürchte, Sie müssen mich holen, denn ich kann nicht selbst heraus. Ich hänge fest.“

Er blinzelte. Mit dieser sanften, klaren Stimme klang sie wahrlich nicht wie eine Diebin. Abgesehen von dem Fluch, den sie geäußert hatte, hörte sie sich tatsächlich an wie eine Lady. „Festhängen? Wie können Sie festhängen?“

„Das ging ganz einfach, Sir, das versichere ich Ihnen. Die Rückseite meines Capes hat sich an einer der Spitzen oben auf dem Zaun verhakt.“

Wie hatte sie denn das geschafft? „Nun, dann ziehen Sie Ihr Cape doch einfach aus.“

„Ja, daran habe ich auch gedacht. Aber es sitzt ziemlich eng um meine Arme und ich habe nicht viel Bewegungsfreiheit, da der Zaun direkt hinter meinem Rücken ist.“

Nun, sie hatte es wahrlich vermasselt, nicht wahr? „Verzeihen Sie, Madam, aber Sie klingen nicht gerade wie eine besonders geschickte Diebin.“

Ein entrüstetes Schnauben ertönte unter dem Baum hervor. „Ich bin überhaupt keine Diebin!“

Für eine Diebin hatte sie eine recht angenehme Stimme. „Natürlich sind Sie eine. Warum sonst sollten Sie durch einen dunklen Garten schleichen?“

Ihm erschien es eine durchaus vernünftige Frage, doch sie stieß nur ein spöttisches Prusten aus.

„So sehr ich unser angenehmes Gespräch auch genieße, Sir, bin ich im Moment doch ziemlich in Anspruch genommen. Wenn Sie also nicht vorhaben, mir zu helfen, so wäre es vielleicht besser, Sie würden sich wieder Ihren eigenen Angelegenheiten zuwenden.“

Hatte sie ihn gerade weggescheucht? Einen Duke konnte man nicht einfach wegscheuchen, um Himmels willen. Das tat man nicht. „Den Teufel werde ich. Ich komme hinein und hole Sie. Und dann übergebe ich Sie dem Wachmann.“

Ach, das war leichter gesagt als getan, angesichts der Höhe des Zauns, der Spitzen und seines betrunkenen Zustands. Warum zum Teufel brauchte Stanhope einen schier unüberwindbaren und derart abschreckenden Zaun? Grundgütiger, er war ein Earl und nicht König Georg IV.

Nach einigem Gezappel und einer beinahe erfolgten Kastration durch eine scharfe und besonders aggressive Spitze schaffte er es schließlich, über den Zaun zu klettern, ohne dabei lebenswichtige Körperteile zu verstümmeln. Er ließ seinen Blick über den Garten schweifen und blieb an jedem Schatten hängen. Doch sie hatte sich gut versteckt, wie es sich für eine geschickte Diebin auch gehörte. „Würden Sie mir bitte helfen, Madam?“

Es ertönte ein leises Keuchen, dann: „Hier drüben.“

Sie klang nicht so, als wolle sie gerettet werden, doch sie hatte seine Neugier geweckt. Und die Launen eines Herzogs mussten befriedigt werden. Erneut suchte er den Garten ab und entdeckte dieses Mal eine dunkle, vage weiblich anmutende Gestalt, die sich an den Zaun presste. Ihre Arme waren seitlich abgewinkelt und die Kapuze ihres Capes tief über den Kopf gezogen.

„Das sieht nicht gerade bequem aus.“

„Ist es auch nicht. Würden Sie vielleicht so freundlich sein, mit dem Gaffen aufzuhören, und mir herunterhelfen?“

Gaffen? Frechheit! „Für eine Diebin sitzen Sie auf einem ganz schön hohen Ross.“

„Ich sagte Ihnen doch, dass ich keine Diebin bin. Ich … aua!“ Sie stieß einen Zischlaut aus und begann, sich am Zaun zu winden wie ein Wurm am Haken. „Verflixt, ich habe einen Krampf im Nacken!“

„Nun, so zu zappeln wird nicht helfen. Hören Sie auf mit diesem Gestrampel!“ Er durchschritt den Garten und legte seine Hände auf ihre schmalen Schultern, um sie zu beruhigen. Dann griff er hinter sie, um herauszufinden, wie sich ihr Cape verfangen hatte. „Gütiger Himmel, ein wenig weiter links und das wäre eine Enthauptung geworden.“

Die Spitze des Zauns hatte sie genau an der empfindlichen Stelle erwischt, wo der Hinterkopf in den Nacken übergeht, und sich dort in den Stofffalten ihres Capes verfangen. Sie hätte die ganze Nacht über zappeln und strampeln können und wäre dennoch nicht freigekommen. „Würden Sie bitte aufhören, sich so zu winden, Madam?“

„Ich winde mich, weil Sie mich erwürgen, Sir!“

„Das stimmt. Ich bitte um Verzeihung.“ Er beugte sich näher heran und blinzelte in die Dunkelheit. Er konnte überhaupt nichts sehen, und so zog er sich, nachdem er mit den Fingern am Stoff herumgefummelt hatte, letztlich zurück. „Also gut, ich muss Sie von der Zaunspitze herunterheben.“

„Mich herunterheben? Gibt es denn keinen anderen Weg?“

„Nein. Sie sind hoffnungslos verheddert und der Knoten ist so fest wie meine geschlossene Faust.“

„Aber …“

„Ich kann Sie entweder von der Spitze heben, Madam, oder ich kann Sie hierlassen. Die Entscheidung obliegt ganz Ihnen.“ Er trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

Sie schnaufte, seufzte dann und ergab sich schließlich dem Unvermeidlichem. „Ja, in Ordnung. Heben Sie mich bitte herunter.“

„Eine weise Entscheidung, Madam.“ Er legte seine Hände um ihre Taille und hielt dann inne, als ihn ein unerwartetes Kribbeln überkam und zwar ein äußerst unpassendes. Sie hatte eine schmale Taille, die in verlockend gerundete Hüften überging. Ihrem Haar entströmte ein betörender blumiger Duft, der so gar nicht dem entsprach, was er sich unter dem Geruch eines Diebes vorgestellt hatte …

„Bitte, Sir, so beeilen Sie sich doch.“

„Äh, ja, natürlich. Ich bitte um Verzeihung. Legen Sie Ihre Hände auf meine Schultern. Ja, so. Sehr gut. Und jetzt halten Sie sich fest.“ Er beugte die Knie, straffte die Oberschenkel und hob sie mit einem anmutigen Schwung in die Luft – hoch, dann noch höher, bis die Rundungen des üppigen Busens, die sie unter diesem unförmigen Cape verbarg, nur noch einen Hauch von seinem Mund entfernt waren und ihre Kapuze schließlich von der Zaunspitze rutschte.

Nun, vielleicht war „anmutig“ nicht ganz das richtige Wort. Sein Handeln hätte möglicherweise anmutig sein können, wenn er nicht so betrunken gewesen wäre. Aber es war wie es war, und so kippte er nach hinten und landete mit einem „Uff“ auf seinem Hintern, seine Hände immer noch um ihre Taille geschlungen.

„Oje.“ Sie blieb einen Moment schwer atmend auf ihm liegen, kämpfte sich dann auf die Knie und beugte sich stirnrunzelnd über ihn. „Haben Sie sich verletzt?“

Giles antwortete nicht, sondern blickte sie sprachlos an. Dunkles Haar ergoss sich um ein herzförmiges Gesicht mit vollen rosa Lippen, einem schmalen Kinn und den schönsten dunkelblauen Augen, die er je gesehen hatte.

Das Blau der Stanhopes.

Ihre Anwesenheit in dem Garten, hinter dem Zaun, ihr damenhafter Akzent, diese blauen Augen … natürlich.

Bei Gott, sie hatte die Wahrheit gesagt. Sie war wirklich keine Diebin. Es gab nur eine Erklärung für ihre Anwesenheit in diesem Garten. Sie konnte gewiss nur diese eine Person sein.

Er hatte seine zukünftige Herzogin gerade von einer dieser unsäglichen Zaunspitzen gepflückt.

Er kämpfte sich auf seine Ellbogen hoch. „Lady Susannah?“

Sie erstarrte, ihre blauen Augen weiteten sich, wurden noch weiter. Und dann, schnell, bevor er auch nur daran denken konnte, sie festzuhalten, sprang sie auf die Füße und floh in einem Wirbel aus zerrissenem Musselin an den Rand des Gartens. Im Handumdrehen kletterte sie über den Zaun und, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen, war sie verschwunden.

Kapitel 2

Charles Street, Berkeley Square

Ein paar Tage später.

Lady Francesca Stanhope hatte das bedenkliche Alter von einundzwanzig Jahren erreicht, ohne jemals auf einem Londoner Ball eine Quadrille getanzt zu haben.

Und sie würde auch heute Abend keine tanzen. Eine lästige Angelegenheit, diese Quadrillen. Volkstänze waren ja noch einigermaßen auszuhalten, aber sie war schließlich auch nicht nach London gekommen, um zu tanzen, mit ihrem Fächer zu flirten, mit den Wimpern zu klimpern oder sich in den bewundernden Blicken der Dutzenden von heiratsfähigen Herren zu sonnen, die im Ballsaal umherstreiften und die jungen Damen musterten, als wären sie Süßigkeiten auf einem Serviertablett. Sie war nicht gekommen, um zu kichern oder zu tratschen oder um Ratafia aus kleinen silbernen Bechern zu nippen.

Ihre einzige Hoffnung für den Abend – ihre einzige Bedingung, ihr einziger fester Vorsatz für ihre erste und einzige Londoner Saison – war es, völlig unsichtbar zu bleiben.

Leider schwand diese Hoffnung mit jeder Drehung, die sie vor dem Spiegel vollführte. Sicher, es gab Rosatöne, die für junge Damen akzeptabel waren. Das süße, frische Rosa einer Pfingstrose, die kurz vor dem Aufblühen steht, zum Beispiel, oder das reine blasse Rosa einer errötenden Jungfrau. Das zarte Rosa der Lippen eines Neugeborenen und das schimmernde, silbrige Rosa von Muscheln.

Und dann … dann gab es noch diese anderen Nuancen von Rosa. Sie drehte sich vor dem Spiegel hin und her und betrachtete ihr Abbild. Es half nichts. Egal, wie sehr sie die Augen zusammenkniff, es war aus jedem Blickwinkel dasselbe.

Es war, Gott möge ihr helfen, wahrlich eine dieser anderen Nuancen von Rosa.

Magenta. Himbeere. Kamelie. Azalee. Oder einfach nur Pink. Wie auch immer man es nennen wollte.

„Es ist ein bisschen grell“, sagte Jenny, die Franny als Zofe während ihres Aufenthalts bei Lady Crump diente, und tat ihr Bestes, um die Puffärmel des Kleides, die aus Spitze waren, unter Kontrolle zu bringen. „Aber mit Eurem dunklen Haar und Eurer hellen Haut schmeichelt Euch jede Farbe, Mylady.“

„Es ist doch nicht wirklich angebracht, dass eine junge Lady in ihrer ersten Saison in derart leuchtenden Farben erscheint, oder? Vielleicht wäre ein anderes von Lady Dorotheas Kleidern schmeichelhafter? Ein etwas weniger Auffälliges?“

Jenny schüttelte den Kopf. „Sie haben alle dieselbe Farbe wie dieses hier, Mylady.“

„Was, alle?“ In diesem Schrank befanden sich mindestens zwei Dutzend Ballkleider und alle hatten denselben Rosaton? Was auch immer die Modistin dazu getrieben hatte, so viele abscheuliche pinkfarbene Kleider zu entwerfen, sie hätte mit einer Heugabel aus London gejagt werden sollen.

„Ich fürchte ja. Lady Dorothea liebt Pink.“

Dieses Kleid und alle anderen, die sich in den Kleiderschrank quetschten, waren für Lady Crumps Nichte, Lady Dorothea, angefertigt worden. Doch es war zu einem Skandal gekommen und die arme Lady Dorothea war einige Wochen vor Beginn der Saison hastig mit dem Sohn eines Gutsbesitzers verheiratet worden. Lady Crump, eine überaus freundliche Seele, hatte daraufhin Franny eingeladen, anstelle von Dorothea für eine Saison nach London zu kommen. Alles war etwas überstürzt verlaufen. Und selbst wenn Frannys Mutter das Geld für neue Kleider gehabt hätte – was nicht der Fall war –, hätte die Zeit nicht ausgereicht, um welche anfertigen zu lassen.

Also gut, dann eben Rosa. Aber nicht irgendein hübsches Rosa, sondern ein grelles, schrilles, blendendes Pink. Es wäre vielleicht nicht ganz so katastrophal gewesen, wenn es nur die Farbe gewesen wäre, aber das Kleid war zusätzlich mit unzähligen Bändern und üppiger Seidenspitze überladen.

Es war wirklich schwer zu sagen, ob die Farbe, die Passform oder die extravaganten Details das Schlimmste waren. Franny schaute auf ihr Spiegelbild, wandte dann aber schnell wieder entsetzt den Blick ab. Doch sie war derart von dem aufdringlichen Pinkton geblendet, dass sie den Anblick des Kleides weiterhin vor Augen hatte, als hätte er sich in ihre Netzhaut eingebrannt.

Die Farbe war das Schlimmste daran. Eindeutig die Farbe.

Sie wagte einen weiteren Blick in den Spiegel, aber nein, alles, was sie sehen konnte, war der Garten ihrer Nachbarn in Herefordshire.

Mrs Cornelius hatte eine Vorliebe für Fuchsien.

Nun, es hatte keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Was machte es schon, wenn sie wie die Fuchsien von Mrs Cornelius aussah? Sie war ja nicht nach London gekommen, um die feine Gesellschaft zu beeindrucken oder einen Ehemann zu finden … „Francesca?“ Es klopfte kurz an der Tür und einen Moment später schwebte Lady Crump schon über die Schwelle. „Sind Sie fertig, meine Liebe? Ich habe gerade Thomas nach der Kutsche geschickt und …“ Lady Crump schnappte nach Luft, als sie Franny erblickte, und hielt sich die Hand vor den Mund.

Franny wandte sich lächelnd vom Spiegel ab und ließ Lady Crump ihre Robe begutachten. „Ist es so recht?“

„Mein liebstes Mädchen, Sie sehen einfach hinreißend aus!“ Lady Crump drückte eine Hand auf ihre Brust. „Sie sehen aus wie eine Märchenprinzessin!“

Franny biss sich auf die Lippen, um ihr Grinsen zu verbergen. Prinzessinnen hatte sie noch nie besonders gemocht, weder Märchenprinzessinnen noch andere, aber sie würde nie im Traum daran denken, Lady Crump vor den Kopf zu stoßen, indem sie ihr das sagte. „Sie finden es also akzeptabel?“

„Akzeptabel? Dieser Rosaton steht Ihnen ausgezeichnet! Nun, ich sagte zu Dorothea, als wir ihre Farbe für die Saison auswählten, dass nicht einmal eine von zwei Dutzend Damen einen solchen Rosaton tragen könnte, aber Sie werden dem wahrlich gerecht, meine Liebe.“

„Ja, aber ich frage mich, Mylady, ob mir das Kleid auch wirklich passt? Es ist an dieser Stelle des Mieders etwas zu weit, oder?“ Sie kniff eine Stofffalte an ihrer Taille zwischen ihren Fingern zusammen. „Und vielleicht ist es mir auch etwas zu kurz und zu eng an der Brust?“

„Je enger an der Brust, desto besser!“ Lady Crump kicherte. „Vor allem, wenn eine junge Dame kein Geld hat, um einen Verehrer zu bezirzen. Sie müssen mir glauben, Francesca, dass Kurven Wunder bewirken können, von denen Geldstücke nur träumen können!“

Das mochte ja so sein, aber in der Natur galten leuchtende Farben immerhin als Warnung vor extremer Giftigkeit, nicht wahr? Ein Pink wie dieses würde die Herren also eher abschrecken, denn anlocken. Aber andererseits hatte sie ohnehin nichts für die feinen Herren Londons übrig, also war es vielleicht ganz gut so.

„Kommen Sie, Francesca, die Kutsche wartet. Wir brechen auf zur ersten Nacht eines mit Sicherheit triumphalen Debüts!“ Lady Crump nahm sie am Arm und führte sie zur Tür des Schlafzimmers. „Überlassen Sie es nur mir, und wir werden Sie noch vor Ende der Saison standesgemäß unter die Haube gebracht haben.“

Triumph war natürlich ein relativer Begriff. Das Scheitern der einen jungen Lady war der überwältigende Erfolg einer anderen. Eine andere junge Dame konnte beispielsweise gerne um die Aufmerksamkeit des ton buhlen, aber sobald sie selbst Lord Hastings Ballsaal betrat, verkroch sich Franny in die unauffälligste Ecke, die sie finden konnte. So weit weg vom Tanzgeschehen wie möglich.

Ein Mauerblümchen unter Mauerblümchen.

Diese Strategie hätte eigentlich dafür Sorge tragen sollen, dass sie nicht weiter auffiel. Doch das leuchtend pinkfarbene Kleid zog alle Blicke auf sich, bis sie sich wie eines der armen, in einem Käfig gefangenen Tiere in der Menagerie des Tower of London fühlte.

Wenn sie sich mit nur einem Fingerschnipsen hätte verschwinden lassen können, wäre sie schon weg. Da sie jedoch keine Zauberin war, blieb ihr nichts anderes übrig, als den Kopf hochzuhalten und die offensichtlich hämischen Bemerkungen und das Kichern zu ignorieren, auch wenn sie fast unter dem Gewicht all der unfreundlichen Blicke, die auf sie gerichtet waren, in sich zusammenzusinken drohte.

Lady Crump blieb natürlich in ihrer Nähe und tätschelte Franny oft tröstend die Hand. Nachdem eine Stunde vergangen war, ohne dass ein einziger Gentleman auf sie zukam, um sich vorzustellen oder sie um einen Tanz zu bitten, kam ihre Ladyschaft mit einer der anderen enttäuschten Matronen in der Nähe ins Gespräch. Die beiden plauderten über die Eintönigkeit von Bällen und wunderten sich über den Mangel an Urteilsvermögen, der unter den Gentlemen Londons herrschte. Dennoch gab es einen Lichtblick, und es war wahrlich nicht ihr leuchtendes Kleid.

Da sich ihr niemand vorgestellt hatte, kannte auch niemand im Ballsaal ihren Namen.

Immerhin etwas. Es gewährte ihr wenigstens ein bisschen der Anonymität, auf die sie gehofft hatte. Diese würde ihr schon noch früh genug entrissen werden, aber bis dahin konnte sie die Gesellschaft in Ruhe beobachten.

Und es war ein ziemliches Spektakel.

So viele elegante Menschen an einem Ort versammelt! Allein die Seidenkleider und Juwelen waren atemberaubend. Die meisten der anwesenden jungen Damen waren ein paar Jahre jünger als sie. Dennoch wirkten sie wie völlig andere Wesen, in ihren pastellfarbenen Kleidern, mit den filigranen Perlen oder Diamanten an Ohren und Hals und den modisch gelockten Strähnen, die ihre Gesichter umrahmten.

Doch das eine Gesicht, nach dem sie suchte, das eine Gesicht, das sie unbedingt sehen wollte, blieb ihr verborgen. Es war ein Gesicht, das ihrem eigenen sehr ähnlich war – mit demselben spitzen Kinn und denselben klaren blauen Augen.

Dem Blau der Stanhopes.

Oder Libellenblau, wie ihre Mutter es immer genannt hatte, weil es in ihren liebevollen mütterlichen Augen dasselbe kristallklare Blau wie die Flügel einer Libelle hatte. Würde sie ihre Cousine überhaupt wiedererkennen, wenn sie im Ballsaal auftauchte? Ein Jahrzehnt schien eine Ewigkeit und Susannah war damals noch ein Kind gewesen. Jetzt war sie eine junge Lady, die ihre erste Saison antrat. Aber sie konnte sich doch sicherlich nicht so sehr verändert haben - Franny würde sie auf jeden Fall wiedererkennen. Oder?

Sie hatte Susannah unzählige Male geschrieben, seit … nun ja, seit sie getrennt worden waren. Sie hatte nie einen Brief zurückerhalten, doch könnte es eine ganze Reihe von Gründen für die ausbleibende Antwort ihrer Cousine geben. Susannah war erst acht Jahre alt gewesen, als es passierte. Und schon damals stand sie ständig unter der Fuchtel ihres Vaters. Entweder hatte er ihr verboten, die Briefe zu beantworten, oder Susannah, die mittlerweile durch die Lügen ihres Vaters gegen Franny eingenommen war, hatte diese Entscheidung selbst getroffen. Sie wollte fest daran glauben, dass es das Erstere war, aber nach zehn langen Jahren des Rätselns würde sie es bald mit Sicherheit herausfinden.

Sie würden doch zu Lord Hastings Ball kommen, oder? Es war der erste Ball der Saison und dazu ein sehr bedeutender. Sie saß auf der Kante ihres vergoldeten Stuhls und ließ ihren Blick über jede junge Dame mit dunklem Haar schweifen. Aber eine weitere halbe Stunde verging, ohne dass sie auftauchten.

War es möglich, dass sie bereits gekommen und wieder gegangen waren und sie sie verpasst hatte? Sie hatte zwar den Eingang kaum aus den Augen gelassen, aber immer mehr Menschen drängten herein, bis der Ballsaal zu einem einzigen Meer aus nicht mehr zu unterscheidenden Schultern und Köpfen geworden war.

Vielleicht sollte sie einfach ein oder zwei Plätze weiterrücken. Ja, das war besser. Von hier aus hatte sie einen ungehinderten Blick auf … „Oh! Ach, du meine Güte.“

Dutzende schöne junge Damen drängten sich heute Abend im Ballsaal, aber keine war so atemberaubend wie die, die gerade die Türschwelle überschritten hatte.

„Sie sieht aus wie ein Engel, nicht wahr?“

Eine junge Dame mit glänzendem goldbraunem Haar, die ein paar Stühle von Franny entfernt saß, war ihrem Blick zur gegenüberliegenden Seite des Ballsaals gefolgt. „Es ist wirklich ziemlich erstaunlich.“

„Das ist es in der Tat.“ Franny erhob sich halb von ihrem Sitz, um einen besseren Blick auf die junge Dame zu werfen, die ihr derart aufgefallen war. Sie stand in einer flachen Nische an einer Seite des Eingangs und ihr goldenes Haar schimmerte im Kerzenlicht der Kronleuchter darüber. „Ist sie die Schönheit der Saison?“

„Eigentlich sollte sie es sein, aber sie ist nicht die Art von Person, die sich in den Vordergrund drängt. Entschuldigen Sie, ich bitte um Verzeihung.“ Die junge Dame lächelte sie freundlich an. „Es ist schrecklich unhöflich von mir, Sie ohne eine Vorstellung anzusprechen, aber wir sitzen jetzt seit fast drei Stunden zwei Stühle voneinander entfernt, und es wäre doch albern, nicht miteinander zu sprechen.“

„Unverzeihlich, ja, vor allem, da anscheinend niemand sonst vorhat, mit einer von uns beiden zu sprechen.“ Franny erwiderte das Lächeln der jungen Dame. „Mauerblümchen müssen sich zur Unterhaltung aufeinander verlassen können.“ Es war ein zu unverblümter Kommentar, um noch eine höfliche Bemerkung zu sein, aber die junge Dame lachte nur.

„In der Tat. Nun, Lady Diana, unsere blonde Göttin dort, soll ziemlich schüchtern und vielleicht auch ein wenig unbeholfen sein. Wenn Sie nach der Schönheit der Saison suchen, sie ist gerade angekommen.“

Franny folgte ihrem Blick und ihr Herz schlug plötzlich wie wild.

Dort, direkt hinter der blonden Göttin, stand ein Mann, der für einen einzigen Augenblick, nur einen kurzen, eingefrorenen Moment in der Zeit, ihrem eigenen geliebten Vater so ähnlich sah, dass ihr Herz einen hektischen, törichten Sprung in ihrer Brust machte. Aber dann drehte er den Kopf und war einfach wieder ihr Onkel Edward, so unähnlich ihrem gütigen Vater, wie ein Mann nur sein konnte, obwohl sie Brüder waren – nun ja, gewesen waren.

Aber die junge Lady an seiner Seite, gekleidet in blassblaue Seide, ihr dunkles Haar zu einer glänzenden Lockenmasse im Nacken zusammengefasst … Ein roher, vertrauter Schmerz stieg in Frannys Brust auf, als sie Susannah anstarrte.

Sie kannte ihre Cousine nicht mehr, aber oh, wie sehr hatte sie sie einst geliebt! Sie liebte sie immer noch, aber es war eine Liebe, die auf der Erinnerung an die Person beruhte, die Susannah einmal gewesen war. Einer Erinnerung, die jetzt verblasst und an den Rändern abgenutzt war.

Diese junge Dame ist Lady Susannah Stanhope. Sie ist reizend, nicht wahr?“

„Wirklich reizend, ja.“ Susannah hatte sich von einem entzückenden kleinen Mädchen mit wirren dunklen Locken zu einer atemberaubenden Schönheit entwickelt. Sie war zierlicher als Franny und hatte eine schlanke, wohlgeformte Figur, die weitaus moderner war als Frannys üppige Kurven, aber ansonsten glichen sie einander wie Schwestern.

„Lady Susannahs Vater, Lord Edward Stanhope, steht dort drüben“, fügte die junge Dame neben ihr hinzu. „Der große Mann mit dem dunklen Haar, und ihre Mutter, Lady Edith Stanhope, hat sich bei ihm eingehängt.“

Ja, Tante Edith war nicht zu übersehen. Sie trug ein pompejanisch-rotes Seidenkleid, das so luxuriös war, dass der Preis für eine einzige Stofflage Franny und ihre Mutter wahrscheinlich drei Winter lang mit Kohlen versorgt hätte.

Aber für Tante Edith war nur das Beste gut genug.

„Lady Susannah ähnelt ihrer Mutter, abgesehen von der Farbe ihrer Augen. Aus dieser Entfernung kann man es natürlich nicht erkennen, aber ihre blauen Augen sind in ganz London bekannt.“ „Libellenblau“, murmelte Franny.

„Lady Edith war zu ihrer Zeit eine berühmte Schönheit gewesen. Sie sieht immer noch attraktiv aus, finden Sie nicht auch?“ Die junge Dame beugte sich näher zu ihr und senkte ihre Stimme. „Das würde sie jedenfalls, wenn sie nicht so einen unangenehmen, verkniffenen Gesichtsausdruck hätte.“

Franny unterdrückte ein leises Schnauben. „Oje, äh, vielleicht sollte ich mich besser vorstellen. Ich bin Lady Francesca Stanhope. Lady Edith Stanhope ist meine Tante.“

„Lady Francesca Stanhope!“ Die junge Dame errötete bis in die Haarspitzen. „Meine Güte, jetzt bin ich aber ins Fettnäpfchen getreten, oder? Ich bitte um Verzeihung. Lady Susannah ist also Ihre Cousine?“

„Ja.“ Es hatte keinen Sinn, die Wahrheit zu verbergen, da jeder in London schon bald herausfinden würde, wer sie war. „Mein Vater ist … war der ältere Bruder von Lady Susannahs Vater.“

„Sehr erfreut, Lady Francesca. Ich bin Miss Prudence Thorne. Oder Prue, wenn Sie mögen.“

Franny rutschte über die beiden leeren Stühle zwischen ihnen und nahm neben ihrer neuen Freundin Platz. „Es ist mir eine Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Thorne.“

Miss Thornes Blick wanderte von Franny zu Susannah und dann wieder zurück. „Wie konnte ich die Ähnlichkeit zwischen Ihnen und Ihrer Cousine nicht sofort bemerken? Sie sehen sich sehr ähnlich. Vielleicht, Lady Francesca, werden Sie statt Ihrer Cousine die Unvergleichliche der Saison.“

„In diesem Kleid? Ich denke nicht.“ Die Unerträgliche vielleicht, wenn es diese denn gäbe. „Sie sagten, Sie glauben, dass Susannah die Schönheit der Saison sein wird?“ Ihr Blick wanderte zurück zu der goldhaarigen Lady Diana. Es schien unmöglich, dass eine andere Dame zur Schönheit erklärt werden könnte, solange es eine junge Lady wie genau diese gab.

„Nun, man kann es natürlich nie genau wissen, da der ton so launisch ist wie eine Herde Wildkatzen. Aber ja, ich halte es für wahrscheinlich. Es gibt keine andere junge Dame in London, die Lady Diana an Schönheit das Wasser reichen kann, aber sie ist ziemlich zurückhaltend und nicht darauf aus, Aufmerksamkeit zu erregen. Ihre Familie hat sie größtenteils aus der Gesellschaft herausgehalten.“

Und es stimmte, Lady Diana strahlte nicht gerade Selbstsicherheit aus. Sie schien sich ihrer Schönheit nicht bewusst zu sein. Stattdessen klammerte sie sich an den Arm der Dame neben ihr und hielt den Blick gesenkt. „Aus welcher Familie stammt sie?“

„Die Dame neben ihr ist ihre Mutter, Judith Drew, Ihre Gnaden, die Herzogin von …“

„Basingstoke.“ Franny überkam ein Schauer, als sie den vertrauten Namen hörte, und die feinen Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Sie konnte den Namen kaum schnell genug aussprechen.

Judith Drew war die Witwe des siebten Duke of Basingstoke, eines Mannes, der so böse und hartherzig gewesen war, dass man bestenfalls sagen konnte, er sei endlich in die Hölle hinabgestiegen, bevor er eine weitere Familie zerstören konnte.

Für ihre Familie war es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät gewesen.

„Und das bedeutet natürlich, dass Lady Dianas Bruder …“

„Der aktuelle Duke ist.“

„Ja, in der Tat. Giles Drew, der achte Duke of Basingstoke. Haben Sie ihn gesehen? Er ist sogar noch schöner als seine Schwester, wenn man sich das überhaupt vorstellen kann. Ich wäre furchtbar verärgert über ihn, wenn er mein eigener Bruder wäre.“

Er war schön? Die Götter waren der Familie Drew offenbar wohlgesonnen, nicht wahr? „Sicherlich kann kein Gentleman so schön sein wie diese junge Dame.“

„Sie können sich selbst ein Urteil bilden, schon bald.“ Miss Thorne warf einen Blick zum Eingang des Ballsaals. „Es wird erwartet, dass der Herzog sich seiner Mutter anschließt, um Lady Diana in dieser Saison zu begleiten.“

„Es ist schon ziemlich spät, oder nicht?“ Wenn der Herzog vorhatte, seiner Schwester Geleit zu geben, ließ er sich damit aber Zeit.

„Fast zehn Uhr, würde ich sagen.“

Meine Güte, erst? Es kam ihr vor, als wäre sie schon ewig hier.

„Er wird bald auftauchen, und ich bin sicher, dass Sie ihn erkennen werden, sobald er den Ballsaal betritt.“ Miss Thorne grinste sie verschmitzt an. „Wenn es je einen Gentleman gab, dem man auf den ersten Blick ansieht, dass er ein Herzog ist, dann ist es der Duke of Basingstoke.“