Kapitel 1
Miss Agatha Woodville erstarrte. Die Gedanken in ihrem Kopf kreisten darum, wie sie ihre jüngeren Schwestern und ihren bescheidenen Haushalt schützen konnte. Die Spielschulden ihres Vaters hatten sie schon viel gekostet, aber als er vergangene Nacht mit der Nachricht ins Haus getaumelt war, dass er alles verloren hatte, zerbrach ihre fragile Welt. Das Grauen in den Augen ihres Vaters hatte Agatha den Schlaf geraubt und jetzt, als das Morgenlicht durch die Vorhänge fiel, fühlte sie sich müde und sehnte sich nach ein paar Stunden Ruhe.
Ihre Stiefmutter Gloria war vor ein paar Minuten zu Agatha gekommen und hatte ihr mitgeteilt, es sei ein Mann gekommen, um die Schulden einzutreiben. Agatha hatte den Auftrag erhalten, das Gespräch zwischen ihm und ihrem Vater diskret zu belauschen, und so presste sie ihr Ohr an die Holztür und versuchte, jedes Wort zu verstehen.
„Ich habe drei Töchter“, sagte ihr Vater mit vor Scham schwacher Stimme. „Sie sind allesamt reizende Mädchen …“
„Ach?“, murmelte der Mann. „Und wie soll diese angebliche Liebenswürdigkeit die achtzig Pfund abdecken, die Sie Mr Wright schulden?“
Achtzig Pfund waren ein Vermögen! Wie konnte ihr Vater es wagen, um eine solche Summe zu spielen?
„War es so viel?“
Das leise Kichern des anderen Mannes war spöttisch. „Das ist nur die Hauptschuld.“
„Eine meiner Töchter …“
„Eine Ihrer Töchter was?“
Ihr Vater zögerte, seine Stimme senkte sich zu einem Flüstern. „Jeder weiß, dass Mr Wright Miteigentümer des Aphrodite ist. Meine Tochter, Maggie, kann … die Schulden dort abarbeiten.“
Agathas Herzschlag setzte einen Moment aus. Maggie? Ihre süße, unschuldige sechzehnjährige Schwester verbrachte die meisten Tage mit der Nase in einem Buch, welches sie schon Dutzende Male gelesen hatte. Maggie träumte davon, eine berühmte Modistin zu werden, die Kleider für die Schauspielerinnen der großen Bühnen des Theaters entwarf. Vaters Schulden abzuarbeiten war nicht Teil des Plans. Was führte er nur im Schilde?
„Kommen Sie“, erwiderte der Mann sanft, „wir wissen beide, dass es nur eine Arbeit gibt, die Ihre Tochter im Aphrodite leisten könnte, um die Schulden innerhalb eines Jahres zu begleichen. Sie sind wirklich bereit, sie dorthin zu schicken, um Ihre Schuld abzuarbeiten … auf dem Rücken?“
Agatha blieb beinahe das Herz stehen. Auf ihrem Rücken? Ihr Atem ging stoßweise, Panik stieg in ihr auf. Sie presste sich die zitternde Hand vor den Mund, um ein Keuchen zu unterdrücken. Das konnte nicht sein! Ihr Vater würde so etwas nicht tun. Nicht mit Maggie! Mit keinem seiner Kinder. Vielleicht hatte sie es falsch verstanden und das Geflüster, das sie oft in der Taverne hörte, hatte nicht dieselbe Bedeutung wie die Worte dieses Mannes.
„Wenn es das ist, was getan werden muss“, sagte ihr Vater niedergeschlagen, „dann muss es getan werden.“
Agatha konnte sich nicht länger verstecken. Wut brannte in ihrer Brust. Sie stürmte durch die Tür, bevor sie sich eines Besseren besinnen konnte. Beide Männer sahen auf, erschrocken über ihr plötzliches Erscheinen. Die Augen des Fremden weiteten sich, als er sie erblickte, und seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Auch wenn er seriös gekleidet war, bereitete etwas in seinem Blick Agatha Unbehagen. Er wirkte kalt und berechnend.
„Bei Gott“, hauchte er und ließ seinen Blick über sie gleiten, als wäre sie eine Trophäe. „Sie ist umwerfend. Woodville, Sie Narr, Sie verstecken eine Goldmine.“
Agatha ignorierte den Mann und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihren Vater. „Was für eine Arbeit schlagen Sie für Maggie vor?“ Das Gesicht ihres Vaters lief rot an und er senkte den Blick zu Boden.
„Sehen Sie mich an, Papa!“, forderte Agatha mit bebender Stimme. „Was soll das heißen, dass sie das Geld auf dem Rücken verdienen müsste?“
Er blieb stumm, unfähig, ihren Blick zu erwidern. Ein schrecklicher Druck bildete sich in ihrer Brust. „Wie können Sie das überhaupt in Betracht ziehen? Maggie ist erst diesen Monat sechzehn geworden. Wie können Sie auch nur auf den Gedanken kommen, sie wegzuschicken, um für Ihre Verfehlungen einzustehen?“
Mit einem verschmitzten Lächeln warf der Fremde ein: „Ist Maggie genauso hübsch wie diese hier? Denn wenn nicht, wird sie nicht genügen.“
„Genügen?“ Mit vor Zorn lodernden Augen drehte sich Agatha zu ihm um. „Sie werden deutlich sagen, was Sie von meiner Schwester verlangen!“
Das Grinsen des Mannes blieb. „In einem von Mr Wrights Vergnügungspalästen arbeiten, natürlich. Bis die Schulden beglichen sind.“
Agathas Magen krampfte. Ein Vergnügungspalast! Sie erinnerte sich an die schäbigen Angebote, die man ihr machte, und an das grobe Lachen der Männer, die Geheimnisse ausplauderten, von denen sie annahmen, dass niemand sonst sie hörte. Eine Frau, die ihren Lebensunterhalt auf dem Rücken verdiente, war kaum ein Euphemismus für etwas Ehrenhaftes. „Sie meinen … ein Bordell?“
Sein Schweigen sprach Bände. Sie taumelte rückwärts und sackte auf das abgewetzte Sofa hinter sich, dessen Kissen sich unnachgiebiger denn je anfühlten. Der Raum schien sich zu drehen, während sie versuchte, wieder zu Atem zu kommen.
„Das ist Wahnsinn“, flüsterte sie. „Ich werde nicht zulassen, dass meiner Schwester etwas derart Abscheuliches und Würdeloses widerfährt. Wie können Sie so etwas vorschlagen, Papa? Wie?“
Die Augen des Mannes funkelten. „Sie könnten ja an ihrer Stelle gehen. Die Schulden Ihres Vaters müssen bezahlt werden, so oder so.“
„Nein!“, rief ihr Vater und seine Stimme überschlug sich vor Verzweiflung. „Nicht Aga! Sie soll verheiratet werden. Ein angesehener junger Mann hat um ihre Hand angehalten …“
Agatha ballte ihre Hände zu festen Fäusten. Ihre Verlobung war kaum mehr als ein Arrangement der Bequemlichkeit. Mr David Trenton war der Schulmeister in ihrem Dorf und er hatte schon seit Jahren ein Auge auf sie geworfen. Ein paar Mal war sie mit ihm spazieren gegangen und sie hatten sogar an einem Tanzabend in den öffentlichen Räumen des Dorfes teilgenommen. Dreimal hatte er mit ihr getanzt. Das reichte aus, um alle in ihrer kleinen Stadt dazu zu bringen, über eine Hochzeit und ihre zukünftigen Kinder zu tuscheln.
Agatha fand David gutmütig und sympathisch, verspürte aber keinerlei Gefühle oder Aufregung, wenn sie daran dachte, den Rest ihres Lebens mit ihm zu verbringen. Ihre Stiefmutter meinte, dass seine Hilfe nötig wäre und dass die Liebe schon wachsen würde. Im Vertrauen auf diese Beteuerungen hatte Agatha ihm mitgeteilt, dass sie ihn heiraten würde.
„Ist das wahr?“, fragte der Mann und starrte sie an.
Ihr Vater stürzte nach vorne. „Diese hier ist die älteste meiner Töchter und sie wird bald eine respektable Ehe schließen. Sie kann nicht … anstelle ihrer jüngeren Schwester gehen. Ich werde nur zulassen, dass Maggie geht.“
Die Verzweiflung ihres Vaters durchbohrte sie wie ein Messer.
„Wie können Sie nur so kaltherzig sein?“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu irgendjemand anderem. „So rücksichtslos gegenüber dem eigenen Kind?“
Angesichts ihrer Worte hob der Vater seinen Kopf. Seine Augen schimmerten vor Tränen. „Ich kann dich nicht verlieren, Aga.“
Ihre Brust zog sich zusammen. „Aber Maggie können Sie aufgeben?“, schnauzte sie und ihre Stimme brach. „Maggie wird nicht gehen. Ich werde es nicht zulassen, Papa!“
Er kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und seine Nasenflügel blähten sich. „Margaret ist meine Tochter und von Rechts wegen mein Eigentum; ich treffe jede Entscheidung, die nötig ist, um diese Familie zu retten!“
Agathas Herz gefror. Die Wahrheit lag in dem darauffolgenden Schweigen, wie ein Messer, das sich in ihr drehte. Gebrochene Versprechen und unerfüllte Träume waren Agatha nicht fremd. Ihr war immer gewusst, dass ihr Vater wenig Zuneigung für seine Töchter empfand. Man hätte annehmen können, Carson, sein einziger Sohn, wäre sein ganzer Stolz, doch selbst ihn behandelte er mit Gleichgültigkeit. Ihr Vater machte keine Pläne für die Zukunft seines Sohnes und überließ dessen Erziehung ganz ihr.
Agatha hatte immer gewusst, dass Maggie – die weniger nach ihrer Mutter kam als sie oder Sarah – mit noch weniger Herz behandelt wurde. Aber Maggie an einen Ort wie diesen zu schicken …
Das würde Agatha ihrem Vater nie verzeihen.
Der Fremde wurde ungeduldig und beugte sich vor. „Entweder wird Agatha oder Maggie mit mir gehen. Eine von beiden wird dieses Haus heute verlassen.“
Ihr Vater zuckte zusammen. „Nicht Aga!“
Tränen stiegen in Agathas Augen. So weit war es also gekommen. Ihr Vater war bereit, ihre Schwester – seine Tochter – für seine eigenen Fehler zu opfern. Das Gewicht dieser Tatsache war erdrückend. Agatha besaß ein paar Ersparnisse, die sie mühsam mit dem Verkauf von Duftsäckchen erworben hatte. Sie musste für die Zukunft ihrer Geschwister vorsorgen, denn ihr Vater schien entschlossen zu sein, alles zu verspielen, was sie hatten. Es wäre schmerzhaft, von vorn anfangen zu müssen oder etwas davon zu verlieren, aber sie war bereit, alles zu geben, um ihre Schwester zu retten.
„Ich habe etwas Geld gespart“, sagte sie leise. „Es ist nicht der volle Betrag, aber …“
„Nein!“
Agatha besaß sechzig Pfund. Drei Jahre fleißige Arbeit hatte es gekostet, dieses Geld beiseite zu legen. Sie hoffte, diese Summe anbieten und eine Vereinbarung vorschlagen zu können, um den Restbetrag abzuarbeiten. Mit zittrigen Beinen erhob sie sich, straffte die Schultern und wandte sich dem Mann zu: „Bitte, Sir, wir …“
„Mein Arbeitgeber hat mir einen Auftrag erteilt“, sagte dieser mit eisiger Verachtung. „Kehren Sie mit dem gesamten Geld zurück … oder mit seiner Leiche.“
Agathas Atem stockte und sie zuckte zurück, als der scharfe Blick des Mannes sie durchbohrte.
„Bedenken Sie“, fügte er mit beunruhigend ruhiger Stimme hinzu, „mit Ihrer Schönheit könnten Sie die Summe in einer einzigen Nacht verdienen. Ihre Schwester bräuchte dafür vielleicht Monate.“
Ein heftiges Zittern durchlief ihren Körper. Ein Gedanke – schrecklich und abscheulich – schlich sich in ihren Kopf, bevor sie ihn aufhalten konnte.
Vielleicht wäre es besser, wenn Mr Wright mit ihm machte, was er wollte!
Angewidert von sich selbst schloss sie die Augen. Egal, wie verachtenswert ihr Vater geworden war, egal, welche Schande er mit seinem Glücksspiel und seinen Lügen über ihre Familie gebracht hatte, er war immer noch ihr Vater. Die Kinder brauchten ihn, besonders in einer Gesellschaft, in der Frauen ohne den Schutz eines Mannes verletzlich waren. Agatha wusste das nur zu gut, denn Mr Randall, der Besitzer ihres bescheidenen Häuschens, hatte sich geweigert, es direkt an sie zu vermieten. Erst nach einem Gespräch mit ihrem Vater hatte Mr Randall widerwillig zugestimmt.
Eine Frau allein konnte sich nicht einmal ein Dach über dem Kopf sichern. Wie absurd. Und doch entsprach es den Tatsachen. Trotz seiner Schwächen war die Anwesenheit ihres Vaters überlebenswichtig für sie. Ohne ihn wären sie verloren.
Eine beklemmende Spannung legte ihre grausamen Arme um sie. „Ich werde mit Ihnen gehen“, sagte Agatha leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Um die Schuld zu begleichen.“
„Nein!“, rief ihr Vater panisch und stürzte auf sie zu.
Seine Hand klammerte sich an ihre Schulter und schüttelte sie grob. „Du verstehst das nicht, Agatha! Du kannst nicht …“
Agatha riss sich aus seinem Griff los und starrte ihn wutentbrannt an. „Sie haben nicht für mich zu entscheiden! Sie haben nicht das Recht, Maggie für Ihre ekelhafte Angewohnheit zu opfern. Sie sollten sich schämen, Ihren Kindern unter die Augen zu treten. Mama wäre …“
Die Ohrfeige kam aus dem Nichts, scharf und unerwartet riss sie ihren Kopf zur Seite. Stille erfüllte den Raum und ihr Vater stolperte rückwärts, die Augen weit aufgerissen vor Entsetzen über das, was er getan hatte. Er brach auf dem abgenutzten Sofa zusammen, sein Körper erbebte unter seinen Schluchzern.
Der fremde Mann sah ungerührt zu. „Sie haben eine Stunde“, sagte er mit einer Stimme wie Stahl. „Ich erwarte Sie draußen in meiner Kutsche.“
Agatha würdigte ihn keines Blickes. Stattdessen ging sie aus der Stube in die kleine Küche, wo ihre Stiefmutter Gloria und ihre Geschwister am Frühstückstisch saßen. Sarah, zwölf Jahre alt, löffelte fröhlich Porridge in ihren Mund, während der fünfjährige Carson seine Beine unter dem Stuhl baumeln ließ.
„Sarah“, sagte Agatha mit fester Stimme, „geh mit Carson zum Spielen in den Garten.“
Sarahs Augen leuchteten auf, und ohne zu fragen aß sie in aller Eile ihren Brei auf, nahm Carsons Hand und verschwand durch die Hintertür. Agatha sah ihnen nach und ihr Herz schmerzte, weil sie wusste, dass ihre Unschuld nicht ewig währen würde. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie die Grausamkeit ihres Vaters schon bald zu spüren bekämen.
„Was ist los, Agatha?“, fragte Gloria besorgt und verschränkte die Hände im Schoß.
Agatha zögerte einen Moment, dann erklärte sie schnell die Situation. Maggie, die am anderen Ende des Tisches saß, wurde blass. Sie sprang auf, eilte herbei und umschloss Agathas Hände mit den ihren. „Du kannst nicht gehen, Aga. Das kannst du nicht!“
Sanft strich Agatha ihrer jüngeren Schwester eine verirrte Strähne dunkelblonden Haares hinters Ohr und schenkte ihr ein mildes Lächeln. Agathas Kraft reichte aus, die Qualen zu unterdrücken, die in den Tiefen ihres Herzens nagten. Sie durfte ihrer Familie niemals zeigen, wie sehr sie sich fürchtete.
„Ich werde gehen, Maggie. Ich habe es dir gesagt, weil ich möchte, dass ihr vorsichtig seid, du und Gloria. Vertraut Papa nicht länger. Er kann nicht mehr klar denken.“
„Aber ihr solltet doch heiraten“, flüsterte Maggie mit bebender Stimme. „Was wird David denken? Was ist, wenn er es herausfindet? Ich sollte an deiner statt gehen.“
„Nein“, sagte Agatha fest. „Du wirst nichts dergleichen tun. Ich bin deine ältere Schwester. Es ist meine Aufgabe, dich zu beschützen.“ Sie nahm Maggies Gesicht in ihre Hände und ihr Herz brach beim Anblick der tränengefüllten Augen ihrer Schwester. „Ich liebe dich mehr als alles andere, Maggie. Und ich verspreche dir, dass ich es aushalten werde.“
Die Lippen ihrer Schwester zitterten. „Weißt du, was du tun sollst?“
„Ich bin älter als du.“
„Das ist keine Antwort, Aga.“
Sanft tippte sie ihrer Schwester ans Kinn. „Ich weiß genug.“
Maggie warf sich in Agathas Arme, ihr kleiner Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Agatha hielt sie fest, streichelte ihr übers Haar und begegnete Glorias Blick. Der Kummer und das Mitleid, das sie in den Augen ihrer Stiefmutter sah, brachten sie fast um den Verstand. Sie musste stark sein. Für Maggie. Für Sarah und Carson. Für sie alle.
Als Maggie sich beruhigt hatte, schickte Agatha sie nach draußen zu den anderen. Gloria reichte ihr eine Schüssel mit Haferbrei, und sie setzten sich schweigend an den kleinen Holztisch. Agatha aß schnell und bereitete sich gedanklich auf das vor, was kommen würde.
„Ist es schrecklich?“, fragte Agatha nach einer langen Pause leise, sodass ihre Stimme kaum zu hören war. „Mit einem Mann zusammen zu sein?“
Gloria sah sie an, ihr Blick war nachdenklich. „Nein, es ist nicht schrecklich. Es kann … angenehm sein. Aber beim ersten Mal – kann es wehtun.“
Agatha nickte und schluckte den Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. „Schlimm?“
„Am nächsten Tag hast du es vergessen.“
„Ich verstehe.“ Sie räusperte sich. „Ist es … geht es schnell?“
„Das kann es. Es kommt auf den Mann an.“
Sie schwiegen erneut und es vergingen mehrere Augenblicke, bevor sich ihre Stiefmutter räusperte.
„Aga“, sagte Gloria leise. „Du darfst David nie erzählen, was in London passiert. Männer haben diese Vorstellung, dass wir Frauen rein sein müssen, wenn sie ihren Samen aussäen.“
Agathas Bauch zog sich zusammen. „Ich werde ihm die Wahrheit sagen. Ich kann es ihm nicht verübeln, wenn er mich danach nicht heiraten will.“
„Es gibt Möglichkeiten, deine Keuschheit vorzutäuschen“, sagte Gloria eindringlich. „Ein Fläschchen Hühnerblut und ein paar Tropfen an den richtigen Stellen, das wird den Zweck erfüllen. Es ist nicht nötig, ihm etwas zu sagen, wo doch ganz Cringleford weiß, dass Mrs Murphey derzeit seine Geliebte ist. Wer ist er, zu verlangen, dass du für ihn rein bleibst, während er sich mit dieser Frau vergnügt, obwohl er mit dir verlobt ist?“
Agatha nickte. Sie verstand den Rat ihrer Stiefmutter. Dennoch konnte sie sich ihrer Entscheidung nicht sicher sein, solange sie nicht mit David gesprochen hatte. Sie war außerstande, sich mit der Ungeheuerlichkeit dessen zu befassen, was sie im Begriff war zu tun. Nicht jetzt. Sie beendete ihre Mahlzeit, stand auf und ging in das kleine Schlafzimmer, welches sie mit ihren Schwestern teilte. Sie zog ihr bestes Kleid an – eines aus einfachem blauem Musselinstoff – und schlüpfte in ihre abgenutzten Stiefel, deren Sohlen vom vielen Tragen dünn waren. Ihr Mantel saß an den Schultern zu eng, aber es war der Einzige, den sie hatte. Sie zog ihn an, ohne zu bemerken, dass er an den Nähten drückte.
Als sie nach draußen trat, warf Agatha einen Blick auf die wartende Kutsche. Die Räder waren mit dem Schlamm der Dorfstraßen bedeckt, der Mann stand daneben, seine Augen folgten jeder ihrer Bewegungen, aber sie weigerte sich, seinem Blick zu begegnen. Während sie den Hof überquerte, hämmerte das Herz in ihrer Brust und mit jedem Schritt drückte das Gewicht ihrer Entscheidung schwer auf sie. Es gab keinen anderen Weg.
Als sie sich der Kutsche näherte, wurde sie von Entschlossenheit erfüllt. Was auch immer sie in London erwartete, sie würde es für ihre Familie ertragen. Das hatte sie schließlich versprochen, als ihre Mutter wenige Tage nach Sarahs Geburt gestorben war. Agatha, damals gerade neun Jahre alt, hatte die Hand ihrer Mutter gehalten, die auf dem Sterbebett lag, und unter Tränen geschworen, dass sie sich immer um ihre Schwestern kümmern und sie lieben würde.
Dieses Versprechen hatte sie nie gebrochen und würde es auch nie tun.
Kapitel 2
Die Fahrt von der kleinen Küstenstadt Cringleford nach London dauerte mehrere Stunden. Während die Kutsche über die unebenen Straßen holperte, versuchte der Mann neben ihr, sie in ein Gespräch zu verwickeln, aber Agatha hielt ihren Blick fest auf die vorbeiziehende Landschaft gerichtet, ihr Gesicht eine gleichgültige Maske.
Dann erreichten sie das Aphrodite, einen Vergnügungspalast. Die schiere Opulenz dieses Ortes übertraf all ihre Vorstellungen. Sie hatte etwas Protziges und Geschmackloses erwartet, aber die Realität war weitaus überwältigender – und beunruhigender. Das vierstöckige Gebäude strahlte Dekadenz aus. Von dem Moment an, als sie es betrat, nahm es ihr den Atem. Die Wände waren mit prächtigen Wandteppichen behangen, die Decken mit Szenen von Eroberungen und wilden Gelagen bemalt.
Es herrschte eine lebendige Atmosphäre, wie sie sie noch bei keiner Tanzveranstaltung auf dem Lande erlebt hatte. Im Erdgeschoss mischten sich Männer in feinster Garderobe mit Frauen in exquisiten Kleidern, deren Haar zu kunstvollen Frisuren aufgetürmt war. Das Kerzenlicht der großen Kronleuchter über ihnen warf einen goldenen Schimmer auf sie. Paare tanzten zu den Klängen eines Orchesters, aber die Art und Weise, wie sich die Frauen an ihre Partner schmiegten, wie eng sie sich miteinander bewegten, hatte etwas Fremdartiges – etwas Skandalöses – an sich.
Es hatte einen Hauch von Eleganz, fühlte sich aber dennoch unbestreitbar … verboten an.
Jetzt wartete sie in einem kleineren Salon im zweiten Stock, der zwar immer noch elegant, aber einfacher eingerichtet war. Unter einem großen, vergoldeten Spiegel, in dem sich das Licht des Feuers, das im Kamin tanzte, spiegelte, standen Samtstühle und eine Couch. Unruhig rutschte sie auf ihrem Stuhl hin und her; ihre Hände ballten sich in ihrem Schoß, während sich das Grauen in ihrer Brust sammelte.
Die Tür öffnete sich und eine Frau trat mit selbstbewusstem Schwung ein. Sie schien um die vierzig Jahre alt zu sein, ihr Gesicht war nur leicht von der Zeit gezeichnet, mit ein paar feinen Linien um die Augen. Sie trug das dunkelblonde Haar hochgesteckt und mit Juwelen geschmückt, ihr weinrotes, skandalös tief ausgeschnittenes Kleid schmiegte sich an ihre kurvenreiche Figur und bedeckte kaum ihren üppigen Busen.
„Bei Gott, Albert, Sie hatten recht“, sagte die Frau mit seidenweicher Stimme. „Sie ist ein Schatz.“
Ihr scharfer Blick musterte Agatha, als würde sie Vieh begutachten.
Agatha erhob sich und reckte das Kinn, fest entschlossen, ihre Angst nicht zu zeigen. „Ich bin Miss Woodville. Sind Sie hier die Verantwortliche?“
Die Lippen der Frau verzogen sich langsam zu einem Lächeln, ihre Augen funkelten amüsiert. „Ich bin Madame Rebecca“, sagte sie und ihre Stimme triefte vor Autorität. „Lächeln Sie, lassen Sie mich Ihre Zähne sehen.“
Agatha gehorchte widerstrebend mit angespanntem Kiefer.
„Sehr gut.“ Madame Rebecca nickte zustimmend. „Verstehen Sie, was von Ihnen verlangt wird?“
Agathas Magen krampfte sich zusammen, aber sie ließ sich nicht beirren. „Nein.“
„Das ist das Aphrodite, ein Vergnügungspalast“, sagte Madame Rebecca in einem geschäftsmäßigen, herablassenden Ton. „Wir bedienen den kultivierten Geschmack der Gentlemen der High Society. Was immer sie begehren, kann in diesen Mauern erfüllt werden.“
„Also … ein Bordell“, erwiderte Agatha knapp. Das Wort schmeckte wie Asche auf ihrer Zunge.
„Ein Bordell?“ Spöttisch hob Madame eine Braue. „Das deutet auf ein gewöhnliches Haus für niedriggeborene Frauen hin. Ich versichere Ihnen, ich bin alles andere als gewöhnlich.“
Darauf wusste Agatha nichts zu erwidern. Unerträgliche Angst machte sich in ihrer Brust breit. Dies war der Ort, an den ihr Vater ihre Schwester hatte schicken wollen.
„Ihr Vater schuldet meinem Geschäftspartner eine beträchtliche Summe, die noch heute Abend bezahlt werden muss“, fuhr die Madame fort, ihre Stimme kalt und schneidend. „Ich habe versucht, einen Aufschub auszuhandeln, nachdem ich erfuhr, dass Mr Woodville eine seiner Töchter geschickt hat, um die Schulden zu begleichen, aber Mr Wright weigert sich, den Termin weiter hinauszuschieben. Die Frist ist bereits dreimal verlängert worden und sein Mitleid würde einen schlechten Präzedenzfall schaffen. Verstehen Sie, was das bedeutet?“
Agathas Kehle schnürte sich zu. „Nein. Ich habe etwas Geld … Könnte ich mit Mr Wright sprechen und ihm eine andere Vereinbarung vorschlagen? Eine, bei der … ich mich nicht selbst verkaufen muss?“
Die Worte fühlten sich an, als wären sie aus ihrem Inneren gekratzt.
Madame Rebeccas Augen verengten sich leicht. „Ach? Und wie viel Geld haben Sie?“
„Ich habe sechzig Pfund.“ Verzweiflung schlich sich in Agathas Stimme. „Und ich kann –“
„Zweihundert Pfund“, unterbrach die Frau.
Der Raum schien zu schwanken. Agatha hielt sich an der Armlehne des Stuhls fest, um sich zu beruhigen. „Zweihundert Pfund? Aber der Mann, der zu uns nach Hause kam, sagte, die Schuld betrüge achtzig Pfund.“
Madame Rebeccas Miene blieb unverändert. „Zinsen“, sagte sie. „Einhundertzwanzig Pfund an Zinsen.“
Agathas Blut kochte vor hilfloser Wut. „Ihr Geschäftspartner ist ein Dieb! Wie kann sich die Schuld in so kurzer Zeit mehr als verdoppelt haben?“
„Mit den Bedingungen des Kredits habe ich nichts zu tun“, sagte Madame kühl. „Das ist die Sache von Mr Wright. Aber ich versichere Ihnen, dass der gesamte Betrag noch heute Abend bezahlt werden muss, sonst wird Ihr Vater den nächsten Morgen nicht mehr erleben.“
Agatha hatte das Gefühl, als würden sich die Wände um sie herum verengen.
„Viele der Damen hier beweisen schnell ihren Wert“, fügte Madame Rebecca hinzu. „Wenn Sie dem richtigen Mann gefallen, wird er Sie vielleicht sogar zu seiner Mätresse machen. Das ist es, was viele anstreben. Ein komfortables Leben.“
„Nein“, flüsterte Agatha.
Die Augen der Madame blitzten ungeduldig. „Dann steht es Mr Wright frei, mit Ihrem Vater umzugehen, wie er es für richtig hält.“
Würde der Spielhallenbesitzer ihren Vater wirklich umbringen lassen? Sicher … sicherlich existierte keine solche Welt der Rücksichtslosigkeit?
„Eine Nacht!“, keuchte Agatha und erinnerte sich an die Worte des Mannes von vorhin. „Er sagte, ich könnte es in einer Nacht verdienen. Er sagte, bei meiner Schönheit sei das möglich.“
Madame Rebecca betrachtete sie lange und antwortete dann: „Warten Sie hier. Ich werde sehen, was ich tun kann.“
Agatha sank zurück in den Stuhl, ihre Finger umklammerten die Armlehne so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Sie kämpfte gegen die Panik an, schloss die Augen und dachte an das Meer aus ihrer Kindheit – das Rauschen der Wellen, das Gefühl der kühlen Brise – alles, um sich von diesem Albtraum abzulenken.
Als sich die Tür knarrend öffnete, stand sie schnell auf.
„Sie haben Glück“, sagte Madame Rebecca mit einem leichten Lächeln. „Einer unserer anspruchsvollsten und vornehmsten Kunden ist heute Abend hier. Er ist müde und sucht etwas Neues. Wenn Sie ihm gefallen, werden Sie heute Abend nur ihn bedienen.“
Erleichterung durchströmte Agatha. Ein Mann. Es war immer noch abscheulich, aber viel leichter zu ertragen, als von einem zum anderen gereicht zu werden.
Die Madame reichte ihr ein einfaches weißes Kleid aus feiner Seide, das sich angenehm auf ihrer Haut anfühlte. Glücklicherweise war es nicht zu freizügig. Schnell zog Agatha ihre abgetragenen Stiefel und Kleider aus und legte sie ordentlich zur Seite. Madame Rebecca sammelte sie auf und warf sie zur Tür hinaus, ohne zu sagen, was mit ihren Kleidern geschehen würde.
„Kommen Sie mit“, wies die Madame an.
Agatha holte tief Luft, straffte die Schultern und folgte ihr. Sie hatte keine andere Wahl, als in diese schreckliche Welt vorzudringen. Ihr Herz war schwer vor Hoffnungslosigkeit.
***
Ein Jahr später …
Agatha saß an dem abgenutzten Küchentisch und starrte mit gesenktem Kopf auf das kleine Haushaltsbuch. Die Zahlen verschwammen vor ihren Augen und in ihrem Magen bildete sich vor Sorge ein fester Knoten. Das Geld, das sie im letzten Jahr sorgfältig eingeteilt hatte, schwand dahin, und mit der unerwarteten Mieterhöhung sah die Zukunft düster aus.
„Wie schlimm ist es?“, fragte Gloria von der anderen Seite des Tisches. Ihre Stimme war ruhig, aber voller Sorge. „Ich habe dich noch nie so niedergeschlagen gesehen, Aga.“
Sie holte tief Luft und rieb sich mit der Hand über die müden Augen, bevor sie antwortete. „Mit der Mieterhöhung … werden wir nur noch ein paar Münzen für Lebensmittel übrig haben. Sie sollten einen Monat reichen, vielleicht sechs Wochen, wenn wir sehr sparsam sind. Aber es reicht nicht für Feuerholz oder neues Bettzeug für den Winter. Außerdem braucht Sarah neue Stiefel.“
Die Sommernächte waren bereits kalt und sie konnte sich nicht vorstellen, wie sie den kommenden Winter überstehen sollten.
„Die Speisekammer ist fast leer. Wir können einen Sack Kartoffeln, Mehl und Reis kaufen. Mrs Pottinger sagt, wir können noch mehr Äpfel aus ihrem Hain nehmen. Für Fleisch haben wir nicht genug Geld und wir können nicht riskieren, noch einmal Wachteln vom Land des Gutsherrn zu holen. Das Risiko, wegen Wilderei angeklagt zu werden, ist zu groß.“
Seufzend legte Gloria die Hände in den Schoß und starrte auf die leere Feuerstelle. „Das ist … nicht gut, oder?“
„Nein“, sagte Agatha, ihre Stimme ging kaum über ein Flüstern hinaus. Ihr Herz schlug schmerzhaft gegen die Rippen.
Es ist beängstigend.
Ein plötzliches schrilles Lachen durchbrach die angespannte Stille. Agatha schaute aus dem kleinen Fenster. Ihr Blick wurde weicher, als sie ihre jüngeren Geschwister draußen spielen sah. Sarah und Maggie rannten über die Wiese und jagten einem Drachen hinterher, während der kleine Carson freudestrahlend hinter ihnen herlief.
Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. Trotz ihres Lachens lastete das Gewicht der Verantwortung schwer auf ihren Schultern.
Jetzt sind sie glücklich, aber wie lange kann ich das aufrecht erhalten?
Das vergangene Jahr war schwierig gewesen. Dank des gesparten Geldes waren sie mit ein wenig Hoffnung nach Devonshire gekommen. Agatha arbeitet unermüdlich, um für ihre Geschwister zu sorgen. Wie schon zuvor in ihrem kleinen Küstenstädtchen, hatte sie Näharbeiten angenommen und fertigte und flickte Kleidungsstücke für die Dorfbewohner. Auch Gloria und Maggie halfen mit, aber bei sechs Mäulern und der zu zahlenden Miete war das nie genug. Carson war vor kurzem erkrankt und das Honorar des Arztes war exorbitant hoch gewesen.
Agatha hatte jeden Penny dreimal umgedreht und vorsichtig gehaushaltet, um sicherzustellen, dass sie genug zum Überleben hatten. Doch mit dem nahenden Winter wurde ihre Lage immer prekärer. Sie waren in ein kleines, bescheidenes Häuschen am Rande des Dorfes gezogen, das sich an die Moore schmiegte und zu ihrem Zufluchtsort geworden war. Der Gedanke, es zu verlieren, ihre Familie erneut entwurzeln zu müssen, erfüllte sie mit Schrecken.
Gloria griff über den Tisch und legte ihre Hand sanft auf Agathas. „Wir schaffen das schon, irgendwie. Das tun wir immer.“
Obwohl Zweifel an ihr nagten, nickte Agatha. Sie hatte geschworen, ihre Geschwister zu beschützen, sie vor den Schrecken zu bewahren, denen ihr Vater sie beinahe ausgesetzt hätte, aber jetzt war sie nicht sicher, ob sie weiterhin dazu imstande war. Ihre Näharbeiten und Duftsäckchen brachten zwar ein gewisses Einkommen, aber es reichte nicht aus, um die wachsenden Kosten zu decken.
Ich kann sie nicht im Stich lassen. Und das werde ich auch nicht.
Ihre Gedanken schweiften zu der Nacht, in der sie ins Aphrodite gebracht worden war. Der Gentleman, dem Madame Rebecca sie in jener schicksalhaften Nacht vorstellte, war ein Duke gewesen. Agatha erfuhr erst von seinem Rang, als der Kutscher sie auf seinen Befehl hin nach Hause eskortierte. Der Duke hatte Madame vollständig bezahlt und damit die Schulden ihres Vaters beglichen, aber in einer überraschenden Wendung hatte er Agatha mitgeteilt, dass er ihre Dienste nicht benötigte.
Vor Erleichterung waren ihr die Tränen über die Wangen gelaufen. An jenem Abend hatte sie mit dem Schlimmsten gerechnet und sich auf etwas gefasst gemacht, von dem sie glaubte, dass es ihr die Seele zerreißen würde, doch sie erfuhr unerwartete Freundlichkeit von einem Mann, der ihr nichts schuldete. Die Tränen der Erleichterung waren auch während der langen Heimreise weitergeflossen. Sie hatte den Duke seit jener Nacht nicht mehr gesehen und rechnete nicht damit, ihm jemals wieder zu begegnen. Manchmal, wenn sie nachts wach lag, dachte sie an ihn. Warum hatte er ihr geholfen? Warum hatte er die Schulden ihres Vaters bezahlt und sie weggeschickt, ohne eine Gegenleistung zu verlangen? Warum hatte er ihr Geld gegeben?
Sie verdankte ihm mehr, als sie jemals zurückzahlen konnte.
Es war eine Nacht der Befreiung gewesen und der Beginn ihres neuen Lebens. Sie hatte erwartet, dass ihr Vater zu Hause wäre und sich in Scham darüber suhlte, was seine Tochter für ihn ertragen musste. Aber stattdessen war er zornig und wütend gewesen und am nächsten Morgen abgereist, um erneut in den Spielhallen Londons zu verschwinden. Oft blieb er wochenlang fort. Als sie entdeckte, dass er sogar die Geldscheine des Dukes gestohlen hatte, schluchzte Agatha, bis ihre Kehle wund war. Zum Glück hatte er die anderen Gelder, die sie gespart hatte, nicht entdeckt.
Anstatt Erleichterung setzten sich Abscheu, Entsetzen und Verrat in ihrer Brust fest. Ihr Vater würde seine Lektion niemals lernen, die Gefahr war noch lange nicht gebannt.
Als sie an diesem Morgen ihre jüngeren Geschwister ansah, die nichts von dem wussten, was beinahe geschehen wäre, begriff Agatha, dass sie nicht weiterhin unter seiner Kontrolle stehen konnten. Wenn ihr Vater Maggie so unbekümmert verschacherte, um seine Schulden zu begleichen, was würde ihn davon abhalten, das Gleiche zu wiederholen?
Entschlossen, eine bessere Zukunft für sich und ihre Geschwister zu schaffen, hatte Agatha die Kontrolle übernommen. Der Entschluss war schnell gefasst. Sie hatten ihre wenigen Habseligkeiten gepackt – gerade so viel, dass sie in einen kleinen Wagen passten – und waren geflohen. Agatha hinterließ ihrem Vater eine Nachricht, in der sie erklärte, dass sie ihre Geschwister um deren Sicherheit willen mitnahm. Sie informierte ihn, damit er sich keine Sorgen machte – auch wenn sie bezweifelte, dass ihm seine Kinder genug bedeuteten, um sich überhaupt zu sorgen.
Sie verschwieg jedoch, wohin sie gehen würden. Er verdiente es nicht, dies zu erfahren. Ruhig und entschlossen führte sie ihre Familie weit weg von der kleinen Küstenstadt, bis nach Devonshire, wo niemand ihre Namen kannte und keine Schulden oder Gefahren auf sie lauerten.
Gloria hatte ihren jüngeren Bruder Henry zu sich geholt. Unter der Obhut ihres ältesten Bruders, eines Metzgers, hatte der Vierzehnjährige für ein paar Schillinge im Monat zwölf Stunden am Tag hart schuften müssen und sie hatte Angst um sein Wohlergehen gehabt. Mit der Zeit liebte ihn Agatha wie einen eigenen Bruder. Seine bloße Anwesenheit schien Ärger fernzuhalten. Selbst ihr Vermieter schien zu glauben, dass er den Mietvertrag mit Henry geschlossen habe.
Doch je mehr Monate vergingen, desto schwieriger wurde der Kampf ums Überleben. Ihr war klar gewesen, dass es nicht leicht werden würde, aber die Last dieses Wissens drückte mit jedem Tag schwerer auf ihren Schultern.
„Worüber denkst du nach?“, fragte Gloria sanft.
„An die Nacht in London und den Duke, der mir geholfen hat“, sagte Agatha mit einem bescheidenen Lächeln. „Er hat etwas zu mir gesagt, was ich damals nicht glaubte, aber es hat sich bewahrheitet.“
Er hatte ihr Geld angeboten, doch in grimmigem Stolz bat sie stattdessen um eine Anstellung.
„Zu schön“, hatte er gebrummt. „Sie würden meinen Haushalt in Unordnung bringen und meine Lakaien in konkurrierende Narren verwandeln.“
„Ich verstehe. Vielleicht eine Empfehlung als Gouvernante –“
„Der Herr des Hauses, in dem Sie arbeiten, wird Sie innerhalb weniger Tage flachlegen. Es sei denn, Sie verstecken Ihre Figur so gut wie möglich, entstellen Ihr Gesicht oder finden eine nette Witwe, die keine Söhne hat, die Ihnen nachstellen könnten.“
„Ich würde niemals in eine Affäre einwilligen!“
„Es wäre egal, ob Sie einwilligen oder nicht. Ihnen fehlt es an Macht und Beziehungen.“
Gloria rutschte auf ihrem Stuhl hin und her. „Was hat er gesagt?“
„Der Duke warnte mich“, sagte Agatha leise und schüttelte den Kopf. „Er sagte, dass es für mich schwierig sein würde, für andere zu arbeiten, denn meine Schönheit sei ein Fluch. Er sagte, dass es zu einem Aufruhr käme, wenn man mich in einem Haushalt anstellte. Ich war nur eine Woche lang Haushälterin bei Squire Portman, und er war fest entschlossen, mich zu seiner Geliebten zu machen, obwohl seine Frau hochschwanger war. Und schau, was in der Bäckerei passiert ist – drei Arbeiter, Männer, denen ich keine Beachtung schenkte, stritten sich um mich. Das macht doch keinen Sinn. Es ist, als hätten sie beschlossen, dass ich diesbezüglich nichts zu sagen habe. Mrs Bramley hat mehrere Kleider bei dir bestellt, aber als ich sie ausgeliefert habe, wurde sie so wütend darüber, dass ihr Mann mich begaffte, dass sie sich weigerte, zu bezahlen. Es ist völlig absurd, aber es ist sehr real.“
Gloria runzelte die Stirn. „Warum denkst du jetzt darüber nach?“
Agatha zögerte, ihr Blick fiel wieder zum Haushaltsbuch, welches die harte Realität ihrer Zukunft zeigte. „Der Duke … er meinte, in meiner Schönheit läge Macht, wenn ich sie zu nutzen wüsste.“
Ihre Stiefmutter atmete scharf ein, ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. „Was?“
„Schönheit ist eine Macht. Ein Mann würde bereitwillig zweihundert Pfund zahlen, um eine Nacht mit Ihnen zu verbringen“, hatte der Duke erklärt. „Locken und verlocken Sie. Erarbeiten Sie sich einen Ruf als eine Frau, die sowohl unerreichbar als auch unverfügbar ist. Necken und verführen Sie, und lassen Sie die Männer dafür zahlen, Ihre Schönheit zu bewundern … Sie Klavier spielen zu hören. Erklären Sie der Welt, dass Sie eine Jungfrau sind, und die Herren werden sich vor Ihrer Tür drängen, nur um die Chance zu haben, derjenige zu sein, der Sie verführt.“
Agatha holte tief Luft und begegnete Glorias Blick. „Ich werde nach London gehen.“
Ihre Stiefmutter erstarrte, ihre Lippen öffneten sich, als wollte sie protestieren, aber es kam kein Einwand.
„Warte auf meine Briefe“, fuhr Agatha mit fester und doch sanfter Stimme fort. „Ich werde oft schreiben und Geld schicken.“
„Was wirst du tun?“
„Ich sollte nichts darüber erzählen“, sagte sie. „Aber es wird nichts Gefährliches sein.“
„Wie kannst du so sicher sein, dass du Geld verdienen wirst? Es ist zu riskant und leichtsinnig –“
„Bin ich schön, Gloria?“
Gloria blinzelte, dann nickte sie langsam. „Ich habe noch keine gesehen, die dir ebenbürtig ist.“
Agatha schluckte heftig. „Begehren … begehren Männer schöne Dinge?“
„Ja“, flüsterte Gloria, ihre Stimme war voller Emotion.
„Ich hatte ein Jahr Zeit, um zu erkennen, dass das, was ich bisher getan habe, nicht ausreicht. Wir haben keine Beziehungen, niemanden, an den wir uns wenden können. Wir können uns nur auf uns selbst verlassen. Ich kann mich nur auf das verlassen, was ich habe.“ Agathas Stimme wurde fester, entschlossener. „Zum Glück hat meine Mutter unzählige Stunden damit verbracht, mich zu unterrichten, sodass ich lesen, rechnen und sogar Französisch sprechen kann. Ich weiß, ich muss noch viel mehr lernen. Aber ich muss nach London gehen. Wir werden den Mädchen sagen, dass ich mich um eine angesehene Stelle in der Stadt bemühe, und alles wird gut.“
Tränen glitzerten in Glorias Augen. Sie streckte ihre Hand aus, um Agathas Hand zu ergreifen. „Ich werde mich um alle kümmern, Aga. Du musst dir um nichts Sorgen machen.“
„Ich weiß“, sagte Agatha leise und drückte ihre Hand. „Ich weiß.“
Gloria hatte nicht gezögert, Agathas Vater zu verlassen. Sie übernahm einen Großteil der Hausarbeit und des Kochens und füllte damit die Rolle aus, die ihre Familie brauchte. Sie verstanden beide: Agatha würde dieses Risiko nicht für sich selbst eingehen, sondern für sie alle.