1
Der würzige Duft von Kürbisbrot und heißem Apfelwein erfüllte jeden Winkel von H. H. Antiques, als Henrietta Hewitt aus dem Hinterzimmer zur Kasse trat. Sie atmete tief durch und betrachtete die Kerze, die ihre Assistentin Olivia Braddock am Vortag mitgebracht hatte. Sie verbreitete den Duft von Äpfeln, der Brotlaib daneben sorgte für die anderen herbstlichen Aromen.
„Perfekt“, hauchte sie und faltete die Hände vor dem Körper.
„Henri?“
Mit einem wohlwollenden Augenrollen wandte sich Henrietta an Ralph Gershwin. Sie hatte längst aufgegeben, ihm dieses „Henri“ auszutreiben. Kurzum, der Spitzname war ihr ans Herz gewachsen – nicht, dass sie Ralph das jemals hätte wissen lassen.
„Hallöchen! Wer kommt denn da?“ Ralph hatte zwei Wochen lang an einem Fachsymposium für Privatermittler in Chicago teilgenommen. Gestern Abend um halb elf war er zurückgekehrt, wie seine Whatsapp bewies. „Wie lief die Fortbildung?“
Ralph zuckte mit den Schultern und beäugte das Kürbisbrot. Bevor er fragen konnte, schnitt sie eine Scheibe ab und reichte sie ihm auf einer Serviette.
„Mhm, lecker. Wer hat das gebacken?“
Sie tat beleidigt. „Wie kommst du darauf, dass es nicht von mir ist?“
Ralph musterte sie skeptisch, woraufhin sie lächelte.
„Na gut, ich hab’s von nebenan.“ Sie neigte den Kopf in Richtung des Cafés Espresso Yourself.
„Ginas Backkünste sind unschlagbar.“
Henrietta nickte zustimmend. „Und?“, hakte sie nach.
„War okay, denke ich.“
„Das klingt aber nicht überzeugend.“
Ralph verdrückte den letzten Bissen, leckte sich die Finger ab und verschränkte die Arme. „Sagen wir einfach, ich besuchte einen Kurs, in dem ich etwas lernte, und verbrachte die restliche Zeit damit, die fehlerhaften Präsentationen dieser Jungspunde zu korrigieren. Amateure. Ich würde das besser hinkriegen, wenn ich die Chance bekäme.“
„Du klingst wie ein alter Miesepeter“, neckte sie ihn, nahm seine Papierserviette und warf sie in den Mülleimer.
„Da ist was dran.“ Er schnaubte und ließ die Arme sinken. „Was gibt’s Neues? Du dekorierst ja schon für den Herbst.“
Henrietta ließ ihren Blick umherschweifen, bewunderte die im Laden verteilten Kürbisse und die Blättergirlanden, die Olivia gestern aufgehängt hatte. „Ja, es geht voran. Du weißt doch, dass wir da am meisten zu tun haben.“
„Das hast du mal erwähnt. Ich habe demnächst wohl auch mehr um die Ohren.“
„Was meinst du damit?“ Henrietta hörte auf, die Krümel von der Theke zu wischen, und drehte sich zu ihrem Freund um.
„Hast du nichts davon gehört?“
„Was denn?“ Unruhe stieg in ihr auf. Das klang nicht gerade nach einer guten Nachricht.
„Letzte Woche gab es mehrere Einbrüche. Die Cliffs Housing Association hat mich engagiert, um die Sache zu untersuchen.“
„O nein, das ist ja furchtbar!“
„Sag mal, willst du mir ein bisschen helfen?“
Es musste ja so kommen. Seit über einem Jahr versuchte er, sie zu überreden, zusammen mit seinem Sohn Scott in seine Privatdetektei Gershwin Private Investigators einzusteigen, aber sie hatte jedes Mal abgelehnt. Sie war Antiquitätenhändlerin, keine Amateurdetektivin. Andererseits hatte sie ihm vor nicht allzu langer Zeit geholfen, eine vermisste Person zu finden. Ein wilder Ritt, an den sie sich trotz aller Gefahren gern erinnerte.
„Aha!“ Ralph beugte sich mit funkelnden Augen vor. „Du denkst darüber nach.“
Sie war wirklich unentschlossen. „Ich …“ Sie leckte sich über die trockenen Lippen und sah sich wieder im Laden um. „Aber ich habe im Herbst so viel zu tun.“
„Das stimmt, aber du hast Olivia, und ich brauche dich nicht rund um die Uhr. So ist das nicht. Nur … ab und zu. Dein Spürsinn und deine Beobachtungsgabe sind vonnöten. Du bist eine echte Bereicherung, Henri.“
Obwohl sie seine Schmeicheleien genoss, ließ sie sich davon nicht beeinflussen. Wenn sie sich auf so etwas einließ, konnte sie nicht halbherzig mitmachen. Würde Ralphs Fall sie zu sehr von ihrer Arbeit ablenken? Von ihren leidenschaftlichen Hobbys? Aber sie liebte es, Rätsel zu lösen – egal, ob echt oder erfunden.
„Und wenn ich einspringe? Wohin soll das führen? Ich lasse H. H. Antiques nicht im Stich.“
„Davon war nie die Rede.“ Dass sie so weit dachte, schien ihn zu erschüttern.
„Okay.“ Sie stemmte die Hände in die Hüften und zeigte ihre Aufregung mit einem Lächeln. „Dann bin ich dabei, aber nur nebenher.“
„Juhu!“ Ralph vollführte ein kleines Freudentänzchen durch den Raum.
„Pass auf, hier stehen wertvolle Antiquitäten“, warnte sie ihn mit einem Lächeln, um ihre Worte abzumildern. Während er seiner Begeisterung freien Lauf ließ, empfand sie das Gleiche, nur innerlich. Man konnte Henrietta nicht vorwerfen, zu gefühlsbetont zu sein. So war sie nicht erzogen worden, aber sie freute sich, Ralph glücklich zu sehen, weil sie dazu beigetragen hatte.
„Wann geht’s los?“
„Morgen.“
Das kam überraschend. „Schon morgen?“
„Jap. Ich muss vorher noch etwas erledigen. Soll ich dich um zehn abholen?“
Sie warf einen Blick auf ihren Terminkalender und nickte. „Das sollte gehen. Dann ist Olivia schon da und ich kann mich davonschleichen. Aber Ralph …“ Sie hielt inne und wartete, bis er sie ansah. „Häng das nicht an die große Glocke, okay? Sonst denken meine Kunden noch, ich hätte kein Interesse mehr am Geschäft oder wäre nicht bei der Sache.“
„Klar doch.“ Er grinste und hob ihr Kinn an, damit er ihr in die Augen sehen konnte. „Du kannst mein geheimer Sidekick sein oder besser gesagt, meine Komplizin im Kampf gegen das Verbrechen!“
Sein verschmitztes Lächeln ließ ihren Magen kribbeln, dann verließ er, eine schiefe Melodie pfeifend, den Laden.
Einen Moment lang stand Henrietta nachdenklich da. Hatte sie sich wirklich darauf eingelassen, Ralph Gershwin bei seiner Arbeit zu unterstützen? Sie hatte gedacht, dass ihr Kontakt zur Ermittlungsarbeit auf den letzten, wenn auch unfreiwilligen Fall beschränkt bleiben würde, und nun fand sie sich als Partnerin des Mannes wieder, den ihre beste Freundin bis zu ihrem Tod geliebt hatte.
Vielleicht war es die falsche Entscheidung, vielleicht aber auch genau das, was Henrietta in ihrem Leben brauchte – ein klein wenig Nervenkitzel.
***
Ihr erster Fehler bestand darin, dass sie sich für die Einbrüche interessierte, bevor Ralph ihr alle Informationen gegeben hatte. Aber was sollte sie tun, nachdem er sie ins Boot geholt hatte? Sich zurücklehnen und warten, bis er endlich in die Gänge kam? Sie gehörte nicht zu den Menschen, die sich zurückzogen und nur zusahen.
Und diese Zeitungen lagen im Deli direkt neben ihr, als wären übernatürliche Kräfte am Werk gewesen, um sie mit genau den Informationen zu versorgen, die sie brauchte. Das Muster stach ihr praktisch ins Auge, als stünde es fett gedruckt auf dem Papier. Die Hausnummern stimmten mit den Straßen überein, die ihr mit jeder Auktion, die sie in The Cliffs besuchte, immer vertrauter geworden waren.
Viel gaben die Berichte nicht her, außer, dass die Häuser als schwer zugänglich galten – und doch wurde in alle Gebäude eingebrochen, praktisch unmögliche Verbrechen. Ein Muster und das nächste offensichtliche Ziel hielten Henrietta die halbe Nacht wach und trieben sie um fünf Uhr morgens aus dem Bett.
Sie konnte unmöglich fünf Stunden warten, bis sie Ralph traf. Außerdem redete sie sich vom Anziehen bis zum Einsteigen in ihren Mini Cooper ein, dass sie nur nach dem Rechten sehen wollte, um sich einen Vorsprung zu verschaffen, damit sie später nahtlos an Ralphs Informationen anknüpfen konnte. Es ging nicht darum, ohne ihn auszukommen, sondern sich auf ihn vorzubereiten. Zumindest dachte sie das.
Straßenlaternen tauchten die glatt gepflasterten Straßen von The Cliffs in warmes Licht. Das exklusive Viertel außerhalb von Heart’s Grove war geprägt von teuren Häusern mit makellosen Rasenflächen. Die Sträucher waren akkurat gestutzt, und kein Ast, keine Blume, kein Grashalm störte die perfekte Ordnung.
Sie blickte auf die hastig hingekritzelte Adresse auf dem gelben Block, auf dem sie alles notiert hatte. Die krakelige Schrift sah aus, als wäre ein Verrückter zugange gewesen, aber sie konnte sie lesen. 1457 Bluff Avenue stand mehrmals mit rotem Stift umrandet und sie verglich die Hausnummern.
1421, 1423 … 1443.
Fast erreicht.
Vor ihr lag ein unbeleuchtetes Haus, während die Nachbarn ihre Verandalampen brennen hatten. Da – 1457 Bluff Avenue. Warum lag es als einziges im Dunkeln? Bot es so ein besseres Ziel für den Dieb?
Ein ungutes Gefühl beschlich sie, als sie ein paar Häuser weiter parkte. Sie vermutete, dass die Täter, wenn sie ihrem Muster treu blieben, hier als Nächstes zuschlagen würden. Nur wann? Bei keinem der bisherigen Einbrüche schien es einen Plan oder eine bestimmte Vorgehensweise zu geben. Bis auf ein logisches Muster, welche Häuser es treffen würde.
Sie stellte den Motor ab und verharrte mit der Hand an der Tür des Autos. Kurz vor sieben – länger konnte sie nicht warten, ihre Neugier siegte. Und nun kamen ihr Zweifel. Sollte sie sich lieber doch nicht umsehen? Der Himmel hellte sich auf, je näher der Sonnenaufgang rückte, aber es blieb dunkel. Sie wusste, was Ralph sagen würde – dass sie eine Idiotin wäre, allein vorzugehen.
Sie griff nach ihrem Handy, schickte Ralph schnell eine Whatsapp – ein kluger Schachzug, um für alle Eventualitäten gewappnet zu sein – und stieg aus dem Auto. Sie wollte nur mal nachsehen. Das konnte doch nicht gefährlich sein, oder?
Dank Google Earth fand sie den Weg zu den Klippen, die sich direkt hinter dem Grundstück befanden, und schlüpfte in den offenen Garten. Auch hinten lag das Haus im Finstern. Die Geräusche der langsam erwachenden Nachbarschaft mahnten sie, sich zu beeilen.
Sie betrat die Veranda und spähte durch das Fenster. Nichts, sie ging zum nächsten Fenster. Sie erblickte die undeutliche Silhouette der Küche. Nichts deutete darauf hin, dass dieses Anwesen ein Ziel sein könnte.
Als sie die Treppe wieder hinunterging, sah sie ein kleines Schild des Anbieters der Alarmanlagen. In den Gärten der Nachbarn und sogar vor dem Haus, vor dem sie geparkt hatte, war es ihr aufgefallen. Diesmal suchte sie im Garten und auf der Veranda nach Überwachungskameras. Als sie durch die Fenster geschaut hatte, konnte sie keine blinkenden Lichter entdecken. Vielleicht war das Schild nur eine Attrappe?
Da sie das nicht sagen konnte, zückte sie ihr Handy und notierte sich die Telefonnummer des Anbieters auf der Plakette. Später würde sie dort anrufen. Als sie ihre Nachrichten checkte, sah sie, dass Ralph ihre Whatsapp noch nicht gelesen hatte. Er war kein Langschläfer, aber vielleicht lag sein Handy nicht in Reichweite.
Henrietta wollte gerade zu ihrem Auto zurückgehen, als ein lautes Geräusch aus dem Nachbarhaus drang. Sie trat näher an die Hecke heran, die die beiden Gärten voneinander trennte. Glas klirrte, und ihr Puls schoss in die Höhe. Was war das?
Ein weiteres Scheppern und hastige Schritte lenkten ihre Aufmerksamkeit auf eine Lücke in der Hecke. Vorsichtig steckte sie den Kopf durch das Blattwerk, konnte aber nichts erkennen. Sie hielt inne und versuchte flach zu atmen, um in der morgendlichen Stille besser hören zu können.
Sie warf vorsichtige Blicke nach links und nach rechts, dann betrat sie den Nachbargarten und näherte sich der Rückseite des Hauses. Der schmale Spalt zwischen der Hecke und dem Gebäude wirkte wie eine kleine Gasse. Sie schlich sich zur Hausecke, blieb stehen und lauschte. Nichts.
Von da aus spähte sie in den Garten. Er war weitläufig und größer als beim Nachbargrundstück. Auf der gegenüberliegenden Seite schirmte ihn eine Baumreihe fast vollständig ab. Die Privatsphäre, die diese Bäume boten, hatte wahrscheinlich den Preis des Anwesens in die Höhe getrieben.
Als sie weiter in den Garten hineinging, erblickte sie gegenüber eine große überdachte Terrasse. Auf dem fleckigen Boden standen Gartenstühle und da hing auch eine Hängematte, die sich sanft im leichten Wind wiegte. Aber ihre Aufmerksamkeit galt der Hintertür, die einen Spalt offen stand.
Sie schaute hinauf zum zweiten Stock, er war unbeleuchtet. Die Veranda wurde zwar von einer Lampe erhellt, aber im Inneren war es dunkel. Vorsichtig blickte sie sich noch einmal um und ging dann zur Tür. Leicht und leise schwang sie auf und gab den Weg frei.
Sie leckte sich über die Lippen und atmete langsam ein, bevor sie eintrat. Aus Angst, es könnte noch jemand da sein, gab sie keinen Laut von sich, stattdessen betrachtete sie alles genau. Offensichtlich stand sie in einem riesigen Wohnzimmer mit gepolsterten Sofas, Tischen mit Glasplatten und einem gewaltigen Fernseher, der eine Wand dominierte.
Rechts war eine große Öffnung, die vermutlich zu der Küche führte. Als Henrietta in diese Richtung blickte, entdeckte sie, dass am Boden Glasscherben lagen. Sie dachte an das Klirren von vorhin.
Mit behutsamen Schritten, um nichts zu berühren, ging sie darauf zu. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals und ihre Hände zitterten. Vorsichtig näherte sie sich den Splittern. Sie durfte keine Beweise zerstören. Henrietta blieb stehen und spürte plötzlich, dass etwas nicht stimmte.
Langsam wandte sie den Blick zur Küche. Auf dem Boden lag eine Leiche.
2
„Ich fasse es nicht.“ Ralph stapfte über den Rasen vor dem Haus, in dem Henrietta die Leiche gefunden hatte.
„Als hätte ich es darauf angelegt, über eine Tote zu stolpern“, murmelte sie und spürte, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg, als sie an den schrecklichen Fund dachte. „Eigentlich hatte ich genau das Gegenteil erwartet.“
Ralph ließ die Schultern hängen und kam auf sie zu. „Es tut mir leid, Henri. Ich hätte dich fragen sollen, ob es dir gut geht.“
Tränen stiegen ihr in die Augen. „Doch. Es ist nur … so ein Schock.“
„Natürlich“, sagte er und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „So etwas nimmt einen immer mit.“
Henrietta wusste, dass Ralph in all den Jahren als Polizist viele Tote gesehen hatte. Wie hielt er das nur aus?
Ein Schauer lief ihr über den Rücken und sie verschränkte die Arme. „Wurde sie schon identifiziert?“
Er schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass er noch immer von seinen ehemaligen Kollegen mit Interna versorgt wurde. Da er noch nicht allzu lange aus dem Dienst ausgeschieden war, arbeitete er mit einigen Beamten zusammen, was ihm in seiner privaten Ermittlungsagentur sehr half. Und doch gab es Gesetze, die auch durch Vertrautheit nicht umgangen werden konnten.
„Wie geht es jetzt weiter?“
„Zuerst erzählst du mir alles.“ Er klang freundlich, aber sachlich. „Und nichts auslassen. Hast du mich verstanden?“
„Ja, sicher.“ Sie begann zu erklären, dass sie die Zeitungen im Deli gesehen und das Muster sofort erkannt hatte.
„Und du hast mir nicht Bescheid gesagt, weil …“
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, mir wurde die Bedeutung erst klar, als ich nicht schlafen konnte. Es war doch schon spät, und wir waren sowieso für zehn verabredet.“
„Aber du bist trotzdem allein losgezogen.“
„Na ja …“ Sie sah ihn schuldbewusst an. „Ich hatte Bedenken und wollte sehen, ob meine Theorie stimmt und ob dieses Haus leicht zugänglich ist und solche Dinge. Ich hätte nie gedacht …“ Sie blickte zurück zum Gebäude und unterdrückte einen erneuten Schauer.
„Henri, tu mir einen Gefallen und mach so was nie wieder allein. Ich will gar nicht daran denken, was hätte passieren können. Was sollte ich denn ohne dich tun?“
Seine Aufrichtigkeit wärmte sie, und sie schaffte es, ihm ein Lächeln zu schenken. „Ich hab dir doch eine Nachricht geschickt.“
Er lachte. „Eine Whatsapp rettet dir im Notfall nicht den Hintern.“
Seine Worte waren ernüchternd, aber nicht ganz wahr, doch sie wollte jetzt nicht darüber diskutieren. „Okay, also …“ Sie blickte noch einmal zurück. „Was ich nicht verstehe, ist, warum dieses Haus.“
„Was meinst du damit?“
„Ich habe dir doch das Muster erklärt, und dieses Haus passt überhaupt nicht dazu.“
„Das heißt nicht, dass es keinen Zusammenhang gibt. Du dachtest, es wäre das da drüben, oder?“ Er deutete auf den Nachbarn und betrachtete das Anwesen mit neuem Interesse. „Wir müssen herausfinden, wem dieses Haus gehört.“
„Die Polizei weiß es nicht?“
„Noch nicht.“ Er rieb sich über das Kinn und sah zu ihr hinunter. „Sie wissen nicht einmal, wer diese Frau ist.“
Sie riss die Augen auf. „Ich dachte, sie wohnt hier?“
Heart’s Grove gehörte zwar nicht zu den Kleinstädten, war aber nicht sehr touristisch, es sei denn, es fand gerade ein Festival statt. Für die meisten Menschen lag es einfach zu abgeschieden. „Nein, es ist niemand aus der Gegend.“
„Wie ist das möglich?“
„Keine Ahnung.“ Ralph blickte zu der kleinen Gruppe Polizisten und dann zu ihr. „Mal sehen, ob ich noch was rausfinde. Danach können wir gehen.“
Henrietta sah ihm hinterher, wandte sich dann aber ab und blickte zur Rückseite des Hauses. Es wurde nichts gestohlen, das war wirklich interessant. Sie hatte, bevor sie eintrat, das Schloss überprüft und die Tür mit dem Ärmel über der Hand geöffnet. Außerdem schien es einen Kampf gegeben zu haben, und sie hatte Schritte gehört, die sich vom Haus entfernten.
All diese Informationen gab sie dem Beamten, der sie befragt hatte. Doch er schien sie für eine Frau aus der Nachbarschaft zu halten, jedenfalls sagte er etwas Ähnliches. Sie musste ihn nicht vom Gegenteil überzeugen, denn wenn sie zugab, das Nachbarhaus beobachtet zu haben, würde sie in den Mittelpunkt der Ermittlungen rücken, und darauf konnte sie verzichten.
Folgende Fragen ließen sie nicht los: Warum gerade dieses Haus? Handelte es sich überhaupt um einen Einbruch? Oder schlicht um Mord? Aber Mord war alles andere als schlicht. Der Schlüssel zu allem lag in der Identität des Opfers.
„Okay, wir können gehen.“
„Müssen die mich nicht noch mal befragen oder so?“
„Vielleicht musst du in ein paar Tagen aufs Revier kommen. Je nachdem, ob sie bis dahin wissen, was hier vorgefallen ist oder nicht.“
„Weißt du mehr?“
Ralph sah sie an, während sie den schmalen Weg zur Straße entlanggingen. „Nicht wirklich. Der tragbare Fingerabdruckscanner funktioniert nicht, also müssen sie die Abdrücke in der Leichenhalle nehmen.“ Er blieb stehen, als sie den Bürgersteig vor dem Haus erreichten. „Warum bist du davon überzeugt, dass dieses Anwesen nicht als Nächstes auf der Liste stand? Offenbar sind Gemälde gestohlen worden. Es gibt leere Stellen an den Wänden.“
„Na ja …“ Sie drehte sich um und betrachtete die beiden Gebäude. „Sieh dir dieses Haus an.“ Sie deutete auf das Dunkle. „Das ist ein ideales Ziel. Düster, offenbar ist niemand zu Hause, die Alarmanlage scheint nicht aktiviert zu sein.“
„Will ich wirklich wissen, wie du darauf kommst?“, fragte er und sah sie mit zusammengekniffenen Augen an.
„Durch Beobachtung natürlich.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Und durch das Muster.“
„Genau, das Muster. Glaubst du wirklich, dass sich Diebe immer an eine bestimmte Vorgehensweise halten?“
„Ich bin mir nicht sicher“, überlegte sie laut und schaute abwechselnd die Häuser an, „du kannst nicht leugnen, dass mich mein Muster hierhergeführt hat.“
Ralph zuckte versöhnlich mit den Schultern. „Da hast du mich erwischt.“
Sie gingen auf Henriettas Wagen zu und Ralph deutete auf die Beifahrertür. „Darf ich?“
„Wie bist du hergekommen?“
„Einer der Detectives hat mich mitgenommen. Ich habe auf dem Revier ein Schwätzchen gehalten, als der Anruf kam. Dein Anruf. Mir ist fast das Herz stehen geblieben.“
„Ich war nicht in Gefahr. Der Täter war weg, als ich reinging.“
„Trotzdem …“ Er schüttelte den Kopf. „Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist. Und wie sieht’s aus, Lust auf eine kleine Ermittlung?“
Henrietta lächelte. „Dafür bin ich doch immer zu haben.“
***
„Was soll ich denn davon halten? Ich meine, da zieht man nach The Cliffs und denkt, dass man sicher ist, und bisher war das auch so, aber jetzt weiß ich nicht mehr.“
Henrietta lauschte Mrs. Mercury, die über die Sicherheitsprobleme in The Cliffs schwadronierte. Nach dem dritten Einbruch hatte sie allen Grund, nervös zu sein.
„Ich hab Frank gesagt, dass er endlich das Sicherheitssystem besorgen soll. Ich meine, einmal eingebrochen – Pech gehabt. Zweimal? Dann wird’s langsam selbstverschuldet. Na ja, nicht wirklich.“
„Moment mal, Mrs. Mercury, warten Sie eine Sekunde. Was meinen Sie mit zweimal eingebrochen?“
„Oh, ich dachte, Frank hätte Ihnen das gesagt! Zwei Wochen vor dem eigentlichen Diebstahl war schon mal jemand hier drin.“
„Ach ja?“ Henrietta sah, wie Ralph die Augen weit aufriss.
„Ich nehme an, Frank hat es vergessen. Na ja …“ Sie schüttelte den Kopf und wischte geistesabwesend zum dritten Mal über den Tresen, seit sie Henrietta und Ralph zu einer Tasse Tee in die Küche eingeladen hatte. „Als wir nach Hause kamen, war die Hintertür nicht abgeschlossen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass wir das waren. Zum Glück wurde nichts gestohlen, aber ich bin zu Tode erschrocken. Ich habe Frank sofort gesagt, dass er uns ein Sicherheitssystem besorgen muss. Es ist mir wirklich peinlich, aber da gehörten wir noch zu den Leuten, die zwar ein Schild im Garten, aber keinen Service hatten.“ Sie verzog das Gesicht.
„Wann haben Sie die Anlage bekommen?“, fragte Henrietta und nahm einen Schluck von ihrem englischen Frühstückstee.
„Gleich am nächsten Tag. Wir wollten keine Zeit verlieren. Das heißt, ich habe dafür gesorgt, dass Frank sie endlich installieren ließ – Sie wissen ja, wie Männer sind.“ Sie zwinkerte Henrietta zu, als würde sie mit ihr ein kosmisches Geheimnis über Männer teilen. „Er hat sich sofort an die Arbeit gemacht, und am nächsten Tag kam der Techniker. Er hat alles aufgebaut, sogar die Kameras.“
„Wirklich“, sagte Ralph und richtete seinen Blick auf die Hintertür und den Rasen dahinter.
„Ja. Wir dachten, wir wären in Sicherheit, bis wir aus Kanada zurückkamen. Wir fahren oft für ein langes Wochenende nach British Columbia, aber diesmal blieben wir nur eine Nacht. Ich wollte ein paar Besorgungen machen und …“
„Wann haben Sie gemerkt, dass etwas nicht stimmt?“ Ralph unterbrach ihre langatmige Erzählung.
„Fast sofort. Na ja, nicht ganz.“ Sie zuckte beschwichtigend mit den Schultern. „Um ehrlich zu sein, haben wir zu Abend gegessen und ein bisschen ferngesehen. Als wir uns bettfertig machten, wollte ich meine Ohrringe in den Safe legen. Ich weiß, das klingt übertrieben, aber man kann nie vorsichtig genug sein. Jedenfalls wollte ich sie hineinlegen und da merkte ich, dass alles weg war.“ Ihre Hand flatterte auf ihre Brust. „Das ist so schlimm, aber zum Glück sind wir versichert. Andererseits kann kein Geld der Welt die Perlen meiner Urgroßmutter ersetzen.“ Sie seufzte tief.
„Das tut mir wirklich leid“, sagte Henrietta und legte der Frau sanft eine Hand auf die Schulter.
Sie unterhielten sich noch ein paar Minuten und verabschiedeten sich dann. Auf dem Weg zurück zum Auto warf Henrietta Ralph einen Blick zu. „Ist das zu glauben?“
„Dass wir in einer Viertelstunde die ganze Lebensgeschichte dieser Frau gehört haben?“
Sie grinste. „Nein, dass in alle drei Häuser eingebrochen wurde, bevor man sie ausraubte!“
Sie stiegen in den Wagen und Ralph drehte sich zu ihr um. „Alle drei?“
„Ja. Erinnerst du dich nicht? Die aus dem ersten Haus haben doch erzählt, dass dauernd die Nachbarskatze durch die Hundeklappe reinkam.“
„Ja …“ Er sah verwirrt aus.
„Ich glaube, da ist etwas anderes im Busch. Ich habe so ein Gefühl, dass jemand die Tür lange genug offen ließ, dass die Katze reinspazieren konnte.“
„Also ist wieder jemand eingedrungen.“
„Genau.“
„Aber …“ Seine Augen leuchteten auf. „Glaubst du, die Alarmanlagenfirma steckt dahinter?“
Henrietta zuckte mit den Schultern. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich würde es nicht ausschließen. Alle werden vom gleichen Dienst betreut, und das ist mir mehr als suspekt.“
„Da ist was dran. Ich denke, wir sollten das zumindest überprüfen. Was ich nicht verstehe, ist, warum sie zweimal hintereinander zuschlagen.“
Auch Henrietta dachte darüber nach. „Wie würdest du auf einen Einbruch reagieren?“
„Ich würde die Sicherheitsvorkehrungen verstärken.“
„Genau.“
„Ah, wieder ein Punkt gegen den Alarmdienst.“
„Wohin als Nächstes?“, fragte sie und startete den Motor.
„Ich glaube, es reicht für heute.“
„Wirfst du schon das Handtuch?“, fragte sie und grinste ihn an.
„Nicht direkt. Ich will das Ganze nur noch mal in Ruhe durchdenken. Wir haben einige hilfreiche Hinweise und wissen hoffentlich bald, wer die Tote ist, womit die Sache vielleicht klarer wird.“
Henrietta nickte ernst. „Das sehe ich auch so. Es ist wohl wirklich besser, wenn wir für heute aufhören, damit ich nach Olivia sehen über das Muster nachdenken kann. Vielleicht habe ich etwas übersehen.“
„Oder es gab nie ein Muster.“
Henrietta unterdrückte ein Grinsen, als sie in die Straße einbog, in der Ralphs Büro lag. Natürlich wollte er sie nur auf den Arm nehmen, aber das interessierte sie nicht. Sie glaubte nicht, dass sie sich irrte, aber sie würden auf die Identifizierung der Toten warten müssen, um ein weiteres Puzzleteil hinzufügen zu können. Vielleicht würde dann alles zusammenpassen.
3
Henrietta erwachte im Dunkeln, als Sepia auf ihr Kissen sprang und laut schnurrte. Die Katze wollte Frühstück, und zwar sofort.
„Jaja, ich hab’s verstanden“, murmelte sie. Sie kraulte die Flame-Point Siamkatze, die im Schein der Nachttischlampe zurückstarrte und mit ihren blauen Augen drängte: Weniger streicheln, mehr füttern!
Henrietta seufzte, stand auf, fütterte Sepia und machte sich Frühstück mit einer großen Tasse Kaffee, bevor sie in der Zeitung vom Vortag blätterte. Hier in Heart’s Grove konnten die Nachrichten normalerweise warten. Aber sie spürte, dass der Bericht über den Leichenfund ganz oben stehen würde.
Sie erschauderte. Das Bild der armen Frau, die mit dem Gesicht nach unten in der Küche lag, hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt und sie lange wach gehalten. Zum Glück fand sie irgendwann einen einigermaßen erholsamen Schlaf und fühlte sich bereit, den Tag in Angriff zu nehmen.
Sie ging nach unten, schaltete das Licht ein, startete den Computer und wischte den Staub von den kleineren Antiquitäten, die auf den größeren herumlagen.
Sie überlud den Laden nicht mit Krimskrams, aber sie wollte ihren Kunden eine gute Auswahl bieten. Man wusste nie, wann jemand auf der Suche nach dem perfekten Nippes unter den größeren antiken Möbeln, die Henrietta regelmäßig für den Laden aussuchte, fündig wurde.
Eine Stunde später, nachdem sie die letzten Artikel sortiert, die Website mit neuen Angeboten aktualisiert und den zweiwöchentlichen Newsletter an ihre Online-Abonnenten verschickt hatte, hörte Henrietta die Türglocke.
Olivia kam herein, ihr langer, stumpf geschnittener Pony fiel ihr fast in die blassblauen Augen. Sie wirkte aufgewühlt, und Henrietta fragte sich, ob es vielleicht mit ihrem Freund Nelson zu tun hatte. Olivia war vor knapp einem Jahr nach Heart’s Grove gezogen, nachdem sie ihn online kennengelernt hatte. Sie schienen sich noch daran zu gewöhnen, in derselben Stadt zu leben, obwohl Henrietta sich oft fragte, was Olivia in ihm sah.
Er hatte zwar einen guten Job, wohnte aber immer noch im Keller seiner Mutter und tat so, als würde er Geld sparen, aber wenn sie den mürrischen Mann sah, schien er Olivias Gutmütigkeit und Freundlichkeit auszunutzen. Allerdings ging es sie nichts an, auch wenn sie ihrer jungen Mitarbeiterin auf Nachfrage gerne Ratschläge geben würde.
„Guten Morgen“, rief Olivia und ließ ihre Umhängetasche auf den Tisch im Pausenraum plumpsen. „Bist du heute wieder auf Achse?“
Henrietta wartete, bis die junge Frau aus dem Hinterzimmer kam. „Ich denke schon. Ist das okay? War es gestern zu viel?“
„O nein“, sagte Olivia lächelnd. „Ich wollte es nur wissen. Wir haben eine Kiste mit Büchern von Mrs. Whipple bekommen, und ich wollte sie durchsehen, um zu schauen, was wir dafür nehmen können. Aber das geht auch später.“
Henrietta warf einen Blick auf die Uhr, es war kurz vor neun. Gleich würde sie öffnen, aber Ralph ließ sicher noch auf sich warten. „Fang doch jetzt an. Ich bleibe hier und wenn ich gehe, kommst du nach vorn. Passt das für dich?“
„Ja, das klingt gut.“ Olivia lächelte und drehte sich um, blieb aber an der Tür stehen, wo der halb geschlossene Vorhang das Hinterzimmer vom Rest des Ladens trennte. „Henrietta, darf ich dich etwas fragen?“
„Selbstverständlich, meine Liebe“, erwiderte sie.
„Es ist aber etwas Persönliches.“
„Ich bin kein Fan von Förmlichkeiten.“ Henrietta lachte. „Ich denke, wir können uns getrost als Freundinnen betrachten, auch wenn ich deine Chefin bin. Findest du nicht auch?“
„Doch.“ Dennoch zögerte Olivia einen Moment, bevor sie zur Sache kam. „Warum hast du nie geheiratet?“
„Oje“, gluckste Henrietta. „Das ist eine große Frage. Und doch gibt es eine kurze Antwort.“
„Und die wäre?“, fragte Olivia.
„Mich hat einfach nie jemand gefragt.“
„Nie? Wirklich nicht?“ Olivias Augen weiteten sich.
„Nein. Ich hatte zwar ein paar Beziehungen, die in diese Richtung gingen. Nur waren unsere Vorstellungen zu verschieden und ich machte Schluss, bevor es zu spät war.“
„Ich verstehe.“
„Warum fragst du?“, wollte Henrietta wissen.
„Nur aus Neugier.“ Olivia wickelte sich den Saum ihres Hemdes um den Finger. „Ich schätze, ich frage mich, wie eine dauerhafte Beziehung wirklich aussieht. Versteh mich nicht falsch“, erklärte sie schnell, „Nelson ist toll, aber …“
Henrietta musste lächeln. Endlich kam das Thema Nelson zur Sprache, ohne dass sie es zuerst anschnitt. Andererseits musste sie mit Fingerspitzengefühl vorgehen. Sie wollte Olivia nicht vorschreiben, was diese tun sollte, aber sie hoffte, ihr etwas über ihre Situation aufzeigen zu können.
„Weißt du …“ Die Tür wurde aufgerissen.
„Henri? Henri, es gibt Neuigkeiten!“
Henrietta seufzte, als sie sah, dass Olivia sofort verstummte. Das Thema Nelson war für heute erledigt.
„Hinten“, rief Henrietta.
„Ah, da bist du ja.“ Ralph trat vor die Kasse und lächelte Olivia an. „Hallo, Liv.“ Sein Bartschatten ließ ihn verschmitzt aussehen, als wäre er eine Katze, die eine Maus gefangen hatte.
„Hallo, Ralph“, sagte Olivia mit einem breiten Grinsen. Sie drehte sich zu Henrietta um. „Also musst du heute früher weg?“
„Vielleicht.“ Sie wandte sich Ralph zu. „Was ist los?“
„Sie haben die Tote identifiziert. Die Leiche …“ Er hielt inne und verzog das Gesicht. „Tut mir leid, Liv. Es gibt schönere Themen.“
„Ich habe es heute Morgen in der Zeitung gesehen.“ Olivia zuckte mit den Schultern. „Schreckliche Sache. Bei einem Raubüberfall ums Leben gekommen?“ Sie zitterte sichtlich.
„Schreiben sie das?“ Henrietta sah Ralph an.
„Klar. Aber sieh dir das an.“ Er hielt ihr etwas hin, das wie ein Haftbefehl aussah.
Ein blasses Gesicht starrte sie an, strähnige dunkelbraune Haare umrahmten die runden Züge. Die Frau wirkte äußerst unglücklich, aber es war ja auch ein Fahndungsfoto. Henrietta überflog das Blatt: Die Tote hieß Mary Sharp, stammte aus Idaho und war wegen Raubüberfalls verurteilt worden.
„Die Polizei glaubt also, sie haben die Richtige?“, fragte Henrietta stirnrunzelnd. „Wie ist das möglich?“
„Weil sie schon mal wegen desselben Vergehens verurteilt wurde.“
„Das sehe ich auch, aber sie müssen jemand anderen suchen.“
„Nicht wirklich.“
„Was?“ Das machte sie stutzig.
„Es heißt, die Todesursache sei ein Sturz gewesen.“
„Ein Sturz? Sie ist also auf etwas gefallen und daran gestorben?“ Henrietta konnte die Bestürzung in ihrer Stimme kaum unterdrücken.
„Als sie fiel, stieß sie eine Vase um.“
„Aber ich habe doch gehört, wie jemand geflohen ist.“
Ralph zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, sie verfolgen die Sache nicht weiter. Sie wollen den Fall schnell abschließen, damit sich die Leute wieder sicher fühlen.“
„Aber das Haus wurde doch ausgeraubt! Wo sind die Sachen hin?“
„Eigentlich nicht.“
„Was?“ Henrietta schwirrte der Kopf.
„Es war nichts Wertvolles im Haus, weil die Besitzer es nur als Feriendomizil nutzen. Alles kam in einen Safe, und als wir nachgesehen haben, fehlte nichts. Mary ist gestorben, und das ist das Ende der Geschichte.“
Henrietta sah Ralph an. „Das meinst du doch nicht ernst.“
Er lächelte. „Du weißt, dass ich das nicht tue. Und deshalb setzen wir unsere Ermittlungen fort.“
Erleichterung durchströmte sie. Die Polizei konnte den Fall ja zu den Akten legen, aber sie würde auf eigene Gefahr weitermachen. Es steckte eindeutig mehr dahinter, und Henrietta würde nicht eher ruhen, bis sie herausgefunden hatte, was es war.
***
„Bist du sicher, dass du ihn zum Reden bringst?“, fragte Ralph und betrachtete das imposante dreistöckige Haus, das sich vor ihnen erhob.
„Ziemlich sicher.“
„Und woher kennst du den Kerl noch mal?“
„Wir waren mal zusammen.“ Überrascht bemerkte Henrietta, wie ihr die Röte in die Wangen stieg.
„Moment mal, ihr wart ein Paar?“
Sie spürte Ralphs Blick auf sich und nestelte an ihren Schlüsseln herum. „Es war nichts Ernstes. Er ist einfach ein netter Kerl und … es ist lange her.“
„Jaja, sicher“, murrte Ralph wenig überzeugt.
„Können wir?“ Sie stieg aus und ging auf das Anwesen zu.
Am Tag zuvor hatte sie das Haus der Alastairs nicht mit Everett Alastair in Verbindung gebracht, dem Mann, mit dem sie vor ein paar Jahren eine kurze Beziehung führte. Trotz seiner Attraktivität, seiner Eloquenz und seines Charmes hatte er etwas an sich, das sie störte; etwas, das sie nicht genau benennen konnte, ihr aber so unangenehm war, dass sie die Beziehung nach nur wenigen Monaten beendete.
Dass sie nun vor seinem großen Haus stand und hoffte, mit ihm über den Diebstahl sprechen zu können, erschien ihr wie ein seltsamer Wink des Schicksals. Wie würde er wohl reagieren, wenn sie plötzlich bei ihm auftauchte, obwohl sie bisher nur einmal hier gewesen war.
„Geht’s dir gut, Henri?“, fragte Ralph.
„Alles bestens“, antwortete sie und zwang sich zu einem Lächeln. Sie würde die Sache möglichst reibungslos über die Bühne bringen. „Lass mich einfach reden.“
„Kein Ding“, sagte Ralph mit einem Anflug von Humor.
Sie ignorierte ihn, als sie sich der Haustür näherten und klingelten. Ein nervöses Kribbeln lief ihr durch den Magen, aber sie schob es beiseite. Dies war ein Geschäft, kein Vergnügen. Schließlich hatte sie keine Verabredung mit ihm, sondern Fragen zum Einbruch in sein Haus.
Alle logischen Gedanken lösten sich in Luft auf, als er die Tür öffnete und in lässigen Jeans und einem karierten Flanellhemd mit hochgekrempelten Ärmeln vor ihr stand. Sein grau meliertes Haar und die charmanten Fältchen um seine Augen erinnerten sie daran, warum sie seine Einladung zum Dinner damals überhaupt angenommen hatte.
„Hallo, Everett“, begrüßte sie ihn.
„Henrietta? Was machst du denn hier?“ Sein Blick flackerte zu Ralph hinüber, blieb dann aber wieder fest an ihr haften.
„Wir haben ein paar Fragen wegen des Einbruchs.“
„Einbruch …“ Er runzelte die Stirn.
„Hallo, ich bin Ralph Gershwin, Privatermittler. Das ist meine Partnerin Henrietta Hewitt, die Sie bereits kennen. Wir untersuchen die jüngsten Diebstähle in der Nachbarschaft. Dürfen wir Ihnen vielleicht ein paar Fragen stellen?“
„Untersuchen?“ Everett drehte sich zu ihr um. „Du … ermittelst?“
„Ich …“ Sie sah Ralph an, dann wieder Everett. „Ich … Ja.“
„Ich wusste gar nicht, dass du in die Detektivarbeit eingestiegen bist.“ Er gluckste und trat einen Schritt zurück. „Tretet ein, tretet ein. Ich stehe selbstverständlich zu eurer Verfügung.“
Sie gingen in ein stilvolles, modern eingerichtetes Wohnzimmer und weiter durch eine breite Tür in eine elegante Küche. Diese war ebenfalls modern, mit klassischen Accessoires und einem Hauch von Luxus, ohne aufdringlich zu wirken.
„Bitte nehmt Platz.“
Sie setzten sich an einen kleinen Küchentisch am Fenster mit Blick auf das Meer. Es war eine atemberaubende Aussicht, für die viele töten würden. Töten … Henrietta erschauderte bei ihrer unglücklichen Wortwahl.
„Möchte jemand etwas trinken?“
„Haben Sie Kaffee?“
„Nein, danke.“
Ralph und Henrietta sprachen gleichzeitig und sie warf ihm einen kurzen Blick zu. Sie brauchten keine Erfrischung.
„Doch, natürlich. Alles in Ordnung?“
„Alles gut. Ich nehme meinen schwarz“, sagte Ralph grinsend.
„Für mich nichts“, erwiderte sie, während Everett seinen durchdringenden Blick auf sie richtete.
„Einen Moment bitte.“ Er ging in die hintere Ecke der Küche und Ralph beugte sich vor.
„Sag mal, wie willst du das eigentlich angehen?“
„Angehen … wovon redest du?“
„Du weißt schon. Wie genau willst du den Kerl zum Reden bringen?“ Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf Everett.
„Du stellst ihm Fragen und er antwortet. So einfach ist das.“
„Ja, aber …“
„Ich versichere Ihnen“, sagte Everett und stellte eine dampfende Tasse frischen Kaffee vor Ralph hin, „jede Frage ehrlich zu beantworten.“
Henrietta war sich nicht sicher, aber Ralph schien zu erröten.
„Gut, also …“ Ralph rieb sich über den Nacken. „Können Sie uns sagen, was genau passiert ist?“
„Nicht wirklich, ich war geschäftlich in Kanada.“
Henrietta erinnerte sich an Mrs. Mercury, die mit ihrem Mann eine Nacht in Kanada verbracht hatte. Könnte das wichtig sein? Everett fuhr fort und sie konzentrierte sich wieder auf seine Worte.
„Außer meinem Sohn wusste niemand davon, aber …“
„Wie heißt Ihr Sohn?“, fragte Ralph.
„Preston.“
„Wohnt er hier?“
„Ja, das tut er. Jedenfalls ist Preston in der fraglichen Nacht mit Freunden um die Häuser gezogen. Leider wurden viele wertvolle Sachen gestohlen. Aber meinen Safe haben sie nicht geknackt.“ Er sah selbstgefällig aus, was Ralph nicht entging.
„Und warum, glauben Sie, ist das so?“
„Es ist ein biometrisches System.“
„Ah, verstehe. Das erschwert die Sache.“
„Ja, ich habe weder Kosten noch Mühen gescheut, um das zu schützen, was mir am wichtigsten ist.“ Everetts Blick verweilte kurz auf Henrietta, bevor er aus dem Fenster sah.
„Also, worum geht es? Kunst? Wertgegenstände? Schmuck?“
„Nicht viel, um ehrlich zu sein. Ich bin vorsichtig.“
Zu vorsichtig, dachte Henrietta. Sie erinnerte sich daran, wie besitzergreifend Everett gewesen war. Er hatte sich überfürsorglich gegeben, aber sie kannte ihn von einer anderen Seite.
„Was ist dann passiert?“, fragte Ralph.
„Eigentlich nicht viel. Ich habe es gemeldet, meinen Versicherungsanspruch geltend gemacht und dafür gesorgt, dass mein Sicherheitssystem intakt ist.“
„Was ist das für ein System?“, fragte Henrietta.
„Ich bin bei Einstein Security. Und das schon seit Jahren.“
Henrietta erinnerte sich an die Schilder an den anderen Häusern: ABP Security. Seltsam, dass es hier anders war. Das könnte ihre Theorie über den Haufen werfen, dass der Sicherheitsservice hinter den Diebstählen steckte.
„Eine Frage noch.“ Ralph nippte an seinem Kaffee und lehnte sich vor. „Ist Ihnen in den Wochen vor dem Diebstahl etwas Ungewöhnliches aufgefallen?“
„Ungewöhnlich? Etwa Leute, die draußen herumlungerten oder so?“
„Nein …“ Ralph wedelte mit der Hand. „Eher unverschlossene Türen oder Dinge, die herumgeschoben wurden?“
„Also ein Einbruch vor dem eigentlichen Einbruch?“
„So kann man’s auch nennen“, sagte Ralph.
„Nein, nichts dergleichen. Wie gesagt, ich verlasse mich auf meinen Sicherheitsservice und bezahle ein hübsches Sümmchen, damit nichts passiert.“ Er verzog das Gesicht, als wäre ihm die Ironie bewusst geworden. „Er war wunderbar“, beendete er lahm.
„Klar. Ein Diebstahl ist wohl der beste Beweis für ‚wunderbaren Service‘, oder?“, bemerkte Ralph und malte Anführungszeichen in die Luft.
„Ralph!“, stieß Henrietta aus, aber Everett kicherte nur.
„Er hat wohl recht. Ich … verrate euch etwas, das nur die Sicherheitsfirma weiß.“
Henrietta spürte, wie ihr Puls bei dem Gedanken an Insiderinformationen schneller schlug. „Und das wäre?“
„Dass mein Sohn nicht der verantwortungsvollste Mensch ist.“ Er verzog das Gesicht.
„Heißt das, er hat die Alarmanlage einfach nicht aktiviert?“, fragte Ralph.
Everett nickte. „Er hat es praktisch zugegeben, es ist ihm natürlich peinlich. Er ist manchmal vergesslich oder abgelenkt.“
Henrietta lehnte sich zurück und sah nachdenklich aus dem Fenster. Everetts geliebter Sohn Preston könnte also der Auslöser für den Einbruch in das erste Haus gewesen sein. Hatte er damit weitere Einbrüche provoziert? Hatte er den Dieben gezeigt, wie leicht man in diese Gemeinde eindringen konnte? Diesen Gedanken verwarf sie sofort wieder. Die Täter hatten sicher nicht spontan gehandelt. Viele Fragen blieben offen.
Was unterschied den ersten Raub von den anderen? Lag es nur am biometrischen Tresor? Oder gab es andere Gründe? Auf jeden Fall mussten sie noch einiges herausfinden.