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42 Tage bis zum 30. Geburtstag
Mein geliebter Tea-to-go-Becher fällt mir beinahe aus der Hand, als ich sehe, was da vor dem Hintereingang des Theaters abgestellt wurde. Wieso ist die Speditionskiste aus Übersee, die eigentlich erst nächste Woche geliefert werden sollte, schon da? Und warum hat Magnus, der als Regisseur und Leiter des Schauspielhauses für sämtliche Lieferungen verantwortlich ist, sie gestern nicht von den Leuten der Transportfirma ins Lager bringen lassen?
Magnus handelt leichtsinnig – oder er war schlichtweg zu beschäftigt, um sich zu kümmern.
Verdammter Theaterregisseur mit zu großem Ego!
Die enthaltende Fracht ist zu wertvoll, um sie achtlos herumstehen zu lassen. Natürlich ist es unwahrscheinlich, dass sich jemand in Beverlie Hills an meiner ausgefallenen Theaterdekoration vergreift. Trotzdem ist das kein Grund ein Risiko einzugehen.
Beverlie Hills, das nichts mit dem Beverly Hills in Los Angeles gemein hat, ist eine Kleinstadt im beschaulichen Idaho, wo nur selten Aufregendes passiert. Der Mord Ende letzten Jahres war eine Ausnahme. Für gewöhnlich sind wir hier eine friedliebende Gemeinschaft von gerade mal achttausend Einwohnern, die nicht zu Straftaten neigen.
Da die vier mal zwei Meter lange Holzkiste mit den chinesischen Schriftzeichen auf den ersten Blick ungeöffnet erscheint, beschließe ich, dass ich mir zu Unrecht Sorgen gemacht habe. Meine teure und sehr große Fracht ist noch da und alles ist gut.
Nichtsdestotrotz muss ich mir überlegen, wie ich diese Monstrosität, in der sich der Drache für unser nächstes Theaterstück Glücksdrachen können nicht fliegen befindet, ins Lager schaffe. Da die Theaterdekoration größtenteils aus Pappmaché und Stoffstreifen besteht, sollten Magnus und ich das irgendwie zu zweit hinbekommen. Höchstwahrscheinlich ist die Transportkiste schwerer als der Inhalt selbst.
Pulsierende Hochstimmung, die mich immer erfasst, wenn die Gestaltung des Szenariums in die Endphase geht, erfüllt mich. Als gelernte Schneiderin und Bühnenbildnerin, bin ich für die Kostüme sowie die Kulisse in unserem kleinen Theater verantwortlich.
Ob der Glücksdrache so aussieht, wie er im Katalog abgebildet ist? Reflektiert das Rot seiner Schuppen das Licht der Bühnenbeleuchtung und gibt dem magischen Geschöpf damit sein zauberhaftes Leuchten? Ich muss zugeben, dass ich gespannt bin, ob die Beschreibung des Herstellers nur heiße Luft ist oder der Realität entspricht. Meine Erwartungen sind hoch.
Nur selten können Magnus und ich über ein Budget verfügen, das teure Ausgaben wie diese erlaubt. Aber das Letzte Stück Mord in rosarot hat die Theaterkassen überdurchschnittlich gut gefüllt, sodass wir beschlossen haben, den Schub auszunutzen und den Einwohnern von Beverlie Hills bei der neuen Theaterproduktion etwas Gigantisches zu bieten. Der Drache kommt direkt aus China und ist hoffentlich – bitte, bitte – so authentisch, wie er in der blumigen Beschreibung angepriesen wurde.
Künstliche Intelligenz lässt grüßen.
Voller Vorfreude nähere ich mich der ersehnten Lieferung und muss feststellen, dass meine Augen mich getäuscht haben. Der Deckel liegt nur auf – die Kiste ist unverschlossen.
Merkwürdig. Wer hat die Kiste geöffnet?
Mein Puls beschleunigt sich.
Was zum Teufel …
Ein ungutes Gefühl breitet sich in Rekordgeschwindigkeit in mir aus und bringt mein Herz zum Stolpern.
Hat Magnus den Glücksdrachen doch schon ins Lager geschafft? Allein? Unter Umständen passte die monströse Speditionskiste nicht durch die Tür und er musste sie gestern an Ort und Stelle ausräumen?
Möglich wäre es.
Mit der freien Hand schiebe ich den schweren Deckel zur Seite und befriedige meine Neugier. In der Erwartung entweder einen Glücksdrachen oder gähnende Leere vorzufinden, beuge ich mich vor und starre …
Ach. Du. Grüne. Neune.
Einen spitzen Schrei ausstoßend lege ich mir die Hand über den Mund und starre auf Ungeheuerliches. Mein Puls, der sich gerade erst beruhigt hatte, rast los.
Grundgütiger! Ich sehe keinen chinesischen Glücksdrachen, auch keine gähnende Leere, sondern eine täuschend echt aussehende menschengroße Nachbildung eines asiatischen Kochs, dem ein ziemlich großes Messer aus der Brust ragt. Da die Speditionskiste für etwas viel Größeres gemacht wurde, wirkt die Wachsfigur darin, die sitzend mit ausgestreckten Beinen gegen die Innenseite lehnt, klein und verloren.
„Nein! Bitte nicht. Womit habe ich das verdient?“ Einem inneren Impuls folgend, trete ich gegen die Kiste. „Verdammte Halloweendekoration!“
Liebe Theatergötter im Himmel oder anderswo, ich brauche einen rot-goldenen Glücksdrachen und keinen übergewichtigen chinesischen Koch mit roten Pausbäckchen.
Vor Entsetzen spüre ich, wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht, während ich über Reklamationen und entsetzlich lange Lieferzeiten nachdenke. Müssen wir die Premiere von Glücksdrachen können nicht fliegen verschieben? Wie sollen wir das Stück ohne die Hauptfigur aufführen?
Bitte nicht. Schon beim letzten Theaterstück hatten wir Probleme den Premierentermin einzuhalten. Das darf nicht zur Gewohnheit werden.
Eins ist sicher: Ohne die Dekoration ist eine Aufführung unmöglich.
Kein Glücksdrache, keine Premiere.
So sind die Tatsachen.
Warum muss bei mir immer alles mit einer Katastrophe anfangen. Das Theater hat eine Fehllieferung bekommen und wie ich Magnus Daytan kenne, erwartet er, dass ich mich darum kümmere, gleich nachdem ich mein Büro betreten habe. Auf keinen Fall wird er die Verantwortung für dieses Dilemma übernehmen. Magnus ist stets frei von Fehlern. Teufel auch! Dabei habe ich den Drachen nur ausgesucht, bestellt hat Magnus ihn.
Was für ein verheerendes Drama.
Übelkeit steigt in mir auf und lässt die wenigen Schlucke meines Earl Grey Tees, die ich vorhin zu mir genommen habe, im Karussell fahren. Hoffentlich bekomme ich rechtzeitig ein neues rot-goldenes Schätzchen und hoffentlich erstattet der Absender uns die Kosten für die Fehllieferung. Denn auch wenn wir in diesem Quartal über ein höheres Budget verfügen, zum Fenster rauswerfen können wir das Geld trotzdem nicht.
Sollten Glücksdrachen nicht Glück bringen? Mein Glück scheint mir, genau wie der Drache, abhandengekommen zu sein.
Am liebsten würde ich gleich noch mal gegen die Kiste treten, um meinen Frust loszuwerden. Nur weil ich keinen gebrochenen Zeh riskieren möchte, reiße ich mich zusammen und verziehe stattdessen das Gesicht.
„Hast du dir an deinem Tee die Lippe verbrannt, oder warum schaust du so frustriert und gequält drein?“
Rick Moreno!
Natürlich ist der Sheriff der Stadt genauso früh auf den Beinen wie ich, und so guter Laune, um freche Sprüche zu klopfen. Seine heiteren Schwingungen, denen ich mich meist nur schwer entziehen kann, haben mir gerade noch gefehlt.
„Nein, verbrannt habe ich mich nicht“, antworte ich und sehe, dass er Uniform trägt und offenbar auf dem Weg ins Büro ist. „In meinem Gesicht spielt sich nur die Reaktion auf einen echten und wahrlich folgenschweren Unglücksfall ab.“ Kaum ausgesprochen schüttele ich den Kopf und seufze verzweifelt. Seine gute Laune wird heute nicht auf mich überspringen.
„Interessant. Sag nicht, du hast wieder eine Leiche gefunden?“ Moreno lacht über seinen eigenen Witz und hakt die Daumen in seinen Gürtel, an dem neben seiner Schusswaffe noch einiges andere befestigt ist.
„Nein, keine Leiche“, sage ich und rücke, immer noch einhändig, den schweren Deckel vollständig von der Kiste, sodass er mit einem lauten Rums zu Boden kracht. Anscheinend verleiht mein Frust mir ungeahnte Kräfte. „Nur Halloweendekoration! Gruselige Puppen, die Madame Tussauds alle Ehre machen würden, kommen zur Kürbiszeit niemals aus der Mode, darauf kann man sich in Amerika getrost verlassen.“
Rick stellt sich, in die Kiste starrend, neben mich und wirkt plötzlich ungewöhnlich still.
Warum sagt er nichts? Und warum bekommt sein Blick diesen geistesabwesenden Ausdruck, den er immer aufsetzt, wenn er angestrengt nachdenkt? Obwohl ich den Mann neben mir erst ein paar Monate kenne, ahne ich nichts Gutes. Sicher hat unser Sheriff eine Meinung, die er mir in wenigen Augenblicken mitteilen wird.
„Millie?“
„Ja, ich weiß was du sagen willst. Meine Probleme …“
„Nein, weißt du nicht.“
… nehmen nie ein Ende, denke ich und bade einen Augenblick in Selbstmitleid.
Moment?
„Weiß ich nicht?“ Jetzt bin ich überrascht.
„Warum sieht deine Halloweendekoration aus wie der neue Koch des Asia-Restaurants, das Anfang letzten Monat gegenüber dem B&B eröffnet hat?“, fragt Rick, ohne den Blick von besagtem Koch abzuwenden.
Was?
Nein! Das kann nicht sein!
„Du glaubst, die gruselige Puppe mit dem schlechten Haarschnitt und den gepuderten Wangenknochen ist echt? So richtig echt? Menschlich echt? Mit Haut und Knochen und allem was dazu gehört?“ Erschrocken und voller Entsetzen trete ich einen Schritt zurück, wippe mit dem Kopf und umklammere beidhändig meinen Tea-to-go-Becher, als wäre er ein Rettungsanker. Die Erkenntnis einen Toten vor mir zu haben, den ich für eine gutgemachte Nachbildung gehalten habe, schockiert mich.
Wie unsensibel von mir.
Mir ist schlecht.
„Aber da ist so wenig Blut“, sage ich, in der Hoffnung, dass Rick sich täuscht, weil der Koch des neuen Asia-Restaurants möglicherweise ein Allerweltsgesicht hat. „Müsste da nicht viel Blut sein? An der Puppe – an dem Menschen?“, korrigiere ich mich und lege mir eine Hand über den Mund, da ich das Gefühl habe, mich in wenigen Augenblicken übergeben zu müssen. „Sollte mir ein Messer bis zum Heft in der Brust stecken, würde ich definitiv zu bluten anfangen?“ Der Laut, der mir hinter vorgehaltener Hand über die Lippen kommt ist Lachen und Entsetzen zugleich. Meine Nerven sind nach dem letzten Leichenfund nicht mehr dieselben. Der tote Kirby King, Star von Mord in rosarot, sollte eine Ausnahme bleiben. Eine einmalige und nie wieder vorkommende Ausnahme.
Offensichtlich hat mein Gehirn sich bereits abgeschaltet und auf Notstrom umgestellt. Ich rede Unsinn.
„Warum in der Kiste oder an der Kochjacke kaum Blutspuren sind, kann ich dir nicht erklären, Millie. Für die Beweisaufnahme ist die Spurensicherung zuständig.“ Moreno tritt neben mich und legt mir einen Arm um die Schulter. „Vielleicht solltest du dich einen Moment hinsetzen.“ Seine Stimme ist hilfsbereit – besorgt. Wie so oft, wenn es um mich geht.
„Ist schon okay. Mir geht es prächtig. Alles paletti.“ Mein Körper übernimmt die Führung, lehnt sich wie magnetisch angezogen gegen ihn und straft meine Aussage Lügen. „Ist nicht meine erste Leiche, die ich finde – ha ha!“ Wieder entschlüpft mir dieser Laut zwischen Lachen und Entsetzen, während ich an den armen Kirby denke, der seinen Tod auf der Bühne gefunden hat.
Warum nur? Wie kann ich dieses überdrehte Verhalten abstellen? Mein Benehmen ist unangemessen und wenig würdevoll dem toten Koch gegenüber.
Rick umklammert mich fester, schiebt mich weiter weg von der Kiste und zieht mit der freien Hand sein Handy aus der Gesäßtasche. Nachdem er das Display entsperrt hat, drückt er die Kurzwahltaste.
Da der Mann, in dessen Armen ich mich befinde, gut riecht, nach Sandelholz und etwas ausgesprochen Männlichem, drehe ich meinen Kopf so, dass ich mich an seine Brust kuscheln und weiterhin meinen Becher umklammern kann. Sofort entspannt sich meine Körperhaltung und die Schultern sacken ein wenig nach unten.
Es gibt eine Leiche in unserem beschaulichen und überaus idyllischen Beverlie Hills. Wieder mal.
Wieso nur?
Wenn das so weitergeht, verliert das Theater seinen guten Ruf. Dann wird aus dem Schauspielhaus ein Mordspielhaus.
„Sam?“ Ricks Brust vibriert, als er mit dem Deputy seiner Polizeistation spricht. „Sheriff Moreno hier. Komm bitte zum Theater und verständige auch das Team der Spurensicherung. Millie und ich haben gerade eine Leiche gefunden.“
2
Sam, der nicht nur Deputy, sondern mir auch ein guter Freund ist, hat mir gerade einen frischen Tee und ein Croissant gereicht, um meinen nervösen Magen zu beruhigen. Noch bevor das Team der Spurensicherung angerückt war, hat er mich ins Innere des Theaters begleitet und auf die Bank hinter der Bühne gesetzt. In der Regel warten hier die Schauspieler während der Aufführung auf ihren Einsatz.
Für seine Weitsicht, mir weit weg von der Leiche einen Platz zu besorgen, bin ich dankbar. Genau wie für den Tee und das Croissant, das Sam mir netterweise gebracht hat. Obwohl ich mich wie ein außerordentlicher Pflegefall fühle, bin ich nicht sicher, ob ich es noch mal verkraftet hätte, zuzusehen, wie eine Leiche in einen schwarzen Sack gehüllt und weggebracht wird. Ob die Spurensicherung wieder Fotos schießt und kleine gelbe Schildchen mit Nummern aufstellt?
Wobei … unter Umständen stellen sie keine Schildchen auf. Beim letzten Mal haben sie es nicht gemacht. Kirbys Spuren wurden nicht durchnummeriert.
Von meinen wirren Gedanken überfordert trinke ich einen Schluck Tee und beiße anschließend in das frische, noch leicht warme Gebäck in meinen Händen. Bestimmt hat Sam es aus dem City-Café geholt. Bei Rosies gibt es die besten Schinken-Käse-Baguettes von ganz Beverlie Hills. Die goldgelben Buttercroissants mit pikanter Hackfleisch- und Petersilienfüllung stehen erst seit letztem Monat auf der Speisekarte und sind bei den Einwohnern der Stadt der Renner. Ich selbst bin schon dazu übergegangen, mir wenigstens einmal die Woche eins dieser kleinen verführerischen Dinger mit zu vielen Kalorien zu gönnen. Hoffentlich wird mein Cholesterinspiegel mir die Sünde auf Dauer verzeihen.
„Millie?“ Rick steht mit leidgeplagter Miene vor mir und winkt mit der Hand vor meinen Augen. Wo ist er so plötzlich hergekommen? „Du siehst blass aus. Wieder mal.“
Erwacht aus meiner Trance kaue und schlucke ich, ohne wirklich zu schmecken, bevor ich antworte. „Ich habe eben keinen mediterranen Hautton“, versuche ich einen Witz zu reißen, der irgendwie nicht zündet.
Rick geht nicht darauf ein. Dafür hockt er sich vor die Bank, um mit mir auf Augenhöhe zu sein. „Kann ich dir ein paar Fragen stellen?“ Er mustert mein Gesicht. „Fühlst du dich dem gewachsen?“ Rücksichtsvoll legt er mir eine Hand aufs Knie.
Anscheinend ist es offensichtlich, dass mich dieser Mord mehr mitnimmt als der letzte. Was liest er wohl in meinem Gesicht? Schuldgefühle? Ein schlechtes Gewissen?
Wie konntest du den armen Koch nur für Halloweendekoration halten, Millie?
„Natürlich kannst du mir Fragen stellen“, antworte ich tapfer und klopfe nach langem Ausatmen auf den Platz neben mir. „Aber bitte setz dich. Es sieht ziemlich unbequem aus, wie du da vor mir kauerst.“
Rick schenkt mir ein Lächeln und erfüllt mir meinen Wunsch. Seine Knie werden es mir später danken.
„Also …“, fange ich an und wappne mich auf alles was da kommt. „Was möchtest du wissen? Ich habe den Koch nicht umgebracht“, erkläre ich und hebe den Kopf, damit ich ihn ansehen und er in mein Gesicht blicken kann. Gerne darf er den Wahrheitsgehalt in meiner Mimik überprüfen.
Rick verzieht einen Mundwinkel, als würde er nur mit Mühe ein warmes Lächeln zurückhalten können. „Das habe ich auch nicht angenommen.“ Er ist jetzt ganz der professionelle Sheriff, der sich auf seine Arbeit konzentriert. Deshalb unterdrückt er auch das Lächeln, das er mir scheinbar zu gerne schenken würde.
„Gut.“ Ich nicke – leider etwas zu heftig. Besser ich bekomme mich und meine Überreaktionen bald unter Kontrolle.
„Die Transportkiste … Hast du sie geöffnet?“, fragt Rick, ohne mich aus den Augen zu lassen.
„Nein, sie stand bereits einen Spalt offen. Der Deckel lag nur auf. Die Nägel, mit denen die Kiste verschlossen war, waren schon entfernt.“
„Wir haben sie auf dem Boden gefunden“, bestätigt Rick.
„Ich habe sie nicht rausgezogen“, fühle ich mich genötigt zu sagen.
Jetzt ist es an unserem Sheriff übertrieben zu nicken. Er scheint in Gedanken bereits die nächste Frage zu formen.
„Was sollte in der Speditionskiste ursprünglich drin sein? Bei der Größe gehe ich davon aus, dass es sich um einen Teil für die neue Bühnendekoration handelt?“
„Ja, genau. In der Kiste sollte ein mannshoher und fünf Meter langer rot-goldener Glücksdrache liegen. Und eigentlich sollte die Speditionsgesellschaft sie nicht vor der Tür abstellen, sondern bis ins Lager bringen.“ Das letzte sage ich mit dem nötigen Unmut in der Stimme. Der Verlust des Drachens wird uns Kopf und Kragen kosten.
„Die Schuld nehme ich auf mich“, tönt eine Stimme aus dem Off. „Das Büro war nur ein Stündchen unbesetzt, weil ich in die Reinigung musste, um meine neue Fischgrat-Tweed-Weste abzuholen, auf der ich einen Kaffeefleck hatte. Entschuldige, Millie, leider konnte ich die verfrühte Lieferung nicht annehmen.“ Magnus der Große Daytan, ehemaliger Entfesselungskünstler und jetzt Regisseur des Beverlie Hills Theaters, stellt sich mit geknickter Miene vor die Bank, auf der Rick und ich sitzen. „Es tut mir leid.“ Die Diva verzieht theatralisch das Gesicht. „Wie ich höre, ist der Koch vom Chinarestaurant tot und der Glücksdrache verschwunden. Was für ein Mist.“
„Asia-Restaurant“, korrigiere ich unnützerweise meinen einzigen Kollegen. „Der Koch des Chinarestaurants lebt noch.“
Magnus, dem kaum etwas wichtiger ist, als sein äußeres Erscheinungsbild, fährt sich über die ergrauten Haare, die wie immer ordentlich zu einem tiefsitzenden Pferdeschwanz zusammengebunden sind. „Asia … China … Ist das nicht alles das gleiche? Mir schmeckt nichts von dem Zeug mit zu viel Sojasauce.“ Er schüttelt sich. „Und dann soll ich dort auch noch mit Stäbchen essen. Nein, danke.“
„Es ist nicht alles das Gleiche“, funkele ich böse, weil Magnus Schuld daran hat, dass der für uns so wichtige Drache verschwunden ist. Der Eitle schafft es nicht mal einen halben Tag ohne seine geliebte Weste herumzulaufen. „Das Mandarin hat noch einen Koch, der Asia Garden nicht mehr. Darin liegt der Unterschied.“
„Auch gut.“ Magnus wirkt genauso angefressen wie ich. Natürlich aus denselben Gründen. Auch er ist sich bewusst, dass wir erneut Probleme bekommen werden, den Premierentermin einzuhalten, sollte der Drache verschwunden bleiben. „Wir brauchen sowieso keine zwei Chinarestaurants in der Stadt.“
Gerade möchte ich den Mund aufmachen, um zu protestieren und Partei für den neueröffneten und wirklich wunderschönen Asia Garden zu ergreifen, da stoppt Rick mich, indem er mir das Knie tätschelt.
„Äh!“ Er wirft einen angespannten Blick von Magnus zu mir. „Wo könnte eure Drachendekoration denn sein? Hat einer von euch eine Vermutung? In einer Handtasche wurde sie sicher nicht weggetragen.“
Seit Rick in den Fängen des Entfesselungskünstlers gelandet ist und von mir befreit werden musste, hat er ein gespaltenes Verhältnis zu dem stolzen Sechzigjährigen. Wer kann es ihm verdenken. Keiner möchte für Stunden in Ketten auf einen Stuhl gefesselt werden. Eine solche Behandlung hinterlässt Spuren.
Magnus schnaubt.
„Wahrscheinlich hat der Besitzer des Mandarin den Mord begangen, unseren Glücksdrachen geklaut und anschließend den toten Koch in die Speditionskiste geworfen. So ein hübscher chinesischer Drache ist sicher eine passende Dekoration für sein Restaurant.“ Er richtet die Knopfleiste seiner grauen Fischgrat-Tweed-Weste, die schuld daran ist, dass Magnus die Lieferung gestern nicht entgegengenommen hat. „Wäre ich du, würde ich dort mal vorbeischauen, Sheriff.“
Bitte? Der Drang, mir die Haare zu raufen, ist groß. Leider habe ich beide Hände voll.
Wie kann Magnus Anschuldigungen aussprechen, ohne Beweise zu haben? Der Mann ist launenhaft, unberechenbar und ein Exzentriker.
„Niemals“, sage ich entsetzt. „Keiner begeht einen Mord, nur weil das eigene Restaurant Konkurrenz bekommen hat. Unser Mandarin hat einen ausgezeichneten Ruf und braucht nicht um seine Gäste zu fürchten. Du redest totalen Unsinn, Magnus.“
„Äh!“ Wieder ist es Rick der dazwischengeht, bevor der Große Daytan mit mir zu streiten anfängt. „Wir werden den Drachen finden. Und den Mörder.“ Er erhebt sich. „Vielleicht solltet ihr euch beide gemeinsam einen Moment Zeit nehmen, um runterzukommen.“ Sein Blick wandert zu mir. „Setz dich in dein Büro, Millie, und nimm Magnus mit. Ich spreche mit der Spurensicherung und komme anschließend mit neuen Informationen zu euch.“
∗∗∗
Rick hält Wort und kommt eine halbe Stunde später zu mir ins Büro. Ich bin allein. Magnus hat das Theater verlassen und schmollt. Der Mann, mit dem ich unser beschauliches Theater führe und der sich nicht selten wie ein verzogenes Kind verhält, wäre gerne sauer auf mich, aber dieser Fehler geht eindeutig auf sein Konto. Er ist der, der Mist gebaut hat.
Mir ist nicht entgangen, dass seine blöde Weste enger als sonst saß. Unter Umständen ist sie in der Reinigung eingelaufen. Geschieht ihm recht. Sollte er die Knöpfe versetzen oder den Rücken ändern lassen müssen, braucht er nicht zu mir zu kommen. Dann kann er zusehen, wo er eine fähige Schneiderin herbekommt.
„Ist Magnus weg?“, fragt Rick, während er sich suchend im Büro umsieht.
„Jep. Gott sei Dank. Ich bin so was von sauer auf ihn, das kannst du dir nicht vorstellen.“ Ich seufze tief und lange, wie es mir an einem Morgen wie diesem zusteht. „Bitte sag mir, dass du meinen wunderschönen und perfekt zu unserem Stück passenden Glücksdrachen gefunden hast. Liegt er zufällig auf der Rückseite des Gebäudes? Bei den Müllcontainern vielleicht? Da habe ich noch nicht nachgesehen. Irgendwo muss er sein.“ Zutiefst erschüttert stöhne ich erneut und reibe mir die Stirn. „Verdammt, er ist riesengroß und kann sich nicht in Luft aufgelöst haben.“
„Nein, tut mir leid.“ Ricks Miene und auch sein Tonfall strahlen Mitgefühl aus. „Der Drache scheint nicht im oder hinterm Theater zu sein. Keiner aus meinem Team hat eine Spur von deiner fehlenden Theaterdekoration.“
„Wenn der Mörder ihm etwas angetan, ihn womöglich mit einem seiner tödlichen Messer zerschnitten hat …“
Was für eine grauenhafte Vorstellung.
Millie, du hast Muttergefühle.
Wüst fahre ich mir durch die Haare und hadere mit mir selbst, weil ich mich um einen Haufen Pappmaché sorge, anstatt den Toten in der Kiste zu betrauern. Er hat sein Leben verloren, ich nur meine Bühnendekoration.
„Verdammter Mist!“ Am liebsten würde ich meinen Frust an einem Boxsack abreagieren.
„Kanntest du den Toten?“, fragt Rick mich und nähert sich meinem Schreibtisch. Er bewegt sich langsam, als hätte er meine Gedanken gelesen und befürchtet, ich könnte ihn als Boxsack benutzen wollen.
„Nein.“ Ich stoße einen gequälten Laut aus und lasse die verspannten Schultern sinken. „Sonst hätte ich ihn sicher nicht für eine schlecht fabrizierte Wachsfigur gehalten.“ So frei von der Leber weg rede ich nur mit unserem Sheriff, weil ich das Gefühl habe, der letzte Mordfall hat uns zu Freunden gemacht. Irgendwie zusammengeschweißt.
„Sei nicht zu streng mit dir. Es ist verständlich, dass du dich geirrt hast. Wer rechnet schon damit, einen Toten in seiner Bestellung zu finden.“
„Genau.“ Zum Glück ist Rick nachsichtig mit mir.
„Ich rekapituliere mal. Gestern, höchstwahrscheinlich im Laufe des Nachmittags, kam eure Lieferung aus Übersee. Magnus war in der Reinigung, weswegen die Kiste auf der Rückseite des Theaters abgestellt wurde.“
„Ja.“
„Wo warst du zu dem Zeitpunkt?“
Ich nehme Rick die Frage nicht übel. Er hat mir bereits bestätigt, dass er mich nicht für die Mörderin hält.
„Zuhause, in meiner privaten Schneiderei, wo ich ohne Magnus, der mich ständig stört, mehr Ruhe habe. Die Kostüme für Glücksdrachen können nicht fliegen brauchen noch einige Nachbesserungen.“
„Hast du eine Ahnung, wer der Speditionsgesellschaft die Annahme der Kiste bestätigt hat? Jemand muss die Lieferung quittiert haben.“
„Nein. Keinen blassen Schimmer.“ Sicher hat nicht der Mörder unterschrieben. Das wäre ein echter Anfängerfehler.
„Wir werden das überprüfen. Aber ich mache mir wenig Hoffnung, dass die Unterschrift lesbar ist und uns einen Hinweis auf den Täter gibt.“
Einen Moment hängen wir beide unseren Gedanken nach und schweigen. Irgendwann hat es den Anschein, als würde Rick über eine schwer zu stellende Frage nachdenken.
„Warst du schon im neu eröffneten Asia Garden essen?“, platzt es im nächsten Augenblick aus ihm heraus.
„Ja, letzte Woche, gleich am Eröffnungstag habe ich dort das Kung Pao Huhn probiert.“ Ich lege mir die Hand auf den Bauch, weil ich mich erinnere, wie vollgefressen ich an dem Tag nach Hause gekrochen bin. „Sehr lecker – nein, unglaublich lecker. Meine Empfehlung hat der Laden jedenfalls.“
Rick Moreno und ich teilen eine Vorliebe für chinesische Mikrowellengerichte. Oder besser gesagt, eine Vorliebe für schnell zubereitetes Essen.
„Ist dir an dem Messer, das in der Brust des Toten gesteckt hat, etwas aufgefallen?“ Rick kommt zum eigentlichen Thema zurück und lässt sich auf den freien Stuhl vor meinem Schreibtisch fallen. Mit seiner Körpergröße von mindestens ein Meter neunzig und den breiten Schultern füllt er den Stuhl mehr als aus.
„Nein. Das Ding war groß und saß tief und mittig zwischen den Rippen des armen Opfers.“ Ein Kochmesser eben. „An mehr erinnere ich mich nicht.“
„Ich finde, es sah irgendwie ungewöhnlich aus.“ Rick streicht sich über das unrasierte Kinn. Er denkt eindeutig scharf nach.
„Wie ungewöhnlich? Da musst du wohl deutlicher werden.“
Der Mann vor mir seufzt und hört auf, sich über die Stoppeln zu fahren. „Der Messergriff bestand aus unbehandeltem Ebenholz“, erklärt er. „Aber der Schaft war nicht ergonomisch geformt, sah sogar irgendwie selbst geschnitzt und in sich verdreht aus. Die Mordwaffe hat garantiert nicht gut in der Hand gelegen.“
„Wahnsinn. Du besitzt Fachwissen über Messer?“ Wie überraschend.
Bisher dachte ich, Rick kennt sich nur mit antiken Stühlen aus. Der Mann vor mir ist nämlich ein begeisterter Stuhlsammler. Ob alt oder von einer berühmten Persönlichkeit, Rick ist an dem Sitzmöbel interessiert.
„Ich bin Sheriff“, sagt Rick, leicht entrüstet. „Ein gewisses Verständnis sowie grundlegende Kenntnisse von Stichwaffen gehören zu meinem Beruf.“
Da ist aber jemand empfindlich.
„Also für mich sah das Messer wie jedes andere große Küchenmesser aus. Aber ich habe auch nicht richtig hingesehen.“ Wieder kommt mir ein Seufzen über die Lippen. „Der Schock, dass mein ersehnter Glücksdrache nicht in der Speditionskiste lag, war zu groß.“
„Hm.“ Rick scheint erneut mit seiner Aufmerksamkeit weit weg.
Plötzlich durchzuckt mich ein Gedanke. Ich ziehe die Schreibtischschublade auf und wühle in den Papieren und dem Krempel, den ich achtlos hineingeworfen habe. „Irgendwo muss es sein“, spreche ich mit beiden Händen in meiner Kramschublade stöbernd.
„Was suchst du?“
„Warte einen Moment. Ich weiß, dass es hier irgendwo ist. Ich bin mir sicher, es gestern noch in der Hand gehabt zu haben.“
„Millie …“ Ricks Stimme klingt angespannt. Gleich hat er genug von meinem Gewühle. Ich spüre es.
„Bingo! Da ist es.“ Strahlend reiche ich unserem Sheriff den handlichen Zettel in Babyrosa, der sich unter einer Tüte saurer Weingummischnüre versteckt hatte.
„Was ist das?“ Rick studiert das Papier.
„Die Ausschreibung, oder besser gesagt, die Einladung, hat mir der Bürgermeister von Scott Hills zukommen lassen. Die Stadt hat diese und nächste Woche anlässlich des alljährigen Handwerkermarktes einen Wettkampf der Messerschmiede. Und weil der Marktplatz von Scott Hills momentan wegen umfangreicher Tiefbauarbeiten nicht betreten werden kann, möchte der Bürgermeister die Preisvergabe für die Schmiedekünstler im Beverlie Hills Theater abhalten.“
„Interessant.“ Ricks Stirn runzelt sich.
Erfreut, weil ich unserem Sheriff auf die Sprünge helfen konnte, gönne ich mir ein breites Grinsen. „Vielleicht hat einer der dortigen Messerschmiede die Mordwaffe gemacht“, spreche ich meine Vermutung laut aus.