Leseprobe Ostseeküsse schmecken besser

Kapitel 1

1. Leugnen

2. Gefühlsausbrüche

3. Verhandeln

4. Eingeständnis

5. Akzeptanz

Wenn man Google Glauben schenken konnte, waren das die fünf Stadien, die man durchlebte, wenn man schrecklichen Liebeskummer hatte.

Ich hatte Liebeskummer.

Keinen besonders schrecklichen, schließlich war in der Regel ich diejenige, die eine Beziehung beendete, dennoch durchlebte ich jedes einzelne Stadium so intensiv, als wäre ich die Verlassene. Ich litt wie ein Hund, den man bei sengender Hitze im Auto zurückgelassen hatte (shame on you, wer das tut!).

Meine Lieblingssongwriterin Taylor Swift hatte eigens für diese Szenarien die passenden Playlists zusammengestellt, die im Moment auf und ab aus meinem Bluetooth-Lautsprecher schallten.

Aktuell befand ich mich in Phase drei – verhandeln.

Dabei verhandelte ich keineswegs mit B-e-n-e-d-i-k-t, meinem Ex. Vielmehr ging es darum, dass ich meine Entscheidung, mit ihm Schluss zu machen, bevor es ernst wurde, vor mir selbst zu rechtfertigen versuchte.

Pah, als müsste ich das …

Okay. Ja, natürlich musste ich das. Ansonsten würde ich emotional zugrunde gehen und mich Zeit meines Lebens schlecht fühlen.

Aber es war richtig gewesen, ihn zu verlassen, bevor ich mich in etwas gestürzt hätte, das mich womöglich wieder in einen Abgrund gestoßen hätte. Als er mir die Angebote des Immobilienmaklers für diverse Eigentumswohnungen gezeigt hatte, waren bei mir sämtliche Sicherungen durchgebrannt. Auch wenn eine Eigentumswohnung etwas Gutes war, weil sie eine Wertanlage war. Aber sie bedeutete ebenso eine gemeinsame Verpflichtung. Und was, wenn unsere Beziehung irgendwann den Bach runterging? Benedikt aus irgendwelchen Gründen keinen Bock mehr auf ein Leben mit mir hatte? Dann hätten wir einen Scherbenhaufen, ich ein abermals gebrochenes Herz, aber eine Eigentumswohnung an der Backe?

Nein, danke. Darauf verzichtete ich liebend gern und hatte deswegen die Reißleine gezogen und mich getrennt.

Im Hintergrund lief gerade The Albatros von Taylor Swift und ich summte leise die Melodie der Bridge mit.

»Luna, hörst du mir überhaupt zu?«

Die Stimme meiner besten Freundin Sophie drang in meine Ohren, als wäre sie am anderen Ende der Welt und würde versuchen, über ein Dosentelefon mit mir zu kommunizieren.

»Ähm … Ja, natürlich.« Ich räusperte mich, um wieder im Hier und Jetzt bei Sophies und meinem Telefonat zu landen.

»Ach ja, und was habe ich gerade gesagt?«, fragte sie schnippisch. Zurecht. Nächste Woche war ihr großer Tag. Sie und Finn heirateten. Endlich. Die beiden waren schon seit der achten Klasse ein Paar und seitdem unzertrennlich.

Für einen Moment zögerte ich, aus Angst, wieder einmal in eines der berühmt-berüchtigten Fettnäpfchen zu treten. Es kam selten vor, dass ich eines ausließ.

Geräuschvoll sog ich die Luft ein, bevor ich schließlich antwortete: »Dass du dich sehr auf die Hochzeit freust?« Während diese Worte meinen Mund verließen, wusste ich, dass ich kolossal danebenlag.

»Falsch. Düdüm. Ich hatte dich an den Termin für die Anprobe erinnert. Du schaffst es doch, rechtzeitig da zu sein, oder?«

Ihre Stimme klang wieder sanfter, das beruhigte mich.

»Natürlich. Du weißt, dass ich dich nie hängenlassen würde. Ich bin so gespannt, wie das Kleid an mir aussehen wird. Viel mehr freue ich mich aber, dich in deinem Tülltraum zu sehen.«

Weil Sophie in Binz, ich hingegen in Dresden lebte, hatten wir gemeinsam im Onlineshop des Brautausstatters ein Kleid ausgesucht. Vor Ort würde ich es anprobieren und reiste deswegen schon eine Woche vor der Hochzeit an, damit noch Zeit für Änderungen blieb.

Ich hoffte inständig, es würde gut an mir aussehen. Es musste einfach perfekt sein. Für mich. Und für mein angeschlagenes Ego. Vor allem aber für Sophie, weil ich die Trauzeugin für sie sein wollte, die sie verdient hatte.

»Oh, du wirst umwerfend darin aussehen«, sagte meine beste Freundin. »Da bin ich mir ganz sicher.«

»Ja, vielleicht. Ich habe schon alles gepackt, damit ich morgen direkt nach der Arbeit losfahren kann.«

»Supi. Hach, ich freue mich so auf dich!«, rief sie euphorisch ins Telefon.

»Ich mich auch. Ich kann noch gar nicht glauben, dass ihr endlich heiratet. Wahnsinn.«

»Es ist so aufregend. Die ganze Planung und alles. Wirklich irre, wie schnell die Zeit dabei vergeht.«

»Ihr hättet euch eine Hochzeitsplanerin nehmen können«, merkte ich an.

»Ja, ich weiß. Finn hielt nichts davon, als ich ihm das anfangs vorgeschlagen hatte. Zu teuer.« Ein leises Seufzen war nach dem letzten Wort zu hören.

Zu teuer. Na klar. Dabei hatte Finns Familie Geld wie Heu. Ihnen gehörte das größte und nobelste Hotel in Binz. Sie hätten sich zwanzig Hochzeitsplanerinnen leisten können.

»Ich hoffe, er ist mit allem zufrieden«, sagte sie schließlich leise.

»Ganz bestimmt. Du hast so viel Liebe und Herzblut in die Organisation gesteckt, er wird hin und weg sein. Alles wird toll, glaub mir.«

»Ja, bestimmt. Schade, dass du Benedikt nicht mitbringst. Wenn du erst nach der Hochzeit mit ihm Schluss gemacht hättest, wärst du nicht alleine.«

Bäm! Damit war die Magie des Augenblicks dahin. Benedikt war die Red Flag, über die ich gerade am allerwenigsten sprechen wollte.

»Es macht mir gar nichts aus, alleine zu kommen. Das ist voll okay.«

»Ich meine ja nur. Wenn du so weitermachst, schaffst du es nie vor den Altar.« Mir war klar, dass Sophie damit Besorgnis zum Ausdruck bringen wollte. Aber ihre Worte verletzten mich. Als ob eine Hochzeit ein allgemeines Lebensziel für jedermann war, zusätzlich zum Hausbau und dem Ziel, Kinder in die Welt zu setzen. Ich war schon froh, wenn ich, ohne zu stolpern, durch den Tag kam.

Um die Hochzeitseuphorie meiner besten Freundin nicht zu dämpfen, beschloss ich, unsere unterschiedlichen Einstellungen zum Leben zu einem anderen Zeitpunkt mit ihr zu klären.

»Hm«, brummte ich. »Das passt schon.«

»Jaja. Und warum läuft dann diese Musik im Hintergrund? Ich meine, du hörst wahrscheinlich wieder sämtliche Heartbreaking Titel, die die Streamingplattformen bieten, oder? Huste zweimal, wenn ich falschliege.«

Ich hustete gar nicht.

»Wusste ich es doch. In welche Phase sind wir gerade?«

Ein bitteres Lachen verließ meine Kehle. »Also du bist in der Ich-heirate-bald-und-meine-Welt-ist-rosarot-Phase. Und ich? Phase drei würde ich sagen.«

»Ah, du versuchst also, dir die Trennung schön zu reden.«

»Genau. Er war einfach nicht der Richtige.«

»Ach ja? Und warum? Zwar habe ich euch nicht so oft zusammen erlebt, aber ich fand schon, dass ihr gut zusammengepasst habt.«

»Ähm, nein, das hat getäuscht. Glaub mir, es ist besser so.«

»Aber warum ist du dann traurig, dass du ihn in die Wüste geschickt hast? Das verstehe ich langsam nicht mehr.«

Ich holte tief Luft. Ich liebte meine beste Freundin wie eine Schwester. Aber ihre Fürsorge war mir manchmal etwas zu viel.

»Musst du auch nicht. Ich höre da auf mein Bauchgefühl, weißt du. Und bei Bened- … Bei ihm hat es einfach nicht gepasst.« Wie sehr ich es hasste, seinen Namen auszusprechen. Er kam mir einfach nicht über die Lippen.

»Vielleicht. Aber mal ehrlich, du kannst nicht ewig so weitermachen, Luna. Du kannst nicht jedes Mal, wenn ein Typ es ernst mit dir meint, die Reißleine ziehen. Damit bist du nicht besser als …«

Mir war klar, worauf sie hinauswollte. Und insgeheim wusste ich sogar, sie hatte recht mit dem, was sie sagte.

Trotzdem.

»Er war schon auf Wohnungssuche. Für uns. Verstehst du? Er hat mir ständig irgendwelche Angebote geschickt und hat Besichtigungstermine vereinbart. Wir waren gerade einmal ein halbes Jahr zusammen und noch dabei, uns kennenzulernen.«

Auch wenn wir nur telefonierten und ich Sophie nicht sah, wusste ich, dass sie gerade den Kopf schüttelte.

»Du tust das immer wieder, Luna. Seit der Sache mit du weißt schon wem. Hör auf damit. Du verpasst noch die Chance deines Lebens.«

Für einen Moment herrschte Schweigen in der Leitung. »Du meinst, ich bin so, weil Lord Ich-verpiss-mich-ohne-etwas-zu-sagen mich damals versaut hat? Hm, das würde ich sogar unterschreiben.«

»O Mann, Luna, echt. Es ist zehn Jahre her. Und bestimmt hatte er seine Gründe …«

»Über die er hätte mit mir sprechen können«, unterbrach ich sie. »Aber weißt du was? Mein Beziehungsstatus spielt gerade keine Rolle. Ich meine, du heiratest in ein paar Tagen und ich freue mich so sehr darauf, dich wiederzusehen. Und dass ich deine Trauzeugin sein darf, ist die größte Ehre, die mir auf diesem Planeten je zuteilwurde.«

»Na, nun übertreib mal nicht«, sagte sie und kicherte am anderen Ende der Leitung. »Ich freue mich auch riesig auf die Zeit mit dir und kann es kaum erwarten, dich vom Bahnhof abzuholen. Gibst du mir die Ankunftszeit noch mal durch?«

»Na klar, ich schicke dir nachher alles per WhatsApp.«

Wir plauderten noch eine Weile über Gott und die Welt, überflüssige Hochzeitstraditionen und verabschiedeten uns dann.

Den Rest des Abends verbrachte ich damit, zu leiden. Phase drei war längst noch nicht abgeschlossen und so redete ich mir weiter ein, das Richtige mit der Trennung getan zu haben.

Das tat ich jedes Mal, nachdem ich mich von einem Typen getrennt hatte. War es vielleicht ein Fluch, dass der eine oder andere nach ungefähr einem halben Jahr die Beziehung vertiefen wollte? Da war dann von Zusammenziehen die Rede, Familienfeiern, auf die ich mitgehen sollte, und dergleichen. Immer wieder war das der Zeitpunkt gewesen, an dem ich mich distanzierte und schließlich das Weite suchte.

War das fair den Typen gegenüber? Mh, vermutlich nicht.

War es nötig, um mein Herz davor zu schützen, erneut gebrochen zu werden? Japp.

Seitdem Du-weißt-schon-Wer mich vor zehn Jahren von einer Sekunde auf die andere hatte sitzen lassen, konnte ich das alles nicht mehr. Ich hatte viel zu viel Angst davor, wieder an den gleichen Punkt zu kommen wie damals. Wieder so verletzt zu werden, dass ich glaubte, für immer gebrochen zu sein.

Ich war nicht scharf darauf, eine gemeinsame Wohnung mit jemandem zu beziehen, den ich kaum kannte. Mit ihm hätte ich es mir damals vorstellen können und da hatte es sich richtig angefühlt. Mit allen, die danach kamen, nicht. Eltern kennenlernen? Nein, danke. Das brauchte ich wirklich nicht. Seine Eltern hatte ich nur zu gut gekannt. Schließlich waren wir über vier Jahre lang ein Paar und unzertrennlich gewesen. Sein Elternhaus war quasi mein zweites Zuhause gewesen. Und umgekehrt.

Bis zu jener Nacht kurz nach unserer Abi-Abschlussfeier, in der ich ihm vorgeschlagen hatte, gemeinsam nach Dresden zu gehen, um dort zu studieren. Es war nur eine Idee gewesen. Nichts war in Stein gemeißelt.

Am nächsten Morgen lag ein Zettel auf meinem Kopfkissen.

Es tut mir leid.

Vier Worte, die meine Welt in einer Millisekunde in Scherben zerbrochen hatten.

Keine Erklärung.

Keine Rechtfertigung.

Nur diese verdammten vier Worte und jedes einzelne hatte sich wie ein Dolch in mein Herz gebohrt.

Es war, als hätte jemand den Stecker gezogen. Meine Welt, die eben noch in den leuchtendsten Farben gestrahlt hatte, versank in einem Meer aus Grau. Wieder und wieder hatte ich auf den Zettel gestarrt, in der Hoffnung, die Botschaft würde sich ändern.

Aber sie blieb.

Es tut mir leid.

Keine Erklärung.

Keine Rechtfertigung.

Vier Jahre voller liebevoller Blicke auf dem Schulhof, gestohlener Küsse hinter der Turnhalle, endloser Telefonate bis tief in die Nacht und Treffen am Strand. Vier Jahre, in denen wir uns eine gemeinsame Zukunft ausmalten – das Studium in derselben Stadt, die erste gemeinsame Wohnung, vielleicht sogar irgendwann eine Familie. Deswegen fand ich meine Idee, gemeinsam in Dresden zu studieren, nicht abwegig.

Aber mit diesen vier Worten hatte er all unsere Träume zerschmettert.

Es dauerte eine Weile, bis ich realisiert hatte, dass er fort war. Wieder und wieder wählte ich seine Nummer, schrieb ihm Nachrichten. Aber rief nicht zurück, meine Nachrichten blieben unbeantwortet. Es war, als hätte ich einen Geist geliebt, der nicht existiert hatte. Die Tage und Wochen danach verschwammen zu einem einzigen dumpfen Schmerz. Ich bewegte mich wie in Trance durch mein Leben, funktionierte irgendwie, aber nichts fühlte sich real an. Sophie und Finn versuchten, mich aufzumuntern, meine Mutter bot mir Gespräche an, aber wie sollte ich erklären, was ich selbst nicht verstand?

Das Schlimmste waren die Gewohnheiten, die sich in mein Herz gebrannt hatten. Der reflexartige Griff zum Handy, wenn ich morgens aufwachte, weil ich wusste, dass er mir ein witziges GIF geschickt hatte. Meine Gedanken, die immer wieder zu ihm drifteten. Jede Entscheidung, die ich traf, und mich fragte, was wer wohl täte.

Ich hasste mich dafür, dass ich trotz allem auf ein Wort von ihm wartete. Auf eine Erklärung, eine Entschuldigung, irgendetwas. Aber da kam nichts. Er war wie vom Erdboden verschluckt.

In manchen Nächten lag ich wach und fragte mich, was eigentlich schiefgelaufen war. Wie aus einem Ich liebe dich ein solcher Abgang werden konnte. Ob er gewusst hatte, dass er gehen würde, während er mir noch Versprechen für die Zukunft machte? Dieser Gedanke hatte fast noch mehr wehgetan als sein Verschwinden selbst.

Irgendwann begann der Schmerz, zu verblassen. Aber diese erste Erfahrung von Verlust und Verrat hatte sich tief in meine Seele eingegraben und sie kaputtgemacht. Wie ein feiner Riss in einem Spiegel – meist unsichtbar, aber in bestimmtem Licht deutlich zu erkennen.

Damals hatte ich mir geschworen, dass mich dieses Gefühl der Hilflosigkeit nie wieder lähmen würde. Nie wieder würde ich einem Mann diese Macht über mich geben, mich im Nullkommanichts zu zerstören.

Also ja, wenn ich mich davor schützen wollte, erneut so eine Bruchlandung hinzulegen, zog ich selbst die Reißleine, bevor es zu spät war. 

Kapitel 2

Dass ich nicht Nein sagen konnte, war eine meiner größten Schwächen. Ingrid, meine Chefin, wusste das und nutzte das gern aus, um mir mal eben neue Projekte aufzuhalsen, selbst wenn ich schon bis zum Haaransatz im Arbeitsmorast versank. Auch dieses Mal hatte sie den richtigen Riecher und mir gestern, an meinem letzten Arbeitstag vor dem Urlaub, noch ein neues Projekt auf den Tisch gelegt, begleitet von den Worten »Kürbis- und Weihnachtszeit starten bald« sowie einem Zwinkern. Dienstbeflissen wie ich war, hatte ich bereits eine virtuelle Akte dafür in meinem Planungstool angelegt und alles, was ich dafür brauchte, eingepackt, damit ich im Urlaub schon erste Gedanken dazu sortieren konnte.

Es war Ende Mai und man sollte meinen, dass bis zum Herbst noch eine Menge Zeit war. Nicht so im Marketing, denn da tickten die Uhren anders und man musste früher schon an später denken.

Schnaufend ließ ich mich am Freitagmittag auf den Sitz in dem Zugabteil sinken, nachdem ich meinen Koffer verstaut hatte. Ich packte meinen Laptop und die Projektmappe aus, die ich natürlich mitgenommen hatte. Seit vier Jahren arbeite ich in einem kleinen Freizeitpark in der Nähe von Dresden, der allerhand In- und Outdoorattraktionen für Kinder bot. Man hatte mir damals die Stelle als stellvertretende Marketingleitung angeboten, die ich gern übernommen hatte. Nicht zuletzt der Aussicht wegen, die Leitung irgendwann zu übernehmen. Es machte mir wirklich unglaublichen Spaß, die kreativen Konzepte mit dem Team umzusetzen. Wir planten Mottopartys, betreuten die Social-Media-Kanäle und leisteten Öffentlichkeitsarbeit.

Die Kürbiszeit war meine liebste, weil ich ein absolutes Herbstkind war. Ich liebte es einfach, wenn die Natur alles in die schönsten goldenen rot-orangen Farbnuancen tauchte. Wenn das Licht weicher wurde, die Wiesen am Morgen von Raureif überzogen waren, während die Tage noch angenehm warm wurden. Und wenn es kühler wurde und die Regentage kamen, liebte ich den Herbst noch mehr. Dann verkroch ich mich mit einem guten Buch und meinem heißgeliebten Pumpkin Spice Latte auf dem Sofa.

Nach sieben Stunden Zugfahrt, in denen ich einmal umgestiegen war, landete ich pünktlich um achtzehn Uhr dreizehn am Binzer Bahnhof. Der Tag steckte mir buchstäblich in den Knochen. In meinem Kopf wummerte ein Presslufthammer, weil ich zu wenig getrunken hatte.

Doch als ich meinen Koffer aus dem Zug gehievt und meine beste Freundin am Bahnsteig entdeckte, verflog der Smog in meinem Kopf. Ich spürte, wie sich meine Mundwinkel bis zu den Ohren breitzogen, und beschleunigte meine Schritte.

Es war eine gefühlte Ewigkeit her, dass ich Sophie gesehen hatte. Sie kam mir mit demselben breiten Grinsen entgegengerannt und schloss mich in ihre Arme. Sie roch wie immer nach einer üppigen Blumenwiese. Ihre dunklen, langen Locken hatte sie zu einem Zopf gebändigt.

»Ich hab dich so vermisst«, murmelte sie an meiner Schulter.

»Und ich dich erst, Süße. Es tut so gut, dich zu sehen.« Meine Gedanken und Gefühle überrannten mich in diesem Moment, weswegen ich gegen den Kloß in meinem trockenen Hals anschluckte.

Sophie brachte wieder Abstand zwischen uns. »Du heulst doch jetzt nicht etwa? Wie geht’s dir? Erzähl!«

Ich schüttelte den Kopf. »Mir geht’s wunderbar, und nein, es wird keine Tränen geben, die hebe ich mir für eure Trauung auf.«

Sophie hob abwehrend die Hände und zog eine Grimasse. »O Gott, erinnere mich nicht daran. Ich muss unbedingt noch wasserfeste Mascara kaufen.«

Wir lachten beide und setzten uns in Bewegung. Das Geräusch der Rollen meines Koffers, die über die Pflastersteine ratterten, begleitete uns bis zu Sophies Auto.

»Wollen wir noch irgendwo eine Kleinigkeit trinken oder essen? Oder willst du gleich ins Hotel?«

Unsicher stieß ich die Luft aus, während ich den Kofferraum öffnete, um meinen Koffer einzuladen. »Wenn es dir nichts ausmacht, würde ich gern erst mal ins Hotel. Ich muss dringend duschen und mir etwas Frisches anziehen. Ist das okay?«

Sophies Miene veränderte sich kaum merklich, aber ich sah ihr an, dass sie wohl mit einer anderen Antwort gerechnet hatte.

»Wir können aber später am Abend gern noch ausgehen«, schob ich deswegen hinterher.

Sie stieg auf der Fahrerseite ein. »Nee, sorry, das geht leider nicht. Wenn Finn von der Arbeit kommt, müssen wir den Sitzplan unbedingt noch mal durchgehen. Du weißt ja, man darf da nichts dem Zufall überlassen.«

»Glaub ich gern.« Lachend glitt ich auf den Beifahrersitz und war froh darüber, nicht in ihrer Haut zu stecken. »Aber denk daran, es ist eure Hochzeit, und so, wie ihr es macht, ist es richtig.«

»Haha, sag das mal Opa Helmut. Der motzt jetzt schon, dass er auf gar keinen Fall neben Tante Karla sitzen kann, weil die beim Essen schmatzt.«

Ich verkniff mir ein erneutes Lachen. Opa Helmut war schon damals, als wir noch zur Schule gingen, ein Unikum und immer für einen derben Scherz zu haben gewesen. Einmal, als ich Sophie nach der Schule besuchte, hatte er mich mit seinem Gebiss erschreckt. Er hatte es aus seinem Mund genommen, hielt es in der Hand und wartete mit Klappergeräuschen hinter der Hausecke auf mich. Als wäre es erst letzte Woche gewesen, erinnerte ich mich daran, wie ich schreiend durch den Garten gerannt war.

»Du wirst ihn erleben beim Familienessen am Sonntagabend.«

Ich nickte stumm. Mir war klar, dass eine Reihe Termine in den nächsten Tagen anstanden. Dennoch brannte mir eine Frage unter den Nägeln, die ich mich nicht traute, zu stellen, weil ich Angst vor der Antwort hatte.

»Ich muss dir noch was beichten, Luni.«

Erst jetzt fiel mir auf, dass wir nicht den Weg zum Hotel Strandgut, das Finns Eltern gehörte, fuhren.

Ich setzte mich etwas seitlich, sodass ich sie besser ansehen konnte. »Ich bin ganz Ohr.«

»Nun ja, weißt du, es ist so. Das Hotel … Also es gab da irgendwie ein Problem mit dem Buchungsportal, wodurch es zu Doppelbuchungen kam. Keine Ahnung, was genau passiert, das kann Finn dir besser erklären.«

»Was genau willst du mir sagen, Sophie?« Skeptisch reckte ich mein Kinn nach vorn.

»Na ja, also eigentlich sollten unsere Hochzeitsgäste alle im Strandgut übernachten. Aber das klappt nun leider nicht so wie geplant. Wir mussten also ein bisschen umplanen und auf die Pension in Dünenwiek ausweichen. Ich hoffe, das ist okay für dich?«

Sie verzog das Gesicht, als hätte sie Schiss, dass ich ihr eine Szene deswegen machen würde. Stattdessen nickte ich. »Klar, das ist kein Problem.«

Wir waren also auf dem Weg nach Dünenwiek. Dem kleinen und verschlafenen Örtchen, das zwischen Binz und Sellin lag und ich dem aufgewachsen war. Das war an sich kein Problem, auch wenn ich mir hier etwas verloren vorkommen würde. Schon im Frühjahr hatten mir meine Eltern angeboten, dass ich auch bei ihnen übernachten konnte. Aber sie waren gerade im Urlaub und besuchten meine Schwester Stella, die in Oxford studierte. Davon abgesehen, dass ich hätte auch alleine in meinem Elternhaus sein können, hatte ich mir eingestehen müssen, dass mich keine zehntausend Pferde in mein altes Zimmer bringen würden, in dem mich alles an damals erinnerte. Da war die Einladung in das Hotel Strandgut gerade recht gekommen.

Nun wurde daraus ein Aufenthalt in der Pension Wellenspiel. Das war nicht das Ende der Welt. Swantje, die Inhaberin, war eine Bekannte meiner Mutter und ich wusste, wie schön und gemütlich es im Wellenspiel war. Die alte Strandvilla war zwar etwas in die Jahre gekommen, aber Swantje gab ihr Bestes, um alles in Schuss zu halten.

Als wir das Ortseingangsschild von Dünenwiek passierten, wurde mir mulmig zumute. Die kleinen Härchen in meinem Nacken stellten sich auf und ich fragte mich, was das zu bedeuten hatte.

»Und du bist mir auch wirklich nicht böse, dass wir dich hier einquartieren und nicht im Hotel?« Mit entschuldigendem Blick sah Sophie mich an, ehe sie ihn wieder auf die Straße richtete.

Ich legte meine Hand auf ihren Unterarm. »Ach was, überhaupt nicht. Das Wellenspiel ist doch megaschön und ich fahr dann einfach mit dem Taxi zur Hochzeit.«

»Was? Nein, das kommt überhaupt nicht in Frage. Finn hat schon Fahrdienste für alle Gäste organisiert, die hier übernachten.«

»Oh. Okay. Das ist natürlich noch besser.«

Finn überließ wohl nichts dem Zufall.

Es dauerte nicht lange, bis wir in die Straße einbogen, die direkt Richtung Strand und damit auch zur Pension führte. Sophie parkte den Wagen und half mir, den Koffer auszuladen, bevor sie mich noch einmal fest umarmte.

»Es tut mir so leid, dass ich nachher keine Zeit mehr für dich habe. Dafür sehen wir uns morgen zur Anprobe, ja? Sei unbedingt pünktlich. Frau Petersen schließt den Laden nur für uns auf.«

»Natürlich. Und hör bitte endlich damit, dich zu entschuldigen. Es ist in Ordnung, dass ich hier übernachte. Und es noch mehr in Ordnung, dass du nicht jede freie Sekunde mit mir verbringst. Ich meine, hallo? Du heiratest morgen in einer Woche! Und hast tausend andere Dinge zu tun. Ich werde die Zeit hier einfach genießen und wenn du meine Hilfe brauchst, dann lass es mich einfach wissen, okay?«

Sophie nickte und sah mich mit großen Augen an. »Es gibt da tatsächlich etwas, wobei ich deine Hilfe bräuchte. Aber das besprechen wir morgen, ja? Also, hab einen schönen Abend. Hab dich lieb.«

»Schwirr schon ab und kümmere dich darum, dass Opa Helmut den richtigen Platz bekommt.« Mit einem Zwinkern verabschiedete ich meine beste Freundin und genehmigte mir einen Blick aufs Meer, bevor ich in die Pension ging. Die Sonne hing schon über dem Horizont, bereit in den Wellen zu versinken. Das Licht war frühsommerlich und weich und tauchte die Umgebung in glänzendes Gold. Leise spülten die Wellen ihre Geschichten an den Strand, die sie im Meer gesammelt hatten.

Es war einfach der magischste Ort auf der ganzen Welt und ich beschloss, nachher unbedingt noch an den Strand zu gehen. In der Abenddämmerung war es nämlich besonders schön.

Doch erst würde ich mein Zimmer beziehen und mich frisch machen.

Swantjes Begrüßung war nordisch-herzlich, was so viel bedeutete, dass sie mich mit einem festen Händedruck und einem »Na?« willkommen hieß. Erst nach meinem Umzug nach Dresden war mir bewusst geworden, dass es auch anders ging.

»Selber na«, scherzte ich und checkte schließlich ein.

»Du hast Zimmer dreizehn. Die Treppe rauf und dann rechts den Flur entlang. Ist nicht zu verfehlen. Frühstück gibt es von sieben bis zehn.«

Sie schob mir einen Schlüssel mit einem alten schweren Metallanhänger über den Tresen. Zimmer dreizehn. Das klang vielversprechend, denn das war nicht nur Taylors Glückszahl, sondern auch meine. Mein Aufenthalt hier konnte also nur gut werden.

»Alles klar. Danke. Weißt du, ob es die Fischräucherei am Strand noch gibt? Ole irgendwas?«

»Nee du, da musst du nach Binz fahren.«

»Es wird doch hier irgendwo noch ein Fischbrötchen geben, oder?« Argwöhnisch musterte ich sie.

»Versuch dein Glück am Markt. Keine Ahnung, ob die noch geöffnet haben um diese Zeit.«

Ich sah auf die Uhr. Es war gerade mal um sieben. Primetime sozusagen. Aber ich war halt in Dünenwiek, wo schon am späten Nachmittag die Bürgersteige eingeklappt und die Läden geschlossen wurden.

Lachend schüttelte ich den Kopf, wünschte Swantje einen schönen Abend und schnappte mir meinen Koffer, um gleich darauf den alten Fahrstuhl anzusteuern.

»Ähm, der ist kaputt. Daher die Treppe rauf.« Mit einem Nicken deutete sie zu den Stufen, die mit blauer Teppich-Auslegeware überzogen waren.

Na super, es fehlte mir gerade noch, das schwere Ungetüm Stufe für Stufe in die erste Etage zu tragen. Ich plusterte die Wangen auf und stieß geräuschvoll die Luft aus. »Okay, na dann …«

Mit lautem Gepolter hievte ich den viel zu schweren Hartschalenkoffer nach oben. Mit jeder Stufe verfluchte ich mich mehr, weil ich jedes Mal den halben Kleiderschrank einpackte, wenn ich verreiste. Woher sollte ich aber wissen, auf welches Outfit ich nächsten Donnerstag Lust hatte? Oder ob es nicht doch am Freitag regnen würde? Ich war lieber für alle Eventualitäten ausgestattet.

Während ich die letzten Stufen erklomm, keuchte ich, als würde ich den Mount Everest ohne Sauerstoff besteigen. Für einen Moment rutschte ich mit der Hand vom Geländer ab und verlor das Gleichgewicht. Mist!

Unter Aufbietung all meiner Kräfte gelang es mir, den Koffer an Ort und Stelle zu halten. Nicht auszudenken, wenn er die Treppe heruntergestürzt wäre und unten im Foyer meine Klamotten ausgespuckt hätte.

Viel zu spät nahm ich die weiß-grauen Sneaker wahr, die in mein Blickfeld gerieten.

»Brauchst du Hilfe?« Das dunkle Timbre einer Männerstimme bescherte mir Gänsehaut, die ich versuchte, nicht zu beachten. Vielmehr musste ich mich darauf konzentrieren, die Kontrolle über mein Gepäck zu behalten.

»Sehe ich so aus?«, polterte ich und überwand die letzte Stufe, um endlich im ersten Obergeschoss anzukommen. Erst jetzt richtete ich mich auf, wischte mir die Schweißtropfen weg, die sich auf meiner Oberlippe angesammelt hatten, während ich diesen Kraftakt bestritten hatte, nur um dann für den Bruchteil eines Wimpernschlags in die schokoladigsten Augen zu blicken, die je gesehen hatte.

Und …

Moment …

Augen, die ich kannte.

Die ich nur allzu gut kannte.

Scheiße.