Leseprobe Rache und Ringelblumen

KAPITEL 7

Ich hatte den ganzen Sonntag damit verbracht, zu faulenzen, und kam zu dem Schluss, dass ein wenig Bewegung nicht schaden würde. Eine Radtour am frühen Morgen entlang der Culpepper Road, vorbei an der idyllischen Landschaft mit den Familienfarmen, war genau das, was ich brauchte, bevor ein weiterer Tag des Aufbauens anstand. Die Ostseite der Straße war von hohen, üppigen Lorbeerhecken gesäumt. Sie bildeten eine leuchtend grüne Schutzmauer. Riesige Sträucher aus Fackellilien vermischten sich mit den Hecken. Ihre typischen feurig roten und gelben Blütenstände waren in den langen Sommerstunden längst verwelkt, aber die dünnen Stiele und Blätter standen noch stolz aufgerichtet da und warteten auf die nächste Blütezeit. Stellenweise säumten kräftig orangefarbene Korkadenblumen, eine lang blühende Pflanze, die noch immer viel Farbe zeigte, in unordentlichen Büscheln die Straßenränder.

An der Westseite der Straße reihten sich malerische Bauernhöfe mit rustikalen roten Scheunen und Hühnern aneinander, die auf den Weiden nach Insekten pickten. Auf einem freundlich aussehenden Gehöft mit einem weißen Bauernhaus und einem fröhlich grünen Hühnerstall lehnte ein großes handgemaltes Schild an einem Briefkasten, der mit schwarzen und weißen Kuhflecken bemalt war. Ich fuhr auf die Westseite der Straße, um es zu lesen.

»Frische Bio-Eier, vier Dollar das Dutzend.«

Perfekt. Kingston liebte hart gekochte Eier. Da ich im Laden keinen Platz hatte, um sie aufzubewahren, nahm ich mir vor, auf dem Heimweg an der Farm vorbeizufahren. Clevererweise hatte ich vorne an meinem Fahrrad einen praktischen Korb angebracht.

Als ich an einer Straße namens Dawson Grove vorbeiradelte, sah ich aus dem Augenwinkel etwas Orangefarbenes. Ich beschloss, einen kleinen Abstecher entlang der Straße zu machen, um die Kürbisfelder zu bewundern. Das erste Haus, an dem ich vorbeikam, hatte einen Kürbisgarten, der direkt hinter der hinteren Veranda zu beginnen schien. Er erstreckte sich ausgedehnt über den gesamten Hof bis hin zu einer Weide, auf der mehrere Ziegen grasten. Eine große Vogelscheuche war, seltsamerweise, mit einem Feuerwehrmantel und einem Feuerwehrhelm bekleidet. Das gefiel mir. Um einen bestimmten Kürbis, einen riesigen, dunkelorangen Kürbis, war ein schmaler Zaun errichtet worden. Ich kam zu dem Schluss, dass es sich um einen der Preiskürbisse handeln musste, der für den Wettbewerb verhätschelt und geschützt wurde.

Ein dichter Rand aus violetten und weißen Wandelröschen trennte die beiden Bauernhöfe in Dawson Grove. Ich radelte daran vorbei zum nächsten Bauernhof mit seinem ebenso beeindruckenden Kürbisfeld und der noch beeindruckenderen Vogelscheuche. Diese Vogelscheuche trug einen schwarzen Zylinder, einen Gehrock und eine weiße Krawatte. Sogar Kingston, der sich normalerweise nichts aus Vogelscheuchen machte, würde bei der Mr. Darcy Vogelscheuche vielleicht einen zweiten Blick riskieren. Ich hatte die Vogelscheuche bewundert und dabei nicht die Frau bemerkt, die das Feld umkreiste. Sie trug eine grüne Leinenschürze und eine Bluse mit rosa Blumen, das süße Gärtner-Outfit einer älteren Dame, nur war da etwas nicht ganz so Süßes an ihrem Benehmen. Sie sah genauso verärgert aus wie die Frau, die im Restaurant ihr Steak zerhackt hatte. Ihre Gartenschuhe trafen so hart auf den Boden, dass ihr eine Staubwolke folgte.

»Morgen«, sagte ich fröhlich und hoffte, ihrem Tag einen kleinen Lichtblick zu verleihen. »Ich mag Ihre Vogelscheuche.«

Ihr Strohhut bewegte sich leicht, als sie in meine Richtung blickte. Sie murmelte etwas wütend vor sich hin und marschierte zurück zu ihrem Haus. Es schien, als hätte ich meinen ersten unfreundlichen Einheimischen getroffen.

Ich beschloss, dass mein Umweg über das Kürbisfeld zu Ende war, und drehte mein Fahrrad um, um zurück zur Culpepper Road zu fahren. Als ich an dem Feld und der hübsch gekleideten Vogelscheuche vorbei zurückfuhr, bemerkte ich, dass auf der Seite des paketgroßen Briefkastens, der auf einem schrägen Pfosten stand, der Name Kent aufgedruckt war. Ich war sicher, dass Lola den Namen Kent erwähnt hatte, als sie vom Kürbiswettbewerb sprach.

Ich blickte mich am Himmel und in den umliegenden Bäumen nach einem vertrauten schwarzen Vogel um, aber Kingston hatte offensichtlich beschlossen, heute seinen eigenen Weg zur Arbeit zu nehmen. Ich war noch nicht bereit, im Laden zu stehen und Vasen nach Größe und Farbe zu sortieren, also bog ich in Richtung Süden auf die Culpepper Street ab und fuhr in Richtung Strand.

Der Blick auf den Pickford-Leuchtturm mit seiner puderweißen Außenverkleidung und der glänzenden schwarzen Kappe war bei weitem der idyllischste in Port Danby. Ich bedauerte nur, dass ich ihn von meinem Geschäft aus nicht sehen konnte. Dennoch konnte ich an einem klaren Tag, wenn ich mehrere Schritte die Harbor Lane hinunterging, einen halben Meter nördlich von Lola’s Antiques stand und meinen Körper dann genau im richtigen Winkel drehte, um über die Lorbeerhecke auf der Culpepper Road hinwegzusehen, eine leicht verdeckte Postkartenansicht des gedrungenen kleinen Turms mit seiner spitzen schwarzen Kappe und dem großen gelben Licht erhaschen.

Es versprach ein strahlend blauer Tag zu werden. Ich beschloss, die Küste ein wenig zu erkunden, bevor ich in den Laden ging. Ich könnte mich wirklich daran gewöhnen, mein eigener Chef zu sein.

Die frühmorgendliche Luft war noch kalt. Ich hielt an, um den Reißverschluss meines Sweatshirts zu schließen, bevor ich meine Füße wieder auf die Pedale stellte.

KAPITEL 8

Ich fuhr mit dem Fahrrad von der Culpepper Road zur Pickford Way. Eine scharfe Rechtskurve führte mich vorbei am Pickford Beach – dem Stadtplatz und der Motelkette. Das Büro des Bürgermeisters lag unauffällig an der äußersten Westseite des Stadtplatzes.

Abgesehen von ein paar Männern mit Metalldetektoren und einer Frau, die die Möwen fütterte, war der Sand leer. Die Badesaison war vorbei, aber das hielt Wochenendbesucher nicht davon ab, in der Stadt zu bleiben. Ich hielt an dem Aussichtspunkt an, von dem aus man mit der richtigen Kamera und etwas Geschick herrliche Bilder der Küste machen konnte. Graue Granitfelsen, durchzogen von gelegentlichen schwarzen Schieferstücken, bildeten die steilen Klippen, die unterhalb des Leuchtturms abfielen.

Ich fuhr bis zu einem recht fragilen Metallgeländer und spähte hinüber. Ein Schwindelgefühl überkam mich, als ich die steile Klippe hinunterblickte, und ich rollte mein Fahrrad vorsichtig vom Rand zurück. Ein kleines Schild mit rot aufgemalten Buchstaben warnte die Besucher davor, über das Geländer zu klettern oder am Rand der Klippe entlang zu laufen. Das würde für mich kein Problem sein. Die Felsvorsprünge darunter würden aus keiner Höhe eine angenehme Landung bieten.

Ich zog mein Handy heraus, um ein Foto vom Leuchtturm zu machen. Mein Vater würde sich darüber freuen. Vor meiner Geburt hatte er vier Jahre in der Marine gedient. Er hatte seine Liebe zum Meer und allem, was dazugehörte, einschließlich des Angelns, nie verloren.

Ich starrte hinauf zu dem gedrungenen weißen Turm, der stolz auf seinem grünen Hügel stand. Den Leuchtturmwärter hatte ich noch nicht kennengelernt, aber ich hatte gehört, dass er dauerhaft in dem Cottage direkt unter dem Leuchtturm wohnte. Die Außenseite des Cottages war mit einem puderweißen Anstrich versehen und passte zum Leuchtturm, das steile Dach war jedoch mit ziegelroten Ziegeln gedeckt.

Ich machte ein paar weitere Bilder des Leuchtturms aus verschiedenen Winkeln. Es war ein so einfaches, schlichtes Bauwerk, und doch versetzte es mich irgendwie zurück in eine romantischere Zeit, als gewiefte Handelsmatrosen und wilde Freibeuter in großen Segelschiffen die Meere bereisten.

Von der Marina ertönte ein Pfiff, der bis zum Leuchtturm herüberdrang. Ich drehte mein Fahrrad um und schirmte die Augen gegen die Sonne ab, um zu sehen, woher das Geräusch kam. Es schien, als würde ich wieder meinem Nachbarn Dash begegnen.

Ich fuhr zurück zur Marina. Noch vor fünfzig Jahren war das Gebiet ein Anlegeplatz für Industrieschiffe gewesen, doch als die größeren Häfen in der Nähe das Geschäft von Port Danby übernahmen, baute die Stadt das Küstengebiet um und verlagerte ihren Fokus auf den Tourismus als Haupteinnahmequelle. Es war eine gute Entscheidung gewesen. Es gab kaum eine schönere, einladendere Küstenlandschaft in einem Umkreis von hundert Meilen.

Entlang des Anlegeplatzes verlief eine lange Reihe paralleler Docks, an denen Stationen zum Fischsäubern eingerichtet worden waren. Es gab einen Fahrradverleih und einen Imbiss, der stolz damit prahlte, den besten Krabbensalat der Welt anzubieten. Ein Angelsteg, ein Fischladen und das seichte, algenbedeckte Wasser einer Marina hätten meinen Geruchssinn leicht überwältigen können, wenn ich es zugelassen hätte.

Meine Hände rutschten fast vom Lenker, als meine Reifen über die rauen, holpernden Planken des Docks ratterten. Ich bog an einer der kurzen Seitenstraßen ab, die vom Hauptdock abzweigten. Die weiter entfernten Liegeplätze waren größtenteils mit Freizeitbooten belegt. Die Boote, die näher an den Fischreinigungsstationen angelegt hatten, waren Fischerboote.

Dash winkte vom Deck eines offenbar teuren Vergnügungsbootes. Es war leicht zu unterscheiden, da es einen glänzenden Lackrumpf und ein poliertes Teakholzdeck hatte, während die Fischerboote, die näher am Dock angelegt hatten, wo Spaziergänger den weltbesten Krabbensalat genießen konnten, im Vergleich dazu wie rostige Blechdosen aussahen.

Dash trug einen Werkzeuggürtel, und die Seite seiner rechten Hand war mit schwarzem Schmieröl bedeckt.

Ich stieg von meinem Fahrrad und blinzelte zu ihm hoch und stellte fest, dass er aus jedem Blickwinkel angenehm anzusehen war. »Ich dachte, es gäbe kein Familienvermögen, und doch stehst du hier auf einem schicken Boot.«

»Ja, und wenn dieses schicke Boot doch nur mir gehören würde. Wenn ich nicht gerade hämmere und meine Nachbarn in den Wahnsinn treibe, repariere ich Boote. Und verdiene tatsächlich Geld mit meiner Arbeit – im Gegensatz zu der, die ich zu Hause verrichte.«

»Sie müssen Lacey sein, das Blumenmädchen von Pink’s Flowers«, sang eine Stimme von ein paar Booten weiter. Eine Frau schwang ihr Bein über die Seite eines Fischerbootes und sprang mit Gummistiefeln auf den Steg. Sie war eine stämmige Frau mit runden, apfelroten Wangen. Ihr gelber Regenmantel quietschte bei jedem ihrer Schritte. Ihr Kiefer mahlte wild über einem Klumpen Tabak oder Kaugummi, während sie auf uns zu kam. Ich war erleichtert zu sehen, dass es Letzteres war. Pfefferminz, meiner Nase nach.

Sie streckte die Hand aus. Ihr Griff war kräftig … und eisig. »Sorry wegen der kalten Hände.« Sie rieb sie aneinander. »Ich habe gerade auf dem Boot geholfen.« Ihre Fingernägel erregten ihre Aufmerksamkeit. »Oh, sieh mal einer an.« Sie hielt mir eine Nahaufnahme der winzigen Palmen entgegen, die jemand mit großer Sorgfalt auf ihre Nägel gemalt hatte. »Hab eine Palme verloren. Wahrscheinlich irgendwo in dem Haufen Fischreste, den ich für die Möwen rausgeworfen habe.« Die kunstvoll bemalten Nägel passten nicht ganz zu der rauen, resoluten Art der Frau.

»Ich kann mir vorstellen, dass Maniküren hier am Dock nicht lange halten. Wie Sie schon sagten, ich bin Lacey, die Besitzerin des Blumenladens.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Theresa, und der glatzköpfige Mann mit dem langen grauen Bart da vorne am Bug ist mein Mann William, aber die meisten nennen ihn Willy.«

Ich hatte mittlerweile so viele Leute kennengelernt, dass es schwer war, sich alle Namen zu merken, aber Lola hatte mir während ihrer langen Erzählung über den Absolventenring von Willy und Theresa erzählt.

»Was führt Sie heute Morgen zum Dock?« Theresa schaffte es, zwischen jedem zweiten Wort Kaugummi zu kauen. Sie hatte diese Fähigkeit offenbar perfektioniert, was mich glauben ließ, dass sie sehr oft Kaugummi kaute. Mir wurde der Kiefer müde, als ich ihr zusah.

»Ich mache nur ein wenig Sport, aber ich muss zurück in den Laden.«

»Sie sollten zuerst meinen Mann kennenlernen.« Bevor ich antworten konnte, rief sie über den Steg. »Will! Komm und triff die Blumenladenfrau!« Es gab keine Antwort. Sie versuchte es noch einmal und schaffte es diesmal, eine Reihe Tauben von der Reling eines nahegelegenen Bootes aufzuschrecken.

Auf Williams glänzendem Kopf saß jetzt ein Schlapphut. Er beugte sich über die Reling seines Bootes und winkte. Das war die einzige Begrüßung, die ich brauchte. Es war schwer, den wettergegerbten, bärtigen kleinen Mann mit dem Bild einer Highschool-Liebe oder eines heimlichen Flirts in Verbindung zu bringen, aber was wusste ich schon über die Liebe?

»Hey, Lacey«, rief Dash von hinten. Er stand am Bug des glänzenden Luxusboots und zeigte auf einen hohen Mast des Schiffes, das gegenüber am Dock vertäut war. »Ist das nicht Ihr Vogel?«

Ich schirmte meine Augen ab und sah kurz zu der Krähe hinauf. »Ja, er versucht mich daran zu erinnern, dass ich zur Arbeit muss.«

Ich rollte mein Fahrrad näher an das Boot, auf dem Dash stand. Er stützte seine Unterarme auf die Reling und lächelte auf mich herab. »Ich dachte, er suchte vielleicht nach einem Krähennest

»Sehr clever.«

»Danke. Daran habe ich in den letzten paar Minuten gearbeitet.«

Ich deutete mit dem Daumen über meine Schulter. »Nun, ich muss zurück zum Laden.«

»Er sieht gut aus. Hoffe, es macht Ihnen nichts aus, aber ich habe durch die Fenster gespäht, während ich einen von Elsies Streuselkuchen gegessen habe. Ich wollte mich an einen ihrer Tische setzen, aber sie war damit beschäftigt, sie umzustellen. Sie muss jeden Tisch und Stuhl ein Dutzend Mal verschoben haben, bevor ich den letzten Bissen Streuselkuchen gegessen hatte. Sie war nicht so fröhlich wie sonst. Ich glaube, sie hat vielleicht die Vanille probiert.«

Ich seufzte. »Nein, es ist nicht die Vanille, aber ich denke, ihre Laune ist meine Schuld. Ich habe ihr nicht erlaubt, die Tische vor meinem Laden aufzustellen. Jetzt scheint sie von ihnen besessen zu sein. Ich gehe besser rüber. Ich möchte nicht, dass sie verärgert ist. Danke für den Hinweis.«

»Kein Problem. Schönen Tag noch, Nachbarin.«

»Ihnen auch, Dash.«

KAPITEL 9

Ich konnte das Kratzen der Metallfüße eines Stuhls über den Beton hören, lange bevor ich die kleine Ansammlung von Geschäften erreichte. Lester war im Coffee Hutch. Seine Tische und Stühle standen unbehelligt in der Morgensonne. Das vordere Fenster seines Ladens stand weit offen und seltsamerweise hatte er einen kleinen Ventilator auf den Sims gestellt. Er drehte sich und rotierte, während er Wellen von reichhaltigem Kaffeearoma auf die Straße sandte. Ich entdeckte einen Hauch von Mandeln im Duft einer mittleren Röstung.

Das metallische Kratzen auf Beton lenkte meine Aufmerksamkeit auf die Nachbarin auf der gegenüberliegenden Seite. Elsie trug Laufshorts unter ihrer Rüschenschürze und lehnte sich zurück, um die Tischanordnung zu studieren. Ich stellte mein Fahrrad vor dem Blumenladen ab und ging zu ihr rüber.

Elsie hörte mich kommen, sah aber nicht auf, als sie sprach. »Ich habe Angst, dass die Sonne nach zehn zu hell für diesen Tisch ist.«

»Ich denke nicht, dass das ein Problem sein wird, aber Sie könnten die Stühle weiter zum Laden hin drehen. Es ist so ein hübscher Laden.« Ich hoffte, mein Kompliment würde ein Lächeln hervorrufen, und das tat es. Aber es war kaum übertrieben.

Wenn man einem Gebäude jemals eine Ähnlichkeit zu einem Cupcake zuschreiben könnte, dann wäre es die Sugar and Spice Bakery. Elsie hatte das Gebäude in einem Buttergelb streichen lassen, einer Farbe, die einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, obwohl sie auf Ziegel und Putz verteilt war. Das leicht gewölbte Frontfenster war mit bonbonfarbenen Streifen in Blaugrün und Weiß verziert. Bauschige Spitzenvorhänge bildeten einen rüschenbesetzten Rahmen für das gleichermaßen charmante Ladeninnere. Die Buchstaben, die den Kinderreim-ähnlichen Namen der Bäckerei bildeten, waren in der gleichen erdigen blaugrünen Farbe.

Ich ging hinüber und legte eine Hand auf Elsies Schulter. »Ihre Kunden stehen Schlange für Ihre leckeren Backwaren. Ehrlich gesagt, mit Leckereien wie Ihren würden die meisten Leute glücklich sein, auf einem zerknüllten, nassen Stück Zeitung auf dem Bürgersteig zu sitzen, solange sie einen Ihrer saftigen Brownies in den Fingern hätten.«

»Danke, Pink. Und ich habe Ihr Kürbisbrot nicht vergessen. Ich habe eine schöne Schicht gesüßten Frischkäse hinzugefügt. Ich denke, es wird Ihnen schmecken. Es kühlt gerade ab.«

»Perfekt. Ich kann es kaum erwarten.« Ich nahm meinen Schlüssel aus dem Fahrradkorb und öffnete die Tür. Das Flügelschlagen hinter mir erinnerte mich daran, mich zu ducken. Kingston stürzte herab und landete auf seinem Fensterplatz. Als ich Kingston sah, erinnerte ich mich an meinen Plan, über die Culpepper Road nach Hause zu fahren, um ein Dutzend frische Eier zu holen. Wenn ich nach zwei langen Radtouren und einem Tag Ladenaufbau noch Energie hätte, dann würde ich zum Abendessen eine Frittata machen. Sobald ich herausgefunden hatte, wie ich meine Hyperosmie kontrollieren konnte, hatte ich meine Freude am Essen wiederentdeckt. Durch Rühren, Backen, Anbrennen und gelegentliches Übersalzen habe ich es geschafft, eine halbwegs gute Köchin zu werden.

Ich schlüpfte in mein kleines Büro, das eigentlich eher einer Abstellkammer glich, und checkte meine E-Mails. Featherton Nursery, eine Baumschule in der Nachbarstadt Chesterton, hatte die Lieferung von sechs Schalen mit orangefarbenen und gelben Ringelblumen bestätigt. Als ich mit der Verkäuferin telefonierte, erwähnte sie, dass sie vom Sommer noch sechs Schalen mit Ringelblumen übrig hätten und dass diese überraschenderweise immer noch blühten. Da es aber das Ende der Ringelblumensaison war und diese nur noch ein paar letzte Farbtupfer hatten, bot sie sie mir zum halben Preis an. Ich beschloss, dass eine kostenlose Ringelblume im Topf das perfekte Geschenk zur Eröffnung wäre. Ich hatte kleine rosa Töpfe gekauft, auf deren Seitenwänden Pink’s Flowers aufgedruckt war. Es war mein erster echter Marketingversuch, und ich war ziemlich zufrieden mit mir selbst.

Ich war noch nicht ganz mit dem Auspacken der bunten Vasen fertig, die ich für Blumenarrangements gekauft hatte, als Elsie mit einem kleinen Pappteller hereingeeilt kam, der sich unter dem Gewicht eines kleinen Laibs Kürbisbrot bog.

Mein ausgeprägter Geruchssinn ermöglichte es mir, Dinge zu schmecken, lange bevor sie meine Lippen erreichten. Zimt, Nelken und Muskatnuss tanzten einen kleinen Tanz durch meine Nase und hinunter in meinen Rachen. »Ich freue mich so darauf, Elsie. Ich habe heute Morgen eine lange Radtour gemacht und bin ausgehungert.«

Elsie wartete mit angehaltenem Atem, als ich den ersten Bissen nahm. Eine feuchte, krümelige Lawine aus würzigem braunem Zucker und Kürbis füllte meinen Mund. »Hmm, sogar noch besser als ich erwartet hatte, und glauben Sie mir, ich habe es erwartet. Und Sie haben Recht, die Schicht aus süßem Frischkäse setzt dem Ganzen die Krone auf. Jetzt bin ich froh, dass ich die Radtour gemacht habe, denn ich habe vor, jeden Bissen davon aufzuessen.«

Elsie wirkte zufrieden mit sich und die Frage der Tischordnung schien sie völlig vergessen zu haben. »Sie sollten Ihre Laufschuhe mitbringen. Wir könnten die Runde irgendwann einmal gemeinsam laufen.«

Ich lachte. »Nein, danke. Ich glaube, diese Blamage erspare ich mir. Außerdem müssten Sie mich wahrscheinlich auf Ihrem Rücken nach Hause tragen.«

Ich hatte noch nicht geöffnet, aber die Tür flog auf, und mein primitives Alarmsystem, bestehend aus einer rostigen Ziegenglocke, hallte durch den Laden. Ich hatte Bürgermeister Price schon einmal gesehen, aber wir waren einander nie offiziell vorgestellt worden. Es schien, als wäre der Moment gekommen. Sein buschiger Schnurrbart war nicht besonders symmetrisch und zuckte, als er sich im Laden umsah. Von dem säuerlichen Zug seines Mundes, der unter dem grauen Schnurrbart kaum sichtbar war, schien es, als hielte er nichts von meinem Geschmack. Was aber nicht weiter schlimm war, wenn man bedachte, dass der Mann einen dunkelgrünen Anzug aus Polyestermischgewebe trug, der ihm mindestens eine Nummer zu klein war. Besonders leid tat mir der Knopf, der über seinem dicken Bauch nur mit Mühe geschlossen blieb.

»Harlan«, sagte Elsie enthusiastisch, doch ein finsterer Blick des Bürgermeisters veranlasste sie dazu, ihre Begrüßung abrupt zu ändern. »Natürlich, Bürgermeister Price, wie geht es Ihnen? Haben Sie Port Danbys neueste Bürgerin, Lacey Pinkerton, kennengelernt? Ist ihr Laden nicht wunderschön?«

Er grunzte als Antwort auf ihre letzte Frage und trat für einen kurzen Händedruck vor. Ich setzte mein bestes Lächeln auf. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Bürgermeister Price.«

Der Bürgermeister nickte, als würde er der Aussage zustimmen, dass es schön war, ihn kennenzulernen. Bisher war das nicht der Fall und als auf sein Nicken ein ziemlich unverschämter Blick auf mein Gesicht folgte, musste ich mir auf die Zunge beißen, um ihn nicht auf seine Unhöflichkeit hinzuweisen. Vielleicht war er nur etwas gewöhnungsbedürftig. Schließlich war er ein Politiker. Irgendwann im Laufe unserer unzähligen Gespräche hatte Lola erwähnt, dass Bürgermeister Price die vierte Generation der Price-Bürgermeister sei. Sie gab an, dass der Grund hauptsächlich darin liege, dass sich sonst niemand für die Stelle interessierte.

Bürgermeister Price neigte leicht seinen Kopf und schien auf meine Nase fokussiert zu sein.

Instinktiv griff ich nach oben, um sicherzustellen, dass sie nicht mit den Zimtstreuseln von Elsies Kürbisbrot bedeckt war. Was meine Nase betraf, schien alles in Ordnung zu sein.

»Entschuldigen Sie, Bürgermeister Price, gibt es etwas in meinem Gesicht, das ich wissen sollte?«

»Äh, nein.« Er richtete sich auf und wandte seinen Blick von meiner Nase ab. »Ich habe nur versucht zu verstehen, wie Sie zu dem Spitznamen ›Millionen-Dollar-Nase‹ gekommen sind. Sie sieht für mich wie eine gewöhnliche Nase aus.«

Elsie lachte, unterbrach sich jedoch, als er sie finster ansah. »Meine Güte, Harlan, ich meine, Bürgermeister Price, wo um Himmels willen haben Sie das gehört?«

Ich sah Elsie an. »Offenbar hat Bürgermeister Price ein wenig Recherche über den neuesten Bürger von Port Danby betrieben.« Ich sah ihn fragend an und zog eine Augenbraue hoch.

Er spielte eine Sekunde lang nervös an der Knopfleiste seines Mantels herum, dann stammelte er eine Entschuldigung. »Ich nehme meine Aufgabe, für die Sicherheit der Bürger zu sorgen, sehr ernst. Man kann nie vorsichtig genug sein.«

»Ja, natürlich.« Ich versuchte, den Sarkasmus nicht zu stark durchsickern zu lassen.

Kingston gab ein gurrendes Geräusch von sich und signalisierte damit, dass er ein Stück Kürbisbrot wollte.

Der Bürgermeister brauchte einen ganzen Moment und zog schließlich sogar eine Brille aus seiner Manteltasche, um sich davon zu überzeugen, dass er eine Krähe vor sich hatte. »Was in aller Welt ist das?«

»Das ist Kingston, meine zahme Krähe.« Widerwillig brach ich ein Stück Kürbisbrot ab und brachte es zu ihm. Er nahm es aus meinen Fingerspitzen und tanzte auf seiner Stange hin und her, während er es aufaß. Ich gab Elsie einen Daumen hoch, um ihr zu zeigen, dass es ihm gefallen hatte.

Der Hals von Bürgermeister Price hatte sich verdunkelt, als wäre er mehr als nur ein wenig beunruhigt. Entweder das, oder sein Kragen war zu eng, so wie der Mantel und das Hemd, die sich um seinen Bauch spannten. »Ich bin nicht ganz sicher, ob es legal ist, ein wildes Tier in einem Geschäftsgebäude zu halten.«

Es schien, dass meine Chance für einen guten ersten Eindruck beim Bürgermeister sehr schnell dahinschwand. Doch wie viel Macht konnte der Bürgermeister einer Kleinstadt schon ausüben?

»Nun, Bürgermeister Price, bis Sie mir die genaue Verordnungsnummer nennen können, die besagt, dass Vögel als Haustiere in Geschäftsräumen nicht erlaubt sind, können Sie davon ausgehen, dass Kingston während der Geschäftszeiten in diesem Fenster sitzt. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe noch viel zu tun, um mich auf meine große Eröffnung vorzubereiten.« Ich ging zur Tür, für den Fall, dass er nicht wusste, wo sie war.

Ich stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er meinen Wink zu verstehen schien, sog dann aber die Luft gleich wieder ein, als er einen Meter vor der Tür stehen blieb. »Es erscheint ziemlich seltsam, dass eine Frau auf ein sechsstelliges Einkommen in der Stadt verzichtet, um in einer Kleinstadt ein Blumengeschäft zu eröffnen.«

Ich war mir nicht sicher, worauf er hinauswollte. Sein Benehmen und sein misstrauischer Ton schienen auch Elsie überrascht zu haben. Sie war ausnahmsweise einmal völlig sprachlos.

Aber ich hatte schon früh gelernt, für mich selbst zu sprechen. Ich trat auf ihn zu. »Bürgermeister Price«, sagte ich in einem Ton, der keinen Zweifel daran ließ, wohin meine Worte führten. »Ich kann Ihnen versichern, dass es nichts Ungewöhnliches ist, wenn eine erfolgreiche, kreative Frau einen Tapetenwechsel und eine berufliche Veränderung anstrebt. Wie ich bereits sagte, habe ich noch viel zu erledigen, bevor ich die Türen von Pink’s Flowers öffne. Und wenn diese Türen erst einmal offen sind, werden Sie, glaube ich, feststellen, dass ich ein fleißiges und produktives Mitglied der Stadt bin. Genau wie Elsie neben mir.«

Er räusperte sich, sagte aber nichts weiter als »Guten Tag, meine Damen«, als er hinausging. Ich holte ein paar Mal tief Luft, um mich abzukühlen, bevor ich mich wieder Elsie zuwandte.

»Sie haben nie erwähnt, dass der Bürgermeister, wenn ich das sagen darf, alles andere als charmant ist.«

Elsie winkte seine unhöfliche Frage ab. »Er hat einfach nicht genug zu tun. Ich bin sicher, dass er seine Einstellung ändern wird, sobald er Sie kennenlernt. Allerdings muss ich Sie warnen: Er ist die ganze Zeit über ein mürrischer Bär.«

»Das werde ich mir merken und ihm aus dem Weg gehen.«

Elsie zog ein orangefarbenes Band von der Theke. Ohne ersichtlichen Grund band sie damit ihre grau gesträhnten Haare hoch. »Also ist es wahr, Pink?«

»Ist was wahr?«

»Dass man Sie die Million-Dollar-Nase nennt?«

Ich lächelte schwach. »Ich bin mir nicht wirklich sicher, wie es dazu gekommen ist. Ich glaube, in der Parfümbranche kursierte das Gerücht, dass die Parfümerie Georgio eine Millionen-Dollar-Versicherung für meine Nase abgeschlossen hätte. Das stimmte natürlich nicht, aber eins führte zum anderen und ehe ich mich versah, war ich ›die Millionen-Dollar-Nase‹. Nicht gerade der Traumspitzname eines Mädchens.«

»Ich finde es fabelhaft.« Elsie ging hinüber und betrachtete ihre neue Frisur im Spiegelbild des vorderen Fensters. »Meine Güte, Les muss heute extra starken Kaffee kochen. Ich kann es deutlich durch diese Fensterscheibe riechen.«

»Ich denke, es liegt an dem Ventilator, den er in seinem Frontfenster aufgestellt hat. Er verteilt den Duft auf dem Gehsteig.« Ich fuhr mit der Erklärung fort, ohne Elsies veränderte Haltung zu bemerken. Ihre schmalen Schultern waren steif wie die Arme eines Kleiderbügels.

Sie starrte weiter aus dem Fenster. »Er hat einen Ventilator aufgestellt, was? Das würde erklären, warum seine Tische voll sind. Nun, das werden wir gleich haben.« Sie marschierte hinaus, ohne sich zu verabschieden.

KAPITEL 10

Nach dem holprigen Start mit dem Bürgermeister und einem kleinen Bürgersteigkrieg zwischen Elsie und Lester war es mir gelungen, eine beachtliche Menge Arbeit zu erledigen. Ich schloss ab und machte mich auf den Weg. Meine Beine waren von der morgendlichen Fahrt müde, aber ich blieb bei meinem Entschluss, für Eier anzuhalten. Da ich zu dem ansehnlichen Arbeitstag auch eine ansehnliche Menge Kürbisbrot gegessen hatte, beschloss ich, die längere, landschaftlich schönere Route am Strand vorbei zu nehmen.

Die Sonne schien noch immer, und statt nach Hause zu fliegen, beschloss Kingston, mir zu folgen, als ich den Pickford Way hinunter zur Culpepper Road fuhr. Ein leichter Nebel schien sich entlang der Küste zusammenzuziehen und kündigte eine kühle Nacht zu Hause an. Eine heiße Frittata wäre perfekt.

Der Weg, der von der Küste weg auf die Culpepper Road führte, verlief leicht bergauf. Ich drückte die Gummigriffe an meinem Lenker und stand auf, um das Fahrrad anzutreiben. Kingston flog voraus. Er stieß über die grünen Weiden herab und störte ein paar fleißige Hühner, die gerade damit fertig waren, das Gras von Insekten zu befreien. In der Ferne bog Maggies wackeliger Postwagen um die Ecke bei Dawson Grove. Der Bauernhof mit den Eiern lag gleich hinter dieser Ecke.

Auf halber Höhe vom Strand zweigte die Culpepper Road in den Highway 48 ab. Der Highway war der kürzeste Weg zur Nachbarstadt Chesterton. Chesterton war etwa fünfmal so groß wie Port Danby und hatte mehr Geschäfte und Unternehmen. Wenn ich in Port Danby etwas nicht finden konnte, fuhr ich nach Chesterton. Es war ein weitaus weniger charmanter Ort, und die Geschäfte und das Geschäftsviertel ähnelten viel mehr einer Stadt.

Ich hatte Kingston aus den Augen verloren und fragte mich, ob ihm langweilig geworden war und er beschlossen hatte, nach Hause zu fliegen. Als ich die Eierfarm erreichte, raste mein Herzschlag durch den Aufstieg ziemlich. Ich blieb vor dem Schild stehen, um Luft zu holen. Gerade als ich vom Rad steigen und zur Tür gehen wollte, zerriss ein markerschütternder Schrei die Stille der Landschaft.

Mein Herz raste noch schneller, als ich wieder auf mein Fahrrad sprang und in die Richtung des Schreis fuhr. Als ich um die Ecke zur Dawson Grove bog, stand die arme, verängstigte Maggie neben ihrem Postwagen und stemmte ihre Hand dagegen, um nicht auf die Knie zu fallen. Etwas Schreckliches hatte ihr so große Angst eingejagt, dass ihr Gesicht fast so weiß war wie ihr Truck. Ihr Schrei war laut genug gewesen, um die Eichhörnchen in ihre Löcher und die Hühner in ihre Ställe zu treiben, doch niemand war aus den beiden Bauernhäusern in Dawson Grove gekommen, um herauszufinden, was los war.

Ich selbst war nie der Typ, der nur nutzlos daneben stand. Maggie, eine Frau in den Vierzigern, die mit ihren betagten Eltern gleich westlich des Stadtplatzes lebte, hatte immer ein fröhliches Lächeln im Gesicht, wenn sie auf und ab der Harbor Lane Post verteilte. Sie war eine der ersten Personen, die sich vorgestellt hatte, als ich in die Stadt kam. Doch die übliche Fröhlichkeit war verschwunden, und sie sah aus, als würde sie kurz vor einer Ohnmacht stehen.

Ich wäre fast vom Rad gesprungen, während es noch in Bewegung war. »Maggie, was ist los?« Ich raste auf den Lastwagen zu und stoppte. Maggies zitternde Hand ergriff meine, aber sie konnte nicht sprechen. »Sie sollten sich hinsetzen.«

Maggie schüttelte den Kopf und schien einer Panikattacke nahe zu sein. Sie hatte Mühe, tief durchzuatmen. Gleichzeitig bemühte sie sich, Worte herauszubekommen. Als nichts kam, versuchte sie mit dem Finger zu zeigen. Ihr Finger zitterte, als wäre er aus Gummi, als sie in Richtung des Kürbisfelds auf der Kent-Farm zeigte.

»Ich glaube, sie ist tot«, stotterte sie zwischen flachen Atemzügen. »Ich glaube, sie ist tot.«

Ich nahm sie am Arm und führte sie zum Fahrersitz. »Setzen Sie sich.« Eine zerknüllte braune Lunchtüte war neben dem Fahrersitz eingeklemmt. Ich streckte die Hand aus und griff danach. Ich schüttete die übrig gebliebenen Brotkrusten aus der Tüte und blies hinein, um sie wieder in Form zu bringen. »Hier, Maggie, atmen Sie hinein, während ich nachschaue.«

Ich zog mein Telefon aus der Tasche und fragte mich plötzlich, ob in Port Danby dieselbe Notrufnummer verwendet wurde wie in der Großstadt. Schließlich war die Stadt so klein und vernetzt, dass man praktisch mit einem Megafon auf der Veranda stehen und die Polizei oder einen Krankenwagen rufen konnte. Ich hoffte nur, dass beides nicht nötig war und ich einfach feststellen würde, dass jemand ohnmächtig geworden oder unter einem Baum eingeschlafen war.

Diese Hoffnungen wurden augenblicklich zunichte gemacht, als die düstere Szene vor mir Gestalt annahm.

Ich erkannte die rosa geblümte Bluse sofort, auch wenn sie von den großen, fingerartigen Blättern der Kürbisranken verdeckt wurde. Ich hüpfte über die verworrenen Stängel und runden Kürbisse und ging noch einmal alle Schritte und Verfahren zur Herz-Lungen-Wiederbelebung durch. Seit meinem Medizinstudium waren zwar schon ein paar Jahre vergangen, aber ich war überzeugt, dass ich helfen konnte.

Ich erreichte die Frau und stolperte ein Stück zurück, da ich einen solch schrecklichen Anblick nicht erwartet hatte. Die Frau lag fast mit dem Gesicht nach unten und ihr Kopf steckte zur Hälfte in einem riesigen, zertrümmerten Kürbis. Ich hatte im Medizinstudium genügend Leichen gesehen, um mir ziemlich sicher zu sein, dass ich es mit einer toten Frau zu tun hatte.

Ich gab eine Nummer ein und hob das Telefon ans Ohr, während ich mich neben die Frau hockte. Ich drückte meine Finger gegen ihre Halsschlagader und wartete auf ein Lebenszeichen. Es gab keines.

»Hallo, verbinden Sie mich mit der Polizei von Port Danby. Und beeilen Sie sich bitte.«