Kapitel 1
Innerhalb von nur einer Stunde wimmelte es im Wald von Uniformierten. Die Polizisten waren gerade damit beschäftigt, das Gelände abzusperren und mit Generatoren betriebene Flutlichter aufzustellen, als ein Mann in Zivil zu ihnen trat. Er war etwa einen Meter neunzig groß, schätzungsweise Mitte dreißig und trug eine gut gefütterte Winterjacke, deren Kapuze so weit in sein Gesicht ragte, dass man nur den Kinnbereich erkennen konnte. Bei ihm war eine Frau, die ihm etwa bis zu den Schultern reichte und rund zehn Jahre jünger war als er. Sie trug ebenfalls eine Winterjacke. Beide waren zusätzlich in Schneehosen und mit Handschuhen gekleidet.
»Jussi Valo«, stellte sich der Mann vor und zeigte einem der Uniformierten seine Dienstmarke. »Das ist meine Partnerin Saari Larson. Wer ist hier der Leitende?«
»Marko Heikkinen«, antwortete der Polizist und zeigte auf einen Kollegen. »Dort drüben.«
Er deutete auf einen Mann, der sich etwa zwanzig Meter entfernt mit jemandem unterhielt, der zwar nicht in eine Uniform gekleidet war, aber dennoch offiziell aussah.
»Moi – Hallo«, sagte Valo, als er und Larson zu dem Beamten traten. »Leiten Sie diese Untersuchung?«
»Zumindest, bis die Kollegen von der Kripo übernehmen«, antwortete Heikkinen.
»Das sind wir. Wir wollen uns aber auf die Leiche konzentrieren und würden Ihnen daher gern die gesamte Organisation überlassen. Ist das in Ordnung für Sie?«
»Natürlich.«
»Das ist gut«, sagte Valo und nickte. »Was haben Sie bisher herausgefunden?«
Heikkinen zückte einen Notizblock. »Ein Waldarbeiter namens Mika Koskinen hat bei seiner Tour einen Leichnam entdeckt. Er hat daraufhin seine Zentrale verständigt, die wiederum uns angerufen hat.«
»Was hat dieser Koskinen denn hier gemacht?«
»Er hat die Abholzung vorbereitet.«
»Um wen handelt es sich bei dem Toten?«
»Das wissen wir noch nicht«, erklärte Heikkinen. »Die Spurensicherung hat die Leiche noch nicht angefasst. Das hier ist übrigens Tuomas Karppinen«, sagte er und zeigte auf den offiziell wirkenden Mann. »Er leitet das Team der Spurensicherung. Tuomas, was haben deine Leute bisher herausgefunden?«
»Wollen Sie die lange oder die kurze Fassung?«, fragte Karppinen.
»Bitte im Schnelldurchlauf«, verlangte Valo.
»Die Leiche ist männlich, nackt und liegt mit dem Gesicht nach unten im Schnee. Eine schmale Blutspur führt einige Meter durch den Wald, verschwindet dann aber. Dazu haben wir Schleifspuren gefunden, die darauf hindeuten, dass der Mann bereits tot war, bevor er hierhergebracht wurde.«
»Gibt es Fußspuren?«
»Interessanterweise nicht. Bei diesen Lichtverhältnissen ist es aber nicht ganz leicht, etwas zu entdecken. Was wir allerdings haben, sind ein Schal und ein Handschuh. Koskinen hat beides gefunden, bevor er den Leichnam entdeckt hat.«
»Sind beide Gegenstände in unserem Gewahrsam?«
»Ja«, bestätigte Karppinen. »Wir bringen sie mit allem anderen Material ins Labor, um sie eingehend zu untersuchen.«
»Gut. Suchen Sie bitte weiter«, sagte Valo. »Und überprüfen Sie auch den weiteren Umkreis.«
»Keine Sorge, wir machen so etwas nicht zum ersten Mal«, beschwichtigte ihn Karppinen. »Wenn wir etwas finden, werden wir es selbstverständlich genau protokollieren.«
»Danke. Haben Sie ein Problem damit, wenn wir uns die Leiche ansehen?«
»Warten Sie bitte noch so lange, bis wir Fotos gemacht haben.«
»Wie lange wird das dauern?«
Anstatt zu antworten, wandte Karppinen den Kopf zur Seite und pfiff laut durch die Zähne, woraufhin sich eine Frau zu ihnen gesellte. Der Leiter der Spurensicherung erklärte ihr, was er brauchte. Sie nickte zur Bestätigung und verschwand in Richtung des Fundorts.
»Zehn Minuten«, erklärte Karppinen, wieder an die Polizisten gewandt.
Als die Fotografin zurückkam und ihnen bestätigte, dass ihre Arbeit getan sei, bedankten sich Valo und Larson und gingen zu dem Leichnam hinüber, dicht gefolgt von Marko Heikkinen.
»Saari, willst du?«, fragte Valo seine Kollegin. »Du könntest etwas Übung gebrauchen.«
Larson, die erst kürzlich zur Kriminalpolizistin befördert worden war, tauschte ihre Winter- gegen Einmalhandschuhe aus Gummi aus, ging wortlos in die Hocke, schob sich die Kapuze vom Kopf, was ihre zu einem lockeren Pferdeschwanz gebundenen blonden Haare zum Vorschein brachte, und betrachtete den Toten von Nahem. »Anhand der Verfärbung seiner Haut würde ich sagen, dass er bereits seit einiger Zeit hier liegt.«
»Genauer bitte«, verlangte Valo.
»Wenn man die momentanen Temperaturen miteinbezieht, schätze ich, dass er irgendwann in der vergangenen Nacht gestorben ist.«
»Da stimme ich dir zu. Noch etwas?«
»Offensichtlich ist er nackt. Aber warum?«
»Das ist eine gute Frage«, erwiderte ihr Kollege.
»Vielleicht war er in der Sauna und hat dann einen Spaziergang gemacht, bei dem er sich verlaufen hat?«
»Im Umkreis von mehreren Kilometern gibt es keinerlei menschliche Behausungen. Es ist zwar nicht auszuschließen, dass es sich um einen Ortsunkundigen handelt, aber jeder Finne weiß, dass man sich nicht allein in den Wald wagt, vor allem nicht, wenn man sich in der Gegend nicht auskennt. Warum sollte er außerdem nur einen Schal und einen Handschuh bei sich haben? Nebenbei bemerkt: wo sind die Fußspuren? Es hat seit gestern Mittag nicht mehr geschneit, also müsste doch etwas zu sehen sein. Diese Schleifspuren, von denen Karppinen gesprochen hat, sind ein eindeutiger Hinweis darauf, dass er nicht selbstständig hierhergekommen ist. Und die schmale Blutspur … Ich würde also zumindest von Totschlag ausgehen. Pack mal mit an, ich möchte wissen, wen wir hier eigentlich haben.«
Nachdem sich auch Valo Gummihandschuhe übergezogen hatte, fassten sie den Leichnam an den Füßen und am Oberkörper und drehten ihn vorsichtig auf den Rücken.
»Perkele – Verdammt«, fluchte Valo, als er den Leichnam erkannte.
»Perkele«, pflichtete Larson ihm bei.
»Das ist doch …«
»Tuomas Karhu«, vervollständigte sie den Satz.
»Wer ist das?«, wollte Heikkinen wissen.
»Karhu ist, besser gesagt, war ein Lokalpolitiker in Nurmes«, erklärte Valo. »Er setzt sich für die Modernisierung der Stadt ein und ist damit schon öfter bei den Traditionalisten angeeckt.«
»Was denkst du?«, fragte Larson ihren Partner.
Valo atmete langsam aus. »Ich denke, dass wir ein ernsthaftes Problem haben. Siehst du den Schnitt an seinem Hals?«
Tatsächlich zog sich ein sauberer, aber auf den ersten Blick erkennbar tiefer Schnitt über die gesamte Halsbreite des Toten.
»Er ist nicht erfroren, er ist verblutet«, stellte Valo fest. »Wäre nicht zufällig dieser Waldarbeiter hier vorbeigekommen, wäre Karhu wahrscheinlich irgendwann von den Wölfen gefressen worden.«
»Keine Blutlache«, sagte Larson analytisch. »Das heißt, er wurde definitiv woanders getötet und dann hierhergebracht. Aber auf welche Weise?«
»Sag du es mir«, forderte Valo sie auf. »Der Täter kann sicher nicht fliegen.«
»Eine Möglichkeit wäre, dass er auf einem Schlitten hierher transportiert wurde.«
»Die Spuren sind eben und ziemlich breit. Ein Schlitten würde zwei parallele Furchen hinterlassen.«
»Eine Plane?«
»Du meinst, Karhu wurde darin eingewickelt und dann hierhergezogen? Gut möglich. Ich tippe eher auf ein Schneemobil. Das würde auch erklären, warum es keine Fußspuren gibt.«
»Der Täter scheint mir kein Profi zu sein«, meinte Larson. »Sonst hätte dieser Koskinen den Schal und den Handschuh nicht gefunden.«
»Wir werden uns beide Gegenstände genau ansehen, sobald die Spurensicherung sie freigibt. Vielleicht gehörten sie ja gar nicht Karhu«, sagte Valo.
In diesem Moment kam die Fotografin hinzu. »Platz machen bitte«, sagte sie.
Valo und Larson taten wie verlangt, während sich die Frau über den Leichnam beugte und die Vorderseite aus diversen Winkeln fotografierte.
»Machen Sie bitte auch Fotos von seinem Hals«, verlangte Valo.
»Ich verstehe meinen Job«, gab sie schroff zurück, ohne auch nur eine Sekunde von ihrem Tun abzulassen.
Als sie schließlich fertig war, ging sie ohne ein weiteres Wort davon.
Valo begab sich in die Hocke, um sich den Leichnam genauer anzusehen. »Die blauen Flecken an seinem Oberkörper deuten auf einen Kampf hin«, murmelte er und zeigte darauf. »Siehst du? Hier.«
»Vermutlich hatte er eine Auseinandersetzung, bevor er getötet wurde. Denkst du, dass er den Täter gesehen hat?«
»Nicht unbedingt«, antwortete Valo. »Die Flecken könnten auch etwas älter sein. Und wir wissen nicht mit Sicherheit, wie lange Karhu schon hier liegt. Natürlich könnten es auch Leichenflecken sein. Er hat längere Zeit auf dem Bauch gelegen, wodurch sich Blut ansammeln kann. Das werden die Rechtsmediziner untersuchen müssen. Und sie sollen sich den Schnitt besonders gut ansehen. Ich will wissen, ob der Täter ein Messer oder eine Sichel hatte … ob das Mordwerkzeug scharf oder eher stumpf war … das volle Programm eben.«
»Ich veranlasse, dass Karhu nach Kuopio in die Rechtsmedizin gebracht wird«, bot Larson an.
»Gut.« Valo nickte und stand auf. »Ich möchte jetzt mit diesem Koskinen reden, solange seine Erinnerungen noch frisch sind.«
»Ich finde heraus, wo er sich gerade aufhält.«
»Das übernehme ich selbst, du hast genug mit Karhu zu tun. Wir treffen uns am Auto.«
Valo drehte sich um und stapfte los.
Er spielte gerade mit seinem Feuerzeug, als seine Kollegin zu ihm trat.
»Wo geht es hin?«, fragte sie.
»Nach Lieksa.«
Larson nickte. Es war nur logisch, dass Koskinen zur nächsten Polizeistation gebracht worden war, und die befand sich nun mal im nur wenige Kilometer entfernten Lieksa, obwohl streng genommen eigentlich die Polizei von Nurmes zuständig war, denn das Waldgrundstück befand sich auf dem Gemeindegebiet der Kleinstadt. Valo steckte sein Feuerzeug weg und stieg auf der Fahrerseite ein, während es sich Larson neben ihm bequem machte.
Obwohl sie sich nur wenige Kilometer außerhalb der Ortschaft befanden und es bereits dunkel war, war die Straßenbeleuchtung noch immer nicht eingeschaltet. Wie die beiden finnischen Inspektoren wussten, war dies den Sparmaßnahmen geschuldet, die aufgrund des Ukraine-Krieges und der damit verbundenen Stromrationierung verhängt worden waren. Valo hieß diese Maßnahme gut, denn schon seit Jahren war er der festen Überzeugung, dass es unsinnig war, Straßen zu beleuchten, wenn doch sowieso sämtliche Fahrzeuge eigene Scheinwerfer besaßen und zudem rund um die Uhr eine Lichtpflicht herrschte.
»Hast du schon mit Nurmes gesprochen?«, fragte Larson vom Beifahrersitz aus.
»Ja.«
»Werden wir nachher noch mit Karhus Frau reden?«
»Natürlich«, bestätigte Valo. »Aber die Nachricht vom Tod ihres Mannes wird Katia Turpeinen überbringen. Sie als studierte Psychologin kann das besser als wir.«
»Ich hatte schon das eine oder andere Mal mit Katia zu tun, als ich noch in der Ausbildung war. Eine interessante Frau.«
»Wenn du mich fragst, hat sie echt was drauf«, pflichtete Valo ihr bei. »Kurz, nachdem ich hierher versetzt worden war, hatte ich mit ihr eine Unterredung. Sie wollte wissen, wer ich bin und was ich davon halte, ins Hinterland geschickt worden zu sein. War ein wirklich interessantes Gespräch. Ich möchte übrigens, dass du die Befragung von diesem Koskinen leitest.«
»Glaubst du, dass ich das kann?«
»Glaubst du es denn?«, fragte er herausfordernd.
»Durchaus«, antwortete sie selbstsicher.
»Du wirst das bestimmt grandios machen. Außerdem bin ich ja auch noch da, falls du nicht mehr weiterwissen solltest. Und wenn es ganz schlimm für dich wird, gehst du einfach raus und heulst eine Runde.«
»Vielen Dank auch«, sagte Larson ironisch.
»Ich helfe gerne«, gab Valo grinsend zurück.
Hinter dem Ortsschild von Lieksa, das sich am Ostufer des Pielinensees befand, fuhren sie in den Kreisverkehr und danach einige Hundert Meter später nach links auf die Kainuuntie ab, um bald darauf in die Urheilukatu einzubiegen. An einem für die Öffentlichkeit freigegebenen Parkplatz befanden sich sowohl das Polizeirevier als auch die Stadtbibliothek. Während die Bücherei in einem aus rotem Backstein erbauten Gebäude untergebracht und auf den ersten Blick als Ort der Kultur erkennbar war, war die Polizei in einem dreistöckigen Haus beheimatet, das einem Wohnblock für die soziale Unterschicht glich.
»Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?«, kommentierte Valo den schmucklosen Bau.
»Ich kenne mich hier aus«, erwiderte Larson. »Die Polizei drängt seit Jahren darauf, endlich ein neues Revier zu bekommen, das nicht wie ein sozialistischer Bau aus den Achtzigern anmutet, aber der Stadtrat stellt sich noch quer.«
»Lass mich raten: Es geht um die Finanzierung.«
»Messerscharf kombiniert.«
Valo schob die Tür des Polizeireviers auf und ließ seiner Kollegin den Vortritt. Drinnen fanden sie sich in einer äußerst schlicht gehaltenen Vorhalle wieder, an deren anderem Ende ein Empfangsschalter eingerichtet war. Der Platz hinter der vor dem Schalter angebrachten Plexiglasscheibe war verwaist, und ein kleines Schild wies darauf hin, dass der diensthabende Polizist in wenigen Minuten wieder zur Verfügung stehen würde. Valo und Larson blieben vor dem Schalter stehen und warteten. Als sich nach ungefähr fünf Minuten noch immer niemand für sie zu interessieren schien, verlor Valo langsam die Geduld. Er wollte seiner Partnerin gerade vorschlagen, auf eigene Faust loszuziehen, als ein Uniformierter aus einem Hinterzimmer trat.
»Moi – Guten Tag«, begrüßte sie der Beamte.
»Moi«, gab Valo zurück. »Mein Name ist Jussi Valo, meine Partnerin heißt Saari Larson. Wir sind Kriminalinspektoren aus Nurmes und möchten mit Mika Koskinen sprechen. Er befindet sich momentan hier in Gewahrsam.«
»Einen Moment«, bat der Uniformierte hinter dem Schalter, tippte einige Befehle in seinen Computer ein und studierte den Bildschirm. »Zimmer drei-null-eins«, sagte er schließlich. »Wisst ihr, wie ihr dort hinkommt?«
»Zweiter Stock?«, fragte Larson.
»Ganz genau. Und dann die erste Tür links.«
»Wo ist der Aufzug?«, wollte Valo wissen.
»An eurer Stelle würde ich lieber die Treppe benutzen, die ist verlässlicher … am anderen Ende des Flurs.«
»Wird Koskinen betreut?«
»Ein Kollege ist bei ihm.«
»Danke.«
Die beiden Ermittler durchquerten den mit Linoleum ausgelegten Gang und passierten dabei mindestens acht Bürotüren, bis sie schließlich das Treppenhaus erreichten. Die Stufen waren aus grobem Beton und uneben, was darauf hindeutete, dass sie in die Jahre gekommen und obendrein sehr oft benutzt worden waren. In der genannten Etage angekommen, fanden sie das Zimmer, in dem sich Koskinen aufhielt, klopften an die Tür und traten dann ein. In dem Raum sah es aus, wie es in einem Verhörzimmer anscheinend immer aussah: Die Wände waren nackt, und in der Mitte des Raums stand ein schwerer Holztisch mit zwei Stühlen, die allesamt am Boden festgeschraubt waren. Im Gegensatz zu den aus amerikanischen Filmen bekannten Verhörzimmern gab es hier allerdings keinen Einwegspiegel. Stattdessen waren in allen vier Ecken Kameras befestigt, und über dem Tisch hing ein Mikrofon an einem langen Kabel. Auf einem der Stühle saß ein Mann, den Valo aufgrund seiner Arbeitskleidung als Mika Koskinen identifizierte. An die Wand gelehnt befand sich ein Mann in einem schlecht sitzenden Anzug. Die beiden Neuankömmlinge stellten sich vor.
»Viljami Salo«, nannte der Anzugträger seinen eigenen Namen. »Ich hatte mich schon gefragt, wann ihr kommen würdet.«
»Wir möchten allein mit Koskinen sprechen«, erklärte Valo.
Salo breitete die Arme aus. »An mir soll es nicht liegen. Für den Fall, dass ihr etwas braucht, bleibe ich vor der Tür.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ er das Zimmer und zog die Tür von außen zu.
»Hallo Mika«, sagte Larson in der typisch finnischen Art, das Gegenüber mit dem Vornamen anzusprechen. »Wie geht es Ihnen?«
Als Koskinen nicht antwortete, setzte sich die Ermittlerin ihm gegenüber. Sie legte ihre Hände flach auf den Tisch zum Zeichen, dass sie keine Bedrohung darstellte.
»Ich bin eine Kriminalinspektorin aus Nurmes«, fuhr sie fort. »Mein Partner und ich sind hier, um mit Ihnen über Ihren Fund im Wald zu sprechen. Ich verstehe, dass Sie verstört sind. Was Sie erlebt haben, ist nur schwer zu verdauen. Aber ich möchte, dass Sie mit mir darüber reden, denn ich will herausfinden, was passiert ist. Schaffen Sie das?«
»Ich denke schon«, sagte Koskinen leise.
»Gut. Als Erstes möchte ich, dass Sie mir erzählen, warum Sie heute im Wald waren.«
»Ich untersuche Waldgebiete auf ihre Tauglichkeit«, antwortete der Mann. »Ich prüfe, welche Bäume gefällt werden sollen. Der Bereich, für den ich zuständig bin, wurde kürzlich von der Waldbehörde zur Fällung freigegeben.«
»Mitten im Winter? Soweit ich weiß, wird so etwas doch eher im Frühling veranlasst.«
»Ich habe die Regeln nicht gemacht«, erwiderte Koskinen.
»Schon gut. Gehört das Gebiet dem Staat, oder befindet es sich in Privatbesitz?«
»Soweit ich weiß, gehört es einer Privatperson.«
»Seit wann üben Sie diesen Beruf aus?«
»Seit ungefähr drei Jahren«, sagte Koskinen.
»Was haben Sie vorher gemacht?«
»Ich war Lehrer an einer Grundschule.«
»Das ist doch ein ziemlich angesehener Beruf. Warum haben Sie ihn aufgegeben?«
»Als mich meine Frau verlassen und meinen Sohn mitgenommen hatte, konnte ich den Anblick von Kindern einfach nicht mehr ertragen.«
»Wie fühlt es sich an, wenn man allein durch den Wald geht?«
»Friedlich«, erklärte er. »Man ist mit sich und der Natur allein, kann sich ganz seinen Gedanken hingeben und die frische Luft genießen. Außerdem hält es fit.«
»Das kann ich mir vorstellen«, pflichtete ihm Larson bei. »Begegnen Ihnen hin und wieder Menschen, wenn Sie Ihrer Aufgabe nachgehen?«
»Selten«, meinte Koskinen. »Manchmal gibt es Spaziergänger, aber das Gelände ist normalerweise recht unzugänglich und liegt abseits der Wandergebiete.«
»Erzählen Sie mir davon, wie Sie die Leiche entdeckt haben. Lassen Sie dabei bitte nichts aus, denn jedes Detail kann wichtig sein.«
In den folgenden Minuten erklärte der Waldarbeiter, was sich genau zugetragen hatte.
Als er geendet hatte, sah Larson ihn nachdenklich an. »Was haben Sie gefühlt?«
»Ich rede nicht gerne über meine Gefühle.«
»Niemand von uns tut das«, gab sie zurück und spielte dabei auf die finnische Eigenart an, Fremden gegenüber stets reserviert zu sein. »Aber für unsere Ermittlungen kann es interessant und wichtig sein. Ich verspreche Ihnen, dass ich niemandem davon erzählen werde, sofern es nicht unerlässlich ist.«
»Na gut«, lenkte Koskinen ein. »Ich war verärgert, als ich die Kleidungsstücke fand.«
»Sie meinen den Schal und den Handschuh?«
»Ja. Und dann noch diese rote Spur. Ich dachte zuerst, es wäre Öl oder etwas Ähnliches. Der Mensch zieht die Natur seit Ewigkeiten mit seinem Tun in Mitleidenschaft. Ich finde oft Müll, der achtlos weggeworfen wurde. Einmal habe ich sogar ein Eichhörnchen aus einer Aludose befreien müssen.«
»Du meine Güte«, sagte Larson mitfühlend.
»Als ich diesen Mann nackt im Schnee liegen sah, dachte ich zuerst, dass er betrunken sei. So etwas kommt ja immer wieder vor. Ich beugte mich also herunter und fasste ihn an. Dann merkte ich, dass seine Haut eiskalt war. Ich wäre am liebsten davongelaufen.«
»Und doch haben Sie die Geistesgegenwart besessen, die Polizei zu rufen. Das haben Sie sehr gut gemacht.«
»Danke«, murmelte Koskinen schüchtern.
»Was haben Sie dann getan?«
»Ich habe gewartet.«
»Bei der Leiche?«
»Etwas entfernt davon.«
»Das war sehr mutig«, lobte ihn Larson. »Sie haben absolut richtig gehandelt. Was ist dann passiert?«
»Als die Polizei kam, gab ich mich zu erkennen und wurde hierhergebracht.«
»Wurden Sie gut behandelt?«
»Ja«, bestätigte Koskinen.
»Jussi, hast du irgendwelche Fragen?«, wandte sich Larson an ihren Kollegen.
»Im Moment nicht«, antwortete Valo. »Mika, einer unserer Kollegen wird sich um Sie kümmern. Sie werden in ein Hotel gebracht und dort versorgt werden. Wenn Sie psychologische Betreuung wünschen, werden wir Ihnen gerne jemanden zur Verfügung stellen. Ansonsten bitten wir Sie, in den kommenden Tagen nicht zu verreisen.«
»Warum darf ich nicht nach Hause fahren?«
»Weil Sie als Finder der Leiche gleichzeitig als Verdächtiger gelten.« Eilig schob er hinterher: »Machen Sie sich darüber aber keine Gedanken, es handelt sich hierbei um schlichte Routine.«
Koskinen nickte. »Wissen Sie schon, wer der Tote ist?«
»Wir sind noch nicht sicher«, log Valo.
»Warum darf ich nicht verreisen?«
»Weil wir vielleicht später noch Fragen an Sie haben. Wenn Ihnen selbst noch etwas einfällt, rufen Sie uns bitte sofort an. Saari, hast du eine Visitenkarte dabei?«
»Natürlich«, antwortete seine Partnerin und zog ein kleines Pappkärtchen aus der Tasche, welches sie Koskinen über den Tisch zuschob.
»Was wird aus meinem Auto?«, wollte der Waldarbeiter wissen.
»Was soll damit sein?«
»Es steht noch am Waldgebiet.«
»Wir werden selbstverständlich veranlassen, dass Sie es wiederbekommen. Aber Sie werden bestimmt verstehen, dass wir Ihren Wagen vorher untersuchen müssen. Haben Sie sonst noch Fragen?«
Koskinen schüttelte langsam den Kopf. Valo ging zur Tür, schob sie auf und flüsterte dem wartenden Beamten einige Worte ins Ohr, bevor er sich wieder dem Waldarbeiter zuwandte.
»Kommen Sie bitte«, sagte er auffordernd. »Herr Salo wird Sie fahren.«
Koskinen stand auf und verließ das Zimmer.
»Was denkst du?«, fragte Larson, als sie mit Valo allein war.
»Natürlich können wir noch nichts ausschließen, aber mein Gefühl sagt mir, dass er nicht lügt. Er wirkt authentisch auf mich.«
»Oder er ist ein guter Schauspieler.«
»Natürlich ist er verdächtig, schließlich befinden wir uns erst am Anfang der Ermittlungen.« Valo warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Lass uns nach Nurmes fahren und einen Plan entwickeln.«
»Alles klar, Boss.«
Der Inspektor zwinkerte seiner Partnerin zu. »Übrigens hast du die Befragung wirklich gut durchgeführt.«
»Danke.«
Salo streckte den Kopf herein. »Braucht ihr zwei noch irgendetwas?«
»Was machen Sie denn noch hier?«, wollte Valo wissen. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie für Koskinen ein Hotel besorgen und ihn hinbringen sollen. Wo ist er jetzt?«
»Unten am Empfangsschalter, wo er auf mich wartet.«
Der Kriminalbeamte bedachte den anderen Mann mit einem missbilligenden Blick. »Passen Sie nur auf, dass er nicht einfach geht. Aber wenn Sie schon einmal hier sind, will ich, dass Sie dafür sorgen, dass sein Wagen vom Waldgebiet abgeholt und zu den Forensikern gebracht wird.«
»Wird gemacht«, antwortete Salo und verschwand wieder.
Valo drehte sich zu seiner Partnerin um. »Wollen wir?«
»Nach dir«, erwiderte sie.
Nurmes zählt mit rund achttausend Einwohnern zu den größeren Städten Nord-Kareliens und befindet sich am Kopf des Pielinensees, einem der größten Gewässer des Landes. Nach einer halbstündigen Fahrt waren Valo und Larson am Polizeirevier in Nurmes nahe des Marktplatzes angekommen und saßen nun in ihrem gemeinsamen Büro. Valo trank einen Schluck von seinem Kaffee und genoss das warme Gefühl in seiner Kehle.
»Wie gefällt es dir hier eigentlich?«, wollte Larson wissen.
»Ziemlich ruhig«, antwortete er.
»Du meinst langweilig.«
»So könnte man es auch ausdrücken«, gab er zu. »In Helsinki war immer etwas los. Als ich hierherkam, war es daher für mich ein mittlerer Schock.«
»Warum hast du dich dann für die freie Stelle beworben?«
»Habe ich gar nicht«, widersprach er. »Mein Vorgesetzter war der Ansicht, dass ich hier gut aufgehoben wäre, weil einer der hiesigen Ermittler in Rente gegangen ist und ich viel Erfahrung mitbringe. Ich vermute aber eher, dass er mich ausgewählt hat, weil ich alleinstehend bin.«
»Du wärst gern wieder in der Hauptstadt, oder?«, fragte Larson.
»Ich stamme von dort. Es war immer etwas los. Und wenn mal kein Fall anstand, gab es genug Möglichkeiten, seine Freizeit abwechslungsreich zu gestalten.«
»Wo bist du aufgewachsen?«
»In einem Vorort«, antwortete er. »Wenn mir langweilig war, bin ich mit meinen Freunden in die Stadt zum Hafen und habe die Schiffe beobachtet. Manchmal sind wir auch zum Flughafen gefahren und haben davon geträumt, einfach in ein Flugzeug zu steigen und wegzufliegen.«
»Hast du noch Kontakt zu deinen Leuten?«
»Die meisten sind ins Ausland gezogen, weil sie dort bessere Jobs gefunden haben. Manche auch wegen der Liebe.«
»Das beantwortet nicht meine Frage«, warf Larson ein.
»Um ehrlich zu sein, haben wir uns mit der Zeit aus den Augen verloren. Mit dem einen oder anderen telefoniere ich hin und wieder, aber das war es auch schon.«
»Gibt es wirklich keine Freundin, die auf dich wartet?«
»Nein«, erklärte er. »Die einzige Frau, die ich wirklich geliebt habe, wollte von mir nichts wissen.«
Als er Larsons mitleidigen Blick auffing, fuhr er schnell fort. »Ich hatte natürlich mehrere Beziehungen, aber es war nie etwas wirklich Festes. Irgendwann habe ich dann beschlossen, dass mein Job für mich an erster Stelle steht.«
»Hier passiert nicht oft etwas«, wechselte Larson das Thema. »Allerdings hat die Sache mit dem Jagdverein damals für einen ziemlichen Wirbel gesorgt.«
»Du meinst die Geschichte vor zwei Jahren, als zwei Männer ermordet wurden und sich herausgestellt hat, dass der Vorsitzende des Jagdvereins dahintersteckte?«
»Das hat die Leute hier ziemlich erschüttert«, fügte Larson hinzu.
»Und dieser Ermittler hat meines Wissens auch nicht gerade dazu beigetragen, dass man von ihm begeistert war.«
»Du meinst Johannes Burgmeister? Der hat sich tatsächlich nicht viele Freunde gemacht.«
»Wo steckt er eigentlich mittlerweile? Der ist doch in Nurmes stationiert, oder?«
»Vor einigen Monaten ist er nach Kuopio ausgeliehen worden, um dort das Drogendezernat als Berater zu unterstützen.«
»Schade, ich hätte ihn gern persönlich kennengelernt.«
»Vielleicht hast du ja mal die Chance dazu. Wusstest du eigentlich, dass der Doppelmord zu einer Zunahme an Touristen geführt hat?«
»Typischer Hype-Tourismus«, kommentierte Valo.
»Hat auch nicht lange angehalten«, meinte sie. »Als die Touristen gemerkt haben, dass man hier nicht viel machen kann, sind sie weitergezogen. War den Leuten hier ganz recht. Wir lieben unser verschlafenes Nest.«
»Übrigens hat mir Turpeinen eine Nachricht geschickt, dass sie bei Karhus Frau war. Wir werden morgen selbst hinfahren und mit ihr sprechen.«
»Und bis dahin?«
»Wir schauen uns an, was über Koskinen bekannt ist.«
Valo öffnete seinen Laptop und rief die polizeiliche Datenbank auf. Nachdem er sich mit seinem Passwort eingeloggt hatte, tippte er die persönliche Kennziffer von Koskinen, die eine Art Ausweisnummer war, in die Suchmaske ein und klickte auf Start. Innerhalb weniger Sekunden bekam er reihenweise Dokumente angezeigt, unter anderem die aktuelle Anschrift, eine Aufstellung über die Finanzen, wie viel Steuern Koskinen bezahlt hatte und, was für Valo am Wichtigsten war, seinen Werdegang.
»Hier wird bestätigt, dass er Lehrer war«, erklärte er seiner Kollegin. »Seine Frau und sein Sohn wohnen laut der Akte inzwischen in Tampere, rund vierhundert Kilometer südwestlich. Ich speichere mal die Telefonnummer. Hier haben wir auch die Nummer seines Arbeitgebers.«
»Wollen wir da gleich anrufen?«, fragte Larson.
»Nein«, erwiderte er. »Wir werden bei seinem Chef vorbeifahren und uns persönlich mit ihm unterhalten. Morgen sprechen wir mit Karhus Frau, danach rufen wir Koskinens Ex-Frau an.«
»Einverstanden. Wo wohnt der Chef denn?«
»Warte … Hier. Kuohatintie, nahe des gleichnamigen Sees.«
»Schöne Gegend«, kommentierte Larson. »Wenn auch etwas weit draußen.«
»Sag bloß, du hast neuerdings ein Problem mit der ländlichen Einöde?«, fragte Valo grinsend.
»Nein, aber ich finde es immer recht unpraktisch, wenn man im Wald wohnt und jeden Tag zur Arbeit in die Stadt muss.«
»Füllst du noch die Thermoskanne auf?«
»Klar, kein Problem. Ohne Kaffee gehe ich heute nicht mehr aus dem Haus.«
Valo brachte seinen Wagen zum Stehen und schaltete den Motor aus. Das Außenthermometer an seinem Auto zeigte an, dass es empfindlich kühl war, was hierzulande eine Temperatur von rund minus achtundzwanzig Grad oder sogar noch weniger bedeutete.
»Weißt du …«, sagte er zu Larson, während er nach oben sah. »… eines der guten Dinge hier draußen ist der Sternenhimmel. In Helsinki ist die Lichtverschmutzung so hoch, dass man kaum etwas davon sieht.«
»Vergiss nicht das Nordlicht«, fügte seine Kollegin hinzu.
»Immer wieder ein Erlebnis«, stimmte er zu und wechselte dann das Thema. »Das müsste das Haus sein. Sieht recht schick aus.«
Das Gebäude war offenbar erst vor wenigen Jahren gebaut worden. Wie sie in den Unterlagen gelesen hatten, bestand die Fassade zwar traditionell aus dicken Holzstämmen, aber das Innenleben entsprach den aktuellsten Vorschriften. Zwischen der Außenfassade und den inneren Wänden befand sich eine dicke Schicht Isolationsmaterial, und auch die Fenster waren doppelt verglast, um die Wärme im Winter drinnen und im Sommer draußen zu halten.
»War sicher teuer«, kommentierte Larson.
»Gute Qualität ist immer teuer. Ich wette, dass er trotzdem einen Holzofen hat. Bei den Strompreisen wäre es finanzieller Selbstmord, so etwas nicht zu haben.«
Valo ging die drei Stufen zur Veranda hinauf und ließ den auf Brusthöhe angeschraubten Klopfer mehrfach vernehmlich gegen die Eingangstür fallen.
»Moi«, sagte er, als sich die Tür nach innen öffnete.
Der Mann, der geöffnet hatte, grüßte auf die gleiche Weise zurück.
»Sind Sie Veeti Haltinen?«
»Ja, und wer sind Sie?«
»Mein Name ist Jussi Valo, meine Kollegin heißt Saari Larson. Wir sind von der Polizei Nurmes und möchten Ihnen gerne einige Fragen stellen.«
»Um was geht es denn?«
»Um Ihren Mitarbeiter Mika Koskinen.«
»Was ist mit ihm?«
»Das würden wir gerne drinnen mit Ihnen besprechen. Hier draußen ist es ziemlich kalt.«
»Dann kommen Sie herein«, meinte Haltinen und schob die Tür weiter auf.
Er führte die beiden Beamten in die Wohnstube hinein. Wie Valo vermutet hatte, befand sich an einer Seite des Zimmers ein offener Kamin, in dem ein Stapel Holzscheite fröhlich brannte.
»Möchten Sie Kaffee?«, bot Haltinen an.
»Gern«, antworteten Valo und Larson unisono.
Der Hausherr nickte und ging in die angrenzende Küche. Während er dort beschäftigt war, sah sich Valo ein wenig um. Das Wohnzimmer war schlicht, aber gediegen eingerichtet. In der Mitte des Raums befand sich ein großer Holztisch mit einer daran angeschraubten Bank, auf dem sich einige Unterlagen stapelten. Ein kurzer Blick darauf sagte dem Polizisten, dass es sich um Firmenpapiere handelte. An den Wänden hingen mehrere Porträtfotos, die Haltinen in unterschiedlichen Lebensaltern zeigten. Auffällig oft war eine Frau zu sehen, die im gleichen Alter wie er zu sein schien.
»Setzen Sie sich bitte«, sagte Haltinen, der soeben aus der Küche kam.
In den Händen hielt er ein Tablett, auf dem drei Tassen standen, dazu eine randvoll gefüllte Kanne Kaffee, ein Schälchen mit Zucker, ein Kännchen Milch und ein Teller mit diversen Keksen. Er stellte eines nach dem anderen auf den Tisch und drapierte es so, dass sein Besuch problemlos alles erreichen konnte. Die beiden Beamten setzten sich nebeneinander auf die Bank. Haltinen schob seine Papiere zur Seite, zog sich aus einer Ecke einen Stuhl heran und setzte sich dann ebenfalls hin.
»Bitte, bedienen Sie sich«, forderte er seine Gäste auf.
»Danke«, sagte Valo und goss erst seiner Kollegin, dann dem Hausherrn und zuletzt sich selbst ein.
»Wo ist eigentlich die Dame des Hauses?«, fragte Larson.
»Die ist in Tampere und besucht ihre Schwester.«
»Dann haben Sie das Haus ja vollkommen für sich allein«, stellte sie fest.
»Sie sagten, dass Sie mit mir über Mika sprechen möchten. Was ist mit ihm?«
»Ich komme am besten direkt zur Sache«, übernahm Valo. »Mika war heute im Wald und hat dort den Baumbestand geprüft.«
»Das weiß ich, ich selbst habe ihn damit beauftragt«, erwiderte Haltinen.
»Dabei hat er einen Toten entdeckt.«
Haltinen blinzelte mehrfach. »Wie bitte?«
»Er hat eine Leiche gefunden.«
»Perkele«, fluchte Haltinen leise. »Wie geht es Mika?«
»Den Umständen entsprechend. Wir haben mit ihm auf dem Revier gesprochen und ihn dann in ein Hotel bringen lassen. Dort wird er momentan betreut.«
»Wissen Sie schon, um wen es sich bei dem Toten handelt?«
»Spätestens morgen wird es sowieso die ganze Stadt wissen, also gibt es keinen Grund, es Ihnen zu verheimlichen. Es handelt sich um Tuomas Karhu.«
»Der Politiker?«
»Genau der.«
»Du meine Güte«, sagte Haltinen und nahm einen Schluck von seinem Kaffee.
»Sie scheinen nicht gerade überrascht zu sein«, stellte Valo fest.
»Das ist meine Art«, erklärte Haltinen. »Ich lebe nach dem Sisu.«
Damit meinte er die finnische Art, Emotionen so weit wie möglich zu unterdrücken.
»Was halten Sie denn von Karhu?«, wollte Larson wissen.
»Ein netter Kerl, wenn Sie mich fragen. Er wollte die Stadt ins einundzwanzigste Jahrhundert bringen und hatte viele Pläne, um die Gegend touristisch zu erschließen. Sie wissen ja, dass wir hier gerade einmal das Bomba-Ressort haben, und das ist auf Dauer einfach zu wenig.«
»Sie finden es also gut, was Karhu vorhatte?«
»Definitiv«, bestätigte Haltinen. »Mit meiner Meinung bin ich allerdings recht allein hier, scheint es. Viele Leute finden es überhaupt nicht gut. Diese Rückständigen denken, dass alles so bleiben sollte, wie es ist.«
»Ich gehöre auch zu diesen Rückständigen«, merkte Larson spitz an, was ihr einen warnenden Seitenblick von Valo eintrug.
»Wirklich? Gerade Sie als junger Mensch sollten es doch begrüßen, dass sich etwas ändert und wir hier moderner werden.«
»Kommen wir wieder zum eigentlichen Thema zurück«, intervenierte Valo. »Wie gut kennen Sie Mika?«
»Wie man seine Mitarbeiter eben kennt.«
»Etwas genauer bitte.«
»Er hat vor etwa drei Jahren bei mir angeklopft und gefragt, ob ich Arbeit für ihn hätte. Zuerst war ich skeptisch, weil er keine Ausbildung für diesen Beruf hatte, aber dann habe ich mich entschieden, ihm eine Chance zu geben. Er hat von Anfang an gründlich gearbeitet und schnell gelernt. Nach nur zwei Monaten konnte ich ihn bereits allein losziehen lassen, und bisher gab es von niemandem Beschwerden.«
»Wie stehen Sie persönlich zu ihm?«
»Wir sind gute Kollegen. Ich achte bei meinen Mitarbeitern stets darauf, dass ein angenehmes, aber nicht zu persönliches Verhältnis besteht. Das ist für mich eine Sache des gegenseitigen Respekts.«
»Wissen Sie davon, dass er und seine Frau getrennt leben?«
»Ja«, bestätigte Haltinen. »Das war einer der Gründe, weshalb ich ihm eine Chance gegeben habe. Das, und seine kompetente und ehrliche Art.«
»Warum war ausgerechnet seine Trennung ein Grund für Sie, ihn einzustellen?«
»Ich habe selbst eine Trennung hinter mir und weiß, wie sich das anfühlt.«
»Also hatten Sie Mitleid mit ihm«, stellte Valo fest.
»So kann man es sagen.«
»Gibt es noch andere Mitarbeiter?«
»Momentan sind es nur Mika und ich.«
»Wer hat Sie eigentlich damit beauftragt, das Grundstück zu prüfen?«, fragte Larson.
»Das war Osmo Nurminen.«
»Der alte Osmo?«
»Kennst du ihn?«, fragte Valo.
»Ja, er ist ein Freund meiner Eltern. Ein netter Mensch, aber Fremden gegenüber verschlossen.«
»So habe ich ihn auch erlebt«, sagte Haltinen.
»Warum sollte Osmo seinen Wald abholzen wollen?«
»Das müssen Sie ihn selbst fragen. Ich habe nur den Auftrag bekommen, die Bestände auf ihre Tauglichkeit zu prüfen.«
Valo nickte. »Danke, Sie haben uns sehr geholfen. Wenn Ihnen noch etwas zu Mika einfällt, lassen Sie es uns bitte wissen. Sie erreichen uns auf dem Revier.«
»Natürlich«, bestätigte Haltinen.
Er begleitete die Beamten bis zur Haustür, verabschiedete sich und schloss die Tür dann von innen ab.
»Weißt du, wo dieser Nurminen wohnt?«, fragte Valo seine Partnerin.
»Etwas südlich von Nurmes. Ich kann dich hinlotsen.«
»Okay, dann lass uns gleich hinfahren.«
»Nach dir.«
Sie stiegen ein, fuhren zurück nach Nurmes und dann weiter südlich. Von der Landstraße aus bogen sie in einen schmalen Weg ein, der nicht asphaltiert war, sondern jedes Jahr mit Kies erneuert wurde. Jetzt, wo Schnee lag, war es trotz der mit Spikes besetzten Reifen nicht ganz einfach, den Wagen auf der Fahrbahn zu halten, denn der Weg war schmal, und nur mit Mühe passten zwei Autos aneinander vorbei.
»Du solltest etwas vorsichtiger fahren«, ermahnte Larson ihren Kollegen. »Die Straße ist nicht gerade gut gepflegt.«
»Keine Sorge, ich habe es im Griff«, erwiderte Valo selbstsicher, ging aber doch etwas vom Gas.
»Hier links, dann sind wir fast da«, sagte Larson.
Tatsächlich dauerte es nur eine halbe Minute, bis das Haus von Osmo Nurminen in Sichtweite kam. Auch dieses Gebäude verfügte über eine hölzerne Außenfassade, allerdings wirkte es im Scheinwerferlicht von Valos Wagen etwas heruntergekommen.
»Wie lange gibt es die Hütte schon?«, wollte er von Larson wissen.
»Mindestens neunzig Jahre«, antwortete sie. »Das Ding war schon alt, als Osmo noch ein Kind war. Und er ist immerhin auch schon fünfundsechzig.«
»Hauptsache er ist da«, sagte Valo und stieg aus.
Die Fenster waren dunkel, und auch sonst war kein Licht zu sehen. Versuchsweise klopfte er an die Tür und wartete.
»Vielleicht hätten wir uns vorher ankündigen sollen«, sagte Larson.
Im nächsten Augenblick flammte im Haus ein Licht auf, und die Haustür wurde geöffnet.
»Was wollen Sie?«, fragte ein stämmiger Mann mit Rauschebart und mürrischer Stimme.
»Osmo, ich bin es«, antwortete Larson und schob sich an ihrem Partner vorbei.
Sofort hellte sich Nurminens Miene auf. »Saari! Was machst du denn hier? Kommst du deinen alten Onkel Osmo besuchen?«
»So ähnlich«, erklärte sie. »Ich bin beruflich hier. Das hier ist mein Partner Jussi Valo.«
»Moi«, sagte Nurminen. »Kommt herein, ihr friert euch hier draußen noch den Hintern ab.«
Die Beamten folgten Nurminen ins Haus hinein in ein kleines Wohnzimmer.
»Ich bin gleich bei euch«, erklärte der Hausherr und ging in einen Nebenraum, der unschwer als Toilette zu erkennen war.
»Onkel?«, fragte Valo mit hochgezogener Augenbraue.
»Er ist nicht wirklich mein Onkel«, sagte Larson abwinkend. »Aber für mich war er immer wie einer.«
»So«, sagte Nurminen, als er sich zu ihnen gesellte, in den Händen ein Handtuch haltend. »Jetzt bin ich voll und ganz für euch da. Was gibt es denn?«
»Wir haben einige Fragen an dich zu deinem Waldgrundstück.«
»Was stimmt denn damit nicht?«
»Wir möchten gerne wissen, warum du Haltinen damit beauftragt hast, den Bestand auf seine Tauglichkeit zu prüfen. Du liebst doch deinen Wald.«
»Das war nicht freiwillig, das kann ich dir versichern«, sagte Nurminen mit düsterer Miene. »Diese Mistkerle von der Forstverwaltung haben mich dazu gezwungen.«
»Warum?«
»Weil sie Brennstoff brauchen. Anstatt sich auf Atomkraft zu verlassen, sind sie der Meinung, dass nur Holz die benötigte Energie bringen kann. Und nachdem die staatlichen Wälder unter Naturschutz stehen, gehen sie auf kleine Leute wie mich los.«
»Das tut mir leid.«
»Mir auch.«
»Aber kann man Sie wirklich einfach so dazu zwingen, Ihre Bestände herzugeben?«, fragte Valo.
»Scheint so. Ich bekomme zwar eine finanzielle Kompensierung, aber die ist mir schnuppe. Jedenfalls habe ich Haltinen gesagt, er soll den Wald nächsten Sommer prüfen.«
»Die Prüfung fand heute statt«, übernahm Larson wieder das Gespräch.
»Heute? Davon wusste ich nichts«, sagte Nurminen, von dieser anscheinenden Eile der Forstverwaltung offensichtlich überrumpelt.
»Es hat sich allerdings etwas ergeben, was nachhaltig Schwierigkeiten bereiten wird«, fuhr sie fort.
Nurminen schien sich wieder zu fangen, denn er setzte ein zwar unsicheres, aber unverkennbar hämisches Grinsen auf. »Haben die es etwa nicht hingekriegt, die Bäume richtig einzuschätzen?«
»Nein, das ist es nicht«, erwiderte die Polizistin und schüttelte den Kopf. »Es gab einen Todesfall. Tuomas Karhu wurde tot im Wald aufgefunden.«
Nurminen sah der Beamtin für einige Sekunden in die Augen. Seine Mundwinkel zuckten abwechselnd nach oben und unten, bevor er plötzlich den Kopf in den Nacken legte und laut lachte.
»Was ist daran so lustig?«, wollte Valo verwirrt wissen.
»Tut mir leid, aber das kann ich einfach nicht glauben. Ihr macht doch sicher Scherze«, erwiderte Nurminen noch immer lachend.
»Leider nicht«, sagte Valo ernst. »Karhu ist tot.«
Langsam erstarb das Lachen, und Nurminen sah die Beamten abwechselnd an. »Ihr meint das tatsächlich ernst, oder?«
»So wahr wir hier sitzen«, bestätigte Valo. »Haltinens Mitarbeiter hat Karhu tot im Schnee gefunden.«
»Wie ist das passiert?«
»Genaues wissen wir noch nicht, aber die Rechtsmedizin ist dran.«
Als Nurminen nichts dazu sagte, setzte sich Valo aufrecht hin. »Was denken Sie darüber, dass er tot ist?«
»Meiner Meinung nach hat er bekommen, was er verdient.«
»Wie meinen Sie das?«
»Man soll zwar nicht schlecht über die Toten sprechen, aber der Kerl war ein Emporkömmling. Kam aus der Großstadt hierher und wollte uns erklären, was wir zu tun haben. Als ob wir völlig verblödet wären und er der Heilsbringer. Wussten Sie, dass er die Region touristisch ganz groß rausbringen wollte?«
»Das ist uns bekannt.«
»Und auch sonst wollte er hier einiges umkrempeln.«
»Das ist doch ein hehres Ziel«, sagte Valo. »Etwas Schwung könnte Nurmes definitiv vertragen. Ich komme selbst aus der Großstadt, und ich finde, dass es hier unglaublich langweilig ist.«
»Und genau so wollen wir es hier haben«, sagte Nurminen eine Spur lauter. »Wir brauchen keinen Schwung, wie Sie es ausdrücken. Wir wollen unser Leben in Ruhe verbringen.«
»Und dabei riskieren, dass die Stadt stirbt?«
»Wie kommen Sie darauf?«
»Wenn Sie sich die Statistiken anschauen, werden Sie bemerken, dass die Einwohnerzahl in den vergangenen zwanzig Jahren stetig abgenommen hat. Die jungen Leute ziehen weg und kommen nicht mehr wieder, während die Alten zurückbleiben. Wollen Sie, dass Nurmes eines Tages eine Geisterstadt wird?«
»Jussi, bitte«, sagte Larson und legte ihrem Partner eine Hand auf den Arm. »Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Diskussionen.«
»Du hast ja recht«, antwortete er. »Ich habe mich hinreißen lassen. Tut mir leid. Herr Nurminen, bitte akzeptieren Sie meine Entschuldigung.«
»Ist schon in Ordnung«, erklärte der ältere Mann. »Was werden Sie mit Karhu anfangen?«
»Wie ich schon sagte, er wird momentan rechtsmedizinisch untersucht. Dann sehen wir weiter. Für heute haben wir keine Fragen mehr an Sie. Aber ich möchte, dass Sie in nächster Zeit für uns erreichbar sind.«
»Selbstverständlich. Ich habe sowieso nicht vor, zu verreisen oder etwas dergleichen zu tun.«
»Ach, bevor ich es vergesse«, sagte Valo. »Hatte Karhu irgendwelche Feinde? Wissen Sie davon etwas? Abgesehen von Ihnen, meine ich.«
»Nun, so ziemlich jeder, der nicht seiner Meinung war«, sagte Nurminen. »Karhu konnte ziemlich unangenehm werden, wenn man ihm widersprochen hat.«
»Fällt Ihnen jemand Bestimmtes ein?«
»Nein.«
»Vielen Dank. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Herr Nurminen.«
Valo und Larson verließen das Haus, stiegen ins Auto und machten sich auf den Rückweg nach Nurmes.
»Was sollte das denn da drinnen?«, fragte Larson.
»Mir gehen solche Leute wie er auf den Keks.«
»Du scheinst zu vergessen, dass ich auch zu solchen Leuten gehöre.«
»Bei dir ist es etwas anderes«, sagte Valo. »Du bist nicht so ein Hardliner wie er.«
»Was lässt dich da so sicher sein?«
»Wenn du es wärst, würdest du nicht mit mir hier sitzen und ermitteln, sondern irgendwo in einer Waldbude am Herd stehen, während drei Kinder um dich herumsausen und das vierte bereits in der Mache ist.«
Obwohl Larson schlechter Laune war, musste sie doch lächeln. »Stell dir das einmal vor. Ich als Hausfrau und Mutter.«
»Jetzt komm bloß nicht auf Gedanken«, schalt er sie gespielt, wurde dann aber wieder ernst. »Wir wollen Katia genug Zeit geben, sich mit Karhus Frau zu beschäftigen. Ich bringe dich nach Hause, und morgen besuchen wir dann Karhus Frau. Okay?«
»Klar, das machen wir so. Was hast du heute noch vor?«
»Ich werde einen vorläufigen Bericht über Karhus Tod verfassen, und dann würde ich gerne in die Disco gehen. Da es hier aber keine gibt, werde ich wohl mit meinem Buch in der Hand gemütlich einschlafen.«
»Klingt doch nach einem Plan.«
Den Rest der Fahrt verbrachten sie schweigend, bis sie vor Larsons Appartementhaus ankamen.
»Bis morgen«, sagte sie und stieg aus.
Valo wartete mit laufendem Motor, bis seine Kollegin durch die Haupttür des Gebäudes verschwunden war. Dann legte er den ersten Gang ein und fuhr los.