Eins
Mason
Als Adam die bessere Schuhschachtel betrat, die ich als Büro nutzte, mit zuckenden Augenlidern und ein Geschirrtuch in den Händen wringend, wusste ich, dass mir nicht gefallen würde, was gleich aus seinem Mund kam.
»Sheriff Sexy ist gerade hereingekommen. Er ist dein Problem.«
Fuck. Ich kniff meine Augen zu und atmete tief ein. »Bitte nenn Polizeichef Flint nicht so. Er könnte es hören und ich bin ziemlich sicher, dass er dich dann verwarnen würde. Und ich hole dich da nicht heraus.«
»Du machst dir nur Sorgen, dass du irgendwann nicht aufpasst und ihn damit ansprichst.« Adam grinste mich an. Das war ein alter Streit – er nannte Flint schon seit unserer Highschool-Zeit bei diesem dummen Spitznamen. Der hartgesottene Cop war keiner, der jugendlichen Fahrern gegenüber Nachsicht zeigte – besonders, wenn sie irgendeine Verbindung zu dem Namen Hanks aufwiesen. »Wie auch immer, du weißt, dass er mich panisch macht. Ich habe keine Ahnung, was er will – alle unsere Lizenzen sind in Ordnung, oder?«
»Natürlich.« Ich stand auf und nahm den Ordner mit den Lizenzpapieren. Ich war stolz auf die Organisation, die ich für die Bar mit Grill übernahm, die ich gemeinsam mit Adam und unserem Freund Logan besaß. Flint würde nichts finden, worüber er sich beschweren könnte. Nicht, solange ich der Verantwortliche war. »Ich gehe und kümmere mich um ihn. Geh du hinter die Bar zurück, falls es voller wird.«
Adam schnaubte. Obwohl es unser Eröffnungswochenende war, war die Kundschaft beschämend spärlich gewesen. Wir hatten wochenlang gearbeitet, um das alte Wirtshaus – das jahrzehntelang eine Institution in Rainbow Cove gewesen war – in die neu getaufte Rainbow Tavern zu verwandeln.
Die schwulenfreundliche Bar mit Grill war unsere Vision, um die verschlafene kleine Küstenstadt ins einundzwanzigste Jahrhundert hinüberzubringen. Logan hatte eine neue Speisekarte aus hochwertigen Bargerichten zusammengestellt und Adam hielt innovative Getränkespecials bereit. Alles, was wir brauchten, waren Kunden. Und an unserem ersten Betriebstag nicht in Konflikt mit Nash Flint zu geraten.
Flint war selbst eine Institution in Rainbow Cove – hier geboren und aufgewachsen, ebenso wie Adam und ich, aber anders als ich war er nie gegangen. Stattdessen war er als Polizeichef in die Fußstapfen seines Vaters getreten und passte offenbar so gut in die Rolle wie ein Paar getragene Jeans. Als ich ihn vor beinahe zehn Jahren das letzte Mal gesehen hatte, war er Officer Flint gewesen.
Ich hätte ihn wohl gesehen, wenn ich zu Freddys Prozess gekommen wäre – etwas, weswegen das schlechte Gewissen an mir nagte. Ich sagte mir, dass das der Grund war, aus dem mir auf dem Weg in den Speisebereich des Restaurants der Magen flatterte. Anders als Adam hatte ich Flint nie besonders...
Sexy. Alle meine Gedanken flohen, als ich den Mann betrachtete, der vor dem Spiegelglasfenster saß. Er ließ den Holzstuhl, einen von Dutzenden, die Adam und ich in leuchtenden Farben gestrichen hatten, klein erscheinen. Sein Uniformhemd spannte sich über breiten Schultern, sein Bizeps schwoll unter den kurzen Ärmeln. Sein messerscharfer Kiefer war so hart wie immer, ebenso wie die haselnussbraunen Augen. Aber was meinem Teenager-Ich aufrichtige Angst eingejagt hatte, ließ die Libido meines siebenundzwanzigjährigen Ichs ernsthaft aufhorchen.
Flint blinzelte, als ich herankam, und neigte den Kopf zur Seite. Diese Reaktion hatte ich oft bekommen, seit ich wieder in der Gegend war. »Mason... Hanks?«
»Der bin ich.« Ich streckte die Hand aus. »Was kann ich für Sie tun, Chief Flint?«
Er erwiderte meinen Handschlag mit festem Griff, zögerte lediglich einen Moment. Ich schätzte, er war nicht gewöhnt daran, einem Hanks die Hand zu schütteln. Tja. Ich war entschlossen, der ganzen verdammten Stadt zu zeigen, dass ich nicht wie mein Vater und meine Brüder war. Wenn ich bei Flint anfangen musste, dann sollte es so sein.
»Nettes Lokal hast du da.« Er ließ den Blick durch den renovierten Raum schweifen – die restaurierte antike Bar an der hinteren Wand, wo Adam sich keine Mühe gab, seine Neugier zu verbergen, dahinter die Tanzfläche, bunte Tische und Stühle vor der Bar, von denen trotz der perfekten Zeit zum Abendessen nur eine Handvoll belegt waren.
»Danke. Unsere Lizenzen sind in Ordnung.« Ich hielt ihm meinen Ordner hin. »Die Getränkelizenz liegt gleich obenauf.«
Er winkte den Ordner weg. »Das macht mir keine Sorgen.«
Ach nein? Warum zum Teufel war Flint dann in meinem Lokal? »Gut. Wir sind dabei, uns zu etablieren. Mit uns werden Sie keinen Ärger...«
»Gut zu hören«, sagte er ruhig, mit skeptischem Blick, der mich daran erinnerte, dass ich schließlich nur ein Hanks war. »Cheeseburger?«
»Wie bitte?«
»Dieser Ringer-Junge hielt es nicht für nötig, mir eine Karte zu bringen, aber ich nehme an, ihr bietet so etwas wie einen Burger an? Salat, keine Pommes und Eistee.«
»Sie möchten etwas bestellen?« Ich hatte immer noch Probleme mitzukommen.
»Das ist doch ein Lokal mit Küche, richtig?« Er schüttelte den Kopf, als hätte er gar nicht mehr von mir erwartet, und das wurmte mich.
»Natürlich.« Ich durchquerte den Raum mit langen Schritten, nahm einen Notizblock von der Bar und ignorierte dabei Adams Starren. Sobald ich wieder bei Flints Tisch war, fügte ich hinzu: »Alles, was Sie möchten. Das geht auf uns.«
»Kommt nicht infrage.« Er seufzte, als wäre meine bloße Existenz ermüdend. »Ich hab jahrelang im alten Wirtshaus gegessen. Sie haben mich anschreiben lassen.«
»Wir können dasselbe tun...«
»Sehen wir erst mal, ob ihr kochen könnt«, sagte er in einem Ton, der trockener war als Toast von gestern. »Ich dachte, ich komme vorbei und sehe es mir mal an.«
»Das freut uns«, sagte ich und meinte es auch. Kundschaft, jede Kundschaft, war gut, aber die Leute in Rainbow Cove vertrauten Flint. Wenn er uns seinen Stempel gab, könnten mehr Einwohner uns eine Chance geben und uns weniger abhängig vom Tourismus machen, auf den wir gezählt hatten. Es dauerte eine Weile, Touristen anzulocken, und unsere großen Pläne, Rainbow Cove in ein LGBTQ-Reiseziel zu verwandeln, würden nicht über Nacht Früchte tragen. Wir brauchten jeden Kunden, den wir bekamen, Flint mit eingeschlossen, selbst wenn er der unwahrscheinlichste Verbündete von allen war.
»Ihr habt mir immer noch keine Karte gebracht.« Er schüttelte den Kopf. »Aber alles, was ihr habt und was einem Burger ähnelt, geht in Ordnung. Nur nichts Veganes.«
»Wir haben einen mit Rinderhackfleisch aus lokaler Freilandhaltung auf Hefeteigbrötchen mit Pesto-Majo und lokalem Gouda. Oder...«
»Ich denke, das wird reichen.« Flint hatte immer eher nach dem Landesinneren als nach der Küste geklungen. Kein Südstaaten-Akzent, aber man konnte hören, dass er durch und durch aus dem ländlichen Oregon stammte. Das träge, tiefe Rumpeln seiner Worte gefiel mir. Was mir dagegen nicht gefiel, war die Andeutung in seinem Ton, dass er nicht viel von uns erwartete.
»Sind Sie sicher, dass Sie keine Pommes möchten? Wir haben zum Beispiel handgeschnittene Süßkartoffeln mit Chipotle-Dip. Was die Salate betrifft, haben wir einen als Beilage, einen Caesar, Frühlingsbeeren und Pekan...«
»Ich bin hier im Dienst. Hab nicht gerade viel Zeit. Der Burger und der Beilagensalat reichen. Ich brauche nichts Ausgefallenes.«
Ja, na ja, vielleicht will ich es Ihnen aber geben. Ich erstickte diesen Gedanken, ebenso wie den vorherigen darüber, wie heiß er in seiner Uniform aussah. Das Verlangen, Nash Flint zu beeindrucken, würde mich nirgendwohin bringen.
»Ich kümmere mich sofort darum.« Ich machte eine Notiz auf dem Bestellblock – nicht, dass ich ihn wirklich brauchte, da Logan nicht gerade im Stress war.
Während ich zur Durchreiche ging, um Flints Bestellung weiterzugeben, merkte ich, dass er von mehr als einem Tisch neugierige Blicke bekam. Vielleicht lag ich falsch damit, dass jede Kundschaft gute Kundschaft war. Das Letzte, was ich wollte, war, dass Flint die wenigen Kunden verschreckte, die wir hatten. Nicht, dass er als Klatschmaul bekannt war oder so etwas, aber er war eindeutig... von der alten Schule. Traditionell. Der Letzte, den man in einem Schwulenlokal erwartet hätte, so viel war klar, und obwohl wir versuchten, einen vielfältigen Kundenstamm anzulocken, stach er heraus.
***
Nash
Mason Hanks bedeutete Ärger. Und nicht von derselben Art wie seine nichtsnutzigen Brüder und sein Vater. Ja, selbst seine Onkel waren mir ein Dorn im Auge, wie sie es für meinen Vater gewesen waren. Die Familie Hanks heckte ständig etwas aus.
Mason dagegen war immer etwas anders als die restliche Familie gewesen: Frühchen und danach benannt, dass er nicht größer als ein Mason Jar, ein Einmachglas, gewesen war, dann ein asthmatisches Kind und schlaksiger Teenager. Er war ganz anders als seine übergroßen Bulldoggen von Brüdern, die sowohl auf dem Footballfeld als auch abseits davon jeden terrorisiert hatten. Er war, nun ja, unscheinbar war nicht das richtige Wort, aber es passte. Schien nur aus großen Zähnen, schlaffen Haaren und unreiner Haut und spitzen Gelenken zu bestehen, die er scheinbar nicht ganz koordinieren konnte.
Aber der Mann, der meine Bestellung aufgenommen hatte, hatte nichts, absolut nichts mit diesem Jungen gemein und er bedeutete Ärger. Größer als in meiner Erinnerung – inzwischen musste er über einen Meter achtzig sein, mit kräftigem, muskulösem Körperbau. Das Rainbow Tavern-T-Shirt, das er trug, spannte sich recht nett über seiner Brust. Während er durch das Fenster hinter der Bar mit jemandem in der Küche sprach, rieb er sich das stoppelige Kinn, das ihm einen rauen Look verlieh und ihn etwas älter als in den späten Zwanzigern erscheinen ließ. Jepp. Ärger.
Und was sollte dieser Rainbow Tavern-Betrieb? Das fröhliche, bunte Logo auf seinem Shirt sah aus wie etwas aus einer dieser Pride-Paraden in Portland, eine große Veränderung im Vergleich zu dem traditionellen Schiffsanker-Logo, das das vorherige Wirtshaus jahrzehntelang genutzt hatte. Die Leute aus der Gegend verließen sich darauf, dass das Wirtshaus ihnen einen fettigen Burger, günstiges Bier und seine beruhigend vertraute Fassade bot. Und soweit ich gehört hatte, bot Masons Erneuerung keins dieser Dinge – Biofleisch hier und Salat aus der Gegend dort, Mikrobrauereien mit skurrilen Namen und eine brandneue Einrichtung, die scheinbar unmissverständlich verkünden sollte, wie einladend das Lokal war.
Was alles nicht schlecht war. Im Gegensatz zu anderen hatte ich mit diesem Schwulentourismus-Programm auch kein Hühnchen zu rupfen, abgesehen davon, dass es dadurch etwas... unangenehmer wurde, meinen üblichen Burger zur abendlichen Pause zu bekommen. Das war alles. Das Gefühl, entblößt zu sein, während ich auf mein Essen wartete, gefiel mir nicht besonders – alle Blicke auf mich gerichtet, Leute, die sich Gedanken machten. Ich hatte beinahe vierzig Jahre lang hart gearbeitet, um diese Art von Vermutungen und Mutmaßungen zu vermeiden.
Und doch war das Restaurant das Lokal, das dem Polizeirevier am nächsten lag, und die lokale Wirtschaft hatte einen Aufschwung dringend nötig. Ich würde dafür nicht zu den Fast-Food-Filialen an der 101 fahren, nur weil ich Angst vor etwas müßigem Klatsch hatte. Das wäre ein Zeichen von Feigheit und feige war das Letzte, was ich war.
Glücklicherweise brachte Mason wenige Minuten später mein Essen. Der Ringer-Junge, der für die Bar zuständig war, war in meiner Nähe immer etwas schreckhaft gewesen, daher war es keine große Überraschung, dass er Mason dazu brachte, mich zu bedienen. »Ein Hausburger, ein Salat und ich habe Logan ein paar Pommes herrichten lassen, die auf uns gehen. Ich wollte nur Ihre Meinung zu der neuen Soße.«
Nein, nein, ich würde Mason Hanks meine Meinung zu seiner Soße nicht sagen. Niemals. Aber meine Mutter hatte mir Manieren beigebracht, daher nickte ich. »Danke.«
»Wir backen die Brote selbst und...«
»Hast du vor, während meiner ganzen Mahlzeit hier herumzustehen oder nur, bis ich anfange zu kauen?« Ich konnte nicht anders, als ihn zu ärgern, nur ein wenig. Seine Wangen röteten sich. Jepp, da kam der Ärger.
»Nein, natürlich nicht. Aber wenn Sie irgendwelche Kritik haben...«
»Immer noch da.«
»Verstanden.« Er leckte sich die Lippen, bevor er zurückwich. Volle, überraschend pinke Lippen. Viel, viel zu junge Lippen. Zu jung. Zu sehr Hanks. Zu geoutet – von dem Ringer-Jungen wusste ich es, seit ich ihn oben auf der Mill Peak Road dabei erwischt hatte, wie er mit dem Footballstar herumgemacht hatte. Er und Mason waren damals wie Pech und Schwefel gewesen. Ich war nicht allzu überrascht gewesen, als ich gehört hatte, dass Mason sich oben in Portland einen hübschen Freund geangelt hatte. Ich war überrascht gewesen, dass er in die Stadt zurückgekehrt war – wenn Leute Rainbow Cove verließen, dann normalerweise für immer. Und seit die Mühle geschlossen hatte und das Fischereigeschäft zusammengeschrumpft war, waren bestimmt mehr Leute gegangen als gekommen.
»Ups. Hatte Ihren Eistee vergessen.« Und er war zurück, diesmal mit einem vollen Glas mit irgendeinem hellen Zeug, das anders als jeder Tee aussah, den ich je zuvor gesehen hatte.
»Das ist Tee?«
»Es ist eine Bio-Grünteemischung, die wir gerade ausprobieren.«
»Ich bleibe bei Wasser, aber trotzdem danke.«
»Ach Mann.« Mason sah aus, als hätte ich seinen zerlumpten Hund getreten – den, der ihm früher überallhin gefolgt war. »Ich dachte, eine Veränderung würde den Leuten gefallen...«
»Veränderungen sind schwierig.« Wem sagte ich das. Ich legte all meine Lebensjahre in den Rat, den ich gab, und versuchte, mich daran zu erinnern, dass ich hier tatsächlich der Ältere und Weisere war. »Geh langsam vor. Ändere die Brote, wenn du musst, nimm das extravagante Rind, aber lass einem Mann vielleicht seinen Lipton, verstehst du?«
»Weniger Veränderung. Verstanden.« Er nickte und eine kurze Sekunde lang sah ich endlich sein jüngeres Selbst in seinem erwachsenen Gesicht. So hatte er immer genickt, wenn er mir versprochen hatte, nie mehr zu schnell zu fahren, nur um dann hinzugehen und die nächste Dummheit zu begehen, die ihm in den Sinn kam. Ich hatte das Gefühl, dass es diesmal genauso sein würde – kein Lipton in Sicht.
Und doch musste ich ihm zugestehen, als er mich endlich mit meinem Essen in Frieden ließ – der Burger war tatsächlich erste Sahne. Nettes, hefiges Brot, gegrillt mit einer dicken Scheibe Fleisch, die perfekt angebraten war. Ich war nicht wirklich ein pingeliger Esser, aber das hier war erste Klasse. Da die Vierzig schneller näherkam, als es mir gefiel, versuchte ich, frittiertes Essen zu meiden, aber es wäre unhöflich gewesen, die Süßkartoffel-Pommes nicht wenigstens zu kosten. Sie waren sündhaft gut, knusprig und weich, und die Soße besaß genau die richtige Schärfe.
»Etwas zum Nachtisch? Kuchen, der auf uns geht?« Mason tauchte auf, gerade als ich die letzten Pommes aß. Gott im Himmel, der Junge wollte mich so dringend zufriedenstellen, dass es beinahe wehtat. Ein paar mehr Leute waren hereingekommen, während ich gegessen hatte, aber der große Raum war immer noch kaum zu einem Viertel belegt, wenn überhaupt.
»Nein, danke. Die Rechnung, bitte?«
Mason sah auf den Zettel in seiner Hand hinab. »Ich wünschte, Sie würden mich das tun lassen.«
»Aber das werde ich nicht.« Ich zupfte ihn aus seinen Fingern und ignorierte den kurzen elektrischen Schock, als unsere Hände einander streiften. Ich war daran gewöhnt, diese Art der Anziehung zu ignorieren. Mason bedeutete vielleicht mehr Ärger als die meisten, aber ich konnte meinen verräterischen Körper im Zaum halten. Ich kramte einen Zwanziger heraus. »Behalt den Rest.«
»Es war also zu Ihrer Zufriedenheit?«
Oh ja. Ich brauchte eine Sekunde, um mich zu erinnern, dass er das Essen meinte, nicht die Berührung unserer Hände. »Das Essen war nicht schlecht«, gab ich zu. »Schätze, ich überlebe es.«
»Möchten Sie, dass ich es Ihnen jetzt anschreibe?«
Ich lachte, ein rostiger Laut, den ich nicht mehr oft ausstieß. Nicht, seit mein Dad gestorben und zuerst meine Mutter und dann Steve weggezogen waren. »Du bist ein ziemlich guter Verkäufer, nicht wahr? Haben sie dir das an dieser schicken Schule in Portland beigebracht?«
»Die Kochschule ist nicht so schick. Und es war die Erfahrung im Restaurantmanagement, die nach der Schule kam, durch die ich gelernt habe, immer Stammkunden anzupeilen. Und allen Kunden dankbar zu sein, die anderen von dem Lokal erzählen.« Sein Lächeln bestand ganz aus strahlend weißen Zähnen. Vielleicht war der hübsche Freund aus Portland Zahnarzt gewesen. Und es war nicht in Ordnung, wie ich beim Gedanken an den Portland-Typen die Hand zur Faust ballte.
Ich war nicht wirklich ein Typ, der etwas weitererzählte, aber ich nickte, vor allem da ich dieses Gespräch beenden musste, bevor Ärger in Versuchung überging, was ich auf keinen Fall zulassen würde.
Das Walkie-Talkie an meiner Hüfte knackte. »Chief? Ich hab eine kleine Kollision oben bei Butte und Lakeview«, berichtete Marta. »Locklear kümmert sich schon um eine andere Meldung.«
»Bin unterwegs«, sagte ich in den Lautsprecher. Unsere Abteilung war so winzig, dass es reine Höflichkeit war, sie überhaupt als Abteilung zu bezeichnen. Drei Officer, mich eingeschlossen, ein Dispatcher und ein paar Teilzeit-Bürohilfen, das waren wir.
Mason wurde blass und kramte sein Handy heraus. Seine Familie wohnte an der Butte Road, weit draußen am Stadtrand. Sein Gesichtsausdruck hellte sich auf, während er auf dem Gerät herumtippte. »Gut. Es ist nicht Jimmy.«
»Diesmal nicht«, fügte ich hinzu, denn so liefen die Dinge. Heute war es vielleicht nicht Masons Bruder, aber irgendwann würde er es wieder sein. Scheinbar verging keine Woche, ohne dass ein Hanks irgendeinen Aufruhr verursachte, und das sollte ich besser nicht vergessen.
Zwei
Mason
Flint war zurück. Er saß am selben Tisch – neben dem Fenster und nahe der Tür. Es war Dienstag kurz vor Ladenschluss. Wir hatten ganze vier andere Leute im Raum. Zwei waren Touristen – zwei Männer aus Ashland, die auf dem Weg nach Lincoln City waren und dafür die malerische Küstenroute über den Highway 101 nahmen. Wunderbar gesprächig und die ersten, die uns durch eine der Anzeigen gefunden hatten, die ich auf LGBTQ-Reisewebsites geschaltet hatte. Ich konnte mir auf die Schulter klopfen.
Flint war über das Wochenende zweimal gekommen, hatte beide Male genau dasselbe bestellt und mit mürrischer Effizienz gegessen, die nicht gerade zum Plaudern einlud. Nicht, dass ich unbedingt mit Flint reden wollte, aber Adam und Logan brachten mich immer wieder dazu, ihn zu bedienen, und Flint hatte so eine Art an sich, meine Anwesenheit zu würdigen, als wäre ich ein Waschbär, der in Mülltonnen herumwühlte.
»Hanks.« Er nickte, als ich mit einer Speisekarte herüberkam.
»Mason.« Gott, ich war noch nicht einmal zwei Monate zurück und hatte bereits genug davon, ein Hanks zu sein. Ich gehörte nicht zu den Hanks-Jungs, hatte nie in dieses Schema gepasst. »Würden Sie gerne die Tagesgerichte für diese Woche hören?«
»Das Übliche ist in Ordnung.« Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ohne die Karte anzurühren. Ich hatte nichts anderes von ihm erwartet, aber ich konnte es nicht gebrauchen, dass er den schlechten Service kritisierte, wenn ich wieder die Karte vergaß.
»Langer Abend für Sie?«, fragte ich, während ich die Bestellung aufschrieb.
»Kann man so sagen. Stressige Woche und dann eine Meldung direkt zum Abendessen.« Er zog ein verkniffenes Gesicht, das mich denken ließ, dass er ein Schulterklopfen oder so etwas brauchte. Und das war genau der Impuls, den ich in seiner Nähe nicht verspüren wollte.
»Nun ja, wir freuen uns, dass Sie hier sind.«
»Lügner.« Sein Lächeln war unerwartet und traf mich wie ein Schlag. Verdammt. Das war ja tödlich. Nash Flint hatte Grübchen. Grübchen passten einfach nicht auf dieses Granitgesicht und doch verwandelten sie ihn sofort in jemanden, der zugänglich war – und zum Anbeißen und...
Nein. Darf diese Gedanken nicht haben.
»Das tun wir.« Im Ernst. Es war ein träges, träges Eröffnungswochenende gewesen. Ich würde liebend gerne jegliches Bargeld annehmen, das Flint in unsere Richtung warf.
»Ihr macht euch vermutlich Sorgen, dass ich eure Kundschaft vertreibe.«
»Sie sind nicht der Gesundheitsinspektor.« Ich erwiderte sein Lächeln. Es fühlte sich verdammt seltsam an, dieses Geplänkel mit Flint, aber es wärmte auch meine Brust.
»Also, das hätte meinem armen Vater das Herz gebrochen.« Er machte eine kleine Verscheuch-Geste mit der Hand. »Ich habe seit elf nichts gegessen. Ich will ja nicht unhöflich sein, aber...«
»Bin schon weg.« Eindeutig entlassen, huschte ich zum Küchenfenster hinüber.
»Bestellung«, rief ich Logan zu. »Sie ist für Flint, also wenn du dich irgendwie beeilen könntest...«
»Sag mir, er hat nicht wieder dasselbe bestellt.« Logan kam zum Fenster herüber. Seine blonden Haare waren verschwitzt, nicht so sorgfältig gestylt wie üblich, und seine Schürze mit den Überresten eines ganzen Tages in der Küche bespritzt.
»Hat er. Wo liegt das Problem? Ich weiß, dass wir Brötchen haben.« Darum kümmerte ich mich selbst, indem ich morgens das Brot backte, während Logan seine Vorbereitungen traf. Meine Spezialität war vielleicht das Management hinter den Kulissen, aber ich hatte die langen Stunden in der Kochschule nicht ohne Grund ertragen.
»Es sind nicht die Brötchen, es ist das Hackfleisch. Weißt du noch, dass Sunny Skies angerufen und darum gebeten hat, morgen früh anstatt heute liefern zu können? Na ja, ich habe kein Rindfleisch mehr.«
Das war das Problem, wenn man mit kleinen Zulieferern aus der Gegend arbeitete. Ich hatte gerne eingelenkt, als Zeb von Sunny Skies gemeint hatte, dass sein Truck bockte, aber jetzt würde jemand Flint dazu überreden müssen, etwas anderes zu bestellen. Wir hatten gemeinsam beschlossen, so lokal wie möglich zu bleiben, aber die Verantwortung, alles zu organisieren, fiel mir zu. Mein Rücken spannte sich. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass ich Leute enttäuschte – Flint, der einfach nur seinen Burger wollte, und Logan, der verlässliche Lebensmittellieferungen verdient hatte.
»Willst du rauskommen und ihm von den Tagesgerichten erzählen? Wenn er es direkt vom Koch hört...«
»Ha. Er macht mir Angst.« Logan war ebenso schlimm wie Adam.
Ich stöhnte. »Du bist nicht einmal hier aufgewachsen. Und du fährst wie eine Oma. Du musst dir überhaupt keine Sorgen machen.«
Ich hatte Logan in der Kochschule kennengelernt. In den darauffolgenden Jahren hatte er sich beschwert, dass er immer nur Sous-Chef-Stellen bekam anstatt der Position als Chefkoch, die er sich verzweifelt wünschte. Ich hatte ihn davon überzeugt, gemeinsam mit Adam und mir dieses Lokal aufzuziehen. Bei uns hatte er endlich die Freiheit, seine eigene Speisekarte zu kreieren, aber ich wusste, dass das Kleinstadtleben für jemanden aus Portland eine Umstellung war.
»Trotzdem. Ich bleibe besser hier hinten. Kümmere du dich um Flint. Sag ihm, mein Huhn ist große Klasse.«
Ich murrte den ganzen Rückweg zu Flints Tisch über und malte mir einige Strafen für Logan und Adam aus, um mich von der nagenden Schuld abzulenken, weil die Lieferungen nicht so gut funktionierten, wie sie sollten. Wenigstens gehörte die nächste Familie mit sechs Kindern, die hereinkam, ganz ihnen. Flint sah gerade auf sein Handy, als ich seinen Tisch erreichte.
»Chief?«
»Ja?« Er sah auf und verzog den Mund, als wüsste er bereits, dass ihm nicht gefallen würde, was ich zu sagen hatte.
»Was halten Sie von Huhn?«
»Huhn?« Er klang, als hätte ich Kakerlaken vorgeschlagen.
»Sehen Sie, wir haben kein Rinderhackfleisch mehr, aber Logan macht diese wunderbar knusprigen Huhn-Sandwiches mit Aioli aus sonnengetrockneten Tomaten...«
»Ich habe nicht viel für Huhn übrig. Oder Tomaten.« Flint schüttelte den Kopf und ich spürte seine Enttäuschung bis in die Zehen. Ich hasste es, nicht liefern zu können, was er wollte. Ich würde es nie zugeben, aber zuzusehen, wie Flint unser Essen verschlang, war eine nahezu sinnliche Erfahrung für mich. Er sprach nie ein Lob aus, aber er aß mit solchem Appetit, dass es schwer war, nicht ein wenig Stolz zu verspüren.
»Wie wäre es mit Pizza? Wir haben ein paar auf der Karte. Eine mit weißer Soße, Wurst und Pilzen. Die könnte Ihnen schmecken.«
Flints skeptischer Blick verriet, dass er seine Zweifel hatte, aber er seufzte tief und nickte. »Schätze, die geht in Ordnung.«
»Großartig.« Ich wandte mich wieder zur Küche.
»Und mein Wasser?«, rief Flint mir nach.
Mist. Ein schöner Kellner war ich. Aber ich hatte etwas, das den fehlenden Burger vielleicht wiedergutmachen würde, im Kühlschrank hinter der Bar. Ich beeilte mich, schenkte ihm ein Glas ein und hastete in Rekordzeit zu seinem Tisch zurück.
»Was ist das?« Flint beäugte das Glas mit deutlichem Misstrauen.
»Tee. Lipton. Ich habe einen Krug vorbereitet, für den Fall...« Dass Sie kommen klang etwas verzweifelt. »Nur für den Fall«, wiederholte ich. Lahm.
»Ah. Dann... danke.« Ein weiteres Flint-Lächeln, das ebenso entwaffnend war wie das letzte und bewirkte, dass ich noch literweise Tee kochen wollte, um mehr davon zu bekommen.
In diesem Moment standen die Durchreisenden aus Ashland schließlich von ihrem Tisch auf und gingen zur Tür. »Haben Sie eine gute Fahrt«, rief ich.
»Oh, wir versuchen es.« Sie wurden langsamer, der Größere der beiden sprach mit mir. »Danke noch mal. Der Burger war toll.«
Flints Stöhnen neben mir war beinahe hörbar. Der Typ aus Ashland ließ den Blick über ihn schweifen und weitete in deutlicher Anerkennung die Augen. »Und ich muss sagen, Sie haben hier wirklich eine fortschrittliche und integrative Gemeinschaft.«
Oh, Mist. Ich wusste, was der Kerl angedeutet hatte, und war nicht sicher, wie ich das abwehren sollte.
»Wir versuchen es.« In Flints Kiefer zuckte ein Muskel. »Fahren Sie vorsichtig. Und passen Sie auf die Ampel bei der Kreuzung von Lakeview und 101 auf.«
»Machen wir. Und danke für Ihre Dienste. Es ist immer nett, einen aus der Familie in Blau zu sehen.« Und damit war das Paar weg und ließ mich zurück, um stellvertretend für Flint zu sterben.
»Touristen«, murmelte Flint. »Was hat er nur mit Familie gemeint...?«
Meine Güte. Ich würde bestimmt nicht derjenige sein, der Flint sagte, dass sie ihn für schwul gehalten hatten. Das würde ihn mit Sicherheit verscheuchen.
»Touristen«, wiederholte ich lahm. »Ich bringe Ihnen sofort die Pizza raus.«
Er nickte, womit er mich effektiv entließ. Während ich zur Durchreiche zurückging, tänzelte eine kleine Frage in meinem Kopf herum. Was, wenn...
Was, wenn das Paar aus Ashland sich nicht in Flint geirrt hatte? Ich hatte nie wirklich innegehalten und darüber nachgedacht – abgesehen davon, dass ich während seiner letzten paar Besuche extrem schuldbewusst dafür geschwärmt hatte, wie heiß er in Uniform war. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto größer wurde mein Fragezeichen. Er hatte nie eine Freundin gehabt, soweit ich mich erinnern konnte – der ultimative Junggesellen-Cop, der mit seiner Arbeit verheiratet war. Die Stadt war so liberal, dass Flint für sein Schwulsein wahrscheinlich nicht gefeuert werden würde, aber sein Vater war sogar noch altmodischer gewesen als Flint, vielleicht spielte das eine Rolle. Wer wusste das schon?
Spontan sah ich über die Schulter und zu meiner Überraschung wandte Flint hastig den Blick ab. Vielleicht und was, wenn vereinten sich tanzend in meinem Bauch, aber ich brachte beide mit einer starken Dosis von Oh nein, auf keinen Fall zum Verstummen. Es spielte keine Rolle, was Flint war – er war nichts für mich.
***
Nash
Ich mochte Pizza nicht. Egal, ob dünne Kruste oder dicke Kruste, mit Fleisch bedeckt oder Hawaii. Nichts davon funktionierte für mich. Es ergab zu viel Unordnung, Kruste und Soße zu jonglieren, und ich schien jedes Mal schon nach einer Stunde wieder hungrig zu sein, vermutlich aufgrund all der Mühe, die ich in den Versuch steckte, sie am Ende nicht als Accessoire zu tragen. Aber ich hatte keine große Sache mit Mason anfangen wollen, bei der er die Speisekarte aufsagte, hilfreich war und ich mich kleinlich benahm. Mein Vater hatte immer dafür gesorgt, dass ich aß, was auf dem Teller war. Nicht, dass er je in Masons Restaurant gegessen hätte oder ein Fan seiner Sorte gehobener Barspeisen gewesen wäre – oder von dem Bild unserer Stadt als integrativ.
Ich hatte mich den Touristen und Mason gegenüber dumm gestellt, aber durchaus verstanden, was sie angedeutet hatten. Es brachte Risiken mit sich, dieses Lokal zu besuchen, aber die Wahrheit war, dass Rainbow Cove es dringender brauchte, dass Masons große Idee Erfolg hatte, als dass ich mich behaglich fühlte. Und wie Steve immer wieder betont hatte, sorgte ich mich vielleicht etwas zu sehr darum, was andere dachten oder annahmen. Die Touristen waren mit einem vorteilhaften Eindruck von unserer kleinen Stadt auf dem Weg zu den dichter bevölkerten Teilen der Küste. Das war das Wichtige – zumindest sagte ich mir das.
Als Mason meine Pizza brachte, war ich der Einzige im Speiseraum und der Ringer-Junge hatte begonnen, die Tische abzuwischen und zu kehren, wobei er einen weiten Bogen um mich machte. Ich seufzte. Ich wusste, dass er noch nicht darüber hinweg war, dass ich ihn bei seinen Faxen in der Highschool erwischt hatte, aber ich war nicht der Einzige, der ihn geoutet hatte, egal, was er dachte. Meine Aufgabe war es gewesen sicherzustellen, dass er und Mason sich bei ihren Streichen nicht ihre dummen Hälse brachen, mehr nicht.
Nicht, dass sie noch Jungen waren. Ringer hatte schon seit mehreren Jahren diesen Holzfäller-Look mit Vollbart, der zu seinen roten Haaren und massigen Muskeln passte, und Mason... nun ja, die Zeit nach der Pubertät war ihm sehr gut bekommen. Er trug wieder ein Rainbow Tavern-T-Shirt und enge Jeans, die besser in diese Bar in Portland gepasst hätten, die ich beim letzten Mal besucht hatte, als ich zu meiner Mutter gefahren war. Gott, das war überwältigend gewesen – ein riesiger Fehler.
»Hier, bitte.« Mason stellte die dampfende Pizza auf eines dieser kleinen Pizzagestelle und schob außerdem einen leeren weißen Teller vor mich. »Wenn sie nicht das ist, was Sie wollten, dann geht sie auf uns, ja?«
»Es ist Essen. Es ist warm. Und ich bin hungrig genug, um meinen Jeep zu essen.« Ich nahm Messer und Gabel und machte mich daran, ein Stück abzuschneiden.
Mason hob eine Augenbraue, weil ich eine Pizza mit Besteck aß, aber ich kümmerte mich nicht groß darum, was er dachte. Ich hatte eine Uniform sauber zu halten. Also warf ich ihm einen festen Blick zu, der ihn in den Barbereich zurückschickte. Endlich in Frieden gelassen, probierte ich die Pizza und sie war...
Leute aus Portland sagten immer orgastisch, wenn sie Essen oder Getränke beschrieben – diese Logik hatte ich nie verstanden. Aber während ich mein erstes Stück kaute, konnte ich endlich den Reiz darin sehen, für ein Nahrungsmittel zu schwärmen. Meine Zunge hatte selten solche Verzückung gekannt – die Wurst war knusprig und herzhaft, die Soße cremig und gut gewürzt und der Käse wie eine schneeweiße Decke. Ich aß das gesamte Ding, bevor ich überhaupt merkte, was ich getan hatte.
»Nicht schlecht, oder?« Mason war zurück, nachdem meine Verdrießlichkeit ihn offenbar nicht endgültig verscheucht hatte. Warum mich das freute, konnte ich nicht sagen.
»Genau richtig«, gab ich zu. »Hast du die Rechnung? Ich schätze, Ringer wird mich jeden Moment rauswerfen, damit ihr schließen könnt.«
Ringer sah mich durch den Raum hinweg aus kühlen blauen Augen an, ohne meiner Einschätzung zu widersprechen. Jepp, immer noch nicht über die Highschool hinweg. Er sagte etwas zu Mason, als der zur Bar hinüberging, um meine Karte zu scannen. Was auch immer es war, Masons Wangen liefen dabei pink an.
Verdammt, ich mochte Männer, die erröteten. Das war... mein Ding, sozusagen. Auch Steve war so einer gewesen. Unter uns hatte ich ihn deswegen geneckt und es hatte mir großen Spaß gemacht, ihn zum Erröten zu bringen. Ich hatte Steve seit Ewigkeiten nicht mehr vermisst – er war unter abgeschlossenes Kapitel abgelegt –, aber in dem Moment, als ich Mason beobachtete, überkam mich die Sehnsucht aufs Neue.
Ich hätte ja gesagt, dass ich ein Wochenende in Portland brauchte, aber das letzte Mal war eine Katastrophe gewesen. Nein, besser, ich unterdrückte einfach die seltsamen Bedürfnisse, die Mason Hanks in mir hervorrief.
Sobald ich meine Karte zurückbekommen hatte, trat ich entschlossen in die windige Sommernacht hinaus. Ich hatte vorne geparkt, nachdem ich direkt von einer Meldung eines mutmaßlichen Falls von Vandalismus beim Juwelier am Highway 101 gekommen war. Das bedeutete, dass ich meinen Dienstjeep den ganzen halben Block zum Parkplatz hinter dem Revier fahren musste, das im Grunde lediglich ein verbesserter Anbau des Rathauses war.
Zu dieser späten Stunde waren die Türen verschlossen, daher gab ich den Code ein, um das Gebäude zu betreten.
»Abend, Chief.« Marta sah von ihren Stricksachen auf. Sie war in den späten Sechzigern und hatte schon als Dispatcher für meinen Vater gearbeitet, bevor wir dafür überhaupt eine Vollzeitstelle gehabt hatten. Sie kümmerte sich um die Polizei, Feuerwehr und den örtlichen Rettungsdienst und hielt an einem Holzschreibtisch im Hauptraum des Reviers die Stellung. »Candace ist noch nicht da.«
»Schon gut. Ich habe es nicht eilig«, log ich. Candace, mein Junior Officer und noch ziemlich grün hinter den Ohren, war immer einen Tick oder zwei zu spät. Aber wir hatten ernste Probleme gehabt, einen dritten Officer zu finden, und ich würde sie bestimmt nicht verschrecken.
»Hast du gegessen?«, fragte Marta, ohne dass ihre fliegenden Finger auch nur eine Masche verpassten.
»Jepp. War wieder im Wirtshaus.«
»Dieser Ort.« Sie verzog das Gesicht. »Es wird nie wieder dasselbe sein. Jetzt muss man den ganzen Weg zu Rowdy’s an der Lakeview fahren, um einen anständigen Hamburger zu bekommen.«
»Eigentlich ist das Essen nicht schlecht.« Ich war vieles, aber kein Lügner. »Sie sollten einmal den Hausburger probieren.«
»Dort gehe ich bestimmt nicht hinein.« Sie stieß einen Ts-Laut aus und ihre Nadeln klickten. »Und du solltest auch vorsichtig sein. Willst doch nicht, dass die Leute den falschen Eindruck bekommen.«
Oder den richtigen. Ich rieb mir den Kiefer, während mir die Touristen von vorhin wieder in den Sinn kamen. »Es ist gut, wenn sie Kunden bekommen. Genau das braucht die Stadt – neue Ideen.« Darin würde sie mir nicht zustimmen, aber ich versuchte es trotzdem. Die Stadt wurde zur Hälfte von alternden Hippies bewohnt, aber Marta gehörte zu den sturen Traditionalisten, war rechtschaffene Sängerin in ihrem christlichen Chor und lautstarke Gegnerin des ganzen Schwulentourismus-Plans.
Sie schüttelte den Kopf. »Wir müssen uns einfach darauf einigen, uns nicht einig zu sein. Und noch dazu einer dieser Hanks-Jungen. Die ganze Familie hat es nie zu viel gebracht.« Was diesen letzten Teil betraf, waren wir einer Meinung, aber ich hielt den Mund – wie immer, wenn sie mit dem Klatsch anfing. »Bin überrascht, dass er dich überhaupt bedient, nachdem du hingegangen bist und Freddy hinter Gitter gebracht hast.«
»Er hat einen fairen Prozess bekommen.« Ich zuckte mit den Schultern, denn wer konnte es schon wissen? Vielleicht war Ringer nicht der Einzige, der mir grollte. Mason schien Kundschaft verzweifelt genug zu brauchen, um vielleicht zu vergessen, dass ich eine wesentliche Rolle dabei gespielt hatte, dass sein Idiot von einem älteren Bruder als Schwerverbrecher verurteilt worden war. Nichtsdestotrotz war es eine weitere Erinnerung daran, warum ich nicht zu vertraut mit ihm werden durfte. Er würde vielleicht nicht in mein Essen spucken oder mein Geld ablehnen, aber die ganze verdammte Familie Hanks hatte sich an dem Tag, als Freddy weggebracht worden war, weit von mir distanziert. Wir würden nie Freunde sein.