Kapitel Eins
Das viktorianische Haus mit seiner grauen Verkleidung und seinen weißen Zierleisten ragte vor Daisy Swanson auf, als sie und Tessa Miller darauf zuliefen. Die Januardunkelheit hatte sich an diesem Abend früh über die Kleinstadt Willow Creek, Pennsylvania, gelegt, mit einem zinngrauen bedeckten Himmel schon vor Sonnenuntergang und der Vorhersage, dass es später schneien würde. Daisy war sich nicht sicher, ob es klug gewesen war, sich von Tessa überreden zu lassen, sie nach Feierabend hierher zur Revelations Art Gallery zu begleiten. Aber Tessa war die Köchin und Küchenchefin von Daisy’s Tea Garden und seit der dritten Klasse Daisys beste Freundin. Trotzdem …
Daisy äußerte ihre Bedenken, als ihr eine Windbö ihr welliges, schulterlanges blondes Haar ins Gesicht peitschte. Sie strich es sich hinters Ohr und dachte, dass sie ihre Mütze hätte aufsetzen sollen. Draußen herrschten Minusgrade. „Vielleicht hätte ich doch nicht mitkommen sollen.“
Während sie an der Seite des Hauses entlang zum Hintereingang von Revelations gingen, versicherte Tessa ihr: „Ich werde nur mein Skizzenbuch holen und deine Zimtscones auf Reeses Schreibtisch stellen.“
Tessa war seit ihrer Ausstellung im Oktober mit Reese Masemer zusammen, dem Galeristen der Revelations Art Gallery. Sie hatte ihr Skizzenbuch dort gelassen, als sie vorbeigekommen war, um mit ihm zu Mittag zu essen.
Tessa fuhr fort: „Du willst doch die Patchworkausstellung sehen, die Reese aufgebaut hat. Das Quilt Lovers Weekend fängt in knapp drei Wochen an. Ich bin sicher, dass es Reese nichts ausmacht, wenn du mit mir in die Galerie gehst. Er weiß, dass du und ich eng befreundet sind.“
Ohne zu zögern drehte Tessa den Schlüssel im Schloss um, trat ein und tippte einen Sicherheitscode ein. Der lange geflochtene Zopf, der ihre karamellbraunen Haare relativ fest zusammenhielt, glitt über ihre lila Daunenjacke, als sie das Licht einschaltete. „Er hat mir jetzt den Schlüssel und den Code anvertraut.“
Und Daisy wusste auch, warum. Tessa blieb oft über Nacht bei Reese in seiner Wohnung im Obergeschoss.
Sogar in dem schummrigen Licht konnte Daisy sehen, wie Tessa ein wenig errötete. Die Beziehung ihrer Freundin mit Reese war noch recht neu, und Daisy wusste noch nicht, was sie davon halten sollte.
Sie ging mit Tessa nach drinnen und sah sich im Büro um. Es herrschte kreatives Chaos, mit einigen Gemälden auf Staffeleien und Kunstbüchern, die über einen großen Ahornholzschreibtisch verteilt lagen. Unterlagen – Rechnungen und dergleichen – waren auch über den Schreibtisch verteilt. Ein Computer stand ausgeschaltet an der hinteren Wand. Zumindest sah er ausgeschaltet aus, er könnte aber auch bloß auf Standby stehen, vermutete Daisy. Tessas Skizzenbuch lag auf der Ecke des Tisches.
„Ich bin überrascht, dass du und Reese heute Abend nicht auf einem Date seid“, sagte Daisy. Reese und Tessa hatten in letzter Zeit die meisten Abende miteinander verbracht.
Tessa ging auf den Schreibtisch zu, legte die in Alufolie eingewickelten Zimtscones darauf und hob ihr Skizzenbuch auf. „Er hat heute Abend ein Meeting mit einem Klienten in York und hat gesagt, dass er erst spät zurückkommt.“
Willow Creek lag im Herzen von Lancaster County in der Nähe von Lancaster und York, was die kleine Stadt zu einem perfekten Ort machte, um alles Wichtige schnell erreichen zu können.
„Die Patchworkausstellung ist wirklich interessant.“ Daisy zog den Reißverschluss ihrer Fleecejacke mit Katzen darauf ein paar Zentimeter auf. „Besonders, wenn Reese Album-Quilts gefunden hat. Aber dann will ich nach Hause.“
„Vi ist nur noch ein paar Tage zu Hause, bevor sie wieder zum College fährt, oder?“, fragte Tessa.
Ihre Freundin wusste, wie sehr Daisy ihre älteste Tochter vermisst hatte. „Ja, und ich will so viel Zeit mit ihr verbringen, wie ich kann. Und Jazzi –“
Ihre Fünfzehnjährige hatte in den letzten sechs Monaten viel um die Ohren gehabt. Nicht nur hatte sie ihre Schwester, Violet, vermisst, die nun aufs College ging, aber als Adoptivkind hatte Jazzi sich auch entschieden, nach ihren leiblichen Eltern zu suchen. Nach wochenlanger Geheimniskrämerei hatte sich Jazzi schließlich Daisy anvertraut. Sie wusste, dass ihre Töchter ihren Vater vermissten, der vor drei Jahren gestorben war, und Jazzi hatte Ryan besonders nahegestanden. Sie hatte ihre eigenen Gefühle beiseitegeschoben und Jazzi bei ihrer Suche nach ihrer leiblichen Mutter geholfen. Jetzt wollte Daisy für ihre jüngste Tochter da sein, da Jazzi am Sonntag Besuch von Portia Smith Harding bekommen würde. Jazzi würde vielleicht darüber sprechen wollen. Obwohl ihre Tochter mit Portia telefoniert hatte, hatten sie sich seit ihrem ersten Treffen im Oktober nicht mehr persönlich gesehen.
„Komm“, sagte Tessa und unterbrach Daisys Grübeleien. Als sie an der Tür stand, die in die anderen Räume der Galerie führte, hielt Tessa inne.
Als Reese das alte viktorianische Haus gekauft hatte, um es als eine Kunstgalerie zu nutzen, hatte er seinen Charme bewahrt und nur dort Renovierungen vorgenommen, wo es seine Kunstwerke in der Galerie zur Geltung brachte. Jetzt führte Tessa Daisy durch einen dunklen Raum in einen größeren, in dem ein sanftes Licht von einer Leiste an der Decke schien.
„Ich muss den Lichtschalter finden“, sagte Tessa.
Daisy blieb regungslos stehen, damit sie nicht versehentlich mit dem Ellbogen gegen ein Kunstwerk stieß. Die meisten Werke, die Reese ausstellte, stammten von aufstrebenden Künstlern, aber manche von ihnen waren dennoch wertvoll.
Das Haus hatte etwas Unheimliches an sich, was mehrere Gründe hatte. Ein leichter Modergeruch, der in der Luft lag. Kam das durch die Tatsache, dass das Haus über einhundertfünfzig Jahre alt war? Möglicherweise. Oder vielleicht von den Antiquitäten, die Reese auf Tischen ausstellte. Die Dielen knarzten, obwohl sie in ihren Originalzustand versetzt worden waren. Tatsächlich war es schwer, eine zu finden, die es nicht tat.
Sie und Tessa standen in einem der Räume auf der Hinterseite des Hauses. Als sie durch die Dunkelheit zum Eingang schaute, sah es aus, als würden ihr Schatten im Schein des Laternenlichts zuwinken. Das waren Äste, die vor dem großen Erkerfenster hin und her schaukelten.
Wenn es klopfte und raschelte, als wäre ein Ast gegen die Hauswand gestrichen, zuckte Daisy zusammen. Sie war kein nervöser Mensch, nur angespannt, wenn sie sich Sorgen um ihre Töchter machte. Aber diese Galerie, vollkommen ohne Besucher, war ihr nicht geheuer.
Endlich fand Tessa den Lichtschalter. Eine Deckenlampe erleuchtete sanft den Raum. Daisy wusste, dass Reese nicht wollte, dass grelle Beleuchtung die Atmosphäre seiner Ausstellungen zunichtemachte oder die Werke beschädigte.
„Da drüben.“ Tessa zeigte auf eine Ecke, wo Daisy Quiltständer und mehrere Quilts sehen konnte, die gefaltet auf Stühlen lagen. Ein weiterer lag ausgebreitet auf einem Tisch. Das Arrangement zog sie an und sie vergaß die unheimliche Atmosphäre des viktorianischen Hauses. Sie ging schnurstracks zu einem der Quiltständer hinüber, wo sie einen Album-Quilt entdeckte. Er war wunderschön. Auf dem Etikett an dem Quilt stand BALTIMORE ALBUM-QUILT.
„Ist der nicht atemberaubend?“, wisperte sie.
Tessa trat neben sie. „Reese hat gesagt, dass dieser etwa vierzehntausend Dollar wert ist.“
„Schau dir nur diese feine Näharbeit an.“
„Es ist schwer zu glauben, dass er aus dem neunzehnten Jahrhundert stammt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand diese winzigen Stiche so gleichmäßig hinbekommt.“
„Das sind Applikationen und Negativ-Applikationen, Stickereien und noch mehr gepolsterte Applikationen, die die dreidimensionalen Blöcke bilden. Ich sollte wirklich lernen, wie man quiltet. Rachel Fisher gibt Kurse dafür.“ Rachel und Levi Fisher, Freunde von Daisy, waren die Inhaber von Quilts and Notions. Sie verkauften nicht nur Quilts, sondern auch Stoffe und Nähzubehör.
„Reese glaubt, dass das Quilt Lovers Weekend Rachel und Levi den meisten Zulauf bringen wird.“
Daisy kannte die amische Familie gut. Obwohl sie nach dem Studium aus Willow Creek weggezogen war, erinnerte sie sich an ihre Kindheit, als wäre es gestern gewesen. Rachels Eltern hatten Sträucher und Bäume für Daisys Eltern aufgezogen, damit sie sie in ihrer Gärtnerei, Gallagher’s Garden Corner, verkaufen konnten. Dadurch hatte Daisy einige Zeit auf der Farm verbracht. Sie bewunderte die Familie und ihre amische Lebensweise.
Widerwillig wandte sie sich von dem Baltimore Album-Quilt ab, um einen anderen zu betrachten.
Plötzlich hörte sie ein Geräusch aus einem Nebenraum. Es kam nicht aus dem Büro oder der vorderen Galerie. Wenn sie sich richtig an den Grundriss im Erdgeschoss erinnerte, kam es von der Treppe, die ins Obergeschoss führte.
„Sonst darf hier niemand rein“, murmelte Tessa und ging auf eine Skulptur von einem alten Mann zu, der auf einem Baumstumpf saß. Sie nahm sie hoch, als wollte sie jemandem damit eins überbraten.
Daisy hielt den Atem an, unsicher, was Tessa als Nächstes tun würde.
Tessa hatte noch keinen Schritt getan, als Reese im Türrahmen erschien!
Sie waren genauso überrascht wie er.
Reese Masemer war nur knapp eins achtzig, aber sportlich und schlank. Mit seinen etwa vierzig Jahren war sein Haar sandbraun, dicht und lang. Seine dunkelbraunen Augen blieben an Daisy und Tessa hängen. Sein Gesicht, das ein wenig blass gewirkt hatte, nahm nun wieder etwas Farbe an.
Tessa sprach als Erste. „Was machst du denn hier? Ich dachte, du wärst mit einem Klienten essen gegangen.“
Reese, der leicht aufgewühlt wirkte, zuckte die Schultern. Dann lächelte er. „Ich dachte, ich hätte Einbrecher. Ich bin froh, dass nur ihr es seid. Ich hatte schon befürchtet, dass ich vielleicht in eine neue Alarmanlage investieren muss.“
Er ging durch den Raum zu Tessa und schlang die Arme um ihre Taille. „Mein Klient hat abgesagt, also habe ich heute Abend oben an meinem Laptop gearbeitet. Ich muss viel nachholen – Rechnungen für die Verkäufe an den Feiertagen eingeben.“ Er wackelte mit den Augenbrauen. „Inklusive zwei deiner Bilder, die verkauft wurden. Jetzt kannst du Nachschub in die Galerie bringen.“
Daisys weibliche Intuition sagte ihr, dass Reese versuchte, Tessa davon abzulenken, dass er hier gewesen war und es ihr nicht erzählt hatte.
Ihre Freundin, ein bisschen liebestrunken von ihrer Beziehung, fiel darauf rein. „Ich bin vorbeigekommen, um dir ein paar dieser Zimtscones zu bringen, die du so gern isst, und mein Skizzenbuch mitzunehmen. Die Scones liegen auf deinem Schreibtisch. Ich habe Daisy gebeten, mitzukommen, weil ich wusste, dass sie die Quilts gerne sehen würde, bevor wir uns durch eine Menschenmasse kämpfen müssen. Die werden ein großer Besuchermagnet sein.“
„Das denke ich auch“, stimmte er zu. „Diese Album-Quilts sind ein echter Fund. Aber das ist noch ein Grund, warum ich mir Sorgen um die Sicherheit mache.“
Er wirkte tatsächlich beunruhigt, dachte Daisy. Aber hatte seine Sorge wirklich mit den Album-Quilts zu tun?
Reese drückte Tessa erneut an sich. „Denk dran, wir werden am Samstagabend in York auf ein Candlelight-Dinner gehen. Passt dir das noch?“
„Ja. Aber ich hoffe, dass wir davor noch etwas Zeit miteinander verbringen können. Sehen wir uns morgen Abend immer noch zum Abendessen?“
„Ja.“
Während Reese und Tessa einander tief in die Augen schauten, kam sich Daisy wie das sprichwörtliche fünfte Rad am Wagen vor. Heute war Mittwoch. Sie vermutete, dass Tessa vor Samstag wieder bei ihm schlafen würde. „Ich gehe schon mal, damit ihr euch in Ruhe verabschieden könnt.“ Sie durchquerte den Raum und ging zum Büro und dem Hinterausgang.
Schon bald darauf kam Tessa mit rosigen Wangen zu ihr. Sie sah aus, als wäre sie soeben geküsst worden. Aber sie war still, während sie die Galerie verließen und die Tür schlossen. Sobald sie draußen waren, sah sie zur Wohnung im ersten Stock hoch, in der alle Gardinen zugezogen waren. Kein Licht drang heraus. Hatte Reese wirklich dort oben gearbeitet?
Ein kalter Wind umtoste sie. Daisy zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Hals hoch und machte sich auf den Weg zur Teestube, wo sie ihr Auto abgestellt hatte.
Tessa tat ein paar eilige Schritte, um sie einzuholen, und fragte: „Glaubst du, Reese wollte uns abwimmeln?“
Trotz des Windes blieb Daisy stehen. „Was geht dir durch den Kopf?“
„Reeses Assistentin, Chloie Laird, flirtet durchgehend mit ihm. Was, wenn sie mehr getan hat, als zu flirten? Was, wenn sie mit ihm oben war?“
Daisy sah sie an, während Tessa erneut einen Blick auf den ersten Stock warf. „Willst du damit sagen, dass du Reese nicht vertraust?“
„Du weißt, dass es mir schwerfällt, irgendjemandem zu vertrauen.“
Das wusste Daisy in der Tat. Aber bevor sie das Thema vertiefen konnten, wechselte Tessa schon zum Nächsten. „Wir werden an Woods vorbeikommen. Wir könnten reingehen und Jonas Hallo sagen.“
Tessa wusste, dass Daisy und Jonas Groft Zeit miteinander verbracht hatten. Daisy fühlte sich wohl bei ihm, mehr als wohl, wenn sie ehrlich war. Allerdings hatte Jonas von Weihnachten bis Neujahr sein Geschäft geschlossen und war nach Philadelphia gefahren, um die Feiertage mit einigen guten Freunden zu verbringen. Aber sie hatten Silvester zusammen mit ihren Töchtern verbracht. Das war vor ein paar Tagen gewesen. Seitdem hatte sie nichts von ihm gehört. Sie war nicht sicher, ob sie Woods einen Besuch abstatten sollte, da sie ihn nicht drängen wollte.
Durch seine Vergangenheit als ehemaliger Detective in Philadelphia war Jonas in ihr Leben getreten, um Jazzi bei ihrer Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu helfen. Es war durchaus möglich, dass er keine ernste Beziehung wollte. Um ehrlich zu sein, wusste sie nicht, ob sie eine wollte.
Nichtsdestotrotz fasste Tessa sie am Arm, zog sie mit sich und sagte: „Komm schon. Man muss Risiken im Leben eingehen. Das machst du nicht oft.“
„Die Teestube mit meiner Tante zu eröffnen war ein Risiko.“ Nachdem ihr Mann gestorben war, war sie in ihre Heimatstadt zurückgekehrt, um neu anzufangen. Sie und ihre Tante Iris hatten ein Haus gekauft, um Daisy’s Tea Garden zu eröffnen, und Daisy hatte noch dazu eine alte Scheune renoviert, in der sie nun mit ihren Töchtern wohnte.
„Deine Tante weiß mehr über Tee als Wikipedia. Und ihr beide habt einen Ort geschaffen, wo alle hinkommen können, um zu plaudern und sich zu entspannen, gutes Essen zu genießen und den allerbesten Tee zu trinken. Wie hätte das denn schiefgehen können?“
„Das könnte es trotzdem. Du weißt doch, was mit vielen kleinen Unternehmen passiert.“
„Das stimmt. Aber wir vergrößern uns. Wir haben neue Mitarbeiter eingestellt.“
„Wenn du erstmal eine reiche und berühmte Künstlerin bist, wirst du nicht mehr meine Küchenchefin sein wollen.“
Stirnrunzelnd musterte Tessa Daisy. „Wenn ich jemals reich und berühmt werde, werde ich immer noch deine beste Freundin sein. Und wenn ich meinen Job aufgeben muss, würde ich für dich die beste Küchenchefin auf der ganzen Welt finden.“
„Na, das macht mir Mut“, sagte Daisy ironisch, während sie vor Woods standen.
„Komm schon“, drängte Tessa sie erneut, öffnete die Tür und zog Daisy nach drinnen. „Wenigstens kommen wir für ein paar Minuten ins Warme.“
Daisy schüttelte nur den Kopf und ergab sich dem unausweichlichen Enthusiasmus, den Tessa üblicherweise verströmte. Zu ihrer Erleichterung war Jonas nirgends im Geschäft zu sehen. Elijah Beiler jedoch schon. Er war ein amischer Schreiner, der in Jonas’ Geschäft Möbel verkaufte. Elijah war Mitte vierzig und trug schwarze Hosen mit Hosenträgern und ein dunkelblaues Hemd. Sein Bart signalisierte, dass er verheiratet war.
„Guten Abend, die Damen“, hieß Elijah sie mit einem breiten Lächeln willkommen.
„Abend, Elijah. Ist Jonas da?“, fragte Daisy.
„Nein. Er ist losgegangen, um nach wiederverwertbarem Holz zu suchen. Er denkt darüber nach, damit eine Möbelserie rauszubringen.“
„Ich habe mal Möbel aus wiederverwertetem Holz in diesen Heimwerkersendungen auf dem Home & Garden Channel gesehen“, erinnerte sich Daisy. „Sie sind wunderschön.“
Elijah ging zum Tresen im hinteren Teil des Ladens und griff in ein Fach darunter. Nachdem er ein paar Skizzen hervorgeholt hatte, brachte er sie zu Daisy und Tessa herüber. „Möchtet ihr euch die mal anschauen? Das hat sich Jonas in etwa vorgestellt.“
Als Daisy die alte Scheune renoviert hatte, die sie jetzt ihr Zuhause nannte, hatte sie eine Kücheninsel hinzugefügt. Bei der Suche nach dem besten Modell hatte sie sich viele davon angeschaut, und so kannte sie sich mit den Designs aus. Sie bewunderte die Pläne für Kücheninseln, die Jonas entworfen hatte, sowie die für einen Beistelltisch und einen Schreibtisch.
„Du und Jonas seid beide sehr talentiert“, sagte Daisy aufrichtig.
Bescheiden wie die meisten Amischen, lief Elijah bei ihrem Lob rot an. „Genau wie mir macht es Jonas Freude, die wahre Natur des Holzes zum Leben zu erwecken.“
„Ich freue mich darauf, mir anzuschauen, was ihr beide gezimmert habt“, versicherte Daisy ihm. Sie schaute zu Tessa. „Wir sollten besser gehen. Ich will nach Hause zu meinen Töchtern.“
„Ich werde Jonas ausrichten, dass ihr da wart“, versprach Elijah ihnen.
Daisy war sich nicht sicher, ob sie das wollte, aber sie schwieg. Nach einigen Verabschiedungen verließen sie und Tessa Woods.
Sie gingen eilig die Straße hoch. Vor Daisy’s Tea Garden hielten sie inne und schauten auf ihre viktorianische Villa. Die Teestube nahm das Erdgeschoss ein. Tessa wohnte im ersten Stock und nutzte den Dachboden zum Malen.
Eine Lampe, die in der Dämmerung an- und im Morgengrauen wieder ausging, leuchtete auf der Veranda. Sie schien auf die hellgrüne Fassade mit weißen und gelben Zierleisten. Im Erdgeschoss hatten Daisy und ihre Tante den Raum, in dem man entweder bedient werden oder etwas zum Mitnehmen bestellen konnte, mit Eichentischen mit Glasplatten möbliert. Sie hatte die Wände in einem hellen Grün gestrichen. Zusätzlich konnten sie im Erdgeschoss noch auf ein zweites Teezimmer ausweichen. Das war auch der Raum, in dem sie die Gäste bedienten, die eine Reservierung für den Nachmittagstee vereinbart hatten. Die Wände des zweiten Zimmers waren hellgelb gestrichen.
Daisys Büro befand sich hinten neben dem Teezimmer, und die Küche lag hinter dem offenen Sitzbereich. An der Seite hatten sie außerdem eine Terrasse, auf der sie Kunden bedienten, wenn das Wetter es erlaubte. Hinter der viktorianischen Villa erstreckte sich ein Privatparkplatz für Daisys, Iris’ und Tessas Fahrzeuge.
„Die Geschäfte laufen immer noch gut“, erinnerte Tessa sie. „Obwohl es Anfang Januar ist und sich die Touristensaison langsam dem Ende zuneigt. Das bedeutet, dass die Öffentlichkeit Daisy’s angenommen hat und die Teestube eine zentrale Anlaufstelle in der Gegend geworden ist.“
„Ich hoffe, dass das der Grund ist. Der Zuwachs könnte auch immer noch von dem Mord herrühren, der hier geschehen ist.“
Daisy’s Tea Garden war im Herbst der Tatort eines Mordes gewesen, was sowohl bei lokalen Nachrichtensendern als auch auf Blogs im Internet für Publicity gesorgt hatte.
„Foster hat wirklich dabei geholfen, dass sich Daisy’s Tea Garden auch auf Social Media rumspricht“, fügte Tessa hinzu. „Das muss man ihm lassen.“
Foster Cranshaw war ein Student, den Daisy eingestellt hatte, als sie mehr und mehr Zulauf bekommen hatten. Er führte Violet auf Dates aus, wenn sie zu Hause war, was gemischte Gefühle in Daisy hervorrief. Ja, sie wollte, dass Violet Beziehungen führte, damit sie irgendwann einen Partner fürs Leben fand. Daisy war sich sicher, dass eine Ehe und das Eheversprechen ihren Töchtern genauso viel bedeuten würden wie ihr und Ryan damals. Auf der anderen Seite war Violet immer noch jung, und sie hoffte, dass ihre Älteste und Foster es nicht allzu ernst meinten.
„Foster ist eine große Hilfe gewesen“, stimmte Daisy zu. „Ich weiß nicht, was wir ohne ihn machen würden. Er kann gut mit Kunden umgehen, und seine technischen Fähigkeiten sind ein Geschenk des Himmels.“
Sie gingen einen Weg entlang, der zum Privatparkplatz führte, als ein schriller Alarm die nächtliche Stille durchbohrte.
Tessa wirbelte herum in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. „Das klingt, als käme es von Revelations.“
Der Alarm war so laut und durchdringend, dass Daisy vermutete, dass er von jedem Geschäft an ihrer Straße kommen könnte. Aber sie folgte Tessa, die den Bürgersteig heruntersprintete. Daisy würde ihre Freundin jetzt nicht im Stich lassen.
Während Tessa an einem Kerzengeschäft, einem Versicherungsbüro, einem Geschäft, das handgenähte Handtaschen und Reisetaschen verkaufte, sowie an Woods vorbeiraste, versuchte Daisy, mit ihr Schritt zu halten. Elijah trat aus Woods nach draußen und starrte ebenfalls die Straße herunter.
Tessa rannte an ihm vorbei, und Daisy ebenfalls, die erkannte, dass Tessa Recht gehabt hatte. Es war der Alarm von Revelations, der angesprungen war. Tessa rannte um das Gebäude herum zum Hintereingang und ohne zu zögern nach drinnen, als sie sah, dass die Tür offen stand.
Daisy rief ihr nach: „Tessa, warte! Wir wissen nicht, was passiert ist. Es könnte ein Feuer sein … oder irgendetwas.“
Aber Tessa wartete nicht. Und als Daisy nach drinnen rannte und sie einholte, sah sie, dass Tessa Reese stützte, der sich schwer gegen sie lehnte. Blut rann seine Stirn und seine Wange herab.
Daisy zog ihr Handy hervor, um den Notruf zu wählen.
Reese sah es und hob die Hand. „Du musst niemanden anrufen. Der Alarm hat die Polizei auf uns aufmerksam gemacht. Sie sind bald da.“
Tessa führte Reese zu einem hölzernen Kapitänsstuhl und er ließ sich darauf fallen.
„Was ist passiert?“, fragte Daisy. Sicherlich hatte Reese sich das nicht selbst zugefügt. Könnte sich immer noch irgendwer in der Galerie befinden?
„Ein Einbrecher ist eingestiegen, bevor ich die Alarmanlage angestellt habe. Er hat mich angegriffen und ist geflohen. Ich habe es geschafft, einen der Panikknöpfe zu drücken.“
Reese war definitiv von jemandem verletzt worden. Unterlagen von seinem Schreibtisch waren über den Boden verstreut. Aber etwas an seiner Geschichte klang nicht überzeugend. Wie hätte jemand wissen können, dass die Alarmanlage ausgeschaltet war? Warum hatte Reese den Alarm nicht angestellt, nachdem sie und Tessa gegangen waren? Hatte es wirklich einen Einbruch gegeben?
Oder war etwas anderes geschehen, von dem niemand wissen sollte?
Kapitel Zwei
Daisy hatte einen logischen Verstand, der verhinderte, dass ihr Emotionen in die Quere kamen. Schließlich war sie eine Mom. Sie führte ein Geschäft. Sie redete sich selbst gut zu, um sich zu überzeugen, dass ihre Mutter ihre Schwester nicht lieber mochte. Daher hatte sie eine ziemlich gute weibliche Intuition, wenn es darum ging, Lüge von Wahrheit zu unterscheiden. Reeses Geschichte ergab keinen Sinn.
Reese war Galerist und recht einflussreich in Willow Creek. Daisy hatte an Treffen der Handelskammer teilgenommen, in denen Reese einiges erreicht hatte.
Seine Geschichte war einfach nicht glaubwürdig. Nicht nur Streifenpolizisten trafen am Tatort ein. Nein, der Polizeichef hatte Detective Rappaport geschickt, um zu ermitteln, was passiert war. Morris Rappaport und Daisy waren sich schon einmal begegnet. Er war nicht besonders begeistert von ihr oder ihrer Tante, aber nach seiner letzten Mordermittlung hatten sie eine Art Waffenstillstand geschlossen. Heute jedoch sah er so mürrisch aus wie immer und ganz und gar nicht froh, Daisy zu sehen. Er hatte Reese befragt und kam jetzt auf sie und Tessa zu. Er sah von einer zur anderen, als würde er überlegen, ob er sie getrennt befragen sollte.
Daisy sagte freundlich: „Detective Rappaport. Es ist schön, Sie wiederzusehen.“
„Ist es das?“, fragte er und fuhr sich durch sein dichtes graublondes Haar. „Ich war außer Dienst, als mein Chef mich hergerufen hat. Das hier ist meine Zeit nicht wert.“
Schon jetzt konnte Daisy Tessas Empörung spüren. „Reese wurde verletzt. Was meinen Sie damit, es ist Ihre Zeit nicht wert? Jemand hätte ihn umbringen können.“
Mit Mitte fünfzig hatte Rappaport Furchen um den Mund und tiefe Falten im Gesicht. Er sah Tessa unverwandt an. „Erzählen Sie mir, Miss Miller, was Sie und Mrs. Swanson mit all dem hier zu tun haben.“
„Wir haben den Polizisten erzählt, warum wir vorhin hier waren und warum wir jetzt hier sind“, sagte Tessa und verschränkte die Arme vor der Brust.
Rappaport studierte sein Notizbuch. „Das haben Sie in der Tat, Sie wollten Mr. Masemer Zimtscones vorbeibringen. Das erscheint mir eine seltsame Begründung, um hier zu sein, finden Sie nicht? Hat Daisy’s Tea Garden jetzt auch einen Lieferdienst?“
Im Umgang mit Detective Rappaport in der Vergangenheit hatte sie gelernt, dass es ihnen nichts nützen würde, ihn gegen sich aufzubringen. Sie legte die Hand auf Tessas Arm, in der Hoffnung, sie zu beruhigen. „Tessa und Reese sind ein Paar“, sagte sie ruhig und sah Rappaport in die Augen. „Tessa weiß, dass er meine Scones mag, und sie hat sich gedacht, dass ich die Quiltausstellung sehen wollen würde. Sie hatte zudem ihr Skizzenbuch hier vergessen und wollte es holen.“
„Quiltausstellung?“ Rappaport zog die Augenbrauen hoch, als er sich auf diesen Teil ihrer Erklärung fokussierte.
„Reese stellt antike Quilts als Vorbereitung auf das Quilt Lovers Weekend in drei Wochen aus. Er dachte, dass es die Geschäfte ankurbeln würde. Besonders der Baltimore Album-Quilt ist sehr wertvoll.“
„Ich weiß, dass amische Quilts ein hübsches Sümmchen einbringen“, sagte der Detective. „Aber wie wertvoll kann denn ein Quilt schon sein?“
Er brachte Tessa wieder auf die Palme. Sie zeigte auf die Quiltständer im anderen Raum. „Einer dieser Quilts ist fast vierzehntausend Dollar wert. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb jemand eingebrochen ist.“
Rappaport sah Daisy an. „Stimmt das?“
„Tessa weiß mehr darüber als ich. Sie hat Reese mit der Ausstellung geholfen. Wenn Sie ihn fragen, kann er Ihnen sagen, was sie wert sind. Aber, ja, ein Baltimore Album-Quilt wie der, den er hier ausgestellt hat, kann Tausende von Dollar wert sein.“
„Sie sind in Willow Creek aufgewachsen, oder?“, fragte Rappaport Daisy.
Sie erinnerte sich daran, was Jonas ihr beim letzten Mal geraten hatte, als sie mit der Polizei von Willow Creek zu tun gehabt hatte, und antwortete so knapp wie möglich. „Ja.“
„Also haben Sie schon Ihr ganzes Leben mit Quilts und den Amischen zu tun.“
„Das stimmt.“
Ihre knappen Antworten schienen ihn zu verstören. Sie hatten das schon einmal durchgekaut, als sie einen Anwalt zurate gezogen hatte.
Rappaport lenkte seinen Blick wieder auf Tessa. „Und wie lange sind Sie und Masemer schon zusammen?“
„Was hat das damit zu tun, dass ihm jemand auf den Kopf geschlagen hat?“, fragte Tessa knapp.
„Ich stelle hier die Fragen“, erinnerte Rappaport sie gebieterisch.
Daisy versuchte, Tessa wortlos mitzuteilen, dass sie besser beraten wäre, die Fragen des Detectives einfach zu beantworten. Sie musste wohl telepathisch zu ihr durchgedrungen sein, denn Tessa sagte: „Wir haben uns kennengelernt, als er im Herbst meine Werke hier ausgestellt hat. Danach sind wir zusammengekommen.“
„Also ein paar Monate“, fasste Rappaport zusammen.
„Richtig“, antwortete Tessa.
„Also lassen Sie mich festhalten. Kravitz dort drüben hat mir gesagt, dass Sie einen Schlüssel für dieses Gebäude besitzen, dass Sie die Tür aufgeschlossen haben, den Sicherheitscode eingegeben haben, um den Alarm auszustellen, und was dann? Erzählen Sie mir alles Schritt für Schritt.“
Da sie bereits alles mit den Polizisten durchgegangen waren, antwortete Tessa ein wenig ungeduldig: „Ich habe die Scones auf Reeses Schreibtisch gelegt, mein Skizzenbuch aufgehoben, und dann haben Daisy und ich uns die Quilts angeschaut. Während wir sie betrachtet haben, haben wir ein Geräusch gehört. Ich hatte Reese hier nicht erwartet, weil er gesagt hatte, dass er sich mit einem Klienten treffen würde. Wie sich herausgestellt hat, hat sein Klient abgesagt und er hat oben gearbeitet. Als er uns hier gehört hat, ist er also nach unten gekommen.“
„Und er hat Sie beide bei den Quilts gefunden?“
Daisy stellte fest, dass auch sie ein wenig eingeschnappt war. Bei ihm hörte es sich so an, als hätten sie etwas Schlimmes getan.
„Wir haben die Handwerkskunst der Quilts bewundert“, erklärte Daisy. „Dann haben wir gehört, wie Reese nach unten gekommen ist. Aber wir wussten nicht, dass er es war.“
„Also was haben Sie dann getan?“, fragte Rappaport.
„Ich habe die Skulptur dort drüben in die Hand genommen, für den Fall, dass es sich um einen Einbrecher handelte“, sagte Tessa. „Aber dann stand Reese in der Tür und wir haben gesehen, dass er es war. Das war’s. Nachdem er und ich über unsere Pläne fürs Abendessen gesprochen hatten, sind Daisy und ich gegangen.“
„Aber Sie sind zurückgekommen“, sagte Rappaport fast schon anklagend.
Jetzt wurde Daisy wirklich ungeduldig. „Wir sind zurückgerannt, als wir den Alarm gehört haben. Wir wussten nicht, was passiert war.“
„Warum wollten Sie hierher zurückrennen, wenn ein Einbruch im Gange sein könnte?“
„Seien Sie nicht dumm“, sagte Tessa. „Ich liebe …“ Sie brach ab. „Reese ist mir wichtig. Ich wusste nicht, was alles passiert sein könnte. Es hätte ein Brand sein können. Er könnte aus Versehen einen Panikknopf erwischt haben –“
„Panikknopf?“
„Das ist eine Kunstgalerie, Detective. Er bringt wertvolle Werke hierher. Es gibt einen Notfallknopf in jedem Raum“, informierte Daisy ihn.
„Verstehe. Und Sie wissen das woher?“
„Weil wir befreundet sind“, sagte Daisy verärgert. „Tessa hat ihre Werke hier ausgestellt. Ich kenne Reese, nicht gut, aber ich kenne ihn. Wir sind Geschäftsinhaber. Wir sind zusammen im Quilt Lovers Weekend-Komitee. Wir gehen zu den gleichen Zusammenkünften der Handelskammer. Willow Creek ist eine kleine Stadt, Detective.“
„Das weiß ich nur zu gut“, murmelte er. „Jeden Tag werde ich wieder daran erinnert, wie anders das Leben hier im Vergleich zu einer Großstadt ist. Deshalb ist dieser Einbruch recht untypisch. Und um ehrlich zu sein, tue ich mich mit dem ganzen Szenario ein wenig schwer.“
„Was soll das heißen?“, fragte Tessa.
„Mr. Masemer beharrt darauf, dass er den Einbrecher nicht erkannt hat. Wenn der Eindringling nah genug war, um ihm etwas anzutun, und wenn Mr. Masemer genug Zeit hatte, um einen Panikknopf zu drücken, muss ich mich fragen –“
„Detective!“, rief der Polizist ihm plötzlich zu.
Als sie mit dem Blick den Polizisten und Reese suchte, bemerkte Daisy, dass Reese sich mit der Hand an die Stirn fasste. Er sah unglaublich blass und aufgewühlt aus, und plötzlich machte er einen unsicheren Schritt nach vorne, sodass der Polizist ihn auffangen und auf einen Stuhl setzen musste.
Tessa rannte zu ihm hinüber. „Reese. Was ist los?“
„Nur ein wenig schwindlig“, sagte er.
Tessa hatte ihr Handy in der Hand. „Ich rufe einen Krankenwagen.“
Aber Reese winkte ab. „Nein. Ich will nicht noch mehr Trubel.“
„Dann lass mich dich in die Notaufnahme fahren“, sagte Tessa. Sie fauchte den Detective an: „Sie müssen ihn gehen lassen. Sie können ihn in diesem Zustand nicht befragen. Er ist noch nicht einmal bei klarem Verstand und weiß nicht, was er sagt.“
Detective Rappaport schwieg einen Moment lang, dann nickte er den Polizisten zu. „Ich stimme zu, dass Sie verarztet werden müssen“, sagte er zu Reese. „Aber beantworten Sie mir eine Frage, Mr. Masemer. Hat der Einbrecher Ihrer Kenntnis nach irgendetwas angefasst?“
Reese holte tief Luft. „Er war auf dem Weg zum Quiltständer, als ich ihm begegnet bin, aber ich habe ihn überrascht. Also glaube ich nicht, dass er die Gelegenheit hatte, irgendetwas anzufassen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, seine Hände haben weiß in der Dunkelheit geleuchtet, als ob er Handschuhe trug. Er hatte außerdem eine Sturmhaube auf.“
Der Detective musterte Reese einen langen Moment. „Nun gut“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass uns Fingerabdruckpulver viel nützen wird. Und selbst wenn wir versuchen würden, Fingerabdrücke aufzunehmen, haben Sie wahrscheinlich genug wöchentliche Besucher hier, dass die Zuordnung der Abdrücke fast unmöglich wird. Erzählen Sie mir noch mal, wo er Sie angegriffen hat.“
Reese senkte für einen Moment den Kopf und sah dann wieder hoch zu dem Detective. „In meinem Büro. Ich habe ihn erschreckt. Er ist geflohen. Ich bin ihm hinterhergerannt, und dann hat er sich umgedreht und mich angegriffen.“
„Und warum sind Sie ihm nachgerannt?“
„Ich wusste nicht, ob er irgendetwas gestohlen hatte oder nicht.“
„Sind Sie ihm nachgerannt, bevor oder nachdem Sie den Panikknopf gedrückt haben?“
Reeses Antwort kam wie aus der Pistole geschossen. „Bevor. Nachdem er mich geschlagen hat, bin ich nach hinten getaumelt und hingefallen. Da ist er rausgerannt. Und da habe ich dann den Panikknopf gedrückt.“
„Ich hole mein Auto“, entschied Tessa und brach die Befragung ab. „Reese, bleib sitzen. Ich bin in fünf Minuten zurück. Detective, ich dachte, Sie wollten warten, bis Sie ihn weiter befragen.“
„Ja, das wollte ich, nicht wahr? Ich werde Sie morgen anrufen, Mr. Masemer, und fragen, wie Sie sich fühlen. Und wir können einen Termin ausmachen, wann Sie zum Revier kommen. Dort werden wir Ihre Geschichte noch einmal durchgehen und einen vollständigen Bericht aufnehmen. Und dann können Sie Ihre Aussage unterzeichnen.“
Daisy hatte das Gefühl, dass Detective Morris Rappaport Reeses Geschichte mehr als einmal durchgehen würde. Er glaubte offensichtlich nicht, dass Reese die Wahrheit sagte.
***
Das Geplapper in Daisy’s Tea Garden am nächsten Morgen war lauter, aufgeregter und lebhafter als gewöhnlich, nicht nur unter Daisys Kunden, sondern auch unter ihren Angestellten. In einer Kleinstadt konnte die Gerüchteküche schneller sein als die Internetverbindung, und Willow Creek war keine Ausnahme. Ihre Tante Iris, mit wippenden aschblonden kurzen Locken, war im Laufe des Morgens mehr als einmal zu ihr gekommen, hatte sich zu ihr herübergelehnt und gemeint: „Ich kann nicht fassen, dass ihr Reese Masemer nach dem Einbruch gefunden habt.“
Daisy seufzte innerlich und versuchte sich darauf zu konzentrieren, was sie gerade machte – die Bestellung von ein Dutzend Zimtscones für eine Kundin zusammenzustellen, die an einem der Tische Tee trank. Sie schaute durch den Raum, um zu sehen, ob die Kundin immer noch an ihrem Darjeeling nippte. Das tat sie.
Normalerweise liebte Daisy die Atmosphäre des Teezimmers. Sie und ihre Tante hatten beschlossen, den Raum nicht zu überladen zu gestalten, auch wenn sie ein dezentes Blumenmotiv gewählt hatten. Sie wollten, dass sich hier sowohl Männer als auch Frauen wohlfühlten. Sie wollten, dass sowohl normale Touristen als auch Geschäftsleute aus der Stadt und Lancaster vorbeikamen. Als Daisy also das vordere Grüne Zimmer mit Glastischen und allerlei antiken, handgefertigten Eichenstühlen dekoriert hatte, hatte sie das Gefühl, dass sich alle hier wohlfühlen konnten. Eine gelbe Langhalsvase schmückte jeden Tisch. Nach den Feiertagen hatte sie überall Lavendel und Rosmarin hineingestellt, die mit einer gelben Schleife zusammengebunden waren.
Tante Iris wartete nicht auf Daisys Antwort, sondern sagte: „Ich muss nach dem Grüppchen sehen, das mit dem Bus aus Harrisburg gekommen ist. Sie sitzen an dem großen Sechsertisch.“
Ihre Tante wies nickend auf das zusätzliche Zimmer, wo sie Reservierungen aufnahmen und an bestimmten Tagen den Nachmittagstee servierten. Dieser Raum stellte mit einem Erkerfenster, Fenstersitzen, Deckenleisten und diamantgeschliffenem Glas die besten Qualitäten der viktorianischen Villa zur Schau. Er war hellgelb gestrichen. Weiße Tische und Stühle sahen immer frisch aus und waren mit Sitzkissen mit blauen, gelben und grünen Nadelstreifen gepolstert.
In diesem Moment kam Tessa aus der Küche und stellte sich neben Daisy, als ihre Tante davonwuselte. Sie besah sich die Gebäckdosen. „Die Zimtscones sind bald ausverkauft. Ich habe noch einen Schub im Ofen, aber wir könnten heute noch vier oder fünf Bleche benötigen.“
Tessa war wie Daisy siebenunddreißig Jahre alt. Heute trug sie ihr braunes Haar zu einem Zopf geflochten. Ihre bunten, fließenden Oberteile und Röcke wurden nicht wie bei Daisy und Tante Iris von einer Schürze bedeckt. Stattdessen trug sie Kittel. Heute war er mit Spiralen in leuchtendem Türkis, Fuchsia und Gold verziert. Aber unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Die Falten um ihre Mundwinkel schienen sich vertieft zu haben, und sie hatte nicht ihr übliches strahlendes Lächeln aufgesetzt.
Die Vordertür der Teestube öffnete sich und ließ, zusammen mit dem frostigen Januarwind, Russ Windom herein, einen ihrer Stammkunden. Er war Lehrer im Ruhestand, der fast jeden Morgen für ihr Gebäck und eine Tasse Tee vorbeikam. Er war Witwer und hatte viel Zeit zur Verfügung, und es machte ihm Spaß, sich sowohl mit den anderen Gästen als auch mit Daisy und ihren Angestellten zu unterhalten. Er zog den Reißverschluss seines Cordparkas auf, während er zum Tresen kam und sie anlächelte. Sein graues Haar war vom Wind zerzaust, und er kämmte es mit den Fingern, um es wieder zu ordnen. Er hatte eine hohe Stirn, buschige weiße Augenbrauen und eine schwarze Brille aus Titan, mit der er wie der Lehrer aussah, der er einmal gewesen war.
„Hi, Russ“, sagte Daisy freundlich. „Was darf’s heute für dich sein?“
„Wie wäre es mit einer Tasse Zitronentee und einem dieser Zimtscones?“
„Kommt sofort“, sagte Tessa und ging zurück in die Küche. Aber Ross stoppte sie.
„Ich habe gehört, ihr beide wurdet gestern Abend von der Polizei verhört.“
Daisy und Tessa wechselten einen Blick, und beinahe resigniert sagte Tessa: „Das stimmt.“
„Was ist passiert?“
Sie wollten die Gerüchteküche definitiv nicht noch mehr anheizen, aber Daisy wusste, dass das Geschehene auf die ein oder andere Art herauskommen würde. Trotzdem hielt sie ihre Antwort schlicht: „Anscheinend hat jemand versucht, bei Revelations einzubrechen.“
Während sie sich mit Russ unterhalten hatten, war die Tür mit einem Bimmeln aufgegangen und Chloie, Reeses Assistentin in der Galerie, stand nun neben dem ehemaligen Lehrer am Tresen.
Chloie war siebenundzwanzig und groß wie ein Model, mit platinblond gefärbten Haaren. Fast schon angriffslustig sagte sie: „Reese war ein Held. Er hat den Einbrecher abgewehrt, und der Mann ist geflohen. Wen kennt ihr noch, der so etwas machen würde?“
Daisy kannte eine Person – Jonas Groft –, aber andererseits würde das durch seine Polizeiausbildung niemanden wundern.
Aber die Tatsache, dass Chloie Reese als einen Helden bezeichnete, war ein bisschen weit hergeholt.
„Weiß die Polizei, was der Dieb stehlen wollte?“, fragte Russ. „Den Inhalt des Tresors oder ein Kunstwerk in der Galerie?“
Wieder war es Chloie, die antwortete. „Der Detective, der den Fall übernommen hat, glaubt, dass es der Einbrecher auf einen antiken Quilt abgesehen hatte. Er ist ziemlich wertvoll, und es war ein Ausstellungsstück. Das ist wohl das Einzige, was Sinn ergibt. Schließlich stammen viele der Stücke in der Galerie von neuen Künstlern, die nicht viel Geld einbringen.“ Chloie warf Tessa einen Blick zu, und Daisy konnte sehen, dass Tessa finster zurückstarrte. Tessa konnte Reeses Assistentin offensichtlich nicht leiden, die wusste, wie sie Tessa provozieren konnte. Daisy hatte entweder von Tessa oder durch den Klatsch bei einer Zusammenkunft der Handelskammer gehört, dass Chloie direkt nach dem Studium in einem Museum in Philadelphia gearbeitet hatte, und ihr Kunstwissen war unbezahlbar für Reese. Sie arbeitete nun seit über einem Jahr für ihn.
Obwohl zwischen Tessa und Chloie dicke Luft herrschte, wusste Daisy, dass Tessa wahrscheinlich eine Frage auf der Seele brannte, also fragte Daisy Chloie für sie: „Wie geht es Reese?“
„Diese Schramme auf seiner Stirn war übel und musste genäht werden. Aber keine Sorge. Er wird heute Nachmittag zur Komiteesitzung kommen. Er ist Feuer und Flamme für das Quilt Lovers Weekend. Dieses kleine Problemchen wird ihn nicht bremsen. Tatsächlich habe ich mir gedacht, dass ich ihm ein paar von diesen Zimtscones kaufe, die er so mag, damit er bei Kräften bleibt. Wie wäre es mit einem halben Dutzend?“
Daisy sah, wie Tessa versuchte, nicht darauf anzuspringen. Ihre Freundin erinnerte sich sicherlich an ihren Ausflug in die Galerie am vergangenen Abend, als sie die Scones auf Reeses Schreibtisch gestellt hatte.
Anscheinend konnte Tessa nicht anders, denn sie mischte sich in die Unterhaltung ein. „Ich schätze, Reese hat die Scones gegessen, die ich ihm gestern Abend gebracht habe.“
Chloies Gesicht verfinsterte sich. „Vielleicht. Aber wenn nicht, schmecken sie mittlerweile abgestanden und er könnte frische gebrauchen.“
Der Timer in der Küche piepste und Tessa sagte: „Ich muss gerade ein Blech aus dem Ofen holen. Ich packe dir die Scones ein, damit du sie Reese geben kannst. Dann sind sie immer noch warm.“ Mit diesen Worten eilte sie in die Küche.
Chloie sah ihr mit bitterbösem Blick nach. Daisy hatte das Gefühl, dass Tessa die Scones nicht einmal anfassen würde, wenn es nach Chloie ginge. Daisy sagte zu Russ: „Setz dich, ich bringe dir dann deinen Tee und einen warmen Scone.“
Er lächelte sie an. „Weißt du, jeden Morgen hierherzukommen hat ein bisschen Struktur in mein Leben gebracht, seit ich im Ruhestand bin. Hier begegnet man sich immer mit einem Lächeln, und es ist eine tolle Art, den Tag zu beginnen.“
Bemerkungen wie diese wärmten Daisy jedes Mal das Herz. „Ich bin froh, dass du zu unserer Teeliebhaberfamilie gehörst.“
Als Russ zu seinem Platz ging, murmelte Chloie: „Ich weiß nicht, was Reese an Tessas Scones findet. Mir scheint, ein Schokomuffin würde ihm ein größeres Lächeln ins Gesicht zaubern.“
„Das muss an der Geheimzutat liegen, die Tessa in die Scones gibt“, sagte Daisy. „Ich bin gleich wieder da und bringe sie mit.“
Als sie die Küche betrat, sah sie, dass Eva Connor, ihre Tellerwäscherin und Mädchen für alles, Tee für Russ in ein Teesieb löffelte, das in einer Porzellankanne lag. „Bald fertig“, sagte sie. „Ich werde ihn fünf Minuten ziehen lassen, dann bringe ich ihn raus.“
Daisy nickte.
Tessa hatte die sechs Scones in einen passenden Karton für ein halbes Dutzend gelegt. Sie schrieb etwas auf einen Zettel von dem Block am Kühlschrank, auf dem sie oft ihre To-Do-Listen notierten. Sie faltete den Zettel, legte ihn auf die Scones in die Box und machte den Deckel zu. Sie tat den Karton in eine Wachspapiertüte.
„Hast du noch etwas anderes als Scones reingetan?“, fragte Daisy lächelnd.
„Darauf kannst du wetten. Ich habe es mir verkniffen, auf den Zettel zu schreiben: ‚Du solltest Chloie feuern.‘ Stattdessen habe ich nur geschrieben ‚Denke an dich‘ und ein kleines Herz mit meinem Namen hinzugefügt.“
„Du solltest wahrscheinlich mit Reese über Chloie reden“, sagte Daisy mit gesenkter Stimme. „Besonders, wenn sie dich so stört.“
„Wir sind noch nicht lange genug zusammen“, sagte Tessa. „Ich will nicht klammern oder besitzergreifend wirken.“
„Du klammerst nicht und bist nicht besitzergreifend. Dafür bist du gar nicht der Typ.“
„Warum bin ich dann eifersüchtig?“, flüsterte Tessa.
„Weil du nicht weißt, woran du bist. Wenn ich Chloie und Reese zusammen gesehen habe, hat sie manchmal mit ihm geflirtet, aber er hat den Flirt nie erwidert. Sprich mit Reese und lass Chloie aus dem Spiel. Redet einfach darüber, wie es um eure Beziehung steht.“
„Bei dir klingt das so einfach.“
Daisy zog nur die Augenbrauen hoch.
„Wir treffen uns heute Abend und vielleicht werden wir darüber reden, aber fürs Erste …“ Sie schlüpfte in einen Latexhandschuh, pflückte einen warmen Scone vom Backpapier und tat ihn auf einen Porzellanteller, der mit rosa und blauen Rosen sowie einem Goldrand verziert war.
„Hier ist Russ’ Scone. Er ist die Art von Gast, den ich gerne bediene. Ich bringe den Karton nach draußen zu Chloie. Das wird mir Genugtuung verschaffen, ihn ihr zu überreichen und zu wissen, dass sich darin ein Liebesbrief befindet, ohne dass sie es weiß.“
Daisy begegnete Evas Blick und sie beide schüttelten nur den Kopf. Tessa konnte mit eigenen Augen sehen, wie Reese sich fühlte, wenn er an diesem Nachmittag an der Komiteesitzung teilnehmen würde.
Das Komitee, das das Quilt Lovers Weekend plante, hatte beschlossen, sich um drei Uhr im Gelben Teezimmer der Teestube zu treffen. Um drei Uhr war in den meisten Geschäften wenig los, besonders im Januar. Unter der Woche hatten die Läden in Willow Creek im Winter normalerweise bis fünf Uhr geöffnet.
Das Komitee kam herein, einer nach dem anderen. Daisy kochte als Erstes für Amelia Wiseman Tee, der das Covered Bridge Bed-and-Breakfast gehörte, nicht weit von Daisys Scheunenhaus entfernt. Daisy hieß Amelia persönlich willkommen und kochte ihr eine Kanne chinesischen Weißen Tee mit einer Note von Cranberry und Rosenknospen.
Als Daisy die Kanne zu Amelia brachte, die an einem großen Tisch neben dem Erkerfenster saß, sagte Amelia: „Ich hoffe, dass das Quilt Lovers Weekend die Geschäfte ankurbelt. Diese Saison war bei uns besonders wenig los.“
Amelia, Mitte vierzig, trug ihr dunkelbraunes Haar in Stufen geschnitten. Sie hatte das Bed-and-Breakfast von ihren Eltern übernommen. Sie und ihr Mann, Phillip, steckten all ihre Energie in die Kolonialvilla, die seit Generationen im Besitz der Familie war.
„Habt ihr so viel Werbung wie immer gemacht?“, fragte Daisy.
„Ja, aber es wird immer schwerer, mit der Werbung die richtige Zielgruppe zu erreichen.“
In dem Moment kam Foster Crenshaw mit einer dreistöckigen Etagere voll Gebäck auf den Tisch zu, die die Mitglieder des Komitees genießen konnten. Er stellte sie mit einem Lächeln ab. „Guten Tag, Mrs. Wiseman.“
„Hallo, Foster“, sagte sie freundlich. „Was macht dein Studium?“
„Ich gewöhne mich langsam wieder ein nach den Feiertagen.“
Amelia sagte: „Pass gut auf deine Noten auf, auch wenn du gerne Tee kochst. Jeder sollte heutzutage zwei oder drei Karrierealternativen haben.“
Daisy beschloss, das Glück zu teilen, das Foster ihr gebracht hatte. „Amelia, hast du einen Social Media-Account?“
„Du lieber Himmel, nein“, sagte Amelia. „Damit kenne ich mich überhaupt nicht aus.“
Als sie Foster in der Hoffnung anschaute, dass er wusste, woran sie gerade dachte, nickte er leicht, und Daisy erkannte, dass er sie verstanden hatte. „Ich weiß auch nichts darüber, zumindest nicht mehr als das, was die Mädchen dort machen. Aber Foster hat einen Businessaccount für mich erstellt, und wir kriegen jeden Tag mehr Likes. Das heißt, dass diese Leute Daisy’s Tea Garden kennenlernen wollen. Du könntest das Gleiche für das Bed-and-Breakfast machen … und vielleicht eine Website erstellen. Das könnte euch helfen.“
„Ich wüsste nicht einmal, wo ich anfangen sollte“, murmelte Amelia.
„Foster ist ein großartiger Webassistent. Er pflegt die Seiten für mich und veröffentlicht neue Posts. Er führt einen Stundenzettel, damit ich ihm seine Arbeit mit seinem Stundenlohn vergüten kann.“ Sie würde nicht erwarten, dass Foster Amelia seine Dienste kostenlos anbot.
Die Inhaberin des Bed-and-Breakfasts betrachtete Foster und dann Daisy. „Lasst mich Ende des Monats unsere Bilanz anschauen. Wenn Phillip sagt, dass ich es mir leisten kann, können wir klein anfangen und vielleicht vor dem Quilt Lovers Weekend eine Website aufstellen. Hast du dafür Zeit?“
„Ich kann mir Zeit nehmen. Wie Sie gesagt haben, es ist gut, ein oder zwei Alternativen zu haben“, sagte Foster.
Sie lachten.
Daisy hörte, wie die Klingel über der Vordertür läutete, und Reese Masemer kam zusammen mit Rachel Fisher von Quilts and Notions herein. Sie blieben am Tresen stehen, wo Iris mit ihnen plauderte. Sie erkundigte sich, welchen Tee sie während der Sitzung trinken wollten. Daisy sah, dass Reese ein oder zwei Schritte auf die Küche zu machte, als er bemerkte, dass Tessa da war. Reese und Tessa sprachen einen Moment miteinander, und dann lief er mit Rachel auf Daisy zu.
Da sie nun alle am Tisch saßen, mieden Rachel und Amelia die naheliegende Frage, was Reese am Vorabend passiert war. Stattdessen ließen sie sich die Kekse, die Scones mit Clotted Cream und die Mini-Räucherlachssandwiches auf dem Tisch schmecken. Nachdem Tante Iris Rachel einen japanischen Sencha gebracht hatte, der nach Mandeln und Kokosnuss schmeckte, sowie eine Rooibosteemischung mit Zimt und Brombeere für Reese, wandte sich ihre Unterhaltung den Werbeaktionen für das Quilt Lovers Weekend zu. Die vier waren die einzigen Mitglieder der Handelskammer gewesen, die sich freiwillig für die Planung des Wochenendes gemeldet hatten.
Reese entsperrte sein Tablet und studierte eine Liste darauf. Er nickte Daisy zu. „Also, du hast Anzeigen auf Quiltingseiten und in Quilting-Newslettern geschaltet, korrekt?“
„Tatsächlich habe ich Foster gebeten, nach Quiltingseiten zu suchen und herauszufinden, welche die meisten Besucher anziehen. Er hat Kommentare unter den Blogs geschrieben und Anzeigen geschaltet. Ich glaube, da erreichen sie ein gutes Publikum.“
Reese nickte. „Und, Amelia, ihr werdet handgefertigte Quilts aus der Umgebung auf allen Betten im Bed-and-Breakfast auslegen? Ist das richtig?“
„Aber sicher. Wir werden auch zwei, die in einer Tombola verlost werden, über das Treppengeländer hängen.“
Als nächstes sah Reese Rachel an. „Das sollte dir helfen.“
„Ich bin sicher, das wird es. Wir werden eine Woche vorher anfangen, die Lose zu verkaufen. Ebenso die anderen teilnehmenden Unternehmen.“ Die Bänder von Rachels Kapp flossen an ihrer schwarzen Schürze herab. Heute trug sie ein Kleid in einem dunklen Königsblau. Ihre blonden Haare hatte sie hinten zu einem Dutt unter ihrer Kapp zusammengefasst.
Ihre blauen Augen funkelten eifrig, als sie weiter erklärte: „Ich habe schon unseren Zeitplan erstellt. Am Freitag und Samstag werden einheimische Frauen bei uns an Quilts arbeiten. Kunden können Fragen oder sogar Probleme mitbringen, die wir für sie lösen können. Amelia und Daisy, zusammen mit Jonas Groft von Woods und ein paar der Souvenirläden, werden unsere handgefertigten Topflappen, Tischsets und kleinere Wandbehänge zum Verkauf anbieten. Alle scheinen begeistert zu sein. Sie wollten das Wochenende nur nicht planen müssen.“
„Oder ihr Geld für etwaige Ausgaben in den Topf werfen“, sagte Reese. „Ich bewundere euch drei dafür, dass ihr das macht. Ich denke, langfristig gesehen werdet ihr es vierfach zurückbekommen.“
„Solange das Wetter mitspielt“, sagte Amelia entschieden. „Ein plötzlicher Schneesturm könnte all unsere Pläne zunichtemachen.“
„So Gott will wird das Wetter gut werden, nicht wahr?“, sagte Rachel. „Es erstaunt mich, wie sich meistens alles fügt.“
Da sie in Willow Creek lebte, war Daisy an die Begriffe und Ausdrucksweise des Pennsylvania Dutch gewöhnt. Amische Kinder lernten Pennsylvania Dutch noch vor der englischen Sprache. Rachel und Levi waren Amische neuer Ordnung. Ihr Stadtviertel hatte seine eigene Schule, getrennt von der staatlichen Schule. Amische glaubten nicht an höhere Bildung, da diese zu Hochmut führen könnte. Dennoch fanden sie Berufe, die ihren Talenten entsprachen, wie zum Beispiel ein Geschäft wie Quilts and Notions zu führen.
Plötzlich kam ein Geräusch aus der Tasche von Reeses Flanellhemd, wie ein leises Summen. „Ich habe mein Handy im Vibrationsmodus. Lasst mich nachsehen, wer es ist. Wenn es unwichtig ist, lasse ich die Mailbox drangehen.“
Er zog das Handy aus der Tasche und sah auf den Bildschirm. Als er die Stirn runzelte und ein besorgter Ausdruck in seine Augen trat, wusste Daisy, dass er den Anruf annehmen würde.
„Bitte entschuldigt mich für ein paar Minuten“, sagte er und stand auf. „Da muss ich rangehen.“ Dann ging er zum anderen Ende des Teezimmers, um ein wenig Privatsphäre zu haben. Er wandte ihnen den Rücken zu und hielt die Stimme gesenkt.
Daisy fragte sich, ob ein wichtiger Klient von Reese anrief. Könnte es die Polizei sein, die noch weitere Fragen hatte? Oder jemand, der damit zu tun hatte, was Reese passiert war? Daisy zweifelte immer noch an seiner Geschichte, was letzte Nacht angeblich geschehen war. Wenn Tessa ihm wichtig war, würde er sich ihr anvertrauen?
Vielleicht könnte Daisy es herausfinden, nachdem er und Tessa sich unterhalten hatten.